Poetisches Intermezzo: Dominik Hollmann

Die folgenden Verszeilen wurden mir  vorgestern vom Enkel des Dichters zugeschickt, weil ich gerade an einem Vortrag über die Geschichte der russlanddeutschen Literatur sitze.

Doninik Hollmann

Dominik Hollmann schrieb das Gedicht Mein Heimatland fern von der Wolga im hohen Norden am mächtigen Fluss Jenissej, wo er in der Verbannung lebte. Die Heimat, auf die er sich bezieht, ist die Wolgaregion, aus der die dort lebenden Deutschen zu Beginn des Krieges vertrieben worden sind. Nach Kriegsende hatten viele von ihnen die Hoffnung gehegt, in ihre angestammten Gebiete zurückzukehren.

Diese Sehnsucht blieb in dieser Zeit noch unerfüllt. Denn im Jahre 1948 erschien ein Regierungserlass bezüglich der Sondersiedlungen für die Deutschen: wer den Verbannungsort verlässt, wird mit 20 Jahren Haft bestraft. Daraufhin schrieb Hollmann diese Verse:

Mein Heimatland

Wo der Karaman* leise plätschernd
um den sandigen Hügel biegt,
wo die alte Trauerweide
über ihm die Äste wiegt,
wo die breiten Ackerfelder
dampfen in dem Sonnenbrand,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein liebes Heimatland.

Wo beim ersten Sonnenstrahle
sich die Lerche trillernd schwingt,
wo des Dampfers schrilles Tuten
weitaus in die Steppe dringt,
wo mir jeder Stein und Hügel
ist von Jugend auf bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein trautes Heimatland.

Wo die Kirschen purpurn glühen,
reift der Äpfel goldne Last,
wo die saftigsten Arbusen*
labten uns zur Mittagsrast,
wo wir deutschen Tabak bauten,
wie kein zweiter war bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein teures Heimatland.

Wo mein Herz der ersten Liebe
und der Freundschaft Macht erkannt,
wo bei gut und schlechten Zeiten
ich auf festen Füßen stand,
wo mein Vater arbeitsmüde
seine letzte Ruhe fand,—
an der Wolga, an der Wolga,
ist mein wahres Heimatland.

Wo wir neunzehnhundertachtzehn
kämpfen für die Sowjetmacht,
unsrer fleiß’gen Hände Arbeit
Wohlstand und Kultur gebracht,
wo im Bruderbund wir bauten
unsre Wolgarepublik,—
an der Wolga! an der Wolga!
ist mein Heimatland, mein Glück.

Von einer Veröffentlichung konnte keine Rede sein. Auch später als es deutsche Zeitschriften gab, blieb es wegen seines Inhalts, der als nationalistisch eingestuft worden wäre, in der Schublade liegen. Irgendwann schickte Hollmann das Gedicht an seinen Dichterkollegen Victor Klein in den Ural, der ihm bald darauf folgende Rückmeldung gab: Die Menschen kopierten das Gedicht unter der Hand und sangen es sogar leicht abgewandelt zu der Melodie des bekannten Volksliedes über Stenjka Rasin.

Hier das Originallied auf Russisch, gesungen vom Chor der roten Armee mit Bildern aus dem Stenjka Rasin Stummfilm von 1908:

Von den Abschriften, der Stenka-Rasin-Melodie und dem Bestreben seines Großvaters, in die Heimat an der Wolga wiederzukehren,  erzählte mir sein Enkel am Telefon. Es steht aber auch im Vorwort eines im Jahre 1999 erschienenen Gedichtbandes: Ich schenk dir Heimat, meine Lieder. Aufgelegt wurde das Büchlein in Kamyschin, im Wolgagebiet, wo  es Dominik Hollmann dann doch geschafft hatte zu leben. Von 1978 bis zu seinem Tod im Jahre 1990.

*Karaman: Zufluss der Wolga
*Arbusen: Wassermelonen

illegale Abschrift eines von Dominik Hollmanns Gedichten, Ein Traum, 1. Seite

 

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