Im Nebel tappen – Ein Buch über Kriegsenkel

Meine Urlaubslektüre war diesmal: Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte, herausgegeben von Michael Schneider und Joachim Süss.

Die Sammlung enthält Texte von dreiundzwanzig Autoren und Autorinnen, darunter Alexandra Senfft, Anne-Ev Ustorf, Merle Hilbk, Bettina Alberti und vielen mehr. Entstanden ist dieses Buch nach einer Vortragsreihe, die in den Jahren 2013/2014 in Hamburg lief. Ich meine, ich hätte damals sogar die Plakate gesehen, konnte aber nicht hin. Wie das so ist.

Die zweiundzwanzig Beiträge sind zweiundzwanzig Spiegel. So andersartig sie sind, so behandeln sie doch alle möglichen Formen von Weitergabe an die nachfolgenden Generationen. Es ist die Rede von unterschwelligen Belastungen, die diese daran gehindert haben, ihren Weg zu gehen, durchzustarten. Von einem Zustand, der nicht greifbar ist, wie ein Nebel, von dem eine leise Bedrohung ausgeht.

Foto: Moritz Pendzich
Foto: Moritz Pendzich

Die Beiträge sind unterschiedlich gewichtet und von unterschiedlicher Qualität. Sie nähern sich aus rein persönlichen Blickwinkeln oder aus der distanzierten, wissenschaftlichen Betrachtung dem Thema an. In einigen taucht Kritik über den Sammelbegriff „Kriegsenkel“ auf, der häufig als handliche Vokabel eingesetzt wird, jedoch zu allgemein ist, um individuelle Befindlichkeiten zu verorten. So bewertet Ulrike Pohl, die sich in ihrem Text viel mit Abwehrmechanismen beschäftigt, den Generationenbegriff als zu allgemein:

Es ist ein immenser Unterschied, ob jemand Kleinkind, Mitglied der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel war, Kind von überzeugten Nazis oder als jüdisches Kind verfolgt wurde. War Anne Frank ein Kriegskind? Kinder auf dem Land waren oft weit weniger Gefahren ausgesetzt und besser mit Nahrung versorgt als Kinder in bombardierten Städten.“ Seite 178
Sie führt aus, dass in diesem Zusammenhang selten über die Faszination für die Hitlersche Ideologie gesprochen wird. Von Nächten im Bombenkeller, von Flucht, von Hunger, das ja. Es würde oft die eigene Opferrolle betont, weniger das eigene Mitläufertum oder das der Eltern. Hier würden starke Abwehrmechanismen weitergegeben werden, die noch bei den Enkeln greifen.

Gabriele Lorenz-Rogler gibt Teile ihres Interviews mit Eugen Drewermann wieder. Auch er ist Pauschalisierungen gegenüber skeptisch, räumt allerdings ein, dass es in einzelnen Fällen durchaus eine Weitergabe von Traumata gegeben haben mag. Seiner Meinung nach kann es jedoch nicht angehen, dass dieser eine Aspekt der Übertragung allein für die Lage einer ganzen Generation verantwortlich ist. Die jeweilige Familienkonstellation, die Entwicklung nach ’68 und der Druck der multioptionalen Welt, in der alle alles erreichen können dürfen müssen, seien ebenfalls stark für die psychische Gemengelage verantwortlich. Der Begriff Kriegskinder (oder Kriegsenkel) sei seiner Meinung nach zu grob gefasst. Man muss auch hier differenzieren: waren die Eltern so alt, dass sie als Flakhelfer eingesetzt worden sind oder waren sie zu klein, um die Ideologie zu aufzunehmen oder waren sie Vertriebene? Das alles führt zu anderen Weichenstellungen für die Psyche. Allerdings hat Drewermann, der 1940 in Bergkamen geboren wurde, als Kind selbst Flächenbombardements in seiner Siedlung erlebt und überlebt. Er würde somit in die Kategorie der Kriegskinder fallen. In einem anderen Interview beschreibt er seine Erlebnisse mit einer für diese Gruppe typischen, emotionslosen und gleichbleibenden Stimme: „Das letzte Haus, das stehen blieb, war das meiner Eltern, das Haus Nummer 5. Das ich noch lebe, ist reiner Zufall.“ und „In der Nähe des Todes habe ich das Leben erlernt.“
Eventuell ist sein Unverständnis denjenigen gegenüber, die sich vor Schwierigkeiten sehen, weil sie an den Altlasten der Kriegskinder zu tragen haben typisch für seine Generation. Obwohl er sagt ja lediglich, dass nicht alle gleich betroffen sein müssen.

Wenn ich die anderen Kapitel des Buches lese, offenbart sich mir ein deutliches Bild. Auch wenn Monokausalität eine Falle ist, lässt es sich nicht leugnen, dass der Krieg noch Jahrzehnte später seine Spuren in den Seelen hinterlassen hat. Irgendwo in dem Buch stehen Zahlen: 8-10 Prozent der deutschen Rentner*innen leiden an psychischen Störungen, weitere 25% klagen über leichtere psychosomatische Störungen.

In der Schweiz, ohne diese Erlebnisse, sind es 0,7 Prozent in der gleichen Altersgruppe.

Mag sein, dass nicht alle traumatisiert waren. Mag sein, dass nicht alle etwas weitergegeben haben. Aber je stärker etwas verschwiegen und verdrängt wird, desto heftiger will es ans Licht.

Für die meisten Autor*innen dieses Buches steht außer Zweifel, dass die Erlebnisse der Vorfahren einen Schatten auf unsere Gegenwart werfen. Dieses Zögern, diese diffusen Ängste, über die spätere Generationen klagen, lassen sich aber nur schwer greifen. So beschreibt die Filmemacherin Daniela Schiffer, wie ihr die Interviewpartner wegbrechen, als sie eine Dokumentation über diese Generation machen will. Wie sich alles entzieht, wie Dinge nicht zustande kommen und wie sie von eigenen Blockaden befallen wird, die sie bei anderen Themen nicht kennt. Letztendlich geht es in ihrem Beitrag darum, wie das Projekt bereits während der Vorbereitungen an nebulösen Hemmnissen und dem unverbindlichen Verhalten der Interviewpartner scheitert.

In diesem Nebel, in diesem diffusen und nicht greifbaren Erleben, treffen sich die Kriegsenkel letztendlich doch. Es gibt dieses Gemeinsame. So schreibt sie:

Ich erzähle einem Freund, dass ich manchmal Angst kriege, einfach so, als könne gleich was schief gehen. Ich nenne das dann Gewittertierchen-Stimmung. Er kann sofort etwas damit anfangen. Es gehe ihm genauso. S. 184

Mir kommt dieser Zustand auch bekannt vor. Das erkenne ich aber mit anderen Aspekten kann ich weniger anfangen. In vielen Beiträgen hiesiger Kriegsenkel wird Atmosphäre in den Familien oft als nicht lebendig und kalt beschrieben. Es gehe nur darum, zu funktionieren, ein Austausch auf der Gefühlsebene würde fehlen. Bei Russlanddeutschen ist es meistens umgekehrt, denn sie sind anders sozialisiert. Die schwarze Pädagogik hatte zwar ihre Parallelen im frühen sozialistischen System, wo alle Familienbande zerrissen werden sollten. Aber entweder hat es bei den Minderheiten nicht funktioniert oder die Deutschen haben so stark zusammengehalten und ihre alten Traditionen gepflegt, dass sie davon nicht berührt wurden. Diese Kälte gibt es nicht. An der Tagesordnung sind hier eher Grenzüberschreitungen, übereifriges Bemuttern und so starke Familienbande, die kaum eine Individualität oder ein Ausscheren aus dem Gewohnten zulassen.

Meine Familie ist nicht von nur von Bomben, sondern von Vertreibung und der Verachtung durch die Siegernation geprägt, die uns, den Paria, den angeblichen Faschisten im Siegerland entgegengebracht wurde.

Ein Teil meiner Vorfahren waren quasi Arbeitssklaven ohne Rechte. Diese Sklavenmentalität einerseits und das Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein, andererseits haben mich in meinem Leben oft begleitet.

Euch geht es zu gut…Wir haben das so weggesteckt.
Das sind Sätze einer im Krieg Geborenen zu ihrer Tochter und sie bringen den Generationenkonflikt zwischen denen, die als Kinder Krieg und Trümmer erleben mussten und deren Nachkommen auf den Punkt.

Ja, es stimmt. Es ist uns nie so gut gegangen. Wir hatten nie so lange Friedenszeiten erlebt, noch nie so viele Möglichkeiten gehabt, etwas aus unserem Leben zu machen. Warum also das Gejammere? Das auf der Bremse stehen? Das im Dunkeln tappen?  Weil wir es uns leisten können.
Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Gerade deswegen kommen die Chimären der Vergangenheit aus ihren Löchern gekrochen. Weil wir uns nicht ums reine Überleben kümmern müssen, um den Existenzkampf und darum, das Trauma möglichst weit weg von uns zu halten, um zu funktionieren. Wir können es uns leisten, hinzusehen. Können uns den subtilen Energien zuwenden, die unsere Psyche formen und verformen und in die physische Welt hineinwirken.

Was bleibt, sind schwierige Lebensentwürfe. Wobei die Betonung nicht auf schwierig liegt, sondern auf Entwurf. Alles ist provisorisch und unfertig. Im besten Fall ist das Leben im Fluss, im schlimmsten eine hektische Flucht. Einmal auf der Flucht immer auf der Flucht, hat mal ein Psychotherapeut in diesem Zusammenhang gesagt.

Clint Eastwood hat die Thematik sehr plakativ zusammengefasst: Mangelnder Durchsetzungswille und fehlendes Vorwärtsstreben gleich pussy generation. Hoffentlich hat der Altmeister der Cowboys seinen eigenen Sohn so abgerichtet, dass er all diese männlichen Tugenden vorweisen kann.

Die Erlebnisgeneration, die den Schrecken auf der eigenen Haut erfahren hat, mag sich darüber aufregen, dass die jungen nichts wegstecken können, dass sie wegen jedem Kinkerlitzchen jammern und klagen. Sie selbst durften ja nicht. Bloß kein Hinterfragen, keine Zweifel oder Gefühle zulassen.

Die Deutschen aus Russland haben genug Traumata erlebt, es gibt kaum eine Familie ohne Deportationserfahrungen und ohne einen Verwandten, der im Lager oder in der Arbeitsarmee gewesen ist. Auch hier war das Erlebte lange Zeit mit Schweigeverboten belegt. Allerdings kam dieses Verbot von außen nicht von innen. Sie durften ihrer Opfer nicht öffentlich gedenken, es wurde nicht über das Alte gesprochen. Alles Deutsche war eh verboten. Also haben sie geschwiegen, zum einen weil das Erlebte unsagbar war, aber auch weil es ein Tabu gab, sich mit psychologischen Untiefen zu befassen. Nach dem Motto: bei uns gibt es sowas nicht.

Es ist eine andere Art von Nebel. Aber ebenso schwer zu fassen und undurchsichtig.

Merle Hilbk, die mit einem Text hier vertreten ist und auch das Buch „Sibirskij Punk“ geschrieben hat, ist eine Nachfahrin von Wolgadeutschen, so kommt auch diese Gruppe in der Sammlung „Nebelkinder“ vor. Aber auch mit den Schicksalen von Flüchtlingskindern aus dem Sudetenland oder aus Schlesien können wir unsere eigenen Erfahrungen vergleichen und sagen, so ähnlich geht es uns auch. Wir erkennen uns in Themen wie Heimatverlust und schwierigen Eingliederungsprozessen. Wir können uns zwischen den Zeilen ansiedeln. Das ist allemal gemütlicher als immer nur unter den Teppich gekehrt werden.

Ich möchte hier nicht alle Beiträge kommentieren, sie sind bereichernd und erhellend auf ihre Weise, gerade in ihrer Widersprüchlichkeit. Ein Punkt noch: spannend war der Ausflug auf die andere Seite der Neiße. Roswitha Schieb zum Beispiel berichtet über die zweite Generation der Vertriebenen in Polen und über den Diskurs zum Thema Kriegsenkel und transgenerationale Übergabe in der polnischen Öffentlichkeit. Sie schildert die Perspektive derjenigen Repatrianten, die aus einer kulturell regen Stadt wie Lemberg in ein verschlafenes Nest in der schlesischen Provinz wie Gleiwitz zwangsumgesiedelt wurden. Sie geht auf ihre Wahrnehmung von Heimat ein und ihre musikalische oder literarische Annäherung an die Vergangenheit von Orten wie Breslau, die ja eine deutsche Geschichte haben.

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Michael Schneider, Joachim Süss (Hrsg.:)
Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte
Europa Verlag München, 1. Auflage 2015,
gebunden, 384 Seiten, ISBN: 978-3-944305-91-2, EUR 19,99

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Unvereinbarkeiten

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Schützengraben im zweiten Weltkrieg.

In mir geht der Kriegsschauplatz weiter. Ich fühle mich manchmal wie zwischen zwei Frontlinien. Zwischen zwei Gräben. Angefüllt mit Schlamm. Soviel Hass auf beiden Seiten. Die eine hat die andere vernichtend geschlagen. Die andere hats geflissentlich versucht.

Mein Onkel mütterlicherseits ist im Krieg verschollen. Als Soldat der russischen Armee. Wir wissen nicht, wie er gefallen ist. Vielleicht ist er angeschossen oder in die Luft gesprengt worden, von jemandem, dessen Enkeln ich heute die Hand gebe. Vielleicht, nein wahrscheinlich hat er deutsche Soldaten umgebracht. Den Verwandten all dieser Männer begegne ich heute auf der Straße, sitze mit ihnen ins Kino oder in der S-Bahn. Treffe sie auf dem Schulhof meiner Tochter.

Und auf der anderen Seite? Mein deutscher Großvater ist in den letzten Kriegsmonaten zunächst in die SS und dann in die Wehrmacht verpflichtet worden. Was hat er gesehen? Was mitgemacht als Fahrer eines Generals?

Nicht nur, dass zwei Seelen ach in meiner Brust wohnen. Es sind zwei Soldaten, die sich feindlich gegenüberstehen. Und die Demarkationslinie geht mitten durch mich hindurch. Mein Leben als Kriegsschauplatz? Jede Handlung ein militärischer Einsatz. Jedes noch so kleine Vermasseln ein abgebranntes Haus, eine vernichtete Batallion, eine verlorene Schlacht. Ich habe nie ein Schlachtfeld betreten. Wie kann ich so etwas behaupten?

Dennoch. Da geht ein Riss durch mich hindurch, nicht ein bloßer Culture Clash. Culture Clash – das klingt lustig, nach Abenteuerurlaub im Club, nach Karma-Chameleon und dem Surfen auf einer großen Welle. Aber in mir sind diese feindlichen Linien, die aufeinander treffen, miteinander verschmolzen zu einem Wesen. Mir wird bewusst, wie unmöglich dieser Gedanke eigentlich ist. Und doch lebe ich. Atme. Und ich bin nicht die Einzige.
Frag andere Kinder von verfeindeten Nationen, wie sie sich fühlen. Wenn der Vater Tutsi ist und die Mutter eine Hootu. Frag den Sohn einer Palästinenserin und eines Israeli. Was würden sie wohl dazu erzählen?

Bei alldem haben die beiden Völker, von denen ich abstamme, trotz diverser Kriegshandlungen und Kriegshändel viele Gemeinsamkeiten. Den Enthusiasmus und die Sentimentalität, die romantische Ader, auf andere Weise ausgelebt. Und natürlich: die Melancholie. Auch hier ist sie unterschiedlich gefärbt, aber es gibt sie – auf beiden Seiten. Die jahrhundertelangen Handelserfahrungen und den Kulturaustausch nicht zu vergessen. jedes Jahr tritt der Donkosakenchor in meiner Stadt auf – jedes Jahr schaffe ich es nicht, ihn mir anzuhören.

Ich lese, ich verschlinge Berichte, ich tauche ein in die Kriegserzählungen von Soldatinnen, Flakschützinnen und Partisaninnen (die weibliche Form davon klingt seltsam, auf russisch nicht: Partisanka). Da ist eine die erzählt, wie die Dorfbewohner und ihre eigene Mutter als lebende Schutzschilde übers Feld getrieben werden. Dahinter die faschistischen Soldaten. Sie treiben sie mit Gewehrschüssen vor sich her und die Partisanen schießen. Natürlich. Die Lage schient alternativlos. Aber diese Frau hat ihre Mutter damals nicht getroffen. Sie wurde von den anderen erschossen – von den Faschisten.

Ich sehe die kaputten Menschen auf den Straßen. Wie gestern den Mann der etwas über NS-Brüder skandiert, jedem Passanten ins Gesicht schreit, dass wir es uns bequem gemacht hätten in unserer faschistischen Kinderwiege. Ein sich lautstark empörender Mann mit vielen Plastiktüten und einem Rauschebart. Ganz außer sich. Ich denke dann, diese armen Irren, sie tragen eine große Last, zu groß, als dass sie sie schultern könnten. Und doch sprechen sie die Wahrheit. Schreien ihre Wahrheit in die Welt hinaus.

Einige Tage nachdem ich das Buch von Swetlana Alexijewitsch anfange, lautet der Spruch auf meinem Yogi-Teebeutel:

Vergib dem Vergangenen, erleb‘ einen wunderschönen Morgen.

Wenn das nur so einfach wäre. Er klingt nach Heilverheißung und Glück: alte Wunden heilen lassen, die Seiten miteinander versöhnen. Wie kann das gelingen, wenn der Riss mitten durch einen durch geht?

Aber ich schließe für heute mit einer versöhnlichen Geschichte:
Vaters Familie hat die beiden Hungerwinter 1946/1947 unter Kommandotur verbracht. In der sibirischen Verbannung, mit nichts als den eigenen Kleidern am Leib. Einer seiner Brüder war damals sieben oder acht und ging in die erste Klasse einer Schule, die auch russische Schüler besuchten.

Der kleine Deutsche hat sich mit einem russischen Kind angefreundet, dem Sohn eines Bäckers. Und dieser Bäcker hat seinem Sohn jeden Tag einen Laib Brot mitgegeben für seinen deutschen Freund. Die anderen Geschwister haben nach der Schule ungeduldig auf den kleinen Bruder gewartet und dieses Brot wie eine Trophäe nach Hause getragen. Abwechselnd. Diese Geste eines Unbekannten hat sie gerettet.

Auch solche Zeichen der Versöhnung hat es gegeben. Es sind diese kleine Geschichten, die sich wie Nähte über die klaffenden Wunden legen. Wie wacklige Bretter über den reißenden Fluss aus Hass und Gewalt.

Wir brauchen mehr davon.

Die langen Schatten unserer Ahnen

Dass wir von unseren Vorfahren die Augenfarbe oder die Lockepracht, manchmal sogar Vorlieben oder Anlagen für bestimmte Krankheiten erben, ist bekannt. Was ist aber mit weniger den sichtbaren, subtileren Dingen, wie schrecklichen Erlebnissen, verdeckten Loyalitäten oder Familiengeheimnissen, über die nicht gesprochen werden darf? Wie wirken sich Traumata der früheren Generationen auf unser jetziges Leben aus? Welche von ihren Erinnerungen tragen wir weiter?

Die Psychoanalytikerin Anne Ancelin Schützenberger, die 1919 in Moskau geboren und schon als kleines Mädchen mit ihrer Familie nach Frankreich ausgewandert ist hat einen Bestseller geschrieben (mit 84 Jahren…). Er heißt „Oh, meine Ahnen!“, Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt.

Darin vertritt sie die These, dass wir nicht nur äußere Merkmale von unseren Vorfahren übernehmen, sondern auch Traumata, verdeckte Loyalitäten oder sogar bestimmte Jahrestage, an denen sich Ereignisse häufen. Es sind „ständig wiederkehrende Lebens- oder Krankheitsmuster im Sinne posttraumatischer Stressreaktionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden,“.

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Die Fraktale des Chaostheoretikers Mandelbrot haben Anne Ancelin Schützenberger zu ihren Forschungen inspiriert

Diesem psychogenealogischen Ansatz zufolge, kann die Erinnerung an ein schreckliches Erlebnis ebenso weitergegeben werden wie das Schuldgefühl für eine Tat, die ein ferner Ahn begangen hat. Auch wenn nie explizit darüber gesprochen wurde. Gerade weil nie darüber gesprochen wurde. Die verschwiegenen Geheimnisse kapseln sich in der Seele der Nachkommen ein und sind schwer zu entfernen. Weil sie so subtil wirken. Weil sie den Menschen vorkommen, als wären sie ein Teil von ihnen selbst.

Als Französin bezieht sie sich auf Fallbeispiele aus ihren Land, die Revolution von 1789 und die Résitance spielen da eher eine Rolle als die Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen. Aber man kann die Theorie mit ein wenig gutem Willen auch gut auf die eigene Geschichte übertragen.

Synchrone Landkarten der Familienereignisse

Die Basis für diese Therapie ist die biographische Rekonstuktion der Vergangenheit in einem sogenannten Genosoziogramm. Das ist eine Art Stammbaum, nur geht die Darstellung über bloße Geburts- und Todesdaten hinaus. Es ist wichitg, dass es aus dem Gedächtnis erstellt wird. So kommen Dinge ans Tageslicht, die lang vergessen waren.

Faktoren, die in dieser Grafik eine Rolle spielen, sind zum Beispiel: Unfälle, Krankheiten und Krankenhausaufenthalte, Trennungen und emotionale Verbindungen. Wer hat alles unter einem Dach gewohnt? Wer hat sich gut verstanden oder war vollkommen isoliert? Wo haben Spannungen bestanden? Die Weitergabe von Vornamen kann eine besondere Rolle spielen. Aber auch außerfamiläre Ereignisse werden berücksichtigt, wie Revolutionen, Kriege, Völkerwanderungen. Alle diese Einflüsse werden mithilfe von grafischen Symbolen aufgezeigt und erlauben es, Zusammenhänge besser zu erkennen.

Genosoziogramm
Ausschnitt aus einem, zugegeben schlecht fotografierten, Genosoziogramm. Zur Verdeutlichung.

Die Methode erlaubt es, verdeckte Symmetrien im Familienstammbaum aufdecken. Dinge und sogar Daten, die wiederkehren. Ein bestimmter Tag kann bei einer Familie ein besonderes Datum sein. Da häufen sich Geburtstage, Hochzeiten aber auch nicht so schöne Ereignisse wie Krankenhausaufenthalte. Oder man fühlt sich regelmäßig in einer bestimmten Zeit im März irgendwie schlecht, weiß nicht warum, und erfährt irgendwann durch Zufall, genau in dieser Woche ist das Dorf der Urgroßmutter überfallen worden. Das nennt sie in ihrem Buch Jahrestag-Synchronizität. Wenn man ihren Thesen glauben will, führen unausgesprochene Familiengeheimnisse bei den Nachkommen zu körperlichen und seelischen Leiden.

Ancelin Schützenberger beschreibt viele eingängige Fallbeispiele aus ihrer Praxis. Da ist ein Vater, der mit 39 stirbt und einen neunjährigen Sohn hinterlässt. Die Witwe ist eine starke, dominante Frau aus einer Reihe von starken und dominanten Frauen. Das Muster wiederholt sich sich mehrere Generationen später. Ein Vater, der mit 39 an Krebs erkrankt und seinen neunjährigen Sohn zum Halbweisen macht. Klar, dass die Mutter eine willensstarke, selbstbewußte Frau ist. Was diese Zusammenhänge noch bemerkenswerter macht, der Urahn ist an einem Tritt in den Hoden gestorben. Der zeitgenössische Vater erkrankt an Hodenkrebs. Und will sich nicht einer weiteren Behandlung unterziehen als die Krankheit wiederkommt als er 39 Jahre alt wird. Eine unbewusste Loyalität seinem Großvater gegenüber? Erfüllt er ein Lebensskript, das mit unsichtbarer Tinte geschrieben worden ist?

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mich erinnern Familienstrukturen an Rhizome – wie bei Deleuze und Guattari

Es ist nicht so, dass man Familienchronik nach tödlichen Krankeiten und Unfällen durchgrast und dann Angst haben muss, mit 39 sterben zu müssen oder im März auf einen Berg zu kraxeln.

Dieser Ansatz ist nicht zu verwechseln mit einer selbsterfüllenden Prophezeihung. Er funktioniert eher umgekehrt. Die Phänomene sind wie Kapseln. Solange sie verschlossen bleiben, solange wir sie nicht erkennen, wirken sie. Erst die Einsicht kann zu Heilung führen.

„Es gibt ein schwerwiegendes Ereignis, von dem niemand spricht; ‚das war nicht gerecht’. Dann passiert etwas, als ob man nicht vergessen dürfte, aber nicht das Recht hätte, sich zu erinnern.“ (Seite 146)

Allein die Auseinandersetzung damit hilft, das Muster aufzulösen oder zu durchbrechen. Phobien können damit behandelt werden und Selbstblockaden. Angsterkrankungen und psychosomatische Leiden, vor denen die Medizin kapituliert.

Da ist der Fall zweier Brüder. Der Ältere stirbt in jungen Jahren auf tragische Weise. Als der Jüngere, „Bernard, sich dem Alter von 33 näherte, dem Alter, das sein Bruder Lucien hatte, als er starb, erlebte er eine ganze Reihe von Krankheiten und Unfällen: Grippe, Bronchitis, Pneumonie, Autounfall usw. Als man darüber sprechen konnte und die eventuelle Verbindungen zum Tod seines Bruders ans Licht kamen, verschwanden die Symptome,…

…Wir fingen an zusammen zu arbeiten, und versuchten, das innere unbewusste Programm – sein Lebensskript – , das er sich gemacht hatte, zu verstehen und eine ‚Deprogrammierung’ und eine ‚Neuprogrammierung’ zu machen.“ (Oh, meine Ahnen, Seite 156)

Familäre Verstrickungen

Unterschwellige Verbindlichkeiten und Loyalitäten, innere Befehle, die man ohne sie zu kennen, erfüllt. Ganz einfaches Beispiel. Die Eltern und Großeltern waren einfache Arbeiter oder Bauern. Die Kinder haben die Chance zu studieren, verhindern aber ihren eigenen Erfolg, boykottieren sich selbst, um ihre Familie nicht zu überflügeln. Um nicht besser gestellt zu sein als sie. Weil genau dieser Satz als Weisung in einer überlieferten Kapsel steckt: du sollst nicht besser sein als ich. Hab Respekt vor meinem Status. Hab Respekt vor dem, was ich erlitten hab.

Andere Beispiele für familiäre Geometrien:

Die älteste Tochter übernimmt über Generationen die Stelle der Mutter, die früh stirbt, weggeht oder psychisch krank wird.

Ein Mann wird von unheimlich starken Migräneattacken geplagt, bis er herausfindet, dass ein Urahn während der französichen Revolution enthauptet wurde.

Ein Zitat des Heiligen Augustinus ist dem Buch vorangestellt: „Die Toten sind unsichtbar, sie sind nicht abwesend.“

Etwas von ihrem Leben wirkt in uns fort wie in einer geheimen Matrix. Und detektivische Arbeit macht möglich, sich aus diesem Knäuel zu lösen. Wäre das nicht toll, wenn es so einfach wäre, hinschauen, das Geschehene betrauern und das Gespenst/Gespinst, das durch die Generationen spukt, ein für alle mal auszutreiben – oder ein besseres Wort: zu versöhnen. Doch oft scheint genau dieses Hinsehen unmöglich zu sein. Es gibt in uns Widerstände dagegen, den wunden Punkt, den blinden Fleck oder das Tabu ans Tagslicht zu zerren. In jeder Familie wird viel Energie darauf verwendet, bestimmte Dinge zu verdecken, geheimzuhalten. Und wer sich darüber hinwegsetzt, gilt nicht selten als Nestbeschmutzer.

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noch ein rhizomatisches Gebilde

Man mag das alles als Zufall abtun, als Hirngespinnst. Wenn Psychoanalytiker nicht über Jahrzehnte mit dieser Methode bei der Heilung von Menschen große Erfolge erzielt hätten. Anne Ancelin Schützenberger ist nicht die einzige mit diesem Therapieansatz, sie zitiert viele andere Therapeuten und Analytiker wie beispielsweise den Unhgarn Boszormenyi-Nagy und war lange Zeit Teil der Palo Alto Gruppen, in denen über Jahrzehnte in Sachen Familien- und Systemische Therapien geforscht wurde.
Faszinierend ist dieses Konzept allemal und es bleibt jedem selbst überlassen, seine synchronen Jahrestage und vererbten Krankheitsbilder zu erforschen und aufzulösen. Ich denke da besonders an die Traumata die meine Volksgruppe erlebt hat. Wieviel davon ist als Kapsel in uns, den nachfolgenden Generationen verborgen?

Agnes friert

Sie fror. Drinnen zeigte das Thermostat der Heizung 28°, draußen waren es sicher über dreißig. Sommerliche Hitze. Auf dem Spielplatz, den sie von ihrem Fenster aus einsehen konnte war die Plantschbecken-Saison längst eröffnet. Kinder in Badehöschen oder nur in Windeln oder ganz ohne liefen kreischend vor Vergnügen durch das niedrige Wasser, kaum größer als eine Pfütze, ließen sich fallen, spritzen sich nass. Sie fror.
Trotz Wolle-Seide-Unterhemd. Trotz Skisport-Leggins unter der Hose und Fließpulli.
Die Eltern saßen verteilt auf der Wiese, auf Decken und Tüchern rund ums Becken, Reiswaffeln und Frotteetücher einsatzbereit. Sonnten sich, kurzärmelig und mit Shorts oder Röckchen bekleidet und plauderten unaufgeregt miteinander. Sie saß in ihrem Zimmer an der Heizung, die auf drei stand, und fror. Seit Monaten schon. Kein Arzt konnte ihr das bisher erklären. Irgendwann im Herbst fing es plötzlich an. Die Härchen stellten sich auf, sie fröstelte, ging nie ohne Wärmflasche ins Bett, schaltete die Heizung immer höher. Trug bei jedem Wetter eine wattierte Schneehose und fror immer mehr. Ganze Tage verbrachte sie an die Heizung gelehnt, Musik hörend, oder ihre Lieblingsserien schauend. Sie ging nur noch raus, wenn sie neue Vorräte besorgen musste. Oder zum Arzt gehen musste. Aber keiner von Ihnen hat ihr sagen können, was mit ihr los war. Und auch der Psychologe nicht, den sie Dienstags aufsuchte seit dem und liebevoll den Pseik getauft hatte.

Frieren? Was ist das für eine Krankheit? Habe ich noch nie was von gehört, Sie steigern sich da in irgendwas hinein, Frau Nikisch. Trinken Sie mal einen Ingwertee.

Warme Brühen, Kräutertee rauf und runter, Kohlsuppen mit Chilli.

Sie fror weiter. Zitterte am ganzen Körper, kalte Füße, eisige Fingerspitzen. Ihre Meridiane scheinen verstopft zu sein, sagte die traditionelle chinesische Medizinfrau, sie machte irgendwelche Buxtationen oder Moxitationen. Umsonst.

Den ganzen Winter verbrachte sie an der Heizung gelehnt und fror. Dabei war der noch nicht mal besonders streng. Immer über null.

Als die Knospen anfingen aufzublühen, guckten die Leute schon komisch, wenn sie ihre Hamstertouren in den nächstgelegenen Discounter unternahm. In Winterjacke und Skihose, Mütze und Schal bis in den Sommer hinein. Wie die Teilnehmerin einer Expedition zum Nordpol. Die Pelzmütze tief ins Gesicht geschoben. Fehlte nur noch der Husky und ein Schlitten.

Reinhard Schild 2010
Schnee, Schnee, Schnee – 2010 – credits: Reinhard Schild

Wie war Ihre Mutter zu Ihnen, Frau Nikisch? War sie eine warmherzige Frau? Fragte der Pseik. Ist es die zwischenmenschliche Wärme, die Ihnen fehlt? Finden Sie, wir leben in einer, bildlich gesprochen, kalten Welt?

Ihre Mutter war ok. Eine Mutter eben. Sie war zwar auch mit ihren eigenen Krankheitsbildern und Diäten befasst, aber sie war ok. Nichts besonderes.

Was ging sie die Kälte der Welt an?

Sie schaute auf Mütter der kreischenden Kinder am Plantschbecken, die den Sommer genossen und Wassermelone aßen. Ab und an kam ein Kind, schmiegte sich an seine Mutter, wärmte sich auf und ab gings, zurück in die Wasserpfütze.
Ihre Mutter war schon ok, und was hatte die für eine Kindheit gehabt, im Krieg, mit einem Vater, der erst zwei Jahre nach Kriegsende wieder auftauchte, als sie schon ein Schulkind war. Der Opa Stephan. Hat bei Stalingrad gekämpft. Erzählt hat er nicht viel darüber. Er kam mit mehreren Granatsplittern zurück, war arbeitsunfähig. Invalid in jungen Jahren schon.

Sie wusste, ihr Opa war in Kriegsgefangenschaft gewesen, irgendwo in Russland. Harte Zeiten, aber so war es eben. Ein Wunder, dass er überlebt hat. Über das Essen dort hat er manchmal gesprochen. Wie er das Brot eingeteilt hat, immer nur einen Bissen, nie alles auf einmal. Das habe ihn gerettet. Und dass ihn sogar seine Kameraden gebeten hatte, ihr Brot an sich zu nehmen und nur Portionsweise wieder rauszugeben. Damit auch sie nicht alles auf einmal verschlangen. Auf den Stephan, da war Verlass. Disziplin hatte der. Auf den sibirischen Winter waren sie nicht vorbereitet. Der Endsieg sollte doch schon viel früher da sein. Aber es kam anders dann. Viel hat er ja nicht erzählt. Hat immer nur in sich hinein geschaut und geschwiegen. Aber kleine Boote hat er ihr geschnitzt, das weiß sie noch. Und Briefmarken gesammelt. Dafür hat er sich extra den einen Fingenagel am Zeigefinger lang wachsen lassen, damit er die Briefmarken leichter aufklauben konnte. Mit Licht und Lupe saß er da über den Tisch gebeugt, stundenlang. Über die Kälte hat er nicht gesprochen. Nie. Über die abgefrorenen Zehen, die Fußlappen, die immer feucht geworden sind in den Stiefeln, die nie passten. Aber Stiefel. Wer sowas hatte, der war gerettet. Es gab auch Kameraden, die hatten keine. Bis jemand anders den Löffel abgab. Wie haben sie sich um die harten, krummen Stiefel geprügelt. Mit Staub in den Falten. Nachts ist der Opa immer an den Kühlschrank gegangen. Ist aus dem Bett gestiegen und in Schlappen in die Küche geschlurft. Ihr Zimmer lag über der Küche, sie konnte ihn immer gut hören. Das leise Quietschen der Kühlschranktür, dann das Klicken und wieder die Schlurfgeräusche. War der Opa nachts wieder am Käse gewesen, sagte die Großmutter. Oder an der Wurst oder an der Butter. Von der Butter konnte er nie genug kriegen. Weiße Brötchen mit Fingerdick Butter drauf. Genug trockenes Graubrot und wässrigen Gerstenbrei fürs ganze Leben hab ich gehabt, sagte er, wenn die Großmutter ihn schief ansah, weil die Butter schon wieder alle war. Genug gehabt.

Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Wo er stationiert war, mit wem, welche Dinge er erlebt hat, vor der Gefangennahme. Nichts. Weißes Feld. So wie eine Wiese nach einer durchneiten Nacht. Muss doch auch landschaftlich schön gewesen sein dort.

Sie lehnte sich an die Heizung, die Kinderstimmchen hallten durch das geschlossene Fenster. Auf drei hatte sie das Thermostat gestellt. Und dennoch richteten sich die feinen Härchen an den Armen auf. Und alles zog sich zusammen. Wie lange würde sie noch frieren.