Durch die Blume – (Katjuscha)

Am 2. Dezember wurde ich mitten in der Nacht durch die Blume geweckt. Sie klingelte genau um ein Uhr. Die Blume ist ein Digitalwecker aus Plastik in Form einer Topfpflanze. Mit gelben Blütenblättern und einem Zifferndisplay in der Mitte. Sie hat mich förmlich aus dem Schlaf gerissen, nicht Alexa oder Siiri oder wie die elektronischen Hausmädchen sonst noch heißen. Unsere namenlose Wecker-Blume spinnt seit einiger Zeit, wenn nicht schon immer. Wir haben keine Gebrauchsanweisung mehr dafür, sie hat nur einen Menüknopf und zwei Knöpfe rechts und Links davon. Und es gibt da einen verhängnisvollen Knopf für die Schlummerfunktion. Verhängnisvoll daher, weil, wenn du zufällig drankommst, die Weckfunktion automatisch aktiviert wird.

Und da die Blume seit einigen Woche eine Macke hat, die Uhrzeit eigenständig um 7 Stunden zu verstellen, HAL nichts gegen, klingelt der Wecker gern einmal nach Mitternacht, statt um sieben oder um acht. Auch wenn ich sie richtig stelle, nach einer Viertelstunde geht sie sechs Stunden vor oder acht zurück. Das ist nicht nur Künstliche Intelligenz, sondern regelrechter Künstlicher Starrsinn. Diese Blume hält sich null an Absprachen und macht einfach ihr Ding. Und das vorzugsweise an einem Wochenende. So wie heute Nacht. Dämonisch.

Sie ging aber nicht mit einem eindringlichen Fiepen los, das sich zu einem ohrenzerreißenden Crescendo steigert, so wie sonst, sondern mit der Melodie eines russischen Liedes: Katjuscha. Weiß der Teufel, woher sie das hat und wer das eingestellt hat.

Nun befand sich in diesem Advent ein Rätsel der besonderen Art auf der Seite des russlanddeutschen Literaturkreises. Seit dem 1. Dezember wurden jeden Tag die ersten Zeilen eines russischen Liedes in deutscher Übersetzung gepostet. Unter denjenigen, die am Ende die meisten Titel erraten sollte nach dem russisch-orthodoxem Weihnachtsfest Anfang Januar etwas verlost werden.

Ein Wettbewerb, bei dem ich abloose, weil ich die meisten Lieder nicht kenne oder nicht erraten kann. Mir sagen sie nichts, weil ich schon zu sehr assimiliert bin, lückenlos integriert. Und heute Nacht, als ich den Wecker wieder abgestellt hatte, ging mir die Melodie nicht aus dem Kopf und auf einmal waren die russischen Zeilen vollständig wieder da. Klar und deutlich:

Расцветали яблони и груши,
Поплыли туманы над рекой.
Выходила на берег Катюша,
На высокий берег на крутой.

Das Lied ist von 1938 und wird heute gern für Siegesfeiern hervorgeholt, wie hier:

Birnen, Äpfel und Nebel. Heureka. Das ist seltsam, denn würde ich bei vollem Tagesbewusstsein darauf angesprochen, könnte ich nichts wiedergeben. So wie jetzt. Aber halb unbewusst, aus dem Schlaf gerissen tauchte der Text vollständig wieder auf. Die Verbindung zur Kindheit und zur Heimat war plötzlich wieder da. Durch die Blume, sozusagen.

Komisch nur, dass ich am nächsten Tag auf der Website des Literaturkreises nirgends diesen Liedtext gefunden habe. Vielleicht kommt er ja noch. Ich war mir sicher, dass ich was über Apfelbäume und Birnbäume gelesen hatte. Aber vielleicht ist die Blume nicht nur eigenständig, sondern auch prophetisch.

Wenn sie so nervig ist, weshalb habe ich sie nicht längst entsorgt? Der Wecker war mal ein Geschenk für unsere Tochter, zum Schulanfang. Sie hat sie bekommen, damit sie die Schule nicht verschläft. Aber die Uhr ist so unzuverlässig, dass sie nicht zu gebrauchen ist und einfach überall durch die Wohnung wandert. Entsorgen geht aber nicht, denn die Tochter hängt daran, als Erinnerung an die Einschulung und hat eh Schwierigkeiten damit, sich von Dingen zu trennen. Ob es an ihrem festhaltenden Charakter liegt oder an den Genen von Menschen, die oft genug alles verloren haben oder zurücklassen mussten, kann ich nicht sagen.

Wegwerfen ist also nicht möglich.  Aber die Batterien habe ich jetzt entfernt. Wenn sie jetzt noch immer losgeht, kann man sich sicher sein: hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Da haben ganz andere Mächte ihre Finger im Spiel als 0 und 1.

Vielleicht lasse ich sie doch eines Tages verschwinden. Heimlich, still und leise. Ich könnte natürlich die gesamte Blumenuhr auch spenden. Dem Literaturkreis für die Verlosung zur Verfügung stellen. Dann darf sich jemand anders in Zukunft mitten in der Nacht von der Katjuscha-Melodie aus dem Schlaf reißen lassen. Möglicherweise wird er oder sie das dann besser zu würdigen wissen als ich.

Tatsächlich wurde das Lied einige Tage später am 8. Dezember auf der Website gefeatured.

Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,
still vom Fluss zog Nebel noch ins Land.
Durch die Wiesen ging hurtig Katjuscha,
zu des Flusses steiler Uferwand.

(Deutsch von Alexander Ott)

Warum  mir mein Gehirn vorgegaukelt hatte, ich hätte schon was über Apfelblüten und Birnen gelesen, kann ich nicht sagen. Meine Familie bestreitet kategorisch, dass unsere Blumenuhr russische Kriegslieder als Weckmelodien im Programm führt. Da ich mich seit der besagten Nacht weigere, die Batterien wieder einzusetzen, kann ich es leider nicht nachweisen. Aber die Möglichkeit steht im Raum, dass ich auch die Melodie geträumt, bzw. sie mir im Halbschlaf eingebildet habe.

 

Wer sich im Nachhinein an den Knobelaufgaben versuchen möchte, hier der Link zum Adventsrätsel:

https://literaturkreis-autoren-aus-russland.de/blog/category/schreibtipps-fuer-autoren/adventskalender-preisausschreiben/

Mir ist es gelungen fünf davon ohne zu googeln zu erraten. Immerhin.
Ich wünsche allen schöne Träume.

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Der angebrochene Tag

Heute hat ihr Traum dort aufgehört, wo er am spannendsten war. Bevor er ganz entschwindet, schmeckt Olga ihn noch einmal nach, holt die letzten Bilder hervor, versucht den Nebelschleier niederzureißen, um sich zu erinnern. Da war doch. Aber er greift nicht, der Traum, kommt nicht an gegen diese Mauer aus schwerer Schlacke, durch die sie durchwaten muss.

Halb fünf Uhr morgens, die Wolfsstunde ist eigentlich schon vorbei. Seit Tagen, seit Wochen ist das die übliche Zeit. Da wacht sie immer auf. Manchmal schafft sie es nach einer Stunde wieder einzuschlafen, doch oft wird das Kopfkino sofort wieder angeknipst und sie liegt da, bis zum Weckerklingeln und ihre Gedanken kreisen, ziehen sie herab in die Tiefe. Auch heute ist das Grundgefühl ein dunkles, als hätte sie etwas versäumt, etwas unerledigt gelassen, das aber wichtig wäre. Elementar. Und sie weiß nicht was. Sie kommt nicht drauf. Schuld, Schuld, Schuld, die sich einhämmert in ihren Kopf. Bis sie kaum noch atmen kann, ganz in sich zusammengezogen, verzogen vor lauter schlechtem Gefühl, falsch klingend. Stumm. Was hat sie unterlassen? Was verbrochen? Woher kommt diese Schuld?

Sie kann nicht vor und nicht zurück, wird von Stimmungen niedergedrückt, aufgespießt, wie ein Insekt, das von einem Universalgenie des achtzehnten Jahrhunderts zwecks Artbestimmung in einen kleinen Schaukasten gesteckt wird. Doch sie kann sich nicht unter die Lupe nehmen, kann ihre Angst und ihr feiges Lebensgefühl nicht anschauen, nichts analysieren. Jetzt nicht. Sie muss sich dieser Gefühlsschlacke entledigen, sie abstreifen, um aufzustehen, den Alltag zu mimen. Mit fahrigen Bewegungen durch die Küche wanken wie durch Sirup. Und wehe heute sagt jemand etwas Falsches. Alles ist zuviel, zuviel, zuviel. Der Geist ist noch befasst mit dem Tragen des Nachtalbs, der sich ihr in die Brust krallt. Und ihr die letzte Kraft aussaugt. Schuldig, schuldig, schuldig. Aber worin besteht ihre Schuld? Was hat sie unterlassen, was getan, dass diese Schwere sie so in Beschlag nimmt?

Neulich hat Olga geträumt, sie hätte im Zimmer Mehl verschüttet. Im Traum schnappt sie sich einen Besen und fegt es auf, versucht es, erreicht aber nur, dass es aufsteigt und sich überall verteilt, eine weiße Wolke, wie besessen fegt sie, kehrt den feinen Staub zusammen, die Leute kommen doch gleich, sie muss fertig sein. Aber anstatt dass der Boden sauber wird, verwischt sie alles nur. Immer noch Traum, ihre Mutter kommt zur Tür, sagt etwas auf Russisch, sie versteht nur das Wort „мука“ (muka) also Mehl. Mehl, was sonst. Als Olga aufwacht wird ihr bewusst, dass das Wort noch eine andere Bedeutung hat: „му́ка“, auf der ersten statt auf der letzten Silbe betont, heißt Leiden, Qual im Sinne von мучения (mutschenjia). Und мучить (mutschitj) bedeutet leiden, sich selber quälen oder andere. Die Syntax der Träume ist schon seltsam, und dass diese beiden in ihrem Traum ein Wortpaar bilden, einen fast eineiigen Zwilling; мукá – му́ка, unglaublich, geradezu freudianisch.

Was wollte die Mutter in ihrem Traum sagen? Hör auf, dich zu quälen? Feg die Qual einfach beiseite. Einfach aufhören damit. Das wärs. Wenn sie es schaffen könnte, ihre Aufmerksamkeit von den Dingen abzuziehen, die sie niederdrücken. Aber das ist eine Kunst. Und wer schon den Weg der Selbstzerfleischung eingeschlagen hat, kommt davon nicht so leicht los. Erkenne dich selbst, steht auf einer Stehle in Delphi eingraviert. Da steht nicht seit tausenden von Jahren, zermarter dein Hirn, finde raus, warum dich etwas fertig macht. Aber vielleicht muss sie erst durch Tonnen von Mehl-Qual waten, um zur Leichtigkeit zu gelangen, zu dem guten Leben? In ihrem Traum verschwimmt beides ineinander. Mehl – Qual. Sie quält sich. Oder sie kehrt das Leid zusammen wie verschüttetes Mehl. Das eigene oder das anderer Leute. Sie will den Raum von all der Qual befreien. Aber wie?

Halb fünf, wie immer. Tagesanbruch. Und was soll sie mit dem angebrochenen Tag anfangen? Nicht mehr heil und geheimnisvoll, nicht glänzend verpackt in Alufolie, sondern an der einen Ecke angebissen. So liegt sie wach und hat Angst, das Falsche zu tun. Stets das Falsche getan zu haben. Aber was wäre denn das Richtige? Nach drüben fahren in ein ihr unbekanntes Land, tausende von Kilometer entfernt und das Grab der Großmutter öffnen lassen? Nach der kleinen flachen Metallkiste suchen, die in der Erde versteckt ist. Die Großmutter vor ihrem Tod bestimmt, dass alles mit ihr begraben wird. Alle Fotos, die Briefe, die Erinnerung. Das war ihr letzter Wille. Wovor hatte sie so große Angst gehabt? Wollte sie nicht, dass bestimmte Dinge durchsickern, die der Familie schaden? Was würde sie finden in dem luftdicht verpackten Kasten? Fotos mit SS-Abzeichen am Hemd? Ein Brief aus dem Westen? Verhängnisvolle Klagen gegen die Sowjetregierung? Eine Schimpftirade gegen Stalin? Wohl kaum. Die Großmutter ahnte ja nicht, dass das alles einmal ungefährlich werden sollte, nur eine Gefahr für die Seele nicht für den Leib. Aber warum hat sie nicht alles einfach verbrannt? Wie der Großvater, der Jahre später, vor seiner Ausreise, alles vom Dachboden in den Garten hat bringen lassen und alles dem Feuer übergeben hat. Hefte, Zeichnungen, Bilder, Fotos. Vielleicht sogar noch verbliebene Dokumente. Und auch der Koffer musste dran glauben, der große Pappkoffer mit den Metallecken, mitgebracht aus dem großdeutschen Reich, ein Opfer der Flammen. Der Koffer. Als der Krieg vorbei war und die russische Armee vorrückte, haben Olgas Vater und sein achtjähriger Bruder Heiner beobachtet, wie das Volk die Geschäfte plündert. Alle sind in die Läden gerannt, um schnell noch das, was noch brauchbar war, an sich zu reißen. Der Mai 1945 war eine Zeit, als alle Gesetze außer Kraft gehoben waren. Auch in Dahme, dem kleinen Städtchen irgendwo im Osten der Republik, in dem sie kurze Monate verbracht haben. Und der kleine Georg und sein Bruder Heiner stürmen also ein Kleidergeschäft, schnappen sich einen Riesenkoffer und füllen ihn mit Hüten und Socken, mit Kleidern und Röcken, mit Hosen und Jacken. Mit diesen typischen Ledershorts, die in Russland niemand trug. Nur die Deutschen. Während der Vertreibung in den Osten, in den Ural und später in der sibirischen Sondersiedlung am Salzsee hat sie dieser Koffer, haben diese Klamotten sie gerettet, davor bewahrt, zu verhungern. Ein Filzhut mit Feder eingetauscht gegen ein Ei. Ein luftiges Sommerkleid gegen einen Leib Brot oder etwas Milch. Denn der Hunger ist jetzt, aber irgendwann wird die schlimme Zeit vorbeigehen und dann braucht man wieder was Schönes, was fürs Auge. Irgendwann wird das zivile Leben weitergehen. Damit der gestohlene Koffer ihnen nicht ihrerseits gestohlen wurde, schlief ihr Vater immer darauf, die ganze Reise hindurch. Er klammerte sich an dieses Stück Deutschland wie an sein Leben. Ein fünfjähriger Knirps schlafend auf einem Koffer. Sicher nicht viel länger als ein Meter lang – das Gepäckstück wie das Kind. In schweren Zeiten werden Kinder nicht sehr groß. Nur ihre Knie werden knubbelig und die Bäuche aufgedunsen.

Sollte sie wirklich noch diesen Monat nach Duschanbe fliegen? Und versuchen, an diese Metallkiste zu kommen? Oder bleibt sie für immer die Frau, die keine Fahrkarte kauft? Die nachts wach liegt und stumm leidet? Als ob eine kleine flache Kiste den Teufelskreis durchbrechen könnte. Lächerlich.