Böses Blut

Ich habe mich nun so lang mit diesem Thema beschäftigt. Herkunft. Dieses: du gehörst hier hin, ich dahin. Und die gehören zusammen, die nicht. Dabei bin ich mehr als meine Herkunft.

Alles eine Frage des Blutes?

In anderen Zusammenhängen ist Blut, ist die Erwähnung des Blutes völlig unbelastet. Bei Vampirfilmen, da spielt Blut eine zentrale Rolle. Das Blut macht die Vampire unsterblich. Alles dreht sich darum.

Wenn es um indigene Völker, Ureinwohner Nordamerikas oder die Maori geht, ist Blutzugehörigkeit identitätsstiftend und positiv besetzt. Die Verbindung zu den Ahnen über das Blut ist eine kulturelle Eigenheit, gehört zur Tradition und wird nicht hinterfragt oder gar tabuisiert.

Da ist auch diese Rubinrot-Smaragdgrün-Serie. Ein  Zeitreise-Gen ermöglicht das Springen in andere Jahrhunderte. Der Clou: es sind Blutstropfen, die die Zeit-Maschine zum Laufen bringen und die beiden durch die Zeit reisen lassen. Ihr Blut macht Gwendolen und Gideon zu etwas Besonderem. Zumal sie auch noch Adelshäusern entstammen.
Die Geschichte ist zwar von einer Deutschen geschrieben, aber nach London verschoben. Im Film reden sich deutsche Schaupieler*innen mit Tante Maddie und Mister Börnhard an. Nur so funktioniert das. Nicht auszudenken, das Ganze würde in München spielen. Die Bedeutung des Blutes darf bei uns nicht hervorgehoben werden. Es ist verpönt, zu sagen, dass Blut Identität stiften kann.

Richtig so. Weil es eigentlich Unsinn ist. Blut ist bei allen rot. Rubinrot. Es gibt nur diverse Blutgruppen. Aber die sagen über den Wert und die Besonderheit eines Menschen nichts aus.

Es wurde in der Vergangenheit so viel Schindluder mit Blut und Boden getrieben, dass es nicht mehr geht, über Blutzugehörigkeit zu schreiben.

Deutsche aus Russland (in Folge DaR genannt) haben da Pech gehabt.

Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung wegen ihres Blutes, wegen ihrer Zugehörigkeit kommen sie nach Deutschland, das sie die Heimat der Vorväter nennen, und hier ist Deutschsein verpönt. TABU. Geschweige denn das Gerede über gleiches Blut.

Einmal im Leben möchten sie dazugehören, nicht mehr bespuckt, geschubst, übergangen werden, nur weil sie Deutsche sind, und nun das.

Das ist wirklich eine Ironie des Schicksals.

Fakt ist, wenn ich, als Bürgerin dieses Landes, anfange, über mein Deutschsein zu sprechen, wirkt es deplatziert und falsch. Wenn ich über meine Zugehörigkeit zur deutschen Ethnie schreibe, ist es falsch. Weil die Begriffe wie Ethnie und Rasse direkt im Rassismus münden. Weil sie im harmlosesten Fall ausgrenzend sind. Weil zu viel geschichtliche Schlacke dranhängt.

Und das ist auch richtig so. Der aufkeimende Nationalismus mit allen dazugehörigen Nebenwirkungen zeigt, dass Einteilung nach Ethnien eine Falle ist. Es hat nicht von der Hand zu weisende Gründe, dass ethnische Zugehörigkeit nicht die Rolle spielen darf, die sie vor 70-80 Jahren mal hatte.

Aber wie gehe ich damit um, wenn ich meine Herkunft ausloten will? Wenn meine Identität so mosaikartig zusammengesetzt ist, so zerrissen dass es ein Bedürfnis ist, da eine Linie reinzubringen? Wie benenne ich die Dinge? Wem schade ich damit?

Wie gehe ich damit um, dass es offiziell zwar egal ist, woher jemand kommt und wie jemand aussieht, dann aber einer meiner Liebslingsschriftsteller in „Tschick“ einen Aussiedler als Hauptfigur einsetzt, der Schlitzaugen hat und im Film von dem Sohn eines mongolischen Botschafters gespielt wird? (Weil die Castingagentur in Russland gezielt nach mongolisch aussehenden Aussiedlern gesucht hat und nicht fündig geworden ist. Das Ganze treibt so absurde Blüten!)

Wo ist hier die Grenze? Darf ich mich bei „Tschick“ über Rassismus aufregen? Darf ich Herrndorf Rassismus unterstellen, wenn ich sage Russlanddeutsche und Mongolen sind zwei unterschiedliche, ja was? Wenn ich nicht mehr Volk sagen darf. Sie sehen unterschiedlich aus.
Bin ich hier gleich die Rassistin? Er hat doch über Schlitzaugen geschrieben. Nicht ich.

Auf jeden Fall begebe ich mich damit in gefährliches Terrain. Es ist eine Gratwanderung.

Kann denn die Sehnsucht nach Anerkennung Sünde sein?

Obwohl die DaR eine wegen ihrer Ethnie ausgegrenzte Minderheit waren, dürfen sie also nicht auf ihre ethnische Zugehörigkeit pochen. Dabei ist die wichtigste Motivation einiger von ihnen: das Dazugehören zum großen Ganzen. Zum deutschen Volk. In Zeiten der Verfolgung war es der Faden, der Strohhalm, an den sie sich geklammert haben. Sie haben aus der negativen Zuschreibung als ‚Fritzen und Faschisten‘ für sich etwas Positives gemacht, mit akkurat auf Kante gestellten Kissen und Krebbele und Schnitzel-Suppen und Liederabenden.

Vor diesem Hintergrund herrscht in der Gruppe der DaR zumeist ein Unverständnis darüber, dass sie mit solchen Aussagen, mit solchen Begriffen wie Deutschsein, Heimat und Blutzugehörigkeit verbrannte Erde betreten.

Die Zugehörigkeit zu ihrer Volksgruppe gewinnt bei ihnen, und das wird aus der Geschichte der DaR nur zu verständlich, eine zentrale Bedeutung. Sie sagen, mia sin doch deitsch, anstatt zu sagen, wegen Ethnie, wegen diesem Scheißnationalitätenkram wurden wir schikaniert, super, dass es egal ist. Weg damit!

Das Deutschsein ist ihnen mit der Peitsche eingeprügelt worden, mit Feuer eingebrannt, mit Spucke ins Gesicht geschleudert. Das sitzt. Und plötzlich soll es egal sein?

Manchmal kommt es mir vor wie eine Art Stockholm-Syndrom. So wie Entführungsopfer sich mit den Tätern (oder in seltenen Fällen Täterinnen) identifizieren und deren Weltsicht übernehmen, haben die DaR das Prinzip der Blutzugehörigkeit angenommen und zu ihrem eigenen gemacht. Sie haben das, weswegen sie ausgegrenzt und deportiert, wie Sklaven behandelt wurden, endlich akzeptiert und in das eigene System integriert. Sie haben diese Mechanismen verinnerlicht und kriegen sie nicht so leicht raus.

Mia sin ja deitsch! Mia habe gelitte!
Und nun soll das nicht mehr gültig sein? Wie das?

Doch auf Ethnie ausgerichtetes Denken kommt hierzulande eben nicht an. Oder wird falsch interpretiert. Diejenigen, die in der Sowjetunion fälschlicherweise für Faschisten gehalten wurden, kommen hierher und werden ebenfalls in diese Ecke geschoben. Wobei es sicher wirklich DaR gibt, die rechtsradikal sind. Keine Frage.

Aber nicht alle sind so, nicht 2,4 Mio Menschen. Nicht alle, die sich in Archiven nach ihren Großeltern erkundigen, nicht alle, die in Russland mit einer Rührung im Herzen deutschsprachige Bücher gelesen haben.

Doch von der aufgeklärten Mehrheitsgesellschaft wird ein Kleben an der eigenen nationalen Identität nicht akzeptiert. Und Punkt. Und es wird leider nicht hinterfragt, woher das kommt. Also: Stempel drauf, fertig.

Vielleicht bin ich mit meinem Denken noch nicht am Ende, vielleicht täusche ich mich grundlegend. Bin blind und sehe nur das Naheliegende. Meine Leute. Das wird sich zeigen.

Die Gruppe und ich.

Die Unsrigen. Die Hiesigen. Die anderen.

Was habe ich mit denen gemein? Mit all den Aussiedlerinnen und Aussiedlern, deren Lebenszweck es ist, ein Häusle zu bauen und Kinder aufzuziehen. Wo Männer noch Männer zu sein haben und Frauen noch Frauen und vor allem Mütter, das heißt treusorgend, familienzusammenhaltend und sonst: hübsch aussehen und Klappe halten!

Was habe ich mit denen zu tun, die über Genderwahn ablästern und Asylsuchende unsere Goldstücke nennen?

Wenn und nicht das gleiche Blut verbindet, was dann? Eine Schicksalsgemeinschaft? Sind wir überhaupt verbunden? Wie?

Klar, ohne diese verwandtschaftliche Bindung wäre ich jetzt nicht hier, nicht das, was ich bin.

Also wieder: Identität. Herkunft. Sumpf?

Ein junger Journalist schreibt, ohne nationale Identität zu leben sei ok.

Vielleicht hat er recht, auch hier mögen Menschen unterschiedlich ticken. Ohne die Betonung auf Herkunft zu leben, mag möglich sein, für einige, die zu den Privilegierten gehören. Die was anderes haben, mit dem sie sich identifizieren können. Die das hinter sich lassen können. Die Herkunft, die Familie, den Stamm. Die von außen nicht immer wieder darauf zurückgeworfen werden. Dann ist es leicht, zu sagen, das alles kann mich mal.

Wenn ich will, kann ich auch so leben. Unbeschwert. Mir sieht und hört man meine Herkunft nicht an. Ich kann aufgehen in dem Teig, in der hellhäutigen, akzentfrei Deutsch sprechenden Masse mit dem richtigen kulturellen Background. Mein Vorname? Gut, eine Laune der Eltern. Niemand fragt nach.

Wenn du aber dunkel bist, schrägstehende Augen hast oder gebrochen sprichst, kommst du nicht so leicht davon. Wenn du einen türkisch klingenden Namen hast, wirst du immer darauf angesprochen, immer ausgeschlossen. Mal mehr mal weniger. Das habe ich in einem Büro mal erlebt, in dem ich Aushilfe war. Beim Mittagessen musste sich Bülent andauernd Witze über Türken und Ausländer anhören und hat gegrinst, war nicht auf Konfrontation aus. Dabei war er studierter Volkswirt und hatte anderes zu bieten, als nur sein Türkischsein. Darauf sind die Kolleg*innen leider nicht eingegangen. Heller Rassismus mit leichter Tendenz zur Bösartigkeit. Er hat es stoisch ertragen. Aber es hat sicher Spuren in seiner Seelenlandschaft hinterlassen.
Ich blieb unerkannt. Damals bin ich mit meiner Herkunft nicht hausieren gegangen. Habe die Füße still gehalten, den Kopf eingezogen, um nicht ins Visier zu geraten. Vielleicht gut so.

In einem ZEIT Artikel (29.11.2018) über Aggressivität standen einige spannende Dinge zum Thema Anerkennung und Ausgrenzung:

Noch wichtiger als der Testosteron-Kreislauf sei für aggressives Verhalten „die Sehnsucht nach Anerkennung und Teilhabe. Sie ist eine der stärksten Triebfedern des Menschen überhaupt.“

Weiter steht hier:

„Ausgrenzung schmerzt. Diese Erkenntnis stelle den ‚Durchbruch im Verständnis der menschlichen Aggression‘ dar, sagt der Neurobiologe Joachim Bauer. Denn Schmerz ist einer derjenigen Reize, die am zuverlässigsten Aggression auslösen. Und das gilt nicht nur für körperliche Wunden, sondern auch für seelische. ‚Fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe und Zurückweisung durch andere Menschen sind die stärksten und wichtigsten Aggressionsauslöser.‘“

Dann heißt es da noch, dass Jungen und Männer von der Demütigung, nicht dazuzugehören, am stärksten betroffen sind. Der Grund dafür liege in dem Idealbild, dass die Gesellschaft den Männern (und Jungen) aufzwingt.

„Wenn er der gängigen Erwartung nach besonders stark, autonom und dominant sein soll, schmerzen Geringschätzung oder Missachtung umso heftiger.“

Nun. Ich denke an all die Artikel der Neunziger und Zweitausender Jahre, die jungen Aussiedlern (ohne Gendersternchen diesmal!!!), die wild und aufsässig geworden sind, eine Nähe zu maffiösen Strukturen bescheinigt haben. Die sie als unzivilisierte Söhne der Steppe und als kulturell fremd diffamiert hatten. Sie wurden ausgegrenzt. Und haben aggressiv reagiert. Von wegen fremde Steppenvölker und ihre Unkultur!
Und jetzt stehen syrische und afghanische Männer an dieser Stelle.

Jetzt habe ich einen Schlenker in eine andere Richtung gemacht. Wut und Zugehörigkeit. Und kriege den Dreh zurück nicht mehr.

Macht nichts. Eigentlich gehört das alles doch zusammen.
Einerseits ist Identität und Zugehörigkeit etwas, das der Seele gut tut. Teilhabe, Integration in eine Gruppe, Frieden finden, sich selbst finden. Super Sache.

Andererseits kann es fatal sein. Ausgrenzend, demütigend. Für andere oder für dich, wenn sie dich ausgrenzen. Schmerzende Nichtdazugehörigkeit, die zu aggressivem Verhalten führt.

Diese Sache ist doppelbödig, ein zweischneidiges Schwert wie alles eigentlich. Ein Zuviel, ein zu starkes Festhalten an Herkunft und Gruppenzugehörigkeit kann Menschen zugrunde richten, blind machen. Aber ganz ohne zu leben, das schaffen nur wenige. Und selbst hier: ist es vielleicht eine Illusion, zu glauben, dass sie gut auskommen, ohne sich mit irgend einer Gruppe zu identifizieren. Und wenn es die Gruppe der absoluten Individualisten ist. Die auf sich auf ihre Weise alle gleichen.

Was mach ich jetzt damit? Ich meine, ich persönlich? Gedanken wälzen und versuchen, mich nicht zu sehr mit allen Aussiedlern und Aussiedlerinnen zu identifizieren? Wir haben viel gemeinsam. Uns berühren die gleichen Themen. Aber ich bin nicht = sie. Doch wenn ich mich mit ihnen befasse, komme ich nicht umhin, über solche Themen wie Identität, Herkunft und Ethnie nachzudenken. Und ringe darum, Worte dafür zu finden.

Ich gehöre über meine Familie zu den Deutschen aus Russland, ich habe es mir nicht selbst ausgesucht. Sie sind eine der Gruppen geworden, die mir am Herzen liegen. Weder gut noch böse. Einige aus dieser Gruppe finde ich ausgesprochen doof andere liegen mir, ticken wie ich. Total banal eigentlich. Aber ich darf diese einfache Erkenntnis nicht aus den Augen verlieren, sonst werd ich aggressiv! Und das gibt nur böses Blut…

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Der BVB-Bomber

Die seriöseren Medien nennen seine Herkunft nicht. Die Yellowpress hat ihn schon durchleuchtet, mit der Kirchengemeindenvergangenheit und dem Bubigesicht und eben dem Geburtsort im Ural. Ein Deutsch-Russe hat angeblich die Bombe am Mannschaftsbus des BVB gelegt. Sein Motiv: Börsenspekulation.


Die Nachricht hat in mir einiges ausgelöst: werden sie wieder Bashing betreiben, werden wieder alle, die aus dem wilden Osten kommen als Wilde abgeurteilt? Wird nun den Russlanddeutschen pauschal eine Mordlust untergeschoben? Anscheinend nicht.

Wieso trifft mich das? Bin ich nicht genauso wie die Sensationspresse, die entgegen dem journalistischen Kodex die Herkunft betont, sie ans Licht zerrt, als wäre sie der Auslöser für die Tat? Als wäre der Geburtsort und die Sozialisation zwangsläufig verantwortlich für die Entscheidungen von Leuten?

Bin ich nicht genauso wie die Presseleute, weil ich mich mit diesem Fall nun innerlich beschäftige? Und zwar erst seit dem ich weiß, dass er möglicherweise „einer von uns“ ist? Das ist dieselbe Denke, nur mit einem anderen Vorzeichen. Identifikation. Einordnung. Schublade auf, Schublade zu.

Alle diese Parameter – Börse – Fußball – Bombe – liegen mir so fern wie ein Ferienhaus in Timbuktu. Wieso suche ich nach Gemeinsamkeiten und fürchte, dass diese Tat irgendwie auf mich abfärben könnte?

Ich lese den Namen und denke, W., haben wir in der Verwandtschaft einen Namen, der mit W. anfängt? Nein. Ein Glück. Aber bei anderen Bombenlegern frage ich mich das nicht. Warum trifft mich diese Nachricht so persönlich, aber erst nachdem bekannt wurde, was für ein Landsmann dieser Sergej W. ist?

Ein Glück wird aus dieser Meldung keine Hetzkampagne gemacht. Im Moment passieren eben noch gewichtigere Dinge, die die Nachrichten bestimmen. Und: das Motiv ist auch nicht religiös begründet. Es sei denn, wir betrachten die Anbetung des Mammon als eine religiöse Spielart.

Dann käme zu dem Kanon von Attentätern, den kommunistischen, nationalistischen, anarchistischen und islamistischen nun auch noch die kapitalistische Variante. Wird nun im großen Stil der Kapitalismus verurteilt und abgeschafft?

Ich sollte mich davon abkoppeln. Aber ich kann es irgendwie nicht. Erst mal einen Tee.

Kaltbrand

Die Herkunft ist ein brennender Stempel. Manche von uns tragen ihn mitten auf der Stirn, andere tragen ihn auf der Zunge. Und wieder anderen ist er ins Herz geprägt.

Dort ist er zwar nicht so deutlich zu sehen, wird von anderen Einflüssen überlagert, verwaschen von neuen Erlebnissen, aber er drückt sich dennoch tief ein. In die Gefühle, in die Handlungen und ins Gesagte. Ein feinstoffliches Permanent-Tattoo. Niemand kann es weg lasern lassen.

Maori Moko
Maori Moko – das Gesichtstattoo macht eine Zuordnung erst möglich.

Wir können uns noch so gut integrieren, uns verleugnen, andere Identitäten überstreifen. Die vernarbte Stelle bleibt auf Dauer – sichtbar oder unsichtbar. Selbst wenn jemand sagt, meine Herkunft ist mir egal.

Und doch.

Ich müssen sie nicht wie einen Banner vor uns hertragen. Sie soll uns nicht blind leiten, nicht vor sich her treiben wie eine Sucht. Sie ist da, begleitet uns, bleibt auf ihrem Platz, irgendwo im Hintergrund. Bildet die Kulisse nicht die Handlung.

Und doch.

Mit dem Wechsel in einen anderen Sprachraum werde ich ein kleines Stück zu einem anderen Menschen. Fast unmerkbar. Das ist ein Paradox.

Same, same but different.

Poka – in Berlin

Kurzmeldung: Der Film ‚POKA –  heißt Tschüss auf Russisch‘ wird am 3. November 2015 im CineStar in Berlin (Potsdammer Straße 4) aufgeführt. Einlass ist um 15.30, Beginn um 16.00 Uhr.

Interessenten bitte anmelden unter: filmvorfuehrung_poka@giz.de

Die Vorführung ist kostenfrei.

Hier ist noch ein Interview mit der Regisseurin, wo sie über Identität, das Leben in zwei Welten und nicht zuletzt über ihren Film spricht. So wie ich es verstehe, wird er noch in diesem Herbst auf ZDF ausgestrahlt. Hoffentlich nicht zu unmenschlichen Zeiten…

http://medienblick-bonn.de/durchblick/die-unterschiedlichkeit-der-menschen-respektierten-ein-gespraech-mit-der-filmemacherin-anna-hoffmann

Damals und heute – Nikolaus Rode und Alwina Heinz

Ausstellungseröffnung am 28.8.2015 um 18:00 im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold.

Kann aus erlittenem Schmerz etwas Neues entstehen?
Ein von Alwina Heinz aufgegriffenes Motiv von Nikokaus Rode

Eine Spiegelung von damals und heute. Eine Künstlerin und ein Künstler, Alwina Heinz, 29-jährig und Nikolaus Rode, der dieser Tage seinen 75sten Geburtstag feiert. Er beschäftigt sich in seinem Werk hauptsächlich mit den durch Vertreibungen und Krieg erlittenen Traumata, den Verlusten und der Suche nach Heimat, in ihren Bildern geht es viel um Identität, um Wurzeln und um den Unterschied zwischen der Geschichte der Ahnen und dem eigenen Erleben. Vergangenheit und Gegenwart treffen hier aufeinander und bilden einen spannenden Bogen – am Ende steht ein „Austausch über Leid, Akzeptanz und Neuanfang in einem Land, in dem man eigentlich wieder zuhause und trotzdem fremd ist.“

Anlass für diese Ausstellung ist der Beginn der Vertreibungen der Deutschen aus der Wolgaregion am 28. August vor 74 Jahren.

28. August bis 31. Oktober
Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte
Georgstraße 24
32756 Detmold

Öffnungszeiten
Di.-Fr. 14.00 bis 17.00 Uhr
Sa. 11.00 bis 17.00 Uhr

Eintritt: 3,- Euro

Infos:

http://russlanddeutsche.de/menu/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen.html#64_1440159129861

oder

http://alwina-heinz.de/index.php?/news/

Meine Begegnung mit Nikolaus Rode

Gastbeitrag von Alwina Heinz

Es ist fünf Uhr morgens und ich werde durch ein Rütteln geweckt. „Komm steh auf, steh auf, wir fahren jetzt los.“ Ich öffne meine Augen und sehe in die hektischen Gesichter meiner Eltern. „Wohin fahren wir denn? Warum seid ihr so aufgeregt?“ Mit diesen Fragen geht der Rausch los. Eine letzte Umarmung von meiner Oma, meinen Cousins und Cousinen – meiner Verwandtschaft. „Warum weint ihr denn? Wir kommen doch gleich wieder,“ rufe ich in meinem Unverständnis. Wir steigen in den Bus zum Flughafen und fliegen. Ein komisches Gefühl in dieser Maschine über der Erde. Es scheint, als würden wir nie landen. In Moskau angekommen, müssen wir ewig lange warten und dann schon wieder fliegen. Was passiert mit uns? Wo sind meine Cousins und Cousinen, mit denen ich immer gespielt habe? Wieso fahren wir so lange? Diese Fragen stelle ich immer und immer wieder, doch es kommt keine Antwort.

Alwina Heinz - Das Gesagte von Sender zu Empänger, 125x58cm,lack,weisser-edding-auf-spanplatte, 2011
Alwina Heinz – Das Gesagte von Sender zu Empänger, 125x58cm, Lack/weisser Edding auf Spanplatte, 2011

Ich war 3 Jahre alt, als wir als Deutsche von Kasachstan nach Deutschland kamen. Wir bekamen da nämlich die lang ersehnte Erlaubnis in die alte „Heimat “ zurückzukehren.
Jetzt im Alter von 28 Jahren verstehe ich, warum wir wegfuhren, doch viele andere Fragen sind immer noch geblieben – die ganzen Jahre, die ich hier in Deutschland lebe – genauso wie bei meiner Familie.

Alwina Heinz - meine Familie am Küchentisch in einer Blase-170cmx55cm,acryl,lack,bleistift-auf-leinwand,-2011,o.t.-large
Alwina Heinz – Meine Familie am Küchentisch in einer Blase – 170cmx55cm, Acryl/Lack/Bleistift-auf Leinwand, 2011

Wer bin ich in diesem Land? Wer sind die Anderen? Was gehört zu mir? Welche Tradition? Die Russische, die Kasachische, die Deutsche? Was passiert mit mir, um mich herum? Lebe ich in einer bestimmten Welt oder eher zwischen mehreren?
Und genau mit diesen Fragen beschäftige ich mich in meiner Kunst. Ich versuche den Ort an dem ich lebe zu verstehen, meine Mitmenschen, deren Verhalten, Bräuche und entschlüssele so für mich Situationen durch genaue Beobachtung, die mir Klarheit über mein Dasein und das Dasein der Anderen vermittelt.

Eine Suche nach einer Identität, die meine Vorfahren auch nie hatten – irgendwo auf dieser Welt. Fragt mich jemand, wer ich bin, kann ich selbst nicht sagen.

Wahrnehmung-eines-Gesichtes, 80x110cm,Lack,Fineliner-auf-holz
Alwina Heinz – Wahrnehmung eines Gesichtes, 80x110cm, Lack, Fineliner auf Holz

Mir wird immer mehr klar, dass meine Motivation, Kunst zu schaffen aus der Geschichte meiner Familie rührt, aus dem Drang, Dinge und Prozesse, die unverständlich scheinen, verstehen zu wollen. Dahinter steckt auch eine große Neugier, die Welt und Zwischenwelten in ihrer Vielfalt zu erkunden.
Obwohl ich in die junge Generation hinein gehöre und die Vertreibung der Deutschen aus Russland nicht selbst miterlebt habe, ist es erstaunlich, wie sehr mich diese Geschichte mit all ihren Emotionen und Verhaltensweisen prägt. Ungewissheit, obwohl ich jetzt in diesem Land sicher bin und das ständige Hinterfragen von allem. Wie ist was gemeint?

Und so begegne ich Nikolaus Rode. Ein vertriebener Deutscher aus der Ukraine. Er ist 74 Jahre alt und erzählt mir von der Vertreibung, von der Brutalität von der Identitätslosigkeit, von dem Büßen für die Weltkriege, weil man deutsch ist. Von Ort zu Ort geschleppt. Ein Wunder, dass er noch lebt. Und in mir steigt Gänsehaut auf. Es erinnert mich an meine Familie – Verschleppung, der Versuch einer Ausrottung. Der gleiche Prozess.

Nikolaus Rode - Die nackte Wahrheit - Sibirien, Akryl auf Leinwand, Glasstaub
Nikolaus Rode – Die nackte Wahrheit – Sibirien, 98 x 110 cm, 2011, Mischtechnik (Akryl und Öl auf Leinwand, gemahlenes Glas, Moos)

Er zeigt mir seine Bilder, die er zu seinen Erlebnissen malte – erzählt, erklärt aufgeregt, um verstanden zu werden – um endlich verstanden zu werden für Taten die schwer zu verstehen sind. Jedes Symbol steht für eine ganze Geschichte und so fügen sich verschiedene Erzählungen zu einem kleinen Ganzen im Rahmen des Bildes – ein Stück Heilung aus der Zerrissenheit.

Und so erinnere ich mich an meine Kolloquien in der Kunstakademie Düsseldorf. Stundenlang erzählte ich von meinen Bildern, was ich gesehen, herausgefunden habe, das für mich schwammige diffuse Verstandene den anderen verständlich zu erklären. Wie erkenne ich Gesichter wieder? Was passiert beim Sprechen, wie kommunizieren Menschen? – Erklärungen über Erklärungen – bis ich auf Widerstand stoße – Kunst muss nicht erklärt werden.

Nikolaus Rode - Tote schweigen nicht, Akryl auf Leinwand, Sand/Glas
Nikolaus Rode – Tote schweigen nicht, 70 x 85 cm, 2010, Mischtechnik, (Akryl auf Leinwand, Glaspartikel, Sand)

Doch was ist mit meiner Botschaft in meinen Bildern? Was ist mit der Botschaft in Nikolaus Rodes Bildern? Bilder sagen mehr als Worte und werden von jedem gerade deswegen so verschieden aufgenommen – je nach Erfahrung. Und die so wichtige Botschaft verschwindet aufgrund der Freiheit des Bildes und des Betrachters. Und das Erlebte wird wieder nicht angesprochen – verschwindet und verstummt.

Genau aus diesem Grund interessiert es mich brennend, wie Bilder im Kopf entstehen und was sie innerlich mit einem machen bis zu dem Punkt wie sie sich ausdrücken – durch Kunst und nicht durch Kunst – und wie sie von anderen wahrgenommen werden. Ich beginne den Aufbaustudiengang Kunsttherapie an der Hochschule für bildende Künste in Dresden um das herauszufinden und gelange in die Tiefen meines Unterbewusstseins.

Bei den Selbsterfahrungsseminaren stoße ich immer wieder auf meine Familie und die tiefe Verwurzelung von deren Leid in mir, sei es z.B. durch Genogrammarbeit oder die Lehre über Familien – und Traumatherapie, was ich psychisch nicht verkrafte und das Studium erst mal für eine Zeit wieder abbrechen muss.

Was hat die Geschichte meiner Vorfahren mit mir und meinen Eltern gemacht? Warum ist es für mich so schwer zu ertragen. Wieso überkommt mich ständig so eine Welle von Schmerzen? Schmerzen die ich nicht oder nur zum Teil erlebt habe?

Nikolaus Rode - Isoliert, Bleistift,
Nikolaus Rode – Isoliert, 23 x 34 cm, 2012, Bleistift

Und so erzählt mir Nikolaus Rode von seinen Schmerzen – Schmerzen, die daher rühren, nie einen Platz auf dieser Welt gehabt zu haben. In der Sowjetunion als Deutscher verachtet, in Deutschland durch das Unwissen über die Geschichte als Russe bezeichnet zu werden, gerade als der, der ihn so gequält hat. Bildung und Erfahrung werden als dumm abgestempelt, weil man nicht von hier ist – Diplome werden nicht anerkannt und so auch bei mir, als eine Lehrerin zu meiner Mutter sagte: „Ihr Kind will aufs Gymnasium – wie will es das denn schaffen? Unsere Kinder schaffen es noch nicht mal.“ Und doch erkenne ich auch Hoffnung in seinen Bildern, die sich in bunten hellen Farben äußern. Hoffnung auf eine bessere Welt – auf eine Zugehörigkeit.

In Deutschland spricht man von Integration. Doch wie sieht diese aus?

Die ständige Anstrengung dazu zu gehören – aus dieser Zwischenwelt auszubrechen um in der deutschen Gemeinschaft als Deutscher akzeptiert zu werden. Und wenn Worte nicht mehr ausreichen und Bilder nicht erkannt werden, wie kann man dann die Stummheit und Unwissenheit über die Geschichte der vertriebenen Deutschen aus der Sowjetunion in der Gesellschaft aufbrechen? Ich gebe nicht auf, denn ich trage auch die Hoffnung und den Überlebenswillen meiner Vorfahren in mir drin. Und so beginne ich bei mir und versuche für mich aus meiner Stummheit raus zu kommen um mit meiner und der Vergangenheit meiner Vorfahren Frieden zu schließen – für eine bessere Welt ohne Zwischenwelt.

Wollen Nikolaus Rode und ich die Menschen durch Kunst belehren? Die Kunst ausnutzen? Nein, sie verbindet die Emotionen von Generationen und schafft dadurch Verständnis und öffnet eine neue Tür – eine Tür für die Zukunft – um aus dem Alten und dem Jetzigen konstruktive Wege zu bahnen – Integration. Kunst bringt Kommunikation in den Fluss, sie schafft Distanz und doch Nähe die in Worten allein nie so ein Ausmaß bekommen können. Durch die Malereien und Zeichnungen verstehe ich seinen Schmerz – empfinde ihn – durch meine Kunst versteht er meine Fragen, die aus dem Schmerz der Vergangenheit kommen. Das Alte wird belebt – anstatt zu erstarren. Das Fragende findet Wurzeln, an die es sich halten kann.

 

Mehr über die Künstlerin auf http://www.alwina-heinz.de