Spruch der Woche – das Anna-Karenina-Prinzip

Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.

Oder:

Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему.

Das Zitat stammt aus Lew Tolstojs Roman „Anna Karenina“ und ist wohl einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur. Viele Schriftsteller haben ihn zitiert und variiert, unter anderem Wladimir Nabokov, der ihn in „Ada oder das Verlangen“ ironisch ins Gegenteil verkehrt. Aber auch Familientherapeuten oder Kirchenleute und sogar Wirtschaftsmanager nehmen gern Bezug darauf. Der Evolutionsbiologe Jared Diamond hat aus diesem Satz eine eigene Theorie entwickelt und sie das Anna-Karenina-Prinzip genannt.

Am besten hat es, wie ich finde, ein unbekannter User aus einem Internetforum formuliert:

Das gegenständliche Zitat wird als das ‚Anna-Karenina-Prinzip‚ bezeichnet und soll zum Ausdruck bringen, dass der Zustand ‚Glück‘ von vielen Faktoren abhängig ist, während lediglich das Fehlen einer einzigen Komponente dieses ‚Glücks‘ bereits zu ‚Unglück‘ führt.

In der wirtschaftlichen Denke wird dieses Prinzip folgendermaßen ausgelegt:

  • Erfolg hat viele Faktoren, die alle stimmen müssen.

  • Für einen Misserfolg braucht es nur einen Faktor, der nicht stimmt.

Wenn Lew Nikolajewitsch hören würde, was man mit seinen Sätzen alles zeigen und beweisen will! Er hat nachweislich zuerst einen anderen Satz geschrieben und dann den vielzitierten Spruch oben drüber gesetzt, der ursprüngliche Satz lautet: Всё смешалось в доме Облонских. Also: Im Hause Oblonskij war alles durcheinander.

Das und was später im Roman geschieht, führt mich zu dem Schluss, dass es ihm nicht um Erfolg oder Glück oder glückliche Familien ging. Er ist ein Chronist der Brüche und der Krisen. Er ist daran interessiert aufzuzeigen, was nicht gut läuft.
Außerdem möchte ich gerne wissen, was seine Frau, Sofja Andrejewna, dazu gesagt hätte und ob sie ihre eigene Ehe und Familie als glücklich bezeichnen würde. Wohl kaum.

Glück sihet anders aus -  Still aus dem Film von 1914
Glück sihet anders aus – Still aus dem Film von 1914

Und ehrlich, ich bezweifle, dass es überhaupt glückliche Familien gibt. Glück ist nicht wie ein Betonblock, sondern ein Zustand. Etwas, das Veränderungen unterworfen ist. Eine Familie kann glücklich wirken, es sein für eine Zeit, aber dann verschiebt sich das Gleichgewicht und schon sind sie auf der anderen Seite. Vielleicht meint der Evolutionsbiologe ja einen Grundtenor, der gegeben sein muss, die Zusammengehörigkeit, die Lebensumstände, Gesundheit. Es ist aber alles sehr fragil, wie wir wissen.
Aber wenn ich höre, dass in einer Familie in allen Bereichen ein stabiles Gleichgewicht herrscht, werde ich misstrauisch und frage mich, auf wessen Kosten geht dieses Spiel? Irgendwo ist doch ein Symptomträger, jemand der die Familientabus oder Geheimnisse nicht hütet, sondern am eigenen Leib erleiden muss. Ob durch Krankheiten oder durch Traurigkeit, durch Blockaden oder einfach durch Fremdheitsgefühle. Naja, aber mit solchen systemischen Überlegungen hatte Tolstoj im Jahre 1877 noch nicht viel zu tun. Und übrigens, er hat gern solche felsenfesten Behauptungen aufgestellt. Und wir müssen uns damit auseinandersetzen! Noch 138 Jahre später.

Michail Wrubel: Anna Karenina mit ihrem Sohn, 1878
Michail Wrubel: Anna Karenina mit ihrem Sohn, 1878

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Spruch der Woche mit einem Lied

Дале в лес, больше дров
altes russisches Sprichwort

Gestern habe ich bei der Hausarbeit wieder mal die CD des Singer- Songwriters Женя Урих gehört und da kam dieser Spruch als Refrain vor:

Чем дальше в лес, тем больше дров – Je tiefer in den Wald, desto mehr Kleinholz.

Laut einem Lexikon meint es: je weiter man in den Wald vordringt, desto mehr Äste zwischen den Füßen gibt es, die einen hindern. Also je tiefer man in ein Problem dringt, desto mehr Probleme tauchen auf.

Beim Hören habe ich dieses russische Sprichwort spontan ganz anders aufgefasst. Ich habe es so verstanden, dass je weiter du dich in den Wald vorwagst, desto mehr Brennholz du mitbringen kannst. Und habe mich gefreut, dass je weiter man in ein Thema vordringt, es mehr Belohnung gibt, mehr Dinge, die sich auftun, die man nicht kennt. Holz zum Heizen eben. Futter fürs Feuer.

So geht es mir hier mit diesem blog. Vor einem Jahr habe ich angefangen und habe gedacht, dass mir nach ein paar Monaten die Themen schon ausgehen werden, aber in Wirklichkeit fächern sich mehr Dinge auf, über die ich schreiben kann, die noch warten, die ich nicht schaffe oder besser recherchieren will. Je mehr ich mich mit diesen Themen befasse wie Deutsch-Russische Beziehungen, Erinnerungskultur oder Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, desto mehr spüre ich, dass ich noch am Anfang stehe. Am Waldrand sozusagen.

Noch eine andere Interpretation von mir: Je weiter du dich traust, desto mehr wirst du belohnt! Also im Sinne von no risk no fun, aber ohne fun. Dafür aber mit mehr Ertrag.

Apropos Singer- Songwriter:
Hier ein bekanntes Kinderlied (Голубой вагон) von Zhenja Urich und einem Freund interpretiert. Für einen wolkenverhangenen Montag genau das Richtige, finde ich. Wann gibt er wieder ein Konzert in Hamburg? Würde gern wieder hin. Ich frage mich überhaupt, was aus seiner Band Периферия (Perepherie) geworden ist, wieder ein neues Feld, neues Kleinholz zu bearbeiten!