Viktor Heinz – In der Sackgasse

Der Hochschuldozent Willi Werner wird für eine unbestimmte Zeit in ein Moskauer Krankenhaus verlegt. Er muss das Bett hüten und findet endlich die Muße, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Währenddessen verändert vor den Fenstern die Perestroika alles, was er bisher gekannt hat.

Der Roman erzählt nicht nur das typische Schicksal eines Russlanddeutschen der Kriegs- und Nachkriegszeit in der Sowjetunion, sondern spiegelt auch die Literatur der Deutschen in Russland in den 60ger und 70ger Jahren wieder. Denn der Protagonist studiert Germanistik (wie der Autor seinerzeit) bei dem charismatischen Victor Klein am pädagogischen Institut in Nowosibirsk, trifft auf Autoren wie Sepp Österreicher und lernt bei einer Recherchearbeit den kauzigen Sprachforscher Andreas Dulson kennen. Diese Männer hat es auch in Wirklichkeit gegeben und sie waren wegweisend für die Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur in der Sowjetunion. Heinz‘ Figur schreibt selbst, publiziert in den damals regelmäßig erscheinenden deutschen Wochenblättern Neues Leben und Rote Fahne. Desweiteren macht Willi Werner Bekanntschaft mit KGB-Beschattern und Denunzianten und erlebt wie ein Studienfreund auf undurchsichtige Weise ums Leben kommt, weil er an einem Manuskript arbeitet, in dem es Stellen gibt, die „eine Zeitung oder ein Verlag wohl kaum drucken würden“ und die man „verschleiern und verschlüsseln [müsste], damit es nicht so augenfällig ist…“ S 191

Der Freund verschwindet bei einem Fest und wird nach Tagen mit zerschlagenem Gesicht aus dem Irtysch gezogen. Ein Szenario, das nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist. Nach Jahren des kompletten Schweigens in der russlanddeutschen Literatur waren die ersten Veröffentlichungen auf Deutsch ab 1957 eher unverfänglich. Naturbeschreibungen und dem Regime genehme pro-sozialistische Prosa. Werke, die das Erleben in der Verbannung und im Gulag zum Thema hatten, wurden untersagt und als nationalistisch gebrandmarkt. Wenn es sie gab, wurden sie nicht gedruckt. Einige der Manuskripte sind wirklich verschollen.

Die wohl stärksten Passagen des Romans beschreiben die Kindheit des Protagonisten in Sibirien. Willi und seine Geschwister wachsen bei der Großmutter auf, weil beide Eltern verhaftet und in die Trudarmia (Arbeitsarmee) eingezogen werden. Auch Stalins Tod ist ein neuralgischer Punkt und darf in diesem Buch nicht fehlen. So wie wir uns die Frage beantworten können, was wir am 11. September 2001 gemacht haben, so erinnern sich alle in Russland lebenden Menschen an den 5. März des Jahres 1953.
In der kleinen Stube, die gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche dient, steht ein Tisch[…], über dem in einem großen Rahmen ohne Glas ein bild von Stalin hängt […]
Unter diesem „Heiligenbild“ macht Willi nun seine Hausaufgaben. Sein Vater tritt auf leisen Sohlen an den Tisch heran, beugt sich über Willis Aufgabenhefte, greift mit zitternden Händen nach dem Rahmen und nimmt das Bild herunter. In seinem Gesicht steht leichte Erregung und beklemmende Angst geschrieben.

Wohin wollt Ihr‘s* hänge? Willi lässt nicht mal den Gedanken zu, dass man das Porträt einfach zum alten Eisen werfen könnte. Ihr wollt‘s doch net rausschmeiße?

Bei den letzten Worten zuckt der Vater zusammen und seine Stimme klingt rauh: Was fällt dir ein?! Es kommt in die Abstellkammer. Sag‘s aber keinem weiter! S 21


*russlanddeutsche Kinder haben damals die Eltern respektvoll mit ‚Ihr‘ angesprochen

Dieses russische Sackgassen-Schild wirkt irgendwie wie … Hammer und Hammer!

Ein Straßenschild und die pathetische Namensgebung der sozialistischen Nomenklatur hat den Autor zu dem Titel des Romans inspiriert: Die rückständigsten Kolchosen bekamen den Namen Morgenrot des Kommunismus oder Roter Sonnenaufgang. Die enge verwahrloste Straße im schmutzigsten Winkel der Großstadt hieß – man sage und staune! -Sackgasse des Kommunismus. Hatte der Mann, dem sowas eingefallen war, nur eine überschwengliche Phantasie gehabt oder war es ein Hellseher? S 8

Manche russische Straßen heißen wirklich statt Gasse oder Allee einfach Sackgasse, also Tupik. Nur am Rande, aber das hat Streetartkünstler Jahre später zu folgenden Umsetzungen verleitet:

Sackgasse der Zivilisation. Eine Streetart in einer russischen Stadt.

oder:

Sackgasse der Evolution. Scheint sogar das gleiche Haus zu sein…

Mir ist an der Sprache von Viktor Heinz etwas aufgefallen. Er verwendet nicht nur in diesem Buch oft Floskeln, scheinbare Worthülsen, die hier aufgewachsene Schreibende tunlichst vermeiden würden. Selbst in Dialogen.

Spucks schon aus… Bin gespannt wie ein Flitzebogen… verflixt und zugenäht… Wer die Wahl hat, hat die Qual…

Hier herrscht aber ein ganz anderer Kontext vor. Stellen wir uns vor, jemand ist weit ab von seiner Muttersprache aufgewachsen. Er lernt sie als Dialekt bei der Oma und später an der Uni kennen und schätzen. Er ist verliebt in Redewendungen wie Schlawiner oder sich den blauen Dunst vormachen. Für ihn sind das keine abgedroschenen Klischees, sondern Sahnebonbons. Es ist seine Liebeserklärung an die Bildhaftigkeit der deutschen Sprache. Seine Minne. Wir dagegen stolpern erstmal drüber. Außerdem tauchen an einige Stellen Russizismen auf:

… und steht nun vor dem Bücherberg wie die Kuh vor dem neuen Tor. S 170

Den Schlawiner sieht man Viktor Heinz glatt an…

Viktor Heinz schrieb das Buch 1996 als er bereits vier Jahre im Westen lebte. Er ist Mitbegründer des Literaturkreises der Deutschen aus Russland und hat neben Gedichten und Prosa auch ein Buch über die Mundarten der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion herausgegeben. Er hat viele Autoren und Autorinnen ermuntert zu schreiben, hat ihre Werke aus dem Russischen übersetzt und ist so etwas wie der Vater der russlanddeutschen Literatur hier in Deutschland. Heinz starb im Juni 2013.

Der Roman In der Sackgasse, Aufzeichnungen eines Außenseiters in Rußland wurde von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland als Taschenbuch verlegt und ist für 13,- Euro plus Versand über den Vereinsshop zu beziehen. Es kursieren aber auch antiquarische Exemplare, die weit mehr kosten. In den Buchhandlungen oder den Bibliotheken sucht man seine Werke eher vergebens. Das ist mehr als schade.

 

Advertisements

Jahrbuch mit Käfer – literarische Sammlung 2015/16

Frisch erschienen und auf der Leipziger Buchmesse bereits vorgestellt: der neue Almanach des russland-deutschen Literaturkreises mit dem wahrhaft biblischen Titel: Das (hoch)-gelobte Land. Und in der Mitte irgendwo befindet sich eine Geschichte von mir, die sogar namensgebend für diesen Blog war, nämlich ‚Die Scherbensammlerin‚.

Mehr dazu hier im offiziellen Pressetext:

 

Im März dieses Jahres erschien im Anthea Verlag eine Anthologie, die seit 1995 in fast regelmäßiger Folge vom Literaturkreis der Deutschen aus Russland herausgegeben wird. Werke von mehr als zwanzig Autoren und Autorinnen sind diesmal versammelt – darunter […]

über Der neue Literaturalmanach ist erschienen — Russische Musik- und Kulturnews

In der Heimat. Im Exil

Von der Problematik russisch-schreibender Autoren in Deutschland.

So ganz anders als bei uns...
So ganz anders als bei uns…

Sprache ist Heimat. Wenn ich jetzt aus klimatechnischen Gründen in die Hochebene der Anden auswandern müsste, würde ich mit meinem Rudiment-Spanisch vielleicht gerade mal, una tortilla, por favor, bestellen oder in der Zeitung, in die sie eingewickelt ist, einen kleinen Artikel über Drogenschmuggel lesen können. Ich wäre jedoch wäre weit davon entfernt, auf dem gleichen Niveau spanische Texte zu verfassen, wie ich es auf Deutsch gewohnt bin. Und ich meine damit nicht meine Flüchtigkeitsfehler.

Bei diversen Veranstaltungen der letzten Wochen habe ich russlanddeutsche Autoren kennengelernt, die auf Deutsch Gedichte und Prosa verfassen oder nur auf Russisch oder mal so mal so. Eigentlich wird Bilingualität als Plus oder Mehrwert angesehen. Aber im Fall der Autoren, die mit diesem Hintergrund in Deutschland in russischer Sprache schreiben, ist es leider anders. Sie finden kein Publikum.

Neulich sagte jemand zu mir, russlanddeutsche Literatur kann es nicht geben. Entweder jemand schreibt auf Deutsch, für ein deutsches Publikum und dann ist er ein deutscher Autor. Oder er schreibt auf Russisch für ein russisches Publikum und dann ist er ein russischer Autor.

Damit wäre zwar jedes Problem ausgeräumt, aber diese Sätze stellen das Ganze doch sehr verkürzt dar. Die Sachlage gestaltet sich bedauerlicherweise etwas komplexer.
Irgendwie habe ich den Eindruck, dass viele Russlanddeutsche sich in der Pflicht sehen, zu beweisen, wie deutsch sie nach Generationen in Russland noch sind. Hauptsächlich sich selbst. Und deshalb alles Russische verpönt ist. Zumindest bei einigen.

Möglich, dass es deshalb so selten vorkommt, dass Autoren aus ihrer Mitte öffentliche Lesungen in russischer Sprachen zelebrieren dürfen. Oder es liegt daran, dass solche Lesungen nicht beim deutschen Publikum ankommen? Aber bei allen Lesungen von russlanddeutschen Autoren, an denen ich teilgenommen habe, waren kaum Einheimische anwesend. Vom dem seinen guten Willen zeigenden Politiker und dem Tontechniker fürs Mikro mal abgesehen. Und fast allen anderen aus dem Publikum ist die russische Sprache geläufig. Sollte man zumindest annehmen. Außerdem wäre es doch möglich, einen Schauspieler dahin zu setzen, der für die in diesem Land Geborenen die deutsche Übersetzung liest.

Doch Hand aufs Herz:
Wenn jemand sagt, du, da ist ein brasilianischer Autor, der liest über den Karneval und die Candomble-Magie. Allerdings auf Portugiesisch, gehen wir hin? Oder, du, da ist ein russlanddeutscher Autor, der liest heute in russischer Sprache über die Verbannung in Sibirien und die Schulzeit unter Breshnew. Wo zieht es dich eher hin?

Egal auf welcher Sprache geschrieben und vorgelesen, da kommt noch die Unattraktivität all dessen dazu, das mit dem Begriff des Spätaussiedlertums zu tun hat. Irgendwie ist Samba und weiße Magie sehr viel sexier als Zwangsarbeit und weiße Haarbänder am Einschulungstag.

Da vermischt sich einiges, merke ich. Hab mich verrannt. Liegt es also doch nicht an der russischen Sprache? Ich habe keine Lösung dafür. Ich sehe nur, wie sich die Autoren in einer scheinbaren Pattsituation befinden, in einem paradoxen Exil. Kreativität will doch raus, Gedichte, Geschichten wollen geschrieben werden und fragen zunächst nicht nach der Mundart. Aber es ist schon tragisch, dass diese Erzeugnisse in beiden Ländern ungehört und ungelesen bleiben.

Und ich finde nicht, dass die Lösung wäre, ihnen entgegen zu brüllen: Lern doch erst mal Deutsch! Es gibt doch Zeitungen speziell für Aussiedler, die hauptsächlich auf russisch geschrieben werden. Wie die Neue Semljaki zum Beispiel. Auch im Netz.

Das zeugt von einem einem schizophrenen Verhältnis dieser Szene zur russischen Kultur und Sprache. Einerseits geht das im Kindheitsalter erlernte schneller, kommt leichter von der Zunge. Andererseits will man zeigen, dass man gut integriert ist.

Oder stimmt das Vorurteil doch, dass Russlanddeutsche keine Romane lesen? Und Gedichte schon mal gar nicht. Das kann ich nicht glauben, wenn ich keine wissenschaftliche Untersuchung dazu vor Augen habe. Außerdem, wer sagt, dass die Erzeugnisse russlanddeutscher Autoren nur fürs ebenso russlanddeutsche Publikum gedacht seien?

Dann liegt es wohl an der mangelnden PR?

In einem früheren Beitrag habe ich geschrieben, dass es kein Portal für russlanddeutsche Literatur mehr gibt. Falsch. Seit dem 1. Juli dieses Jahres kann man auf www.rd-autoren.de Autorenportraits und Ausschnitte aus Werken nachlesen. Bislang besteht diese Seite allerdings fast nur aus Beiträgen in russischer Sprache.

Die Initiatorin des Portals, Antonina Schneider-Stremjakowa findet es bedauerlich, dass sie keine bilinguale Seite anbieten kann. Sie sei erst in einem fortgeschrittenen Alter nach Deutschland gekommen und sehe sich eher als Trägerin der russischen Sprache. Neulich hat die Autorin einen Aufruf gestartet und um Unterstützung für die deutschsprachige Seite ihres Vorhabens gebeten.

In ihrem flammenden Appell schreibt sie unter anderem:

Литература Мира многонациональна: немецкая, английская, французская, казахская, еврейская и даже калмыцкая – не было и нет лишь литературы российских немцев, потому как официально не было и нет такого народа. А он был и есть – жаль, к нему относились чаще всего, как к людям второго сорта, хотя он всегда любил и считал своей Родиной обе страны – Россию и Германию.

Ich übersetze:

Die Weltliteratur ist vielnational: deutsch, englisch, französisch, kasachisch, jüdisch und sogar kalmykisch – es gab bloß nie und gibt bis heute keine Literatur der Russlanddeutschen, weil es dieses Volk offiziell nicht gibt und nie gegeben hat. Jedoch gibt es dieses Volk sehr wohl – nur schade, dass seine Mitglieder vor allem als Menschen zweiter Klasse angesehen werden, obwohl sie immer beide Länder geliebt und als Heimat betrachtet haben – Russland und Deutschland.

Ich würde nicht soweit gehen, zu behaupten, dass es die Russlanddeutschen offiziell nicht gab und nicht gibt. Sie rücken nur selten in den Fokus. Werden stets unter ferner liefen gehandelt. Auch in Russland mussten sie irgendwo gelistet worden sein, sonst wären in der Stalinzeit nicht so viele von ihnen abgeholt und hingerichtet worden. Aber ich verstehe schon, wie sie es meint.

Es bleibt die Frage, weshalb sich ihre Bücher bisher auf dem deutschen Markt nicht durchsetzen konnten. Ich komme immer wieder an den gleichen Punkt.

Ist es wirklich die fehlende Homogenität? Wenn es allein mehrere Sprachen gibt, in denen sie geschrieben sind?

Oder doch die Qualität des Geschriebenen? Aber die Gedichte sind toll! Leider oft unübersetzbar. Höchstens eine Nachdichtung ist möglich. Und die Romane? Einige Längen und komplizierte Sätze und Sachverhalte würde ein fähiger Lektor und eine fähige Lektorin doch schnell ausbügeln können. Leider finden sie, bis auf einige Ausnahmen, keinen Verlag.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt darauf, welche Resonanz Frau Schneider-Stremjakowas offener Brief erhält und ob das Portal Zustimmung und Zuwendungen – auch von offizieller Seite – erfahren wird.

Ist es nicht faszinierend, dass die uralten Gräben und Trennungen sich bis in die Literatur auswirken? Obwohl. Das ist nicht wirklich verwunderlich. Wo sollen sich diese Diskrepanzen deutlicher zeigen als auf diesem Gebiet? Das unterdrückte, verlernte Deutsch der Väter. Das neuerworbene, literarische Russisch und die damit alle mitschwingende Kultur. Die Anpassung an ein sprachlich und soziokulturell neues Land. Auf dem Feld des literarischen Schreibens treffen sie alle aufeinander. Sprache ist Heimat. Und der Kampf der Heimaten wird eben hier ausgetragen und findet seinen Ausdruck in eben dieser Kunstform. Russisch-deutsche Literatur. Allein das Adjektiv verheißt bilaterale Spannungen, oder?