Ein Buch von 1931 – Teil II

Die kurze Blüte im ukrainischen Zentrum sowjetdeutscher Literatur.
Annelore Engel-Braunschmidt

Beim letzten Mal ging es um die Machart des Sammelbandes sowjetdeutscher Dichtung von 1931, jetzt kommt der Inhalt dran. Dabei mache ich es mir sehr einfach und lese selektiv. Die Schmiede-Verse, die Anti-Moses-Verse und die Traraa-Kommunismus-ist-prima-Verse haben zwar eine eigene Kraft und Zielgerichtetheit, wirken auf mich in ihrer drängenden Beteuerung der kommunistischen Ideologie eher befremdlich und sind sicher nicht mehr zeitgemäß. Darum kann sich die vergleichende Literatur kümmern.

Kinderzeichnung aus der Zeitschrift „Tschish“ von 1931

Mir fallen eher die anderen Texte auf, die mundartlichen und satirischen Stücke aus der Feder von Hans Bachmann zum Beispiel und die erstaunlich zeitlose Kurzprosa von Gustav Brand.
Wie er schreibt, gefällt mir (abgesehen von einem schrecklich propagandistischen Schlafepos) und ist nicht besonders bejahend, könnte sogar als defätistisch gelten. Wenn ich Stalin wäre, würde ich ein Auge auf ihn werfen, oder zwei Gestalten schicken, die sich in seine Stube setzen, rauchen, die Kippen in der Untertasse ausdrücken und dann sagen, Nun, Genosse Dichter, so kommen Sie ma mit.

Dunkle Vergangenheit
Bin erstaunt. Wo es weniger ideologisch wird, sondern menschlicher und tragischer, wird’s richtig gut. Eine der Geschichten (Der fremde Gast) fängt zwar mit dem Satz an: Sonja Perwomaiskajas Leben der letzten zwei Jahre war ein einziger Rausch von Daseins- und Lebensfreude. S. 185

Doch, wie nicht anders zu erwarten, gibt es Untiefen, die schon bald diese Freude trüben und uns in Sonjas Vergangenheit und in die Welt von verwahrlosten Kindern führen. Millionen solcher Unbeaufsichtigter (besprizornye, besprizorniki), wie sie genannt wurden, haben nach den Wirren der Revolution und Anfang der 1930er insbesondere die großen Städte der SU bevölkert. (Später, aber das war lang nach dem Erscheinen dieses Bandes, kamen Kinder von Volksfeinden und Kriegswaisen dazu.)

Der Verfasser Gustav Brand, ist ein deutscher oder österreichischer Kommunist, der in ersten WK als Kriegsgefangener nach Russland kam und geblieben ist. Ich mag vielleicht übertreiben, aber einige seiner Beobachtungen oder Kurzprosatexte sind gestochen scharf, realistisch, zwar in Richtung Kommunismus geneigt aber (bis eben auf diesen einen Ausrutscher) nicht propagandistisch-dumpf.

Randnotiz: Jugendbanden verwahrloste Kinder der 1930er

Auf einer russischen Erinnerungsseite im Netz heißt es: Die Jugend vieler sowjetischer Kinder in den 1930er Jahren war schwerlich fröhlich und sorglos zu nennen. Viele von Ihnen kannten ihre Eltern nicht oder kamen in miese Gesellschaft. In solch großen Städten wie Moskau, gab es immer eine Unmenge von obdachlosen Kindern, die das Leben auf der Straße zu Kriminellen gemacht hatte. Je nach Schwere des Verbrechens konnten damals auch Zwölfjährige mit Strafen wie Erschießen oder Lager belangt werden. Politische Verbrechen wurden auch bei Kindern als sehr schwer angesehen.

In den Wirren der Revolution, der Verhaftungen und des Krieges landen viele Kinder auf der Straße

Metzle-Supp
Etwas heiterer kommen da die Schwänke des in der Ukraine geborenen Hermann Bachmann daher. Der Schwank, wenn denn die mundartlichen Kolonischta-Geschichtla von Bachmann als solche gelten dürfen, existiert als Genre in der modernen Zeit eigentlich nicht mehr. Er hat sich verwandelt. In etwas, das von früheren oder heutigen Stand-Up-Comedians auf der Bühne gezeigt wird. Der Text darüber wie die Elekrifizierung zu den Juchtalern kam, braucht sich hinter der Satire eines Gerhard Polt oder eines Hape Kerkeling durchaus nicht zu verstecken. Natürlich übertragen auf die Zeit und den beginnenden Sozialismus. Oder hat zumindest das Potential. Bachmann hat Ende der 20er Jahre den Linguisten Viktor Schirimunski bei seinen Sprachforschungen in den deutschen Kolonien begleitet, hat ihm assistiert und hunderte Lieder aufgenommen. Er hat nicht nur die Mundart, sondern auch die Mentalität der behäbigen etwas verpeilten Bauern gut wiedergegeben, ohne sie dabei bloßzustellen. So gut, dass er es sich mit der Macht verscherzt hat. 1933 wird er verhaftet und zu zwei Jahren Zwangsarbeit in Karelien verurteilt. In den Wirren des Krieges gelingt es ihm über den Wartegau nach Deutschland zu fliehen, wo er als Übersetzer arbeitet und 1951 in einem Altenheim in Wuppertal stirbt.

1931, Steinfeld, Molotschna Kolonie. Katharina Wall mit ihrem ersten Sohn Gerhard und Schwiegermutter auf ihrem Bauernhof. Foto erhalten von Aron Wall.

Seine in der Ukraine bereits 1929 erschienenen Beobachtungen „Durch die deutschen Kolonien des Beresaner Gebietes“ werden 1974 von Joseph Schnurr herausgegeben. Bachmanns Stücke enthalten viele Beispiele der Mischmundarten der RuDe und jede Menge Entlehnungen aus dem Russischen. Was schön klingt. Beispiele:

Isch des ämol ä Elend! Hasch gmoint, ‘s werd ämol ebbes besser (un ‘s isch ah schon besser worre!),  jetzt kommt do widder ä neies Unglick! Ja, un noch was fer ois! Wie ‘s noch nie net gwäe isch: d‘ Welt werd jetzt undergeh!!
S 74

Odder, sage mer, ‘s war Kirwe. Am Vormittag hasch andächtich d‘ Predicht angehört, wenns d‘net grad drbei eingeschlofe bisch, un am Nochmittag ä bissle ghuloit [von gulat‘, russ. für spazieren gehen], wenn d‘a mässischer Mensch warsch.
S. 78

Gegr Mittag isch‘r zum Fedjke gange, was ä schehner Traktier hat, un hat dort fer finfesiewezich Kopik [Kopeiken] ‘s Mittag gesse und owe druf noch Bier trunke.
S. 90

Die Geschichte „Wie der Krischtjanvetter von Dammelsdorf einen Bericht im Rayonszentrum abstattete“ ist auf Hochdeutsch gehalten, nur mit code-switching ins Russische und mit Begriffen aus dem neuen System.

Es klingt total urgemütlich, wie Bachmann hier russische Begriffe ins altertümliche Deutsch mischt. Manches erkenne ich: Portfeller (Brieftasche = Portfel = Portefeuilles), Rayonvollzugskommitee, der Frieder ist zwei Arschine und drei Werschok hoch, was alte russische Maßeinheiten sind. Aktiwischteversammlung gefällt mir auch ausgesprochen gut. Initzjatiwe und Demonschtratzje. Das sind so Wörter, sie es bei den Kolonisten früher nicht gegeben hat und so haben sie halt solche Lateinslavismen statt Hochdeutsch benutzt. Es macht großen Spaß, das zu lesen und sich vorzustellen, wie sie damals in diesen Flecken wirklich gesprochen haben. Denn diese Welt ist ja eigentlich ausgestorben und die Sprachen oder Dialekte mit. Manches werde ich wohl nie ergründen: Was ist Metzlesupp? Kennen die eingefleischten Russlanddeutschen sicher. Ich muss dagegen googeln. Das ist wohl eine Spezialität aus dem Schwabenland und aus der Pfalz. Wurst mit Wurst mit Wurst und mit Fleisch und ein bisschen Majoran. Alles vom Schwein. Ein Volkslied oder Schlager mit dem Titel: Metzlesupp aus der Pfalz gab es wohl auch mal. Soso. Metzlesupp heißt sie wohl, weil es das traditionelle Gericht nach der Christmette war an Weihnachten. Wieder was gelernt. Bei uns zuhause gibt’s Heiligabend polnischen Salat mit Würstchen. Auch eine Tradition.

Es gibt übrigens Lexikon der RuDe Mundarten online für die, die weiter nachforschen wollen:

http://prowiki.ids-mannheim.de/bin/view/Russlanddeutsch/RechercheHessisch#

Hier finden sich auch Tonaufnahmen, nicht nur der einzelnen Wörter, und was viel spannender ist, sind die Erzählungen in hessischer, schwäbischer, pfälzischer und nordbairischer Mundart oder uff Platt.

Perlgraupen grob

Schellenberg, der dieser Sammlung als Herausgeber vorsitzt, überzeugt mich dagegen nicht. In der Sammlung sind ja unter anderem Auszüge aus seiner längeren Erzählung „Lechzendes Land“ abgedruckt. Die Kapitel heißen: Gottgefälliges Kollektiv – Voreiliges Amen – Repitition.

Kinderzeichnung aus der Zeitschrift „Tschish“ von 1931

Sie handeln von der Kollektivierung in einem deutschen Dorf in der Ukraine. Die Schreibe Schellenbergs scheint mir zu sehr angepasst, seine Figuren sind gewollt typisiert. Der böse Nöpmann mit dem Pastor im Gefolge. Und wie er die Frau des Armbauern charakterisiert, nun, heute ginge das nicht durch. Sexlüstern und tiefgläubig zu gleich. Wo gibt’s denn sowas? Andererseits, warum nicht.
Die Fronten sind also glasklar, auf der einen Seite (A): der Pfarrer, die Großbauern oder Fahrunternehmen, die bigotten, vermeintlich gottgefälligen Frauen. Auf der anderen Seite (B): die einfachen, armen Leute, die viel gelitten haben und schlau und herzensgut sind.

Die Gruppe (A) versucht aus Profitgier das beste Landstück zu kriegen und muss dafür einige der Gruppe (B) überreden, mitzumachen, als Feigenblatt fürs Kollektiv sozusagen. Die Leute aus Gruppe (B), eine arme Witwe, ein Kleinbauer, ein Knecht, werden nicht nur benutzt, sondern auch übervorteilt.

Schellenberg beschreibt detailliert und erbarmungslos. Anders als bei Bachmann kommen seine Charaktere nur dann gut weg, wenn sie die richtige sozialistische Gesinnung haben. Die anderen werden schablonenartig gezeichnet. Zum Beispiel der Pastor:
Und sie schaute auf die dicken, feuchtroten, fettigen Lippen, von denen nun Sattheit und Trost fliessen sollten.
S 145

Viele Passagen enthalten starke Adjektive, fast schon flutartige Verwendung, die Witwe wird so beschrieben:

Mutter Sophies runzlige, von der Arbeit zerquetschten Hände wickelten sich bei den letzten Worten in die blaugestreifte Schürze und zerrten zuckend daran, die Finger verkrampften sich in den fadenscheinigen Stoff; dann schlug sie die Schürze vors Gesicht und erstickte einen Schmerzensruf aus schwacher, sorgenbeklemmter Brust, der, lange Jahre unterdrückt, durch verletzendes Tasten einer groben Hand hervorbricht und in tränenlosen Schmerz heiß durch alle Fibern gellt.
S 148

Das ist Drama. Stummfilmreif. Und immer sehr stark gebeugt zu dem Traum der Arbeiter und Bauern. Winke mit ganzen Zäunen, statt mit nur einem Zaunpfahl. Aber so war die Zeit und er hat sich eingefügt.

Nach diesen Kapiteln bin ich allerdings nicht sonderlich neugierig, wie es mit der Kollektivierung vorangeht. Zu klar und eindeutig ist die Richtung. Doch auch hier, wertvolles Zeugnis aus der Vergangenheit.
Die Perspektive ist schon auch spannend, denn die meisten Nachfahren der Kolonisten, die das erlebt hatten, erzählen die Geschichte aus der Sicht der rechtschaffenen, Bauern mit viel oder auch wenig Besitz, die enteignet und von den Bolschewisten ungerecht behandelt worden sind. Ich bin so scheints die einzige Person, deren Großonkel freiwillig zu den Roten übergelaufen ist, wenn man den Legenden glauben soll.

Resumee: zwischen den drängenden kommunistischen Vorzeigegedichten (Jetzt atme ich mit voller Brust! Vorwärts, ihr Gäule! Mit Adern voll Eisen, flüssigem, warmen usw.) und antireligiösen Motiven finden sich durchaus Schätze. Gekonnt und lesenswert. Derjenige, der mit bibelfesten Versen so gegen die Kirche und die Religion wettert, Franz Bach, wurde als junger Mann übrigens wegen gotteslästerlichen Aussagen aus dem Priesterseminar ausgeschlossen, bevor er sich bereits 1919 den Bolschewisten anschloss. Nützte nichts, am 20 November 1936 wurde er verhaftet, zwei Jahre später zu acht Jahren wegen antisowjetischer Agitation verurteilt. Er starb in einem Lager 1942. Nach seinem Tode wurde er rehabilitiert.

Rohrbach, Ukraine

Heute mögen uns diese Blüten sowjetischer Dichtkunst wenig zeitgemäß erscheinen. Die Systeme haben sich geändert. Ein offenherziges Vorwärts! zum Sieg der Arbeiterklasse mittels Literatur kommt uns falsch und sogar komisch vor. Aber auch unsere Zeit wird ihre Stilblüten und nichtssagenden Ideologien hervorbringen. Wenn wir die Texte herausschälen aus ihrem Agitprop, was bleibt dann übrig? Kraft? Rhythmus? Gute Beobachtung?

Es heißt, die Blüte der fruchtbaren russlanddeutschen Literatur in der Ukraine sei sehr kurz gewesen. Sie hat auch wenige Früchte hervorgebracht aus den bekannten Gründen. Sehr wenige Bücher haben überlebt, und leider Gottes haben auch sehr wenige Literaten und Literatinnen selbst Krieg, Verbannung und Arbeitsarmee überlebt. Und manche sind uns nicht bekannt, weil sie so abtrünnige Texte geschrieben haben, dass sie es noch nicht einmal in so einen Band geschafft haben.

Ich würde mir wünschen, dass es dieses Buch und andere seiner Art bald auch ganz öffentlich zu kaufen gibt. Vielleicht nicht als Faksimile, sondern als neuen Satz. Mit weißem Papier, ohne Verunreinigungen, ohne überflüssige Rechtschreibfehler oder hüpfende Zeilen. So, dass wir uns besser auf den Inhalt konzentrieren können.



Sammlung sowjetdeutscher Dichtung. Geordnet und eingeleitet von David Schellenberg (1931), Vorwort von Annelore Engel-Braunschmidt. Reprint OLMS Presse, Hildesheim u.a. 1990

Sommerlektüre: Tomaschewski holt Sie da schon raus

Marie Fürstin Gagarin
Blond war der Weizen der Ukraine
Bastei Lübbe 1991

Marie Fürstin Gagarina (Jahrgang 1904), eine russische Landadelige beschreibt ihre Kindheit und Jugend in Podolien bis zum Beginn des Bürgerkriegs und ihre Flucht nach Europa.

Ich finde das Buch in der Ferienwohnung, in der wir unseren Sommerurlaub verbringen. Ich freue mich, denke, das ist ein Buch, das mir liegen könnte, das mit meinen Themen etwas zu tun hat. Vielleicht lerne ich was dazu?

Wassilki hieß das Gut, auf dem Fürstin Marie aufgewachsen ist. Podolien ist ein Landstrich unter Wolhynien. Ukraine.

Die Zwillinge Angeline und Madelaine. Maries jüngere Schwestern.

Was auffällt: sie sind ganz andere Großgrundbesitzer, nicht so, wie ich sie mir vorstelle. Weder ihr Vater, noch ihre Mutter, noch irgendwelche anderen Verwandten sind hinterhältige Ausbeuter. Im Gegenteil.
Ihnen liegt das Wohl ihrer Untergebenen am Herzen.
Zugegeben, die Behausungen der Herrschaften und der Bediensteten liegen auseinander und ja, die Dienerinnen müssen das Essen den Hügel hinab über eine wackelige lange Holztreppe bringen, die im Winter lebensgefährlich ist, weil sie vereist ist.

Hüst, hüst, so manche Mahlzeit dauerte dadurch wohl länger, durch diese Kraxelei, aber alle, ihr Cousin, ihre Oma, ihr Onkel waren herzensgute Menschen und immer gut zu den Leuten.
Und die Revoluzzer: ein Pack von Banditen. Ohne Manieren. Und fürchterlich gekleidet.

Das wäre meine Zusammenfassung. Sie beschreibt es aber ausführlicher. Und sie, die wagemutige, fröhliche Gutsbesitzertochter kommt dabei immer gut weg. Sie waren die Opfer, ihnen wurde alles weggenommen, was angetan. Aus ihrer Sicht ist diese ganze Revolution eine einzige Sauerei und die armen Schlucker sind nur Diebe und Plünderer. Natürlich.
Was erwarte ich von einer Aristokratin? Wenn sie auch eher zum niederen Adel gehört. Denn, so wohlhabend waren sie wohl nicht. Besaßen wohl weniger als zehn Menschen.

Dieses Buch ist wie gesagt ein Ferienwohnungs-Inventar. Mein Vorgänger hat das Buch bis zur Hälfte durchgehabt. Das Lesezeichen steckte da noch drin. Ich komme bis zu der Stelle nach der Fotostrecke, dann stocke auch ich. Bei solchen Büchern interessiert mich als erstes die Fotostrecke.

Die Fürstin als Studentin in Tschernowitz im Alter von 22 Jahren

Hinten steht:

Sie verbringt eine goldene wenn auch karge Kindheit auf dem Landgut ihrer Eltern, das im Herzen Podoliens in Weißrussland liegt. Doch tapfer behauptet sich Marie in den Turbulenzen der Geschichte …

Meine Leute, meine Vorfahren, ein Teil davon zumindest, hat nicht soo weit von Marie der Fürstin Gagarin gesiedelt. Irgendwo weiter östlich, zwischen Kiev und Odessa.

Das Gespann der Familie vor ihrem Haus in Chotin

Aber sie haben diese Zeit sicher ganz anders erlebt.
Was ich aus den Memoiren der Fürstin für mich herausholen kann, diesem Zeitzeuginnen-Bericht, wie unsicher die Menschen in diesen Gegenden zwischen 1914 und 1920 gelebt haben.

Bolschewiki, Weißarmisten, selbsternannte revolutionäre Gruppierungen, ukrainische Separatisten, polnische Garnisonen in österreichungarischen Uniformen. Das bedeutete für die Anwohner Fahnenwechsel im Wochentakt.
Es gab auch viel Blutvergießen aus nichtigsten Anlässen. Die Namen und Abkürzungen der damaligen Zeiten sind schon bemerkenswert. Da kommt am Ende ein bolschewistischer Trupp an mit

einem Politkommissar

einem Komm-Polk (Regiments-Kommissar)

einem Komm-Bat (Kommissar des Bataillons)

einem Wojennij-Kom (Kriegskommissar) und schlussendlich

einem Polit-Ruk (einem politischen Leiter)

Als die Abordnung der Vorhut des 363. Regiments der roten Infanterie vor den Toren steht, denkt das Fräulein Gagarina lediglich daran, die Noten zu „Karneval der Tiere“ in Sicherheit zu bringen.

„…in unseren Ohren klangen diese Bezeichnungen eher komisch, doch sie passten recht gut zu dem Bild, das wir uns von der roten Armee gemacht hatten.“ Seite 305

Abgesehen von den hochtrabenden Bezeichnungen und der unverständlichen Abkürzungen war das Fehlen von angemessenen Uniformen wohl typisch für sie, sie waren alle „salopp“ gekleidet.

Spannend für mich, die in einer agnostischen, einer nichtreligiösen Zeit in der Sowjetunion aufgewachsen ist, sind die Beschreibung dessen, wie sie auf dem Gut die Feiertage begehen. Die Fastenzeiten nehmen einen großen Raum ein. Auch bemerkenswert, ein Pope, der zur roten Armee überläuft.

Ich lese diese Seiten mit einer Mischung aus wirklicher Neugier und unerklärlicher Abscheu. Eine Nähe zum Geschehen, ein Eintauchen will sich nicht einstellen, obwohl die Fürstin aus ihrem späteren Exil in Frankreich heraus alle Namen der Dienerschaft, der Orte, der Hunde und Pferde noch immer weiß. Auch die Namen aller Bekannten und Verwandten, auch der entfernt Verwandten und wie selbstverständlich die Namen der frechen Invasoren, der ganzen Kommissare. Gut, die haben sich ihr wohl eingebrannt. Aber das allein stellt keine Nähe her.

Auf mich wirkt Marie wie ein wildes, aber überhebliches Adelsfräulein, das es mit viel Glück und Chuzpe in den Westen geschafft hat. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewissenhafter Bericht, den die Tochter der Fürstin nach deren Ableben gefunden und veröffentlicht hat.

Mascha Meril über ihre Mutter: Sie war eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

Sie schreibt:

Das Leben der russischen Frauen war in früheren Zeiten – und ist es wohl noch heute – entbehrungsreich, doch für eine Aristokratin, die das Leben auf ein so bewegtes Schicksal nicht vorbereitet hatte, bewies meine Mutter im außergewöhnlichen Maße Kraft, Phantasie und Humor. Selbst unter drückender Armut war sie noch in der Lage, die Dinge mit spöttischer Distanz zu sehen, wodurch noch die trostlosesten Situationen unseres heimatlosen Schicksals erträglich wurden. Allein mit ihren drei Töchtern kämpfte sie wie eine Löwin, … Keine Wehmut, keine Klagen, bitte schön! wir müssen nach vorne schauen.

Sorry, aber angesichts der Wege und Leiden, die ich aus den Berichten unserer Leute kenne, rühren mich die Erlebnisse der Fürstin kein bisschen. Wahrscheinlich muss ich die Verhältnismäßigkeit sehen. Kann ich aber nicht. Nein, sie klagt nicht. Aber sie sieht alles nur aus ihrer eigenen Perspektive. Naja, aus welcher denn sonst?

Ein Kapitel des Buches ist eine Beschreibung des Frauengefängnisses in Rumänien, wohin Marie Gagarina durch einen blöden Zufall gekommen ist, und woraus sie, nach sage und schreibe zwei Tagen wieder frei kam. Ein Freund – Tomaschewski hatte interveniert. Und das war vielleicht das dunkelste Kapitel des Buches. Ihr ist die Flucht gelungen. Sie ist mit einem blauen Auge davongekommen. Und die Armut der späteren Jahre rührt wohl eher daher, dass sie einen aufregenden und gut aussehenden aber völlig zum Geldverdienen untauglichen Cousin geheiratet hatte. Und sich wieder scheiden ließ.

Wieso nehme ich sie und ihre Geschichte nicht ernst? Wieso nehme ich das Schicksal dieser ach so außergewöhnlichen Frau nicht ernst? Ich empfinde es angesichts dessen, was andere gleichaltrige Frauen, auch aus meiner Familie, erlebt haben, als einen abenteuerlichen Sonntagsspaziergang. Ich kann mir da nicht helfen. Das Gut haben sie verloren. Und Exilrussin in Frankreich zu sein ist sicher kein Zuckerschlecken in den Zwanzigern und Dreißigern des letzten Jahrhunderts. Wirtschaftskrise und Mittellosigkeit. Allein mit drei Kindern.

Warum bleibt mir beim Lesen dieses Buches ein schales Gefühl zurück? Ich ziehe Verbindungen zu einem Buch von Natasha Wodin und wie ihre Mutter die unruhige Zeit 1917 in Odessa erlebt hat. Ich vergleiche das Gelesene mit dem Roman „wir selbst“ von Gerhard Sawatzki. Dort fallen die Beschreibungen der Großgrundbesitzer und der Tagelöhner etwas anders aus.

Hier jedoch:

Sie brauchen nichts zu befürchten, Tomaschewski holt Sie da schon raus.“

Rühren in alten Töpfen, Markus Berges – Die Köchin von Bob Dylan

Jasmin Nickenig trägt immer nur Sneaker und T-Shirt. Sie war mal Literaturstudentin und ist irgendwie in das Kochbusiness reingerutscht. Da bietet ihr eine Freundin an, sie als Köchin eines alternden Rockstars bei der Tournee zu vertreten.

Wegen der privaten Einladung eines ukrainischen Oligarchen wird der Auftakt der Reise kurzerhand nach Jalta verlegt. Dieses Detail erweist sich als schicksalhaft, denn obwohl Jasmin selbst mit der Ukraine und der Sowjetunion nicht das Geringste zu tun hat, stammt ihre Großmutter Erna von der Krim. Als Angehörige der deutschen Minderheit kam sie in den Kriegswirren nach Deutschland.

Nach wenigen Tagen in der Ukraine bekommt die Köchin den Anruf eines unbekannten Mannes, der glaubt, mit ihr verwandt zu sein.

Spitzfindige unter uns würden sagen, dass ist nicht russlandeutsche Literatur. Stimmt. Denn Berges ist in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen und fällt selbst nicht in die Kategorie Aussiedler. Aber auch seine Oma gehörte zu der deutschen Minderheit in der Ukraine und er scheint sich nicht nur tief in die Materie eingearbeitet zu haben, sondern ist auch dort gewesen. Die Beschreibungen der Bazare und Straßen und die historischen Details zeugen jedenfalls davon.

Jasmins Erlebnisse in der Crew von Bob Dylan bilden den einen Strang der Geschichte, in einer zweiten Ebene gibt es Rückblenden in die Vergangenheit von Florentinius Malsam, der in Helenendorf, einem deutschen Dorf in der Ukraine aufwächst und von der Kollektivierung bis zur Besatzung durch die Wehrmacht alles hautnah miterlebt.

Typische Hochzeit in den 1930gern

Es hätte mit ein paar Abstrichen unsere Geschichte sein können. Der Autor beschreibt die Zeit des Hungers zum Beispiel so intensiv, dass ich die Lektüre mehrere Male unterbrechen musste. So nah ging mir das. Es tritt das plastisch vor Augen, was in den Familien nur noch bruchstückhaft kursiert. Es macht einen Unterschied das alles als Romangeschichte zu lesen, denn dadurch wird es seltsam real. Und es ist wohltuend das zu lesen. So als wäre die Geschichte unserer Leute, die eigentlich nie explizit auftaucht, auf einmal gültig. Als wäre sie wert, erzählt zu werden und nicht nur ein ewiges Jammern über verlorene Dörfer.

Vielleicht war diese Genauigkeit möglich, weil Berges selbst aus einer gewissen Distanz schreiben kann. Russki plocho muss seine Protagonistin in den Bazaren immer wieder sagen, sie hat zwar die Erzählungen der Großmutter im Ohr, aber sie wirkt auf mich eher unbelastet. Sie fragt sich zum Beispiel, woher der Mitreisende im Bus sofort „Chände Choch“ zu ihr sagt, als er sie als Deutsche erkennt.

Jetzt, hinten im Bus fragte Jasmin sich, woher er das kannte. Der Mann hatte ungefähr nach sechzig ausgesehen, eher jünger, war also Anfang der Fünfziger geboren, frühestens. „Chände choch!“ Er musste das von seinen von den Deutschen eroberten Eltern haben.

Irrtum, hätte ich Jasmin sagen können, wäre ich im selben Bus gesessen. Aus den unzähligen Kriegsfilmen hat er das, mit denen nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder in der Sowjetunion unaufhörlich indoktriniert wurden. Und bis heute werden. Die bösen Deutschen, Cheil Gitler und Chände choch gehört zum Repertoire der Menschen bis heute.

Auch die Passagen der 30ger und 40ger Jahre in der Ukraine zeichnet Berges sichtbar durch die Brille dessen, der in der BRD sozialisiert wurde. Was aber nicht stört. Er beobachtet genau, er hat genau recherchiert, bis hin zur Syntax und den Vokabeln, die auch mir bezeichnend für die hermetisch abgeschiedene deutsche Minderheit erscheinen:

Und als diese Schwäne vor den Vorhang getanzt gekommen sind zur Musik – wie Tupfen auf ihrem Kleid, hat sie gedacht, wie Tupfen, obwohl, die Tupfen auf ihrem Kleid ja rot waren – … Schließlich aber ist alles gut geworden und hat ein glückliches Ende genommen und alle haben jubiliert. S 25

Dann fing der Onkel vom Kolchos an, dass längst alle wären hineingezwungen. Den Ehresmann, den Hunkele, den Haberlach und den Mack Georg, auch deren gesamte Familien, die hätten sie ja noch abgeholt als Kulaken. Danach habe der Kolchos dann Zulauf gehabt. S 39

Er benutzt das Wort Muhme für Tante. Den Vornamen nach hinten zu setzen ist ebenfalls typisch. Für Russen und auch für die Russlanddeutschen. Manche machen das bis heute. Das einzige, was ich zu monieren hätte, an einer Stelle reden zwei Liebende deutsch in der Öffentlichkeit und zwar in der Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf. Das hat es meiner Meinung nach in der Stalinzeit nicht gegeben, Pakt mit Hitler hin oder her.

Straßenbahn von Odessa nach Lustdorf 1917

Schwarzmeerdeutsche Familie

Speisen, Tourerlebnisse und alte Familiengeschichten werden geschickt verwoben und es ist gut, dass der Autor als Mitglied und Texter der Band Erdmöbel sich in mindestens einem von diesen Bereichen sehr gut auszukennen scheint.

Ihm gelingen auch brillante Passagen zu den Themen Flucht und Vertreibung, Leid und Verlust. Insbesondere dort, wo die sogenannten Deutschländer, also die Reichdeutschen auf den Plan treten, wird die Beschreibung bis zur Ausdrucksweise der damaligen Zeit sehr authentisch.

Berges spart auch die sonst kaum benannten blinden Flecke in der Geschichte der Schwarzmeerdeutschen nicht aus, so werden die Wehrmachtssoldaten mit Freundlichkeit aber auch einigem Misstrauen in dem deutschen Dorf empfangen. Es gibt schon damals kulturelle Missverständnisse:

„Dass ihr Leutchen hier eure Namen immer verkehrt rum aufsagt. Ich heiße schon mein Leben lang Harald Finkchen. Zum Glück für dich einfach Herr Hauptsturmführer.“

„Kann ich euch was anbieten?“

„Und immer dieses ‚Euch‘ und ‚Ihr‘. Wer hätte das gedacht, Pluralis Majestatis ausgerechnet im Kommunismus. Wir ihrzen nicht mal den Führer. Ein Teechen mit Schuss tät ich nehmen, auch ohne Teechen zur Not.“ S 184

Und irgendwann kommt auch raus, woher die großzügigen Kleiderspenden für die Dörfler eigentlich stammen. Gänsehaut.

Die Verwirrung von einigen Leser*innen, die der Titel und der Covertext in die Irre geleitet hat, kann ich schon verstehen. Bob Dylan wird erst spät eingeführt und ums Kochen geht es auch nur marginal. Aber mir wurde ja das Buch von einer Kollegin wärmstens ans Herz gelegt, weil es um die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen geht, so hatte ich keine falschen Erwartungen. Wen Jasmin da wirklich antrifft und was es mit ihr macht, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.


Lesung und Interview mit Markus Berges auf der Buchmesse:

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rohwolt Berlin, März 2016,
€ 19,95,
ISBN 9783871347092, 286 Seiten

Kriegstourismus: Russlanddeutsche im Ukraine Konflikt

Habe ich es am Sonntag vor dem Tatort also richtig gehört: in den Tagesthemen wurde darüber berichtet, dass Aussiedler bei den Truppen der Separatisten mitkämpfen.
Die Meldung bezieht sich auf den Bericht der „Welt am Sonntag“ vom 15. März 2015. In den Zeitungen konnte ich zunächst folgende Formulierung finden:
Die „Welt am Sonntag“ hatte zuvor unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet, dass sich bereits mehr als hundert Bundesbürger den Kampfverbänden der prorussischen Separatisten angeschlossen hätten. Ein gutes Dutzend der Kämpfer mit deutschem Pass konnte die Zeitung demnach identifizieren, bei den meisten handle es sich um sogenannte Russlanddeutsche, etliche von ihnen seien ehemalige Bundeswehrsoldaten.
Das ist der Ausgangstext, den sämtliche Medien mehr oder weniger kritisch zitieren.
Weiter berichtet die WamS, dass sich der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach vor diesem Hintergrund dafür aussprach, zu prüfen, ob auch von Rückkehrern aus der Ostukraine „eine Gefahr für die innere Sicherheit ausgeht“. Es gehe ihm darum zu prüfen, ob diese Zahlen stimmen und ob man die Rechtslage nicht dahingehend ändern müsse, solchen Rückkehrern die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Der CSU-Innenexperte Stephan Mayer sagte zu dem gleichen Blatt: „Wenn Deutsche an Kampfhandlungen teilnehmen, sollte eine Strafbarkeit wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung erwogen werden“. Außerdem rät er, „zumindest im Falle der Doppelstaatler die deutsche Staatsangehörigkeit wegen der Teilnahme an einem Bürgerkrieg zu entziehen.“

Es lohnt sich diesen Bericht mal genauer anzusehen: http://www.welt.de/newsticker/news1/article138452090/Union-will-Klarheit-ueber-deutsche-Kaempfer-in-der-Ukraine.html

Somit ist wiedermal eine Diskussion auf dem Tisch, bei der laut einer ungesicherten Meldung Russlanddeutsche als potentielle Gewalttäter dargestellt werden. Herr Bosbach hat uns ja schon bei mehreren Gelegenheiten vor Russlanddeutschen gewarnt. Früher waren sie anpassungsunwillige Kriminelle, die sich mit der Russen-Maffia verbrüdern und nun mutieren sie zu schießwütigen Fremdenlegionären im Namen Putins.

Ich habe mich mal umgesehen, um welche Russlanddeutsche es sich genau handelt.

In einem Video wird russischer Militär zitiert, er redet von drei deutschen Kameraden. Übrigens gab es bei den konkreten Beispielen, die ich gefunden habe auch einen, der auf der Seite der Ukrainer kämpft.

Der einzige, der meiner Meinung nach zweifelsfrei ein Russlanddeutscher ist, ist der 33-jährige Vitalij P. aus Schweinsfurth. Obwohl er auch vielerorts einfach Deutsch-Kasache genannt wird. Er ist vor kurzem im Kampf getötet worden und wurde in Moskau beigesetzt. Welche Motivation er hatte, darüber kann nur spekuliert werden.

Vitalij P. starb am 12. Februar 2015 in der Ukraine

Über den Zweiten wissen wir mehr, sein echter Name ist mir nicht bekannt, in den Berichten über ihn, läuft er unter Dimitrij.
Ein 18-Jähriger Mann, der wahlweise als Spätaussiedler, wahlweise als Ukrainer bezeichnet wird und der im Februar beschlossen hat, sich den ukrainischen Truppen anzuschließen, nachdem er Bilder von der zerstörten Schule in seiner Herkunftsstadt und einem getöteten Lehrer dieser Schule gesehen hat. Er wollte nicht mehr tatenlos zusehen. Er lebt erst sei drei Jahren in München und seltsamerweise wurde er in der orthodoxen ukrainischen Gemeinde auf seine Reise verabschiedet. Aussiedler sind in der Regel lutherisch oder menonitisch, teilweise sogar katholisch. Vielleicht ist es ein Beispiel für die ökumenische Haltung der orthodoxen Kirche und ein Zeichen der Freude, darüber sich ein russlanddeutscher Mann für die Sache der Ukraine einsetzt.

Der dritte im Bunde wird manchmal als deutschspachiger Russe oder russischsprechender Deutscher bezeichnet. Seinen Namen erfahren wir nicht, nur dass er als Helfer in die Region gefahren ist, nach dem seine Schwester in dem abgeschossenen Flugzeug starb. Die Situation vor Ort hat ihn so radikalisiert, dass er zu den separatistischen Truppen gegangen ist und sich hat ausbilden lassen. Er hat in Deutschland gelebt, hat vermutlich einen deutschen Pass, weil er Angst hat, ihn nach seiner Rückkehr zu verlieren. Ob er ein Russlanddeutscher ist, kann man nicht erkennen.

Darüber hinaus tauchen einzelne Menschen und Vereine auf, die Hilfsgüter in die Ukraine schicken. Keine Waffen, aber militärische Westen und Medizin. Es handelt sich dabei nicht nachweislich um  Aussiedler. Ein bundesdeutscher Mann ist dabei, Alexander Harder, der mit einer Ukrainerin verheiratet ist.

Mein Fazit:  ob in Deutschland lebende Ukrainer, Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion, deutschsprachige Russen oder sogar Kasachen, sie alle werden wieder einmal in einen Topf geworfen. Und herauskommt der böse Russlanddeutsche in Camouflage und mit Glatze, der für Putin kämpft.

So relativiert auch die Zeitung Die Zeit: „Das Innenministerium hat hingegen ‚Hinweise auf einzelne deutsche Staatsangehörige‘, die sich im Separatistengebiet aufgehalten haben. Zu ihren politischen Motiven sei nichts bekannt.“

Dem deutschen Verteidigungsministerium liegen übrigens nach eigenen Angaben keine Informationen darüber vor, dass in der Ostukraine ehemalige Bundeswehrsoldaten im Einsatz sind oder waren. Das Auswärtige Amt erklärte dazu, es habe «keine belastbaren eigenen Erkenntnisse» über deutsche Staatsangehörige, die in der Ostukraine kämpfen.

Jetzt prüft die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, was an dieser Meldung dran ist und geht allen hinweisen nach. «Zureichende tatsächliche Anhaltpunkte» für eine in die Zuständigkeit der Ermittler fallende Straftat lägen bislang aber nicht vor. Mehr dazu auf der Seite der WAZ: http://www.derwesten.de/politik/karlsruhe-prueft-teilnahme-deutscher-am-ukraine-krieg-id10464092.html#plx774237471

In den Kommentaren aller dieser Onlineberichte werden auf mehr oder weniger hohem Niveau deren Richtigkeit oder die möglichen Folgen diskutiert. Aber am witzigsten fand ich die Aussage von cornflakes heute morgen: Ich sehe schon Frau Merkel vor der Presse stehen und erklären, das die dort nur Urlaub machen. Was ja – von der Sache her – nicht grundsätzlich falsch ist.

Realitäts-Check Ukraine

Was habe ich eigentlich erwartet, als ich letzen Freitag zum Abschlussfilm des russisch-deutschen Filmfestes gegangen bin? Vielleicht Klarheit? Es wurde ein Dokumentarfilm zu den Ereignissen in der Ukraine gezeigt und vielleicht habe ich gehofft, endlich zu verstehen, was da los ist.

Denn die bisherige Berichterstattung auf beiden Seiten hat mir nicht grade geholfen, ein klares Bild zu bekommen, es gab emotionale Ausbrüche, widersprüchliche Angaben und unterschiedliche Interessen, die aufeinanderprallten. Ich war verwirrt, wer nun das Bleiberecht hat und wer die Wahrheit sagt. Vielleicht dachte ich, ich setz mich in den Kinosaal und ein gutmeinender Onkel mit einer tiefen Stimme erklärt mir die Zusammenhänge und lässt mich das Geschehen chronologisch nachvollziehen. Eine Mischung aus Sendung mit der Maus und einer guten Nachrichtensendung, nur mit mehr Hintergrundwissen.

Aber so arbeiten die Macher vom realnost.com Kollektiv nicht. Proffessionelle Dokumentarfilmer mischen ihre Aufnahmen mit Beiträgen von Laien, Handyaufnahmen, wackelige, schlecht ausgeleuchtete Filmchen, die von den Leuten gemacht wurden, die mittendrin sind im Geschehen, ohne Abstand und draufhalten. Kommentarlos schneiden sie die verschiedenen Sequenzen nebeneinander, linke, rechte Flügel, Ukrainer, Russen, Kiev, Krim, es ist schwer, die Orientierung zu behalten.

Als erstes tanzt eine fröhlich aufgeregte Stundentenschar durch die Uni und skandiert revolutionäre Parolen, Leninstatuen werden von Sockeln gerissen, es ist eine riesige Party auf dem Maidan, mit Musik. Dann Schnitt.

Bilder einer Polizeimacht, die in ihren Blickdichten Superheldenanzügen mit Stöcken auf die Demonstanten einprügeln. Ende des Flowerpower.

Wieder ein Schnitt. Man sieht nur noch bullige Männer in Camouflageanzügen. Maskierte, Leute mit Fahrradhelmen. Er wird schnell, laut, blutig.

Ab jetzt sind die Kinder, die tanzenden Frauen nicht mehr dabei. Man merkt, wie die Bewegung sich schnell radikalisiert oder von kämpferisch Gesinnten an sich gerissen wird.

Anfangs treten noch vereinzelt Politiker in Erscheinung. Petro Poroschenko, der jetzige amtierende Präsident, vor zwei Jahren noch Wirtschaftsminister, redet beruhigend auf die Menge auf dem Maidan ein, versucht die Gemüter zu beruhigen. „Nimm die Maske vom Gesicht, wenn ich mit dir rede“, sagt er zu einem wütenden Angreifer. Er hat keine Berührungsängste. Zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht.

Bilder, die mich füllen, sprechende Bilder, nur, dass ich die Syntax und die Vokabeln nicht immer begreife. Was ist Berkut? Was ist ein Moskal? Das weiß ich noch nicht. Schnelle Wechsel. Der Orte und der Lager. Aber ich bekomme unvergleichliche Einblicke in die Realität oder die verschiedenen Realitäten dieser zwei Jahre. Uniformierte mit eckigen Gewehren, die Journalisten bedrohen. Offizielle Sprecher mit ihren leeren Parolen. Blut auf beiden Seiten. Junge Leute, die eben noch friedlich demonstrierend, anfangen Pflastersteine aus dem Boden zu reißen und sie Vermummten zu geben. Priester, die diejenigen, die den Präsidentenpalast stürmen, auffordern, sich an der Bar mit Snacks einzudecken. Stärkt euch nur, Kinder. Seltsame Gestalten, die diese Kämpfe hervorbringen, wenn ich jetzt Worte für sie gebrauche, werte ich sie. Ich versuchs. Ein seltsamer Heiliger, ein windiger Typ, der eben noch wachhabenden Omis ihre geklauten Tablets wiederbringt, aber im nächsten Moment das Haus von Lukaschenko stürmt und versucht ein Souvenir zu ergattern, geblendet von all dem Luxus. Letztendlich hat er sich einen goldenen Tannezapfen irgendwoher abgeschraubt und prahlt damit am Telefon vor seinen Freunden, und damit, dass er dem Präsidenten in sein Luxusklo gepinkelt hat. Im Getöse zeigt dieser Film aber auch Momente der Poesie, mitten im wüsten Kampf sitzt ein Mann am Flügel und spielt klassische Musik, er sei von der Gruppe Pianisten für den Maidan. Soldaten mit Bazookas in voller Montur, schaukelnd auf einem Spielplatz auf der Krim. Bunte Metallstäbe der Schaukeln, ein Kontrast. Zeitvertreiben und Warten gehört auch dazu. Eine Oma, die ein Plakat hochhält, wo drauf steht, „Besudelt nicht die Ehre Russlands“, wird ebenso niedergeknüppelt, wie der Mann, der schreibt, „Ich schäme mich, Russe zu sein.“

Und immer wieder ist der Ruf zu hören, Ehre der Ukraine, den Helden Ehre.

Was wir zu sehen bekommen, erstmalig in Deutschland, ist noch Rohmaterial. Gedreht von dem vermutlich einzigen russischen Dokumentarteam, das vor Ort war. Vor zwei Jahren waren sie wegen eines anderen Projekts in Kiev, aber die Ereignisse haben sich so schnell überschlagen, dass sie geblieben sind, um sie filmisch zu begleiten. Und weil diese Gruppe so arbeitet, Material von Anwohnern und Zeugen aufgreift, haben sie viele Aufnahmen zugeschickt, zugesteckt bekommen. Dieser Film ist bloß der erste Teil. Er wurde schon in Kiev gezeigt und ist sehr positiv aufgenommen worden. Am 16. Dezember wird er bei einem Filmfestival in Russland zu sehen sein. Man darf gespannt sein.

Der zweite Teil wird aus Interviews bestehen, und zwar von beiden Seiten, Russen werden ebenso zu Wort kommen, wie Ukrainer.

Nachdem ich diesen Film, zumeist mit weitaufgerissenen Augen und Hand vorm Mund verfolgt habe, bin ich noch immer verwirrt. Nein, nicht ganz, ich habe bloß kein geordnetes Gesamtbild erhalten. Ich habe ins Herz des Chaos geblickt. Aber es gab Momente der Klarheit, ich habe begriffen, dass es bei diesem Konflikt keine richtige Seite, keine ehrenvolle Position geben kann. Wenn also das auch kein klassischer Lehrfilm war, mit erklärenden Bildern, hat er mich doch bewegt. Ich habe nicht begriffen, wer recht hat, aber ein wenig davon, dass dieser alte Konflikt sehr tief greift und nicht mit Pauschallösungen und Parolen von Freiheit gelöst werden kann.

Die Filmer vom Kollektiv realnost.com muten ihren Zuschauern so einiges zu und die Diskussion nach dem Film war denn auch ziemlich hitzig. Es wurden Fragen nach der politischen Ausrichtung gestellt, danach, wer entscheidet, welche Sequenzen in den Film kommen und wie sie geschnitten werden, ein Mangel von Aufnahmen aus der Ostukraine, aus dem Donbas, ist aufgefallen. Tendenziell war der Film aus der Perspektive der Kämpfer auf der ukrainischen Seite eingenommen worden. Aber dass ein russisches Team hingeht und die Ukrainer ohne propagandistisch zu werden bei ihrem Kampf filmt, macht schon einen Unterschied, finde ich.

Wer das Web-Doku Experiment der realnost.com  Gruppe verfolgen möchte, kann das auch auf Facebook und Youtube tun. Dort sind auch einige der Sequenzen zu sehen, leider oft ohne Untertitel…
Hier ein Beispiel:

 

 

Russische Filme in Hamburg

In dieser Woche (noch bis zum 5.12.2014) läuft im Metropoliskino das 4. Hamburger deutsch-russische Kinoforum. Eine Kaleidoskop aus 22 Filmen, alten wohlvertrauten und neuen mit politischer oder soziokultureller Brisanz, die Schwerpunkte des diesjährigen Festivals sind: Retrospektive von Alexei German (1938-2013), „Ukraine“, „Frauengesicht“, „Große Beute – Festivalhits“, „Dokumentarfilme“. Alle Filme laufen im Originalton mit deutschen oder englischen Untertiteln.

Einer der Filme,„Haitarma“, der am Donnerstag, um 21.15 läuft, handelt von der Geschichte der Krim-Tataren und darf in Russland nicht gezeigt werden. Achtem Sejtablaew, der die Regie bei diesem Film führt, wird als Gast erwartet.

Begleitend zu den bewegten Bildern, zeigt Dimitrij Leltschuk eine Fotoausstellung mit Namen „Gastarbeiter in St. Petersburg“, die sich mit der Lage von Einwandern aus Ländern wie Georgien oder Usbekistan beschäftigt.

Zum Filmprogramm

Metropolis, Theaterstraße 10, beim Gänsemarkt, Eintritt 7 Euro.

Oriannes Fund

Da ist eine Frau. Orianne. Sie geht auf den Flohmarkt und findet Alben mit alten Schwarzweißfotos, die deutsche Wehrmachtsangehörige in den Jahren 1941 bis 1943 größtensteils an der Ostfront gemacht haben. Viele sind in der Ukraine oder in Ostpolen aufgenommen worden. Sie digitalisiert sie und fängt an, sie am Computer zu kolorieren. Sie stellt die Bilder für alle einsehbar auf einer Geschichts-Webpage zur Verfügung. Unzählige Bilder sind es, so kommts mir vor.

1941 Ostfront Russland

Menschen vor Holzhäusern. Frauen mit Kopftuch, die Männer in ihren langen Hemden. Furashki, oder wie heißen sie noch mal, diese typischen Schirmmützen?

Bauernmädchen in bestickter Schürze, barfuß. Ganz viele einfach barfuß. Auch im Winter. Manchmal sehen sie westlicher, weniger russisch oder ukrainisch aus. Männer, die in einer Schlange stehen neben einem Lastwagen. Männer im Unterhemd beim Kartoffelschälen, im Hintergrund ein Akordionspieler. Dann welche mit Aluminiumschüsseln in der Hand. Essensausgabe? Sind es  deutsche Soldaten, doch was machen die Kinder dazwischen, mit Hosenträgern, neugierig. Diese Bilder lösen bei mir viele Fragen aus. Jedes einzelne erzählt eine Geschichte. Aufnahmen von entspannten Menschen, Kindern, die in die Kamera lächeln. Romakinder, polnische Dorfjungs, ukrainische Bauernkinder. Wenn man näher ranzoomt, ist die Kleidung zerschlissen, es gibt Löcher und fleckige Stellen.Wenn ich mich doch besser auskennen würde mit den Uniformen, wie die Menschen damals in Polen oder in Weißrussland ausgesehen haben. Bestimmt kann man anhand der Kleidung und der Details viel herauslesen.
Ich kann die Bilder einfach nur aufnehmen und mit vorstellen, wie es damals war. Abseits der Front. In den Pausen. In den ganz normalen alltäglichen Szenen, die es auch gegeben hat in jenen Jahren. Unheimlich finde ich diese Bilder und irgendwie tröstlich. So seltsam banal.

Vielleicht, wenn diese Bilder verbreitet werden, erkennt jemand wen darauf. Das wäre doch ein Hammer. Ein zufälliger Fund auf dem Flohmarkt und jemand siehts sich im Internet an und sagt, hey, das Foto das haben wir auch, das ist doch Edik.

Danke Orianne, dass du das mit uns teilst! Hier ist nur eine kleine sehr willkürliche Auswahl. Es war nicht das letzte Mal, dass ich deine Sammlung besucht habe!

Hier noch mal der Link: http://geschichte-wissen.de/blog/bilder-der-zivilbevoelkerung-an-der-ostfront-1941/

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1941 Polen 1
1941 Polen

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1941 Ukraine
das ist unterschrieben mit: auf der Flucht

1941 Russische Bevölkerung tanzt
1941 Russland

1941 Russland September
was schreibt er da?

Russland 1941 Bahnhof
Bevölkerung, die am Bahnhof Nahrungsmittel eintauscht.

1941 Sologubowka St Petersburg Leningrad Russland
1941 bei Leningrad

1941 Ostfront Weissrussland

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Diese Kinder sehen aus, als wären sie unterwegs. Flucht?