Ein paar eingeritzte Buchstaben

Zwei unbeholfen eingeritzte Buchstaben auf einem Klappmesser deuten auf ein Geheimnis hin, dem die Protagonistin des Romans „Die Fische von Berlin“ von Eleonora Hummel auf die Spur kommt.

Familie Schmidt lebt in Kasachstan und steht kurz vor der Ausreise nach Deutschland. Ihre jüngste Tochter Alina verbringt viel Zeit mit ihrem Großvater, mit dem sie ein besonderes Band verbindet.

„Was hast du mit dem Großvater zu tuscheln?“ fragte Großmutter mit ihrer erzieherischen Stimme.
„Wir tuscheln nicht. Er erzählt mir von seiner Jugend.“
„Von seiner Jugend gibt’s nichts zu erzählen.“

Doch Alina lässt nicht locker und erfährt nach und nach, was es mit den Fischen von Berlin auf sich hat und welches Familiengeheimnis sich hinter dem Messer verbirgt, das der Großvater stets bei sich trägt. Sie taucht tief in die Odyssee ihrer russlanddeutschen Familie ein. Dabei findet sie ein Fotoalbum auf einem Dachboden und beobachtet, wie sich ihre Schwester von einem Fastmatrosen den Kopf verdrehen lässt.

Berlin: Angler an der Friedrichsgracht. Foto: Rudolph 21.4.1949

Aufreihen von Tatsachen oder künstlerischer Ausdruck?

Eleonora Hummels Romandebüt von 2005 kommt daher wie ein autobiografischer Bericht. Aber anders als viele Bücher der Erinnerungs- und Erlebnisliteratur hat die Autorin ein Werk geschaffen, das eigenständig ist und sich über die reine Erfahrung erhebt.

In einem Interview von 1979 spricht Regisseur Andrej Tarkowskij darüber, welchen Einfluss die Kindheit auf das Leben eines schöpferischen Menschen haben kann. Dass es eine wichtige Erfahrung ist und dass eine intensive Kindheit ausreicht, um Stoff für viele Werke zu bilden. Er sagt aber auch, dass es keine Kunst sei, die Erlebnisse eins zu eins zu erzählen. Sie brauchen ein transformatorisches Moment, eine Verdichtung in der Sprache oder eine Form, die aus der erlebten Geschichte einen Film oder einen Roman macht.

Der Autorin gelingt genau das. Sie benutzt die Familienanekdoten, die sich in den Schicksalen der Deutschen aus Russland in vielen Punkten gleichen und macht etwas daraus, das über das Offensichtliche hinaus geht.

Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Leute sind getrieben, die schweren Schicksale in Worte zu kleiden, damit die Erinnerung nicht verlorengeht. Es ist wie ein innerer Auftrag und diese Autoren und Autorinnen fangen oft mit der Geschichte der eigenen Familie an. Aus der Aneinanderreihung von echten Erlebnissen und Anekdoten entsteht dann häufig nicht mehr als eine ausführliche Familienchronik. Viele dieser Bücher wirken so, als seien sie aus einer Opferhaltung geschrieben, sie verzichten nicht auf ein gewisses Selbstmitleid oder haben einen vorwurfsvollen Ton. Was hier angeklagt wird, das Schicksal oder die ignorante Leserschaft, kann man nicht immer deuten.

Der Roman von Eleonora Hummel steht in angenehmen Konstrast zu diesen Erlebnisbiografien, die zweifelsohne ihre historische und therapeutische Berechtigung haben.

Sie schafft es, in ihrem Erstlingswerk Dinge auszusprechen, die oft schwer auszuhalten sind. Es ist schon harter Tobak, den sie wenn nicht direkt leicht, aber in einer schnörkellosen Sprache leichthin erzählt. Sie verdichtet viel und bereits hier ist ihr typischer, lakonisch-zielsicherer Stil zu spüren. Eleonora Hummel beherrscht die Kunst der Andeutungen, kann vieles ungesagt lassen oder zwischen den Zeilen verstecken. Mit Auslassungen und kühlen Untertreibungen lässt sie uns die Zeit dennoch in ihrer ganzen Härte spüren.

Hier einige Erinnerungen von Alinas Großvater in der Zeit des zweiten Weltkrieges:

Mutter erschien mir so klein und zart in ihrem schwarzen Kleid, dass ich nicht wagte, sie in den Arm zu nehmen. Wir nahmen uns nie in den Arm. Im Dorf hatte man andere Dinge zu tun. S 120

Hinter ihr stand meine Schwester, die die Frau eines Volksfeinds war. Sie legte ihr schwarzes Kopftuch zusammen, das gefaltet aussah wie die Flügel eines Raben. S120

Bevor ich zum Mobilisieren ging, gab ich Mutter die paar Münzen, die noch in meiner Hosentasche waren. „Nimm sie für eine neue Kuh“, sagte ich. Sie stand regungslos da, ich drückte ihre Hand auseinander und legte die Münzen hinein. So blieb sie stehen, die Münzen in der offenen Hand und neben ihr der kläffende Hund, den man ihr statt der Kinder gelassen hatte. S121

Von der Thematik, von der geschichtlichen Verankerung hat es ein wenig mit dem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ von Markus Berges gemein. Sprachlich besitzt das Buch eine ganz eigene Kraft und auch die Umsetzung unterscheidet sich. Es ist deutlich zu merken, dass da nicht eine Schriftstellerin aus der Distanz ein Thema betrachtet, das sie sorgsam in Archiven recherchiert hat oder aus Erzählungen kennt. Sie hat das sowjetische Schulsystem selbst erlebt und kennt Menschen und Gegebenheiten aus persönlicher Erfahrung.

Die Autorin pickt beispielhaft die Geschichte einer deutschen Familie aus Russland aus. Letztendlich ist es aber unser aller Geschichte. Sie hätte so zumindest sein können. Es ist ein schwerer Stoff, der leicht mit knappen, treffenden Worten ohne viele Schnörkel erzählt wird. Das nimmt ihm zwar nicht seine Tragik, ermöglicht es uns aber das Erzählte überhaupt aufzunehmen. Hin und her Getriebene Menschen. Das Schweigen der Älteren. Das alles kennen wir Deutschen aus Russland nur zur genüge. Und auch lang verschüttete Geheimnisse, die aus heiterem Himmel auftauchen, weil sich jemand plötzlich erinnert.


Eleonora Hummel

Die Fische von Berlin
Steidl Verlag, Göttingen 2005
223 Seiten, € 18.00

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Spruch der Woche – Ewiges Lamento

Es ist wohlfeil zu jammern, wenn du jemanden hast, dem du klagen kannst.
                                                                          Sprichwort aus Litauen

Dabei gilt das Jammern in unserer Gesellschaft als ein Nogo, als ein Geht-ja-gar-nicht. Jammerlappen, Katzenjammer, Jammertal – all diese Begriffe sind negativ konnotiert. Jammern wird nicht gern gesehen. Es gilt als Schwäche.

Heul doch!

Verabschiede dich vom Klagen und du wirst für Allezeit glücklich sein, versprechen zumindest die selbsternannten Propheten der Selbstoptimierungs-Websites und Glücks-Ratgeber.
Laut deren Psychotipps ist es besser, etwas zu tun als zu lamentieren. Denn das Klagen und Jammern würde uns ja nur schaden. Es sei reine Energieverschwendung. Schlimmer noch, dadurch geraten wir in eine Opferrolle.

Ist Schweigen so viel besser?

Einfach weitermachen? Nach vorne gucken.

Alles verdrängen. Wegdrücken. Die Tränen runterschlucken und weiter gehts.

Und das ganze Elend schön weitervererben.

Kennen wir doch von irgendwoher.

Dieser Spruch aus Litauen passt irgendwie zu uns Deutschen aus Russland und zu unserer Literatur. Heißt es nicht, sie sei ein einziges ewiges Lamento?

Aber das Sprichwort besagt auch: wenn jemand zuhört, wenn jemand ein offenes Ohr hat, ist auch Jammern erlaubt. Klage braucht also Adressaten, die sie annehmen.

Aber genau dieses Publikum scheint es nicht zu geben. Noch nicht?

Die Erinnerungsliteratur der Russlanddeutschen, die Erzählungen der Erlebnisgeneration, das Reden über alte Zeiten, was oft alte Wunden beinhaltet, ist auch bei unseren eigenen Leuten oft nicht gern gesehen. Und das aus mehreren Gründen, manchen gehen die Schilderungen von Demütigung und Schmerz zu nahe, andere haben sich sattgehört, wollen lieber etwas Heiteres lesen, etwas mit mehr Zukunft und Optimismus. Keine Gulagerlebnisse mehr und Stories über Verschleppung. Auch in Sibirien gab es doch schöne Landschaften und lichte Sommer und Schmetterlinge. Es gab doch nicht nur das eine. Schreckliche. sagen sie oft.

Klar.

Aber ist Klagen nicht auch eine Art Aufarbeitung? Darüber reden heißt, den Schmerz aunzuschauen, ihn nicht mit einem Schulterzucken wegwitzeln.

Das Problem solcher Schilderungen ist doch, dass so furchbare Dinge geschehen sind, dass es fast unmöglich ist, sie anders auszusprechen als im Jammerton. Und schon gar nicht für diejenigen, die sie am eigenen Leib erfahren haben.

Wahrscheinlich ist es wirklich besser zu schweigen, wenn du kein offenes Ohr findest. Der Jammerton mag viele auch abschrecken. Die Wucht des Erlebten ist zu viel, vor allem für Kinder und Enkel. Um das zu verarbeiten, müssen sie selbst stabil sein und bereit, es aufzunehmen. Aber wer ist es schon?

Dennoch.

So zu tun, als wäre das Jammern nur Zeitverschwendung oder hätte keine Basis, nützt niemandem.

Es stimmt schon, Aussiedler bringen sich leicht in eine Opferrolle. Aber hey, vielleicht liegt es daran, dass sie lange Zeit in der Rolle von Opfern waren? Das geht nicht weg, von einem Tag zum anderen. Und schon gar nicht, wenn über die alten Zeiten geschwiegen wird. Die ganze Erinnerungsliteratur ist kein Mi-Mi-Mi, auch wenn sie manchmal schwer zu ertragen ist.

Das erlittene Leid muss irgendwie verarbeitet und kann nicht mit billigen Psychoratschlägen von oberflächlichen Internetseiten hinweggefegt werden.

Georgisches Trauerritual – Iwan Pranishnikoff, 1884

Hinter dem Gejammer steckt oft was anderes. Vielleicht Trauer? Jammern und Beklagen gehört zu den Ritualen der Trauer. Klagelieder gehören zur Kultur der Menschen. Es mag heilsam sein, sich mitzuteilen. Es bringt Erleichterung.

Und was unsere Klageliteratur angeht, müssen wir vielleicht noch den richtigen Ausdruck finden und ein passendes, weil unbelastetes Publikum.

Doch bis es soweit ist, werden wir eben stammeln und jammern und lamentieren. Manchmal fehlen eben die passenden Worte, wenn jemand versucht, das Unsagbare in Sprache zu kleiden. Irgendwann werden unsere Autoren und Autorinnen auf einem so hohen Niveau jammern, dass sie gelesen werden können. Manche tun es schon heute.

Es geht kein Weg dran vorbei. Bevor wir wieder obenauf sein können, muss das Jammertal durchschritten werden. Dafür können wir unsere eigenen Trauerrituale erfinden und inneren Klagemauern bauen, bis der Schmerz abebbt.

Dass so etwas nicht pausenlos geht, ist auch klar. Zwischendurch wäre es gut, sich dem Hellen und Lichten zuzuwenden. Den Schmetterlingen in sibirischen Sommerlandschaften zum Beispiel.

Poetisches Intermezzo: Dominik Hollmann

Die folgenden Verszeilen wurden mir  vorgestern vom Enkel des Dichters zugeschickt, weil ich gerade an einem Vortrag über die Geschichte der russlanddeutschen Literatur sitze.

Doninik Hollmann

Dominik Hollmann schrieb das Gedicht Mein Heimatland fern von der Wolga im hohen Norden am mächtigen Fluss Jenissej, wo er in der Verbannung lebte. Die Heimat, auf die er sich bezieht, ist die Wolgaregion, aus der die dort lebenden Deutschen zu Beginn des Krieges vertrieben worden sind. Nach Kriegsende hatten viele von ihnen die Hoffnung gehegt, in ihre angestammten Gebiete zurückzukehren.

Diese Sehnsucht blieb in dieser Zeit noch unerfüllt. Denn im Jahre 1948 erschien ein Regierungserlass bezüglich der Sondersiedlungen für die Deutschen: wer den Verbannungsort verlässt, wird mit 20 Jahren Haft bestraft. Daraufhin schrieb Hollmann diese Verse:

Mein Heimatland

Wo der Karaman* leise plätschernd
um den sandigen Hügel biegt,
wo die alte Trauerweide
über ihm die Äste wiegt,
wo die breiten Ackerfelder
dampfen in dem Sonnenbrand,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein liebes Heimatland.

Wo beim ersten Sonnenstrahle
sich die Lerche trillernd schwingt,
wo des Dampfers schrilles Tuten
weitaus in die Steppe dringt,
wo mir jeder Stein und Hügel
ist von Jugend auf bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein trautes Heimatland.

Wo die Kirschen purpurn glühen,
reift der Äpfel goldne Last,
wo die saftigsten Arbusen*
labten uns zur Mittagsrast,
wo wir deutschen Tabak bauten,
wie kein zweiter war bekannt,—
an der Wolga, an der Wolga
ist mein teures Heimatland.

Wo mein Herz der ersten Liebe
und der Freundschaft Macht erkannt,
wo bei gut und schlechten Zeiten
ich auf festen Füßen stand,
wo mein Vater arbeitsmüde
seine letzte Ruhe fand,—
an der Wolga, an der Wolga,
ist mein wahres Heimatland.

Wo wir neunzehnhundertachtzehn
kämpfen für die Sowjetmacht,
unsrer fleiß’gen Hände Arbeit
Wohlstand und Kultur gebracht,
wo im Bruderbund wir bauten
unsre Wolgarepublik,—
an der Wolga! an der Wolga!
ist mein Heimatland, mein Glück.

Von einer Veröffentlichung konnte keine Rede sein. Auch später als es deutsche Zeitschriften gab, blieb es wegen seines Inhalts, der als nationalistisch eingestuft worden wäre, in der Schublade liegen. Irgendwann schickte Hollmann das Gedicht an seinen Dichterkollegen Victor Klein in den Ural, der ihm bald darauf folgende Rückmeldung gab: Die Menschen kopierten das Gedicht unter der Hand und sangen es sogar leicht abgewandelt zu der Melodie des bekannten Volksliedes über Stenjka Rasin.

Hier das Originallied auf Russisch, gesungen vom Chor der roten Armee mit Bildern aus dem Stenjka Rasin Stummfilm von 1908:

Von den Abschriften, der Stenka-Rasin-Melodie und dem Bestreben seines Großvaters, in die Heimat an der Wolga wiederzukehren,  erzählte mir sein Enkel am Telefon. Es steht aber auch im Vorwort eines im Jahre 1999 erschienenen Gedichtbandes: Ich schenk dir Heimat, meine Lieder. Aufgelegt wurde das Büchlein in Kamyschin, im Wolgagebiet, wo  es Dominik Hollmann dann doch geschafft hatte zu leben. Von 1978 bis zu seinem Tod im Jahre 1990.

*Karaman: Zufluss der Wolga
*Arbusen: Wassermelonen

illegale Abschrift eines von Dominik Hollmanns Gedichten, Ein Traum, 1. Seite

 

Viktor Heinz – In der Sackgasse

Der Hochschuldozent Willi Werner wird für eine unbestimmte Zeit in ein Moskauer Krankenhaus verlegt. Er muss das Bett hüten und findet endlich die Muße, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Währenddessen verändert vor den Fenstern die Perestroika alles, was er bisher gekannt hat.

Der Roman erzählt nicht nur das typische Schicksal eines Russlanddeutschen der Kriegs- und Nachkriegszeit in der Sowjetunion, sondern spiegelt auch die Literatur der Deutschen in Russland in den 60ger und 70ger Jahren wieder. Denn der Protagonist studiert Germanistik (wie der Autor seinerzeit) bei dem charismatischen Victor Klein am pädagogischen Institut in Nowosibirsk, trifft auf Autoren wie Sepp Österreicher und lernt bei einer Recherchearbeit den kauzigen Sprachforscher Andreas Dulson kennen. Diese Männer hat es auch in Wirklichkeit gegeben und sie waren wegweisend für die Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur in der Sowjetunion. Heinz‘ Figur schreibt selbst, publiziert in den damals regelmäßig erscheinenden deutschen Wochenblättern Neues Leben und Rote Fahne. Desweiteren macht Willi Werner Bekanntschaft mit KGB-Beschattern und Denunzianten und erlebt wie ein Studienfreund auf undurchsichtige Weise ums Leben kommt, weil er an einem Manuskript arbeitet, in dem es Stellen gibt, die „eine Zeitung oder ein Verlag wohl kaum drucken würden“ und die man „verschleiern und verschlüsseln [müsste], damit es nicht so augenfällig ist…“ S 191

Der Freund verschwindet bei einem Fest und wird nach Tagen mit zerschlagenem Gesicht aus dem Irtysch gezogen. Ein Szenario, das nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist. Nach Jahren des kompletten Schweigens in der russlanddeutschen Literatur waren die ersten Veröffentlichungen auf Deutsch ab 1957 eher unverfänglich. Naturbeschreibungen und dem Regime genehme pro-sozialistische Prosa. Werke, die das Erleben in der Verbannung und im Gulag zum Thema hatten, wurden untersagt und als nationalistisch gebrandmarkt. Wenn es sie gab, wurden sie nicht gedruckt. Einige der Manuskripte sind wirklich verschollen.

Die wohl stärksten Passagen des Romans beschreiben die Kindheit des Protagonisten in Sibirien. Willi und seine Geschwister wachsen bei der Großmutter auf, weil beide Eltern verhaftet und in die Trudarmia (Arbeitsarmee) eingezogen werden. Auch Stalins Tod ist ein neuralgischer Punkt und darf in diesem Buch nicht fehlen. So wie wir uns die Frage beantworten können, was wir am 11. September 2001 gemacht haben, so erinnern sich alle in Russland lebenden Menschen an den 5. März des Jahres 1953.
In der kleinen Stube, die gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche dient, steht ein Tisch[…], über dem in einem großen Rahmen ohne Glas ein bild von Stalin hängt […]
Unter diesem „Heiligenbild“ macht Willi nun seine Hausaufgaben. Sein Vater tritt auf leisen Sohlen an den Tisch heran, beugt sich über Willis Aufgabenhefte, greift mit zitternden Händen nach dem Rahmen und nimmt das Bild herunter. In seinem Gesicht steht leichte Erregung und beklemmende Angst geschrieben.

Wohin wollt Ihr‘s* hänge? Willi lässt nicht mal den Gedanken zu, dass man das Porträt einfach zum alten Eisen werfen könnte. Ihr wollt‘s doch net rausschmeiße?

Bei den letzten Worten zuckt der Vater zusammen und seine Stimme klingt rauh: Was fällt dir ein?! Es kommt in die Abstellkammer. Sag‘s aber keinem weiter! S 21


*russlanddeutsche Kinder haben damals die Eltern respektvoll mit ‚Ihr‘ angesprochen

Dieses russische Sackgassen-Schild wirkt irgendwie wie … Hammer und Hammer!

Ein Straßenschild und die pathetische Namensgebung der sozialistischen Nomenklatur hat den Autor zu dem Titel des Romans inspiriert: Die rückständigsten Kolchosen bekamen den Namen Morgenrot des Kommunismus oder Roter Sonnenaufgang. Die enge verwahrloste Straße im schmutzigsten Winkel der Großstadt hieß – man sage und staune! -Sackgasse des Kommunismus. Hatte der Mann, dem sowas eingefallen war, nur eine überschwengliche Phantasie gehabt oder war es ein Hellseher? S 8

Manche russische Straßen heißen wirklich statt Gasse oder Allee einfach Sackgasse, also Tupik. Nur am Rande, aber das hat Streetartkünstler Jahre später zu folgenden Umsetzungen verleitet:

Sackgasse der Zivilisation. Eine Streetart in einer russischen Stadt.

oder:

Sackgasse der Evolution. Scheint sogar das gleiche Haus zu sein…

Mir ist an der Sprache von Viktor Heinz etwas aufgefallen. Er verwendet nicht nur in diesem Buch oft Floskeln, scheinbare Worthülsen, die hier aufgewachsene Schreibende tunlichst vermeiden würden. Selbst in Dialogen.

Spucks schon aus… Bin gespannt wie ein Flitzebogen… verflixt und zugenäht… Wer die Wahl hat, hat die Qual…

Hier herrscht aber ein ganz anderer Kontext vor. Stellen wir uns vor, jemand ist weit ab von seiner Muttersprache aufgewachsen. Er lernt sie als Dialekt bei der Oma und später an der Uni kennen und schätzen. Er ist verliebt in Redewendungen wie Schlawiner oder sich den blauen Dunst vormachen. Für ihn sind das keine abgedroschenen Klischees, sondern Sahnebonbons. Es ist seine Liebeserklärung an die Bildhaftigkeit der deutschen Sprache. Seine Minne. Wir dagegen stolpern erstmal drüber. Außerdem tauchen an einige Stellen Russizismen auf:

… und steht nun vor dem Bücherberg wie die Kuh vor dem neuen Tor. S 170

Den Schlawiner sieht man Viktor Heinz glatt an…

Viktor Heinz schrieb das Buch 1996 als er bereits vier Jahre im Westen lebte. Er ist Mitbegründer des Literaturkreises der Deutschen aus Russland und hat neben Gedichten und Prosa auch ein Buch über die Mundarten der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion herausgegeben. Er hat viele Autoren und Autorinnen ermuntert zu schreiben, hat ihre Werke aus dem Russischen übersetzt und ist so etwas wie der Vater der russlanddeutschen Literatur hier in Deutschland. Heinz starb im Juni 2013.

Der Roman In der Sackgasse, Aufzeichnungen eines Außenseiters in Rußland wurde von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland als Taschenbuch verlegt und ist für 13,- Euro plus Versand über den Vereinsshop zu beziehen. Es kursieren aber auch antiquarische Exemplare, die weit mehr kosten. In den Buchhandlungen oder den Bibliotheken sucht man seine Werke eher vergebens. Das ist mehr als schade.

 

An der schönen grünen Wolga

Trügerische Idylle. Wolken über Wolga.

Jedes Mal im Frühling, so schreibt es die russische Zeitung Nowaja Gazeta, wenn das Eis schmilzt und sich die Stau-Becken an der Wolga füllen, wird ein ehemaliger deutscher Friedhof überschwemmt und die halb zerfallenen Särge ragen förmlich aus dem Wasser. Es fehle an Geld, die Ufer zu befestigen.

Wer unten am Wasser steht, und sich die hoch aufragenden Lehmwände des Ufers anschaut, sieht dort die morschen Holzkisten stecken, zwischen deren Latten noch die alten Knochen zu sehen sind. Manche der Särge fallen auseinander, dann liegen die Gebeine blank am Ufer, wo die gelben Wellen sie hin und her wiegen. (Fotos in der Komsomolskaya Prawda aus dem Jahr 2009).

Was haben diese leeren Augen gesehen? Was haben sich die Leute, die durch das Manifest Katharina II angelockt wurden, zu Lebzeiten erhofft? Welche Sorgen hatten sie gehabt? Womit hatten sie zu kämpfen?

Eine, die sich in ihrem neuen Roman des Schicksals der ersten Siedler an der Wolga (bzw. ihrem Zufluss, dem Karaman) annimmt, ist die in Berlin lebende Butorin Antonina Schneider-Stremjakowa.

Ihr historischer Roman‚ Eisberge der Kolonisierung – Zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1763 bis 1830‘ ist in diesem Jahr auf deutsch erschienen. Seit zwei Jahren ist es als ‚Айсберги колонизации‘ bereits in russischer Sprache auf dem Markt.

Es ist die Geschichte von Kaspar Schneider und seinen Nachkommen, die eines schönen Tages in der Nähe von Metz aufbrechen, um ins Unbekannte zu ziehen. Sie erhoffen sich nicht nur ein besseres Leben. Kaspar will konkret das Leben seines Sohnes Lorenz retten, der sonst als Fremdsöldner an irgendeinen König verkauft werden würde.

Sie wissen, dass die Reise in den Osten kein Zuckerschlecken wird, aber und dass ist die große Masse des Eisbergs, der unter dem Wasserspiegel liegt, das was sie dort antreffen, die Strapazen und Katastrophen haben die Neusiedler nicht erwartet.

Ich habe den Roman bei einem Besuch meinem Vater zum Durchblättern gegeben. Er hat ihn genommen und zwei Tage nicht mehr aus der Hand gelegt. Es regnete. Die Sonne schien. Wir anderen sind spazieren gegangen oder haben Eis gegessen. Er saß in seinem Sessel und las und las und stand nur zum Essen und zum Schlafen auf.

Wenn er etwas lobt, sagt er normalerweise nie etwas außer einem knappen: gut. Und auch dieser Roman bekam das Prädikat gut. Als ich weiter fragte, kamen ein paar mehr Sätze: ‚…leicht zu lesen, leicht zu verstehen. Und die Fakten kenne ich schon. Aber wie diese Leute diese Fakten auch am eignen Leib erlebt haben, das lese er hier zum ersten Mal.‘

‚Bitter‘, sagte mein Vater noch dazu. ‚Sie [Katharina II] hat sie eingesetzt als lebende Schilder gegen die Angriffe. Der Tataren [an der Krim], der Kirgisen [an der Wolga]. Ohne nichts waren sie dem ausgesetzt, mit bloßen Händen.‘

Und dennoch verlieben sich die Menschen, heiraten, streiten sich, kriegen Kinder, begraben ihre Toten. Eine lange Abfolge von Schicksalen umfasst das Buch, über einen Zeitraum von fast 70 Jahren.

Als Kulisse für diesen Reigen dient die Abwanderung aus Deutschland, damals vor den napoleonischen Kriegen und die Ankunft in der Fremde und die entbehrungsreichen Jahre an der Wolga.

Die Autorin Antonina Schneider-Stremljakowa stammt von einem wolgadeutschen Chronisten der damaligen Zeit ab, der fast so heißt wie sie: Anton Schneider. Seine Urenkelin Antonina hat bereits sein Buch „Mariental XVIII-XIX“ übersetzt und in Deutschland herausgegeben. Beidsprachig, auf Russisch und auf Deutsch. Darin kommt sowohl die Legende vom Kirgisen-Michel als auch das Stammesregister und die minutiöse Beschreibung einiger der wirklichen Bewohner des Dorfes. So wird auch der Vorsteher Peter Pfannensiehl beschrieben, der auch im Roman eine Rolle spielt. Über Missjahre wird berichtet, wie viele Rubel jeder für den Bau einer neuen Kirche gespendet hat und sogar lange Gedichte aus der Feder von Anton Schneider kommen vor. Eine Fundgrube an Informationen.

Ausgehend von der Vorlage, den Fakten, die ihr der Vorfahr liefert, schafft Antonina Schneider ein lebendiges Bild von den täglichen Sorgen, dem Ankämpfen gegen Hunger und Wetter und die Angriffe der Nomadenvölker.

Ihr Spott über die sackartige Kleidung der Einheimischen: «Schafmützen auf Schafköpfen», war schnell verflogen; dafür dachten sie sich den Spruch aus: «ein Pelz im Winter, recht groß – sonst bist du schnell das Leben los».

Doch der Frost verstand keinen Spott: die Einen erfroren im Dorf, andere auf dem Weg dahin. Sie hatten überhaupt keine Vorstellung, wie sie an warme Kleidung, Schuhwerk, Skier und Schlitten herankommen sollten. Aber die knackende Kälte lehrte sie selber Pelzwerk herzustellen. S 75

Und immer wieder taucht der Fluss auf, nicht die Wolga, sondern sein Nebenarm, der große Karaman, an dessen Ufer sich die Schneiders mit ihren Nachbarn angesiedelt haben. Sie fangen Krebse, beobachten den Eisgang, im Sommer baden sie, sie jagen Saigas und Wildpferde in der Steppe.

Wieder was gelernt: solche Saiga-Antilopen haben die Siedler in der Steppe erlegt

Schneider-Stremjakowa hat dieses Buch, wie alle ihre Werke, auf Russisch verfasst. Sie kam sehr spät nach Deutschland und betrachtet sich als ‚Trägerin der russischen Sprache‘.

So geht sie im Roman gleich an mehrere Stellen darauf ein, dass die Kolonisten doch bitte russisch lernen sollen und ihren Kinder die Sprache des Gastlandes beibringen, damit sie nicht wie auf einer Insel leben.

Auf dem Rückweg überlegte Lorenz, dass nur zwei Menschen von der Übersiedlung profitiert haben: Maria-Theresa und Stefan – sie sind in die Stadt umgezogen, haben den Status des Kleinbürgertums erlangt, haben Russisch gelernt; während die Siedler in der Kolonie von einem Augenblick zum nächsten zu rechtlosen „niederen Leibeigenen-Bauern“ geworden sind. „Die Kinder sind rechtlos und auch noch des Russischen nicht mächtig, – dachte er, das Pferd antreibend. – Sie sind hilflos. Ich muss wenigstens meinen Kindern intensiv russisch beibringen“. S 240

Abgesehen von ihrer Tätigkeit als Romanautorin, betreibt Schneider-Stremjakowa ein Literaturportal derjenigen deutschen Autorinnen aus Russland, die in russischer Sprache schreiben.
Portraits und Texte von Lyriker
innen und Prosaschreibenden wie Hugo Wormsbecher, Katharina Kucharenko, Lydia Rosin und Alexander Schmidt und vielen anderen hat sie dort gesammelt, aus der Zeit in der Sowjetunion und welche, die auch in Deutschland ihre Ziehsprache nicht vergessen haben und sich darin genauso gut ausdrücken können.

Historisch gesehen, ist dieses Buch ein wichtiges Dokument, aufbauend auf den genauen Aufzeichnungen des Urahns, Anton Schneiders. Es ist wie ein Lehrbuch mit verteilten Rollen. Viel vom Leben der damaligen Kolonisten scheint hindurch: ihre Religiosität und Kirchenhörigkeit, der Überlebenskampf.

Die Autorin schafft es, die Leser*innen in eine andere Zeit zu versetzen. Es wäre für die Geschichte aber sicher angenehmer, sie hätte sich eine Person herausgegriffen, hätte ein Leben gefüllt und die Geschichte noch stärker verdichtet. So entsteht ein Eindruck vom Leben im Schnelldurchlauf.

Noch immer finden die Toten an der Wolga keine Ruhe. Und was trauriger ist, es scheint niemanden so richtig zu interessieren. Seit der Deportation von 1941 leben deren Nachkommen nicht mehr dort. Doch die ersten Siedler haben durch diesen Roman wieder Gesicht bekommen und Namen. Sie heißen Antoinette und Lorenz, Johannes und Kitty, Matthias Zwinger und Louise.

Und wir können uns ein besseres Bild davon machen, wie sie dort gelebt haben, an der schönen grünen Wolga.

Erste Kolonisten – Gemälde von Kurt Hein

Antonina Schneider-Stremjakowa
Eisberge der Kolonisierung
Historischer Roman. Zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1763 bis 1830
erschienen 2017, 292 Seiten, € 17, –
ISBN: 978-3-939290735

 

Lyrik – Agnes Gossen, Mein Erinnerungsrucksack

 

Mein Erinnerungsrucksack,
mitgebracht in die Fremde,
schlummert in einer Ecke.
Er ist zu groß, zu sperrig…
Mein Gedächtnis öffnet
ihn in der Nacht.
Ganz oben sehe ich
das Haus meiner Kindheit.
Es wurde zu alt und zu eng.
Ich riss in die Zukunft aus.
Doch so vieles blieb zurück
Fetzen meines Lebens
auf Telefonnotizen,
Begegnungen, Gespräche,
gespeichert in Wänden.
Wer wohnt wohl jetzt dort?
Spürt er meine Trauer,
meine Heiterkeit und Hoffnung,
die nächtlichen Seufzer,
wie Kaugummi
unter die Decke geklebt?
Hat er meine Spuren
vielleicht überpinselt?

In der neuen Heimat
schmücke ich mein Zuhause
mit alten vertrauten Bildern.

(Agnes Gossen, geboren im Ural, Übersiedlung nach Deutschland 1989)


Unter der Zirbelkiefer: Heinrich Rahn – Der Jukagire

In der Taiga ist vieles möglich. So steht es an einer Stelle im Roman Der Jukagire von Heinrich Rahn.

Es ist die Geschichte des Waisenjungen Ivan Nickel, dessen Eltern (ein Volksdeutscher und eine Jukagirin, also eine Frau aus einem Stamm sibirischer Ureinwohner) als Volksfeinde verhaftet worden sind. Wir schreiben das Jahr 1946, noch ist Stalin an der Macht und sein Scherge Berija gebietet über den Geheimdienst.

In einen Unfall mit tödlichem Ausgang verwickelt, gerät Ivan in ein Straflager, wo er den Rufnamen Jukagire verpasst bekommt. Später begibt er sich auf eine abenteuerliche Odyssee durch den Nordosten Sibiriens, wird Schamane und erlebt allerhand Verwicklungen. Auch amouröser Art.

Ist dieses Buch ein Abenteuerroman oder eine Liebesgeschichte? Schamanische Praktiken kommen drin vor ebenso wie alte Jäger, sibirische Nomaden und Lagerhäftlinge. Eine Karl-May-Story im wilden Nordosten, so scheint es zunächst. Statt Siuox und Apachen tauchen Jakuten und Jukagiren auf, statt Cowboys sitzen Zobeljäger und ungehobelte Sträflinge am Lagerfeuer und statt Whiskey wird Samogon (= selbstgebrannter hochprozentiger Wodka) rumgereicht. Die Geschichten von Old Surehand und Winnetou drängen sich förmlich auf. Doch schreibt Rahn ohne den überheblichen Ton eines europäischen Eroberers und ohne die Erhöhung des Protagonisten ins Übermenschliche wie es beim Hilfslehrer aus Radebeul der Fall ist. Obwohl der Jukagire mit seinen gestählten Muskeln, seiner gelehrsamen Art und Herzensweisheit ganz schön heldenhaft daherkommt.

Holzschnitt mit einer traditionell gekleideten Jukagirin und einem Jukagiren. Im Hintergrund ein Ren mit seinem Jungen
Holzschnitt von Wladimir Istomin. Frühling, 1973

Die historischen Tatsachen blitzen zwischen den Erzählsträngen auf, Schicksale werden miteinander verwoben. Das Leben im Sibirien der Nachkriegszeit tritt plastisch hervor, aber wie im Märchen, wie in einem Mythos, ohne dass der Dreck und das Blut in den Vordergrund tritt. Es ist eher ein Holzschnitt als eine naturalistische Fotografie.

Buschige Zirbelkiefern, helles Moos, Bären und Elche spielen eine nicht unerhebliche Rolle in diesem historischen Pelz-und-Flintenpanorama. Der Autor kennt die Taiga nur zu gut. Seine Liebe zur Wildnis, zu den Tieren und dem Wechsel der Jahreszeiten wird auf jeder Seite spürbar. Die Kapitel winden sich von Polarlicht zu Polarlicht. Auch die Darstellung der Menschen in dieser rauen Zone scheint sehr authentisch. Sowjetstaat plus extremes Klima – das ergibt einen besonderen Cocktail.

Alte Jäger plaudern über Unerhörtes und über Gehörtes, verweben Erlebtes mit Legenden. Die Stelle, wo Matwej und Lukjan sich in der eingeschneiten Hütte unterhalten, gehört zu meinen Lieblingspassagen im Buch.
Lukjan strich sich wieder über seinen Schnurrbart und begann: „Marischa hat nun einen Geologen geheiratet und wohnt in Amurstadt. Ihr Vater, der alte Sachar, ist zurückgeblieben und lebt mit meiner Schwester zusammen.“ S 143

Die Geschichten der Minderheiten, ob von Russlanddeutschen, Tataren und auch der Urvölker Sibiriens werden unauffällig und ohne großes Lamento eingeführt.

Es gelingt dem Autor ein Spannungsfeld schaffen, über viele Seiten hinweg. Das ist seine große Stärke. Doch dann driftet die Story ab. Was wie ein Karl-May-Spektakel mit schamanistischen Einsprengseln anfängt, verwandelt sich in einen leicht chaotischen Konsalik-Thriller, um in einer fulminanten Doppelagentenstory zu enden. In der Taiga ist vieles möglich – aber doch nicht alles. Alle losen Fäden auf eine so abenteuerliche Weise zum Ende hin miteinander wieder zu verbinden, scheint mir sogar hier, im legendendurchtränkten Polargebiet, eher wenig wahrscheinlich. Aber im echten Leben gibt es sicher noch heftigere Zufälle.

Es gäbe da einen interessanten Konflikt, bei dem ich aufhorche. Die unter der Urbevölkerung verbreiteten schamanischen Bräuche sind ein Dorn im Auge der kommunistischen Partei und sollen unterbunden werden. Doch dann löst sich diese Diskrepanz aus heiterem Himmel wieder auf. Was ein tragendes Element hätte werden können, versickert sang- und klanglos.

Wenn ich die Lebensläufe von Ivan, Kina, Marischa und den anderen Figuren wie Fäden vom Geschehen abziehe, entdecke ich auf der Metaebene zwei Muster, die sich durchziehen.
Zum einen handeln diese Erzählungen von auseinandergerissenen Familien, verlorengegangenen Geschwistern und Ehemännern, behördlicher Willkür und abgebrochenen Lebensläufen. Zum anderen halten sich die Protagonisten und Protagonistinnen seltsam tapfer dabei. Sie bleiben stark. Zeigen ihren Schmerz nicht. Sie sind nicht zerrissen, sondern bewältigen den Alltag wie nebenher und schieben die erlittenen Traumata wie Spinnweben beiseite. Das ist erstaunlich. Oder auch nicht. Denn in der Generation derjenigen, die diese Verluste, Verfolgungen und Verbannungen am eigenen Leib erlebt haben, ist diese Verhaltensweise üblich. Weitermachen und Verdrängen. Und das Aufarbeiten anderen überlassen. Doch das ist jetzt meine eigene Interpretation. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Charakterisierung dem Autor genau so vorgeschwebt hatte.

Was hätte diesem fulminanten Reigen besser getan, ein Weniger an Plots oder ein Mehr an Seiten, um sie ausreifen zu lassen? An manchen Stellen wäre ein strengeres Lektorat wünschenswert, zum Beispiel auf Seite 169, wo es heißt:
Nach dem Trinken hörte man das knisternde Zerkauen von Sauerkraut als Nachspeise.
Achtung: Hier geht es nicht um ein Sauerkraut-Dessert, sondern es ist die Sakuska gemeint, das Stück Brot oder Salzgurke, das die Russen gern nach hochprozentigen Getränken hinterheressen – oder eben Sauerkraut. Das sind so typische Missverständnisse zwischen russischen und deutschen Begrifflichkeiten.

Es sind nur Kleinigkeiten, denn im großen und Ganzen liest sich der Roman mit seiner klaren und bildhaften Syntax sehr flüssig. An einigen Stellen, wenn es um das Liebesspiel geht, wirkt die Sprache allerdings leicht abgedreht und esoterisch. Aber in der Taiga mag vieles möglich sein, auch dass ‚die gemeinsamen Sehnsüchte aus einer erfrischenden, ewigen Quelle vollkommener Leidenschaft‘ erquickt werden. (S223)

Würde ichs noch mal lesen? Jeder Zeit.

Der Jukagire, Heinrich Rahn, Geest-Verlag, 2008
ISBN-13: 978-3866851344
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