Unter der Zirbelkiefer: Heinrich Rahn – Der Jukagire

In der Taiga ist vieles möglich. So steht es an einer Stelle im Roman Der Jukagire von Heinrich Rahn.

Es ist die Geschichte des Waisenjungen Ivan Nickel, dessen Eltern (ein Volksdeutscher und eine Jukagirin, also eine Frau aus einem Stamm sibirischer Ureinwohner) als Volksfeinde verhaftet worden sind. Wir schreiben das Jahr 1946, noch ist Stalin an der Macht und sein Scherge Berija gebietet über den Geheimdienst.

In einen Unfall mit tödlichem Ausgang verwickelt, gerät Ivan in ein Straflager, wo er den Rufnamen Jukagire verpasst bekommt. Später begibt er sich auf eine abenteuerliche Odyssee durch den Nordosten Sibiriens, wird Schamane und erlebt allerhand Verwicklungen. Auch amouröser Art.

Ist dieses Buch ein Abenteuerroman oder eine Liebesgeschichte? Schamanische Praktiken kommen drin vor ebenso wie alte Jäger, sibirische Nomaden und Lagerhäftlinge. Eine Karl-May-Story im wilden Nordosten, so scheint es zunächst. Statt Siuox und Apachen tauchen Jakuten und Jukagiren auf, statt Cowboys sitzen Zobeljäger und ungehobelte Sträflinge am Lagerfeuer und statt Whiskey wird Samogon (= selbstgebrannter hochprozentiger Wodka) rumgereicht. Die Geschichten von Old Surehand und Winnetou drängen sich förmlich auf. Doch schreibt Rahn ohne den überheblichen Ton eines europäischen Eroberers und ohne die Erhöhung des Protagonisten ins Übermenschliche wie es beim Hilfslehrer aus Radebeul der Fall ist. Obwohl der Jukagire mit seinen gestählten Muskeln, seiner gelehrsamen Art und Herzensweisheit ganz schön heldenhaft daherkommt.

Holzschnitt mit einer traditionell gekleideten Jukagirin und einem Jukagiren. Im Hintergrund ein Ren mit seinem Jungen
Holzschnitt von Wladimir Istomin. Frühling, 1973

Die historischen Tatsachen blitzen zwischen den Erzählsträngen auf, Schicksale werden miteinander verwoben. Das Leben im Sibirien der Nachkriegszeit tritt plastisch hervor, aber wie im Märchen, wie in einem Mythos, ohne dass der Dreck und das Blut in den Vordergrund tritt. Es ist eher ein Holzschnitt als eine naturalistische Fotografie.

Buschige Zirbelkiefern, helles Moos, Bären und Elche spielen eine nicht unerhebliche Rolle in diesem historischen Pelz-und-Flintenpanorama. Der Autor kennt die Taiga nur zu gut. Seine Liebe zur Wildnis, zu den Tieren und dem Wechsel der Jahreszeiten wird auf jeder Seite spürbar. Die Kapitel winden sich von Polarlicht zu Polarlicht. Auch die Darstellung der Menschen in dieser rauen Zone scheint sehr authentisch. Sowjetstaat plus extremes Klima – das ergibt einen besonderen Cocktail.

Alte Jäger plaudern über Unerhörtes und über Gehörtes, verweben Erlebtes mit Legenden. Die Stelle, wo Matwej und Lukjan sich in der eingeschneiten Hütte unterhalten, gehört zu meinen Lieblingspassagen im Buch.
Lukjan strich sich wieder über seinen Schnurrbart und begann: „Marischa hat nun einen Geologen geheiratet und wohnt in Amurstadt. Ihr Vater, der alte Sachar, ist zurückgeblieben und lebt mit meiner Schwester zusammen.“ S 143

Die Geschichten der Minderheiten, ob von Russlanddeutschen, Tataren und auch der Urvölker Sibiriens werden unauffällig und ohne großes Lamento eingeführt.

Es gelingt dem Autor ein Spannungsfeld schaffen, über viele Seiten hinweg. Das ist seine große Stärke. Doch dann driftet die Story ab. Was wie ein Karl-May-Spektakel mit schamanistischen Einsprengseln anfängt, verwandelt sich in einen leicht chaotischen Konsalik-Thriller, um in einer fulminanten Doppelagentenstory zu enden. In der Taiga ist vieles möglich – aber doch nicht alles. Alle losen Fäden auf eine so abenteuerliche Weise zum Ende hin miteinander wieder zu verbinden, scheint mir sogar hier, im legendendurchtränkten Polargebiet, eher wenig wahrscheinlich. Aber im echten Leben gibt es sicher noch heftigere Zufälle.

Es gäbe da einen interessanten Konflikt, bei dem ich aufhorche. Die unter der Urbevölkerung verbreiteten schamanischen Bräuche sind ein Dorn im Auge der kommunistischen Partei und sollen unterbunden werden. Doch dann löst sich diese Diskrepanz aus heiterem Himmel wieder auf. Was ein tragendes Element hätte werden können, versickert sang- und klanglos.

Wenn ich die Lebensläufe von Ivan, Kina, Marischa und den anderen Figuren wie Fäden vom Geschehen abziehe, entdecke ich auf der Metaebene zwei Muster, die sich durchziehen.
Zum einen handeln diese Erzählungen von auseinandergerissenen Familien, verlorengegangenen Geschwistern und Ehemännern, behördlicher Willkür und abgebrochenen Lebensläufen. Zum anderen halten sich die Protagonisten und Protagonistinnen seltsam tapfer dabei. Sie bleiben stark. Zeigen ihren Schmerz nicht. Sie sind nicht zerrissen, sondern bewältigen den Alltag wie nebenher und schieben die erlittenen Traumata wie Spinnweben beiseite. Das ist erstaunlich. Oder auch nicht. Denn in der Generation derjenigen, die diese Verluste, Verfolgungen und Verbannungen am eigenen Leib erlebt haben, ist diese Verhaltensweise üblich. Weitermachen und Verdrängen. Und das Aufarbeiten anderen überlassen. Doch das ist jetzt meine eigene Interpretation. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Charakterisierung dem Autor genau so vorgeschwebt hatte.

Was hätte diesem fulminanten Reigen besser getan, ein Weniger an Plots oder ein Mehr an Seiten, um sie ausreifen zu lassen? An manchen Stellen wäre ein strengeres Lektorat wünschenswert, zum Beispiel auf Seite 169, wo es heißt:
Nach dem Trinken hörte man das knisternde Zerkauen von Sauerkraut als Nachspeise.
Achtung: Hier geht es nicht um ein Sauerkraut-Dessert, sondern es ist die Sakuska gemeint, das Stück Brot oder Salzgurke, das die Russen gern nach hochprozentigen Getränken hinterheressen – oder eben Sauerkraut. Das sind so typische Missverständnisse zwischen russischen und deutschen Begrifflichkeiten.

Es sind nur Kleinigkeiten, denn im großen und Ganzen liest sich der Roman mit seiner klaren und bildhaften Syntax sehr flüssig. An einigen Stellen, wenn es um das Liebesspiel geht, wirkt die Sprache allerdings leicht abgedreht und esoterisch. Aber in der Taiga mag vieles möglich sein, auch dass ‚die gemeinsamen Sehnsüchte aus einer erfrischenden, ewigen Quelle vollkommener Leidenschaft‘ erquickt werden. (S223)

Würde ichs noch mal lesen? Jeder Zeit.

Der Jukagire, Heinrich Rahn, Geest-Verlag, 2008
ISBN-13: 978-3866851344
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Schule machen – mBook über Russlanddeutsche

Mitte März ist ein multimediales Schulbuch (daher auch das kleine m vor dem Book) erschienen, das mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte. Es ist kostenfrei und ohne zusätzliche Software im Internet abrufbar und besteht aus neun Kapiteln, darunter zum Beispiel Der Mensch als Wanderer, Identitäten und Heimaten oder Russen und Deutsche. aufgerufen kann es einfach werden unter: http://mbook.schule

Mit Fangfragen wie dieser wird der wissenschaftliche Grundton etwas aufgelockert:

Die Inhalte sind vielfältig und weit gestreut: es werden Vorurteile  behandelt aber auch gewichtige Fragen aufgeworfen wie: Sind Identitäten frei wählbar oder festgelegt? Mein Lieblingskapitel ist natürlich 6.4 Der Große Terror und die ‚5. Kolonne‘. Die einschneidenden Jahre 1937 und 1941 werden hier besprochen. Spannend: das Kapitel darüber, wie die Deutschen in Russland 1941 zwischen die Fronten geraten, führt zu einer Diskussion über die Doppelstaatlichkeit heute. Aktuelle Bezüge fehlen also nicht.

In dem Abschnitt Heimat geht durch den Magen sehen wir der Redaktion dabei zu, wie sie einen Borsch‘ nach dem Rezept der russlanddeutschen Oma Berg zubereitet und im Unterkapitel Kleider machen Leute werden in einer Modenschau unter anderem Fufaikas vorgeführt, das sind wattierte Jacken, die von den Lagerinsassen im Winter getragen wurden. Neben den Rüschenkleidern des 19. Jahrhunderts kommen auch Bastschuhe vor, sogenannte Lapti. In Russland seit je her typische Armeleute-Schuhe. Die Arbeit an dem Lernbuch war ein Work in Progress: während der Recherchen im Museum in Detmold entdeckt das Team im Archiv einige alte Kleidungsstücke und die Idee für die Moderstrecke wird geboren.

In multimedialen Einsprengseln, Videos und Audio-Aufnahmen kommen Personen zu Wort, wie die ehemalige Leiterin des Museums für Russlanddeutsche Geschichte Katharina Neufeld oder der Vorsitzende der Landsmannschaft in NRW Alexander Kühl. Die Redaktion spricht also nicht nur von Russlanddeutschen, sondern hat auch mit ihnen gesprochen. Überhaupt waren die Recherchen sehr umfassend – das Institut für digitales Lernen hat seit 2015 an diesem mBook gearbeitet. Ganz unten auf einer Einleitungsseite stellen sich die Autoren und die Autorin vor und berichten darüber, wie sie an das Thema herangegangen sind und was es bei ihnen ausgelöst hat.

Es wird schnell deutlich, dass es trotz wissenschaftlicher Herangehensweise nicht nur um historische Fakten geht, sondern die Geschichte in einen größeren Kontext eingebunden wird. Anhand des Schicksals dieser hin und her gebeutelten Volksgemeinschaft werden Themen behandelt, die weit mehr Menschen betreffen und universell sind.

Marcus Ventzke, einer der Autoren des mBooks, schreibt im Blog Multimediales Lernen dazu: die Geschichte der Russlanddeutschen enthält viele Orientierungsanlässe, um über die Grundfragen menschlichen Lebens und Zusammenlebens nachzudenken. Frieden und Krieg, Freiheit und Unterdrückung, Konflikt und Ausgleich, Sesshaftigkeit und Migration, Diktatur- und Demokratie-Erfahrungen: all das sind Themen, die weit über die Geschichte der Russlanddeutschen hinausgehen und daher für alle Lernergruppen interessant sind.

Fehlt was?

Nicht alle scheinen glücklich mit dem Ergebnis zu sein. Ein russlanddeutscher Historiker, Dr. Hist. Alex Dreger, kritisiert das Projekt, in dem er auf Ungenauigkeiten hinweist und den Autor*innen Verallgemeinerungen vorwirft. (Einige seiner Hinweise wurden sogar schon in das mBook aufgenommen, denn da es digital ist, kann es nachträglich verändert werden.)

Herr Dreger hängt seine Kritik hauptsächlich an der Frage auf, wer die Russlanddeutschen wirklich seien. Natürlich keine Russen und keine Migranten, sondern Deutsche. Diese Tatsache würde ihm wohl noch zu wenig betont. Möglicherweise entspricht die Einstellung der Redaktion zum Thema Nationalität und Nationalstaat nicht seinen Vorstellungen.
Das ist wohl ein grundsätzliches Problem und würde zu weit führen, es in einem Satz abzuhandeln oder gar zu lösen.

Es ist wohl schwerlich zu erwarten, dass in einem Schulbuch alle Feinheiten der Geschichte, alle Kontroversen und alle Widersprüche und Seitenwege auftauchen. Es ist ein didaktisches Werk für Jugendliche und kann nicht umfassend sein. Es vermittelt. Und es muss so gestaltet sein, dass es anspricht und nicht durch Bleiwüsten anödet. Das wirkt bei Eingeweihten dann vielleicht wie eine Verallgemeinerung.

Im mBook werden zum Beispiel Vorurteile gegenüber Russen aufgeführt. Zurecht wie ich finde, denn nicht selten werden wir mit ihnen in einen Topf geworfen. Herr Dreger fürchtet, dass das Aufgreifen der Vorurteile (insbesondere des des Wodkakonsums) ein falsches Licht auf die Russlanddeutschen wirft und den russlanddeutschen Schülerinnen und Schülern eher mehr Anfeindungen bringt als weniger.

Anstatt zu würdigen, dass sich ein Team hingesetzt hat und sich über Jahre mit unserer Geschichte auseinandergesetzt und ein qualitativ so hochwertiges Ergebnis präsentiert, krittelt er an Kleinigkeiten herum.
Möglicherweise braucht es ein eigenes Buch, um die Bereitschaft von ehemals unterdrückten Minderheiten zu beschreiben, sich latent mißverstanden und ignoriert zu fühlen und hinter jeder Hecke eine Beleidigung und mangelnde Wertschätzung zu wittern. Dieses Phänomen resultiert wohl aus einem kollektiven Trauma, dass diese Minderheit erlebt hat. Aber auch die Beschäftigung mit diesem Thema würde die Kapazität eines Schulbuches sprengen.

Die Macher*innen des mBooks stellen jedenfalls Stereotype über Deutsche mit denen über Russen gegeneinander. In Kapitel 2.2 heißt es:

Ein weiteres Stereotyp über Russen lautet, dass sie eher nach einer starken, verbindenden Gemeinschaft streben, nicht so sehr nach dem Ausleben individueller Freiheit. Vielleicht liegt das an der Kälte und Weite des Landes oder am Kollektivdenken in der Sowjetunion; vielleicht ja auch an den gesellschaftlichen Veränderungen und Verwerfungen seit Zusammenbruch der Sowjetunion.
Viele Russen scheinen einen starken, manchmal auch übergriffigen Staat akzeptabel zu finden, solange dieser Staat das Versprechen einlöst, sich um seine Bürger zu kümmern. Gleichheit wird als gesellschaftliches Ziel höher geschätzt als Freiheit.

Ich finde die Stereotypen eher witzig und treffend, die Nähe zu Russland ist doch nicht zu leugnen. Wieso denn? Wir sind halt keine waschechten Teutonen, wenn man uns in Seifenlauge taucht, kommen ganz andere Schichten zutage. Aber die sind doch nichts, was uns peinlich sein sollte. Eher umgekehrt. Nicht nur den Hang zur Gemeinsamkeit haben die Russlanddeutschen aus Russland mitgebracht. Oder die Trinkfestigkeit. Sondern eine Angewohnheit, die im mBook unerwähnt bleibt: das Aufdrängen von Nahrung durch die Herrin des Hauses. Teller werden aufgehäuft, du kannst nicht aufstehen, bevor du platzt. Schlimm ist das! Und auch irgendwie typisch. Doch, auch das taucht auf, in Kapitel 3.4, wo gesagt wird, wenn du zu Russlanddeutschen eingeladen bist, sieh zu, dass du mit leerem Magen hingehst. Nun gut.

Meine persönlichen Nachbesserungsvorschläge wären: Begriffe wie Trudarmija oder Sondersiedlung, die im Text auftauchen und kurz erläutert werden, auch im Glossar aufzunehmen. Auf Kommunalka oder Komsomol würde ich verzichten, von mir aus. Aber Wenn schon Lapti (Bastschuhe) erwähnt werden, warum nicht auch Walenki (Filzstiefel)?

Als einer Angehörigen der betroffenen Gruppe wird mir höchstens nicht stark genug betont, dass die Deportation bis in die Mitte der 50er Jahre gedauert hat. Und danach die Menschen zwar frei ziehen konnten aber nicht mehr zurück in ihre angestammten Gebiete und nicht die Sowjetunion verlassen durften. Oh. Ich glaub, es taucht wohl auf. Weiter unten. Es ist halt auch so viel Stoff, dass ich es kaum schaffe, mich da durch zu kämpfen – allein 33 Unterkapitel und wenn man es ausdrucken würde, 470 Din A4 Seiten! (Keine Sorge, es gibt ein kurzes Erklärungsvideo, was die lila- und grünunterlegten Texte für Funktionen haben, aber für digital natives, also die meisten Schüler*innen ist das Gebilde wohl selbsterklärend.)

Orte der Verbannung multimedial erfahren

Das „mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte“ geht auf eine Initiative des Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen zurück. Aber dennoch hat kein/keine der Autor*innen einen russlanddeutschen Hintergrund. Es wird spürbar, dass hier eine Gruppe von außen beleuchtet wird. Wie durch einen Filter. Aber vielleicht ist es kein Nachteil. Sie bleiben sachlich und verlieren sich nicht in Befindlichkeiten oder Sorgen ums Nichtverstandenwordensein.

Ein Russlanddeutscher würde bestimmte Dinge kaum so formulieren: Sie besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit und dennoch beginne ich dieses Buch mit einem Kapitel über Migranten. Warum?

Um sie im nächsten Moment in einen Kontext zu stellen:

  • Erstens ist die Geschichte der Russlanddeutschen auch eine Geschichte der Wanderung. Aus ganz unterschiedlichen Gründen haben Russlanddeutsche immer wieder ihren Wohnort verlassen (manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen), um an einem anderen Ort zu leben. Um diese Geschichte zu verstehen, brauchen wir die Begriffe, die ich in diesem Kapitel vorgestellt habe. 
  • Zweitens sind die Russlanddeutschen heute in Deutschland oft in Situationen, in denen sie sich mit dem Begriff ‚Migrationshintergrund‘ auseinandersetzen müssen. Sie müssen oft einen Kampf darum führen, als ‚richtige Deutsche‘ akzeptiert zu werden. Diese Erlebnisse teilen sie mit den Nachkommen von Migranten, die seit ihrer Geburt in Deutschland leben.  

Auch ich hätte einiges sicher anders verfasst, unter das Foto der Bastschuhe hätte ich geschrieben:

Solche Lapti trugen die Sondersiedler im Sommer, bei Minus 40° hatten sie Walenki, gewalkte Filzstiefel. Was glauben Sie, wie viele Zehen da trotzdem abgefroren sind. Einmal das war schon in den Siebzigern und Sondersiedlungen längst aufgelöst, da bin ich mit meinem Vater im Bus gefahren und habe die Galosche zu meinem neuen Filzstiefel verloren. Er musste bis ins Depot fahren und da, welch ein Wunder, hat er meine Galosche auch gefunden! Aber wir sind an diesem Tag viel zu spät zum Abendessen gekommen.

So hätt ichs gemacht!

Ich bin keine Schülerin mehr und auch keine Lehrerin. Ich habe das mBook als eine durchgearbeitet, um die es geht. Habe dabei Bekanntes entdeckt und auch neue Details erfahren. Es wurden sogar einige neuralgische Punkte berührt, mit denen ich mich gedanklich schon länger rumschlage, und zwar eher „hinten“ im Book, wobei man bei multimedialen Werken ja nicht wirklich von vorne und hinten sprechen kann. Aber in den letzteren Kapiteln, wo es um ‚russlanddeutsche Identität heute‘ geht, finde ich zwei Aussagen, die etwas, das mich umtreibt, auf den Punkt bringen:

Deutsch sein

Das klingt banal, ist es aber nicht. Für Deutsche ohne Migrationshintergrund ist das Deutschsein oft etwas nebensächliches, eher ein Randaspekt der eigenen Identität. Russlanddeutsche haben zum Deutschsein einen anderen Bezug. Über lange Zeit wurden sie (oder ihre Eltern und Großeltern) für ihr Deutschsein diskriminiert, verfolgt und manchmal getötet. Und seit ihrer Ankunft in Deutschland müssen sie darum kämpfen, als Deutsche anerkannt zu werden. Nicht als deutsche Staatsbürger – das sind sie. Aber dafür, von ihren Mitmenschen nicht länger als ‚Russen‘, sondern als Deutsche wahrgenommen zu werden.

Hier das zweite Zitat:

Opfer sein

Ein Identitätsaspekt für viele Deutsche ist es, Nachkomme von Tätern – Nationalsozialisten, Kriegstreibern, Völkermördern – zu sein. Die Russlanddeutschen zählten nun aber nicht zu den Tätern, sondern zu den Opfern der großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts (siehe Kapitel 6). Es ist aber nicht leicht, in Deutschland über deutsche Opfer etwa des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Das heißt, dass russlanddeutsche Erinnerungen und Erfahrungen nur selten mitgeteilt und gehört werden.

Wobei das mit dem Opfer-Täter Prinzip natürlich nicht immer so klar ist. Aber es ist ein Schulbuch und kann nur eine gewisse Widersprüchlichkeit aufweisen. Dennoch werden hier zwei wesentliche Merkmale oder Unterschiede benannt, die die Russlanddeutschen von den Einheimischen trennen, denn sie wirken befremdlich. Das Pochen aufs Deutschtum und die Opfermentalität.

Klar würden unsere Autor*innen und unsere Historiker andere Akzente setzen, aber manchmal lernen wir mehr über uns selbst, wenn wir von außen gespiegelt werden. Und hier geschieht es mit einem wohlwollenden, respektvollen Blick. Der Schleier der Ignoranz ist zerrissen (Sorry, der Sprachschimmel geht mit mir durch!), jetzt kann ich unter die böswilligen Kommentare auf Facebook immer setzen: hier schau mal, da lernst du was. Mit einem Link oder einem Zitat.

Pastor Edgar Born in einem Videointerview

Unwissenheit schafft Vorurteile und Verstehen führt zu Verständnis. So sagt der Interviewpartner in einem Video, Pastor Edgar Born, Aussiedlerbeaftragter der evangelischen Kirche:

…unter den Jugendlichen, die mit dieses Buch mitbenutzen werden, werden Russlanddeutsche sein, die überhaupt nicht vertraut sind mit ihrer Geschichte, mit der Geschichte ihrer Volksgruppe, und die werden verstehen lernen.

Und auch die anderen, die von hier, werden vielleicht einen Grundrespekt entwickeln und hoffentlich nicht mehr vorschnell dreckige Russen oder Putinversteher rufen, nachdem sie die Zusammenhänge kennen.

Der erste Schritt in die Schulen ist geschafft! Es wurde aber auch langsam Zeit. Nun wird es sich erweisen, ob dieses mBook Schule machen wird!

Hier geht’s zur Hauptseite, von wo aus auch der Weg zum mBook nicht weit ist:
https://mbook.schule/rd/mbook/

Blog digitales Lernen:
http://blog.multimedia-lernen.de/das-mbook-russlanddeutsche-kulturgeschichte/

Worte wie Spatenhiebe. Die Baugrube von Andrej Platonow

Die Baugrube ist ein sehr kurzer Roman, der es in sich hat. Jeder Satz macht einen Knoten ins Hirn. Nein, Leichtkost ist dieses Werk beileibe nicht. Dennoch ist seine Sprache konsequent und einzigartig. Der Autor, Andrej Platonow, hat ihn 1928 geschrieben und das aufkommende Neusprech des Sozialismus darin verwoben. Nicht kunstvoll, eher wie mit dem Hackebeil hinein gehauen.
Wie benommen tragen die Protagonisten ihre schmerzreichen Körper durch die russische Provinz der Stalinära. Sie verwenden Parolen, halb verstandenes sozialistisches Gedankengut, fragmentiert und aus dem Zusammenhang gerissen. Der Hauptschauplatz ist eine Baustelle, aber Gabriele Leopold, die den Kurzroman letztes Jahr neu übersetzt hat, nennt ihn die Negierung des „Produktionsromans“. Die Stimmung ist antiproduktiv, zerstörerisch und bis zum Winseln hoffnungslos. Statt eine helle Zukunft zu errichten, taumeln alle dem Niedergang entgegen.

Menschliche Wesen in der Welt, ein Bild von Pawel Filonow, 1926

Kurze Inhaltsangabe:

Am Rand einer großen Stadt heben Arbeiter eine riesige Grube aus, um ein ‚gemeinproletarisches Haus‘ zu errichten. Vom Kriegsinvaliden über den Handlanger bis zum  Ingenieur bildet sich unter den freiwilligen Sklaven eine Hierarchie, die den sozialen Verhältnissen in Stalins Sowjetunion ähnelt. Mit Nastja, dem Waisenkind, das sich nach seiner bourgeoisen Mutter sehnt, ist der »neue Mensch« bereits unter ihnen. Doch am Ende wird es in der Baugrube beerdigt, dem kollektiven Grab, das sich die »Paradieserbauer« (Joseph Brodsky) geschaufelt haben.

Das Nichtmenschliche, der bürokratische Nominalstil dieser Sprache quillt unkontrolliert aus den Mündern der handelnden Personen.

‚Organisier dich mal dahin‘ sagen sie zueinander. Und:

‚Ach du, Masse, Masse! Es ist schwer aus dir den Grützbrei des Kommunismus zu organisieren!‘

‚Du Genosse Tschiklin, halt dich vorläufig zurück von deiner Deklaration (…) Die Frage ist hat sich prinzipiell erhoben und ist wieder niederzulegen nach der gesamten Theorie der Gefühle und der Massenpsychose…‘ S. 45

‚Ich mache diese Hirten und Schreiber im Nu zur Arbeiterklasse – die werden mir so zu graben anfangen, dass ihnen das ganze sterbliche Element aufs Gesicht heraustritt… Aber warum Nikita, liegt das Feld trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?‘ S.44

Dabei ist keine Ironie im Spiel, jedes Wort ist buchstäblich so gemeint, es gibt keine Metaebene. Das war anfangs irritierend. Das Buch ist nicht als Kritik des Sozialismus gedacht, sondern als eine genaue Blaupause der Zeit nach der Revolution.

Monströse Versatzstücke wie ‚Feierlichkeit des Todes während des sich entwickelnden lichten Moments der Vergesellschaftung des Besitzes‘ muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Die Baugrube galt dementsprechend lange als unübersetzbar. Gabriele Leopold, die schon Warlam Scharlamow „Erzählungen aus Kolyma“ ins Deutsche übertragen hatte, ist damit ein Meisterwerk gelungen. Allein wie und wann sie die Vokabel ‚vergesellschaftet‘ einsetzt. Leopold hat im Vorfeld Kongresse für die Interpretation der Werke Platonows besucht, hat in Archiven und mit originalen Typoskripten gearbeitet und in den Neologismen der DDR Formulierungen und Sprechgewohnheiten entlehnt. Bizarr und faszinierend ist das Ergebnis geworden. Hier einige Worte der Übersetzerin zum Roman und zum Prozess der Übersetzung:

Als 1931 eine andere Erzählung Platonows in einer Zeitschrift erschienen ist, worin eine leise Kritik an der Zwangskollektivierung angedeutet war, schrieb Stalin persönlich das Wort „Lump“ (сволочь) an den Rand. Zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus wurde seine Prosa nicht mehr gedruckt. Platonow starb 1951. Erst in den Achtziger Jahren setzte seine Wiedernetdeckung ein.

Platonow hat unter anderem als Spezialist für Elektrifizierung und Landgewinnung gearbeitet

1984 schrieb Joseph Brodsky aus seinem Exil in den USA: A great writer is one who elongates the perspective of human sensibility, who shows a man at the end of his wits an opening and a pattern to follow. After Platonov, there was no other such writer of Russian prose again”. The suppression of the novel Chevengur and The Foundation Pit, he claimed, “set back the entire literature fifty years.

(… Nach Platonow gab es keinen vergleichbaren Autor russischer Prosa mehr. Die Unterdrückung der Novellen Chevengur und Die Baugrube hat die gesamte Literatur um 50 Jahre zurückgeworfen.)

Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist dieser Autor aktueller denn je. Er lässt uns diese Epoche auf seine unnachahmliche Weise erfahren. Aber ein Schmöker, den wir kurz mal eben vor dem Einschlafen durchblättern ist die Baugrube nicht. Es ist gut, dass diesem verdichteten Text Anmerkungen und Kommentare hintangestellt sind.

Andrej Platonow, Die Baugrube
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff
Suhrkamp, 239 Seiten, 24.00 Euro

Was gestern war

Eine Schlange in Moskau. Nur diesmal geht es nicht darum, ein Pfund Butter zu ergattern oder eine Tasche von Gucci. Frauen und Männer in winterlicher Kleidung treten ans Mikrofon. Sie sprechen Namen und Daten hinein. Einige lesen sie vom Zettel ab, andere tragen sie aus dem Gedächtnis vor. Einen oder gleich mehrere. Aus dem Off hört man Bach.

Puchtin, Wladimir Alexandrewitsch, mein Großvater, Novikow, Wassilij Philippowitsch, 58 Jahre, verhaftet im Jahr 32, verschollen unter unbekannten Umständen, erschossen. Meistens erschossen und meistens in den Jahren 1937 oder 1938.

Vereinzelt sind auch deutsche Namen darunter: Rudolf, Pfeffer, Paul oder Nachtigall, Jewgenij Ottowitsch.

Die Menschen lesen die Namen, Berufe und Todesdaten ihrer Großväter, Urgroßväter, Großonkel vor, manche auch die ihrer Großmütter, Nachbarn, Bekannten. Sie tun es zwölf Stunden lang von 10 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Die Reihe reißt nicht ab. Manche stehen fünf Stunden in der Kälte und müssen unverrichteter Dinge wieder gehen, nur eine Kerze dürfen sie aufstellen. Aber sie dürfen am 29. Oktober 2017 wiederkommen, am nächsten Tag der Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen.

Dann lädt Memorial Russland die Bürger*innen Moskaus wieder ein, sich am Ssolowetzkij Stein auf dem Ljubjanskij Platz einzufinden, zur erneuten Rückgabe der Namen, wie diese Lesung heißt, die seit 10 Jahren an diesem Tag veranstaltet wird. Die Gedenkaktionen finden in vielen russischen Städten statt, darunter auch in Petersburg am 30. Oktober.

Die Direktorin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial Elena Zhemkova sagte bei der Eröffnung der Lesung: „Diese Personen wurden im Geheimen erschossen. Wir wollen ihrer öffentlich gedenken. Es ist unsere Pflicht, ihre Namen dem Vergessen zu entreißen.“

 

Immer beraijt – Princeton Pionier

IMMER BERAIJT von 1930
IMMER BERAIJT von E. Emden und S. Telingater, 1930

Heute ist Tag des Kindes. Zeit, eine hübsche Sammlung vorzustellen, die von der renommierten Princeton Universität erst kürzlich online gestellt wurde: 159 russische Kinderbücher aus der frühen Sowjet-Ära. Zum Blättern. Tolles Design, aber auch krasseste Propaganda, in Kindergehirne gepflanzt. Was sicher nur aus unserer Westwarte so befremdlich wirkt – für die auf der anderen Seite war das, was uns wie purer Zynismus vorkommt, völlig normal.

Wie das zum Beispiel:

Stalin ganz persönlich-versöhnlich
Treffen  mit dem Genossen Stalin, ganz persönlich-versöhnlich

Auf Seite 8 von Treffen mit Towarisch‘ Stalin schreibt der Autor Georgij Bajdukow:

…hier wurde mir etwas bewusst, Stalin – als großartiger, genialer Mensch – schätzt das Leben aller Menschen, die hart arbeiten.

Und züchtet Zitronenbäumchen. Ist klar.

Der Verfasser war seines Zeichens General-Major der Luftflotte und 1945 in Berlin dabei. In seiner Freizeit schrieb er erbauliche Prosa wie diese.

Aber es gibt in dieser Sammlung auch einfach nur Kinderbücher ohne politischen Auftrag, wenn auch wenige. Teilweise von so bekannten Autoren wie Daniil Charms (von ihm leider nur eins) oder Wladimir Majakowskij (gleich mehrere, auch hochpolitisierte darunter).

Die Gestaltung ist ganz schön avantgarde:

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Auf jeder Seite: Elefant oder Löwe

Das Folgende stammt auch aus der Feder Wladimir Majakowskijs, das allseits beliebte: Was ist hier gut und was ist hier schlecht:

princeton_majak_1
das ist schlecht.

(Ist der Sohn schwarz wie die Nacht, Schmutz liegt auf dem Schnäuzelchen, klar wie Suppe, das ist schlecht für des Sohnes Häutelchen.)

princeton_majak
das ist gut.

(hierfür fällt mir keine gereimte Übersetzung ein, aber das Bild spricht für sich. Odol halt) 

Die ganze Sammlung in der digitalen Bücherei befindet sich hier: http://pudl.princeton.edu/collection.php?c=pudl0127

princeton-pionier
wir sind klein, aber wir sind viele, die Pioniere

Gedenken an eine Grenzgängerin

Hier eine biografische Skizze der deutschen Schriftstellerin Maria Osten, einer Grenzgängerin in einer gefährlichen Zeit.

Am 16.9 1942 wurde die Schriftstellerin Maria Osten von Stalins Bütteln ermordet

Memoreal37

Die Frau des »Volksfeindes«
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»Der erste Dünger für die Ernte ist der billige Schweiß derer, die niemals ernten. Die Erde ist nicht für die fruchtbar, die sie mühsam bearbeiten. Die Körner, die aus dem Dreschkasten in Säcke rinnen, sind neuer geheimnisvoller Samen und bares Geld. Beides geht durch die riesigen rissigen Hände der Arbeiter. Sie werfen das Getreide in den Dreschkasten, hängen die Säcke ab, wiegen sie und stapeln die taubgewordenen Halme, das Stroh. Über das weitere Schicksal des Getreides wird auf der Börse entschieden – nicht so, wie es die Menschen brauchten, sondern, wie es die Herrschenden brauchen, die verdienen wollen.« Diese Sätze sind der legendären, 1932 im Malik-Verlag erschienenen Anthologie »30 Erzähler des neuen Deutschland« entnommen und stammen von der 24-jährigen Maria Greßhöner, die seit 1926 im Verlag arbeitete und mit dem Verleger Wieland Herzfelde zusammenlebte. Schon 1927 war bei Kiepenheuer ihre erste Erzählung gedruckt worden. John Heartfield…

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Der Philosoph schießt aus der Hüfte – ein Eastern erster Güte

Fast rechtzeitig zum Sommeranfang, möchte ich einen weiteren russischen Film aus den Achzigern vorstellen: Der kalte Sommer des Jahres 53Холодное лето пятьдесят третьего. Es war der erste Film in der Sowjetunion, der sich mit Opfern der Stalinzeit und dem Schicksal der Verbannten befasst hat. Er wurde – was nicht so oft vorkommt – gleichermaßen von den Kritikern und den Zuschauern begeistert aufgenommen. Mit mehr als 40 Millionen Zuschauern war es die meistgesehene Kinoproduktion des Jahres 1987/88 und hat sofort den gerade ins Leben gerufenen sowjetischen Filmpreis „Nika“ erhalten – neben anderen Auszeichnungen. Der andere große Preis, der Staatspreis der UdSSR, eine heißbegehrte Trophäe, wurde übrigens bis 1954 Stalinpreis genannt. Dass dieser Film ihn erhalten hat, ist fast so was wie Eine Ironie des Schicksals.

er kann sehr gut schießen, dieser Philosoph
Er kann sehr gut schießen, dieser Philosoph

Die Filmhandlung:

Ein kleiner verschlafener Ort, irgendwo in Sibirien, der vom Fischfang lebt. Neben einigen, meist älteren Dorfbewohnern gibt es hier den Kapitän, den Polizisten und den Ladenverwalter. Und was zu der Zeit nicht ungewöhnlich ist für ein entferntes sibirisches Dorf war, zwei Strafversetzte, die ihre Zeit statt im Lager hier abbüßen müssen. Der ehemalige Ingenieur Kopalytsch, fleißig und angepasst und Lusga, leicht renitent und verschlossen. Dieser Lusga ist ein seltsamer Typ, sitzt stundenlang im Gras, tut nichts, selbst wenn es ihm befohlen wird, selbst auf die Gefahr hin, dass er nichts zu „fressen“ bekommt. Träumt den Tag einfach weg. Die einzige, die mit ihm Umgang hat, ist das Kindweib Schura, die Tochter der taubstummern Lida.

Es ist das Jahr 1953 – Stalin stirbt und Berija erlässt eine Amnesie, begnadigt Gulag-Häftlinge, nicht nur die politischen, so dass marodierende Banden über Land ziehen. So wird auch dieses Fleckchen Erde von einer Gruppe Krimineller heimgesucht, die sich als erstes beim Dorfkrämer einnisten.

Doch als es drauf ankommt und das Mädchen Schura von einem der Banditen verfolgt wird, erwacht Lusga plötzlich aus seiner Starre, bewahrt sie vor der Vergewaltigung und tötet ihren Peiniger. Und auch die anderen Bösewichte erledigt er auf leise unaffektierte Weise.

Äußerlich gleicht Lusga in keinster Weise einem Superman oder Helden – er hat nicht vor, sich gegen die Bande zu stellen, will ursprünglich nur das Mädchen retten. Doch als nun der erste Gangster getötet ist, muss er seine Mission fortsetzen.

Kalter Sommer 1953
Lusga ( Valerij Pryomychow) und Kopalytsch (Anatoli Papanow)

Sein Spitzname Лузга, bedeutet Spelze, ist Teil eines Korns, ein kleines Blatt an einer Ähre, vielleicht weil er so dünn ist, wie ausgetrocknet. Keiner der Dorfbewohner weiß seinen richtigen Namen und auch nicht den des anderen Strafgefangenen, des ehemaligen Ingenieurs Staroborodin, der Kopalytsch (Gräber) genannt wird, dabei sind es genau diese beiden,  die das Dorf von den Eindringlingen befreien.

Abgelegene Ortschaft mit nur ein paar Hütten, Knarren, harte und dabei coole Typen, klare Linie zwischen Gut und Böse – dieser Film hat alles, was einen guten Western ausmacht. Aber er geht drüber hinaus. Als es zur extremen Situation der Geiselnahme kommt, treten plötzlich alle Charaktere deutlich hervor, wie scharf gezeichnet. Es ist eine genaue psychologische Studie mit unerwarteten Wendungen. Außerdem ist dieser Film eine frühe Aufarbeitung der grundlosen Verschickungen, politische Gefangene bekommen in dem Alten Kopalytsch und in Lusga ein Gesicht und eine Stimme.

Regie: Aleksandr Proschkin
Lusga: Valerij Pryomychow
Kopalytsch: Anatoli Papanow (in seiner letzten Rolle)
Schura: Soya Burjak

Hier ist er zu sehen, leider nur auf Russisch:

https://www.youtube.com/watch?v=dAYOT6MvVuU&feature=player_embedded