Unterirdisch: das schwarze Huhn

Schnell, bevor die kalte Jahreszeit ganz entschwindet, noch ein winterliches Sujet im Film.

Anfang der Achtziger entstand ein Märchenfilm nach einem bekannten russischen Kinderbuch: Die schwarze Henne oder das unterirdische Volk.

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Die Geschichte spielt um 1790, sie handelt von einem knapp zehnjährigen Jungen, Aljöscha, der in ein Internat geschickt wird, und sogar in den Ferien da bleiben muss, weil seine Familie zu weit weg wohnt.
Er füttert die Hühner und ihm wächst ein besonders zerzaustes schwarzes Hühnchen ans Herz. Als es geschlachtet werden soll, rettet Aljöscha ihm das Leben. In der folgenden Nacht erscheint ihm das Huhn im Traum und entführt ihn in eine unterirdische Welt, eine Paralellwelt sozusagen, in der Wesen leben, nicht größer sind als ein halbes Arschin (ca. 36 cm). Zumindest im Buch, im Film haben die Schauspieler alle die normale Menschengröße. Der König der Unterirdischen bedankt sich für die Rettung und gibt dem Jungen als Belohnung ein kleines Hanfkörnchen. Dieses bewirkt, dass Aljöscha ab jetzt jede Antwort im Unterricht weiß und jeden Text auswendig kann, der jemals in einem Buch geschrieben wurde. Doch natürlich die Erfüllung dieses Wunsches an eine Bedingung geknüpft…

Das Schwarze Huhn, Film von 1980
Das Schwarze Huhn, Film von 1980

Einen kleinen Vorgeschmack darauf gibt es hier:

Der Film versetzt einen in die Zeit von Mozart und weißen gepuderten Perrücken. Aber anders als viele Historienfilme, ist die Welt, die Schule, in der Aljöscha und seine Mitschüler leben, schön durcheinander und unordentlich. Langsam erzählt und so realitätsgetreu, dass sich die Zuschauer wie Zeitreisende fühlen können. Außerdem kann der kleine Aljöscha mit seinen großen Augen gucken, dass einer ganz anders wird. Da kann der kleine Lord Fountleroy sich aber umgucken!

Es gibt auch eine Multfilm-Variante von 1975:

Bis zum Zerbersten poetisch.

Welchen Zusammenhang hat dieses Buch, hat dieser Film, abgesehen davon, dass sie in Russland zum Kulturgut gehören, zu meinen Themen? Weder ist der Autor ein Deutscher aus Russland, noch handelt das Buch davon.

Nein.

Aber.

Aleksej Perowskij, der unter dem Pseudonym Pogorelskij schrieb, hat 1813 im Krieg gegen Napoleon teilgenommen und kam so nach Dresden, wo er an die zwei Jahre lebte. In dieser Zeit hat er auch die deutschen Romantiker schätzen gelernt. Allen voran E.T.A. Hoffmann, der sein literarisches Werk und auch dieses phantastische Märchen beeinflusst hat. Also läuft meine Suche eher unter deutsche Spuren in Russland.

Eine weitere Spur: in der Erzählung taucht ein Lehrer auf, Iwan Karlowitsch, allem Anschein nach ein Deutscher, der ständig „Mein Gott“ vor sich her murmelt und mit einem pseudodeutschen Akzent redet. (So spricht er statt W immer ein superweiches F, in dem Sinne: Fass follen Sie von mir? Felche Folke fliegt vorüber. Kannten die Monty Python? Egal.) Der Schauspieler, der den Lehrer spielt, heißt Albert Leonidowitsch Filosov. Dem Vornamen nach könnte er theoretisch deutsche Wurzeln haben. Aber das wird in den Netzen nicht erwähnt. Wie so oft.

Der Autor war ursprünglich ein Beamter im Senat, bevor er sich nach dem Tod seines Vaters auf seinem ukrainischen Gut Pogorelskij (daher der Künstlername) zur Ruhe gesetzt hat. Ab da widmete er seine Zeit dem Schreiben und der Erziehung seines Neffen und Patensohns, mit dem er unter anderem 1827 Goethe besuchte.

Er schrieb Romane in der Tradition der Romantiker, wie „Der Doppelgänger“ aber erst das 1829 veröffentlichte Märchen vom schwarzen Huhn machte ihn bekannt. Er hat es übrigens für seinen kleinen Neffen geschrieben, der später auch ein Mann der Feder wurde. Der Junge war ein Graf Tolstoj, nein nicht Lew, sondern dessen Cousin, Aleksej Konstantinowitsch.

So wundert es nicht, dass der Protagonist auf den Namen Aljöscha hört. Aljöscha ist ein Kosename für Aleksej. Das ist der echte Vorname des Autors selbst und auch der seines Neffen.

Das schwarze Huhn ist das erste Buch in russischer Sprache, dass das Sujet der Kindheit so ausführlich behandelt und somit das allererste russische Kinderbuch überhaupt. Auf Deutsch ist die Geschichte „ Die kleine schwarze Henne“ als Nacherzählung von Sybil Gräfin Schönfeldt erschienen mit vielen Illustrationen von Gennadij Spirin, der sich als Illustrator vor allem auf Kinderbücher spezialisiert hat.

Überhaupt hat die Geschichte viele tolle Zeichner angeregt:

Illustration von Gennadij Spirin
Illustration von Gennadij Spirin
Illustration: Wiktor Piwowarow
Illustration: Wiktor Piwowarow
Auch Wiktor Piwowarow
Auch von Wiktor Piwowarow illustriert

Doppeltes Filmfeuerwerk

Als würden sie miteinander konkurrieren, laufen fast zeitgleich Ende November zwei Filmfeste mit russischen Filmen in zwei Städten: Das 5. russisch-deutsche Filmforum in Hamburg und die russische Filmwoche in Berlin, diese schon zum elften Mal.

Das Berliner Ereignis wird gesponsert von einer namhaften russischen Energiefirma (jedenfalls wird das Unternehmen auf der Website relativ oft erwähnt, muss wohl sein Image bei uns verbessern) und bespielt gleich mehrere Austragungsorte. Eröffnet wird das Filmfest in der Hauptstadt paukenschlagartig mit dem Kriegsdrama Schlacht um Sewastopol am 25. November.

In der Hansestadt ist das Event unter dem Titel Kinohafen im Metropoliskino etwas komprimierter gehalten, jedoch mit ebenso aktuellen und packenden Filmen. In Berlin  laufen zumeist Produktionen aus den Jahren 2015 und 2014. Der einzig ältere Film Luna Papa, aber er wird außer Konkurrenz als Rahmenprogramm am letzten Tag, dem 2. Dezember gezeigt. In Hamburg dagegen können sich Liebhaber des russischen Films mehrere ältere Streifen ansehen, wie zum Beispiel das musikalische Melodram Feuerpferde von 1964 oder Die Farbe des Granatapfels von Sergej Paradschanow aus dem Jahr 1968.

Zwei Filme werden auf beiden Festen gezeigt: Orleans, eine bunt- trashige Tragikommödie des Regisseurs Andrej Proschkin und  der kontrovers diskutierte Film Liebster Hans, bester Pjotr von Alexander Minadndse, der während der Hamburger Filmfestspiele im September seine Deutschlandpremiere feierte und den ich bereits früher hier vorgestellt habe. Jeweils ein Tag wird bei beiden Veranstaltungen für Kurzfilme reserviert.

Aber sehen Sie selbst!

Für alle, die in der einen oder der anderen Stadt sein werden oder Filmwochenhopping machen wollen, hier die beiden Links:

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http://www.hamburger-kinoforum.de/

 

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http://www.russische-filmwoche.de/

Alle gezeigten Filme und Informationen werden auf deutsch und russisch vorgestellt.

Liebst du Boogie-Woogie? Swing-Kultur in Russland

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Stiljaga Bob und ein  Swing-Mädchen am Set

Letzten Sonntag sind uns beim Schlendern durch den Park Swingtöne entgegengekommen. Und per Zufall sind wir bei der Openair-Bühne in ein Konzert der Hamburger Kombo Sun-Jon & the Big Jive geraten. Mehrere Dutzend Tänzerinnen und Tänzer haben sich neben der Bühne versammelt und zu der Musik geswingt. So richtig, so wie damals. Teilweise sogar genauso angezogen wie zwischen 1935 und 1960. Ein Retromix aus allen Stilen.

Doch anstatt mich zu freuen und die Musik zu genießen, habe ich nur gemurmelt: Vor siebzig Jahren bist du für sowas noch eingebuchtet worden. Mein Denken ist halt für immer verseucht, hoffnungslos.

Also zurück zum Thema:

Über die Swingjugend und die Schlurfs in Österreich wurde bereits viel geschrieben, doch die Subkultur der Stiljagi oder Стиляги,  in der Sowjetunion der Endvierziger bis Anfangsechziger Jahre ist hierzulande noch weitestgehend unbekannt.

Russische Jungs und Mädels, die statt Komsomolzen-Uniform lieber buntgemusterte Kostüme und Petticoats trugen, sich mit Eiweiß eine Tolle ins Haar schmierten und Swing, Jazz und Rock’n’Roll hörten. Halbstarke, die auf dem Schwarzmarkt ergatterte Platten eines Charly Parker oder Duke Ellington auf Röntgenfolien (sogenannte „rips“ oder Rippen) raubkopierten und sich heimlich in nächtlichen Pavillons zum Tanzen trafen.

Sie fielen nicht nur auf im sozialistisch verordneten Einheitsgrau, sie lebten auch riskant in einer Zeit, in der die Verherrlichung westlicher Kultur zu Verhaftungen und sogar Lagerhaft führen konnte. Stichwort: heimatlose Kosmopoliten! Denn dieser Lebensstil war verpönt und galt als Dekadenz pur.

2008 ist in Russland ein Film mit dem gleichnamigen Titel Стиляги erschienen, der diesen unbekannten Teil der russischen Swing-Kultur beleuchtet und einen eigenen Trend begründet hat.

Unter der Regie von Valerij Todorovskij ist eine Mischung aus schrillem Musical und Tragikomödie um den zunächst angepassten Komsomolzen Mels entstanden, der angezogen von der Musik und dem Lebensstil einer kleinen Gruppe von Hipstern selbst zu einem Rock’n’Roller mutiert.

Mir gefällt besonders die Szene am Anfang, wo er sich von einem Stiljaga namens Bob (Boris mit russischem Namen) zeigen lässt, wie man richtig tanzt. Als Bob merkt, wie verbissen der sportliche Mels an die Sache herangeht, erklärt er dem Anfänger, worauf es wirklich ankommt:

„Hier braucht man nicht stärker, höher, weiter,..hier braucht man… Drive!…von hier aus!“ Und er zeigt dabei auf seinen eigenen üppigen Bauch. Hier ist dieser Filmausschnitt mit engl. Untertiteln:

https://www.youtube.com/watch?v=_Ff52VA8n7Q

Köstlich, und mir ist ganz egal, ob das Wort Drive in dem damaligen Sprachgebrauch üblich war oder nicht.

Sein Wandel bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen. Der Stiljaga Mel wir vor den Komsomol geladen.

‚Wo sind deine Ideale, du hast auf sie gespuckt, du verkaufst dich für bunte Lappen,‘ wirft die Vorsitzende ihm vor. Währenddessen skandieren brav frisierte Studenten im grauen Einheitslook im eindringlichen Sprechchor: ‚Geschmiedete mit einer Kette, Verbundene mit einem Ziel.‘

Die Partei ist ihren Mutter, der Komsomol Vater: Individualismus und Rock’n’Roll sind hier fehl am Platz. Also muss der, der sich zum Fremdkörper gemacht hat, die Kette durchbrochen hat, gehen.

Eine leise aber rhythmisch gelungene Kritik an der Gleichförmigkeit und den fast radikal-religiösen Werten der Sowjetgesellschaft klingt hier durch. Hier der Song:

https://www.youtube.com/watch?v=0Mt0–JSe88&list=RDgOuqZG7UUgs&index=20

Der Amerikaner Richard Hume, der im heutigen Moskau lebt und Rock’n’Roll Konzerte im Esse Club organisiert, schreibt auf seiner Website Co-op-jive über die Kultur der Stiljagi:

Ihr Stil entsprach nicht zu 100% dem Rock’n’Roll – sie hörten auch andere Musikrichtungen, wie zum Beispiel Jazz – und das spiegelte sich auch in ihrem Kleidungsstil wieder. Aber es war nah genug dran, um sie als echte jugendliche Rebellen in Russland zu etablieren.

Stiljagi - damals
Stiljagi – damals, die kurze Kravatte ist ihr Markenzeichen.

Während der Fünfziger Jahre spielten einige Leute in der Sowjetunion Rock’n’Roll Platten, aber meistens in ihren eigenen vier Wänden. 1959 haben die sowjetischen Autoritäten dann ein großes Jugendfestival in Moskau organisieren lassen. Sie luden auch Musiker und Bands aus den USA ein, dort zu spielen, (…) Der Einfluss dieses Festivals auf einige junge Russen war enorm. Es löste eine bedeutende Jugendbewegung in Russland aus, die sich auf die Metropolen Leningrad und Moskau konzentrierte.

Doch die russische Jugend bezahlte einen hohen Preis für dieses Festival. Einige junge Frauen aus Moskau versuchten mehr über diese aufregende Kultur zu erfahren und plauderten während des Festivals mit amerikanischen Musikern. Später wurden diese sie (die jungen Frauen) isoliert und von der Miliz inhaftiert. Ihre Haare wurden ihnen abgeschnitten und ihre Kleider zerrissen. In anderen Worten: sie wurden gedemütigt. Es war ein klares Signal seitens der Kommunisten, dass obwohl sie netterweise ein einmaliges publicityträchtiges Festival zugelassen hatten, die Verbrüderung mit dem Klassenfeind noch immer verboten war.

Mein Vater hat, auch wenn er nicht in den beiden Metropolen lebte, ebenfalls zu den Stiljagi gehört und noch immer schwingt er gern das Tanzbein zu der guten alten Rock’n’Roll Musik. Aber verhaftet wurde er nie, hat es immer rechtzeitig geschafft zu türmen, sagt er.

Mit dem Film Stiljagi startete vor sieben Jahren in Russland jedenfalls ein ungeheurer Kult und es begann eine regelrechte Verklärung der damaligen Jugendbewegung als hippem Style. Nicht wenige Hochzeiten wurden fortan im Fifties-Look abgehalten und es gab auch einige Flashmobs wie hier 2012 und hier 2011  mit als stilgerecht verkleideten Hipstern, die sich synchron zu Swingmusik bewegen.

Im Frühjahr diesen Jahres fand in Kiev sogar eine Stiljagi-Parade statt, aber in inwiefern dieser Trend noch heute als Widerstand zu werten ist, kann ich leider nicht einschätzen. Ich müsste es noch recherchieren. Ich vermute eher, dass die Leute es als ein buntes Retro-Abziehbild mit Musikbegleitung lieben. Der Trend stellt also eher einen Rückzug zu fröhlich swingender Musik und schönen Kleidern dar als eine rebellische Gegenbewegung. Ein Paradox?

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Schön bunt, die Parade in Kiev am 18.4.2015

Übrigens:

Die amerikanische Autorin und Theaterkritikerin Dorothy Parker schreibt begeistert kurz nach dem zweiten Weltkrieg über ein Stück von Lew Tolstoi: „Sehen Sie es sich an, auch wenn Sie eine Hypothek auf Ihr Auto aufnehmen, ihr Apartment untervermieten oder alles verkaufen müssen bis auf die Kriegsanleihen…“ Nur eins bemängelt sie daran, nämlich, dass die russischen Namen unmöglich auszusprechen und noch unmöglicher zu merken sind. Sie bitte herzlich darum, bei der nächsten englischen Übersetzung aus Fjodor Wassilljewitsch Protossow, Sergej Dmitriewitsch Abreskow und Iwan Petrowitsch Alexandrow schlicht Joe, Harry und Fred zu machen.

Im Film Stiljagi sehen wir, dass genau das geschehen ist, aus Fjodor wurde Fred aus Boris Bob. Aber aus Mels wurde seltsamerweise Mel. Ob das Dotty Parker gefallen würde?

Magische Klänge – Hörwelten von Alfred Schnittke

Sein Name war Magie – so titelt ein postumer Bericht über Alfred Schnittke. Einer der bedeutendsten russischen Komponisten nach Schostakowitsch, heißt es weiter. Doch nicht alle in der Sowjetunion haben ihn zu seinen Lebzeiten als Magier gesehen. ‚Darf man die Sinfonie von Schnittke in den öffentlichen Konzerten aufführen?‘ oder ‚Ein ernsthafter Schaden für die Musik‘, so lauteten die Kommentare 1974  nach der Uraufführung seiner ersten Sinfonie. Plakate wurden abgerissen, seine Aufführungen offen boykottiert.

Alfred Schnittke
Der Komponist Alfred Schnittke

Neue Musik ist umstritten – nicht nur in diktatorischen Regimes. Aber Schnittke hat sich nicht beirren lassen, hat seine avantgardistischen Kompositionen weiter geschrieben, hat geforscht, ausprobiert. Auch als er nicht mehr unterrichten durfte auch später, als er schon krank war. Von den 70 Werken, die er in 20 Jahren geschaffen hat, wurden vom allrussischen Kulturministerium ganze zwei aufgekauft. Statt heroischer Klarheit und Verherrlichung der Massen, taucht in seinen Kompositionen das Widersprüchliche auf. Das Unvereinbare, das Verletzliche. Der Abgrund. Dieser Ausdruck passte nicht in jede Epoche der glorreichen Sowjetzeit und führte wohl auch dazu, dass er eher im Ausland Lob und Anerkennung fand. Und auch das verhältnismäßig spät.

1990 wurden in Schweden anlässlich eines ihm gewidmeten Festivals 40 verschiedene CDs publiziert und einige Jahre später eine Schnittke-Gesellschaft gegründet. 1992 erhielt er in Japan den hochdotierten ‚Praemium Imperiale‘ Preis – als erster deutscher Künstler überhaupt.

Ich habe mich lange schon damit rumgetragen, etwas über ihn zu schreiben, wir haben hier in Hamburg schließlich die Alfred-Schnittke-Akademie und in den Heimatbüchern lese ich manchmal etwas über ihn, oder seine Mutter, Marie Schnittke, die sich Ende der Sechziger sehr für die Neuerschaffung einer deutschen Wolgarepublik eingesetzt hatte. Und von einem ihrer Söhne hieß es dort immer, er sei ein weltberühmter Komponist. Jaja, dachte ich. Jeder Aussiedler, der was macht und in die Öffentlichkeit geht, muss gleich eine Weltberühmtheit sein. Darunter machen wirs nicht. Wir halten sie vor wie Standarte, schaut, wir sind auch wer. Aber Schnittke ist nicht nur ein Komponist von Weltrang, er ist phantastisch. Diese Entdeckung durfte ich machen, als ich mich in seine Töne hineingehört habe.

Die Symphonien, das Requiem und seine avantgardistischen Trios und Quartette machen ihn sicher zu dem bedeutenden Komponisten, der er ist. Aber auch die Filmmusik braucht sich nicht dahinter zu verstecken.

Ich bin eine ungeübte Hörerin und so hat sie mich zuerst angesprochen. Zu Rikki Tikki Tavi oder zu der Verfilmung von Anna Karenina von 1967. Zu mehr als 60 Filmen hat Schnittke die Musik geschrieben. Der Meister und Margerita ist ebenso darunter wie der schwarzweiße Klassiker Die Kommissarin. Dabei war er anfangs eher unglücklich damit, U-Musik machen zu müssen, wo es ihn doch zur avantgardistischen E-Sparte hingezogen hat.

Dabei hatte Schnittke sich jahrelang mit diesem Widerspruch gequält, hat versucht, seine avantgardistischen Kompositionen und das andere, das eher Populäre zu trennen. Er spürte den Riss zwischen der sogenannten laboratorischen und der Kammer-Musik. Doch bei der Arbeit an der Musik zur Gläsernen Harfe (Стеклянная гармоника), gelang es ihm, diesen Abgrund zu überbrücken. Es war wie eine Erleuchtung. Übrigens ein ganz zauberhafter Zeichentrickfilm über die Kraft der Kunst mit vielen Bildzitaten aus der Kunstgeschichte, mit Anleihen bei DaVinci, Bosch, Magritte:

Die gläserne Harfe, ein Film von 1968
Die Glasharfe, ein Film von 1968

Wie gesagt, er hat lange dagegen gekämpft, was er als das Seichte, das Schlagermäßige in der Musik bezeichnet und wollte nicht damit in Verbindung gebracht werden. Seine Worte:

Schlager ist eine passende Maske für jede Teufelei, darum sehe ich keine bessere Möglichkeit für die Verkörperung des Bösen in der Musik als das Schlager-Moment (er sagt wörtlich: Schljagernostj).

Vielleicht weil der Schlager so eingängig ist, so schmeichlerisch. Wie eine Kobra. Was ist sein Biss?

Dabei ist er nun wirklich weit weg davon, was ich als ’seicht‘ bezeichnen würde. Nein, was ich an manchen Stellen in den Stücken spüre, ist Zerrissenheit. Sublimierter Schmerz aber mit dem Zartklang einer Schmetterlingsblume. Ein Schlager hat das nicht.

Ein weiteres Zitat von ihm selbst: Im Lauf mehrerer Jahre war es für mich ein inneres Bedürfnis, Theater- und Filmmusik zu schreiben. Anfangs machte es mir noch Spaß, aber schon bald wurde ich dessen überdrüssig. Erst später ging mir ein Licht auf: Die Aufgabe meines Lebens besteht darin, die Kluft zwischen E- und U-Musik zu überbrücken, auch wenn ich mir dabei den Hals breche.

Statt sich den Hals zu brechen, schaffte er es durch Zitate, durch Querverweise und durch Überlappungen diese beiden Pole zu verbinden. Und natürlich durch unermüdliche Arbeit.

Ein britischer Autor sagt, Alfred Schnittkes Musik war schon immer ein unbehagliches Spiel zwischen Tiefe und Oberfläche.  Tiefe-Oberfläche, Osten-Westen. Schlager-Avantgarde. Ein Wanderer zwischen den Welten auch er, das spürt man beim Hineinhorchen in die Stücke. Das liest sich auch in der Biografie des Komponisten.

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Das erste Instrument in Wien: ein Akkordeon

Obwohl er der Sohn einer Wolgadeutschen war, verlief sein Leben zunächst etwas anders als das der meisten Russlanddeutschen seines Jahrgangs. Sein Vater, ein Journalist, kam aus einer Familie von baltischen Juden und durfte Mitte der Vierziger mit der Familie nach Wien ausreisen und dort leben. So blieb ihnen die Deportation zunächst erspart. In der Walzerstadt Wien hat das Kind Alfred seine Liebe zur Musik weiterentwickelt. Diese Zeit und dieser Ort waren für ihn immer mit Sehnsucht verbunden. Ab 1948 lebte er mit seinen Eltern, der Oma und den Geschwistern bei Moskau. Nicht eindeutig russisch, nicht ganz deutsch und auch nicht richtig jüdisch. Und doch mit dem Vermächtnis von allen drei Völkern. Auch hier ein Wanderer. Auch hier kennt er das Dazwischen.

Auch wenn ein Schnittke-blog nur bis 2012 fortgeführt wurde, scheint es, als ob das Interesse nicht abreißt. Seine Aufnahmen werden im Netz weitergeteilt und die vielsprachigen Kommentare klingen sehr begeistert. Beispielsweise zu dem Stück ‚Labyrinths‘, einem Stück aus den Siebzigern:

‚Hairraising at times‘ (Shoyu Tao)

‚Overwhelming. Surely, the greatest piece of 1971 and then some.‘ (PolkRidgeAesthete)

‚Спасибо. В 1971 Mы ни о чем подобном понятия не имели. У нас был сплошной Хреников.‘ (Леонид Бейзерман)

‚Musica che amo malinconica grazie del bel brano sentimentale.‘ (macciboma)

Mein absolutes Lieblingsstück ist und bleibt die Filmmusik zu Story of an Unknown Actor von 1976.

Hier in einer wilden Orchesterfassung:

https://www.youtube.com/watch?v=M3EuHTOLG8o

oder hier der eingängige Originalwalzer aus dem Film:

Auch Schnittke galt la lange Zeit als ein eher unbekannter Künstler – außer natürlich in Fachkreisen.
Polyphone Klänge, Mixtur aus vielen Zeiten und Stilen. Das schreiben die Experten. Seine Zitate kommen dabei nicht nur aus der Klassik, Schnittke bedient sich auch der russischen oder slawischen Musiktradition und natürlich auch den Klängen der Moderne. Neben dem Atonalen in dem verwobenen Klanggefüge ist soviel was ich wiederfinde, etwas knüpft an meine Gefühlswelt an, ganz direkt.

Trotz neuer Hörgewohnheiten und der aufwühlenden Gemütszustände, die diese Musik auslöst, erkenne ich also Vertrautes, wird mein Geist angesprochen. Oder eher nicht der Geist, sondern mein Herz. Oder wo sonst die Musik gespeichert wird, wenn sie verklingt. An einem magischen Ort eben.

Weitere Links:

Ein Schnittke Blog bis 2012: https://alfredschnittke.wordpress.com/2010/02/

Eine englische Rezension: http://www.allmusic.com/composition/the-story-of-an-unknown-actor-film-score-mc0002458493

Die Sammel-CD zu seiner Filmmusik: http://www.e-filmmusik.de/filmmusik/alfred-schnittke.html

Die Dokumentation über Alfred Schnittke (‚Дух дышит, где хочет‘) von 2004 auf russisch: https://www.youtube.com/watch?v=xiiOvAsL2uY

Und zum Abschluss, das Requiem:

https://www.youtube.com/watch?v=M9UiT_KOE-s