Unter die Haut

… oder

Hasch mich ich bin der Mörder!

Was passiert, wenn man sich mit der bloßen Haut auf ein feines Gitter legt? Dann gibt es einen Abdruck, eine Prägung. Sie schneidet manchmal ein. Nach Stunden verschwindet sie. Normalerweise.

Und was ist mit einer Zuschreibung, der du immer und immer wieder ausgesetzt bist? Über Jahre, über Generationen?

Irgendwas von dieser Struktur geht dann doch unter die Haut, setzt sich fest.

Das ist, was die Leute hier verwechseln, wenn sie empört ausrufen, oder in die Kommentarspalten schreiben, viele Deutsch-Russen sind Rechtsextreme.

Einige sicher. Kein Volk, keine Gruppe bleibt in unserer Zeit von diesen braunen Gesinnungsgenossen verschont.

Doch. Warum klebt es an uns, wie Pech? Es gibt fließende Übergänge. Heimatliebe führt nicht immer zu Ausgrenzung.

Aber kann es durchaus. Falschverstandener Patriotismus, fehlgeleiteter Patriotismus. Falsch verstandene Betonung des Deutschtums, die in Ethnoreinheitsphantasien mündet.

Kann durchaus vorkommen, wenn du nicht aufpasst.

Doch. Wieso denken alle, die DaR sind besonders anfällig dafür? (Mag vielleicht daran liegen, dass Gruppen wie DaR für AfD eine besonders laute PR-Maschinerie am laufen haben? Oder es einfach opportun ist, nur über diese Gruppierungen zu berichten.)

Alle schreien nach einem nicht schwarz-weißen Denken. Nur hier verlässt sie plötzlich die Fähigkeit zu differenzieren.

Zugegeben. Viele Deutsche aus Russland haben ein Thema mit Heimat, Identität und Deutschsein. Sie zelebrieren ihr Deutschsein zuweilen auf extreme Weise. Mit alten Volksweisen und dirndlartigen Kleidchen. Oft mag das fremd und übertrieben wirken, aber es hat historische Gründe, steht alles in den Geschichtsbüchern.

Scherz.

Steht natürlich nicht dort. Denn außer der Leute vom Institut für digitalen Lernen mit ihren mBooks, hat sich keiner bis jetzt die Mühe gemacht, unsere Geschichte für die Schule aufzuarbeiten.

Wozu Unkenntnis und Unwissenheit führt, auch die der eigenen Geschichte, wissen wir ja…

Aber in vielen Quellen im Internet steht was dazu. Die muss man sich nur mühsam zusammensuchen.

Heimat und Deutschsein ist unser Thema. Aber macht es uns alle zu rechten Extremisten?

Wieso gewinnen die Leute den Eindruck, wir wären alle so? Das wird den DaR vorgeworfen, wenn sie betonen, wir sind doch Deutsche und stolz darauf. Dann denken hiesige Liberale gleich, Achtung, braune Gesinnung.

Ja, das kann, muss aber nicht sein.

Es kann mit der Prägung zusammenhängen. Siehe Vergleich mit dem Gitter. Eine Prägung, die dir als Deutschen in Russland zwangsläufig aufgedrückt wird. Nicht zu unterschätzen, was das mit Menschen macht.

Eigentlich ein spannendes Forschungsthema.

Wenn du also als verhasste, verschwiegene, unterdrückte Minderheit irgendwo lebst, im Schlimmsten Fall in einem Land, wo die deinigen als Feinde betrachtet werden, wo den Leuten als erstes „Heil Hitler“ und „Hände Hoch“ einfällt, wenn sie nach deutschen Wörtern gefragt werden, dann kann man sich vorstellen, wie diese Prägung ausfallen kann.

Dann bleibt es an dir hängen. Deine persönliche Identität wird von diesen Zuschreibungen geprägt. Das legt sich nicht so einfach ab. Nicht innerhalb von einer Generation.

Ein Freund hatte sich in Russland gut eingerichtet. Hatte nicht vor auszureisen. Mit einem deutschen Namen konnte er studieren und sich eine Existenz aufbauen. Bis, das war wohl schon in den 90ern, sein kleiner Sohn vom Spielen heimkam und sagte: Papa, bin ich ein Faschist? Warum?

Das hat ihm sein bester Freund gesteckt. Ein Junge, der eingentlich aus einer modernen, aufgekärten Familie kam.

Unausrottbar, solche Vorurteile.
Das war der Moment, in dem die Familie die Koffer für die Ausreise in den Westen gepackt hatte.

Bis heute existieren in Russland diese Zuschreibungen. Zumal noch immer unbekannt ist, warum die Deutschen nach Russland kamen, wann, was mit ihnen passiert ist.

Wenn Russen und Russinnen auf der Straße gefragt werden, wie die Deutschen nach Russland kamen, sagen noch immer viele, na die kamen um zu studieren, sie kamen zu Besuch und sind geblieben.

Was für ein Hohn. Zu Besuch!

Viele auf beiden Seiten glauben noch immer, dass es die Nachkommen deutscher Kriegsgefangener sind,  die  Gebiete im Altai und um Omskherum bevölkern.

Chände Choch!

Der Abdruck Faschist wird nicht so leicht verschwinden. Auch mit mehr Informationspolitik nicht. Zuschreibungen sind hartnäckig.

Wie sind die Deutschen in der Sowjetunion damit umgegangen?

Sie haben es umgeformt, aus dem Negativabdruck, aus dem einschneidenden Gittermuster auf der Haut etwas Positives gemacht. Strudel und alte Lieder, Traditionen und die Liebe zu einer Landschaft, die kaum einer von den Sowjetdeutschen je zu Gesicht bekommen hatte. Ein Schutzmechanismus, der sich nun gegen sie wendet.

Pech, dass in der Zwischenzeit, in den 70 Jahren, in Deutschland eine andere Entwicklung stattgefunden hat. Eine folgerichtige und notwendige. Doch nicht gerade eine günstige für die Heimkehrer.

Deutsch-Russen sind Rechtsextreme. Sie wollen auf Teufel komm raus Deutsche sein. So ist nun die Vereinbarung. Warum das so ist, was für Schicksalswege dahinter stehen, danach fragt keiner.

Und wir?

Schweigen. Was sollen wir denn tun. Schweigen, uns ducken, denn das können wir. Bloß nicht auffallen. Das kann böse enden.

Einer schreibt in den Kommentaren etwas zum Fall LISA:

RT Deutsch war eine der ersten Verkünder, wenn nicht der erste Verkünder! Auch ein Jahr später, war es noch bei RT Deutsch zu finden, was direkten Draht zum Kreml hat! Das ist so! Bei den Deutsch-Russen gibt es viele Rechtsextreme!

Diese beiden Verbindungen, Kreml und Rechtsextremismus kleben hier an uns. So wie Faschismus und Verrat an der Sowjetunion dort an uns geklebt haben. Das ist Pech.

Pech, das brennt wenns heiß ist, es brennt es sich ein, lässt sich nicht abwaschen.

Und was tun wir?  Wir regen uns darüber auf, dass uns die Leute und die Medien hier Deutsch-Russen nennen. Ist doch nur ein Wort mit Bindestrich. Hab dich nicht so!

Sind wir deshalb schon rechtsextrem?

Die Wahrheit liegt in den Schatten. In den Schattierungen.  Wie immer. Die freundlichen, offenen weltzugewandten unter uns werden nicht gesehen. Nur die aus voller Kehle rufen: die bringen uns die Messerstecher-Kultur ins Land. Volksaustauch!

Leichen im Keller – auf kreative Weise entsorgt. Oder auch nicht.

In einem Radiointerview, das kürzlich beim WDR lief, hat Luise Reddemann, eine Therapeutin, die sich seit langem mit Traumata beschäftigt, etwas sehr Kluges gesagt.

Die Ablehnung der Geflüchteten, basiere manchmal, nicht immer, aber manchmal, darauf, dass die Leute sich an ihre eigenen verdrängten Fluchterfahrungen und Diskriminierungserfahrungen erinnert fühlen.

Das Verdrängte zeigt sich im Gesicht der Fremden, die in Booten übers Mittelmeer kommen.

Und weils schmerzlich und verhasst ist, weil die Erinnerung nicht gewollt wird, werden negative Gefühle auf die fremden Menschen übertragen. Wut, Schmerz, Angst. Die ganze Palette.

Sie meinte nicht die DaR, aber es lässt sich sehr gut übertragen.

Oft stand in den Kommentaren in letzter Zeit: Aber die DaR kamen doch selbst als Fremde, warum verhalten sie sich so aggressiv gegen die Neuankömmlinge? (Wobei sich viele im Dialog der Kulturen engagieren, das darf nicht vergessen werden.)

Was die Therapeutin genannt hat, das mag nur ein kleiner Erklärungsversuch sein und deckt nicht alles ab. Aber er kommt mir schlüssig vor.

Denn sich mit dem Trauma befassen, das haben unsere Alten weder dort noch hier gelernt. Das weisen gerade die ab, die es am meisten brauchen. Sie sind schnell gekränkt und fertig. Verlagern die Probleme.

Es ist verjährt. Der alte Schmerz ist wie ein Kadaver, der 70 Jahre hinterm Sofa vor sich hin fault. Wer will sich damit abgeben? Zu spät.

„Begrabt die alte Gram doch endlich!“, möchte man ihnen zurufen.

Aber weil das Schweigen so lang darüber ausgebreitet war, weil es nicht sein durfte, dass sie Opfer waren, geht das nicht. Es ist kein Abschluss da. Noch nicht mal ein Anfang!
Im Osten nicht, noch immer nicht, und im Westen schon gar nicht. So taucht die Leiche immer wieder auf.

Lässt sich nicht unters Sofa schieben, sie lässt sich noch nicht mal in eine Statue eingipsen oder unter dem Pavillon begraben, wie in diesem Louis-de-Funes-Film.

Wohin damit?

Wir sind Opfer gewesen!

Nein!

Doch!

Oh!

Sorry, verjährt, sorry, uninteressant. Schaut nach vorne, lasst das Alte sein!

Solche Stimmen gibt es. Klar.

Aber sich dann wundern, wie viele von uns austicken, wie viele gegen andere agitieren, wie die Wut einzelne überflutet und sie blindwütig und gewalttätig werden.

Nein!

Doch!

Ohhh!

Naja, vielleicht lässt sich das Unliebsame, das Rechtsextreme, das Scherliche doch unter dem weißen Sofa verstecken. Es muss nur groß genug sein…

Was nicht vollständig erklärt, dass es hin und wieder doch rechtsextreme und völkische Gedanken unter den Deutschen aus Russland gibt. Aber sie sind mir ebenso fremd wie die der hiesigen Nazis.

Doch zum Glück, muss ich mir für deren Motivation nicht auch noch Erklärungen suchen.

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Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

Viele Blickwinkel, ein Buch

Der neue Almanach ist da. Seit zwanzig Jahren existiert der Literaturkreis der Deutschen aus Russland bereits. Und wie fast jedes Jahr erscheint auch 2015 ein Jahrbuch mit ausgesuchten Werken –  Dichtung wie Prosa. Bei der diesjährigen Buchmesse in Leipzig hat der neue Herausgeber der russland-deutschen Literaturblätter Artur Böpple den Almanach vorgestellt. Es gab einen Stand und auch eine Lesung. „Der Saal war auch recht voll, wohl wegen dem recht bekannten Politjournalisten, der an dem Tag auch gelesen hat,“ flachst der Autor. Das ist jetzt zwar kein britisches, sondern das Understatement von Leuten, die im 18.  Jahrhundert in weite Steppen ein- und 250 Jahre später wieder zurückgewandert sind, mit dem ganzen Paket, was dazwischen liegt. Denn die Autoren dieses Buches haben volle Säle verdient.

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Almanach-Vorstellung auf der Leipziger Buchmesse

Das ist schon der zweite dieser Bände, der mir vor die Brille kommt, hier sind weitere Infos auf der Seite des Literaturkreises. Doch anders als der Titel Fremde Heimat Deutschland? suggeriert, haben nicht alle Beiträge mit zwischenkulturellen Belangen, mit Geschichte und Verbannung zu tun, aber doch sehr viele. Ein Autor spricht über transgenerationale Weitergabe und ein anderer liefert einen amüsanten anthroposophischen Einblick in die Mentalität unterschiedlicher Aussiedler-Generationen. Bissig und treffend. Ich wünschte, dieser Edgar Seibel würde einen Vortrag halten über das Thema, am liebsten hier in der Gegend…

Was mir auch auffällt, es ist viel von Flüssen die Rede, die Donau kommt vor und der Dnjepr, der Rhein und die Wolga. Sie sind die Lebensadern in so manch einer Erzählung. Und natürlich tauchen Familienkonstellationen und Familiengeschichten auf, Omas – Enkel, Schwestern – Mütter. Aber warum natürlich? Nur weils Russlanddeutsche sind? Vorsicht, Vorurteil!

Einige der Texte sind ganz losgelöst von dem Thema Migration und Deportation, Leid und Unrecht. Diesmal gibt es sogar eine eigene Abteilung – hinten zwischen Nachrufen, Rezensionen und Interviews, aber noch vor den Kurzlebensläufen stehen die Integrations- und Zeitzeugenberichte. Sie haben ihren berechtigten Platz, aber sie dominieren nicht die Welt der Autoren. Es gibt Raum für anderes.

Insgesamt sind über ein Dutzend Autoren dabei, darunter welche, die vor Siebzig Jahren geboren sind und auch solche, die gerade mal Mitte zwanzig sind.

Ich bin nun mein Leben lang Aussiedlerin (seit 35 Jahren bewusst) und begreife erst jetzt so langsam, wie viele Kunst- und Theaterschaffende, wie viele Erzählerinnen, Verdichter und Sprachakrobaten es unter meinen Landsleuten gibt. Ach, ich merke einfach, wie wenig ich noch weiß, von dem Leben der Deutschen in Russland, und auch von dem der Aussiedler hier, die zehn, zwanzig Jahre nach uns gekommen sind und nicht mehr mit ganz so offenen Armen empfangen wurden.

Naja, kein Wunder, wenn man nicht in der Landsmannschaft oder im Literaturkreis organisiert ist, können Neuerscheinungen schon mal an einem vorübergehen – werden ja nicht groß besprochen, weder in der Literaturbeilage der Zeit noch in den Broschüren der großen Verlage. Oder bei meinen sonstigen Quellen für neue Bücher. Sehr zu unrecht, denn es sind gute Sachen.

Ich kann nicht alle besprechen, es ist ein schöner Strauß an Prosatexten und Lyrik entstanden und wenn ich jetzt hier jemanden hervorhebe, dann vielleicht weils zufällig die Themen betrifft, die mich umtreiben. Zum Beispiel das REQUIEM von Anna Achmatowa, das Wendelin Mangold nicht nur frei übersetzt, sondern sehr souverän nachgedichtet hat. Es geht um die Jeshowstschina, die grauenvolle Zeit von 1936 bis 1938. Beeindruckend. Ich finde auch ein Detail, das ich noch nicht kannte: die Autos, mit denen der NKWD seine Opfer abgeholt hat nannte man im Volksmund „schwarzer Rabe“ oder „schwarze Marusja“. Das passt zu einer Kurzgeschichte, an der ich gerade arbeite… Ein Geschenk, eine weitere kleine Scherbe bei meiner Spurensuche.

Ich habe etwas erfahren über Viktor Heinz, der bei meiner Suche schon mal als Autor eines Bches über Dialekte aufgetaucht war und zu dem ich jetzt konkrete Texte, Hintergründe und auch ein Bild habe. Hier ist eine akustische Kostprobe, sein Text ‚Der neue Pygmalion‘, gelesen von Carola Jürchott.

Jetzt habe ich also neues Futter, eine Liste, die ich abarbeiten kann, lauter Bücher und Lebensläufe – ich glaube es wird Zeit für eine eigene Literatur-Rubrik hier auf diesem blog…

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Fremde Heimat Deutschland?
‚Literaturblätter der Deutschen aus Russland‘ – Almanach 2014
Artur Böpple (Hg.)
Paperback, 14 x 21 cm, ca. 344 S., 14,90 €
ISBN 978-3-943583-53-3

Es ist im Anthea Verlag erschienen, hier der Kauflink bei Ama***
Und über die Seite des Literaturkreises kann man das Buch auch beziehen.

Ohne Wurzeln kann ich fliegen

Das Wort Heimat versuche ich weitestgehend zu vermeiden. In meinen Gesprächen mit Freunden aber auch hier. Ich glaube, in den knapp 30 Beiträgen, die ich hier reingesetzt habe, fehlt es bisher völlig. Und dennoch kreist mein Schreiben genau um dieses Thema. Das Wort Heimat versuche ich zu vermeiden, weil es nicht salonfähig ist, darüber zu reden. Klingt sehr nach Blut und Boden und Volkstümelei. Außerdem ist mein Bezug dazu so komplex. Das kann nicht nicht in einen Stadt-Land-Fluss-Begriff kleiden.
Wo ich herkomme, ist klar. Omsk, Stadt mit O und drei Konsonanten, der Ort, den ich mit acht verlassen habe. An der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irschysch gelegen. Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja. Es ist eben nicht nur die Erde, die Luft und das Wetter. Es ist die Sprache, die Kinderfilme und die Träume, in die man eingebunden ist, wenn alle schlafen. Das färbt ab. Birkensaft trinken. Pelmeni essen. Das geht in deine Stofflichkeit über. Ohne Zweifel.

Ist die Ukraine, in die ich nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber die Hälfte meiner Ahnen herkommt, meine Heimat? Der Flecken Erde, von dem sie fliehen mussten, lange bevor ich geboren wurde?

Ist denn das Rheinland, in dem ich meine zweite Kindheit verbracht habe, meine Heimat geworden? Ich habe mich dort lange fremd gefühlt, wie zu Besuch. Erst seit dem ich im Norden bin, kommt sowas auf wie ein sich Wiederspiegeln in der Landschaft, in der Stadt in der ich lebe und in den Menschen hier. Vielleicht hat es einfach seine Zeit gebraucht, vielleicht passe ich einfach besser hierher.

Ich durfte lange Zeit nicht zeigen, dass ich meine Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue/alte Heimat meiner Familie einfügen. Heimat war immer Deutschland, nie Russland. Zuhause war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa ich? Klingt nach einem schlimmen Bazillus.

„Herr Doktor, Herr Doktor, ich bin russifiziert, was soll da ich bloß machen?“
„Nehmen Sie die gesammelten Werken von Goethe, vielleicht noch einen Schiller dazu, legen Sie sich damit ins Bett und wenn Sie durch sind, geht es Ihnen schon viel besser. Und nicht vergessen, viel trinken.“

Wenn das so einfach wäre.

Das Gewesene über Bord schmeißen. Einen Cut machen. Sich neu erfinden. Hat auch was für sich. Sich anzupassen, das Neue anzunehmen und sich zu eigen zu machen.

Im April diesen Jahres wurde die Autorin Yasmina Reza auf NDR Kultur nach ihrem Umgang mit ihrer Herkunft gefragt. Sie hat geantwortet, ohne Wurzeln bin ich leichter, ohne sie kann ich fliegen. Und sie muss wissen, wovon sie redet, sie schöpft aus so vielen Kulturen, hat mit iranischen, ungarischen und jüdischen Wurzeln in Frankreich lebend, einen recht vielfältigen Stammbaum. Sie lässt sich aber nicht davon beirren. Sie macht sich frei davon. Bewundernswert.

Ich habe die Leichtigkeit, von der Reza erzählt, nie erlangt. Ich habe mich verstellt und so getan, als würde ich dazugehören, hätte dieselben Sendungen gesehen, dieselben Spiele gespielt und die selben Eissorten gegessen.

„Habt ihr gesehen, Dolomiti gibt’s wieder beim Kiosk“, und derjenige, der das sagt, kriegt so ein „Ach, wie schön war diese Zeit“-Glitzern in den Augen. Sehnsucht nach dem Land der Kindheit. Doch das ist ebenfalls vorbei. Auch wenn die Menschen oft Splitter aus dieser Zeit zu bewahren suchen. Ein Nickihemdchen hier, ein Lurchi-Buch da und eben den Geschmack von 70iger Eiskreme. Was wäre aber, wenn man ihnen verbieten würde, jemals wieder über Dolomiti und Lurchi und Sesamstraße zu reden?

Ich entleihe mir Heimaten. Lasse mir von einer Freundin Bönnsch beibringen und freue mich, wenn ich den Dialekt in der Straßenbahn wiedererkenne. Ich rede über Miss Piggy und Kermit den Frosch, als wäre ich mit ihnen aufgewachsen, anstatt sie erst mit spät kennenzulernen, wenn man für sowas eigentlich schon zu alt ist.

Mir hat es nicht bekommen, mich entwurzelt zu fühlen. Entwurzelt zu werden. Das ist ein Fakt. Aber ich bin angekommen. Ich habe mich angepasst, habe schnell aufgeholt und angefangen, mich heimisch zu fühlen. So gut es eben ging.

Ich weiß nicht, ob mir das zusteht. Aber wenn ich die flache Landschaft im Norden sehe, den tiefen Himmel, die windgebeugten Bäume, dann erlebe ich eine stille Freude und Liebe, die dem Begriff Heimatgefühl wohl am nähesten kommt. Aber ebenso geht es mir, wenn ich die verschneiten Ebenen der sibirischen Steppen sehe. Auf Arte TV.

In Neuseeland, das habe ich kürzlich gelernt, stellen sich die Menschen einander so vor: Mein Name ist …, mein Fluß heißt …, mein Berg ist der …, meine Eltern sind …. und mein Stamm ist…. . Diesen Bezug zur Landschaft und zu den Ahnen finde ich sehr poetisch. Doch können wir, die wir buntgemischt sind und an mindestens drei Orten sozialisiert wurden uns über simple Gebietsmarkierungen definieren? Mein Fluss ist, tja, welcher bloß?

Mein Name ist X, die Grenzen, die ich überschritten habe waren diese, die Städte, die ich bewohnt habe, sind jene, die Menschen, die mich geprägt haben heißen, die Kunstwerke, aus denen ich mich speise sind folgende, die Musik, die mich trägt ist die, die Bücher, die mich haben nachdenken lassen sind jene.

Vielleicht kann ich meinen Begriff von Heimat, im Sinne von Identität, auf diese Weise erweitern. Mich hat der Boden geprägt, auf dem ich geboren bin und die beiden Kulturen, die mich aufgenommen haben. Aber beheimatet und verwurzelt bin ich in noch vielen anderen. Und mit diesen Luftwurzeln kann ich vielleicht doch noch fliegen. Eines Tages.