Sternenblumenkerne – eine Rezension

Die letzte Hoffnung: Sternenblumenkerne.

… heißt es gleich zu Anfang in einem Band mit Sonettenkränzen. Es ist ein Buch von Max Schatz mit dem Titel Nihilschwimmer. Schon dieser erste Satz trifft mich ins Herz, wer mich und meine Vorliebe für das Knacken von Sonnenblumenkernen kennt, weiß, jetzt hat er mich.
Das Motiv taucht in diesem Sonett immer wieder auf:

Die Kerne einer Blume!? In Verbannung
sie waren täglich seine Manna-Nahrung
doch nun von Fingern schwitzenden zerrieben.
S 13.



Auch für mich waren in der Vergangenheit Sonnenblumenkerne etwas wie ein letzter Ausweg, ein Manna, zumindest eine altbewährte russische Methode, um Spannung abzubauen. Bei meinem zweiten Besuch in Moskau, haben wir ein Fußballspiel gesehen. Zenith St. Petersburg gegen ZSKA Moskau. Da haben die harten Kerle gebrüllt, geflucht, mit den Armen gefuchtelt  und –  Sonnenblumenkerne geknackt. Und die Schalen mit einer Vehemenz auf den Boden gespuckt, die ich selten so gesehen habe. Alkohol war damals in den Stadien schon untersagt.

Aber ich schweife ab, der erste Satz ist ja nur ein Auftakt. Diese Verse waren ja nicht extra für mich geschrieben, nicht auf mich gemünzt. Obwohl diese Anspielung unsere gemeinsame Herkunft hervorheben, die von mir und dem in Nürnberg lebenden Dichter Max Schatz. Seinen Sonette handeln selbstverständlich um mehr als um Sonnenblumenkerne. Es geht ums Schreiben, ums zurechtkommen mit dem Leben und auch um zwei Heimaten. Denn nicht nur zwischen den Zeilen zeigt sich der Autor als einer, der in mehr als einer Welt beheimatet ist. In „Liebes … totes Tagebuch“ geht es um seine Ausreise aus Kasachstan 1992 und um den Bruch in der Biografie eines Jungen, der mit Sprache jongliert.

Die Sprachaneignung ist offensichtlich geglückt. Schon zu Anfang zeigt Schatz, dass er die Elemente virtuos miteinander verschweißen, Worte so bilden kann, dass sie klick machen. Er ist einer, der nicht um zwei Ecken denkt, sondern gleich um drei, damit wir hinter die Kulissen schauen, bevor er das Haus schnell mal eben auf den Kopf stellt.
Max Schatz ist ein Sprachschwurbler, aber im besten, im freundlichsten Sinn des Wortes. Es macht Spaß, sich beim Lesen in Erstaunen versetzen zu lassen und unsere Welt gespiegelt zu sehen in einem alten Kleid.
Unsere Sprache von heute und die alten gereimten Formen werden miteinander vermischt. Seine Sprache ist modern und doch nicht.  Es überrascht, in einem formal so altertümlich anmutenden Gedicht plötzlich was von Reklametafeln zu lesen oder von Blockbustern oder von Tastaturen. Aber es passt schon. Wird passend geschmiedet. Für solche Knobeleien braucht es einen langen Atem. So sind die neun in diesem Band versammelten Sonettenkränze denn zwischen 2009 und 2015 entstanden. Einige sind Nachdichtungen aus dem Russischen, zum Beispiel das Sonett „Wermutkranz für Maximilian Woloschin“ von Elena Seifert oder „Rosarium“, den ursprünglich Sergej Kalugin verfasst hat.

Ganz am Anfang, im ersten Sonett kommt ein russisches aus dem französischen entlehntes Wort vor, das die meisten nicht kennen werden. Taburett. Es ist seine Freiheit, dass er so etwas einflicht, wieder eine Ebene hineinbringt. Keine Sorge: Es tauchen schon auch Dolche, Schwerter, Lanzen auf – in bester shakespearischer Mantel-und-Degen-Manier.

Kostprobe:

Zerbrechen alle Dolche, Schwerter Lanzen,
und wird ein wahrer zum unwahren Eid,
451 Fahrenheit
nicht Ritter nur seh’n Mondprotuberanzen.
S11

Sieht komplex aus, ist es auch. Verflochtene, verwobene, ineinandergedrehte Verse

Die Sprache mag modern wirken, die Konstruktion, das Gerüst seiner Sonette ist ein altes, konventionelles und er hält sich auch penibel daran.

Sonette und Sonettenkränze gab es schon zu Shakespeares Zeiten. Allein das Reimschema innerhalb der Verse ist schon relativ starr. Aber es wird noch viel verdrehter: Jedes Sonett besteht aus vierzehn Versgruppen, deren letzte Zeile sich in den ersten Zeile des folgenden Verses wiederholt und das fünfzehnte, das Meistersonett setzt sich sogar komplett aus den letzten Zeilen der vierzehn Sonette zusammen. Es ist eine Kunst für sich, so ein kniffliges Muster mit Sinn zu füllen. Und dem Meistersonett-Bewältiger Schatz gelingt es so leichtfüßig, so simpel als würde er Sonnenblumenkerne knacken, oder sollte ich besser sagen Sternenblumenkerne?
Als zeitgenössischer Dichter reimt er und unterwirft sich der alten Form mit Bravour, obwohl er sich hie und da kleine Freiheiten herausnimmt. Worte durch andere ersetzt, oder doch schon mal den Reim beugt oder bestimmte und unbestimmte Artikel weglässt. Aber das wirklich nur vereinzelt.


so! nun kann sich rechtschreibregelnonkonform
allerneuester Sonettkranz präsentieren.
S. 93


…sagt das lyrische ICH selbst lakonisch  dazu. In diesem Kranz mit dem Titel „Spektrakel“ spielt der Autor doch stärker mit der Form. Aber nicht, in dem er die die Reime aufbricht, sondern anders. Hier schreibt er alles in Kleinbuchstaben, nur jeweils ein Wort in jedem Sonett WEISS, GRAU, GOLD oder ROT wird hervorgehoben durch die Schreibweise, nur im Meistersonett nicht:

weißes blatt mit was zum schreiben und radieren
in den grauen zellen eine welt entsteht
nur ein leben kurz bis alles blut vergeht
lass die bilder ’nen hauch langsamer passieren!
S. 102

Das ist wohl mein Lieblingskranz in diesem Buch, obwohl es nichts mit Sonnenblumenkernen zu tun hat sondern mit Farben.

Erwähnenswert finde ich noch, dass das Wort Sonettenkranz in Italien corona di soneti und in England crown of sonnets oder sonnet corona heißt. Und dass dieses Buch, wie hätte es anders sein können, im Corona-Jahr 2020 erschienen ist. Aber das nur am Rande.

Wer sich in ein Wechselbad der Sprache stürzen möchte, sollte sich diesen Band jedenfalls nicht entgehen lassen.


Max Schatz, Nihilschwimmer, Sonnettenkränze,
ostbooks Verlag, 2020, 10,- €
ISBN: 9783 947 27 95

Hier als Ergänzung noch eine Rezension dieses Buches von der Dichterin Agnes Gossen in der Moskauer Neuen Zeitung und die Ankündigung bei ostbooks:
https://mdz-moskau.eu/sonettenkraenze-von-einem-wanderer-zwischen-den-welten/

Lyrikband „Nihilschwimmer“ von Max Schatz erschienen!

Angenehmes Knacken – Sonnenblumenkerne im Vergleich

Ich weiß nicht, wie viele Wörter die Inuit für Schnee kennen, im Lexikon der russischen Sprache von Wladimir Iwanowitsch Dahl gibt es jedenfalls dreizehn Synonyme für das Knabbern von Sonnenblumenkernen: лущить, лузгать, шелушить, грызть, вылущать, щелкать, выковыривать, вылуплять, облупливать, лушпинить, щелкотить, лустерить und жущерить.

Die Liebe der russischen Nation zu diesen Winzlingen ist bekanntermaßen groß. Über ihre Funktion als eine  in Trance versetzende Substanz habe ich schon geschrieben. Kalzium und gutes Fett und was nicht alles, ist ebenfalls in diesen kompakten Leichtgewichten enthalten. Das einzig Negative ist vielleicht noch der Dreck, der übrig bleibt, der Suchtfaktor und das Geräusch, das alle in der Umgebung, die nicht so engagiert knurspeln, in den Wahnsinn treibt.

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So wie es Testseiten für Computer, Lautsprecher oder Yachten gibt, so darf auch eine Seite nicht fehlen, auf der die Sonnenblumenkerne diverser Marken dargeboten werden. Was mich wundert, sie ist auf Deutsch und für in Deutschland lebende Konsumenten gemacht, womöglich für eine in der Diaspora lebende russischsprechende Paralellgesellschaft. Ich habe sie per Zufall entdeckt, das heißt, sie hat mich entdeckt. Irgendwann war da ein Kommentar von einem ihrer Betreiber unter einem Text von mir mit einem Link auf ihre übersichtlich und modern gestaltete Seite.

Hier werden Kerne mit oder ohne Schale einem Geschmackstest unterworfen und dürfen per Mausklick erworben werden. Im praktischen Eimerchen oder in großen Tüten. Als Nostalgiebonus wird meistens zum Größenvergleich ein Rubelstück neben die getesteten Kerne gelegt. (Bloß bei Rapunzel Sonnenblumenkernen ohne Schale liegt ein 20 Cent Stück.)

Hier ein paar Schmankerl aus den Testberichten:

Die Schale ist dick und benötigt ein wenig Kraft zum Knacken. Für geübte Semetschki-Esser ist dieses aber kein Problem. Eher ein feiner Knackspaß.

Oder

Sie schmecken leicht säuerlich nach Walnuss mit einem Spritzer Grasgeschmack. Der Geschmack ist nicht als schlecht zu verstehen. Man könnte ihn mit dem Liegen, auf einer Steppen-Wiese, an einem späten Frühlingstag, in der Taiga vergleichen.

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Ich finde die Idee sehr schön, darauf hat die Welt gewartet. Im Ernst jetzt. Nur zwei Dinge stören mich: kein einziges Mal schreiben die Tester*innen dass die Dinger ranzig riechen oder zu mau sind oder zu klein. Ich werde den Verdacht nicht los, dass sie von den Herstellern saftige Provisionen erhalten: in Form von Sonnenblumenkernen womöglich. Ich selbst hatte beim Kauf von bereits gebratenen Sonnenblumenkernen schon so manch böse Überraschung erlebt.

Und das zweite Manko: alle Links, die zum Kauf führen, landen auf der Seite eines Großversenders, der mit Am.. anfängt und mit ..on endet. Und mit der Tradition des Sonnenblumenkern-Knackens nicht das geringste zu tun hat. Und dann die Mengen, Vorteilspackung von 5x1kg. Da knispel ich mir ja den Mund fransig, bis ich die bis zum Verfallsdatum aufgeknackt habe. Lieber hätte ichs gesehen, wenn man damit die lokalen Anbieter unterstützen würde, irgendwo hinter den Karpaten oder im Ural. All die Babuschkas und Deduschkas, die ihren Ertrag Becherweise in zusammengerollten Zeitungstütchen verkaufen. Aber diese Zeiten sind wohl trotz Rubel und humorigen Sprüchen für immer vorbei. Um das zu verarbeiten, muss ich wohl gleich zu einer Handvoll knackfrischer, nicht zu labriger selbstgerösteter Kerne greifen. Nicht vergessen, auf die ukrainische Art kommen beim Rösten mit Schale einige Tropfen Öl dazu, na klar, Sonnenblumenöl, so werden sie noch nussiger und bratiger – falls es dieses Wort überhaupt gibt. Welches ist besser: mit Grillaroma? Der feine Geschmack des leicht Angebratenen? Deftig und herzhaft? Es gab doch ein japanisches Wort dafür: umami. Aber das ist es auch nicht. Der Geschmack frisch gerösteter Kerne ist einfach unvergleichlich.

Jedenfalls verfügt die semetschki-Seite über ein Dossier mit durchaus praktischen Anleitungen. Darin wird erklärt, wie die Schalen aufgeknackt werden, für all diejenigen, die keine gefiederten Freunde sind oder das Aufkneifen mit der Zungenzahnlückentechnik nicht von klein auf gelernt haben. Und die beiden Arten zum Kernrösten werden auch vorgestellt: die Backofenvariante und die Pfannen-Variante. Alles mit einem leichten Grinsen geschrieben.

Humorig kommen auch die Kommentare beim Geschmackstest daher, da heißt es schon mal:

Klicke Hier, wenn du ein Mann bist! 3x450g im praktischem Eimerchen.

Oder ist es doch kein Witz? Los, Männer an die Kerne!

Ob echter Mann oder echtes Weib, hier, der ultimative Geschmackstest für alle, die selbst mal Semetschki knurspeln, zerknipsen, aushülsen, abspelzen, aufknackseln oder herauszwengeln wollen:

http://www.semetschki.de/

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Sonnenblumenkerne II

„Weißt du, Oljetschka“, sagt der Großvater und rührt mit dem Holzschaber in der alten ausgedellten Pfanne, „das mit den Menschen ist wie mit den Sonnenblumekernen.“

Sie stehen in der Küche ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung, Olja und der Opa, und der Opa röstet ihnen grade ein paar frische Sonnenblumenkerne auf dem Gasherd zurecht. Kerne mit schwarzer Schale. Das sind die besten. Und natürlich ohne Salz, aber mit einem Tropfen Öl, auf ukrainische Art.

„Nimm an, diese Sonnenblumenkerne, das sind wir alle. Ein Haufen miteinander. Manche dicker, manche dünner, größer oder kleiner. Und die Pfanne da, das ist die Welt, rund ist sie ja auch. Und unten in der Welt, wo es ganz heiß ist, da sammelt sich das ganze Leid. Mach mal das Fenster auf,  mein Täubchen, die Schalen fangen schon an zu schmaucheln, gleich sind sie fertig.“

Olja steigt auf den Taburet, einen schmalen hohen Hocker und öffnet vom Fenster, das kleine obere Teil. Fortatschka genannt. Die Schwaden der gerösteten Kerne vermischen sich mit der Frühlingsluft.

„Der Holzlöffel hier“, fährt der Großvater fort, „ist was uns umtreibt. Was eben so mit einem passiert. Die Hand des Schicksals oder eben der Ukas von Väterchen Stalin. Der Löffel rührt in der Pfanne, damit alle was von der Hitze des Bodens abbekommen und gut werden. Damit nicht einige unten ausharren und verbrennen und die anderen roh bleiben, denn du weißt ja mein Täubchen, wer rohe Sonnenblumenkerne knuspert, kriegt leicht Bauchweh, hat dir deine Mama das schon erzählt?“

„Ja, das weiß ich doch Opa“, sagt Olja.

„Ach, mein Täubchen, du fragst dich doch sicher, wann Onkelchen Stalin mir Sonnenblumenkerne geröstet hat? Das ist nur so ein Beispiel. So wie in der Pfanne geht’s drunter und drüber in der Welt, die einen kommen hinter Stacheldraht und die anderen auf einen hohen Posten. Denn wie gut ich auch rühre, ich kann nicht gleichmäßig alle anrösten. Das ist eben Schicksal. Manche bleiben länger unten am Boden, sie werden zu stark gebraten, verkohlen. Und andere sind kaum angeröstet, fast weiß. Mia esse sie trotzdem, gell Oljenka“,  fügt er auf deutsch hinzu.

„Schau Opa“, ruft sie und zeigt mit ihrem Fingerchen in die Pfanne, „dieser Kern da bist du und dieser bin ich!“

„Genau, und bei meinem Glück lande ich öfter und länger unten, wo es richtig heiß ist. Jeder kriegt sein Los ab, aber siehst du, manche eben mehr, und andere bleiben verschont. So wie du.“

„Warum?“

„Weil du mein Augapfel bist, Oljenka.“

„Kann ich den schon jetzt haben, Opa, meinen, ich will ihn schon knacken, bitte!“

„Hier, warte“, er fischt ihn vorsichtig raus, bevor er noch wegflutscht, „dein Kern, der soll vom Feuer nicht zu viel abbekommen.“

Die Mutter schaut rein, „Hu, Vater, wie ist es verraucht, und wie es stinkt, was bringst du Olga eigentlich bei? Sonnenblumenkerne knacken doch nur die alten Omas auf den Bänken vor den Häusern. Und gesund ist das doch auch nicht .“ Sie geht ans Fenster und reißt noch ein Fensterchen auf.

„Ach lass, Lenotschka, lass uns doch, wenns ihr schmeckt. Weißt du mein Täubchen“, sagt der Opa und kippt die Ladung Sonnenblumenkerne auf eine Zeitung zum Abkühlen, „das Feuer ist aber auch wichtig, nur wenn sie genug Hitze abbekommen, die Kerne, schmecken sie uns doch.“

Sonnenblumenkerne I

Rückblick // Auszug aus dem Tagebuch // Moskau Besuch // August 2005

Ich weiß, warum das russische Volk seit Jahren keine Revolutionen mehr macht. Viel aushält, schluckt ohne zu murren. Alle denken, es läge an dem ihm angeborenen Fatalismus. Das ist Quatsch. Es liegt an den Sommenblumenkernen.

Das war eine Schau gestern beim Spiel ZSKA Moskau gegen Zenit St. Petersburg im Dinamostadion. Die Fans in der Westkurve um uns herum knacken Kerne und fluchen. Alkohol im Stadion ist wegen Krawallgefahr verboten. Also greifen die Leute zurück auf ein altbewährtes Mittel zur Beruhigung der Nerven. Und die Miliz und die Soldaten, die zur Bewachung abgestellt sind und von denen keiner älter aussieht als achtzehn, knacken ihrerseits Sonnenblumenkerne. Und schweigen.

Malzenitschkin, du Teekanne! ist noch die harmloseste Bezeichnung, die die Fans den Spielern entgegenbrüllen. Genetalien werden benannt und als pervers geltende Sexualpraktiken erwähnt. Dem Schiri der Hang zu Kindsmissbrauch zugesprochen. Dazwischen Sprechchöre, die ich leider nicht richtig verstehe, außer, dass es um Sieg geht und die gegnerische Mannschaft etwas lutschen soll.

Nach einem mühsam erkämpften 1:1 werden alle per Lautsprecher aufgefordert, gesittet das Stadion zu verlassen. Und zwar die Flanken im Süden und Norden zuerst, dann die harten ZSKA Anhänger und zum Schluss die Petersburger, die einen geschlossenen Block im Osten gebildet haben. Es wird höflich darauf hingewiesen, dass auch Frauen und Kinder unter den Zuschauern seien. Und es geht gespenstisch ruhig zu. Dank Softgetränken und eben Sonnenblumenkernen.

Was ist an ihnen dran, dass sie friedlich machen? Ist es das Öl mit der nervenberuhigenden Wirkung? Oder ist es der Akt des Knackens, die Zähne mahlen und in der Kieferpartie wird Spannung abgebaut, auch die Hand hat was zu tun. Wie beim Stricken. Nur besser, weil lecker. Bloß, dass dabei viel Müll entsteht. Denn von den hartgesottenen Fußballfans kann man nicht auch noch erwarten, dass sie gesittet die Kerne in ein eigens dafür mitgebrachtes Tütchen spucken.

Á la russe

Wenn ich mich ein wenig russisch fühlen will, muss ich zu einem Türken gehen. Sonnenblumenkerne kaufen. Obwohl sie ihre total versalzen. Aber in der Not gehen die auch. Am besten sind natürlch die schwarzen oder die gestreiften Kerne, die es neuerdings bei einem Discounter in der Fremdland-Abteilung gibt. Aber bitte ohne Salz. Die türkische Limonade schmeckt auch so wie früher die russische. Almdudler übrigens auch, das habe ich schon früh rausgefunden. Das erste Mal Almdudler trinken hat mich schnurstracks in meine Kindheit hineinkatapultiert. Heute klappts nicht ganz so gut.
Was ich auch machen kann, wenn mir russisch zumute ist: in eine türkische Bäckerei gehen und diese Teigringe mit Hack essen, Acma oder Acme und dazu einen schönen schwarzen Tee trinken. Diese Teigringe erinnern nämlich entfernt an die Teigtaschen in Kasachstan oder in Omsk, die dreieckigen Beljaschi mit Lammhack. Der schwarze Tee ist genauso stark und wird mit heißem Wasser verdünnt und auch der Ayran erinnert an Mittelasien. Obwohl Kumys ganz anders schmeckt.

Wenn ich mich russisch fühlen will, gehe ich zu einem Konzert von Goran Bregovic oder höre Balkanpop. Eine Kassette, die ich hab, mit ein und demselben Lied in 1000 Variationen, klingt so slawisch, dass es mein Herz weitet. Auch wenn es Bergvölker sind und nicht Steppenvölker. Genug Ähnlichkeit ist vorhanden.

Wenn ich mich nur ein wenig russisch fühlen will, muss ich nach Polen fahren. Einige ländliche Gegenden in Polen sind schon so unterschiedlich zu allem was es hier gibt und so undurchorganisiert, dass es reicht, um sich russisch zu fühlen. Die Felder und die Gärten vor den Holzhäuschen, wilder Blumenwuchs und mit Bänken davor. Und die Blumen sind auch irgendwie ostmäßig.

Wenn ich mich also ein wenig russisch fühlen will, muss ich nach Barcelona fahren. Da brauch ich nur die Augen zu schließen und den Katalanen zu lauschen. Im ersten Moment hört sich die Zackigkeit und Kehligkeit der Sprache fast so an wie Russisch. Aber nur im ersten Moment. Und nur fast.

Wenn ich mich russisch fühlen will, muss ich nach Schweden oder Norwegen und mir die Birken dort ansehen. Oder den Schnee.

Nur nach Russland kann ich nicht fahren. Denn dort fühle ich mich ungeheuer deutsch und ungeheuer fremd. So dass es mein Herz zerreißt.