Völlig ausgeblendet – Maja Haderlaps ‚Engel des Vergessens‘

Der Roman ‚Engel des Vergessens‘  behandelt eine persönliche Familiengeschichte und stellt ein wenig beleuchtetes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte in den Fokus. Es geht um die slowenische Minderheit in Kärnten, die noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an dessen Folgen und der Verfolgung durch die nationalsozialitischen Machthaber leidet. Die Großmutter der Ich-Erzählerin wurde als junge Frau nach Ravensbrück verschleppt und kommt ständig auf die Toten, die Verluste und die Erlebnisse von damals zu sprechen. Nur Kraft ihres im Aberglauben wurzelnden Christentums hat sie überlebt und gibt nun ihre Überlebensstrategien an die Enkelin weiter. Bringt ihr bei, sich heimlich mit der Zungenspitze am Gaumen zu bekreuzigen, damit es keiner mitbekommt. Nimmt Räucherungen mit einer heißen Kohlenpfanne vor. Lauter krudes Zeug, das jedoch verhindert hat, dass sie in der Hölle des Lagers den Verstand und den Mut verliert. Mechanismen zur Abwehr des Bösen, die in der Gegenwart deplaziert wirken.

Wie aus dem Nichts tauchen bei den Erwachsenen um sie herum Erinnerungssplitter von Kinderleichen oder Erniedrigungen im Lager auf. Dieses Phänomen kommt mir aus meiner Familie sehr bekannt vor.

Auch dass die Menschen an ihrer Vergangenheit zerbrechen, kann ich nur zu gut verstehen. Im Roman ist da zum Beispiel der Vater der Protagonistin, der schon als kleiner Junge zu den Partisanen gegangen ist und von den Nazis gefoltert wurde. Er kann das Erlebte nicht verarbeiten und gibt die Gewalt ungefiltert nach außen weiter. Das Stillschweigen, mit dem dieses Thema noch heute behandelt wird, verstärkt sein Trauma noch. Denn die Demütigung geht weiter: in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft wurden die slowenischen Partisanen mit Verbrechern und Verrätern gleichgesetzt.

Lakonisch wird die Sprache der Autorin dann, wenn sie darüber sinniert, dass ihre Landsleute neben Marienfahrtsorten auch Konzentrationslager wie Mauthausen oder Ravensbrück zu ihren Lieblingsausflugszielen küren. Poetisch wird sie dagegen, wenn es um die Beschreibung des Waldes geht, der zu einem Protagonisten in diesem Buch wird. Aber nicht nur.

Haderlap betrachtet das Geschehene zwar mit der Distanz einer Nachgeborenen, ist aber mit den Abgründen ihrer Familie und der slowenischen Gemeinschaft in Kärnten verbunden. Hier einige Beispiele der verdichteten Kraft ihrer Prosa:

Der Krieg ist ein hinterhältiger Menschenfischer. Er hat sein Netz nach den Erwachsenen geworfen und hält sie mit seinen Todesscherben, mit seinem Gedächtnisplunder gefangen. (Seite 92)

***

Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten nicht vergessen zu können. Der Boden, auf dem ich stehe, muss eine unsichtbare Unterseite haben, die vollgesogen ist mit Gewesenem, aus dem ich zu wachsen scheine, auf das ich zurückgeworfen werde. Immer wiederkehrend, verfällt das Land in einen Taumel, in dem es eine Geschichte beschwört, die nichts anderes ist, als ein Rechtfertigungsphantom, mit dem es sich auf der richtigen Seite wähnt. Alle, die unter die Räder des Nationalsozialismus gekommen sind, bleiben aus diesem Selbstbild ausgeschlossen. (Seite 275)

***

Großmutter schneidet von einem Laib Brot, der ihr gereicht wird, ein kleines Stück ab. Sie reicht mir einen Bissen und sagt, mit dem Brot habe sie ein Stück Ewigkeit abgeschnitten, am Brot werden wir uns im Jenseits erkennen, am Brot, das wir bei den Totenwachen verzehren. Ich bezweifle, ob ich von diesem Brot essen möchte, weil mich die Vorstellung, den Toten im Jenseits zu begegnen, ängstigt. Den Bissen nehme ich rasch aus dem Mund und stecke ihn in meine Jackentasche. (Seite 106)

Preisträgerin

2011 hat Maja Haderlap mit ‚Engel des Vergessens‘ in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Was daraufhin in einigen Feuilletons verlautbart wurde, wundert mich nicht, macht mich aber relativ ratlos.

Es ist offenkundig, dass die Niederschrift ein Akt der Befreiung war, und als Leser daran teilzunehmen ist ein ambivalentes Erlebnis, schreibt Ulrich Greiner in der ZEIT. Er bemerkt, dass das Präsens, in dem das Buch durchgängig verfasst ist, zwar ‚plastische Szenen einer archaischen Landschaft und des bäuerlichen Lebens‘ stimmungsvoll darstellen könne, jedoch ungeeignet sei ‚für die Inszenierung eines historischen Raums, um den es hier hauptsächlich geht. Wo alles Gegenwart ist, entsteht kein Bogen, der die Tiefe der Zeit überspannen könnte.‘  Er schließt mit den Worten:
Ihr den Klagenfurter Bachmann-Preis zuzuerkennen, war eine noble Geste, denn Haderlaps Anstrengung richtet sich auf ein einziges Thema: Gerechtigkeit für die Slowenen.

Allein die Vokabel noble Geste zeugt von einer immensen Überheblichkeit gegenüber der Autorin und ihrem Werk. Als ob dieser Roman nicht für sich stehen könnte, sondern den Preis nur aus Gnade erhalten hätte. Als Annerkennung für die historische Leistung nicht für die literarische. Auf mich wirkt diese Deutung eher wie eine weitere Distanzierung und Verleugnung. Aber ich sehe es vielleicht auch bloß gefärbt durch meine eigene Minderheitenbrille.

Meine Idee ist, dass Roman unter anderem im Präsens geschrieben wurde, weil die alten Geschichten bis in die Jetztzeit ausstrahlen. Der Vater gibt seine Traumatisierung an die Tochter weiter, die Großmutter füllt sie mit ihren Erzählungen von Verlust und Tod. Das Kind trägt die Gedanken an den Tod in sich, Ängste und Scham sind ihre ständigen Begleiter. Das Mädchen bildet das Gefäß, den Resonanzraum für das Unverarbeitete und die Erlebnisse, die über den menschlichen Verstand gehen.

In einer anderen Rezension wird die Zerstückelung, die Bruchstückhaftigkeit des Erzählten kritisiert, die an einer Stelle in einem Herunterleiern von Namen und Momentaufnahmen gipfelt. Die Rezensionsschreiberin hat sich womöglich noch nie mit Traumatisierten unterhalten und nie ihrem teilnahmslosen Herunterbeten von Namen, Geschehnissen und Orten gelauscht. Ich finde diese Erzählweise gut beobachtet und meisterhaft wiedergegeben.

Die Autorin selbst bezeichnet ihr Werk als ‚…eine Art literarische Geisteraustreibung, die neurotische Aufladungen durch eine klare Sprache entlasten sollen.‘

Parallelen

Beim Lesen erkenne ich auf jeder Seite Parallelen zu meiner eigenen Situation. Zwar handelt es sich um ein anderes Land, eine andere Minderheit aber ich sehe Mechanismen, die auch bei unserer Volksgruppe zum Tragen kommen: die weitergegebenen Traumata und deren Auswirkungen und das Verschwiegenwerden im öffentlichen Diskurs. Und womöglich bestärken sich diese beiden Aspekte sogar noch. Etwas, das unterschwellig schwelt, nicht abgeschlossen ist, arbeitet in den Seelen der Nachkommen weiter. Solche Wunden heilen nicht so leicht.

In Szene gesetzt

Für das Akademietheater in Klagenfurt hat Maja Haderlap, die dort früher als Chefdramaturgin tätig war, gemeinsam mit dem Regisseur Georg Schmiedleitner eine Bühnenfassung dieses Erinnerungsromans erarbeitet, die 2015 aufgeführt wurde. Allein das Bühnenbild ist sehr eindrucksvoll. Wer weiß, obs in ein Theater in unserer Nähe kommt, ich hätte gern gesehen, wie sie das alles umgesetzt hat.

© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
 „Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater
„Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater

Hier ist eine kurze Doku vom ORF über das Stück, das Museum der Partisanen in Kärnten und O-Tönen der Autorin_

‚Dass dieser Widerstand der Kärntner Slowenen nicht in die Öffentlichkeit geraten ist, […] hat Verdrängungskraft der österreichischen Gesellschaft zu tun,‘ sagt Maja Haderlap in dem Interview, ‚Die Volksgruppe hat man völlig ausgeblendet.‘

Fazit: Es ist sicherlich kein leichtes und angenehmes Thema. Keine Urlaubslektüre, um sich auf einen sorglosen Aufenthalt auf grünen Auen und schroffen Bergwelten vorzubereiten. Denn dort lauern überall Abgründe.

Engel des Vergessens, Maja Haderlap, btb Verlag 2013
ISBN: 978-3-442-7442-74476-3

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Das unsterbliche Regiment

Der 9. Mai 1945. Für die einen ist es das Kriegsende, für die anderen der Tag des Sieges. Auch in diesem Jahr.

Rostow am Don 2013, Foto: Wikipedia

Seit einiger Zeit werden in einigen Städten der Russischen Föderation Märsche organisiert, um die Erinnerung an diejenigen Großväter hochzuhalten, die im großen vaterländischen Krieg gegen den Faschismus gekämpft und gesiegt haben. Der Ursprung lässt sich nicht ganz festlegen, möglicherweise 2011, möglicherweise früher, möglicherweise im sibirischen Tomsk hat diese Bürgerinitiative begonnen. Sie nennt sich Бессмертный полк also unsterbliches Regiment und ist laut Wikipedia.ru eine historisch-patriotische Bewegung. Ihr wichtigstes Ziel: … сохранение в каждой семье личной памяти о поколении Великой Отечественной войны.

Sprich: die Bewahrung der persönlichen Erinnerung an die Generation des Großen Vaterländischen Krieges in jeder Familie.

2015 sind in Moskau 500 000 Menschen marschiert, haben Bilder und Namen ihrer Großväter und Großmütter hochgehalten und Hymnen gesungen, wie das bekannte Lied „Kraniche“ – in Russland ein Kultlied aus einem Kultfilm zum Thema Krieg. Das unsterbliche Regiment ist übrigens eine nicht weniger bekannte Hymne, daher hat die Bewegung ihren Namen. Auf der dazugehörigen Website im Netz sind vor zwei Jahren 270 000 Einträge von Veteranen und Opfern verzeichnet worden.

Nun haben die russischen Landsmänner im Ausland (die sog. соотечественники) auch in anderen Ländern angefangen, solche Erinnerungsfestzüge abzuhalten. Zum Beispiel in Belarus und in Makedonien, in Südossetien, in Schweden, der Schweiz, in Österreich und ja  – auch in Deutschland. Dem Land, das die Rote Armee damals eingenommen hat. Übrigens gemeinsam mit drei anderen Alliierten, die nach 1945 noch nie einen Siegeszug hier abgehalten haben, oder laufen am 9. Mai Engländer durch die Einkaufspassagen und halten Flaggen hoch?

Aber im letzten und vorletzten Jahr marschierten unsterbliche Regimenter mit russischen Fahnen bereits durch Berlin und Hamburg. Es kamen keine 500 000 aber immerhin einige hundert Teilnehmende zusammen. Für 2017 sieht die Planung vor, die Demonstration auf weitere Städte wie Frankfurt oder München und besondere Stätten wie Dachau auszuweiten.

Auf der Site der russischen Gemeinde in Hamburg steht zum Marsch vom letzten Jahr:
Zum Gedenken an die Veteranen des 2. Weltkriegs beteiligten wir uns an der Aktion „unsterbliches Regiment“. Es war gleichzeitig ein Zeichen gegen den Krieg und für die deutsch-russische Freundschaft.

Aktion Das unsterbliche Regiment 2016 in Hamburg, Foto: Russische Gemeinde Hamburg

Ich frage mich, ob man die Freundschaft nicht auch anders feiern kann, als mit einem Zug durch die Innenstadt, russische und sowjetische Flaggen schwenkend und glorifizierende Kriegshymnen singend. Eine Mini-Siegesparade im Land der Besiegten. In einem Land, das sich mehr der Aufarbeitung der Täterschaften widmet als der Würdigung von Opfern aus eigenen Reihen.

Ein Marsch in Moskau oder Tomsk mag wirklich Ausdruck persönlicher Trauer bedeuten, in den Straßen Berlin bekommt er einen ganz anderen Beigeschmack. Überhaupt stellt sich die Frage, ob ein Aufmarsch mit Flaggen das Mittel der Wahl ist, um gefallene Angehörige zu würdigen und zu betrauern?

Dmitrij Chmelnizki, ein in Berlin lebender Historiker schreibt zu einem Bericht der Zeitung «Русская Германия» (Russisches Deutschland) über die Aufmärsche in Deutschland auf Facebook: Должны быть две демонстрации. Одна с портретами победивших дедушек, а другая, навстречу, с портретами изнасилованных бабушек.

Es müsste zwei Demonstrationen geben. Eine mit den Bildern der gesiegt habenden Großväter und eine andere, entgegenkommende, mit den Portraits der vergewaltigten Großmütter.

Bitter, aber er hat recht. Vielleicht sollte ich da aufkreuzen mit dem Foto meiner Großmutter väterlicherseits, die gegen Kriegsende von einem unbekannten Rotarmisten vergewaltigt wurde, während er mit der Pistole auf meinen fünfjährigen Vater zielte.

Man mag zu dem Hype des Zweiten Weltkrieges in Russland stehen, wie man will, ich finde die Idee, dieses Konzept nach Deutschland zu exportieren und hier eins zu eins übernehmen zu wollen, eher unangebracht.

Hinter dem Post zu dem Bericht von Russkaja Germanija findet sich auch ein weiterer Kommentar eines Users mit einem amerikanisch klingenden Namen: Русские фашисты торжествуют над немецкими, которые победили уже своих фашистов.

Russische Faschisten triumphieren über die deutschen, die ihrerseits ihre eigenen Faschisten besiegt haben.

Auch ein Fundstück zum Thema unsterbliche Regimenter: Der Journalist Aleksandr Twerskoi fragte vor einigen Tagen auf 15Minuten:
А где те деды, которые работали в НКВД, стреляли в спину в заградотрядах, надзирали в ГУЛАГах?

Und wo sind die Opas, die beim NKWD gearbeitet haben, anderen als Sonderermittler in den Rücken geschossen und in den Gulags Aufsicht geführt?

Wo bleiben hier die süßen, stolzen Erinnerungen der Nachkommen? ‚Mein Opa hat alle seine Nachbarn angeschwärzt. Und dann noch seine Ehefrau. Wir danken ihm dafür!‘ […] ‚Und mein Opa hat auf dem Butowski Platz an die 20 Leute erschossen, einige Kinder und Großmütterchen waren sogar auch darunter, ich danke ihm für all das. Heute wohnen wir nicht weit entfernt. Wir erinnern uns, sind stolz drauf. Leben in seinen Spuren.‘

Egal wie ich es wende und drehe, dieser Umzug wirkt nicht wie eine reine Bezeugung von Trauer. Was soll daran für den Frieden sein? Was für die Freundschaft? Da sind doch persönliche Treffen von Veteranen der ehemals feindlichen Armeen etwas anderes. Begegnungen. Kommunikation. Keine Machtdemonstrationen.

Und noch etwas kommt erschwerend dazu: alle russischsprechenden Menschen hierzulande werden zu einer Masse zusammengezogen. Sogar in größeren Zeitungen und in irgendwelchen Studien über die Mediennutzung wird nicht unterschieden: Russlanddeutsche, in Deutschland lebende Russen oder jüdische Kontingentflüchtlinge, alle gelten als eins.

Wenn nun genuine Russen auf die Straße gehen, um ihre heldenhaften Großväter zu feiern, heißt es, Deutschrussen oder Russlanddeutsche hätten sich nicht integriert. Dabei waren ihre Großväter noch bevor sie an die Front konnten, deportiert worden um in der Trudarmija zugrunde zu gehen. Andere wurden als Volksdeutsche in die Wehrmacht verpflichtet und sind keine Veteranen der glorreichen Roten Armee. Obwohl es natürlich auch Ausnahmen gab und wirklich einige auf der russischen Seite gekämpft haben.

Es fällt Außenstehenden schwer, die Zugehörigkeiten und die Seiten zu erkennen. Mich würde es allerdings wundern, wenn von diesen 4000 oder 5000 Menschen, die kommenden Dienstag an acht Standorten Flagge zeigen und Bilder hochhalten werden, überhaupt Deutsche aus Russland mitmarschieren.

Wenn in russischen Vergnügungsparks der Sturm auf einen Miniaturreichstag simuliert wird, ist das eine Sache, wenn Helden des großen Vaterländischen Krieges durch Hamburger Straßen getragen werden, finde ich es mehr als grenzwertig und ganz und gar nicht stimmig. Nur so ein Gefühl.

 

 

Die Ehre des Ilja Ehrenburg

Ilja ehrenburg am Schreibtisch
Ilja Ehrenburg – foto: röhnert/sz-photo/picturedesk.com

Da hab ich einen gehörigen Schrecken bekommen. Im Freitag erschien letzte Woche eine Rezension zu einem Roman des russischen Autors Ilja Ehrenburg. Das erste Buch seit langem, das von ihm in Deutschland herausgebracht wurde, obwohl dieser Vielschreiber einen ziemlichen Namen in Russland hatte.

Mir kommt der Name auch irgendwie bekannt vor.

Plötzlich weiß ich, wer das war.

War das nicht der Ehrenburg, dessen Worte während des  zweiten Weltkriegs durchs Radio schallten: Töte den Deutschen!

Und hier erscheint er als ein Autor, dessen Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ aus dem Jahr 1928 vorgestellt wird, als wäre es ein frühes Werk von Bulgakow.

Ein Ausschnitt aus einem anderen Buch von Ilja Ehrenburg mit dem Titel „Krieg“ soll angeblich als Flugblatt unter den Soldaten der roten Armee verteilt worden sein.

…Wenn du im Laufe des Tages keinen Deutschen erschlagen hast, ist das ein verlorener Tag.
Es gibt’s nichts schöneres als deutsche Leichen…heißt es da.

Angeblich. Denn dieses Buch von Ehrenburg hat es vermutlich nie gegeben. Ein Flugblatt mit dem Titel „Ubej!“ (deutsch: Töte!) , vom 24. Juli 1942 und dem obigen Zitat gab es dagegen schon. Es beginnt mit Ausschnitten aus den Briefen deutscher Soldaten in die Heimat, die den russischen Untermenschen verunglimpfen.

Es kursieren viele nicht belegte Zitate im Netz, die von Ehrenburg stammen sollen und die sich anhören wie der Aufruf zum Völkermord. Möchte ich hier nicht wiedergeben, nein wirklich nicht.

Unter diesem Gesichtspunkt ist eigentlich unfassbar, dass es in Rostock eine Ilja-Ehrenburg-Straße gibt. Heiß umstritten. Aber noch da. So als gäbe es eine Uliza Goebbelsa in Rostow am Don oder Ekaterinburg. Oder hinkt der Vergleich? Eine Gruppe von Friedenskämpfern und Antifa-Vereinigungen verteidigen diese Namensgebung jedenfalls und halten viele der ihm zugesprochenen Zitate für reine Nazipropaganda.

Aus meiner Lektüre weiß ich, dass die Nationalsozialisten Übergriffe, die zugegebermaßen brutal waren, ins Unvorstellbare aufgebauscht und angstmachende Hasspredigten in Umlauf gebracht haben, die aus Russland stammen sollten. Für sie war die Vorlage von Ehrenburg ein gefundenes Fressen. Ihnen war jedes Mittel recht, um die Rotarmisten ihrerseits zu entmenschlichten Bestien zu machen. Siehe die Berichte über das Massaker von Nemmersdorf.

Ich bin die letzte, die das gewaltsame Vorgehen der russischen Armee im Osten Deutschlands leugnet, aber in vielen Dörfern haben sich die Menschen reihenweise selbst umgebracht, bevor der Feind einrückte. Die Panik war immens, was zum großen Teil dieser entgrenzten Berichterstattung geschuldet war. Ich verweise hier auf die Lektüre des preisgekrönten Buches des polnischen Journalisten Wlodimierz Nowak „Die Nacht von Wildenhagen – zwölf deutsch-polnische Schicksale“ erschienen im Eichbornverlag 2009. Und insbesondere auf die zweite, namensgebende Geschichte daraus.

Und nun denk ich, dass das alles auch ganz anders gewesen sein kann.

Spiralen der Panikmache. Unentwirrbar verwoben. Wer hat wen benutzt für seine Propaganda? Hat sich Ehrenburg von Stalin und der ZK einspannen lassen und ist mit seinen Tiraden über alle menschlichen Grenzen gegangen? Oder wurden ihm von den Nazis Sätze zugeschrieben, die er niemals so verfasst hat? Goebbels hat Ehrenburg als Stalins Hofjuden bezeichnet. Fakt ist: Ilja Ehrenburg wurde im Zuge der Kampagne gegen die Kosmopoliten, wie das Stalin-Regime Ende der Vierziger seine antisemitische Politik umschrieben hat, selbst verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Nach kurzer Zeit wurde er begnadigt und hat danach seine Karriere im Schriftstellerverband fortgesetzt.

Doch dann finde ich den folgenden Vermerk auf einer russischen Biografie-Site über Ehrenburg:

’14 апреля 1945 г. в газете «Правда» появилась статья заведующего отделом пропаганды ЦК ВКП(б) Г. Александрова «Товарищ Эренбург упрощает», в которой писателя обвиняли в разжигании ненависти к немецкому народу без учета того, что в нем имеются прогрессивные элементы.‘

‚Am 14. April 1945 ist in der Zeitung Prawda ein Artikel von G. Aleksandrow von der Propaganda Abteilung ZK WKP (b) mit dem Titel ‚Der Genosse Ehrenburg vereinfacht‘ erschienen, in dem der Schriftsteller angeklagt wird, Hass auf das deutschen Volk entfacht zu haben ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sich in diesem auch progressive Elemente befinden.‘

Es scheint sogar für ZK Propaganda übers Ziel geschossen zu sein. Aber in welchem Maße? Ich weiß nicht, ob er sich jemals von seinen Aussagen offiziell distanziert hat.

Erhard Sanio schreibt dagegen auf der Site Holocaust-Referenz über Ilja Ehrenburg:

Um eines klarzustellen: Der angebliche Aufruf Ehrenburgs, deutsche Frauen zu vergewaltigen, ist wahrscheinlich im November 1944 vom Reichspropagandaministerium fabriziert und in einem Tagesbefehl des AOK Nord sowie vom Stab Dönitz verbreitet worden, und zwar stets als Zitat, in indirekter Rede und als Berufung auf ein angebliches Flugblatt oder in einigen Versionen als einen angeblichen Artikel in der Prawda oder der Krasnaja Svjesda.

Und weiter schreibt Sanio:

Ehrenburg hat während des Krieges eine Reihe von Aufrufen an die Rote Armee verfasst. In einigen davon hat er in bedenklicher Form zu Hass und zum Töten der Eindringlinge aufgerufen. Darin fanden sich so wenig geschmacksfeste Formulierungen wie: “ .. Für unsere Soldaten gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen ..“, wobei sich all dies aber unmissverständlich auf die eingedrungenen Soldaten bezog und nicht auf irgendwie geartete Pläne der Eroberung des Reiches. Überdies war der Aufruf „Töte“ nicht schlimmer als andere blutrünstig-patriotische Aufrufe in anderen Ländern zu ähnlichen Gelegenheiten. (…) Der Aufruf war entstanden unter dem Eindruck der ersten Wochen des deutschen Überfalls und der unglaublichen Massenmorde an sowjetischen Juden, über die Ehrenburg zusammen mit Vassilij Grossmann das (erst vor kurzem veröffentlichte) Schwarzbuch mit Zeugnissen von Augenzeugen über die Verbrechen niederschrieb.

Einfach lässt sich die Frage wohl nicht beantworten, ob er ein Hassprediger war oder fälschlicherweise dazu gemacht wurde. Er kannte Deutschland. In den zwanziger Jahren war er hier gewesen und in Paris übrigens auch und später auch in Amerika. Die Folgen, die seine Worte entfesselten, mag er selbst nicht für möglich gehalten haben. Mich hat die Rezension jedenfalls ziemlich durcheinander gebracht. Zumal ich weiß, dass auch die Deutschen, die innerhalb Russlands deportiert und in den Sklavendienst der Trudarmia gesteckt wurden unter dem Hass, den seine Worte in der Bevölkerung auslösten, gelitten haben. Obwohl Ehrenburgs Pamphlete sich immer gegen die Soldaten, die Russland überfielen gerichtet haben sollen, niemals gegen Zivilisten.

Mein Verhältnis zu Ilja Ehrenburg bleibt zwiespältig. Es heißt, im hinteren Teil des Buches wäre eine längere biografische Sequenz. Ich frage mich, wie dort Ehrenburgs Rolle in diesem Propagandafeldzug behandelt wird. Aber ich werde nicht soweit gehen, das Buch zu besorgen. Noch nicht.

Noch in den Sechzigern hat das Erscheinen von Ehrenburgs Biografie in der BRD einen Sturm der Empörung ausgelöst, schreibt der Rezensient im Freitag. Und 2016?

Deckname Ramsay

Er war der Spion, der den zweiten Weltkrieg hätte verhindern können. In der Russischen Föderation ehrt man ihn mit Denkmälern und benennt Straßen nach ihm. Hier ist er fast völlig in der Verdeckung verschwunden: Dr. Richard Sorge, Stalins Spion in Tokio.

R_SorgeEs gibt eine Richard-Sorge-Straße in Berlin, ganz in der Nähe der Karl-Marx-Allee. Ein kleines Programmkino befindet sich dort. Aber es ist fraglich, ob da jemals ein Film über diesen Spion und ausgezeichneten Journalisten, diesen Querkopf und Frauenhelden gelaufen ist. Die Sache mit Sorge ist in unserem Land eher unbekannt.

Ab 1961 bleiben die Tilsiter Lichtspiele, so heißt das kleine Programmkino sogar für mehrere Jahrzehnte geschlossen. Genau in diesem Jahr erschien der Streifen: Qui etes vous, Monsieur Sorge? des französischen Regisseurs Yves Ciampi mit Mario Adorf in der Rolle des Max Clausen, eines der Mitarbeiter des Tokioter Spionagerings. Damals wurde die Straße noch als Tilsiter Straße geführt.

Dieser Film Noir war es aber, der den damaligen Vorsitzenden Nikita Chrustschew 1964 auf diese schillernde und historisch so bedeutende Persönlichkeit aufmerksam gemacht hat, er rief nach der geschlossenen Ausstrahlung vor einem illustren Kreis der KP sogar aus: Aber, Leute, das war doch ein Held!

Seit dem wird Sorge in der Sowjetunion mit anderen Augen gesehen. In den letzten Jahrzehnten wurden nicht nur Straßen nach ihm benannt, sogar diverse Denkmäler für diesen spät erkannten Helden der Sowjetunion werden einer nach dem anderen eingeweiht.

Dabei reicht die Persönlichkeit und das Leben Sorges für mindestens 5 Blockbuster:

Er war der erste Europäer, der in Japan hingerichtet wurde.
Er war Sohn einer Russin und eines Deutschen, geboren in Baku, aufgewachsen in Berlin.
Er war Kommunist, als Soldat im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite verwundet. Im Lazarett mit den Lehren Marx‘ und Engels‘ in Berührung gekommen. Dort wurde er radikalisiert, wie man heute so schön sagt.
Er ging nach Moskau, wurde Mitglied des Komintern und glühender Atheist.
Er baute in Tokio einen Spionagering auf.
Er war bester deutscher Journalist des Jahres 1941.
Er war Vertrauter des Botschafters in Tokio.
Er war ein starker Raucher und Trinker, fuhr wie ein Berserker Motorrad und Automobil. Ein Arbeitstier.
Er war ein Draufgänger und Casanova und hat sich nie den Mund verbieten lassen.
Er war Doppelagent. Für Russland und für Deutschland, aber für die Deutschen nur zum Schein, um an strategische Informationen zu kommen.
Er war derjenige, der den Genossen Stalin 1940 davor gewarnt hat, dass Hitler die Sowjetunion angreifen wird.

Leider hat Stalin eher an den Nichtangriffspakt geglaubt als seinem Abgesandten in Tokio. Das war ein folgereicher Fehler und deshalb musste Sorge, als unliebsamer Zeuge des Stalinschen Unvermögens, 1944 sterben.

Sorges Presseausweis
Sorges Presseausweis gültig bis 1946, da war sein Inhaber schon tot.

Die Japaner wollten ihn gegen einen japanischen Agenten austauschen, aber Stalin hat geantwortet: Sorge? Kennen wir nicht. Es gibt keinen Genossen dieses Namens in der Sowjetunion.

Und damit war sein Ende besiegelt.

Schon Ende der Dreißiger war Stalin dieser Geheimdienstmitarbeiter in Tokio ein Dorn im Auge. Viele der anderen Agenten, die in Moskau geblieben sind, wurden im Zuge der großßen Terror-Säuberungen liquidiert. Auch Sorge hat die Weisung erhalten, in die Hauptstadt zurückzukehren. Aber er antwortete frech, er hätte zu viel zu tun, wäre unabkömmlich. Eine Antwort, die den Generalissimus in Rage versetzt haben mag.

Anfang der Vierziger befindet sich Japan in einer regelrechten Spionage-Paranoia. Filme und Berichte heizen das Misstrauen weiter an. In den Schaufenstern hängen Portraits von vermeintlichen Agenten mit europäischem Aussehen. Trotz dieser Stimmung war Richard Sorge recht rege und erfolgreich, er hat ein eigenes Kodierungssystem entwickelt. Als Schlüssel benutzte er das STATISTISCHE JAHRBUCH für das Dritte Reich von 1935. Damit konnte er die Chiffrierung bis in die Unendlichkeit variieren. Die sensiblen Informationen wurden auf Mikrofilm aufgenommen. Bis zu einem winzigen Punkt reduziert, konnten sie nun auf einfache Briefe geklebt werden. Als Interpunktionszeichen.

Doch Sorge hat nicht nur bloße Informationen weitergegeben, wie von ihm verlangt wurde, sondern sie ausgewertet und seine Analyse der Lage mitgeliefert, das hat Stalin auch nicht besonders gefallen.

Seine zweite wichtige Botschaft, dass die japanischen Truppen nicht vorhatten, Russland von Osten aus anzugreifen, wurde im Kreml ernst genommen und führte dazu, dass die rote Armee sich auf die Westfront konzentrieren konnte. Was den Verlauf des Krieges erheblich beeinflusst hat.

Dokumentationen über Sorge gibt es einige (viele in russischer und eine sehr kurze in deutscher Sprache) und auch weitere Filme, zum Beispiel die deutsch-japanische Produktion Ein Spion aus Leidenschaft von 2003/2003 des Regisseurs Masahiro Shinoda, die hierzulande genauso sang und klanglos in den Wogen der Geschichte verschwunden ist wie ihr Protagonist.

Was schade ist, ich würde diesen Film gern selbst und in längerer Version als der eines Trailers sehen. Die DVD ist leider vergriffen und lediglich für einen Preis von 66,- Euro online zu erwerben. Der Schotte Ian Glenn verkörpert hier den Meisterspion und Ulrich Mühe ist in der Rolle des Botschafters Ott zu sehen.

Die Meinung eines amerikanischen online-Kritikers zu diesem Film:

Dieser historische Film ist eher politisch als historisch motiviert. Weil es an ein deutsches Publikum adressiert ist, überschattet seine anti-kommunistische Botschaft Dr. Sorges Spionage-Erfolge, seine Warnung an Stalin, dass Nazi-Deutschland die Sowjetunion am 20. Juni 1940 attackieren würde, und dass Japan die Sowjetunion in der Mandschurei nicht angreifen würde, sondern seine Streitkräfte auf Pearl Harbor richten würde, scheint den Regisseur Masahiro Shinoda wenig zu interessieren. Es wäre spannend zu wissen, wie die deutschen Zuschauer auf die Botschaft dieses Films reagiert hätten, in dem ein Mann der Hitlers Niederlage im Osten beteiligt war, das nur getan hat weil er ein verwirrter Idealist gewesen ist.

Der Trailer, auf japanisch mit englischen Untertiteln, wirkt denn auch sehr militaristisch und Japan-zentristisch…:

https://www.youtube.com/watch?v=YLctuvKRK9Y

Das Buch des britischen Journalisten Robert Whymant ‚Richard Sorge: Der Mann mit den drei Gesichtern‘ von 1999 kann dagegen neu oder antiquarisch erworben werden und gehört sogar zu den Bild-Bestsellern. Was immer das heißen mag. Ich bin gespannt ob auch das politisch gefärbt ist und in welche Richtung…

Außerdem ist 2008 im Carlsen Verlag eine wundervolle Graphic Novel erschienen, entwickelt und gezeichnet von der in Hamburg lebenden Künstlerin Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge – Stalins Spion in Tokio

Da erzählt sie die Geschichte Richard Sorges aus der Sicht von mehreren Zeitgenossen, seinem Vertrauten Max Clausen, seiner Geliebten, der der Pianistin Eta Margarethe Harich-Schneider und einigen anderen Mitstreitern oder Gegenspielern des Spions. Komprimiert auf einige wenige Monate vor seiner Verhaftung. So entsteht ein facettenreiches Bild, und die Geschichte kristallisiert sich nach und nach heraus.

Vom Fischkorb im Hafen, die Oberleitungen und alten Straßen, die Gebäude und ihre Inneneinrichtung oder auch die Kleidung der Menschen, egal ob auf den Straßen der Kaiserstadt oder in den Botschaftsräumen – alles wirkt authentisch und scheint einen förmlich zurück ins Tokio der frühen 40iger Jahre zu führen.

Hier ein Trailer zur Graphic Novel Die Sache mit Sorge auf youtube

Cover Sache_Sorge

Der blogger comicneurotiker dazu (comicneurotiker.blogger.de):

‚…die Thomas-Mann-Verehrerin Kreitz (…) erforscht die Luxus-Enklave der deutschen Botschaft in Tokio und zeichnet sie als eine Art Nazi-„Zauberberg“. Dessen hell- bis dunkelbraune Herren befassen sich – fern von Berlin – lieber mit Klatsch und Konzerten als mit Krieg und Politik. Als Spötter und Spion irrlichtert Richard Sorge am Rande dieser Welt herum. Seiner Romanze mit der zur Botschafts-Menagerie gehörigen Musikerin Eta Harich-Schneider räumt Kreitz dabei ebenso viel Raum ein wie seiner Agententätigkeit.

Kreitz‘ Hirohito-Tokio und all seine Bewohner wirken auf den ersten Blick fast fotorealistisch, stecken aber voll fiebrig flirrender Schraffuren – so wie Historie großenteils aus trügerischen Erinnerungen besteht. Ebenso fügt sich aus den Schilderungen der Zeitzeugen bis zuletzt kein klares Bild des Reporters, Idealisten, Säufers und Schürzenjägers Richard Sorge zusammen: Jeder Beteiligte erzählt nur seine Geschichte.‘

Ein Detail erwähnt Isabel Kreitz in ihrem Buch knapp auf den letzten Seiten, wo Sorges Kurzbiografie und einige Zeilen über die anderen Beteiligten und deren weiteres Leben stehen, eine Sache, die in einem Hollywoodstreifen viel mehr ausgereizt werden würde:

Fünf Jahre nach seinem Tod erreicht Sorges letzte japanische Geliebte Hanako Ishii, dass seine Überreste aus einem Massengrab in eine eigene Grabstätte überführt werden können. Sie hat sein Skelett an den für einen Europäer typischen riesigen Schuhen und einigen anderen Details, wie der Uhr und den Goldkronen erkannt. Aus den letzteren lässt sie sich einen Ring als Erinnerungsstück machen. Hanako überlebt ihren deutsch-russischer Geliebten um 56 Jahre. Sie hat nie geheiratet oder Kinder bekommen und starb in Tokio im Jahre 2000.

Also wenn neben dem Spionagethriller nicht noch mindestens eine glühende Liebesgeschichte darin verborgen ist, dann weiß ich auch nicht. Leider hat Hollywood nie wirkliches Interesse an diesem Stoff gezeigt.

Die Gründe für die mangelnde Anteilnahme an diesem für den Verlauf des Krieges so wichtigen Agenten lassen sich einfach subsummieren: er war Kommunist. Er stand auf der anderen Seite. Und er war ein Hybrid, weder russisch noch deutsch. Beziehungsweise ein Deutscher mit russischen Wurzeln, der Sache der Bolschewisten verschrieben. Ein Held mit falschem Vorzeichen. Die Russen mögen über seine nationale Zugehörigkeit mittlerweile großzügig hinwegsehen. Aber die USA und Deutschland können nicht so locker mit seiner politischen Einstellung Umgehen. Also Schwamm drüber.

Dr_Richard_Sorge
Held der Sowjetunion – Marke von 1965

1951, in der Ära McCarthys, wurde die Angelegenheit Richard Sorge übrigens im Kongress der USA behandelt, er stand posthum unter dem Vorwurf, er habe die Japaner dahin beeinflusst, die Sowjetunion nicht anzugreifen, sondern statt dessen den Angriff auf Pearl Harbour zu führen.

Die Rezeption des Films von 1961 war in der BRD jedenfalls eher dürftig.

Ein Kommentar im Spiegel: Da die Autoren sich zwischen Fiktion und Dokumentation nicht entscheiden konnten, fehlt ihrem Produkt sowohl die Dramaturgie als auch die Authentizität. Oberste tragen Generalsbiesen, BDMMaiden das Goldene Parteiabzeichen, und das Milieu ist auch nicht glaubwürdiger. Das echteste sind die weiten Hosen von Sorges Funker (Mario Adorf).

Die geschichtliche Aufarbeitung war 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohl noch nicht so weit gediegen. Oder der Film kommt wirklich so unentschlossen daher. Zugegeben, die Kostüme scheinen aus dem Jahre 1955 zu stammen, waren eher der Mode der echten Drehzeit angepasst als genau recherchiert. Aber das sind doch nur Randerscheinungen. Über den Inhalt, nada.

Aber sind wir nicht inzwischen entspannt genug, um geschichtliche Ereignisse über ideologische und nationale Grenzen hinweg zu betrachten? Wie wärs mit einer filmischen russisch-japanisch-deutschen Neuauflage dieses Falls? Ohne Hollywood.

Dann hätte die Sache Dr. Sorge doch noch die Chance in den Tilsiter Lichtspielen in der Richard-Sorge-Straße zu laufen. Und das wäre doch eine Reise nach Berlin wert!

Soldaten – Wenn Bilder sich entziehen

Wie kann man etwas zeigen, das sich jeder Darstellung entzieht? Wie können die Schrecknisse des Krieges zu Kunst werden, ohne dass der Betrachter seine Augen abwenden muss?

Soldaten 0008-0129 – so betitelt Irina Ruppert ihre Fotoserie, in der sie collageartig tote Insekten mit alten Passbildern von Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg kombiniert. Sieben ausgewählte Bilder aus dieser Serie hängen an der knallig orange gestrichenen Wand im Buchladen der Deichtorhallen – der Beitrag der Fotografin zu der diesjährigen Hamburger Trienale der Fotografie.

Sie sind nicht groß, die Fotos in ihren hellen Passepartouts, gerade mal eine Handbreit hoch, ungefähr so wie Familienfotos in einem Album mit ihren Zwischenfolien aus knisterndem Transparentpapier. Das stellt sofort eine gewisse Intimität her, eine Nähe und Vertrautheit. Doch es sind Unbekannte und beim Betrachten drängen sich Fragen auf.

Was mag der junge Mann alles gesehen haben, dessen Augen zwei Marienkäfer bedecken? Ein Schmetterlingsflügel liegt wie zufällig auf dem Antlitz eines anderen Mannes in Uniform. Ein Auge ist bedeckt, das Bild ist in kühlen Tönen koloriert und der blaue Flügel scheint wie ein passendes Accessoire auf dem Kopf. An der Uniformjacke keine Insignien, aber auf der Mütze prangen Swastika und Adlerschwingen. Ist er aus dem Krieg zurückgekehrt?

Ein anderer Jüngling schaut verträumt an der Kamera vorbei. Auf seinem Kragenspiel winkeln zwei auf dem Rücken liegende Käfer ihre Beinchen an. Die Käfer sind tot und auch der Soldat, der im zweiten Weltkrieg mitgekämpft hat, lebt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr.

Diese Kombination von Mensch und Insekt scheint verwegen zu sein. Darf man so mit Bildern von unbekannten Soldaten umgehen, fragen sich manche, ihnen scheint diese Verbindung pietätlos zu sein, unpassend. Doch: Welke Blumen oder totes Getier waren schon auf den Werken der alten Meister ein Symbol für Vergänglichkeit. Und diese Fotoserie ist Vergänglichkeit hoch zwei – zum einen die Fotos von den Soldaten, die längst nicht mehr leben, zum anderen die toten Insekten, die auf die Fotos geklebt sind. Insekten rufen Abscheu hervor, bei den meisten von uns jedenfalls. Ungeziefer. Man mag sie nicht anfassen. So wie die Geschichten vom Krieg.

Auf die Idee zu diesem Projekt kam die Hamburger Fotografin, als sie sich mit der Vergangenheit ihres eigenen Großvaters auseinandergesetzt hat. Wie viele Schwarzmeerdeutsche seiner Generation wurde er gegen Ende des Krieges in die Wehrmacht oder in die Waffen-SS eingezogen, um Hitlers letztes Aufgebot zu bilden.

Sie hat nicht viel über ihn in den Archiven finden können. Aber als sie eines Tages zufällig eine Schublade aufzog, in der das Soldatenbild ihres Großvaters lag, fand sie eine Motte Mitten auf seinem Gesicht. Diese Verbindung von totem Insekt und Portrait ließ sie seither nicht mehr los.

Mittlerweile beherbergt sie weit mehr als hundert dieser Collagen und hunderte von Insekten in einem großen Kühlschrank, den sie extra für dieses Projekt angeschafft hat. Die Collagen fotografiert sie für die Ausstellungen zwar ab, aber auf den Originalen kleben die echten Tiere, sie liegen nicht nur oben drauf. Nach langem Suchen, verwendet sie einen speziellen säurefreien Klebstoff, der die Gelatineschicht des Fotopapiers nicht angreift.

Insekt und Passfoto bilden auch optisch eine Einheit, sie sucht und probiert so lange, bis sie die passende Kombination gefunden hat. Ein Prozess, der manchmal wochenlang andauert.

„Ich habe mit Motten und Spinnen angefangen“, sagt die Künstlerin. „Und hatte auch eine Phase, wo ich nur mit Schmetterlingen gearbeitet habe.“ Mittlerweile schicken ihr Freunde aus aller Welt die exotischsten Insekten für ihre Arbeit, die alle in ihren Kühlfächern lagern. Denn mit der Vergänglichkeit ist es so eine Sache, was einmal lebendig war, kann nicht ewig halten. Muss eingefroren werden. Ein Tier fällt allerdings aus dem Rahmen: es ist eine tote Meise, die sie zufällig auf der Straße gesehen und gleich mitgenommen hat. Auf dem Foto des zarten Jungen in Uniform scheint sie genau richtig platziert zu sein. Sie hebt seine Verletzlichkeit hervor, er ist fast noch ein Kind.

„Mich interessieren insbesondere die unerfahrenen, jungen Soldaten, die sich leichter von der Macht korrumpieren ließen und einfacher zu manipulieren sind,“ sagt die Fotografin. Seit sie das Buch „Soldaten“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer gelesen habe, das erstmalig die Abhörprotokolle deutscher Soldaten in britischer Gefangenschaft präsentiert, arbeitet sie in ihren Kollagen vorwiegend mit Bildern von sehr jungen Männern.

Die Ränder der Fotos sind zum Teil ausgefranst, zum Teil haben sie diese weißen Zierborten wie sie früher bei alten Schwarzweißbildern üblich waren. Die Fotos sind Originale und stammen zum Teil von den Reisen der Fotografin zum Teil kommen sie von Flohmärkten oder sind auf Online-Auktionen ersteigert. Sie hat sich auf den zweiten Weltkrieg beschränkt. Mit deutschen Soldaten hat sie angefangen, dann kamen noch russische dazu, und ganz schnell wurde das Projekt international. Also sind nicht alle Soldaten Wehrmachtsangehörige, es sind welche aus Bulgarien, der Türkei oder aus China dabei. Aber jung sind sie alle.

In ihren Collagen hat Irina Ruppert ihren eigenen Weg gefunden, das, was sich der Darstellung entzieht, abzubilden. Sie glaubt, dass die ganz jungen Fotografen das Thema Krieg und Nationalsozialismus beherzter anfassen, sie haben Abstand dazu, das hilft. Sie suchen nach Bildern, die neu und ungewohnt sind. So etwas wie eine Aufarbeitung wird dadurch oft erst möglich. Anders als die Kriegsfotografen früher, die direkt drauf hielten, zu direkt oftmals, da schauen wir einfach weg.

Wer jetzt neugierig geworden ist, kann auf der Webseite der Fotografin eine kleine Auswahl der Serie Soldaten 0008-0129 sehen: http://www.irinaruppert.de/en/serien/serie11/0/

Ihre Arbeit ist auch Bestandteil eines sehr schönen Fotosammelbands mit dem Namen Eyemazing Susan’s Annual Pictorial 2014, in dem sich 42 internationale Künstler mit alten Fotos auseinandersetzen und sie auf verschiedenartige Weisen bearbeiten oder verfremden. Ein Foto aus der Serie von Irina Ruppert bildet sogar die Titelseite.

Mehr geschriebene Infos dazu von Peter Lindhorst auf diesem blog: http://www.hatjecantz.de/fotoblog/?p=5857

Und auch hier ist ein weiterer erklärender Text in deutscher Sprache: http://www.photography-now.com/exhibition/105297

Und noch die Rezension zu dem Buch Soldaten, auf Basis von 150.000 Abhörprotokollen, die von der britischen und amerikanischen Besatzung heimlich bei Strafgefangenen vorgenommen wurden: https://www.perlentaucher.de/buch/soenke-neitzel-harald-welzer/soldaten.html

Wie ein Stein im Wasser

Seelische Trümmer: der Zweite Weltkrieg in der Familienbiografie
Vortrag von Monika Richter, am 11.11.2014

Dieses Thema lässt mich nicht los. Wie denn auch. Vorgestern war dieser Vortrag in einem Kirchenzentrum hier in der Nähe und ich bin mit einer Freundin hin.

Die Referentin wirft viele Fragen auf und stellte Bezüge her. Und die Frage, die über allem schwebt: Können Sie sich vorstellen, dass unser Leben heute noch immer vom II WK beeinflußt wird?

Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Die einen sehen das Wasser spritzen. Die nachkommenden Generationen spüren die Bewegung des Wassers, nehmen diffus wahr, dass da etwas sein muss und können es oft nicht einordnen, weil geschwiegen wurde. Über das Schweigen in den Familien wurde nach dem Vortrag auch viel gesprochen.

Sogar in unserem Wortschatz finden sich immer noch Vokabeln, die aus der Kriegszeit herrühren: Wir sagen „Bombenwetter“, etwas „bunkern“, oder ganz makaber: „bis zur Vergasung etwas üben“.

Im Vortrag geht es oft darum, was Kinder damals im Krieg alles gesehen haben. Was wurde in den Augen der Erwachsenen gespiegelt? Welches Leid und welche Gräueltaten haben sie mitbekommen? Wolfskinder. Flüchtlingskinder. Kinder in Schutzbunkern.

Heute versuchen wir, schlimme Nachrichten und Horrorfilme von unseren Kindern fernzuhalten. Es gibt ein FSK für alle Filme. Ich bin dagegen, dass meine Tochter mit acht Harry Potter Filme schaut. Aber vor siebzig Jahren haben die Kleinsten den Horror live erlebt, da hat keiner gesagt, schau nicht hin. Höchstens hinterher: Du hast nichts gesehen, hast du verstanden. Es ist nichts passiert. Die Erwachsenen waren nicht in der Lage, sich zu schützen, wie sollten sie ein Kind schützen?

Monika Richter weist auf den Unterschied zwischen bewusstem und unbewusstem Erinnern hin und  zeigt mögliche Zusammenhänge auf, zwischen unserem Verhalten jetzt und dem Leben damals. Wie wichtig Schuhe waren. Etwas, das für uns selbstverständlich ist. Woraus alles Schuhe gemacht wurden, aus Maisstroh, aus Zeitungspapier mit Gummisohle aus Reifen. Wie sich Einschnitte, wie der Hungerwinter ’46/’47 nach dem Krieg immer noch auswirken.

Quelle: In Darkest Germany, table 39.
Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh! Kinder im Jahr 1946

Flucht. Wieder Füße, wieder Schuhe. Vielleicht haben sie auf der Flucht keine vernünftigen Schuhe gehabt? Vielleicht haben sie an den Füßen Verletzungen davongetragen. Flucht und Füße stehen in einem starken somatischen Zusammenhang. Wir sagen ganz lapidar Schuhtick, fragen uns aber nie, warum Leute wie aus einem Impuls heraus Schuhe kaufen und, wieder dieses Wort, „bunkern“. Wie die Geschichte von dem Mann, bei dem nach dessen Tod 30 Paar fabrikneuer und nie benutzter Schuhe im Keller gefunden wurden. Durch die Lagerung nicht mehr brauchbar geworden. Er hat seinem Sohn zu Lebzeiten immer gesagt: Pass auf deine Schuhe auf! Schuhe sind wichtig. Und selbst trug er nur ein einziges Paar, bis es auseinanderfiel. Wenn man seine Geschichte kennt, versteht man vielleicht eher. Bloß, geredet wurde nicht. Das Geschehene drückt sich unwillkürlich in seltsamen Verhaltensweisen aus. Wie Wellen, die von einem Steinwurf ausgelöst wurden. Eine Mutter, die nie in den Keller gehen mag und immer ihr kleine Tochter schickt. Der Drang nach Perfektion, weil der kleinste Fehler den Tod bedeuten kann. Gerüche, Geräusche, Bilder, die das Erlebte heraufholen. Der bloße Gedanke an Kriegsessen, an Steckrübeneintopf, der zu Übelkeit und Magenschmerzen führen kann. Und über Generationen verbreitet: es wird nichts weggeworfen. Schon gar nicht Nahrungsmittel. Oder das Gegenteil, es wird alles wie manisch aussortiert, reduziert. Man will sich nicht mit Dingen belasten, will vorbereitet sein zu neuer Flucht. Allzeit bereit. Wach. Immer nur wach.

Das Publikum ist nicht unbedingt gemischt zu nennen. Nur sehr wenige unter fünfzig, einige der Teilnehmenden haben den Feuersturm auf Hamburg noch selbst erlebt und haben im Anschluss darüber erzählt. Sehr ergreifend.

Und ich gehe mit neuen Impulsen und wertvollen Tipps zur eigenen Suche, zu Büchern und Filmen. In eine friedliche Novembernacht.

 

Weitere Vorträge und Seminare von Frau Richter sind bei der Rubrik Termine zu sehen.