Kriegstourismus: Russlanddeutsche im Ukraine Konflikt

Habe ich es am Sonntag vor dem Tatort also richtig gehört: in den Tagesthemen wurde darüber berichtet, dass Aussiedler bei den Truppen der Separatisten mitkämpfen.
Die Meldung bezieht sich auf den Bericht der „Welt am Sonntag“ vom 15. März 2015. In den Zeitungen konnte ich zunächst folgende Formulierung finden:
Die „Welt am Sonntag“ hatte zuvor unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet, dass sich bereits mehr als hundert Bundesbürger den Kampfverbänden der prorussischen Separatisten angeschlossen hätten. Ein gutes Dutzend der Kämpfer mit deutschem Pass konnte die Zeitung demnach identifizieren, bei den meisten handle es sich um sogenannte Russlanddeutsche, etliche von ihnen seien ehemalige Bundeswehrsoldaten.
Das ist der Ausgangstext, den sämtliche Medien mehr oder weniger kritisch zitieren.
Weiter berichtet die WamS, dass sich der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach vor diesem Hintergrund dafür aussprach, zu prüfen, ob auch von Rückkehrern aus der Ostukraine „eine Gefahr für die innere Sicherheit ausgeht“. Es gehe ihm darum zu prüfen, ob diese Zahlen stimmen und ob man die Rechtslage nicht dahingehend ändern müsse, solchen Rückkehrern die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Der CSU-Innenexperte Stephan Mayer sagte zu dem gleichen Blatt: „Wenn Deutsche an Kampfhandlungen teilnehmen, sollte eine Strafbarkeit wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung erwogen werden“. Außerdem rät er, „zumindest im Falle der Doppelstaatler die deutsche Staatsangehörigkeit wegen der Teilnahme an einem Bürgerkrieg zu entziehen.“

Es lohnt sich diesen Bericht mal genauer anzusehen: http://www.welt.de/newsticker/news1/article138452090/Union-will-Klarheit-ueber-deutsche-Kaempfer-in-der-Ukraine.html

Somit ist wiedermal eine Diskussion auf dem Tisch, bei der laut einer ungesicherten Meldung Russlanddeutsche als potentielle Gewalttäter dargestellt werden. Herr Bosbach hat uns ja schon bei mehreren Gelegenheiten vor Russlanddeutschen gewarnt. Früher waren sie anpassungsunwillige Kriminelle, die sich mit der Russen-Maffia verbrüdern und nun mutieren sie zu schießwütigen Fremdenlegionären im Namen Putins.

Ich habe mich mal umgesehen, um welche Russlanddeutsche es sich genau handelt.

In einem Video wird russischer Militär zitiert, er redet von drei deutschen Kameraden. Übrigens gab es bei den konkreten Beispielen, die ich gefunden habe auch einen, der auf der Seite der Ukrainer kämpft.

Der einzige, der meiner Meinung nach zweifelsfrei ein Russlanddeutscher ist, ist der 33-jährige Vitalij P. aus Schweinsfurth. Obwohl er auch vielerorts einfach Deutsch-Kasache genannt wird. Er ist vor kurzem im Kampf getötet worden und wurde in Moskau beigesetzt. Welche Motivation er hatte, darüber kann nur spekuliert werden.

Vitalij P. starb am 12. Februar 2015 in der Ukraine

Über den Zweiten wissen wir mehr, sein echter Name ist mir nicht bekannt, in den Berichten über ihn, läuft er unter Dimitrij.
Ein 18-Jähriger Mann, der wahlweise als Spätaussiedler, wahlweise als Ukrainer bezeichnet wird und der im Februar beschlossen hat, sich den ukrainischen Truppen anzuschließen, nachdem er Bilder von der zerstörten Schule in seiner Herkunftsstadt und einem getöteten Lehrer dieser Schule gesehen hat. Er wollte nicht mehr tatenlos zusehen. Er lebt erst sei drei Jahren in München und seltsamerweise wurde er in der orthodoxen ukrainischen Gemeinde auf seine Reise verabschiedet. Aussiedler sind in der Regel lutherisch oder menonitisch, teilweise sogar katholisch. Vielleicht ist es ein Beispiel für die ökumenische Haltung der orthodoxen Kirche und ein Zeichen der Freude, darüber sich ein russlanddeutscher Mann für die Sache der Ukraine einsetzt.

Der dritte im Bunde wird manchmal als deutschspachiger Russe oder russischsprechender Deutscher bezeichnet. Seinen Namen erfahren wir nicht, nur dass er als Helfer in die Region gefahren ist, nach dem seine Schwester in dem abgeschossenen Flugzeug starb. Die Situation vor Ort hat ihn so radikalisiert, dass er zu den separatistischen Truppen gegangen ist und sich hat ausbilden lassen. Er hat in Deutschland gelebt, hat vermutlich einen deutschen Pass, weil er Angst hat, ihn nach seiner Rückkehr zu verlieren. Ob er ein Russlanddeutscher ist, kann man nicht erkennen.

Darüber hinaus tauchen einzelne Menschen und Vereine auf, die Hilfsgüter in die Ukraine schicken. Keine Waffen, aber militärische Westen und Medizin. Es handelt sich dabei nicht nachweislich um  Aussiedler. Ein bundesdeutscher Mann ist dabei, Alexander Harder, der mit einer Ukrainerin verheiratet ist.

Mein Fazit:  ob in Deutschland lebende Ukrainer, Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion, deutschsprachige Russen oder sogar Kasachen, sie alle werden wieder einmal in einen Topf geworfen. Und herauskommt der böse Russlanddeutsche in Camouflage und mit Glatze, der für Putin kämpft.

So relativiert auch die Zeitung Die Zeit: „Das Innenministerium hat hingegen ‚Hinweise auf einzelne deutsche Staatsangehörige‘, die sich im Separatistengebiet aufgehalten haben. Zu ihren politischen Motiven sei nichts bekannt.“

Dem deutschen Verteidigungsministerium liegen übrigens nach eigenen Angaben keine Informationen darüber vor, dass in der Ostukraine ehemalige Bundeswehrsoldaten im Einsatz sind oder waren. Das Auswärtige Amt erklärte dazu, es habe «keine belastbaren eigenen Erkenntnisse» über deutsche Staatsangehörige, die in der Ostukraine kämpfen.

Jetzt prüft die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, was an dieser Meldung dran ist und geht allen hinweisen nach. «Zureichende tatsächliche Anhaltpunkte» für eine in die Zuständigkeit der Ermittler fallende Straftat lägen bislang aber nicht vor. Mehr dazu auf der Seite der WAZ: http://www.derwesten.de/politik/karlsruhe-prueft-teilnahme-deutscher-am-ukraine-krieg-id10464092.html#plx774237471

In den Kommentaren aller dieser Onlineberichte werden auf mehr oder weniger hohem Niveau deren Richtigkeit oder die möglichen Folgen diskutiert. Aber am witzigsten fand ich die Aussage von cornflakes heute morgen: Ich sehe schon Frau Merkel vor der Presse stehen und erklären, das die dort nur Urlaub machen. Was ja – von der Sache her – nicht grundsätzlich falsch ist.

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Deutsche in Rußland – ein Vortrag

Wer also am 19. Februar in und um Erlangen ist….ich schaffs leider nicht.

Erlangen-Wladimir

Vom 9. Jahrhundert bis in unsere Tage will Pfarrvikar Vasile Vulpe aus Nürnberg die Geschichte der Deutschen in Rußland darstellen. Der Referent, ein Spätaussiedler aus Moldawien, kennt die Materie aus seiner eigenen Familiengeschichte und bietet deshalb einen glaubwürdigen Einblick in die Geschichte eines ebenso fruchtbaren wie zeitweise furchtbaren Mit- und Gegeneinanders von Deutschen und Russen. Fruchtbar in Politik, Kultur, Wissenschaft und Ökonomie, furchtbar seit der Auflösung der Wolga-Republik (mit einem Bevölkerungsanteil der Deutschen von etwa 60%) im Jahr des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR, 1941, der nachfolgenden Zwangsumsiedlung nach Kasachstan, Sibirien, in den Altaj. Dann – ab den 70er Jahren und verstärkt in den 80er und 90er Jahren – ganze Wellen der Auswanderung, der Spätaussiedlung nach Deutschland.

Ausstellung: "Deutsche in der russischen Geschichte" Ausstellung: „Deutsche in der russischen Geschichte“

Heute stellen Deutsche gerade noch ein knappes halbes Prozent an der Gesamtbevölkerung der Russischen Föderation. Doch darunter sind nach wie vor prominente Köpfe wie Alexej Miller…

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Vergessene Opfergruppe

Vor einigen Jahren kam ich in Deutschland zufällig mit einem älteren Mann ins Gespräch. Als er merkte, dass ich mit schwäbischem Akzent sprach,  fragte er mich:
„Woher sind Sie denn?“
„Aus Russland.“
„Gab es denn dort Deutsche?“
„Ja, etwa drei Millionen!“ (S.84)

Was sich anhört, wie ein weiterer Aussiedlerwitz, oder dessen bittere Variante,  ist ein Zitat aus dem Buch  „Mein Herz blieb in Russland“ – Russlanddeutsche erzählen aus ihrem Leben.

Darin sind exemplarisch 34 Erfahrungsberichte versammelt, aus den unterschiedlichsten Regionen und von Menschen aus mehreren Generationen. Solchen, die in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts geboren wurden und die Zwangskollektivierung und „Deportationen hinter den Ural oder den Zwangseinsatz in der berüchtigten  Arbeitsarmee miterlebt haben, aber auch solchen, die 60 Jahre später zur Welt gekommen sind und ihre eigenen Erfahrungen mit Russland gemacht haben. Keine Angst, neben den traumatischen Erlebnissen ist auch die Rede „von erfreulichen und hoffnungsvollen Ereignissen, wie dem geglückten privaten und beruflichen Neuanfang in Deutschland.“

Schicksal für Schicksal wird aufgerollt, andere Namen, andere Generationen, andere Geburtsorte und doch kreist sich alles um das unheilvolle Datum im Juni 1941. Es ist der Wendepunkt im Leben jeder der Familien. Die deutschen Truppen marschieren in Russland ein und Stalin befiehlt die sofortige Deportation aller in Russland lebender Deutschen nach Kasachstan und Sibirien. Für Bewohner der Wolgaregion und anderer Gebiete bleibt keine Möglichkeit zur Flucht. Die Schwarzmeerdeutschen bleiben noch in ihren Dörfern und ziehen erst 1943  in zwei großen Trecks Richtung Westen als die russische Armee die Gebiete zurückerobert.

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Klassenfoto der Schule Nr. 18 aufgenommen 1941, kurz vor dem Tag, der alles ändern wird
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1968 und eine Generation später: entspannte Sitmmung im Pionierlager Artek

Aus der Pressemitteilung des Verlages: „Auch das 20. Jahrhundert, …, kennt wenige schriftliche Zeugnisse – in Deportation, Gefangenschaft, Zwangsarbeit, in den nachfolgenden Jahren entsagungsreichen Wiederaufstiegs in einer Sowjetunion des Kalten Krieges dachte man ans Überleben und nicht an Dokumentation. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen gingen weitgehend verloren, die offiziellen Dokumente der Vertreibung – Deportationsbefehle, Haftunterlagen, Passierscheine, Essensmarken, Entlassungspapiere etc. – ruhen in regionalen Archiven. So bleiben in der Tat nur die Erinnerungen der Betroffenen, vor allem der älteren Menschen.“

Um so wertvoller sind diese Erinnerungen, die in diesem Buch versammelt sind. Denn sie bilden eine „Geschichte aus dem Gedächtnis“, damit wir nicht vergessen, wie es gewesen ist. Drüben. Damals. Wir sehen nur die Ausprägungen dessen. Die Menschen die hier ankommen und sich anpassen oder eben nicht, Menschen mit einem mehr oder weniger starken Akzent. Sie klagen nicht, meistens. Wenn hier alle wüssten, was sie durchlitten haben, genau weil sie Deutsche auf dem falschen Territorium und zur falschen Zeit waren, würden sie  sie niemals mehr „Russen“ nennen. Auch nicht so dahergesagt. Auch nicht im Scherz. Niemand würde sich nach der Lektüre dieses Buches erdreisten, zu sagen: „Jeder, der auch einen deutschen Schäferhund besessen hat, hat doch rübergemacht.“ Ich weiß, ich schweife ab. Die Bitterkeit steigt hoch und ich habe diesen Satz auch schon seit gut zehn Jahren nicht mehr gehört. Weiter im Text.

Ich musste nicht weinen, als ich es in einem Rutsch gelesen habe. Nein. Die Sprache, in der diese zum Teil unsagbaren Dinge erzählt werden, ist klar und sachlich, nicht anklagend.  Aber mir wurde auf einmal deutlich, dass das, was mein Vater aus seiner Kindheit  und Jugend erzählt, nicht das Schicksal eines einzelnen ist, den es besonders schwer getroffen hat. Es waren viele. Tausende. Hunderttausende, die so hin und her geworfen wurden, vergessen von der Geschichte. Sie haben trotzdem studiert, haben sich weitergebildet und überlebt. Haben sich verliebt und Familien gegründet. Ein fast normales Leben. Aber die Erlebnisse eines Lagers oder einer Verschickung kann sich keiner aus dem Gesicht wischen. Das prägt.

Und da kam noch mal ein anderes Gefühl auf. So viele haben das durchgemacht und kein Mensch weiß was darüber. Nur die Familien selbst. Vielleicht. Aber ich bezweifle, dass darüber beim Frühstückstisch gesprochen wurde, so wie es bei uns üblich war. Wo aus heiterem Himmel mein Vater darauf kommt, dass im Frühling, diejenigen, die  im Winter gestorben sind,  aus dem Schnee schmolzen und dann erst begraben werden konnten. Ich weiß gar nicht mehr, wie er darauf kam. Vielleicht haben wir über das Wetter geredet, darüber, dass der Frühling dieses Jahr so früh da war. Und dann in unser Brötchen gebissen.

Am Anfang steht eine Einführung in das Thema und am Ende der Zeitzeugenberichte befindet sich noch ein nützliches Glossar, in dem Begriffe, Personen oder Orte erklärt werden, die für Nicht-Aussiedler eher nicht geläufig sind. Banja oder Babuschka werden viele kennen, aber wer weiß, was mit Rabfak, DOSAAF oder Burshuika gemeint ist?

Das Buch 2012 ist im Zeitgut-Verlag erschienen. Es ist nicht einer der großen namhaften Verlage, was allerdings eher gegen die namhaften Verlage spricht, sondern ein kleiner Spartenverlag, der sich auf historische Themen und Zeitzeugenberichte spezialisiert hat. (Sparten– wird zu meinem Lieblings-Präfix, sehe ich grade. Bin ich eine Sparten-Deutsche? Vermutlich). Dennoch ist es eine gute Entwicklung, dass Geschichte und Lebensberichte dieser nicht grade kleinen Bevölkerungsgruppe publik gemacht werden. Wurde auch Zeit.

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„Mein Herz blieb in Russland“ – Russlanddeutsche erzählen aus ihrem Leben
Herausgegeben von Larissa Dyck und Heinrich Mehl.
34 Erinnerungen, 448 Seiten mit mehr als 60 Fotos und Dokumenten, 40 Seiten Wissensbereich mit kleinem Russland-Lexikon, vielen Karten, Ortsregister, Literaturverzeichnis, Zeitgut Verlag, Berlin. ISBN 978-3-86614-145-2, Euro 12,90

Nomen est Omen I

Aussiedler. Das klingt doch irgendwie doof. So unsexy. So wenig schnittig und modern. Möchte man so genannt werden? Nicht wirklich. Gibts eine Alternative? Spätheimkehrer, wird kaum benutzt, nicht viel toller. Oder Russlanddeutsche. Ich weiß nicht, welchen Begriff ich schlimmer finden soll. Aus der Werbung weiß man, ein Produkt kann noch so toll sein, ohne einen attraktiven Namen wirds nicht gekauft. Das ist wie beim Thema Handarbeit. Handarbeitszirkel gibt’s nicht mehr. Alle betreiben Do It Yourself und sind in Sachen Handmade unterwegs, oder Crafting. Aber wäre ein Anglizismus hier passend? Settlers? Planters? Homesteaders. Nö.
Aus-siedler so wie Aus-länder, aber das sagt man ja nicht mehr. Mit Migrationshintergrund heißt es in einer politisch korrekten Schreibweise. Die große Frage: haben Aussiedler einen Migrationshintergrund? Ich würd sagen, aber sowas von! Mindestens sieben Generationen des Umherziehens und Heimkehrens und wieder verschleppt werdens. Also nicht nur mit Migrations- sondern sogar mit Deportationshintergrund. Die Nachkommen sind aber nicht Exdeportierte. Wie fasst man das alles zusammen und fügt es zu einem schnittigen Begriff?

Siedeln ist eher altbacken, Die Siedler, klingt schon besser, gibt es aber bereits als Spiel. Und eigentlich triffts Aussiedler auch nicht auf den Punkt. Eher Über-Jahrhunderte-hin-und-her-Geschobene oder Zickzackkulturwechsleruebergenerationenmitungeloestentraumataimgepäck. Ein bisschen sperrig. Und die Abkürzungen? ÜJahiuheGes oder Zizakuwis oder ZZKWs. Vergiss es. Die Alteltern und deren Eltern waren ja Kolonisten (nicht zu verwechseln mit Kolonialisten!) Also vielleicht Ex-Kollis aus der Ex-UdSSR? Bäh!

Gibt es Beispiele in der Natur? Zum Beispiel einen Ameisenstamm, der von seinem Volk abgeschnitten wurde, weil auf einer einsamen Insel gestrandet und dann nach Jahrzehnten wiedergekehrt? Gibts da einen Namen für? Sicher nicht. Die alteingesessenen Ameisen würden die Neuankömmlinge sicher zerbeißen bevor sie auch nur Hallo sagen. Wegen Konkurrenz und Darwin und so.

Einfache Vertriebene sinds nämlich auch nicht. Nicht mehr. Zwischen 1941 und 1945 vielleicht und die nächsten 12 Jahre, nachdem Stalin den großen Vaterländischen Krieg gewonnen hat. Wie wärs mit Landwechsler, Umverpflanzte, Umhergetriebene oder Wurzellose. Pflanzen, die leben ohne in der Erde zu wurzeln. Wie Efeu. Aber Efeu ist ein Parasit. Und das ist ein Schimpfwort und trifft es auch nicht. Außerdem sind Aussiedler sehr auf Wurzeln bedacht. Erde und Eigentum sind vielen wichtig. Irgendwo angekommen zu sein und einen Platz zu finden. Verlorene Söhne und Töchter, endlich heimgekommen.

Endlich-Angekommene oder Willkommene wäre nett als Name, ist wohl aber zu viel verlangt von den Hiesigen. Den deutschdeutschen Mitbürgern. Im Gegensatz zu den Russlanddeutschen, auch so ein seltsamer Begriff. Ist auch nicht zutreffend. Denn die meisten kommen aus Kasachstan, wohin die Wolgadeutschen deportiert wurden, die Alteltern stammen vom schwarzen Meer, die Nachkommen sind in Sibirien gelandet oder im Ural. Gilt der Ural eigentlich noch als Russland? Ich glaube er liegt schon jenseits. Also Russlanddeutsche, die nie in Russland waren, außer vielleicht bei einer Städtreise nach Moskau oder St. Petersburg/Leningrad.  Das sind Feinheiten. Aber Sprache ist bekanntlich das Kleid des Geistes. Und wir wollen doch modisch bleiben, oder?

Wildost-Pioniere klingt wie Wildwest-Pioniere, irgendwie abenteuerlich. Sogar Dissidenten hört sich spannender an. Oder Conquistadores, mutig und wichtig. Kolonialisten und Imperialisten, fies aber irgendwie auch stark. Das Wort Aussiedler dagegen hat so einen muffigen Beigeschmack, langweilig und irgendwie nichtssagend. Naja, ein Glück in etwa 100 Jahren haben sich alle schön integriert, sich vermischt mit den Hiesigen und den anderen und dann ist die Bezeichnung kein Thema mehr. Und in der Zwischenzeit?