#Luenen.Nur.Ein.Einzelfall.

 

Am Morgen danach kommt die Meldung gleich an zweiter Stelle in den Nachrichten. Nach dem Bericht über den Einmarsch von Erdogans Truppen in kurdische Gebiete in Syrien. Mit Leopard-Panzern aus deutscher Produktion übrigens.

Lünen. Wo sonst über Kabul, Berlin und Los Angeles berichtet wird.

Es heißt: an einer Gesamtschule in Lünen habe ein Jugendlicher einen anderen erstochen. Der 15-jährige Angreifer galt als aggressiv und „unbeschulbar“. Er war mit seiner Mutter an die Käthe-Kollwitz-Schule gekommen, um in einem Gespräch mit der Sozialarbeiterin zu klären, ob er dort wieder aufgenommen wird. Vor etwa einem Jahr musste er diese Schule verlassen.

Käthe Kollwitz, Zwei miteinander ringende Männer, 1892

Ein ehemaliger Schüler ersticht seinen Mitschüler. Warum hatte er überhaupt ein Messer bei sich? Und. Was ist das für ein seltsamer Grund, der in allen Medien kollportiert wird, der andere hätte seine Mutter mehrfach provokant angesehen? Alles ist höchst undurchsichtig. Das Geschehen ist noch nicht richtig kriminalistisch untersucht worden, doch schon tauchen die ersten Meinungen und Urteile auf.


Dabei handelt es sich um einen tragischen Vorfall, der für alle Betroffenen höchst dramatisch ist. Die Schüler und Schülerinnen, das Lehrpersonal und die Eltern werden seelsorgerisch betreut. Nicht auszudenken, wie sich die Eltern des Jungen fühlen müssen, der am Dienastag morgen zur Schule ging und nie mehr wiederkommen wird.

Doch statt Mitgefühl zu zeigen, wird in sozialen Medien über die Nationalität des Täters spekuliert. Ein rechtspopulistisches Online-Magazin titelt: „15-jähriger Kasache tötet Leon (14) auf Schulflur“. Es ist nämlich so, dass der Täter zwar in Lünen geboren wurde, aber eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. Seine Eltern sind aller Wahrscheinlichkeit nach Spätaussiedler und haben in Kasachstan gelebt. Dass die Familie des getöteten Jungen ebenfalls aus Kasachstan stammt, wurde in einigen Medien zunächst abgegeben, doch anschließend wieder entfernt. Vermutlich stimmt es auch gar nicht. Und irgendwie spielt es doch auch keine Rolle. Sollte es zumindest nicht. Oder?

Besorgte Bürger ereifern sich voll Schadenfreude, dass die Tat an einer „Schule ohne Rassismus“ verübt wurde, die einen offenen und freundlichen Umgang miteinander fördert, egal woher die Schüler*innen kommen. Und nun das: Ein Kasache sticht dort einen Deutschen ab.

Ihre Rechnung ist simpel: kasachischer Pass=Kasache=Moslem. Und auch gleich Messer. Gleich Gewalt. Gleich Merkel ist schuld.

Die rechtsgerichtete Presse schreibt in dem oben erwähnten Artikel, dass in Kasachstan 70% der Einwohner Suniten seien. Das stiftet Verwirrung. Ist der Täter ein Moslem?

Da er aber kein Moslem ist, werden nun andere Vorurteile aus der Mottenkiste gezogen. Aussiedler. Da war doch was?

Unintegrierbar. Parallelgesellschaft. Gewaltbereit (das bleibt also gleich, puh, gott sei Dank!). Schaut nur russisches Fernsehen mit Putins Fakenews. Und auch der vielzitierte Schäferhund im Stammbaum wird wieder hervorgekramt. Wie war das, haben die nicht damals bei der Einreise horrende viel Kohle bekommen?

Frau Zielisch ist übrigens Abgeordnete der AfD

Plötzlich geht es wieder um eine fremde Kultur. Wir gegen die. Dabei wollen die Aussiedler doch so gerne zum „wir“ werden. Dazugehören. Als Gleiche unter Gleichen.

Eine Situation wie in Kandel? Nein, nicht ganz. Als es klar wird, dass der Junge ein Aussiedler war, schweigen die Rechtspopulisten dann doch. Zumindest die offiziellen Stellen. Sie wollen die neugewonnen Wählerstimmen nicht wieder verlieren. Es wird keinen Trauermarsch geben.

Davon, wie sich die anderen AfD-Sympathisanten über das Kasachische und die Unkultur der Russen förmlich das Maul zerreißen, merkt man auf den Seiten von „Russlanddeutschen für die AfD“ herzlich wenig.
Sie ignorieren einfach die offen rassistischen Kommentare. Nach Tagen posten sie lediglich die Todesanzeige des Opfers. Mit Beileidsbekundungen darunter.

Wäre nicht spätestens jetzt der Moment, um innezuhalten? Um sich zu fragen, ob diese rechtspopulistische Partei wirklich eine gute Alternative für unsere Minderheit wäre? Denn wenns hart auf hart kommt, sind wir dann doch nicht die nützlichen, gut integrierten und wertebewussten Mitbürger, sondern werden schnell zu Iwans, Kasachen und Fremden, die mal einen deutschen Schäferhund hatten und zu Gewalt neigen, wenn unsere Ehre angekratzt wird.

Wäre nicht spätestens jetzt der Zeitpunkt zu merken, dass uns diese Herren und Damen Superdoitschen nicht für ihre Brüder und schon gar nicht für ihre Schwestern im Geiste halten?

Ich fürchte, das wird nicht geschehen. Die Suche nach Anerkennung, danach endlich anzukommen und aufgenommen  zu werden, scheint größer zu sein und wird sicher auch dieser Ent-Täuschung standhalten.

#Luenen wird irgendwann zu den anderen schrecklichen Nachrichten gereiht und abgehakt.

Schon nach dwei Tagen ist dieser Vorfall aus den Medien verschwunden. Dann kommen die Meldungen wieder aus Kabul, Berlin und Los Angeles. Jetzt bleiben die Familien mit dem Schock und der Trauer allein. Und werden merken, was ein einzelner Vorfall im Leben anrichten kann.


***

Einige der Kommentare aus Facebook, nur für diejenigen, die sie sich antun wollen:

Man liest bald nichts mehr anderers. Da ein gest0chere, da ein gest0chere, gehört bei deren Kultur scheinbar zu den Utensilien, die man täglich einstecken hat, wie unsereins ein Taschentuch oder einen Schlüssel.

– Sollte der Verdächtige ein Russlanddeutscher sein, dann möchte ich darauf hinweisen, dass er in einem kulturellen Umfeld in Kasachstan sozialisiert wurde, das keinesfalls „russlanddeutsch“ ist.

– Ja aber das ist unser neues Land… “ Ein land in dem wir gerne und gut leben “ Danke an unsere Eliten

– Seltsam aber die afd hat sich dazu noch nicht geäußert.abgesehen davon, mein Beileid an die Familie

– Die müssen erst mal schauen, ob der Kasache nicht zufällig auch Russlanddeutscher war.

– Ich weiß. Aber die sind ja der Meinung, dass mindestens die Eltern auch Deutsch sein müssen, damit die Nachkommen den deutschen Pass haben dürfen. Blutquatsch.

– Die AFD ist sowieso komisch. Zum Mordfall Marcel H. haben die sich, glaube ich, gar nicht geäußert. Und bei dem vergeigten Bombenanschlag auf dem Bus des BVB kam, glaube ich auch nichts mejr, als heraus kam, dass der Täter ein Russe, Deutschlandrusse o.ä. war.

– Soweit das aus den Medienberichten zu entnehmen ist, dürfte der Junge Russlanddeutscher sein – und die sind der AfD häufig nicht ganz abgeneigt… Dementsprechend werden die einen Teufel tun und sich dazu äußern.

– Der Täter war Nationalität Mensch. Das sollte für alles weitere reichen.

 

Werbeanzeigen

Wahl-o-Mann-o-Mann!

In den letzten Wochen standen die Russlanddeutschen Medienberichten zufolge im Verdacht, mehrheitlich der AfD zu verfallen. Wie die Lemmlinge. Sie seien verführbare Wähler und außerdem würden ihre konservativen Werte von dieser rechtspopulistischen Partei besser bedient werden als von den an sich konservativen Parteien.

Auf ARTE hatte sich Wladimir Kaminer zu Wort gemeldet und hat in heimeliger Kneipenatmosphäre ironisch-naiv das Narrativ RD=AfD noch befeuert. Er ist Experte in diesen Dingen, weil ja einige seiner Freunde Russlanddeutsche sind.

Die Festschreibung stand unverrückbar. Von Bericht zu Bericht journalistisch untermauert. Haben die alle voneinander abgeschrieben? Jedenfalls kursierten immer zwei gleiche Bilder. Das von der Demo um das Mädchen Lisa und eins von der Auslage des Kalinka-Supermarkts.

Trotz relativierender Stimmen und Berichte, trotz warnender Rufe in den sozialen Medien (z.B. der Seite ‚RD gegen AfD‘ und einer Ansprache des russischen Journalisten Nikolai Kameniouk, der die russischspachige Community eindringlich bat, nicht die AfD zu wählen) und einem Protestschreiben von russlanddeutschen Vereinen hielt sich dieses Narrativ hartnäckig bis zum Ende des Wahlkampfes – und nun drüber hinaus.

Oszillierend zwischen Putin und Hitler. Gehts noch?

Wirkliche Erhebungen und Fakten gibt es nicht oder sie gehen im öffentlichen Diskurs unter. Der Juniorprofessor für Migration und Integration der Russlanddeutschen Jannis Panagotidis hat kurz vor dem Wahlsonntag mit seinem Kollegen Peter Doerschler von der Bloomsburg University in einem Zeitungsbericht mit ein paar Mythen rund um das Thema Russlanddeutsche und AfD aufgeräumt. Sie haben herausgefunden, dass der Zuspruch kaum (bzw. im Rahmen statistischer Fehlermargen eigentlich gar nicht) über dem Durchschnitt anzusiedeln ist. Immer wieder gehörte Behauptungen, die AfD sei die beliebteste Partei unter den Russlanddeutschen entbehren somit jeder Grundlage.

Hier der Bericht darüber in der SZ: http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestagswahl-die-afd-partei-der-russlanddeutschen-1.3676846

Statt der propagierten 100% sind laut ihren Befragungen also knapp 14% der Deutschen aus Russland, die mit der AfD sympathisieren. Im Bundesdeutschen Durchschnitt sind es 12,6%, also 1,4% weniger.

Am Tag nach der Wahl schien sich das Segel der öffentlichen Stimmungsmache gedreht zu haben. Plötzlich sind es nicht die 1.8 Mio wahlberechtigte Aussiedler, die den Rechtsruck im Bundestag verursacht haben sollen, sondern Millionen abgehängter ostdeutscher Männer. Sieh an. Doch dann tauchten wieder ein halbes dutzend Berichte über Aussiedler auf, die alte These widerkäuend.

Enstand kurz vor der Wahl, Russlanddeutsche gegen die AfD

Viel Mimimi um Nichts?
Nur zwei russlanddeutsche AfD-Kandidaten haben es mit einem Direktmandat in den Bundestag geschafft. Wenn sich noch mehr einen steilen Aufstieg in dieser Quereinsteigerpartei versprochen haben, so dürften sie nun enttäuscht sein.

Die Hoffnung, dass nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse das pauschalisierende Bashing, gewürzt mit einer völligen Ignoranz der Befindlichkeiten und der Geschichte der russlanddeutschen Community endlich ein Ende hat, hat sich nicht erfüllt.

Bisher wurde jede Konferenz, jede Kampagne seitens der Russlanddeutschen, die nicht die mediale Festschreibung befeuert, von der Presse mit hartnäckiger Missachtung gestraft. Passte leider nicht in das typische Bild des rückwärtsgewandten, chauvinistischen Keulenschwingers, das sich in den letzten Monaten herausgebildet hatte.

Verfallen wir in eine Opferrolle, in dem wir behaupten, die Presse würde eine Hexenjagd veranstalten? Ja. Aber. Auch ein erklärter Paranoiker wird manchmal von feindlichen Agenten verfolgt. Und eine Volksgruppe, die über Generationen die Opferrolle innehatte, kann durchaus auch Opfer einer Hetzkampagne werden.

Um solchen pauschalisierenden Berichten in Zukunft etwas entgegenzusetzen, müssen wir uns viel mehr vernetzen. Angesichts des medialen Bashings ist es schon vielfach geschehen. Anscheinend noch nicht genug. Das wäre mal ein Schritt, um die Opferrolle und das Jammern endlich hinter uns zu lassen. Wir sind nicht der klägliche Rest, wir sind die Mehrheit. Mehr als die 14% (selbst mehr als 30%) und das sollte von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen und gewürdigt werden.

Was uns bleibt.
Obwohl es offensichtlich ist, dass sich die AfD-Begeisterung der Aussiedler in statistischen Grenzen hält, gibt es diese Gruppe, die sich den Populisten anschließt.

Wir können es nicht leugnen, sondern müssen uns darüber klar werden, dass die Integration offensichtlich doch nicht so vorbildlich geklappt hat. Nicht überall, nicht bei allen.

So wie die Gesamtbevölkerung in diesem Land, müssen wir dem Fakt stellen, dass nicht alle vom europäischen Gedanken und dem Wertesystem einer offenen Gesellschaft mitgenommen worden sind. Der Auftrag wird sein, nach den Ursachen zu forschen und uns dem zu stellen.

Diese Wahl hat uns allen also eine realexistierende Steilvorlage gegeben.
Allen, die dieses Fleckchen Erde teilen.

Tatsache ist: In Lahr, Pforzheim und Calv, sogenannten Hochburgen mit einem hohen Anteil an russlanddeutscher Bevölkerung, schafft es die AfD auf den zweiten Platz nach der CDU.

Auch in den neuen Bundesländern gab es mehr Wählerstimmen für diese Partei. In Sachsen rutschte sie gar auf den ersten Platz.

Aber es wird nicht mehr unterschieden. Es scheint sich in den Köpfen festgesetzt zu haben, dass alle dumpfe Rassisten sind, die ‚Ossis‘ und die ‚Aussies‘. Die Männer aus dem tiefsten Osten und die Aussiedler, die aus dem noch tieferen Osten stammen. Die letzteren sind laut der aufgeklärten Öffentlichkeit: Erzkonservative, die sich selbst für bessere Deutsche halten und das endlich auch bestätigt bekommen haben von Höcke, Gauland und Co.

Halleluja, nach 20 Jahren nimmt sie endlich jemand für voll! Wenn sie sich da nicht mal täuschen. Willfährige Wahlhelfer waren sie, das ja. Aber ob die erhoffte Teilhabe am politischen System am rechten Rand gelingt?

Wie gesagt: es gibt keine hinlänglichen Studien über die Zahlen außerhalb der Hochburgen. Von dort, wo sich Deutsche aus Russland integriert und assimiliert haben.

An die 1.8 Millionen von uns waren wahlberechtigt.

In einigen sozialen Brennpunkten mit hohem Aussiedleranteil hat die AfD bis zu 30% geholt.

Lässt sich denn daraus auch schlussfolgern, dass es auch insgesamt dreißig Prozent der Deutschen aus Russland waren, die diese Partei gewählt haben?

Überall?
Auch in Hamburg?
Auch in Köln Chorweiler?
Auch in Homberg an der Efze?

In Hamburg hat die AfD beispielsweise in einem Viertel (Moorfleet) 40% bekommen. Von 61 Stimmen waren das 21, ist ein ganz kleiner Wahlkreis. Und auch in Stadtteilen wie Billbrook hat sie abgesahnt. Aber das bedeutet doch nicht, dass alle Bewohner*nnen der Hansestadt AfD-affin seien. Das ist absurd, wenn man sich die übrigen Zahlen anschaut. Was die Russlanddeutschen angeht, sind solche Schlussfolgerungen jedoch an der Tagesordnung.

Und selbst wenn es hochgerechnet doch 30% sein sollten, das patriotisch-völkische Drittel, das die Populisten am Ruder sehen möchte, es bleiben noch immer 1,2 Millionen, die die AfD nicht gewählt haben. Nur so am Rande.

Es ist ein Mythos entstanden, der Aussiedler und die Alternative für Deutschland aneinander kettet. BFF. Best friends forever. Oder eher Master and Servant. Allen vernünftigen Stimmen, die nach genauen Untersuchungen fragen, zum Trotz.

Er wird fortgeführt, dieser Mythos, weil es einfacher ist, eine Minderheit für das Versagen der Politik der letzten Jahre oder Jahrzehnte verantwortlich zu machen. Die Nazis sind immer die anderen. Die Hölle, das sind nicht wir.

Dennoch, eines ist nicht von der Hand zu weisen: Der schale Nachgeschmack bleibt, dass es einen Prozentsatz in unserer Community gibt, die Heimatliebe mit völkischem Gedankengut verwechseln. Die in die Hetztiraden gegen Andersdenkende und anders Aussehende mit einfallen. Die Frauen am liebsten in einer Rolle sehen, die es zuletzt im Biedermeier gab. Mit einer Stickarbeit am Kamin. Und ansonsten Kinder, Küche und Kirche.

Bei all der Verteidigungshaltung und den Relativierungsversuchen dürfen wir diese Tatsache nicht aus den Augen lassen. Wir müssen uns darüber klarwerden, wie wir mit diesem Problem umgehen. Als Einzelpersonen und auch in den Gruppen und Vereinen, in denen wir uns bewegen. Das wird die eigentliche Aufgabe sein. Uns mit diesem Prozentsatz, wie hoch er auch sein mag, auseinanderzusetzen.