„Ein gotisches und absurdes Leben …“

Über die Textsammlung von Julio Camba „Ich tauge nicht zum Deutschen“.

Was ist eigentlich typisch deutsch? Diese Frage wird sehr elegant, sehr eloquent und vor allem sehr witzig von einem spanischen Reporter beantwortet.
Aber nicht jetzt. Sondern …
gehen wir weiter zurück …
wandern wir an der  Corona-Pandemie vorbei, an den ganzen Scharmützel der letzten Jahrezehnte, an der Wiedervereinigung, am kalten Krieg, an einem zweiten Krieg ebenfalls am ersten Krieg und landen im Jahr 1912.

Der spanische Auslandskorrespondent Julio Camba lebte damals zwei Jahre lang in Berlin und in München. Von seinem Aufenthalt in Deutschland ist eine Sammlung von Kolumnen erhalten, die in den Zeitungen La Tribuna und ABC erschienen sind und die nun erstmalig ins Deutsche übersetzt wurden.

Berlin, Friedrichstraße, 1912

„Ich tauge nicht zum Deutschen“ ist alles außer einem Reiseführer – es ist eine Zeitreise in eine fern scheinende Vergangenheit. Man meint, diese versunkene Welt hat nichts mit uns, nichts mit dem heutigen Deutschland zu tun, Spitzhauben und Kutschen sind ja längst passé – bis dieser bissige Beobachter doch den Nagel auf den Kopf trifft und wir uns darin wiederfinden.

Fermentierter Kohl, Frankfurter Würstchen und natürlich das Bier spielen eine immense Rolle in seinen Texten. Dennoch ergeht sich der Autor nicht in Gemeinplätzen. Und wenn dann fügt er sie auf unkonventionelle Weise zusammen.

Um sich an die deutsche Kultur anzupassen, ist vor allem ein eiserner Magen vonnöten. Dies habe ich anderntags einem Landsmann gesagt, der sich innerhalb von zwei Minuten eine riesige Portion Schweinebraten mit Marmelade einverleibte.
– Sie werden es noch zu was bringen. Man wird Ihnen innerhalb kürzester Zeit einen Lehrstuhl an der Zentraluniversität anbieten und man wird nach Ihnen die Haushaltskommission benennen. Zumindest wird Ihnen im Institut für Sozialreformen niemand den Platz streitig machen.
Seite 88

Ein wenig schockiert aber nicht überrascht war ich, wie sexistisch und frauenverachtend die Kellnerinnen während des Oktoberfestes behandelt wurden und mit welcher Selbstverständlichkeit der ausländischer Reporter das wiedergibt. Es ist also nicht nur eine amüsante Lektüre, sondern auch ein Zeitdokument und ein Bild unseres Landes. Der allgegenwärtige Militarismus der Kaiserzeit gibt ebenfalls zu denken.

Julio Camba, * 1884, war alles, nur nicht auf den Mund gefallen. Er war ein formvollendeter Dandy und ein widerspenstiger Anarchist, ein wohlwollender Spötter und spitzfindiger Beobachter. Ein unabhängiger Geist, der sich während des spanischen Bürgerkriegs sowohl über die Faschisten als auch über die kommunistischen Rebellen mockiert hat und der die letzten Jahre seines Lebens in einem Luxushotel residierte.

Das was Wladimir Kaminer rund ein Jahrhundert später macht – launige Kurzprosa über deutsche Eigenheiten aus fremder Sicht zu verfassen – hat Camba bereits vor dem ersten Weltkrieg getan. Bei ihm driften die Beobachtungen oft dermaßen ins Absurde, Surreale, dass ich ihn vielleicht doch besser mit Henri Michaux vergleichen sollte, als mit Kaminer.
Allein wie er beschreibt, dass in Berlin der Neuzeit die Verstorbenen im Automobil auf den Friedhof gebracht werden:

Natürlich ist es den Toten lieber, auf eine langsame und feierliche Art zum Friedhof gefahren zu werden, gezogen von Pferden, deren Kruppe mit einer Schmuckdecke verziert ist und zu den Klängen einer Musik von Anno dazumal. Ebenfalls gefiele es ihnen sehr, wenn ihre Freunde sie auf den Schultern trügen, während die Glocken läuteten. Tote sind sehr zeremoniös veranlagt. Sie sind auch ein wenig theatralisch. Sie wollen ein Publikum, Reden und Kränze. Um einem Toten Gesellschaft leisten zu dürfen, muss man sich mit einem Gehrock bekleidet präsentieren – je älter der Gehrock, desto besser – sich von jemandem einen Zylinder leihen, sich schwarze Handschuhe anziehen und Haltung annehmen.
Seite 43

Stettiner Bahnhof, 1912

Ein anderes Beispiel: Ein deutsches Fräulein kann aus Postkarten aus aller Welt die spanischen in sekundenschnelle ausmachen, da darauf mindestens ein Mensch zu sehen ist, der an einer Laterne lehnt. Aus diesem an-Laternen-lehnen leitet Camba spezifische und prognostische Gedanken über sein eigenes Land ab. Nicht nur die Deutschen bekommen in diesen Kolumnen ihr Fett weg. Auch die Portugiesen, die Engländer, die Franzosen und natürlich: seine eigenen Landsleute.

Es sind Beobachtungen aus einem kurzen Zeitraum, zugegeben, und Deutsche als kompliziert und groß und regelkonform darzustellen ist an sich nichts Neues. Aber die Art und Weise wie dieser Kolumnist es tut, ist originell und sympathisch. Am meisten gefallen haben mir seine ernst (bierernst?) vorgetragenen Vorschläge, wie die sperrige deutsche Grammatik zu umgehen ist.
Als Zugfahren noch normal war, saß ich mit diesem Band im ICE von Berlin nach Hamburg und habe öffentlich Ärgernis erregt, indem ich andauernd auflachen musste. Und das nicht nur einmal.

Was das Buch herausragend macht, ist sicher auch die kongeniale Übersetzung von Andreas Lampert, der beide Sprachen hervorragend beherrscht und sich in beiden Kulturen auszukennen scheint, der spanischen und der deutschen. Auch das Vorwort ist von ihm. Da heißt es:

Nie kommt es in seinen Texten zu einer endgültigen Wertung, Camba wackelt an Podesten, stößt hier und da eine Idee vom Thron, eine Person vom bürgerlichen Ohrensessel, jagt einen König aus seinem Schloss oder zieht einen Kaiser oder einen Bürger an seinem Bart. Aber gleich schlendert er vergnügt weiter, um sich über die nächste alltägliche Wunderlichkeit zu amüsieren und auch sie ins absurde zu wenden, und verliert keine Zeit damit, neue Götzen anzubeten.
Seite 11

Auch der Kaiser Wilhelm wird nicht verschont. Hier bei der Jagd mit Franz Ferdinand, 1912

Da reist Julio Camba also ins wilhelminische Deutschland und es kommen nicht nur witzige, kleine Miniaturen über Bandwurmworte, steife Krägen und enorme, ich möchte sagen, kolossale Schnurrbärte heraus sondern ein überaus skurriles Bild von einem Land, das einiges mit uns zu tun hat und dann wieder nicht.

Es ist für mich spannend zu sehen, wie tief sich Strukturen erhalten, über die Verwerfungen der Geschichte hinweg. Und andere nicht. Und was mich , falls jemand fragen sollte, überhaupt dazu bringt, diese Rezension gerade hier auf diesem Blog zu bringen: unsere Leute arbeiten sich auch seit Jahrhunderten daran ab, was eigentlich deutsch ist und wer eigentlich deutsch ist.

Außerdem waren wir in diesem Land auch mal neu, aus einer anderen Kultur kommend, manche mit Rudimenten einer deutschen Kultur ausgestattet, die nicht mehr up to date war. Auch wir haben gestaunt, wenn nicht über Pickelhauben und die darunter liegenden Glatzen, so doch über andere Aspekte des Deutschseins, die einem nur ins Auge fallen, wenn man oder in meinem Fall, kind irgendwo fremd ist.

Das Buch ist im Regenbrecht Verlag zu erwerben:


Julio Camba
Ich tauge nicht zum Deutschen.
Beobachtungen eines Spaniers in Deutschland (1912–1914)
Übersetzt, herausgegeben und mit einem Vorwort
versehen von Andreas Lampert
Regenbrecht Verlag, Berlin
Softcover, 172 Seiten, 9,90 €
ISBN 978-3-943889-87-1
E-Book: ISBN 9783943889727