Spruch der Woche: Scherbenpark

Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen, denke ich einmal mehr. Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst.

Scherbenpark, Alina Bronsky, Seite 62

Diesen Satz der Protagonistin Sascha, der eigentlich auf ihren gewalttätigen Stiefvater Vadim gemünzt ist, bekomme ich nicht aus dem Sinn.

Alina Bronskys Erstlingswerk von 2008 (es gibt auch einen gleichnamigen  Film dazu) gilt als ein Coming-of-Age Drama. Ich würde es eher als Coming-of-traumatisches-Erlebnis Drama bezeichnen.

Scherbenpark heißt der Ort an der Hochhaussiedlung, an dem die Jugendlichen abhängen – auch Saschas Leben liegt anfangs in Scherben.

Sie hat einen russischen Hintergrund (nicht erkennbar russlanddeutsch, aber vieles ist vergleichbar) und der ist im Buch angenehm spürbar: anhand von Details, den Charakteren, die am Rande mitspielen: wie dem gelähmten Schachspieler Oleg oder der mütterlichen Maria. Es ist nicht aufgesetzt, ein stimmiges Hintergrundrauschen, das dem Film leider gänzlich verloren geht.

Und der obige Satz? Er setzt vieles frei. Ich muss an dieses Experiment denken, mit den zwei Äpfeln. Einer wird gelobt und vorsichtig behandelt, der andere nur rumgeschmissen und auch noch beschimpft. Außen sieht man den Äpfeln keinen Unterschied an, aber innen ist der eine komplett zerstört.

Das Mädchen Sascha in der Geschichte ist innerlich verletzt, aber durch ihre entwaffnende und kluge Dreistigkeit kommt sie klar kann letztendlich die Scherben zu einem Ganzen zusammenfügen.

Alina Bronsky, Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten.

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Mustererkennung

das Leben ist eine Baustelle - auch ein Muster
Das Leben ist eine Baustelle – auch so ein Muster

Heute wieder zwei Scherben aufgelesen. Sie lagen am Rand der Baustelle von gegenüber, dort wo vor dem Krieg Häuser standen und für lange Jahre ein Industriegelände war mit Hallen und LKW-Parkplätzen. Dazwischen Brachland. In dieser Straße gab es einst Häuser auf beiden Seiten, jetzt sind die Hausnummern lückenhaft. Nach 55 kommt lange Zeit nichts mehr und auf der anderen Seite gehen die geraden Zahlen bis weit über die 100. Sind diese Keramikscherben mit irgendwelchem Geröll für die Baustelle hierhergekarrt worden oder stammen sie noch aus dem Schutt der alten Hausruinen? Die ins Erdreich eingesunken sind als die Erde für die Lagerhallen planiert wurde und die jetzt durch das erneute Aufgraben wieder heraufgeschwemmt sind?

Die kleinere Scherbe zeigt drei hellblaue Flecken auf weißem Grund, vielleicht sind es abstrahierte Blätter, möglicherweise nur der Teil eines nicht bestimmbaren Rapports aus Tupfen. Die andere könnte das Stück einer Kachel sein und hat eine blaufleckige Oberfläche. Königsblau. Darauf erkenne ich wolkige Gebilde, dichtgeballt, aufgerastert in kleine Pünktchen, wie beim Druck. Ich sehe darin den Ausschnitt eines Gewitterhimmels über einem barocken Schäferidyll oder Wölkchen neben einer nicht mehr sichtbaren ostfriesischen Windmühle. Oder aber es ist reine abstrakte Klekserei. Aber wer weiß das schon, denn womöglich entstehen diese Wolken, diese Küchenfliesenmotive nur in meiner Einbildung. So ist es mit Scherben, sie zeigen immer nur einen Ausschnitt des Ganzen. Und wie es hinter ihren Rändern weitergeht, kann man mit Glück manchmal erahnen. Oft noch nicht einmal das. Das Gesamtbild, die Matrix, kriegt man meist nicht mehr zusammen.
Es sei denn, es tauchen weitere (alle?) Bruchstücke auf oder man verfügt über genug Erfahrung, wie die Archäologen, die anhand eines Splitters sagen können, diese Ranke ist eindeutig Teil einer etruskischen Frieszeichnung oder dieser Klecks da ist das Ohr von Anubis, dem ägyptischen Gott der Totenriten, aber sowas von. Aber auch sie müssen sich an Tatsachen halten und dürfen nicht spekulieren. Sie brauchen Beweise, im besten Fall chemischer oder radioaktiver Natur.

Und wir? Wir sind Archäologen des Alltags. Wir setzen zusammen. Fabulieren das was wir nicht sehen einfach weiter. Von unseren Mitmenschen kriegen wir ja auch nur einen Bruchteil mit, womöglich nur den Ansatz eines weitergehenden Musters. Aber was sich wirklich außerhalb der sichtbaren Ränder abspielt, aus welchen inneren Motiven, aus welcher Ursuppe die Worte und Handlungen unseres Gegenübers gespeist werden – das entzieht sich unserer Kenntnis. Bis zu einem gewissen Punkt zumindest. Wenn wir Pech haben, dann ist dieser Mensch ein einziger Scherbenhaufen, und dann finde mal raus, welches konkrete Muster er mal gehabt hat.
Egal wie gut man ist, egal, wie tief man gräbt, es bleiben immer Leerstellen. Brachland zwischen den Bauwerken.

Die beiden Bruchstücke von der Baustelle wandern jedenfalls in unsere „Wird-mal-zu-einem-Mosaik-zusammengesetzt-Kiste“. Ich bin sicher, dass ich auf die Reste der ehemaligen Altbauten der gegenüberliegenden Straßenseite gestoßen bin. Bräuchte nur mal ein Labor, um ihr wirkliches Alter festzustellen.

Секретики – kleine Geheimnisse

Die Bonbon-Papierchen (фантики) von der Schokoladenfabrik Roter Oktober haben mich auf eine Idee gebracht. Lange war sie vergessen, diese Sommer-Kleinmädchen-Beschäftigung. Andere, die in Russland der letzten Jahrzehnte aufgewachsen sind, werden sich noch erinnern.

Unser Spiel hieß Секретики (Sekretiki) oder kleine Geheimnisse und ging so:

Man nehme etwas das zu verstecken sich lohnt: Blumen, Blätter, kleine Steine oder eben bunte Papierchen mit schönen Bildern. Dann suche man sich eine Glasscherbe, nicht zu klein. Es ist eigentlich egal, ob aus weißem, grünem oder braunen Glas. (Übrigens habe ich mir nie die Finger an einer solchen gefundenen Scherbe geschnitten, obwohl mich meine Mutter sicher gewarnt hatte, aber wenn das Kind behutsam mit dem Glas umgeht, passiert nichts). Ich weiß übrigens gar nicht mehr, ob sie es als Kind schon gespielt hat. Ich werde sie mal fragen…

Dann suche man sich irgendwo einen Ort, im Hof, im Garten, bei einer Baumwurzel oder im Sand und grabe eine kleine Mulde hinein, nicht zu tief, groß genug für die Glasscherbe und das zu versteckende Gut. Die Erde darf nicht zu festgestampft sein oder zu kalt so wie jetzt, im Februar. Zu matschige Erde geht auch nicht. Es ist eindeutig was für den Sommer.

In diese Mulde lege man den Schatz, decke ihn mit der Glasscherbe zu und schütte die abgetragene Erde wieder drauf. Jetzt kommt der Kinderfinger zum Einsatz und rubbelt an einer oder mehreren Stellen kleine Fensterchen frei, ganz behutsam und vorsichtig. So entsteht das kleine Geheimnis.

Das unterirdische Exponat kann übrigens wieder zugedeckt werden. Es ist ein echter vergrabener Schatz. Man kann das Wissen für sich behalten oder es mit einer Freundin teilen.

Man kann mehrmals am Tag zu der Stelle gehen und mal nachgucken, ob der Sekretik noch da ist oder ob andere Kinder ihn entdeckt und geplündert haben.

Heute würde man das wohl Upcycling nennen. Oder Landart. An diesem Spiel kann man erkennen, wie reich und arm unsere Kindheit war, wenn uns Scherben und Bonbonpapierchen als Spielzeug dienten. Reich an Einfallsreichtum. Arm an online bestelltem Spielzeug. Ich glaube, dass ab einem gewissen Alter, sieben oder acht, die Mädchen das Interesse an diesem Spiel verlieren. Irgendwo im Netz habe ich gelesen, dass das eine rituelle Handlung sei, die Kinder vollziehen, weil sie das, was für sie einen besonderen Wert hat, vor den Augen der anderen und vor den Erwachsenen verbergen, ihr eigenes Reich schaffen. Und einer schrieb sogar, dass bei diesem Spiel die Angst vor dem Tod spielerisch aufgenommen wird.

Aber ich weiß nicht, ich assoziere mit diesem Spiel Sonne, in der Erde graben und diese schönen bunten teilweise glitzernden Papierchen. Für mich ist es reine Nostalgie.

Und wenn das Wetter und die Wärme es erlaubt, werde ich mal Bilder davon machen und eine richtige kleine Anleitung machen. So kann die Tradition des Scherben Sammelns weitergehen.