Eine Pizza für zwei Tage…

… oder die drei wilden Küsse des Iossif Wissarionowitsch Stalin.
Nachhaltig. Stalin küsst den sowjetischen Piloten Wassilij Molokow

Er lässt mich nicht los, der schnauzbärtige Diktator, er hält mich mit seinem festen Griff umfangen. Und sein Schatten liegt immer noch auf meinem Weg. Blutiger Schatten. Krowawaja Tenj.
Ich werde pathetisch. Aber hey, ich darf das. Anders lässt sich das ganze Krüschzeug nicht verpacken. Soll ich da etwa ein Schleifchen drum binden?
Noch immer macht das was mit mir.

Dabei liegt diese Geschichte sehr, sehr weit zurück. Bald nun schon um die 80 Jahre oder mehr. So alt bin ich noch nicht mal. Aber es prägt mich, in einem kollektiven Sinn, in einem wir im Gegensatz zum ich Sinn. Also wir.

Bevor wir also aus der Sowjetunion weg sind, haben wir vom Woschdj, vom ehrwürdigen Führer der Werktätigen Iossif Wissarionowitsch Stalin noch drei Küsse zum Abschied bekommen. Auf dass wir das Land und diesen Mann niemals vergessen. Ein Kuss auf die rechte Wange, dann einer auf die Linke und dann wieder rechts.

Drei Markierungen über das eigene Leben hinaus, denn nichts anderes waren die Küsse Stalins, auch wenn sein Ableben schon mehr als ein halbes Jahrhundert her ist.

Ich hab da mal eine Liste gemacht.

Kuss No.1:
Der Kuss der Todesangst

In Zeiten des Terrors konntest du wegen Kleinigkeiten abgeholt werden. Verrat und Schweigen, die Angst vor willkürlichen Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Alle erlebten das so, auch die Bolschewiken der ersten Stunde. Minderheiten wurden verfolgt, die Todeslisten mussten geschrieben und abgearbeitet werden. Der Todessoll musste erfüllt werden.

1938 gab es in der Ukraine die sogenannte Deutsche Operation. Das war die erste ethnische Operation des Genossen Stalin. Danach folgten noch viele. Zahlen. Erschießungen. angebliche Spionage. Arbeitsarmee. Kollektive Beschuldigungen. Keine sehr einfache Zeit, keine, die dir das Vertrauen in deine Zukunft eingibt. Über die Klammer der Generationen hinweg treibt dieser eisige Kuss Angst in die Seelen.

Die Zahlen – auch ohne Sprachkenntnisse zu verstehen.

Das ist der eisige GuLag-Kuss, der Kuss eines Genozids, der nicht so genannt wird, der generationsübergreifend wirkt und macht, dass die Menschen mit eingezogenem Kopf und voller Misstrauen durch die Welt stapfen. Dass sie so langsam vorwärtskommen, als würden sie durch meterhohen Schnee laufen. Es gibt Ausnahmen.
Oder nein, diese Schwere der Last zu spüren, das ist wohl die Ausnahme. Bei den Jüngeren. Die ältere Generation wandelt noch in meterhohem Schnee, auch wenn die Sonne knallt und es draußen mehr als 30° heiß ist. Fast ohne Ausnahme.

Wenn man die Zahlen betrachtet, ist sicher nicht nur Genosse Stalin für das alles verantwortlich, denn es fing schon mit dem ersten WK an. Aber es gibt in der Tabelle auch eine Lücken, zum Beispiel die Lücke zwischen 1937 und 1941, in die die Deutsche Operation fällt. Es sind also mehr Opfer zu beklagen. Und damit sind nur die Toten abgedeckt, nicht die Waisen, nicht die Verbannten, nicht die zerstörten Familien.

Kuss No. 2:
Der Kuss Stummheit

Der zweite Kuss ist besonders perfide. Er nimmt dir deine Identität. Er löscht deine Sprache aus und raubt dir die Erinnerung. Ja, ich weiß, nicht schreien! Nicht die Augen verdrehen, bitte. Identität wird überbewertet und wir alle jagen nach Seifenblasen des Selbst und so.

Aber hier geht es um ganz einfache Dinge. Um Verbote.
Mit diesem Kuss wollte Stalin sicherstellen, dass sich die angeblichen Faschisten in seinem Land nie wieder erheben. Und wie machst du das? Isoliere sie und nimm ihnen die Sprache, die Möglichkeit der Kommunikation, die Möglichkeit der Erzählung dessen, das war.

Wie war das noch? Nie wieder sollen Deutsche erhobenen Hauptes über die russische Erde wandeln. Die Maßnahmen sind schlicht. Verbiete ihnen deutsch zu sprechen und verbiete ihnen dahin zu ziehen, wohin sie wollen. Auch nach Aufhebung der Kommandatur-Aufsicht. Sie durften nicht frei ziehen, nicht in die angestammten Siedlungsgebiete, nicht in die großen Städte und schon gar nicht ins Ausland.
Die meisten blieben einfach an den Orten ihrer Verbannung oder zogen in die südlichen Republiken, nach Usbekistan oder Kasachstan.

Die Lücke, das große Loch zwischen 1941 und 1956, tilgt alles andere. Danach gibt’s kein Bewahren von Kultur und Sprache mehr, nur noch das Bergen von Scherben. Das Aufsammeln von Mehlresten in den Ecken der Scheune. Kolobok, Kolobok, ich fresse dich!

Als willfährige Bauern sind sie zu gebrauchen, die Fritzen. In ländlichen Gebieten sollen sie bleiben, Hühner züchten, Weizen anbauen, Baumwolle pflücken. Kolchosen und Sowchosen sollen sie zum Blühen bringen. Mal wieder. Aber nicht in ihrer Sprache auf der Straße reden, keinen Unterricht darin haben und nichts Gedrucktes produzieren. Und wehe, sie erwähnen in ihren Schriften auch nur das Wort: Wolga. Dann, Kolobok, pass nur auf!

Ab 1957 gibt es vereinzelt Schriften, die auf Deutsch erscheinen und das Leben des Proletariats und der Bauern preisen. Neues Leben oder Freundschaft heißen sie. Diejenigen, die dichten finden hier Zuflucht. Dennoch sind die Menschen, die diese Zeitungen lesen könnten, weit zerstreut. Familien, Freunde durch abertausende von Kilometern entfernt. Als Verbindung was? Eisenbahn? Telefon? Briefe? Nichts, was man nicht kontrollieren oder zensieren kann. Und dennoch ganz geht die Sprache nicht unter. Und das ist eine ziemliche Leistung.

Titelbild der Freundschaft von 1966
Identität. Ja oder nein?

Bitter. Warum sollten wir nach Identität suchen? Fragen heute einige. Zurecht. Doch.

Ist es gut, wenn Leute nicht wissen, was vor ihrer Geburt passiert ist? Wenn sie nicht wissen, woher sie kommen und welche Gründe es für ihre Situation gibt? Ich finde schon, dass es wichtig ist.

„Vielleicht würde es uns guttun, diese Suche nach der Identität sein zu lassen.“

Das sagte Juli Zeh in einem Interview in „Psychologie heute“.

Und Jan Fleischhauer schrieb vor einiger Zeit im Spiegel:

Was ist Identitätspolitik? Identitätspolitik ist das Versprechen, dass sich das, was einem im Leben an Widrigkeiten begegnet, auf die Herkunft zurückführen lässt. Wenn ich weiblich bin oder schwarz oder irgendwie anders als die anderen um mich herum, dann darf ich davon ausgehen, dass es nicht die eigentliche Unzulänglichkeit ist, die mich am Fortkommen hindert, sondern die Vorurteilsstruktur der Mehrheit.

Ein Problem dieser Form von Weltwahrnehmung ist ihre strenge Subjektivität. Wie immer, wenn man sich von seinen Gefühlen leiten lässt, ist nicht ganz klar, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Warum nicht? Netter Gedanke. Warum nicht einfach alles hinter sich lassen. Das hieß für uns ab 1960, in der Masse der Sowjetmenschen untergehen, lesen, was sie lesen, reden wie sie reden, denken was sie denken.
Geht aber nicht. Weil die Vergangenheit sich nicht abschütteln lässt. Weil sie dich, oder dein Kind oder dein Enkelkind einholen wird. Deshalb. Weil diese Identität eine ist, die schmerzt oder beißt oder dich zu Gewalt und Trunksucht treiben kann.

Ja, es ist billig, die eigene Herkunft für alles verantwortlich machen zu wollen, lieber Jan, der du dir nonchalant ein Tüchlein um den Hals bindest oder süffisant deine maßgeschneiderten italienischen Lederschühchen betrachtest. Auch du hast dir eine Identität geschustert. Gibs zu!
Du schreibst so erlesen über Identität und hattest nie deine Schwierigkeiten damit als junger, mittlerweile nicht mehr ganz so junger, wohlhabender weißer Mann in Europa zu leben. Ach, lassen wir das.

Viele der Alten aus der russlanddeutschen Community wollten verdrängen. Verständlicherweise. Viele aus der jungen Generation wissen nichts von Verbannung, vom Hunger und vom meterhohen Schnee der Angst. Sie kennen die Listen des Todes nicht. Sie fragen sich nur, woher ihre Wut kommt. Vielleicht noch nicht mal das.

Und übrigens, es ist eine Sache, sich komplett identisch zu machen mit der Herkunft, sich mit einer Gruppe zu identifizieren bis zur völligen Verschmelzung oder sich zu verbinden. Mit der Geschichte, mit den Einzelschicksalen der Leute oder mit ihrer Art zu leben. Ohne Symbiose. Ohne zu verschmelzen. Alles eine Frage der Dosis.

Kuss No. 3:
Kuss der Bodenständigkeit

Der Kuss, der einen nachhaltigen Abdruck hinterlassen hat, aber dessen Wirkung schwer zu beschreiben ist. Vor allem ohne jemandem gewaltig auf die Füße zu treten…
Er ist so ziemlich das Gegenteil von einem Musenkuss.

Neulich sagte eine Freundin, sie glaube, dass die Deutschen aus Russland (also in ihrer kollektiven Mehrheit, du und ich sind davon ausgenommen!) keine Wahrnehmung dafür ausgebildet hätten, was Kunst oder Literatur für einen Wert haben. Welche Zeit es braucht, um diese Dinge zu schaffen und welche Wirkung sie haben auf, na auf alles.

Das liegt nicht nur an dem Verbot, zu studieren. Dieses Verbot betraf nicht alle und nicht Studiengänge wie Ingenieur oder Agrarwissenschaftler oder Lehrerin.
Es liegt nicht nur an dem Verharren in den ländlichen Gebieten, die erzwungene Landflucht. Die erzwungene Meidung von schillernden Kosmopolen mit ihrem kulturellen Angebot und ihren Verlockungen zum Lotterleben.
Es liegt nicht nur an dem Rückzug ins ländlich oder religiös Traditionelle als Reaktion auf die ethnischen Repressalien. Oder die Hinwendung zu Gott als Anker, wenn ich es positiv ausdrücken soll.

Wer sich die Existenz neu aufbauen muss, immer und immer wieder, schaut nicht stundenlang auf den Mond und schreibt ein paar Zeilen dazu. Schade eigentlich. Aber is so.

Es ist nicht eins von diesen Dingen. Aber ein wenig von alldem bildet den Kompott, der all den Gebildeten und Müßiggängern misstrauen lässt. Bildet die Grundlage der Hinwendung zu allem Praktischen. Haus. Traditionen. Und die Familie steht über allem.
Zeitvertreib ist Zeitvertreib und darf nach Feierabend geschehen. Musikmachen ja, aber nur auf Hochzeiten, nur nebenbei. Wichtig sind Jobs, mit denen man Geld verdienen kann. Alles andere darf Hobby bleiben.

Und die Bohème? Kann man das essen? Kann man das gegen Essen eintauschen? Nein? Dann ist sie nichts für uns.

Nichts Unsicheres wie Theater oder Bücherschreiben, Gott bewahre. Auch hier gibt es löbliche Ausnahmen, die anderen Extreme, die Träumerinnen und Weltreisenden. Aber ich spreche nicht über dich. Ich spreche auch nicht über mich. Ich spreche über ein kollektives wir. Und das hat eigene Gesetze.

Das Luftige, das Verrückte, das Gewagte und das unsinnig Spielerische der Kunst. Sie alle haben keinen wert, wenn es ums Überleben geht. Und das ist sehr, sehr schade.

Denn nur diese Disziplinen schöpfen aus den Träumen und den Trümmern und weben eine eigene Geschichte. Bilden eine Erzählung, die wichtig ist für ein kollektives wir.

Die Realität war wieder eine andere. Hier in Deutschland. Da wurden auch die unmusischsten Diplome nicht anerkannt. Und so blieb den Ingenieuren nichts übrig als Taxi zu fahren und den Lehrerinnen blieb die Putzstelle, oder mehrere. Auch das trägt nicht immer dazu bei, das schöpferische ICH zu fördern.

Doch diese bürokratischen Hürden, in Deutschland und in Russland, die formen die Menschen. Hinterlassen Einkerbungen, Verbitterung bleibt, Kränkungen werden zugefügt. Sie alle müssen irgendwie verarbeitet werden, denn sonst werden sie weitergereicht.
Wenn es wenigstens nur ein Kuss wäre. Aber alle drei. Wie kannst du die Angst überwinden, wenn du stumm bleibst? Wie kannst du deine Geschichte erzählen, wenn du auf deine existentiellen Nöte zurückgeworfen wirst?

Auch das sind noch Abdrücke der Bruderküsse des Iossif Wissarionowitsch.

Nachsatz:

Warum will ich immer über Pizza schreiben? Welchen Gedanken hatte ich Mitte Mai, als ich dies alles notiert hab? Vielleicht so:

Ein Trauma ist wie eine Pizza, beides lässt sich am nächsten Tag auch noch kalt genießen.
Ok, nicht gerade pulitzerpreisverdächtig, aber hey, ich darf das.

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Böses Blut

Ich habe mich nun so lang mit diesem Thema beschäftigt. Herkunft. Dieses: du gehörst hier hin, ich dahin. Und die gehören zusammen, die nicht. Dabei bin ich mehr als meine Herkunft.

Alles eine Frage des Blutes?

In anderen Zusammenhängen ist Blut, ist die Erwähnung des Blutes völlig unbelastet. Bei Vampirfilmen, da spielt Blut eine zentrale Rolle. Das Blut macht die Vampire unsterblich. Alles dreht sich darum.

Wenn es um indigene Völker, Ureinwohner Nordamerikas oder die Maori geht, ist Blutzugehörigkeit identitätsstiftend und positiv besetzt. Die Verbindung zu den Ahnen über das Blut ist eine kulturelle Eigenheit, gehört zur Tradition und wird nicht hinterfragt oder gar tabuisiert.

Da ist auch diese Rubinrot-Smaragdgrün-Serie. Ein  Zeitreise-Gen ermöglicht das Springen in andere Jahrhunderte. Der Clou: es sind Blutstropfen, die die Zeit-Maschine zum Laufen bringen und die beiden durch die Zeit reisen lassen. Ihr Blut macht Gwendolen und Gideon zu etwas Besonderem. Zumal sie auch noch Adelshäusern entstammen.
Die Geschichte ist zwar von einer Deutschen geschrieben, aber nach London verschoben. Im Film reden sich deutsche Schaupieler*innen mit Tante Maddie und Mister Börnhard an. Nur so funktioniert das. Nicht auszudenken, das Ganze würde in München spielen. Die Bedeutung des Blutes darf bei uns nicht hervorgehoben werden. Es ist verpönt, zu sagen, dass Blut Identität stiften kann.

Richtig so. Weil es eigentlich Unsinn ist. Blut ist bei allen rot. Rubinrot. Es gibt nur diverse Blutgruppen. Aber die sagen über den Wert und die Besonderheit eines Menschen nichts aus.

Es wurde in der Vergangenheit so viel Schindluder mit Blut und Boden getrieben, dass es nicht mehr geht, über Blutzugehörigkeit zu schreiben.

Deutsche aus Russland (in Folge DaR genannt) haben da Pech gehabt.

Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung wegen ihres Blutes, wegen ihrer Zugehörigkeit kommen sie nach Deutschland, das sie die Heimat der Vorväter nennen, und hier ist Deutschsein verpönt. TABU. Geschweige denn das Gerede über gleiches Blut.

Einmal im Leben möchten sie dazugehören, nicht mehr bespuckt, geschubst, übergangen werden, nur weil sie Deutsche sind, und nun das.

Das ist wirklich eine Ironie des Schicksals.

Fakt ist, wenn ich, als Bürgerin dieses Landes, anfange, über mein Deutschsein zu sprechen, wirkt es deplatziert und falsch. Wenn ich über meine Zugehörigkeit zur deutschen Ethnie schreibe, ist es falsch. Weil die Begriffe wie Ethnie und Rasse direkt im Rassismus münden. Weil sie im harmlosesten Fall ausgrenzend sind. Weil zu viel geschichtliche Schlacke dranhängt.

Und das ist auch richtig so. Der aufkeimende Nationalismus mit allen dazugehörigen Nebenwirkungen zeigt, dass Einteilung nach Ethnien eine Falle ist. Es hat nicht von der Hand zu weisende Gründe, dass ethnische Zugehörigkeit nicht die Rolle spielen darf, die sie vor 70-80 Jahren mal hatte.

Aber wie gehe ich damit um, wenn ich meine Herkunft ausloten will? Wenn meine Identität so mosaikartig zusammengesetzt ist, so zerrissen dass es ein Bedürfnis ist, da eine Linie reinzubringen? Wie benenne ich die Dinge? Wem schade ich damit?

Wie gehe ich damit um, dass es offiziell zwar egal ist, woher jemand kommt und wie jemand aussieht, dann aber einer meiner Liebslingsschriftsteller in „Tschick“ einen Aussiedler als Hauptfigur einsetzt, der Schlitzaugen hat und im Film von dem Sohn eines mongolischen Botschafters gespielt wird? (Weil die Castingagentur in Russland gezielt nach mongolisch aussehenden Aussiedlern gesucht hat und nicht fündig geworden ist. Das Ganze treibt so absurde Blüten!)

Wo ist hier die Grenze? Darf ich mich bei „Tschick“ über Rassismus aufregen? Darf ich Herrndorf Rassismus unterstellen, wenn ich sage Russlanddeutsche und Mongolen sind zwei unterschiedliche, ja was? Wenn ich nicht mehr Volk sagen darf. Sie sehen unterschiedlich aus.
Bin ich hier gleich die Rassistin? Er hat doch über Schlitzaugen geschrieben. Nicht ich.

Auf jeden Fall begebe ich mich damit in gefährliches Terrain. Es ist eine Gratwanderung.

Kann denn die Sehnsucht nach Anerkennung Sünde sein?

Obwohl die DaR eine wegen ihrer Ethnie ausgegrenzte Minderheit waren, dürfen sie also nicht auf ihre ethnische Zugehörigkeit pochen. Dabei ist die wichtigste Motivation einiger von ihnen: das Dazugehören zum großen Ganzen. Zum deutschen Volk. In Zeiten der Verfolgung war es der Faden, der Strohhalm, an den sie sich geklammert haben. Sie haben aus der negativen Zuschreibung als ‚Fritzen und Faschisten‘ für sich etwas Positives gemacht, mit akkurat auf Kante gestellten Kissen und Krebbele und Schnitzel-Suppen und Liederabenden.

Vor diesem Hintergrund herrscht in der Gruppe der DaR zumeist ein Unverständnis darüber, dass sie mit solchen Aussagen, mit solchen Begriffen wie Deutschsein, Heimat und Blutzugehörigkeit verbrannte Erde betreten.

Die Zugehörigkeit zu ihrer Volksgruppe gewinnt bei ihnen, und das wird aus der Geschichte der DaR nur zu verständlich, eine zentrale Bedeutung. Sie sagen, mia sin doch deitsch, anstatt zu sagen, wegen Ethnie, wegen diesem Scheißnationalitätenkram wurden wir schikaniert, super, dass es egal ist. Weg damit!

Das Deutschsein ist ihnen mit der Peitsche eingeprügelt worden, mit Feuer eingebrannt, mit Spucke ins Gesicht geschleudert. Das sitzt. Und plötzlich soll es egal sein?

Manchmal kommt es mir vor wie eine Art Stockholm-Syndrom. So wie Entführungsopfer sich mit den Tätern (oder in seltenen Fällen Täterinnen) identifizieren und deren Weltsicht übernehmen, haben die DaR das Prinzip der Blutzugehörigkeit angenommen und zu ihrem eigenen gemacht. Sie haben das, weswegen sie ausgegrenzt und deportiert, wie Sklaven behandelt wurden, endlich akzeptiert und in das eigene System integriert. Sie haben diese Mechanismen verinnerlicht und kriegen sie nicht so leicht raus.

Mia sin ja deitsch! Mia habe gelitte!
Und nun soll das nicht mehr gültig sein? Wie das?

Doch auf Ethnie ausgerichtetes Denken kommt hierzulande eben nicht an. Oder wird falsch interpretiert. Diejenigen, die in der Sowjetunion fälschlicherweise für Faschisten gehalten wurden, kommen hierher und werden ebenfalls in diese Ecke geschoben. Wobei es sicher wirklich DaR gibt, die rechtsradikal sind. Keine Frage.

Aber nicht alle sind so, nicht 2,4 Mio Menschen. Nicht alle, die sich in Archiven nach ihren Großeltern erkundigen, nicht alle, die in Russland mit einer Rührung im Herzen deutschsprachige Bücher gelesen haben.

Doch von der aufgeklärten Mehrheitsgesellschaft wird ein Kleben an der eigenen nationalen Identität nicht akzeptiert. Und Punkt. Und es wird leider nicht hinterfragt, woher das kommt. Also: Stempel drauf, fertig.

Vielleicht bin ich mit meinem Denken noch nicht am Ende, vielleicht täusche ich mich grundlegend. Bin blind und sehe nur das Naheliegende. Meine Leute. Das wird sich zeigen.

Die Gruppe und ich.

Die Unsrigen. Die Hiesigen. Die anderen.

Was habe ich mit denen gemein? Mit all den Aussiedlerinnen und Aussiedlern, deren Lebenszweck es ist, ein Häusle zu bauen und Kinder aufzuziehen. Wo Männer noch Männer zu sein haben und Frauen noch Frauen und vor allem Mütter, das heißt treusorgend, familienzusammenhaltend und sonst: hübsch aussehen und Klappe halten!

Was habe ich mit denen zu tun, die über Genderwahn ablästern und Asylsuchende unsere Goldstücke nennen?

Wenn und nicht das gleiche Blut verbindet, was dann? Eine Schicksalsgemeinschaft? Sind wir überhaupt verbunden? Wie?

Klar, ohne diese verwandtschaftliche Bindung wäre ich jetzt nicht hier, nicht das, was ich bin.

Also wieder: Identität. Herkunft. Sumpf?

Ein junger Journalist schreibt, ohne nationale Identität zu leben sei ok.

Vielleicht hat er recht, auch hier mögen Menschen unterschiedlich ticken. Ohne die Betonung auf Herkunft zu leben, mag möglich sein, für einige, die zu den Privilegierten gehören. Die was anderes haben, mit dem sie sich identifizieren können. Die das hinter sich lassen können. Die Herkunft, die Familie, den Stamm. Die von außen nicht immer wieder darauf zurückgeworfen werden. Dann ist es leicht, zu sagen, das alles kann mich mal.

Wenn ich will, kann ich auch so leben. Unbeschwert. Mir sieht und hört man meine Herkunft nicht an. Ich kann aufgehen in dem Teig, in der hellhäutigen, akzentfrei Deutsch sprechenden Masse mit dem richtigen kulturellen Background. Mein Vorname? Gut, eine Laune der Eltern. Niemand fragt nach.

Wenn du aber dunkel bist, schrägstehende Augen hast oder gebrochen sprichst, kommst du nicht so leicht davon. Wenn du einen türkisch klingenden Namen hast, wirst du immer darauf angesprochen, immer ausgeschlossen. Mal mehr mal weniger. Das habe ich in einem Büro mal erlebt, in dem ich Aushilfe war. Beim Mittagessen musste sich Bülent andauernd Witze über Türken und Ausländer anhören und hat gegrinst, war nicht auf Konfrontation aus. Dabei war er studierter Volkswirt und hatte anderes zu bieten, als nur sein Türkischsein. Darauf sind die Kolleg*innen leider nicht eingegangen. Heller Rassismus mit leichter Tendenz zur Bösartigkeit. Er hat es stoisch ertragen. Aber es hat sicher Spuren in seiner Seelenlandschaft hinterlassen.
Ich blieb unerkannt. Damals bin ich mit meiner Herkunft nicht hausieren gegangen. Habe die Füße still gehalten, den Kopf eingezogen, um nicht ins Visier zu geraten. Vielleicht gut so.

In einem ZEIT Artikel (29.11.2018) über Aggressivität standen einige spannende Dinge zum Thema Anerkennung und Ausgrenzung:

Noch wichtiger als der Testosteron-Kreislauf sei für aggressives Verhalten „die Sehnsucht nach Anerkennung und Teilhabe. Sie ist eine der stärksten Triebfedern des Menschen überhaupt.“

Weiter steht hier:

„Ausgrenzung schmerzt. Diese Erkenntnis stelle den ‚Durchbruch im Verständnis der menschlichen Aggression‘ dar, sagt der Neurobiologe Joachim Bauer. Denn Schmerz ist einer derjenigen Reize, die am zuverlässigsten Aggression auslösen. Und das gilt nicht nur für körperliche Wunden, sondern auch für seelische. ‚Fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe und Zurückweisung durch andere Menschen sind die stärksten und wichtigsten Aggressionsauslöser.‘“

Dann heißt es da noch, dass Jungen und Männer von der Demütigung, nicht dazuzugehören, am stärksten betroffen sind. Der Grund dafür liege in dem Idealbild, dass die Gesellschaft den Männern (und Jungen) aufzwingt.

„Wenn er der gängigen Erwartung nach besonders stark, autonom und dominant sein soll, schmerzen Geringschätzung oder Missachtung umso heftiger.“

Nun. Ich denke an all die Artikel der Neunziger und Zweitausender Jahre, die jungen Aussiedlern (ohne Gendersternchen diesmal!!!), die wild und aufsässig geworden sind, eine Nähe zu maffiösen Strukturen bescheinigt haben. Die sie als unzivilisierte Söhne der Steppe und als kulturell fremd diffamiert hatten. Sie wurden ausgegrenzt. Und haben aggressiv reagiert. Von wegen fremde Steppenvölker und ihre Unkultur!
Und jetzt stehen syrische und afghanische Männer an dieser Stelle.

Jetzt habe ich einen Schlenker in eine andere Richtung gemacht. Wut und Zugehörigkeit. Und kriege den Dreh zurück nicht mehr.

Macht nichts. Eigentlich gehört das alles doch zusammen.
Einerseits ist Identität und Zugehörigkeit etwas, das der Seele gut tut. Teilhabe, Integration in eine Gruppe, Frieden finden, sich selbst finden. Super Sache.

Andererseits kann es fatal sein. Ausgrenzend, demütigend. Für andere oder für dich, wenn sie dich ausgrenzen. Schmerzende Nichtdazugehörigkeit, die zu aggressivem Verhalten führt.

Diese Sache ist doppelbödig, ein zweischneidiges Schwert wie alles eigentlich. Ein Zuviel, ein zu starkes Festhalten an Herkunft und Gruppenzugehörigkeit kann Menschen zugrunde richten, blind machen. Aber ganz ohne zu leben, das schaffen nur wenige. Und selbst hier: ist es vielleicht eine Illusion, zu glauben, dass sie gut auskommen, ohne sich mit irgend einer Gruppe zu identifizieren. Und wenn es die Gruppe der absoluten Individualisten ist. Die auf sich auf ihre Weise alle gleichen.

Was mach ich jetzt damit? Ich meine, ich persönlich? Gedanken wälzen und versuchen, mich nicht zu sehr mit allen Aussiedlern und Aussiedlerinnen zu identifizieren? Wir haben viel gemeinsam. Uns berühren die gleichen Themen. Aber ich bin nicht = sie. Doch wenn ich mich mit ihnen befasse, komme ich nicht umhin, über solche Themen wie Identität, Herkunft und Ethnie nachzudenken. Und ringe darum, Worte dafür zu finden.

Ich gehöre über meine Familie zu den Deutschen aus Russland, ich habe es mir nicht selbst ausgesucht. Sie sind eine der Gruppen geworden, die mir am Herzen liegen. Weder gut noch böse. Einige aus dieser Gruppe finde ich ausgesprochen doof andere liegen mir, ticken wie ich. Total banal eigentlich. Aber ich darf diese einfache Erkenntnis nicht aus den Augen verlieren, sonst werd ich aggressiv! Und das gibt nur böses Blut…

Out of Karaganda

‚Ritas Leute‘ ist ein Dokuroman der Journalistin Ulla Lachauer von 2002. Karaganda und Kehl sind nur zwei der vielen Stationen der Familie Pauls, die mit dem Strom der Aussiedler nach Deutschland kommen. Die Autorin lernt die Studentin Rita Pauls Anfang der Neunziger kennen und mit ihr eine ihr fremde Welt und ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Sie beschließt, die Lebenswege der Familie zurückzuverfolgen und darüber einer breiten Öffentlichkeit zu berichten. Lachauer wohnt Familienfesten bei, begleitet Rita, wenn diese als Sängerin auftritt und unterhält sich mit deren Großmutter. Die Journalistin besucht die russlanddeutsche Familie aber nicht nur in Kehl sondern reist mit Rita zu den Orten, die für die Familie von Bedeutung sind, darunter Karaganda in Kasachstan oder das ehemalige deutsche Dorf Lysanderhöh.
beautyful Karaganda at its best

In der ersten Hälfte war ich begeistert von Ulla Lachauers Buch. Es ist gut recherchiert und nah an den Menschen erzählt. Das einzige, was ich ihr vielleicht vorwerfen kann ist, dass sie die Familie Pauls zwar nicht direkt vorführt, aber als befremdliche  Exoten darstellt. Ihr Zugang zu unserem Thema erfolgt aus der Distanz, ist aber nicht despektierlich, dachte ich zunächst.

Und so früh, also schon Mitte der Neuziger hatte sich hier im Westen niemand so richtig für uns interessiert, dann kommt sie und begleitet eine junge Frau aus russlanddeutscher Familie in die verschiedenen Sphären ihrer Familiengeschichte. Nach Kasachstan in die Ukraine, nach Sibirien und auch nach Kanada.

Anfangs gibt es eine kurze Episode über den russischen Begriff Knochen waschen. (Мыть кости/косточки). An einer Stelle sagt Rita, sie war mit einer Freundin unterwegs, sie hätten „Knochen gewaschen“. Das ist eine russische Wendung und bedeutet so etwas wie Lästern, über jemanden herziehen. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: sich bis auf die Knochen blamieren.

Beim Lesen beschleicht mich der Eindruck, dass es keine echte Dokumentation ist, denn dafür positioniert sich die Autorin zu gern selbst zu den Neuankömmlingen und ihrer Lebensart. Sie bleibt nicht neutral und eigentich ist es ein Buch über sie selbst. Lachauer kann sich einfach nicht verkneifen zu urteilen und kann sich nicht in die Lage der Familie versetzen. Da ist Empathie, aber wir bleiben das für sie: unbegreifliche Fremdlinge. Aber ist es ein echtes Knöchelchen waschen? Wohl eher auch nicht.

Sie hat natürlich ein Recht darauf ein persönliches, nicht neutral beobachtendes Buch zu schreiben. Aber sie macht sich auch nicht die Mühe, Schlüsse zu ziehen, zwischen dem was diese Menschen erlebt haben und dem, wie sie drauf sind.

Zwischen der Autorin und ihren „Objekten“ tut sich immer mehr eine Kluft auf. Beispielsweise äußert sie sich fast beleidigt über das Desinteresse der russlanddeutschen Familie am Fall der Berliner Mauer 1989. Sie leben in ihrem eigene Universum und nehmen kaum Notiz davon. Das verübelt sie Ihnen sehr.
Erst habe ich es nicht glauben, dann nicht wahrhaben wollen, aber es ist so, bis heute: der dramatische, unblutige Zusammenbruch der Nachkriegsordnung ist für sie nebensächlich! Darin liegt – für mich – die schockierendste aller Fremdheiten zwischen den Pauls und mir. […], dass sie das Überwältigende, mit dem sie existenziell durch ihre Ausreise, verbunden sind, nicht mitdenken und mitempfinden können. Ich werde mich an diesen Herbst 1989 zeitlebens nicht ohne Herzklopfen erinnern können. S. 238

So what, sind die Pauls nicht erst 1989 ausgewandert? Dann haben sie sicher andere Sachen im Kopf gehabt als den Fall der Mauer. Und ich erinnere mich, politisch haben wir in der ersten Zeit auch wie unter einer Glocke gelebt. Nicht wie mündige Bürger, die sich aus Zeitung und TV über das Weltgeschehen informieren und es vor allem ständig kommentieren. Es wurden Manty gemacht. Es wurde sich getroffen. Deutschkurse besucht. Sich an die Bürokratie gewöhnt. Auch unsere Welt war überschaubar und schloss globale Ereignisse von weltbewegender Bedeutung aus.

An einer anderen Stelle fragt Lachauer, welchen Bezug die Russlanddeutschen zur Heimat hätten. Und wenn, dann wäre deren Heimat doch eindeutig an der Wolga. Was eher naiv und kurz gedacht ist und nicht für alle zutreffen kann. Diese und andere Bemerkungen führen sicher nicht dazu, dass dieses Buch von der community akzeptiert wird.

Vor Jahren muss ich das Buch schon einmal gelesen haben. Ich erinnere mich an die Bilder. Jedoch konnte ich damals mit dem Inhalt wohl nicht so viel anfangen. So lese ich es dieses Jahr wie zum ersten Mal. Gut, es ist überarbeitet, aber die Ausgabe von heute ist identisch mit meinem Taschenbuch von 2002.

Ich finde den geschichtlichen Rahmen, das Forschen nach der Verwandtschaft und was sie an den Orten wiederfinden höchst aufschlussreich. Vieles davon war selbst mir unbekannt.
Einiges war mir geläufig:

Die ersten Karagandiner waren Erdmenschen …S.129

Das soll bedeuten, die Verbannten, nicht nur Deutsche, wurden in der Steppe ausgesetzt, ohne Häuser, ohne Zelte oder Baracken. Sie haben sich Erdhütten gebuddelt und die erste Zeit unter der Erde gelebt.

So beschreibt sie die Entstehung und Entwicklung der Stadt Karaganda, die Zivil- und Kriegsgefangene in der kasachischen Steppe praktisch aus dem Nichts heraus gestampft haben. Sie lässt die Großmutter aus der Zeit nach der Revolution erzählen und vermittelt mir ein reiches Bild in einer deutschen Siedlung in diesen bewegten Zeiten. Vieles ist gut beobachtet, bis in die abweichenden Redewendungen und andere Sprachliche Blüten Ritas und ihrer Sippe.

wir sind anders – und unsere Tomaten auch. Karaganda

‚Karaganda‘ ist übrigens auch eine Tomatensorte. Im Buch geht es viel um Tomaten von dort. Ritas Mutter schafft es, eine Fleischtomate aus Kasachstan in Kehl heimisch zu machen.

Wie gesagt spätestens ab der Mitte des Buches, blieb beim Lesen ein schaler Nachgeschmack zurück. Besonders in der Art, in der sie uns als Gruppe bewertet. Distanziert freundlich, aber wie etwas gänzlich Fremdartiges. Wie Käfer in einem Reagenzglas.

Schon auf Seite 16 schreibt die Autorin über die „russische Nachtigall“, wie sie Rita nennt:

Bei aller Zuneigung blieb eine gegenseitige Scheu, das Bewusstsein des Ungewöhnlichen. Mein Mann und ich waren die einzigen „richtigen Deutschen“, mit denen Rita und Irene [eine Freundin] verkehrten. Sie waren die einzigen Russlanddeutschen, mit denen wir verkehrten.

Dabei beteuert Lachauer bei einem Interview in der Vereinszeitschrift der Landsmannschaft im Jahre 2004, sie möchte folgendes weitergeben, nämlich‚ dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjetzeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist.‘

Sie plädiert für mehr ‚Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld.‘

Um im selben Jahr genau diese Vereins-Zeitschrift in einem Artikel in DER ZEIT so vorzuführen: Im redaktionellen Teil von ‚Volk auf dem Weg‘ – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.

Sie scheint eine der wenigen zu sein, die diese Rückwärtsgewandtheit und das Pochen auf die nationale Zugehörigkeit so früh kritisiert hatte, die der LmDR und vielen ihrer Landsmänner eigen ist.  Was stört mich daran? Auch mich befremdet das ewige Pochen auf die nationale Zugehörigkeit und ich habe die ewige Opferrolle ebenfalls satt.

Aber es ist wohl nicht ganz so einfach. Außerdem sind in der jüngeren Generation andere Themen und andere Befindlichkeiten aufgetaucht. Die Beobachtungen von 2004 treffen nicht mehr in allen Punkten zu.

Als ich meinem Vater mein Exemplar des Buches zu lesen gab, hat er sich doch sehr aufgeregt über die Überheblichkeit der West-Autorin. Er fühlte sich schlicht verkannt. Nicht alle seien so, wie sie sie beschreibt. Das waren seine Worte. Sie hat sich eine einfach Familie herausgepickt, die auch in der Sowjetuinion unpolitisch war und erwartet, dass sie sich für so ein Ereignis wie die Wiedervereinigung mehr interessieren als die Setzlinge in ihrem Garten.

Auf jeden Fall ist das Buch ‚Ritas Leute‘ wohl eher nichts für die ältere Generation. Aber eine ausführliche Einführung in die Wanderungen der Russlanddeutschen und ein Bild davon, wie es war, als so viele von ihnen Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger nach Deutschland gekommen sind. Gefahr eines zu hohen Blutdrucks!

Die Pauls sind mit Häuschen und Garten, mit Oma und russischem Tante-Emma-Laden sicher eine Vorzeigefamilie. Was wäre passiert, wenn ich 1993 eine Autorin wie Ulla Lachauer getroffen und die sich für unsere Geschichte interessiert hätte? Welche Knöchelchen hätte sie bei uns gefunden?

Und was Rita Pauls betrifft, ich würde ja gern wissen, was sie heute so macht. Ihre digitale Spur verliert sich nach 2012. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden hat, dass Ulla Lachauer so über die Familie geschrieben hat. Das Verhältnis zu der Journalistin scheint seit 2004 sichtlich abgekühlt, sie hat sich anderen Themen zugewandt – nicht mehr über uns Erdmenschen geschrieben. Ob Rita immer noch singt?

Ulla Lachauer

Ritas Leute

Eine deutsch-russische Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
ISBN 9783498039103
Gebunden, 432 Seiten, 19,90 EUR

Gute Nachricht zum Fest – POKA auf BluRay

Vor einiger Zeit habe ich mich beschwert, dass wir in Deutschland Filme von russlanddeutschen Regisseur*innen zum Thema Aussiedler kaum zu sehen kriegen.

Ich muss mich nun revidieren.

Ganz pünktlich zum Fest der Freude ist der Film Poka-Heißt Tschüss auf Russisch auf BluRay erschienen. Und für 7,- Euro (plus Versandkosten für diejenigen, die mehr als 1KG bestellen. Habe aus ernstzunehmender Quelle, dass 52 Stück 5,5 Kilo wiegen.) kann er bei der Bundeszentrale für politische Bildung erworben werden.

Habe aus ernstzunehmender Quelle erfahren, dass 55 Stück an die 5,5 Kilo wiegen. Naja, dann kann ja die gesamte Verwandtschaft eingedeckt werden. Wow, alle Geschenke mit einem Streich!


Im ZDF lief er ja mal im Sommer Rahmen des kleinen Fernsehspiels Zu nachtschlafender Zeit. Nun können ihn endlich alle gucken, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen und müssen nicht mehr bis nach Mitternacht aufbleiben. Wenn das keine gute Nachricht ist?

Ein Film über das Ausreisen aus einer Kolchose in Kasachstan, das Ankommen in einer deutschen Turnhalle, gewürzt mit einer russisch-deutschen Liebesgeschichte.

Wer nochmal nachgucken möchte, worum es hier geht, ich habe hier noch eine ältere Rezension dazu.

Und noch ein kleiner Vorgeschmack zum Film:

Ich wünsche Poka und seinen Macher*innen und allen, die teilgenommen haben, dass sich diese Filmträger viral verbreiten!

Der Fall LISA oder Von welchem Planeten kommen die Russlanddeutschen?

Ein Gastbeitrag von Artur Böpple (Autor, Medienwissenschaftler und Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V. – siehe www.literaturkreis-autoren-aus-russland.de/ )

(c) Fotostudio Flentge, Herford
Artur Böpple – (c) Fotostudio Flentge, Herford

Der Fall LISA hat nicht nur die Gemüter der russlanddeutschen Community aufgewühlt, er rief sogar die Außenminister beider Länder, den Deutschlands und den Russlands, auf den Plan. Was geht in den Köpfen der Russlanddeutschen vor? Werden sie tatsächlich aus Moskau ferngesteuert?

Die russischen Medien üben einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung eines Teils der russischsprachigen Bürger in Deutschland aus. Das ist unumstritten, genauso wie die türkischen Medien auf die türkischsprechenden Bürger der Bundesrepublik. Die Frage ist, wie stark dieser Einfluss ist. Man geht heutzutage von etwa 20 bis 30 Prozent der Russlanddeutschen aus, die regelmäßig das russischsprachige Fernsehen schauen (laut Historiker Viktor Krieger). Es bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie die ihnen dort gebotenen Inhalte stets unreflektiert konsumieren.

Wenn man die Deutschen aus Russland verstehen will, muss man wissen, was diese Volksgruppe mit Russland verbindet. Ihre Vorfahren wanderten einst aus Deutschland nach Russland aus, an die Wolga, in den Kaukasus, ans Schwarze Meer, in die Ukraine und später nach Sibirien. Sie siedelten über lange Zeit in kompakten Kolonien, blieben meist unter sich, außer wenn sie Handel mit benachbarten Siedlungen und Städten trieben. Ein kleinerer Teil, die Intellektuellen, lebte unter anderem in den Großstädten Russlands, partizipierte am kulturellen Leben und betätigte sich ebenso in Lehre, Kultur oder Wissenschaft. Das überwiegend isolierte Zusammenleben der Russlanddeutschen hatte einerseits Vorteile – die Siedler konnten ihr Deutschtum, die kulturellen Traditionen und die Sprache über Jahrhunderte hinweg tradieren, auf der anderen Seite blieben sie in die russische Gesellschaft de facto nicht integriert. Zumindest so, wie man es heute versteht. Sie lebten in relativ homogenen Siedlungen, und scheuten die Mühe, Russisch zu lernen beziehungsweise sich in die russische Gesellschaft einzufügen, wobei das von ihnen damals nicht erwartet wurde. Sie waren Fremde „auf ewig“. Weil sie lange nicht fähig waren, ausreichend in Russisch zu kommunizieren, schob man ihnen bei lokalen Konflikten gern den „schwarzen Peter“ zu.

Zu massenhaften Verfeindungen zwischen den deutschen Siedlern und der russischen Bevölkerung kam es im Ersten Weltkrieg. Deutschland ging militärisch gegen das Russische Reich vor. Russische Kriegspropaganda arbeitete auf Hochtouren, was die ersten kollektiven Vertreibungen der deutschen Siedler, vor allem aus dem europäischen Teil Russlands, zur Folge hatte. Man schickte sie Richtung Sibirien. Doch das „Kernland“, die zahlreichen Siedlungen an der Wolga, wurden von diesen Vertreibungen kaum berührt.

Nach der russischen Revolution 1917 und noch während des Bürgerkriegs durften die Wolgadeutschen 1918, mit dem Segen von Lenin höchstpersönlich, ihr autonomes Wolgagebiet ins Leben rufen (ab 1924 Autonome Republik, ASSR). Es gab zahlreiche deutsche Schulen, Kirchen und weitere kulturelle Einrichtungen – selbst studieren konnte man dort bald auf Deutsch. Eine kleine deutsche Insel mitten in Russland. Die Russlanddeutschen konnten sich nach dem Bürgerkrieg, einigen Volksaufständen und Hungerjahren erst mal glücklich schätzen, solange die Moskauer Kommissare und Ideologen sie in Ruhe ließen. Die Autonomie wurde von stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren freilich nicht verschont. Aberhunderte – meist Intellektuelle, Autoren und Lehrer – verschwanden auf immer in den feuchtkalten, dunklen sowjetischen Kerkern. Das war jedoch noch nicht genug.

1941 markierte der Zweite Weltkrieg das Ende der blühenden Landschaften am Wolga-Ufer. Stalin bezichtigte die deutschen Anwohner – und zwar allesamt per Erlass in der Prawda – des Komplotts mit Hitler-Deutschland. Nach wenigen Tagen hörte der deutsche Insel-Staat auf zu existieren, die über etwa 150 Jahre verwurzelten Menschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verfrachtet und in aller Welt zerstreut. Rund 600 000 Einwohner hatte unmittelbar vor diesem Ereignis die deutsche autonome Republik an der Wolga gezählt. Aber nicht nur von der Wolga wurden die Deutschen vertrieben. Die Siedlungen im Kaukasus, in der Ukraine, um Moskau und Leningrad herum folgten. Bis an die 500 000 Russlanddeutsche verloren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in den sowjetischen Arbeitslagern aufgrund der Schwerstarbeit, Kälte und Hunger ihr Leben. Viele von ihnen wurden erschossen. In wenigen Monaten jährt sich das schicksalsträchtige Ereignis, die Vertreibung von der Wolga und der darauffolgende Genozid gegen die Russlanddeutschen zum 75. Mal.

Warum dieser kleine historische Exkurs?

Dankbarkeit gegenüber Russland zu zeigen, geschweige denn politische Loyalität, haben die Russlanddeutschen absolut keinen Grund. Die Mehrheit von ihnen kehrte nicht zuletzt aufgrund dieser historischen Ungerechtigkeit und daraus resultierenden Gefahr, ihrer Identität gänzlich verlustig zu gehen, dem sowjetischen bzw. russischen Staat in den 90er Jahren den Rücken. Russlands ursprünglicher Plan, die Deutschen mittels der Zerstreuung im ganzen Land ihrer nationalen Identität zu berauben, ging in der dritten Generation nach dem Krieg größtenteils in Erfüllung. Deutsch wurde in dieser Generation selten gepflegt (meist rudimentär zu Hause), Russisch wurde zunehmend zur Muttersprache. Moskau entschuldigte sich „bei ihren Leuten“ offiziell dafür bisher nicht. Entschädigungen gab es keine! Erst kürzlich, am 31. Januar 2016, revidierte Putin den Beschluss Jelzins aus dem Jahr 1992 über die Rehabilitierung der Russlanddeutschen. In diesem Beschluss war ursprünglich die Wiederherstellung deren Staatlichkeit innerhalb Russlands als ein wesetlicher Punkt im Prozess der vollständigen Rehabilitierung verankert. Putin machte mit seiner Revision die Hoffnungen auf Wiedergutmachung der Vertreibungen und der Verbannung der Russlanddeutschen in den 40er Jahren gänzlich zunichte.

Trotz der überwiegend russischen Sozialisierung kehrten die Deutschstämmigen dem totalitären Sowjetregime den Rücken nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen, wie es oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Traum von der wahren Heimat, von der Wiedererlangung der nationalen Identität und der Sprache, eines WIR-Gefühls – all dies waren relevante Faktoren, die in die Waagschale während des Entscheidungsprozesses für oder gegen die Ausreise nach Deutschland gelegt wurden.

Auch diejenigen, denen es wirtschaftlich relativ gut ging, gaben ihr geregeltes Leben, Häuser, feste Arbeit dort auf und emigrierten nach Deutschland, getrieben von der fixen Idee, von der Idealvorstellung über die Heimat. Sie brachten vor allem Loyalität und Dankbarkeit dem deutschen Staat gegenüber mit, das steht außer Frage, und selbstverständlich die grundsätzliche Bereitschaft, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Allerdings ohne die leiseste Ahnung davon, wie viel Kraft und Mühe ihnen dieser Prozess abverlangen würde. Man sollte niemandem unterstellen, dass er oder sie es nicht versucht hat. Einige gaben es zu schnell auf, oft rein räumlich in Wohnghettos gedrängt (wohl jede größere deutsche Stadt hatte ein „Kleinmoskau“ als inoffiziellen Stadtteil in den 90ern), fanden sie sich unter den resignierten Gleichgesinnten wieder …

War dies die Heimat, die sie sich zu finden erhofft hatten? Damals, als sie in der Sowjetunion ihre Häuser veräußert und ihre Koffer gepackt hatten? Nein! Und mal ehrlich: Wie groß ist der Anteil der Einheimischen, der die Deutschen aus der Sowjetunion für genuin deutsch hält und der ihnen das bisschen Deutschsein gönnt? Deutschrussen – das ist jedenfalls keine adäquate Bezeichnung, die sie je zufriedenstellen wird. Sie ist nicht förderlich für ihre Integration, und wird mancherorts sogar als Beleidigung empfunden.

Schubladendenken geht leicht von der Hand. Pauschalisierungen sind menschlich. Doch gehört es nicht zur primären Aufgabe der meist weitsichtigen Reporter, das Volk aufzuklären, statt Pauschalisierungen zu zementieren? Seit einem guten Vierteljahrhundert kämpfen die offiziellen Organisationen der Deutschen aus Russland (wie z.B. die Landsmannschaft) gegen das unvorteilhafte Image ihrer Volksgruppe an. Sie bemühen sich um Aufklärung und kommunizieren immer wieder sachliche Inhalte nach außen. Eins davon: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass die Deutschen aus Russland sich im Vergleich zu anderen Migrantengruppen durchaus erfolgreich integrieren. Bloß ein relativ kleiner Teil läuft Gefahr, von russischen Medien manipuliert zu werden. Auf der anderen Seite gab es seit der Ukraine-Krise wiederholt Versuche, die Russlanddeutschen aufgrund von Einzelfällen undifferenziert unter Generalverdacht zu stellen, dass sie allesamt Putinisten, also Putin-Anhänger und nun sogar tendenziell der rechten Szene zugeneigt seien. Es entsteht der Eindruck, als hätte jemand ein Interesse daran, diese Ethnie zum x-Male pauschal im ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Schon wieder einmal sind die Russlanddeutschen zum Spielball der Politik und der Medien geworden. Schon wieder steckt man sie in eine Schublade. Dort waren sie stets Faschisten, hier sind sie Putin-Anhänger und Russen. Ein Volk in der Schwebe, auf der ewigen Suche nach der Heimat.

Als Betroffener weiß ich zu gut, wie unsere Leute „ticken“. Ich weiß bestens um ihre Befindlichkeiten. Es gibt auch unter uns Menschen mit grundverschiedenen Meinungen zu allen wichtigen Fragen der Politik, wie es sich auch bei dem Rest der deutschen Gesellschaft verhält. Es handelt sich hierbei um etwa 4 Millionen Menschen (wenn man der Einwanderungsstatistik ab 70er Jahre den Glauben schenkt). Kaum jemand im Ausland käme doch ernsthaft auf die Idee, aufgrund der höchst ambivalenten PEGIDA-Bewegung, ganz Deutschland pauschal als rechtspopulistisch abzustempeln. Was die Russlanddeutschen betrifft, wäre eine ebensolche Differenziertheit geboten, will man sie nicht ganz an Russland verlieren. Die jüngsten Demonstrationen sind nicht repräsentativ und wurden nicht von offiziell bekannten und formal registrierten Organisationen der Russlanddeutschen veranstaltet.