Out of Karaganda

‚Ritas Leute‘ ist ein Dokuroman der Journalistin Ulla Lachauer von 2002. Karaganda und Kehl sind nur zwei der vielen Stationen der Familie Pauls, die mit dem Strom der Aussiedler nach Deutschland kommen. Die Autorin lernt die Studentin Rita Pauls Anfang der Neunziger kennen und mit ihr eine ihr fremde Welt und ein unbekanntes Stück deutscher Geschichte. Sie beschließt, die Lebenswege der Familie zurückzuverfolgen und darüber einer breiten Öffentlichkeit zu berichten. Lachauer wohnt Familienfesten bei, begleitet Rita, wenn diese als Sängerin auftritt und unterhält sich mit deren Großmutter. Die Journalistin besucht die russlanddeutsche Familie aber nicht nur in Kehl sondern reist mit Rita zu den Orten, die für die Familie von Bedeutung sind, darunter Karaganda in Kasachstan oder das ehemalige deutsche Dorf Lysanderhöh.
beautyful Karaganda at its best

In der ersten Hälfte war ich begeistert von Ulla Lachauers Buch. Es ist gut recherchiert und nah an den Menschen erzählt. Das einzige, was ich ihr vielleicht vorwerfen kann ist, dass sie die Familie Pauls zwar nicht direkt vorführt, aber als befremdliche  Exoten darstellt. Ihr Zugang zu unserem Thema erfolgt aus der Distanz, ist aber nicht despektierlich, dachte ich zunächst.

Und so früh, also schon Mitte der Neuziger hatte sich hier im Westen niemand so richtig für uns interessiert, dann kommt sie und begleitet eine junge Frau aus russlanddeutscher Familie in die verschiedenen Sphären ihrer Familiengeschichte. Nach Kasachstan in die Ukraine, nach Sibirien und auch nach Kanada.

Anfangs gibt es eine kurze Episode über den russischen Begriff Knochen waschen. (Мыть кости/косточки). An einer Stelle sagt Rita, sie war mit einer Freundin unterwegs, sie hätten „Knochen gewaschen“. Das ist eine russische Wendung und bedeutet so etwas wie Lästern, über jemanden herziehen. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: sich bis auf die Knochen blamieren.

Beim Lesen beschleicht mich der Eindruck, dass es keine echte Dokumentation ist, denn dafür positioniert sich die Autorin zu gern selbst zu den Neuankömmlingen und ihrer Lebensart. Sie bleibt nicht neutral und eigentich ist es ein Buch über sie selbst. Lachauer kann sich einfach nicht verkneifen zu urteilen und kann sich nicht in die Lage der Familie versetzen. Da ist Empathie, aber wir bleiben das für sie: unbegreifliche Fremdlinge. Aber ist es ein echtes Knöchelchen waschen? Wohl eher auch nicht.

Sie hat natürlich ein Recht darauf ein persönliches, nicht neutral beobachtendes Buch zu schreiben. Aber sie macht sich auch nicht die Mühe, Schlüsse zu ziehen, zwischen dem was diese Menschen erlebt haben und dem, wie sie drauf sind.

Zwischen der Autorin und ihren „Objekten“ tut sich immer mehr eine Kluft auf. Beispielsweise äußert sie sich fast beleidigt über das Desinteresse der russlanddeutschen Familie am Fall der Berliner Mauer 1989. Sie leben in ihrem eigene Universum und nehmen kaum Notiz davon. Das verübelt sie Ihnen sehr.
Erst habe ich es nicht glauben, dann nicht wahrhaben wollen, aber es ist so, bis heute: der dramatische, unblutige Zusammenbruch der Nachkriegsordnung ist für sie nebensächlich! Darin liegt – für mich – die schockierendste aller Fremdheiten zwischen den Pauls und mir. […], dass sie das Überwältigende, mit dem sie existenziell durch ihre Ausreise, verbunden sind, nicht mitdenken und mitempfinden können. Ich werde mich an diesen Herbst 1989 zeitlebens nicht ohne Herzklopfen erinnern können. S. 238

So what, sind die Pauls nicht erst 1989 ausgewandert? Dann haben sie sicher andere Sachen im Kopf gehabt als den Fall der Mauer. Und ich erinnere mich, politisch haben wir in der ersten Zeit auch wie unter einer Glocke gelebt. Nicht wie mündige Bürger, die sich aus Zeitung und TV über das Weltgeschehen informieren und es vor allem ständig kommentieren. Es wurden Manty gemacht. Es wurde sich getroffen. Deutschkurse besucht. Sich an die Bürokratie gewöhnt. Auch unsere Welt war überschaubar und schloss globale Ereignisse von weltbewegender Bedeutung aus.

An einer anderen Stelle fragt Lachauer, welchen Bezug die Russlanddeutschen zur Heimat hätten. Und wenn, dann wäre deren Heimat doch eindeutig an der Wolga. Was eher naiv und kurz gedacht ist und nicht für alle zutreffen kann. Diese und andere Bemerkungen führen sicher nicht dazu, dass dieses Buch von der community akzeptiert wird.

Vor Jahren muss ich das Buch schon einmal gelesen haben. Ich erinnere mich an die Bilder. Jedoch konnte ich damals mit dem Inhalt wohl nicht so viel anfangen. So lese ich es dieses Jahr wie zum ersten Mal. Gut, es ist überarbeitet, aber die Ausgabe von heute ist identisch mit meinem Taschenbuch von 2002.

Ich finde den geschichtlichen Rahmen, das Forschen nach der Verwandtschaft und was sie an den Orten wiederfinden höchst aufschlussreich. Vieles davon war selbst mir unbekannt.
Einiges war mir geläufig:

Die ersten Karagandiner waren Erdmenschen …S.129

Das soll bedeuten, die Verbannten, nicht nur Deutsche, wurden in der Steppe ausgesetzt, ohne Häuser, ohne Zelte oder Baracken. Sie haben sich Erdhütten gebuddelt und die erste Zeit unter der Erde gelebt.

So beschreibt sie die Entstehung und Entwicklung der Stadt Karaganda, die Zivil- und Kriegsgefangene in der kasachischen Steppe praktisch aus dem Nichts heraus gestampft haben. Sie lässt die Großmutter aus der Zeit nach der Revolution erzählen und vermittelt mir ein reiches Bild in einer deutschen Siedlung in diesen bewegten Zeiten. Vieles ist gut beobachtet, bis in die abweichenden Redewendungen und andere Sprachliche Blüten Ritas und ihrer Sippe.

wir sind anders – und unsere Tomaten auch. Karaganda

‚Karaganda‘ ist übrigens auch eine Tomatensorte. Im Buch geht es viel um Tomaten von dort. Ritas Mutter schafft es, eine Fleischtomate aus Kasachstan in Kehl heimisch zu machen.

Wie gesagt spätestens ab der Mitte des Buches, blieb beim Lesen ein schaler Nachgeschmack zurück. Besonders in der Art, in der sie uns als Gruppe bewertet. Distanziert freundlich, aber wie etwas gänzlich Fremdartiges. Wie Käfer in einem Reagenzglas.

Schon auf Seite 16 schreibt die Autorin über die „russische Nachtigall“, wie sie Rita nennt:

Bei aller Zuneigung blieb eine gegenseitige Scheu, das Bewusstsein des Ungewöhnlichen. Mein Mann und ich waren die einzigen „richtigen Deutschen“, mit denen Rita und Irene [eine Freundin] verkehrten. Sie waren die einzigen Russlanddeutschen, mit denen wir verkehrten.

Dabei beteuert Lachauer bei einem Interview in der Vereinszeitschrift der Landsmannschaft im Jahre 2004, sie möchte folgendes weitergeben, nämlich‚ dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjetzeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist.‘

Sie plädiert für mehr ‚Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld.‘

Um im selben Jahr genau diese Vereins-Zeitschrift in einem Artikel in DER ZEIT so vorzuführen: Im redaktionellen Teil von ‚Volk auf dem Weg‘ – der Titel nimmt Bezug auf die historische Wanderschaft – geht es um anderes. Im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Wir sind deutsch! 2. Wir haben gelitten! 3. Wir bringen mehr ein, als wir kosten! Allmonatlich dieselbe Litanei, manchmal zornig, manchmal auch wie ein Schrei. Alles ist richtig und zugleich wirklichkeitsblind.

Sie scheint eine der wenigen zu sein, die diese Rückwärtsgewandtheit und das Pochen auf die nationale Zugehörigkeit so früh kritisiert hatte, die der LmDR und vielen ihrer Landsmänner eigen ist.  Was stört mich daran? Auch mich befremdet das ewige Pochen auf die nationale Zugehörigkeit und ich habe die ewige Opferrolle ebenfalls satt.

Aber es ist wohl nicht ganz so einfach. Außerdem sind in der jüngeren Generation andere Themen und andere Befindlichkeiten aufgetaucht. Die Beobachtungen von 2004 treffen nicht mehr in allen Punkten zu.

Als ich meinem Vater mein Exemplar des Buches zu lesen gab, hat er sich doch sehr aufgeregt über die Überheblichkeit der West-Autorin. Er fühlte sich schlicht verkannt. Nicht alle seien so, wie sie sie beschreibt. Das waren seine Worte. Sie hat sich eine einfach Familie herausgepickt, die auch in der Sowjetuinion unpolitisch war und erwartet, dass sie sich für so ein Ereignis wie die Wiedervereinigung mehr interessieren als die Setzlinge in ihrem Garten.

Auf jeden Fall ist das Buch ‚Ritas Leute‘ wohl eher nichts für die ältere Generation. Aber eine ausführliche Einführung in die Wanderungen der Russlanddeutschen und ein Bild davon, wie es war, als so viele von ihnen Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger nach Deutschland gekommen sind. Gefahr eines zu hohen Blutdrucks!

Die Pauls sind mit Häuschen und Garten, mit Oma und russischem Tante-Emma-Laden sicher eine Vorzeigefamilie. Was wäre passiert, wenn ich 1993 eine Autorin wie Ulla Lachauer getroffen und die sich für unsere Geschichte interessiert hätte? Welche Knöchelchen hätte sie bei uns gefunden?

Und was Rita Pauls betrifft, ich würde ja gern wissen, was sie heute so macht. Ihre digitale Spur verliert sich nach 2012. Ich würde sie fragen, wie sie das empfunden hat, dass Ulla Lachauer so über die Familie geschrieben hat. Das Verhältnis zu der Journalistin scheint seit 2004 sichtlich abgekühlt, sie hat sich anderen Themen zugewandt – nicht mehr über uns Erdmenschen geschrieben. Ob Rita immer noch singt?

Ulla Lachauer

Ritas Leute

Eine deutsch-russische Familiengeschichte

Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
ISBN 9783498039103
Gebunden, 432 Seiten, 19,90 EUR

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Gute Nachricht zum Fest – POKA auf BluRay

Vor einiger Zeit habe ich mich beschwert, dass wir in Deutschland Filme von russlanddeutschen Regisseur*innen zum Thema Aussiedler kaum zu sehen kriegen.

Ich muss mich nun revidieren.

Ganz pünktlich zum Fest der Freude ist der Film Poka-Heißt Tschüss auf Russisch auf BluRay erschienen. Und für 7,- Euro (plus Versandkosten für diejenigen, die mehr als 1KG bestellen. Habe aus ernstzunehmender Quelle, dass 52 Stück 5,5 Kilo wiegen.) kann er bei der Bundeszentrale für politische Bildung erworben werden.

Habe aus ernstzunehmender Quelle erfahren, dass 55 Stück an die 5,5 Kilo wiegen. Naja, dann kann ja die gesamte Verwandtschaft eingedeckt werden. Wow, alle Geschenke mit einem Streich!


Im ZDF lief er ja mal im Sommer Rahmen des kleinen Fernsehspiels Zu nachtschlafender Zeit. Nun können ihn endlich alle gucken, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen und müssen nicht mehr bis nach Mitternacht aufbleiben. Wenn das keine gute Nachricht ist?

Ein Film über das Ausreisen aus einer Kolchose in Kasachstan, das Ankommen in einer deutschen Turnhalle, gewürzt mit einer russisch-deutschen Liebesgeschichte.

Wer nochmal nachgucken möchte, worum es hier geht, ich habe hier noch eine ältere Rezension dazu.

Und noch ein kleiner Vorgeschmack zum Film:

Ich wünsche Poka und seinen Macher*innen und allen, die teilgenommen haben, dass sich diese Filmträger viral verbreiten!

Der Fall LISA oder Von welchem Planeten kommen die Russlanddeutschen?

Ein Gastbeitrag von Artur Böpple (Autor, Medienwissenschaftler und Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V. – siehe www.literaturkreis-autoren-aus-russland.de/ )

(c) Fotostudio Flentge, Herford
Artur Böpple – (c) Fotostudio Flentge, Herford

Der Fall LISA hat nicht nur die Gemüter der russlanddeutschen Community aufgewühlt, er rief sogar die Außenminister beider Länder, den Deutschlands und den Russlands, auf den Plan. Was geht in den Köpfen der Russlanddeutschen vor? Werden sie tatsächlich aus Moskau ferngesteuert?

Die russischen Medien üben einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung eines Teils der russischsprachigen Bürger in Deutschland aus. Das ist unumstritten, genauso wie die türkischen Medien auf die türkischsprechenden Bürger der Bundesrepublik. Die Frage ist, wie stark dieser Einfluss ist. Man geht heutzutage von etwa 20 bis 30 Prozent der Russlanddeutschen aus, die regelmäßig das russischsprachige Fernsehen schauen (laut Historiker Viktor Krieger). Es bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie die ihnen dort gebotenen Inhalte stets unreflektiert konsumieren.

Wenn man die Deutschen aus Russland verstehen will, muss man wissen, was diese Volksgruppe mit Russland verbindet. Ihre Vorfahren wanderten einst aus Deutschland nach Russland aus, an die Wolga, in den Kaukasus, ans Schwarze Meer, in die Ukraine und später nach Sibirien. Sie siedelten über lange Zeit in kompakten Kolonien, blieben meist unter sich, außer wenn sie Handel mit benachbarten Siedlungen und Städten trieben. Ein kleinerer Teil, die Intellektuellen, lebte unter anderem in den Großstädten Russlands, partizipierte am kulturellen Leben und betätigte sich ebenso in Lehre, Kultur oder Wissenschaft. Das überwiegend isolierte Zusammenleben der Russlanddeutschen hatte einerseits Vorteile – die Siedler konnten ihr Deutschtum, die kulturellen Traditionen und die Sprache über Jahrhunderte hinweg tradieren, auf der anderen Seite blieben sie in die russische Gesellschaft de facto nicht integriert. Zumindest so, wie man es heute versteht. Sie lebten in relativ homogenen Siedlungen, und scheuten die Mühe, Russisch zu lernen beziehungsweise sich in die russische Gesellschaft einzufügen, wobei das von ihnen damals nicht erwartet wurde. Sie waren Fremde „auf ewig“. Weil sie lange nicht fähig waren, ausreichend in Russisch zu kommunizieren, schob man ihnen bei lokalen Konflikten gern den „schwarzen Peter“ zu.

Zu massenhaften Verfeindungen zwischen den deutschen Siedlern und der russischen Bevölkerung kam es im Ersten Weltkrieg. Deutschland ging militärisch gegen das Russische Reich vor. Russische Kriegspropaganda arbeitete auf Hochtouren, was die ersten kollektiven Vertreibungen der deutschen Siedler, vor allem aus dem europäischen Teil Russlands, zur Folge hatte. Man schickte sie Richtung Sibirien. Doch das „Kernland“, die zahlreichen Siedlungen an der Wolga, wurden von diesen Vertreibungen kaum berührt.

Nach der russischen Revolution 1917 und noch während des Bürgerkriegs durften die Wolgadeutschen 1918, mit dem Segen von Lenin höchstpersönlich, ihr autonomes Wolgagebiet ins Leben rufen (ab 1924 Autonome Republik, ASSR). Es gab zahlreiche deutsche Schulen, Kirchen und weitere kulturelle Einrichtungen – selbst studieren konnte man dort bald auf Deutsch. Eine kleine deutsche Insel mitten in Russland. Die Russlanddeutschen konnten sich nach dem Bürgerkrieg, einigen Volksaufständen und Hungerjahren erst mal glücklich schätzen, solange die Moskauer Kommissare und Ideologen sie in Ruhe ließen. Die Autonomie wurde von stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren freilich nicht verschont. Aberhunderte – meist Intellektuelle, Autoren und Lehrer – verschwanden auf immer in den feuchtkalten, dunklen sowjetischen Kerkern. Das war jedoch noch nicht genug.

1941 markierte der Zweite Weltkrieg das Ende der blühenden Landschaften am Wolga-Ufer. Stalin bezichtigte die deutschen Anwohner – und zwar allesamt per Erlass in der Prawda – des Komplotts mit Hitler-Deutschland. Nach wenigen Tagen hörte der deutsche Insel-Staat auf zu existieren, die über etwa 150 Jahre verwurzelten Menschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verfrachtet und in aller Welt zerstreut. Rund 600 000 Einwohner hatte unmittelbar vor diesem Ereignis die deutsche autonome Republik an der Wolga gezählt. Aber nicht nur von der Wolga wurden die Deutschen vertrieben. Die Siedlungen im Kaukasus, in der Ukraine, um Moskau und Leningrad herum folgten. Bis an die 500 000 Russlanddeutsche verloren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in den sowjetischen Arbeitslagern aufgrund der Schwerstarbeit, Kälte und Hunger ihr Leben. Viele von ihnen wurden erschossen. In wenigen Monaten jährt sich das schicksalsträchtige Ereignis, die Vertreibung von der Wolga und der darauffolgende Genozid gegen die Russlanddeutschen zum 75. Mal.

Warum dieser kleine historische Exkurs?

Dankbarkeit gegenüber Russland zu zeigen, geschweige denn politische Loyalität, haben die Russlanddeutschen absolut keinen Grund. Die Mehrheit von ihnen kehrte nicht zuletzt aufgrund dieser historischen Ungerechtigkeit und daraus resultierenden Gefahr, ihrer Identität gänzlich verlustig zu gehen, dem sowjetischen bzw. russischen Staat in den 90er Jahren den Rücken. Russlands ursprünglicher Plan, die Deutschen mittels der Zerstreuung im ganzen Land ihrer nationalen Identität zu berauben, ging in der dritten Generation nach dem Krieg größtenteils in Erfüllung. Deutsch wurde in dieser Generation selten gepflegt (meist rudimentär zu Hause), Russisch wurde zunehmend zur Muttersprache. Moskau entschuldigte sich „bei ihren Leuten“ offiziell dafür bisher nicht. Entschädigungen gab es keine! Erst kürzlich, am 31. Januar 2016, revidierte Putin den Beschluss Jelzins aus dem Jahr 1992 über die Rehabilitierung der Russlanddeutschen. In diesem Beschluss war ursprünglich die Wiederherstellung deren Staatlichkeit innerhalb Russlands als ein wesetlicher Punkt im Prozess der vollständigen Rehabilitierung verankert. Putin machte mit seiner Revision die Hoffnungen auf Wiedergutmachung der Vertreibungen und der Verbannung der Russlanddeutschen in den 40er Jahren gänzlich zunichte.

Trotz der überwiegend russischen Sozialisierung kehrten die Deutschstämmigen dem totalitären Sowjetregime den Rücken nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen, wie es oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Traum von der wahren Heimat, von der Wiedererlangung der nationalen Identität und der Sprache, eines WIR-Gefühls – all dies waren relevante Faktoren, die in die Waagschale während des Entscheidungsprozesses für oder gegen die Ausreise nach Deutschland gelegt wurden.

Auch diejenigen, denen es wirtschaftlich relativ gut ging, gaben ihr geregeltes Leben, Häuser, feste Arbeit dort auf und emigrierten nach Deutschland, getrieben von der fixen Idee, von der Idealvorstellung über die Heimat. Sie brachten vor allem Loyalität und Dankbarkeit dem deutschen Staat gegenüber mit, das steht außer Frage, und selbstverständlich die grundsätzliche Bereitschaft, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Allerdings ohne die leiseste Ahnung davon, wie viel Kraft und Mühe ihnen dieser Prozess abverlangen würde. Man sollte niemandem unterstellen, dass er oder sie es nicht versucht hat. Einige gaben es zu schnell auf, oft rein räumlich in Wohnghettos gedrängt (wohl jede größere deutsche Stadt hatte ein „Kleinmoskau“ als inoffiziellen Stadtteil in den 90ern), fanden sie sich unter den resignierten Gleichgesinnten wieder …

War dies die Heimat, die sie sich zu finden erhofft hatten? Damals, als sie in der Sowjetunion ihre Häuser veräußert und ihre Koffer gepackt hatten? Nein! Und mal ehrlich: Wie groß ist der Anteil der Einheimischen, der die Deutschen aus der Sowjetunion für genuin deutsch hält und der ihnen das bisschen Deutschsein gönnt? Deutschrussen – das ist jedenfalls keine adäquate Bezeichnung, die sie je zufriedenstellen wird. Sie ist nicht förderlich für ihre Integration, und wird mancherorts sogar als Beleidigung empfunden.

Schubladendenken geht leicht von der Hand. Pauschalisierungen sind menschlich. Doch gehört es nicht zur primären Aufgabe der meist weitsichtigen Reporter, das Volk aufzuklären, statt Pauschalisierungen zu zementieren? Seit einem guten Vierteljahrhundert kämpfen die offiziellen Organisationen der Deutschen aus Russland (wie z.B. die Landsmannschaft) gegen das unvorteilhafte Image ihrer Volksgruppe an. Sie bemühen sich um Aufklärung und kommunizieren immer wieder sachliche Inhalte nach außen. Eins davon: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass die Deutschen aus Russland sich im Vergleich zu anderen Migrantengruppen durchaus erfolgreich integrieren. Bloß ein relativ kleiner Teil läuft Gefahr, von russischen Medien manipuliert zu werden. Auf der anderen Seite gab es seit der Ukraine-Krise wiederholt Versuche, die Russlanddeutschen aufgrund von Einzelfällen undifferenziert unter Generalverdacht zu stellen, dass sie allesamt Putinisten, also Putin-Anhänger und nun sogar tendenziell der rechten Szene zugeneigt seien. Es entsteht der Eindruck, als hätte jemand ein Interesse daran, diese Ethnie zum x-Male pauschal im ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Schon wieder einmal sind die Russlanddeutschen zum Spielball der Politik und der Medien geworden. Schon wieder steckt man sie in eine Schublade. Dort waren sie stets Faschisten, hier sind sie Putin-Anhänger und Russen. Ein Volk in der Schwebe, auf der ewigen Suche nach der Heimat.

Als Betroffener weiß ich zu gut, wie unsere Leute „ticken“. Ich weiß bestens um ihre Befindlichkeiten. Es gibt auch unter uns Menschen mit grundverschiedenen Meinungen zu allen wichtigen Fragen der Politik, wie es sich auch bei dem Rest der deutschen Gesellschaft verhält. Es handelt sich hierbei um etwa 4 Millionen Menschen (wenn man der Einwanderungsstatistik ab 70er Jahre den Glauben schenkt). Kaum jemand im Ausland käme doch ernsthaft auf die Idee, aufgrund der höchst ambivalenten PEGIDA-Bewegung, ganz Deutschland pauschal als rechtspopulistisch abzustempeln. Was die Russlanddeutschen betrifft, wäre eine ebensolche Differenziertheit geboten, will man sie nicht ganz an Russland verlieren. Die jüngsten Demonstrationen sind nicht repräsentativ und wurden nicht von offiziell bekannten und formal registrierten Organisationen der Russlanddeutschen veranstaltet.