Eine Pizza für zwei Tage…

… oder die drei wilden Küsse des Iossif Wissarionowitsch Stalin.
Nachhaltig. Stalin küsst den sowjetischen Piloten Wassilij Molokow

Er lässt mich nicht los, der schnauzbärtige Diktator, er hält mich mit seinem festen Griff umfangen. Und sein Schatten liegt immer noch auf meinem Weg. Blutiger Schatten. Krowawaja Tenj.
Ich werde pathetisch. Aber hey, ich darf das. Anders lässt sich das ganze Krüschzeug nicht verpacken. Soll ich da etwa ein Schleifchen drum binden?
Noch immer macht das was mit mir.

Dabei liegt diese Geschichte sehr, sehr weit zurück. Bald nun schon um die 80 Jahre oder mehr. So alt bin ich noch nicht mal. Aber es prägt mich, in einem kollektiven Sinn, in einem wir im Gegensatz zum ich Sinn. Also wir.

Bevor wir also aus der Sowjetunion weg sind, haben wir vom Woschdj, vom ehrwürdigen Führer der Werktätigen Iossif Wissarionowitsch Stalin noch drei Küsse zum Abschied bekommen. Auf dass wir das Land und diesen Mann niemals vergessen. Ein Kuss auf die rechte Wange, dann einer auf die Linke und dann wieder rechts.

Drei Markierungen über das eigene Leben hinaus, denn nichts anderes waren die Küsse Stalins, auch wenn sein Ableben schon mehr als ein halbes Jahrhundert her ist.

Ich hab da mal eine Liste gemacht.

Kuss No.1:
Der Kuss der Todesangst

In Zeiten des Terrors konntest du wegen Kleinigkeiten abgeholt werden. Verrat und Schweigen, die Angst vor willkürlichen Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Alle erlebten das so, auch die Bolschewiken der ersten Stunde. Minderheiten wurden verfolgt, die Todeslisten mussten geschrieben und abgearbeitet werden. Der Todessoll musste erfüllt werden.

1938 gab es in der Ukraine die sogenannte Deutsche Operation. Das war die erste ethnische Operation des Genossen Stalin. Danach folgten noch viele. Zahlen. Erschießungen. angebliche Spionage. Arbeitsarmee. Kollektive Beschuldigungen. Keine sehr einfache Zeit, keine, die dir das Vertrauen in deine Zukunft eingibt. Über die Klammer der Generationen hinweg treibt dieser eisige Kuss Angst in die Seelen.

Die Zahlen – auch ohne Sprachkenntnisse zu verstehen.

Das ist der eisige GuLag-Kuss, der Kuss eines Genozids, der nicht so genannt wird, der generationsübergreifend wirkt und macht, dass die Menschen mit eingezogenem Kopf und voller Misstrauen durch die Welt stapfen. Dass sie so langsam vorwärtskommen, als würden sie durch meterhohen Schnee laufen. Es gibt Ausnahmen.
Oder nein, diese Schwere der Last zu spüren, das ist wohl die Ausnahme. Bei den Jüngeren. Die ältere Generation wandelt noch in meterhohem Schnee, auch wenn die Sonne knallt und es draußen mehr als 30° heiß ist. Fast ohne Ausnahme.

Wenn man die Zahlen betrachtet, ist sicher nicht nur Genosse Stalin für das alles verantwortlich, denn es fing schon mit dem ersten WK an. Aber es gibt in der Tabelle auch eine Lücken, zum Beispiel die Lücke zwischen 1937 und 1941, in die die Deutsche Operation fällt. Es sind also mehr Opfer zu beklagen. Und damit sind nur die Toten abgedeckt, nicht die Waisen, nicht die Verbannten, nicht die zerstörten Familien.

Kuss No. 2:
Der Kuss Stummheit

Der zweite Kuss ist besonders perfide. Er nimmt dir deine Identität. Er löscht deine Sprache aus und raubt dir die Erinnerung. Ja, ich weiß, nicht schreien! Nicht die Augen verdrehen, bitte. Identität wird überbewertet und wir alle jagen nach Seifenblasen des Selbst und so.

Aber hier geht es um ganz einfache Dinge. Um Verbote.
Mit diesem Kuss wollte Stalin sicherstellen, dass sich die angeblichen Faschisten in seinem Land nie wieder erheben. Und wie machst du das? Isoliere sie und nimm ihnen die Sprache, die Möglichkeit der Kommunikation, die Möglichkeit der Erzählung dessen, das war.

Wie war das noch? Nie wieder sollen Deutsche erhobenen Hauptes über die russische Erde wandeln. Die Maßnahmen sind schlicht. Verbiete ihnen deutsch zu sprechen und verbiete ihnen dahin zu ziehen, wohin sie wollen. Auch nach Aufhebung der Kommandatur-Aufsicht. Sie durften nicht frei ziehen, nicht in die angestammten Siedlungsgebiete, nicht in die großen Städte und schon gar nicht ins Ausland.
Die meisten blieben einfach an den Orten ihrer Verbannung oder zogen in die südlichen Republiken, nach Usbekistan oder Kasachstan.

Die Lücke, das große Loch zwischen 1941 und 1956, tilgt alles andere. Danach gibt’s kein Bewahren von Kultur und Sprache mehr, nur noch das Bergen von Scherben. Das Aufsammeln von Mehlresten in den Ecken der Scheune. Kolobok, Kolobok, ich fresse dich!

Als willfährige Bauern sind sie zu gebrauchen, die Fritzen. In ländlichen Gebieten sollen sie bleiben, Hühner züchten, Weizen anbauen, Baumwolle pflücken. Kolchosen und Sowchosen sollen sie zum Blühen bringen. Mal wieder. Aber nicht in ihrer Sprache auf der Straße reden, keinen Unterricht darin haben und nichts Gedrucktes produzieren. Und wehe, sie erwähnen in ihren Schriften auch nur das Wort: Wolga. Dann, Kolobok, pass nur auf!

Ab 1957 gibt es vereinzelt Schriften, die auf Deutsch erscheinen und das Leben des Proletariats und der Bauern preisen. Neues Leben oder Freundschaft heißen sie. Diejenigen, die dichten finden hier Zuflucht. Dennoch sind die Menschen, die diese Zeitungen lesen könnten, weit zerstreut. Familien, Freunde durch abertausende von Kilometern entfernt. Als Verbindung was? Eisenbahn? Telefon? Briefe? Nichts, was man nicht kontrollieren oder zensieren kann. Und dennoch ganz geht die Sprache nicht unter. Und das ist eine ziemliche Leistung.

Titelbild der Freundschaft von 1966
Identität. Ja oder nein?

Bitter. Warum sollten wir nach Identität suchen? Fragen heute einige. Zurecht. Doch.

Ist es gut, wenn Leute nicht wissen, was vor ihrer Geburt passiert ist? Wenn sie nicht wissen, woher sie kommen und welche Gründe es für ihre Situation gibt? Ich finde schon, dass es wichtig ist.

„Vielleicht würde es uns guttun, diese Suche nach der Identität sein zu lassen.“

Das sagte Juli Zeh in einem Interview in „Psychologie heute“.

Und Jan Fleischhauer schrieb vor einiger Zeit im Spiegel:

Was ist Identitätspolitik? Identitätspolitik ist das Versprechen, dass sich das, was einem im Leben an Widrigkeiten begegnet, auf die Herkunft zurückführen lässt. Wenn ich weiblich bin oder schwarz oder irgendwie anders als die anderen um mich herum, dann darf ich davon ausgehen, dass es nicht die eigentliche Unzulänglichkeit ist, die mich am Fortkommen hindert, sondern die Vorurteilsstruktur der Mehrheit.

Ein Problem dieser Form von Weltwahrnehmung ist ihre strenge Subjektivität. Wie immer, wenn man sich von seinen Gefühlen leiten lässt, ist nicht ganz klar, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Warum nicht? Netter Gedanke. Warum nicht einfach alles hinter sich lassen. Das hieß für uns ab 1960, in der Masse der Sowjetmenschen untergehen, lesen, was sie lesen, reden wie sie reden, denken was sie denken.
Geht aber nicht. Weil die Vergangenheit sich nicht abschütteln lässt. Weil sie dich, oder dein Kind oder dein Enkelkind einholen wird. Deshalb. Weil diese Identität eine ist, die schmerzt oder beißt oder dich zu Gewalt und Trunksucht treiben kann.

Ja, es ist billig, die eigene Herkunft für alles verantwortlich machen zu wollen, lieber Jan, der du dir nonchalant ein Tüchlein um den Hals bindest oder süffisant deine maßgeschneiderten italienischen Lederschühchen betrachtest. Auch du hast dir eine Identität geschustert. Gibs zu!
Du schreibst so erlesen über Identität und hattest nie deine Schwierigkeiten damit als junger, mittlerweile nicht mehr ganz so junger, wohlhabender weißer Mann in Europa zu leben. Ach, lassen wir das.

Viele der Alten aus der russlanddeutschen Community wollten verdrängen. Verständlicherweise. Viele aus der jungen Generation wissen nichts von Verbannung, vom Hunger und vom meterhohen Schnee der Angst. Sie kennen die Listen des Todes nicht. Sie fragen sich nur, woher ihre Wut kommt. Vielleicht noch nicht mal das.

Und übrigens, es ist eine Sache, sich komplett identisch zu machen mit der Herkunft, sich mit einer Gruppe zu identifizieren bis zur völligen Verschmelzung oder sich zu verbinden. Mit der Geschichte, mit den Einzelschicksalen der Leute oder mit ihrer Art zu leben. Ohne Symbiose. Ohne zu verschmelzen. Alles eine Frage der Dosis.

Kuss No. 3:
Kuss der Bodenständigkeit

Der Kuss, der einen nachhaltigen Abdruck hinterlassen hat, aber dessen Wirkung schwer zu beschreiben ist. Vor allem ohne jemandem gewaltig auf die Füße zu treten…
Er ist so ziemlich das Gegenteil von einem Musenkuss.

Neulich sagte eine Freundin, sie glaube, dass die Deutschen aus Russland (also in ihrer kollektiven Mehrheit, du und ich sind davon ausgenommen!) keine Wahrnehmung dafür ausgebildet hätten, was Kunst oder Literatur für einen Wert haben. Welche Zeit es braucht, um diese Dinge zu schaffen und welche Wirkung sie haben auf, na auf alles.

Das liegt nicht nur an dem Verbot, zu studieren. Dieses Verbot betraf nicht alle und nicht Studiengänge wie Ingenieur oder Agrarwissenschaftler oder Lehrerin.
Es liegt nicht nur an dem Verharren in den ländlichen Gebieten, die erzwungene Landflucht. Die erzwungene Meidung von schillernden Kosmopolen mit ihrem kulturellen Angebot und ihren Verlockungen zum Lotterleben.
Es liegt nicht nur an dem Rückzug ins ländlich oder religiös Traditionelle als Reaktion auf die ethnischen Repressalien. Oder die Hinwendung zu Gott als Anker, wenn ich es positiv ausdrücken soll.

Wer sich die Existenz neu aufbauen muss, immer und immer wieder, schaut nicht stundenlang auf den Mond und schreibt ein paar Zeilen dazu. Schade eigentlich. Aber is so.

Es ist nicht eins von diesen Dingen. Aber ein wenig von alldem bildet den Kompott, der all den Gebildeten und Müßiggängern misstrauen lässt. Bildet die Grundlage der Hinwendung zu allem Praktischen. Haus. Traditionen. Und die Familie steht über allem.
Zeitvertreib ist Zeitvertreib und darf nach Feierabend geschehen. Musikmachen ja, aber nur auf Hochzeiten, nur nebenbei. Wichtig sind Jobs, mit denen man Geld verdienen kann. Alles andere darf Hobby bleiben.

Und die Bohème? Kann man das essen? Kann man das gegen Essen eintauschen? Nein? Dann ist sie nichts für uns.

Nichts Unsicheres wie Theater oder Bücherschreiben, Gott bewahre. Auch hier gibt es löbliche Ausnahmen, die anderen Extreme, die Träumerinnen und Weltreisenden. Aber ich spreche nicht über dich. Ich spreche auch nicht über mich. Ich spreche über ein kollektives wir. Und das hat eigene Gesetze.

Das Luftige, das Verrückte, das Gewagte und das unsinnig Spielerische der Kunst. Sie alle haben keinen wert, wenn es ums Überleben geht. Und das ist sehr, sehr schade.

Denn nur diese Disziplinen schöpfen aus den Träumen und den Trümmern und weben eine eigene Geschichte. Bilden eine Erzählung, die wichtig ist für ein kollektives wir.

Die Realität war wieder eine andere. Hier in Deutschland. Da wurden auch die unmusischsten Diplome nicht anerkannt. Und so blieb den Ingenieuren nichts übrig als Taxi zu fahren und den Lehrerinnen blieb die Putzstelle, oder mehrere. Auch das trägt nicht immer dazu bei, das schöpferische ICH zu fördern.

Doch diese bürokratischen Hürden, in Deutschland und in Russland, die formen die Menschen. Hinterlassen Einkerbungen, Verbitterung bleibt, Kränkungen werden zugefügt. Sie alle müssen irgendwie verarbeitet werden, denn sonst werden sie weitergereicht.
Wenn es wenigstens nur ein Kuss wäre. Aber alle drei. Wie kannst du die Angst überwinden, wenn du stumm bleibst? Wie kannst du deine Geschichte erzählen, wenn du auf deine existentiellen Nöte zurückgeworfen wirst?

Auch das sind noch Abdrücke der Bruderküsse des Iossif Wissarionowitsch.

Nachsatz:

Warum will ich immer über Pizza schreiben? Welchen Gedanken hatte ich Mitte Mai, als ich dies alles notiert hab? Vielleicht so:

Ein Trauma ist wie eine Pizza, beides lässt sich am nächsten Tag auch noch kalt genießen.
Ok, nicht gerade pulitzerpreisverdächtig, aber hey, ich darf das.

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Poetisches Intermezzo: Dominik Hollmann

Die folgenden Verszeilen wurden mir  vorgestern vom Enkel des Dichters zugeschickt, weil ich gerade an einem Vortrag über die Geschichte der russlanddeutschen Literatur sitze.

Doninik Hollmann

Dominik Hollmann schrieb das Gedicht Mein Heimatland fern von der Wolga im hohen Norden am mächtigen Fluss Jenissej, wo er in der Verbannung lebte. Die Heimat, auf die er sich bezieht, ist die Wolgaregion, aus der die dort lebenden Deutschen zu Beginn des Krieges vertrieben worden sind. Nach Kriegsende hatten viele von ihnen die Hoffnung gehegt, in ihre angestammten Gebiete zurückzukehren.

Diese Sehnsucht blieb in dieser Zeit noch unerfüllt. Denn im Jahre 1948 erschien ein Regierungserlass bezüglich der Sondersiedlungen für die Deutschen: wer den Verbannungsort verlässt, wird mit 20 Jahren Haft bestraft. Daraufhin schrieb Hollmann diese Verse:

Mein Heimatland

Wo der Karaman* leise plätschernd
um den sandigen Hügel biegt,
wo die alte Trauerweide
über ihm die Äste wiegt,
wo die breiten Ackerfelder
dampfen in dem Sonnenbrand,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein liebes Heimatland.

Wo beim ersten Sonnenstrahle
sich die Lerche trillernd schwingt,
wo des Dampfers schrilles Tuten
weitaus in die Steppe dringt,
wo mir jeder Stein und Hügel
ist von Jugend auf bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein trautes Heimatland.

Wo die Kirschen purpurn glühen,
reift der Äpfel goldne Last,
wo die saftigsten Arbusen*
labten uns zur Mittagsrast,
wo wir deutschen Tabak bauten,
wie kein zweiter war bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein teures Heimatland.

Wo mein Herz der ersten Liebe
und der Freundschaft Macht erkannt,
wo bei gut und schlechten Zeiten
ich auf festen Füßen stand,
wo mein Vater arbeitsmüde
seine letzte Ruhe fand,—
an der Wolga, an der Wolga,
ist mein wahres Heimatland.

Wo wir neunzehnhundertachtzehn
kämpfen für die Sowjetmacht,
unsrer fleiß’gen Hände Arbeit
Wohlstand und Kultur gebracht,
wo im Bruderbund wir bauten
unsre Wolgarepublik,—
an der Wolga! an der Wolga!
ist mein Heimatland, mein Glück.

Von einer Veröffentlichung konnte keine Rede sein. Auch später als es deutsche Zeitschriften gab, blieb es wegen seines Inhalts, der als nationalistisch eingestuft worden wäre, in der Schublade liegen. Irgendwann schickte Hollmann das Gedicht an seinen Dichterkollegen Victor Klein in den Ural, der ihm bald darauf folgende Rückmeldung gab: Die Menschen kopierten das Gedicht unter der Hand und sangen es sogar leicht abgewandelt zu der Melodie des bekannten Volksliedes über Stenjka Rasin.

Hier das Originallied auf Russisch, gesungen vom Chor der roten Armee mit Bildern aus dem Stenjka Rasin Stummfilm von 1908:

Von den Abschriften, der Stenka-Rasin-Melodie und dem Bestreben seines Großvaters, in die Heimat an der Wolga wiederzukehren,  erzählte mir sein Enkel am Telefon. Es steht aber auch im Vorwort eines im Jahre 1999 erschienenen Gedichtbandes: Ich schenk dir Heimat, meine Lieder. Aufgelegt wurde das Büchlein in Kamyschin, im Wolgagebiet, wo  es Dominik Hollmann dann doch geschafft hatte zu leben. Von 1978 bis zu seinem Tod im Jahre 1990.

*Karaman: Zufluss der Wolga
*Arbusen: Wassermelonen

illegale Abschrift eines von Dominik Hollmanns Gedichten, Ein Traum, 1. Seite

 

Das vergessene Buch

das vergessene dorf 1

Theodor Kröger – Das vergessene Dorf. Eigentlich steht auf dem Umschlag eher so etwas wie: Das vergeffene Dorf, denn der Titel ist in Frakturschrift gesetzt, eine Ausgabe von 1934. Gefunden habe ich es eher zufällig, als wir an den Bücherkisten vor einem Briefmarken- und Münzladen standen und in Wirklichkeit hat meine Tochter es mir vor die Nase gehalten mit den Worten: Mama, was ist das für eine Sprache?

Auf dem Innentitel lese ich als Unterzeile: Vier Jahre in Sibirien und darunter Ein Buch der Kameradschaft. Das ist doch was für die Scherbensammlerin. Der erste Teil heißt schon vielversprechend ‚In Ketten‘. Voll meine Linie, oder?

Ich nehme es also mit und bei der Netzrecherche finde ich heraus, dass der Autor Theodor Kröger unter dem Namen Bernhard Altschwager in St. Petersburg geboren und aufgewachsen ist und somit ein Deutscher aus Russland war und dass er 1913 nach seiner Uhrmacherlehre in der Schweiz selbst wegen Verdacht auf Spionage hinter den Ural verbannt wurde. Es steht nicht soviel über ihn im Netz und auch seine Romane scheinen vergessen zu sein.

Dabei war Das vergessene Dorf mit einer Auflage von mehr als einer Million und einer Übersetzung in 16 Sprachen zu seiner Zeit ein vielgelesenes Buch. Und Kröger ein Bestseller-Autor.

Theodor Kröger
Theodor Kröger als Autor in Deutschland sehr bekannt. Seinerzeit.

Aber das ist wohl die Krux an der Sache, in der deutschen Biografie auf Wikipedia ist von einer ‚dezidiert nationalkonservativen Richtung‘ die Rede, die dazu geführt hat, dass er im Dritten Reich ein anerkannter Schriftsteller war und nun faktisch nicht mehr gelesen wird.

Ein weiterer Bestseller aus seiner Feder, Heimat am Don wird mit über 300 000 Exemplaren an 28. Stelle in einer Liste der erfolgreichsten Bücher von 1933 bis 1945 geführt. Gleich vor dem Hitlerjungen Quex aber einige Titel nach Karl Mays Schatz im Silbersee.

In Krögers Werken finden sich antibolschewistische Tendenzen. Aber macht es ihn zu einem NS-Autor?

Interessant ist, dass das der Schmutztitel, die leere Seite am Anfang eines Buches, wo Leute ihre Namen hineinschreiben, herausgetrennt ist. Aus Scham? Oder einfach aus Gewohnheit, bevor man es an Unbekannte abgibt?

Auf dem Deckblatt ist ein Mann in Kriegsgefangenen-Kluft abgebildet und gleich hinter ihm einer mit einer russischen Rubaschka und Bastschuhen. Sieht nicht unbedingt aus wie das Verhältnis zwischen Herrenrasse und Untermensch.

Herausragend geschrieben ist Das vergessene Dorf nicht. Das verhindert wohl auch seinen nachhaltigen Weltrum. Kurze einfache Sätze, viele Plattitüden auch viele Vorurteile, die Asiaten mit ihren verschlagenen Blicken, die saufenden Russen. Passend für einen Bestseller.

Es ist mehr fiktiv als biografisch, eher ein Abenteuerroman im Stile des Altmeisters May. Old Surehand im Slawenland. Sogar eine von der Zivilisation vergessene Siedlung von hunnischen Ureinwohnern, die Kröger mit einigen Trappern (sie heißen wirklich so) entdeckt, erinnert an die Romane des Radebeuler Winnetou-Erfinders. Mit dem Unterschied, dass Kröger wirklich an den Orten gelebt hat, in denen seine Bücher spielen.

Pseudoautobiografiegeschwafel wird sein Buch an einer Stelle im Netz genannt. Aber Pseudo ist es nicht. Auch wenn er viel dazu gedichtet hat, anders als der Winnetou-Erfinder aus Radebeul, war Bernhard Altschwager wirklich in Gefangenschaft im Ural. Er ist Deutscher in Russland. (Nicht Russlanddeutscher, das ist ein Unterschied, das habe ich jetzt gelernt, diese Bezeichnung bekommen nur die bäuerlichen Siedler an der Wolga und in der Ukraine und deren Nachkommen. Die Altschwagers gehören zu den Kaufleuten, den Handwerker-Spezialisten, die sich in St. Petersburg und in Moskau ansiedelten. Sein Vater war Uhrmacher.) Also sollte er wissen, wovon er schreibt. Er ist im vorrevolutionären Russland aufgewachsen, er spricht Russisch. Und er steht als Autor nicht hasserfüllt dem Land gegenüber – anders als andere Bestsellerautoren der NS-Diktatur. Wohl aber lehnt er den Bolschewismus aus tiefstem Herzen ab.

Es gibt wenige Hinweise darüber, wann Kröger/Altschwager nach Deutschland kam. Irgendwann in der Weimarer Republik. 1934 erscheint das vergessene Dorf, 1941 geht er in die Schweiz, ’46 nach Österreich. Ende 1958 stirbt er in Graubünden.

Ich muss mich durchkämpfen, durch diesen Wälzer, und das nicht nur wegen der Frakturschrift, deren Sinn ich mehr erahne. Ich schaffe nicht alles in einer Etappe. Komme ins Stocken. Langatmig und unerträglich finde ich das Buch in seiner Ich-bin-besser-als-ihr-alle-Attitüde. Der Text ist voller vorgefertigter Sätze und Vorurteile. Der deutsche Hühne Theodor Kröger läuft lässig durch die sibirische Steppe und zeigt den Russen mal eben, wo der Hammer hängt. Trotz seiner untergebenen Position als Gefangener.

Besonders haarsträubend: als nach einigen Jahren die deutschen Kriegsgefangenen das Dörfchen Nikitino verlassen wollen, legt er den Dorfbewohnern folgende Worte in den Mund:

‚Wir haben euch aufgenommen wie unsere eigenen Brüder, haben mit euch unser tägliches Brot geteilt, haben mit euch immer im besten, ehrlichen Einvernehmen und und ungetrübtem Frieden gelebt, und euch unser bestes, mag es auch armselig und karg sein, gegeben. Ihr habt uns vieles gelehrt, aber ohne euch werden wir wieder in das immer Gewesene zurückfinden, denn wir haben noch nicht ausgelernt. Bleibt, Brüder, bleibt um Gottes willen, laßt uns nicht in unserer Unwissenheit zurück, habt Erbarmen mit uns…‘ Seite 522

Abgesehen davon, dass diese Worte wohl kaum ein Russe gegenüber einem Deutschen aussprechen wird, in der russischen Literatur geistert der übereifrige Typus des Штольц (Stolz) der den unbeliebten und anstrengenden Gegenpol des faulen Oblomow bildet. Die Darstellung der Überlegenheit der Deutschen in Russland bringt Kröger als Autoren in der nationalistisch aufgeladenen Zeit zwischen 1933 und 1945 einigen Ruhm und Ehre. Aber genau das macht wohl, dass er nach 1945 fast in Vergessenheit geraten ist: Das ‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen‘. 1960 hat seine Ehefrau auf Wunsch vieler treuer Leser posthum den letzten Roman ‚Natascha‚ publizieren lassen. Er schildert Krögers Leben nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Und in den Achtzigern wurden die alten Romane wieder neu aufgelegt, aber an die alten Verkaufszahlen konnten die Bücher nie wieder anknüpfen. Mit seiner Deutschtümmelei mit einer Prise Wild-Ost-Abenteuer trifft er den Nerv der damaligen Zeit. Was heute Leser als ’nerviges Treudeutschtum‘ bezeichnen, war damals gesellschaftstragender Konsens. Noch ein Aspekt: es war unter den Deutschen in Russland lange verbreitet, sich für zivilisierter, sauberer und tüchtiger zu halten als die einheimische Bevölkerung. Ob es nun Russen, Ukrainer, Tataren oder Kasachen waren. Eingekesselt in der Fremde war es für ihre Identität wichtig, sich abzugrenzen, sich nicht nur als Verlierer zu sehen, sondern etwas von der alten Heimat hochzuhalten. Und sei es die Akkuratesse. Bereits einer der ersten schriftstellernden Siedler an der Wolga, Graf von Plathen, hat ca. 130 Jahre vor Kröger offenbar Gefallen daran gefunden, die russischen Matkas und Batkas als rückständiges Bauernvolk anzuprangern.

Bei aller Überheblichkeit, die möglicherweise dem Zeitgeist zugeschrieben werden kann, ist wichtig, dass in diesem Buch eine brüderliche Beziehung zwischen den verschiedenen Völkern herrscht. Wenn auch nicht ganz auf Augenhöhe. Und somit dieses Werk nicht dezidiert einer völkischen Gesinnung zugeordnet werden kann. Tatarische Händler, ein ungarischer Geigenspieler (ein Sinti und Roma?) und der bärenstarke Russe Stepan, dessen Frau wie einer Madonna gleicht – sie alle sind durchweg positive Gestalten. Und auch der kleine Sohn Krögers, aus seiner Ehe mit der Tatarin Fayme, wird als schönes, kluges Kind dargestellt – nicht als minderwertiger Mischling, dessen man sich schämen muss. Der Autor wirft ein wohlwollendes Auge auf andere Völker, wenn sie sich an die Kastenregeln halten und seine Überlegenheit nicht infrage stellen.

Nicht ohne Grund steht heute herzlich wenig über ihn im deutschsprachigen Netz. Einige Zeilen, ein Foto, mehr nicht. Kurios: in Russland sind ihm viel mehr Seiten gewidmet.

2012 erscheint eine Auflage von Das vergessene Dorf  als «Забытая деревня. Четыре года в Сибири» in Russland. Dort wird es als ein Zeitdokument und ein Zeichen der Freundschaft und Völkerverständigung gehandelt. Keine Stimmen darüber, dass das russische Volk unterlegen dargestellt wird. Wer weiß, was der Übersetzer alles weggelassen hat. Vielleicht ist es dadurch besser geworden: ein harmloser Abenteuerroman mit historischem Touch.

In einer Analyse der bestverkauften Bücher des Dritten Reiches eines Münchener Instituts finde ich die These, dass es damals mehr als nur die beiden Kategorien Propaganda-, Kriegs- und Blut-und-Boden-Literatur auf der einen Seite, auf der anderen die Literatur der ‚Inneren Emigration‘ gegeben hat. Anders als es die Kritiker und Literaturwissenschaftler heute vielfach darstellen würden. Es gab einfach auch viele Bücher, die die Leute gern lasen. Vom Winde verweht, Herzschmerz-Romane und Abenteuerbücher. Kröger gehörte zu dieser dritten Kategorie.
Dadurch, dass das Buch früher ein Megaseller war, kursieren davon viele antiquarische Exemplare – für ein Appel und ein Ei. Und einige landen dann unbeachtet in die Grabbelkisten von kleinen Briefmarken-Läden.