Jahrbuch mit Käfer – literarische Sammlung 2015/16

Frisch erschienen und auf der Leipziger Buchmesse bereits vorgestellt: der neue Almanach des russland-deutschen Literaturkreises mit dem wahrhaft biblischen Titel: Das (hoch)-gelobte Land. Und in der Mitte irgendwo befindet sich eine Geschichte von mir, die sogar namensgebend für diesen Blog war, nämlich ‚Die Scherbensammlerin‚.

Mehr dazu hier im offiziellen Pressetext:

 

Im März dieses Jahres erschien im Anthea Verlag eine Anthologie, die seit 1995 in fast regelmäßiger Folge vom Literaturkreis der Deutschen aus Russland herausgegeben wird. Werke von mehr als zwanzig Autoren und Autorinnen sind diesmal versammelt – darunter […]

über Der neue Literaturalmanach ist erschienen — Russische Musik- und Kulturnews

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In der Heimat. Im Exil

Von der Problematik russisch-schreibender Autoren in Deutschland.

So ganz anders als bei uns...
So ganz anders als bei uns…

Sprache ist Heimat. Wenn ich jetzt aus klimatechnischen Gründen in die Hochebene der Anden auswandern müsste, würde ich mit meinem Rudiment-Spanisch vielleicht gerade mal, una tortilla, por favor, bestellen oder in der Zeitung, in die sie eingewickelt ist, einen kleinen Artikel über Drogenschmuggel lesen können. Ich wäre jedoch wäre weit davon entfernt, auf dem gleichen Niveau spanische Texte zu verfassen, wie ich es auf Deutsch gewohnt bin. Und ich meine damit nicht meine Flüchtigkeitsfehler.

Bei diversen Veranstaltungen der letzten Wochen habe ich russlanddeutsche Autoren kennengelernt, die auf Deutsch Gedichte und Prosa verfassen oder nur auf Russisch oder mal so mal so. Eigentlich wird Bilingualität als Plus oder Mehrwert angesehen. Aber im Fall der Autoren, die mit diesem Hintergrund in Deutschland in russischer Sprache schreiben, ist es leider anders. Sie finden kein Publikum.

Neulich sagte jemand zu mir, russlanddeutsche Literatur kann es nicht geben. Entweder jemand schreibt auf Deutsch, für ein deutsches Publikum und dann ist er ein deutscher Autor. Oder er schreibt auf Russisch für ein russisches Publikum und dann ist er ein russischer Autor.

Damit wäre zwar jedes Problem ausgeräumt, aber diese Sätze stellen das Ganze doch sehr verkürzt dar. Die Sachlage gestaltet sich bedauerlicherweise etwas komplexer.
Irgendwie habe ich den Eindruck, dass viele Russlanddeutsche sich in der Pflicht sehen, zu beweisen, wie deutsch sie nach Generationen in Russland noch sind. Hauptsächlich sich selbst. Und deshalb alles Russische verpönt ist. Zumindest bei einigen.

Möglich, dass es deshalb so selten vorkommt, dass Autoren aus ihrer Mitte öffentliche Lesungen in russischer Sprachen zelebrieren dürfen. Oder es liegt daran, dass solche Lesungen nicht beim deutschen Publikum ankommen? Aber bei allen Lesungen von russlanddeutschen Autoren, an denen ich teilgenommen habe, waren kaum Einheimische anwesend. Vom dem seinen guten Willen zeigenden Politiker und dem Tontechniker fürs Mikro mal abgesehen. Und fast allen anderen aus dem Publikum ist die russische Sprache geläufig. Sollte man zumindest annehmen. Außerdem wäre es doch möglich, einen Schauspieler dahin zu setzen, der für die in diesem Land Geborenen die deutsche Übersetzung liest.

Doch Hand aufs Herz:
Wenn jemand sagt, du, da ist ein brasilianischer Autor, der liest über den Karneval und die Candomble-Magie. Allerdings auf Portugiesisch, gehen wir hin? Oder, du, da ist ein russlanddeutscher Autor, der liest heute in russischer Sprache über die Verbannung in Sibirien und die Schulzeit unter Breshnew. Wo zieht es dich eher hin?

Egal auf welcher Sprache geschrieben und vorgelesen, da kommt noch die Unattraktivität all dessen dazu, das mit dem Begriff des Spätaussiedlertums zu tun hat. Irgendwie ist Samba und weiße Magie sehr viel sexier als Zwangsarbeit und weiße Haarbänder am Einschulungstag.

Da vermischt sich einiges, merke ich. Hab mich verrannt. Liegt es also doch nicht an der russischen Sprache? Ich habe keine Lösung dafür. Ich sehe nur, wie sich die Autoren in einer scheinbaren Pattsituation befinden, in einem paradoxen Exil. Kreativität will doch raus, Gedichte, Geschichten wollen geschrieben werden und fragen zunächst nicht nach der Mundart. Aber es ist schon tragisch, dass diese Erzeugnisse in beiden Ländern ungehört und ungelesen bleiben.

Und ich finde nicht, dass die Lösung wäre, ihnen entgegen zu brüllen: Lern doch erst mal Deutsch! Es gibt doch Zeitungen speziell für Aussiedler, die hauptsächlich auf russisch geschrieben werden. Wie die Neue Semljaki zum Beispiel. Auch im Netz.

Das zeugt von einem einem schizophrenen Verhältnis dieser Szene zur russischen Kultur und Sprache. Einerseits geht das im Kindheitsalter erlernte schneller, kommt leichter von der Zunge. Andererseits will man zeigen, dass man gut integriert ist.

Oder stimmt das Vorurteil doch, dass Russlanddeutsche keine Romane lesen? Und Gedichte schon mal gar nicht. Das kann ich nicht glauben, wenn ich keine wissenschaftliche Untersuchung dazu vor Augen habe. Außerdem, wer sagt, dass die Erzeugnisse russlanddeutscher Autoren nur fürs ebenso russlanddeutsche Publikum gedacht seien?

Dann liegt es wohl an der mangelnden PR?

In einem früheren Beitrag habe ich geschrieben, dass es kein Portal für russlanddeutsche Literatur mehr gibt. Falsch. Seit dem 1. Juli dieses Jahres kann man auf www.rd-autoren.de Autorenportraits und Ausschnitte aus Werken nachlesen. Bislang besteht diese Seite allerdings fast nur aus Beiträgen in russischer Sprache.

Die Initiatorin des Portals, Antonina Schneider-Stremjakowa findet es bedauerlich, dass sie keine bilinguale Seite anbieten kann. Sie sei erst in einem fortgeschrittenen Alter nach Deutschland gekommen und sehe sich eher als Trägerin der russischen Sprache. Neulich hat die Autorin einen Aufruf gestartet und um Unterstützung für die deutschsprachige Seite ihres Vorhabens gebeten.

In ihrem flammenden Appell schreibt sie unter anderem:

Литература Мира многонациональна: немецкая, английская, французская, казахская, еврейская и даже калмыцкая – не было и нет лишь литературы российских немцев, потому как официально не было и нет такого народа. А он был и есть – жаль, к нему относились чаще всего, как к людям второго сорта, хотя он всегда любил и считал своей Родиной обе страны – Россию и Германию.

Ich übersetze:

Die Weltliteratur ist vielnational: deutsch, englisch, französisch, kasachisch, jüdisch und sogar kalmykisch – es gab bloß nie und gibt bis heute keine Literatur der Russlanddeutschen, weil es dieses Volk offiziell nicht gibt und nie gegeben hat. Jedoch gibt es dieses Volk sehr wohl – nur schade, dass seine Mitglieder vor allem als Menschen zweiter Klasse angesehen werden, obwohl sie immer beide Länder geliebt und als Heimat betrachtet haben – Russland und Deutschland.

Ich würde nicht soweit gehen, zu behaupten, dass es die Russlanddeutschen offiziell nicht gab und nicht gibt. Sie rücken nur selten in den Fokus. Werden stets unter ferner liefen gehandelt. Auch in Russland mussten sie irgendwo gelistet worden sein, sonst wären in der Stalinzeit nicht so viele von ihnen abgeholt und hingerichtet worden. Aber ich verstehe schon, wie sie es meint.

Es bleibt die Frage, weshalb sich ihre Bücher bisher auf dem deutschen Markt nicht durchsetzen konnten. Ich komme immer wieder an den gleichen Punkt.

Ist es wirklich die fehlende Homogenität? Wenn es allein mehrere Sprachen gibt, in denen sie geschrieben sind?

Oder doch die Qualität des Geschriebenen? Aber die Gedichte sind toll! Leider oft unübersetzbar. Höchstens eine Nachdichtung ist möglich. Und die Romane? Einige Längen und komplizierte Sätze und Sachverhalte würde ein fähiger Lektor und eine fähige Lektorin doch schnell ausbügeln können. Leider finden sie, bis auf einige Ausnahmen, keinen Verlag.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt darauf, welche Resonanz Frau Schneider-Stremjakowas offener Brief erhält und ob das Portal Zustimmung und Zuwendungen – auch von offizieller Seite – erfahren wird.

Ist es nicht faszinierend, dass die uralten Gräben und Trennungen sich bis in die Literatur auswirken? Obwohl. Das ist nicht wirklich verwunderlich. Wo sollen sich diese Diskrepanzen deutlicher zeigen als auf diesem Gebiet? Das unterdrückte, verlernte Deutsch der Väter. Das neuerworbene, literarische Russisch und die damit alle mitschwingende Kultur. Die Anpassung an ein sprachlich und soziokulturell neues Land. Auf dem Feld des literarischen Schreibens treffen sie alle aufeinander. Sprache ist Heimat. Und der Kampf der Heimaten wird eben hier ausgetragen und findet seinen Ausdruck in eben dieser Kunstform. Russisch-deutsche Literatur. Allein das Adjektiv verheißt bilaterale Spannungen, oder?