Poetisches Intermezzo: Dominik Hollmann

Die folgenden Verszeilen wurden mir  vorgestern vom Enkel des Dichters zugeschickt, weil ich gerade an einem Vortrag über die Geschichte der russlanddeutschen Literatur sitze.

Doninik Hollmann

Dominik Hollmann schrieb das Gedicht Mein Heimatland fern von der Wolga im hohen Norden am mächtigen Fluss Jenissej, wo er in der Verbannung lebte. Die Heimat, auf die er sich bezieht, ist die Wolgaregion, aus der die dort lebenden Deutschen zu Beginn des Krieges vertrieben worden sind. Nach Kriegsende hatten viele von ihnen die Hoffnung gehegt, in ihre angestammten Gebiete zurückzukehren.

Diese Sehnsucht blieb in dieser Zeit noch unerfüllt. Denn im Jahre 1948 erschien ein Regierungserlass bezüglich der Sondersiedlungen für die Deutschen: wer den Verbannungsort verlässt, wird mit 20 Jahren Haft bestraft. Daraufhin schrieb Hollmann diese Verse:

Mein Heimatland

Wo der Karaman* leise plätschernd
um den sandigen Hügel biegt,
wo die alte Trauerweide
über ihm die Äste wiegt,
wo die breiten Ackerfelder
dampfen in dem Sonnenbrand,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein liebes Heimatland.

Wo beim ersten Sonnenstrahle
sich die Lerche trillernd schwingt,
wo des Dampfers schrilles Tuten
weitaus in die Steppe dringt,
wo mir jeder Stein und Hügel
ist von Jugend auf bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein trautes Heimatland.

Wo die Kirschen purpurn glühen,
reift der Äpfel goldne Last,
wo die saftigsten Arbusen*
labten uns zur Mittagsrast,
wo wir deutschen Tabak bauten,
wie kein zweiter war bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein teures Heimatland.

Wo mein Herz der ersten Liebe
und der Freundschaft Macht erkannt,
wo bei gut und schlechten Zeiten
ich auf festen Füßen stand,
wo mein Vater arbeitsmüde
seine letzte Ruhe fand,—
an der Wolga, an der Wolga,
ist mein wahres Heimatland.

Wo wir neunzehnhundertachtzehn
kämpfen für die Sowjetmacht,
unsrer fleiß’gen Hände Arbeit
Wohlstand und Kultur gebracht,
wo im Bruderbund wir bauten
unsre Wolgarepublik,—
an der Wolga! an der Wolga!
ist mein Heimatland, mein Glück.

Von einer Veröffentlichung konnte keine Rede sein. Auch später als es deutsche Zeitschriften gab, blieb es wegen seines Inhalts, der als nationalistisch eingestuft worden wäre, in der Schublade liegen. Irgendwann schickte Hollmann das Gedicht an seinen Dichterkollegen Victor Klein in den Ural, der ihm bald darauf folgende Rückmeldung gab: Die Menschen kopierten das Gedicht unter der Hand und sangen es sogar leicht abgewandelt zu der Melodie des bekannten Volksliedes über Stenjka Rasin.

Hier das Originallied auf Russisch, gesungen vom Chor der roten Armee mit Bildern aus dem Stenjka Rasin Stummfilm von 1908:

Von den Abschriften, der Stenka-Rasin-Melodie und dem Bestreben seines Großvaters, in die Heimat an der Wolga wiederzukehren,  erzählte mir sein Enkel am Telefon. Es steht aber auch im Vorwort eines im Jahre 1999 erschienenen Gedichtbandes: Ich schenk dir Heimat, meine Lieder. Aufgelegt wurde das Büchlein in Kamyschin, im Wolgagebiet, wo  es Dominik Hollmann dann doch geschafft hatte zu leben. Von 1978 bis zu seinem Tod im Jahre 1990.

*Karaman: Zufluss der Wolga
*Arbusen: Wassermelonen

illegale Abschrift eines von Dominik Hollmanns Gedichten, Ein Traum, 1. Seite

 

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Schule machen – mBook über Russlanddeutsche

Mitte März ist ein multimediales Schulbuch (daher auch das kleine m vor dem Book) erschienen, das mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte. Es ist kostenfrei und ohne zusätzliche Software im Internet abrufbar und besteht aus neun Kapiteln, darunter zum Beispiel Der Mensch als Wanderer, Identitäten und Heimaten oder Russen und Deutsche. aufgerufen kann es einfach werden unter: http://mbook.schule

Mit Fangfragen wie dieser wird der wissenschaftliche Grundton etwas aufgelockert:

Die Inhalte sind vielfältig und weit gestreut: es werden Vorurteile  behandelt aber auch gewichtige Fragen aufgeworfen wie: Sind Identitäten frei wählbar oder festgelegt? Mein Lieblingskapitel ist natürlich 6.4 Der Große Terror und die ‚5. Kolonne‘. Die einschneidenden Jahre 1937 und 1941 werden hier besprochen. Spannend: das Kapitel darüber, wie die Deutschen in Russland 1941 zwischen die Fronten geraten, führt zu einer Diskussion über die Doppelstaatlichkeit heute. Aktuelle Bezüge fehlen also nicht.

In dem Abschnitt Heimat geht durch den Magen sehen wir der Redaktion dabei zu, wie sie einen Borsch‘ nach dem Rezept der russlanddeutschen Oma Berg zubereitet und im Unterkapitel Kleider machen Leute werden in einer Modenschau unter anderem Fufaikas vorgeführt, das sind wattierte Jacken, die von den Lagerinsassen im Winter getragen wurden. Neben den Rüschenkleidern des 19. Jahrhunderts kommen auch Bastschuhe vor, sogenannte Lapti. In Russland seit je her typische Armeleute-Schuhe. Die Arbeit an dem Lernbuch war ein Work in Progress: während der Recherchen im Museum in Detmold entdeckt das Team im Archiv einige alte Kleidungsstücke und die Idee für die Moderstrecke wird geboren.

In multimedialen Einsprengseln, Videos und Audio-Aufnahmen kommen Personen zu Wort, wie die ehemalige Leiterin des Museums für Russlanddeutsche Geschichte Katharina Neufeld oder der Vorsitzende der Landsmannschaft in NRW Alexander Kühl. Die Redaktion spricht also nicht nur von Russlanddeutschen, sondern hat auch mit ihnen gesprochen. Überhaupt waren die Recherchen sehr umfassend – das Institut für digitales Lernen hat seit 2015 an diesem mBook gearbeitet. Ganz unten auf einer Einleitungsseite stellen sich die Autoren und die Autorin vor und berichten darüber, wie sie an das Thema herangegangen sind und was es bei ihnen ausgelöst hat.

Es wird schnell deutlich, dass es trotz wissenschaftlicher Herangehensweise nicht nur um historische Fakten geht, sondern die Geschichte in einen größeren Kontext eingebunden wird. Anhand des Schicksals dieser hin und her gebeutelten Volksgemeinschaft werden Themen behandelt, die weit mehr Menschen betreffen und universell sind.

Marcus Ventzke, einer der Autoren des mBooks, schreibt im Blog Multimediales Lernen dazu: die Geschichte der Russlanddeutschen enthält viele Orientierungsanlässe, um über die Grundfragen menschlichen Lebens und Zusammenlebens nachzudenken. Frieden und Krieg, Freiheit und Unterdrückung, Konflikt und Ausgleich, Sesshaftigkeit und Migration, Diktatur- und Demokratie-Erfahrungen: all das sind Themen, die weit über die Geschichte der Russlanddeutschen hinausgehen und daher für alle Lernergruppen interessant sind.

Fehlt was?

Nicht alle scheinen glücklich mit dem Ergebnis zu sein. Ein russlanddeutscher Historiker, Dr. Hist. Alex Dreger, kritisiert das Projekt, in dem er auf Ungenauigkeiten hinweist und den Autor*innen Verallgemeinerungen vorwirft. (Einige seiner Hinweise wurden sogar schon in das mBook aufgenommen, denn da es digital ist, kann es nachträglich verändert werden.)

Herr Dreger hängt seine Kritik hauptsächlich an der Frage auf, wer die Russlanddeutschen wirklich seien. Natürlich keine Russen und keine Migranten, sondern Deutsche. Diese Tatsache würde ihm wohl noch zu wenig betont. Möglicherweise entspricht die Einstellung der Redaktion zum Thema Nationalität und Nationalstaat nicht seinen Vorstellungen.
Das ist wohl ein grundsätzliches Problem und würde zu weit führen, es in einem Satz abzuhandeln oder gar zu lösen.

Es ist wohl schwerlich zu erwarten, dass in einem Schulbuch alle Feinheiten der Geschichte, alle Kontroversen und alle Widersprüche und Seitenwege auftauchen. Es ist ein didaktisches Werk für Jugendliche und kann nicht umfassend sein. Es vermittelt. Und es muss so gestaltet sein, dass es anspricht und nicht durch Bleiwüsten anödet. Das wirkt bei Eingeweihten dann vielleicht wie eine Verallgemeinerung.

Im mBook werden zum Beispiel Vorurteile gegenüber Russen aufgeführt. Zurecht wie ich finde, denn nicht selten werden wir mit ihnen in einen Topf geworfen. Herr Dreger fürchtet, dass das Aufgreifen der Vorurteile (insbesondere des des Wodkakonsums) ein falsches Licht auf die Russlanddeutschen wirft und den russlanddeutschen Schülerinnen und Schülern eher mehr Anfeindungen bringt als weniger.

Anstatt zu würdigen, dass sich ein Team hingesetzt hat und sich über Jahre mit unserer Geschichte auseinandergesetzt und ein qualitativ so hochwertiges Ergebnis präsentiert, krittelt er an Kleinigkeiten herum.
Möglicherweise braucht es ein eigenes Buch, um die Bereitschaft von ehemals unterdrückten Minderheiten zu beschreiben, sich latent mißverstanden und ignoriert zu fühlen und hinter jeder Hecke eine Beleidigung und mangelnde Wertschätzung zu wittern. Dieses Phänomen resultiert wohl aus einem kollektiven Trauma, dass diese Minderheit erlebt hat. Aber auch die Beschäftigung mit diesem Thema würde die Kapazität eines Schulbuches sprengen.

Die Macher*innen des mBooks stellen jedenfalls Stereotype über Deutsche mit denen über Russen gegeneinander. In Kapitel 2.2 heißt es:

Ein weiteres Stereotyp über Russen lautet, dass sie eher nach einer starken, verbindenden Gemeinschaft streben, nicht so sehr nach dem Ausleben individueller Freiheit. Vielleicht liegt das an der Kälte und Weite des Landes oder am Kollektivdenken in der Sowjetunion; vielleicht ja auch an den gesellschaftlichen Veränderungen und Verwerfungen seit Zusammenbruch der Sowjetunion.
Viele Russen scheinen einen starken, manchmal auch übergriffigen Staat akzeptabel zu finden, solange dieser Staat das Versprechen einlöst, sich um seine Bürger zu kümmern. Gleichheit wird als gesellschaftliches Ziel höher geschätzt als Freiheit.

Ich finde die Stereotypen eher witzig und treffend, die Nähe zu Russland ist doch nicht zu leugnen. Wieso denn? Wir sind halt keine waschechten Teutonen, wenn man uns in Seifenlauge taucht, kommen ganz andere Schichten zutage. Aber die sind doch nichts, was uns peinlich sein sollte. Eher umgekehrt. Nicht nur den Hang zur Gemeinsamkeit haben die Russlanddeutschen aus Russland mitgebracht. Oder die Trinkfestigkeit. Sondern eine Angewohnheit, die im mBook unerwähnt bleibt: das Aufdrängen von Nahrung durch die Herrin des Hauses. Teller werden aufgehäuft, du kannst nicht aufstehen, bevor du platzt. Schlimm ist das! Und auch irgendwie typisch. Doch, auch das taucht auf, in Kapitel 3.4, wo gesagt wird, wenn du zu Russlanddeutschen eingeladen bist, sieh zu, dass du mit leerem Magen hingehst. Nun gut.

Meine persönlichen Nachbesserungsvorschläge wären: Begriffe wie Trudarmija oder Sondersiedlung, die im Text auftauchen und kurz erläutert werden, auch im Glossar aufzunehmen. Auf Kommunalka oder Komsomol würde ich verzichten, von mir aus. Aber Wenn schon Lapti (Bastschuhe) erwähnt werden, warum nicht auch Walenki (Filzstiefel)?

Als einer Angehörigen der betroffenen Gruppe wird mir höchstens nicht stark genug betont, dass die Deportation bis in die Mitte der 50er Jahre gedauert hat. Und danach die Menschen zwar frei ziehen konnten aber nicht mehr zurück in ihre angestammten Gebiete und nicht die Sowjetunion verlassen durften. Oh. Ich glaub, es taucht wohl auf. Weiter unten. Es ist halt auch so viel Stoff, dass ich es kaum schaffe, mich da durch zu kämpfen – allein 33 Unterkapitel und wenn man es ausdrucken würde, 470 Din A4 Seiten! (Keine Sorge, es gibt ein kurzes Erklärungsvideo, was die lila- und grünunterlegten Texte für Funktionen haben, aber für digital natives, also die meisten Schüler*innen ist das Gebilde wohl selbsterklärend.)

Orte der Verbannung multimedial erfahren

Das „mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte“ geht auf eine Initiative des Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen zurück. Aber dennoch hat kein/keine der Autor*innen einen russlanddeutschen Hintergrund. Es wird spürbar, dass hier eine Gruppe von außen beleuchtet wird. Wie durch einen Filter. Aber vielleicht ist es kein Nachteil. Sie bleiben sachlich und verlieren sich nicht in Befindlichkeiten oder Sorgen ums Nichtverstandenwordensein.

Ein Russlanddeutscher würde bestimmte Dinge kaum so formulieren: Sie besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit und dennoch beginne ich dieses Buch mit einem Kapitel über Migranten. Warum?

Um sie im nächsten Moment in einen Kontext zu stellen:

  • Erstens ist die Geschichte der Russlanddeutschen auch eine Geschichte der Wanderung. Aus ganz unterschiedlichen Gründen haben Russlanddeutsche immer wieder ihren Wohnort verlassen (manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen), um an einem anderen Ort zu leben. Um diese Geschichte zu verstehen, brauchen wir die Begriffe, die ich in diesem Kapitel vorgestellt habe. 
  • Zweitens sind die Russlanddeutschen heute in Deutschland oft in Situationen, in denen sie sich mit dem Begriff ‚Migrationshintergrund‘ auseinandersetzen müssen. Sie müssen oft einen Kampf darum führen, als ‚richtige Deutsche‘ akzeptiert zu werden. Diese Erlebnisse teilen sie mit den Nachkommen von Migranten, die seit ihrer Geburt in Deutschland leben.  

Auch ich hätte einiges sicher anders verfasst, unter das Foto der Bastschuhe hätte ich geschrieben:

Solche Lapti trugen die Sondersiedler im Sommer, bei Minus 40° hatten sie Walenki, gewalkte Filzstiefel. Was glauben Sie, wie viele Zehen da trotzdem abgefroren sind. Einmal das war schon in den Siebzigern und Sondersiedlungen längst aufgelöst, da bin ich mit meinem Vater im Bus gefahren und habe die Galosche zu meinem neuen Filzstiefel verloren. Er musste bis ins Depot fahren und da, welch ein Wunder, hat er meine Galosche auch gefunden! Aber wir sind an diesem Tag viel zu spät zum Abendessen gekommen.

So hätt ichs gemacht!

Ich bin keine Schülerin mehr und auch keine Lehrerin. Ich habe das mBook als eine durchgearbeitet, um die es geht. Habe dabei Bekanntes entdeckt und auch neue Details erfahren. Es wurden sogar einige neuralgische Punkte berührt, mit denen ich mich gedanklich schon länger rumschlage, und zwar eher „hinten“ im Book, wobei man bei multimedialen Werken ja nicht wirklich von vorne und hinten sprechen kann. Aber in den letzteren Kapiteln, wo es um ‚russlanddeutsche Identität heute‘ geht, finde ich zwei Aussagen, die etwas, das mich umtreibt, auf den Punkt bringen:

Deutsch sein

Das klingt banal, ist es aber nicht. Für Deutsche ohne Migrationshintergrund ist das Deutschsein oft etwas nebensächliches, eher ein Randaspekt der eigenen Identität. Russlanddeutsche haben zum Deutschsein einen anderen Bezug. Über lange Zeit wurden sie (oder ihre Eltern und Großeltern) für ihr Deutschsein diskriminiert, verfolgt und manchmal getötet. Und seit ihrer Ankunft in Deutschland müssen sie darum kämpfen, als Deutsche anerkannt zu werden. Nicht als deutsche Staatsbürger – das sind sie. Aber dafür, von ihren Mitmenschen nicht länger als ‚Russen‘, sondern als Deutsche wahrgenommen zu werden.

Hier das zweite Zitat:

Opfer sein

Ein Identitätsaspekt für viele Deutsche ist es, Nachkomme von Tätern – Nationalsozialisten, Kriegstreibern, Völkermördern – zu sein. Die Russlanddeutschen zählten nun aber nicht zu den Tätern, sondern zu den Opfern der großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts (siehe Kapitel 6). Es ist aber nicht leicht, in Deutschland über deutsche Opfer etwa des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Das heißt, dass russlanddeutsche Erinnerungen und Erfahrungen nur selten mitgeteilt und gehört werden.

Wobei das mit dem Opfer-Täter Prinzip natürlich nicht immer so klar ist. Aber es ist ein Schulbuch und kann nur eine gewisse Widersprüchlichkeit aufweisen. Dennoch werden hier zwei wesentliche Merkmale oder Unterschiede benannt, die die Russlanddeutschen von den Einheimischen trennen, denn sie wirken befremdlich. Das Pochen aufs Deutschtum und die Opfermentalität.

Klar würden unsere Autor*innen und unsere Historiker andere Akzente setzen, aber manchmal lernen wir mehr über uns selbst, wenn wir von außen gespiegelt werden. Und hier geschieht es mit einem wohlwollenden, respektvollen Blick. Der Schleier der Ignoranz ist zerrissen (Sorry, der Sprachschimmel geht mit mir durch!), jetzt kann ich unter die böswilligen Kommentare auf Facebook immer setzen: hier schau mal, da lernst du was. Mit einem Link oder einem Zitat.

Pastor Edgar Born in einem Videointerview

Unwissenheit schafft Vorurteile und Verstehen führt zu Verständnis. So sagt der Interviewpartner in einem Video, Pastor Edgar Born, Aussiedlerbeaftragter der evangelischen Kirche:

…unter den Jugendlichen, die mit dieses Buch mitbenutzen werden, werden Russlanddeutsche sein, die überhaupt nicht vertraut sind mit ihrer Geschichte, mit der Geschichte ihrer Volksgruppe, und die werden verstehen lernen.

Und auch die anderen, die von hier, werden vielleicht einen Grundrespekt entwickeln und hoffentlich nicht mehr vorschnell dreckige Russen oder Putinversteher rufen, nachdem sie die Zusammenhänge kennen.

Der erste Schritt in die Schulen ist geschafft! Es wurde aber auch langsam Zeit. Nun wird es sich erweisen, ob dieses mBook Schule machen wird!

Hier geht’s zur Hauptseite, von wo aus auch der Weg zum mBook nicht weit ist:
https://mbook.schule/rd/mbook/

Blog digitales Lernen:
http://blog.multimedia-lernen.de/das-mbook-russlanddeutsche-kulturgeschichte/

Haufenbildungen

Es war fast schon etwas Unpersönliches. Die Unordnung hatte von ihrem Leben Besitz ergriffen und beherrschte es mit strenger Hand. Ein Diktator, der seine Zeit forderte, der von ihr eine tägliche Verneigung erwartete. Man könnte meinen, Ordnung zu halten, würde Zeit kosten. Trugschluss: die ewige Sucherei ist es, die wertvolle Lebenszeit frisst.

Wann hatte Melitta sich eigentlich dazu entschieden, diesem Gott zu huldigen, den die Griechen Chaos nannten? Mit zwölf? Dreizehn? Als all das, was Gut war, gerade und ordentlich und plausibel sein musste. Und sie allen am liebsten entgegen geschrien hätte, aber Erfindungen kommen nicht aus ordentlichen Berechnungen, Phantasie ist nicht gerade, und die Welt ist schon gar nicht plausibel.

Haufenbildungen
Eines muss man lassen: im Chaos gibts viel zu entdecken.

Die Huldigung an das Chaos hat sie letztendlich in eine Sackgasse geführt. Denn irgendwann fehlt die Kraft für phantasievolle, einer eigenen Logik folgende Geschichten, wenn man ständig etwas suchen muss und immer neue Haufen vor Augen hat, bei denen man nicht weiß, was nun zu unters liegt. Einzelne Kontoauszüge für die Steuer, die sich regelmäßig ein Jahr später zwischen anderen Papieren oder Bons einfinden, die überhaupt nicht für die Steuer relevant sind. Schlüssel und Schwimmbrillen, und sogar Geschichten, die zufällig an einem ganz anderen Ort auftauchen. Und dazwischen Flyer, Programmheftchen und Folder mit Ankündigungen von Neuerscheinungen, die sie auf jeden Fall noch lesen wollte. Unaufmerksamkeit gehört dazu, sehr unbuddhistisch. Vielleicht war es eher das.

Sie bewegte sich in diesem Raum der Wahrscheinlichkeiten. Das, was zufällig aus den Wogen der Zeit wieder auftauchte, darauf reagierte sie, nahm es als Dingorakel, folgte der Spur der eingeworfenen Zeichen und Hinweise. Doch das klappte leider nicht immer. Manchmal wurde ein ganz konkreter Nachweis verlangt, wurde etwas dringlich, was sich aber in einem Haufen versteckt hat, der erst in drei Monaten ins Blickfeld rücken wollte.  Pech gehabt.

Menschen, die für jedes Ding einen eigenen Platz haben, die stehen nicht eine geschlagene Viertelstunde mit einem Nupsi oder einer Postkarte in der Hand und überlegen, mit welchen anderen Dingen im Haushalt könnte das denn harmonieren? Denn so wie Leute auch, lassen sich die Dinge nicht immer in Schubladen einordnen. Gut, bei einigen ist es leicht, flache Teller zu flachen Tellern und Töpfe zu Pfannen und große Schüsseln unter die kleinen Schüsseln. Aber was ist mit Plastikbehältern und Gläsern mit Deckel, für den Fall des Marmeladeeinkochens? Dort wo die Töpfe sind oder dort wo Alufolie und Backpapier liegen oder doch nur dort grad wo Platz ist? Dort wo grad Platz ist ist ein schwieriges Kriterium, auch wenn sie mit der Zeit ein inneres Koordinationssystem für alle Dinge in der Wohnung entwickelt hat. Manchmal versagt dieses Navi und dann ist „dort wo grad Platz war“ kein sonderlich hilfreiches Attribut, um etwas zu finden. Aber manchmal blieb ihr nichts anderes übrig. Serviettenringe und Kerzenstummel. Zu welchen Dingen passen sie in einen Kontext? Oder schafft man ihnen eine eigene Welt? Nur weil sie selten gebraucht werden und schon fast heruntergebrannt sind, kann man sie doch nicht verurteilen und den Weg allen Irdischen gehen lassen? Auch Menschen sind manchmal abgebrannt, durch Burnout oder finanzielle Pleite. Was, du kannst nicht zahlen? Raus aus der EU. Das geht doch nicht. Da brauch es langwierige Verhandlungen in Brüssel. Auch ein Serviettenring, selbstgebastelt und mit unseren Namen in Goldbuchstaben, hat ein Recht darauf, zu existieren. Stopf ins Fach und weg damit. Kurz und schmerzlos verstaut. Aber wenn es gedankenlos geschieht, dann kann man diese Dinge gleich im Bermudadreieck versenken. Auch wenn die Serviettenringe ihr in regelmäßigen Abständen vor die Füße fallen, weil darunter Zettel mit alten Rezepten, Mülltüten, die ein Fehlkauf waren und zu keinem Mülleimer der Wohnung passen und die Broschüre von der Stadtreinigung lagern. Durch die Mülltütenrollen bilden sie eine gekippte Ebene, von der rutscht schon mal was runter.

Leute, die Ordnung halten, schmeißen wahrscheinlich alles was nicht in eine klare Kategorie hineingehört, einfach weg. Und Tschüss. Oder sie haben ein inneres Ordnungssystem, das jedem Ding seinen unverwechselbaren, logischen Platz zuweist. Aber dafür fehlte ihr das Organ. Und so wuchs die Dingwelt und verfilzte sich, verklebte miteinander, verformte sich an den Rändern und in den Ecken und führte ihr Eigenleben. Ließ wichtige Dinge verschwinden, ließ andere wieder auftauchen und war auf diese Weise ständig präsent. Ein sich windender Leviathan.

Auch wichtige Papiere mussten jedes Mal neu gefunden werden. Entweder lagen sie in einem der drei Haufen (in drei Teile geteilt, nicht nach Sinn und Unsinn, sondern weil der Stapel verrutscht, wenn er zu hoch wird) oder in einem der vielen Leitzordner. Aber aus einer Rebellion gegen das Spießertum heraus, hat sie ihren Ordnern früher mal kreative Bezeichnungen gegeben. Zum Beispiel: Tiger (um sich Mut zu machen, mit Behörden umzugehen), oder Write or Wrong, oder 9. Haus und 10. Haus. Die letzteren wegen der Astrologie, denn das 9. Haus umfasst alles, was Weiterentwicklung und Reisen betrifft, Lernen und persönliche Entwicklung. Das zehnte Haus ist der Bereich der Karriere, des Berufes und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Ein schickes Haus oder ein Auto würden auch dazu zählen. Statusobjekte. Aber was half das alles, wenn sie die Sozialversicherungsnummer suchen wollte. Oder eine Bescheinigung aus dem Studium. Manchmal war ein Ordner schon voll und ein Rest der Krankenkassen-Korrespondenz landete in dem Ordner vom Arbeitsamt. Also musste sie in mehreren Ordnern nachsehen, wenn sie was finden wollte. Und am Ende durchforstete sie sie alle und fand das Gesuchte dann doch nicht. Kein Wunder, dass ihr der Mut sank, wenn ein Brief kam, dies und dies muss noch bis dann und dann nachgereicht werden, unverzüglich und vollständig. Nein, sie mochte diesen Gott nicht mehr. Kreativität hin oder her. War es nicht ein Gott der Zerstörung? Sie wusste aber auch nicht, wie sie sich daraus befreien sollte. Irgendwann mit über dreißig hat sie angefangen, die Ordner anders zu beschriften und wichtige Dinge, wie Haustürschlüssel, Kamera und Thesafilm immer an ein und den selben Platz zu packen. Aber was wurde mit den Stoffen und der Wolle, die darauf warteten, verarbeitet zu werden? Was mit den vielen Kabeln von Handys, die vor Jahren den Kindern zum Spielen abgegeben wurden? In einer Welt der Ordnung muss man so viele Kleinigkeiten beachten, man kann nicht einfach nur in den Tag hinein leben. Die Dinge nehmen auch ihren Platz ein im Kopf, wollen angefasst, verstaut, kategorisiert und abgespeichert werden. Bleibt da noch Zeit für was anderes? Ja, denn sobald sie wegsortiert und eingeordnet sind, am richtigen Platz, am besten in geschlossenen Schränken, aus den Augen sozusagen, kommen sie auch aus dem Sinn. Und es wird Raum frei für anderes. Leere. Vakuum. Sehnsucht Vacuii. Ein unerfüllbarer Wunsch.

Hatte sie vielleicht messiehafte Ansätze? Wäre sie ein geeigneter Kandidat für eine Spätabendsendung, wo Aufräumtrupps mit Schutzanzügen in vollgemüllte Häuser eindrangen, um zusammengepappte Schichten von Essensresten und Kleidung zu entfernen und Ungeziefer mit kleinen Giftgaben zu vernichten?

Wie grob da mit der Psyche umgegangen wird. Ja, bei der Melli, da sitzt eine Angst ganz tief in ihr drinne und lässt sie all diese Sachen horten, nicht wahr? Welche Angst könnte das denn sein, Melli, dreh dich mal eben zur Kamera hin und sag unseren Zuschauern, ob dein Vater dich geschlagen hat und wie oft. Und am Ende waren sie beim Friseur und auf dem Friedhof und in der Hundeschule, ganze vier Stunden, damit das Hundchen nicht über das Frauchen herrscht sondern umgekehrt. Und kommen zurück in eine abgetünchte, leergeräumte und gelüftete Wohnung, die aus dem Katalog eines niedrigpreisigen Möbelhökers eingerichtet ist. Bist du sicher, dass du diesen New-York-Kalender behalten willst, der ist doch schon angeschimmelt. Ach, der ist aus dem Jahr, in dem deine Mutti gestorben ist? Loslassen, Melli, ich bin sicher, du kannst das. Eins, zwei, und schmeiß ihn in den Container, wir werden was Schöneres finden. Die Mutti, die ist doch in deinem Herzen, da brauchts dieses Pappding nicht. Go Melli, go!!! Du schaffst es! Jaaa, suuper!

Wenn das so einfach wäre. Eine Fernseh-Psychotante und ein Renovierungsteam und schon sind deine Skrupel, die du hast, wenn du Dinge zuordnen sollst, Geschichte. Als ob sich ein Trauma mit Tapetenfarbe übermalen ließe.

Es heißt übrigens, dass bei anderen Aussiedlern ihrer eigene und der älteren Generation die Wohnungen total ordentlich und septisch rein seien. Da ist Melitta eher die Ausnahme. Sie muss das wohl nicht kompensieren, das Gebeutelt sein. Oder sie tut es auf andere Weise. Und außerdem war ihre deutsche Oma schon tot, als sie geboren wurde und konnte ihr die Ordnungsliebe nicht eindrillen. Fast war sie froh darum. Es ist zwar hilfreich, Kleidung so falten zu können, dass im Schrank und in den Schubladen nicht alles so aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen, aber um welchen Preis? Strenge und Kontrolle und das Verbot, mal was Unkonventionelles zu tun oder zu denken. Ihre Tante hat erzählt, aufs gemacht Bett durfte sich tagsüber niemand setzen, als sie Kind war. Und das war schon in der Sondersiedlung so, als sie bereits in echten Baracken wohnten. Wie das bei dem Erdloch war, das sie in der Anfangszeit gegraben und bewohnt hatten, weiß niemand. Wetten, dass auch dort täglich gefegt und die Holzbretter, die als Bett dienten, jeden Morgen gemacht wurden? Mit Kanten, so gerade wie mit dem Lineal gezogen. Man muss sich seine Kultur erhalten, wenn alles andere nicht funktioniert. Wenn um dich herum die Welt zerbricht, wenn alles verschwindet und du dich an nichts mehr festhalten kannst, dann ist zwanghafte Ordnungsliebe wohl das Gebot der Stunde.

Tja und da wundern sie sich alle, dass Aussiedler aus Russland, die Erben der Verschickung, der Lager und Vertreibungen so furchtbar konservativ sind. Die retten bloß ihr Seelenheil. Freies Denken und Ablehnung der Konventionen kann nur derjenige zulassen, der in Sicherheit lebt. Das hat sie mal irgendwo gelesen. Was ist mit der Kriegskindergeneration? Wie sehen deren Betten aus, gemacht oder ungemacht? Na also.

Wie schön die Blätter an der Linde vorm Fenster im Wind tanzen, nie gerade ausgerichtet oder abgezählt, scheinbar chaotisch wachsend und doch einer eigenen Ordnung folgend. Bei manchen Bäumen bilden sie buschige Zusammenrottungen bei anderen sitzen sie in eleganter Langgezogenheit auf den Zweigen, jedes Blatt separat. Bäume sind doch klüger als wir, dachte sie, aber sie müssen auch nie eine Steuererklärung abgeben.