Á la russe

Wenn ich mich ein wenig russisch fühlen will, muss ich zu einem Türken gehen. Sonnenblumenkerne kaufen. Obwohl sie ihre total versalzen. Aber in der Not gehen die auch. Am besten sind natürlch die schwarzen oder die gestreiften Kerne, die es neuerdings bei einem Discounter in der Fremdland-Abteilung gibt. Aber bitte ohne Salz. Die türkische Limonade schmeckt auch so wie früher die russische. Almdudler übrigens auch, das habe ich schon früh rausgefunden. Das erste Mal Almdudler trinken hat mich schnurstracks in meine Kindheit hineinkatapultiert. Heute klappts nicht ganz so gut.
Was ich auch machen kann, wenn mir russisch zumute ist: in eine türkische Bäckerei gehen und diese Teigringe mit Hack essen, Acma oder Acme und dazu einen schönen schwarzen Tee trinken. Diese Teigringe erinnern nämlich entfernt an die Teigtaschen in Kasachstan oder in Omsk, die dreieckigen Beljaschi mit Lammhack. Der schwarze Tee ist genauso stark und wird mit heißem Wasser verdünnt und auch der Ayran erinnert an Mittelasien. Obwohl Kumys ganz anders schmeckt.

Wenn ich mich russisch fühlen will, gehe ich zu einem Konzert von Goran Bregovic oder höre Balkanpop. Eine Kassette, die ich hab, mit ein und demselben Lied in 1000 Variationen, klingt so slawisch, dass es mein Herz weitet. Auch wenn es Bergvölker sind und nicht Steppenvölker. Genug Ähnlichkeit ist vorhanden.

Wenn ich mich nur ein wenig russisch fühlen will, muss ich nach Polen fahren. Einige ländliche Gegenden in Polen sind schon so unterschiedlich zu allem was es hier gibt und so undurchorganisiert, dass es reicht, um sich russisch zu fühlen. Die Felder und die Gärten vor den Holzhäuschen, wilder Blumenwuchs und mit Bänken davor. Und die Blumen sind auch irgendwie ostmäßig.

Wenn ich mich also ein wenig russisch fühlen will, muss ich nach Barcelona fahren. Da brauch ich nur die Augen zu schließen und den Katalanen zu lauschen. Im ersten Moment hört sich die Zackigkeit und Kehligkeit der Sprache fast so an wie Russisch. Aber nur im ersten Moment. Und nur fast.

Wenn ich mich russisch fühlen will, muss ich nach Schweden oder Norwegen und mir die Birken dort ansehen. Oder den Schnee.

Nur nach Russland kann ich nicht fahren. Denn dort fühle ich mich ungeheuer deutsch und ungeheuer fremd. So dass es mein Herz zerreißt.

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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