Der Fall LISA oder Von welchem Planeten kommen die Russlanddeutschen?

Ein Gastbeitrag von Artur Böpple (Autor, Medienwissenschaftler und Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V. – siehe www.literaturkreis-autoren-aus-russland.de/ )

(c) Fotostudio Flentge, Herford
Artur Böpple – (c) Fotostudio Flentge, Herford

Der Fall LISA hat nicht nur die Gemüter der russlanddeutschen Community aufgewühlt, er rief sogar die Außenminister beider Länder, den Deutschlands und den Russlands, auf den Plan. Was geht in den Köpfen der Russlanddeutschen vor? Werden sie tatsächlich aus Moskau ferngesteuert?

Die russischen Medien üben einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung eines Teils der russischsprachigen Bürger in Deutschland aus. Das ist unumstritten, genauso wie die türkischen Medien auf die türkischsprechenden Bürger der Bundesrepublik. Die Frage ist, wie stark dieser Einfluss ist. Man geht heutzutage von etwa 20 bis 30 Prozent der Russlanddeutschen aus, die regelmäßig das russischsprachige Fernsehen schauen (laut Historiker Viktor Krieger). Es bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie die ihnen dort gebotenen Inhalte stets unreflektiert konsumieren.

Wenn man die Deutschen aus Russland verstehen will, muss man wissen, was diese Volksgruppe mit Russland verbindet. Ihre Vorfahren wanderten einst aus Deutschland nach Russland aus, an die Wolga, in den Kaukasus, ans Schwarze Meer, in die Ukraine und später nach Sibirien. Sie siedelten über lange Zeit in kompakten Kolonien, blieben meist unter sich, außer wenn sie Handel mit benachbarten Siedlungen und Städten trieben. Ein kleinerer Teil, die Intellektuellen, lebte unter anderem in den Großstädten Russlands, partizipierte am kulturellen Leben und betätigte sich ebenso in Lehre, Kultur oder Wissenschaft. Das überwiegend isolierte Zusammenleben der Russlanddeutschen hatte einerseits Vorteile – die Siedler konnten ihr Deutschtum, die kulturellen Traditionen und die Sprache über Jahrhunderte hinweg tradieren, auf der anderen Seite blieben sie in die russische Gesellschaft de facto nicht integriert. Zumindest so, wie man es heute versteht. Sie lebten in relativ homogenen Siedlungen, und scheuten die Mühe, Russisch zu lernen beziehungsweise sich in die russische Gesellschaft einzufügen, wobei das von ihnen damals nicht erwartet wurde. Sie waren Fremde „auf ewig“. Weil sie lange nicht fähig waren, ausreichend in Russisch zu kommunizieren, schob man ihnen bei lokalen Konflikten gern den „schwarzen Peter“ zu.

Zu massenhaften Verfeindungen zwischen den deutschen Siedlern und der russischen Bevölkerung kam es im Ersten Weltkrieg. Deutschland ging militärisch gegen das Russische Reich vor. Russische Kriegspropaganda arbeitete auf Hochtouren, was die ersten kollektiven Vertreibungen der deutschen Siedler, vor allem aus dem europäischen Teil Russlands, zur Folge hatte. Man schickte sie Richtung Sibirien. Doch das „Kernland“, die zahlreichen Siedlungen an der Wolga, wurden von diesen Vertreibungen kaum berührt.

Nach der russischen Revolution 1917 und noch während des Bürgerkriegs durften die Wolgadeutschen 1918, mit dem Segen von Lenin höchstpersönlich, ihr autonomes Wolgagebiet ins Leben rufen (ab 1924 Autonome Republik, ASSR). Es gab zahlreiche deutsche Schulen, Kirchen und weitere kulturelle Einrichtungen – selbst studieren konnte man dort bald auf Deutsch. Eine kleine deutsche Insel mitten in Russland. Die Russlanddeutschen konnten sich nach dem Bürgerkrieg, einigen Volksaufständen und Hungerjahren erst mal glücklich schätzen, solange die Moskauer Kommissare und Ideologen sie in Ruhe ließen. Die Autonomie wurde von stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren freilich nicht verschont. Aberhunderte – meist Intellektuelle, Autoren und Lehrer – verschwanden auf immer in den feuchtkalten, dunklen sowjetischen Kerkern. Das war jedoch noch nicht genug.

1941 markierte der Zweite Weltkrieg das Ende der blühenden Landschaften am Wolga-Ufer. Stalin bezichtigte die deutschen Anwohner – und zwar allesamt per Erlass in der Prawda – des Komplotts mit Hitler-Deutschland. Nach wenigen Tagen hörte der deutsche Insel-Staat auf zu existieren, die über etwa 150 Jahre verwurzelten Menschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verfrachtet und in aller Welt zerstreut. Rund 600 000 Einwohner hatte unmittelbar vor diesem Ereignis die deutsche autonome Republik an der Wolga gezählt. Aber nicht nur von der Wolga wurden die Deutschen vertrieben. Die Siedlungen im Kaukasus, in der Ukraine, um Moskau und Leningrad herum folgten. Bis an die 500 000 Russlanddeutsche verloren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in den sowjetischen Arbeitslagern aufgrund der Schwerstarbeit, Kälte und Hunger ihr Leben. Viele von ihnen wurden erschossen. In wenigen Monaten jährt sich das schicksalsträchtige Ereignis, die Vertreibung von der Wolga und der darauffolgende Genozid gegen die Russlanddeutschen zum 75. Mal.

Warum dieser kleine historische Exkurs?

Dankbarkeit gegenüber Russland zu zeigen, geschweige denn politische Loyalität, haben die Russlanddeutschen absolut keinen Grund. Die Mehrheit von ihnen kehrte nicht zuletzt aufgrund dieser historischen Ungerechtigkeit und daraus resultierenden Gefahr, ihrer Identität gänzlich verlustig zu gehen, dem sowjetischen bzw. russischen Staat in den 90er Jahren den Rücken. Russlands ursprünglicher Plan, die Deutschen mittels der Zerstreuung im ganzen Land ihrer nationalen Identität zu berauben, ging in der dritten Generation nach dem Krieg größtenteils in Erfüllung. Deutsch wurde in dieser Generation selten gepflegt (meist rudimentär zu Hause), Russisch wurde zunehmend zur Muttersprache. Moskau entschuldigte sich „bei ihren Leuten“ offiziell dafür bisher nicht. Entschädigungen gab es keine! Erst kürzlich, am 31. Januar 2016, revidierte Putin den Beschluss Jelzins aus dem Jahr 1992 über die Rehabilitierung der Russlanddeutschen. In diesem Beschluss war ursprünglich die Wiederherstellung deren Staatlichkeit innerhalb Russlands als ein wesetlicher Punkt im Prozess der vollständigen Rehabilitierung verankert. Putin machte mit seiner Revision die Hoffnungen auf Wiedergutmachung der Vertreibungen und der Verbannung der Russlanddeutschen in den 40er Jahren gänzlich zunichte.

Trotz der überwiegend russischen Sozialisierung kehrten die Deutschstämmigen dem totalitären Sowjetregime den Rücken nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen, wie es oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Traum von der wahren Heimat, von der Wiedererlangung der nationalen Identität und der Sprache, eines WIR-Gefühls – all dies waren relevante Faktoren, die in die Waagschale während des Entscheidungsprozesses für oder gegen die Ausreise nach Deutschland gelegt wurden.

Auch diejenigen, denen es wirtschaftlich relativ gut ging, gaben ihr geregeltes Leben, Häuser, feste Arbeit dort auf und emigrierten nach Deutschland, getrieben von der fixen Idee, von der Idealvorstellung über die Heimat. Sie brachten vor allem Loyalität und Dankbarkeit dem deutschen Staat gegenüber mit, das steht außer Frage, und selbstverständlich die grundsätzliche Bereitschaft, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Allerdings ohne die leiseste Ahnung davon, wie viel Kraft und Mühe ihnen dieser Prozess abverlangen würde. Man sollte niemandem unterstellen, dass er oder sie es nicht versucht hat. Einige gaben es zu schnell auf, oft rein räumlich in Wohnghettos gedrängt (wohl jede größere deutsche Stadt hatte ein „Kleinmoskau“ als inoffiziellen Stadtteil in den 90ern), fanden sie sich unter den resignierten Gleichgesinnten wieder …

War dies die Heimat, die sie sich zu finden erhofft hatten? Damals, als sie in der Sowjetunion ihre Häuser veräußert und ihre Koffer gepackt hatten? Nein! Und mal ehrlich: Wie groß ist der Anteil der Einheimischen, der die Deutschen aus der Sowjetunion für genuin deutsch hält und der ihnen das bisschen Deutschsein gönnt? Deutschrussen – das ist jedenfalls keine adäquate Bezeichnung, die sie je zufriedenstellen wird. Sie ist nicht förderlich für ihre Integration, und wird mancherorts sogar als Beleidigung empfunden.

Schubladendenken geht leicht von der Hand. Pauschalisierungen sind menschlich. Doch gehört es nicht zur primären Aufgabe der meist weitsichtigen Reporter, das Volk aufzuklären, statt Pauschalisierungen zu zementieren? Seit einem guten Vierteljahrhundert kämpfen die offiziellen Organisationen der Deutschen aus Russland (wie z.B. die Landsmannschaft) gegen das unvorteilhafte Image ihrer Volksgruppe an. Sie bemühen sich um Aufklärung und kommunizieren immer wieder sachliche Inhalte nach außen. Eins davon: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass die Deutschen aus Russland sich im Vergleich zu anderen Migrantengruppen durchaus erfolgreich integrieren. Bloß ein relativ kleiner Teil läuft Gefahr, von russischen Medien manipuliert zu werden. Auf der anderen Seite gab es seit der Ukraine-Krise wiederholt Versuche, die Russlanddeutschen aufgrund von Einzelfällen undifferenziert unter Generalverdacht zu stellen, dass sie allesamt Putinisten, also Putin-Anhänger und nun sogar tendenziell der rechten Szene zugeneigt seien. Es entsteht der Eindruck, als hätte jemand ein Interesse daran, diese Ethnie zum x-Male pauschal im ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Schon wieder einmal sind die Russlanddeutschen zum Spielball der Politik und der Medien geworden. Schon wieder steckt man sie in eine Schublade. Dort waren sie stets Faschisten, hier sind sie Putin-Anhänger und Russen. Ein Volk in der Schwebe, auf der ewigen Suche nach der Heimat.

Als Betroffener weiß ich zu gut, wie unsere Leute „ticken“. Ich weiß bestens um ihre Befindlichkeiten. Es gibt auch unter uns Menschen mit grundverschiedenen Meinungen zu allen wichtigen Fragen der Politik, wie es sich auch bei dem Rest der deutschen Gesellschaft verhält. Es handelt sich hierbei um etwa 4 Millionen Menschen (wenn man der Einwanderungsstatistik ab 70er Jahre den Glauben schenkt). Kaum jemand im Ausland käme doch ernsthaft auf die Idee, aufgrund der höchst ambivalenten PEGIDA-Bewegung, ganz Deutschland pauschal als rechtspopulistisch abzustempeln. Was die Russlanddeutschen betrifft, wäre eine ebensolche Differenziertheit geboten, will man sie nicht ganz an Russland verlieren. Die jüngsten Demonstrationen sind nicht repräsentativ und wurden nicht von offiziell bekannten und formal registrierten Organisationen der Russlanddeutschen veranstaltet.

Garten als Integrationshilfe

Mein Dauerthema, dass über Aussiedler wenig berichtet wird und wenn, dann nichts Gutes, hat wieder einmal ein Konter erlebt.

Ganz entspannt im hier und Jetzt
Ganz entspannt im hier und Jetzt

Im September erschien auf chrismon.de ein sehr einfühlsamer Artikel über Spätaussiedler in Kippenheimweiler. Da geht es darum, dass der Obervorsteher des Dorfes, den Neubürgern Erde zum Beackern angeboten hat und diese in ihrer Schrebergartenarbeit aufgingen, mit Räucherhütte und Sommerbett und Kindergeburtstag. Natürlich kann man nicht alle Probleme mit einer Parzelle Land für Tomaten und Radieschen lösen. Aber es ist ein guter Ansatzpunkt, denn Pflanzen können gelegentlich Mauern überwuchern, auch die in unseren Köpfen:

https://chrismon.evangelisch.de/comment/22584

Sieh an: auch das Sonderheft des ZEIT-Verlags zum Thema Russland (ZEIT GESCHICHTE 3/15 Die Russen und wir) widmet ganze zwei Seiten von 114  den Russlanddeutschen (eine davon ein riesiges Foto) und sie werden sogar kurz in zwei weiteren Artikeln erwähnt.

Oha, es wird sich doch nicht etwas ändern?

 

 

Spruch der Woche

Tha Master Himself
Liebte provokante Thesen: Laotse

Eine Zugehörigkeit ist dann gegeben, wenn ein Element einer Menge von Gegenständen mit einer bestimmten konstanten Eigenschaft zugeordnet werden kann, ohne dass alle Eigenschaften der Elemente der Menge gleich sein müssen. (A)

Laotse (6. Jhdt. nach Chr.)

Wenn wieder mal jemand zu dir kommt, der sagt, wie kannst du ein Deutscher sein, du bist doch in Kasachstan/im Kaukasus/in Sibirien geboren, dass lächele ihn weise an und antworte ihm mit genau diesem Satz.

Denn das, was Longzi oder Laotse da so elegant formuliert, führt zu dem Schluss, dass ein Russlanddeutscher sich natürlich zu den Deutschen zählen kann, auch wenn ihm 250 Jahre an gemeinsam erlebter Kultur und gemeinsamer Geschichte fehlen. Und auch die Sprachkenntnisse müssen, dieser schönen Definition nach, nicht identisch sein. Hauptsache, es sind hinreichend Eigenschaften gegeben, die sich gleichen. Und das tun sie auch.

In Wirklichkeit ist das alles viel, viel komplexer. Aber das kann man wieder nicht so schön in einen Satz packen.  Denn das war nur der erste Teil des Lehrspruchs.  Die Antithese lautet:

Zugehörigkeit ist nur dann gegeben, wenn ein Element einer Menge von Gegenständen nur dann zugeordnet werden kann, wenn alle Eigenschaften der Elemente gleich sind. (B)

Wird die Schlussregel A angewandt, so ist ein weißes Pferd ein Element der Menge aller Pferde. Wird die Schlussregel B angewandt, ist ein weißes Pferd kein Element der Menge aller Pferde, weil die Elemente dieser Menge die Eigenschaft weiß nicht besitzen.

Alle Klarheiten beseitigt? Dann gibt es ja keine Probleme mehr und wir können zum Tagesgeschehen rübertraben. Oh nein, lieber nicht. Zu komplex.

Glückliche Landung

Zum Buch „Planet Germania“ von Artur Rosenstern

Sie sind gelandet, auf dem schönen Planeten Germania. Die beiden Freunde Andrej und Murat begegnen sich in einem Sprachkurs in einer niedersächsischen Metropole, der erste ein Russlanddeutscher aus Kasachstan der zweite ein Kasache. Sie werden unzertrennlich und bewältigen gemeinsam die ersten Schritte in der neuen Welt mit all ihren Irrungen und Wirrungen.

Artur Rosenstern ist ein humorvolles Schelmenstück gelungen, bei dem die Helden unfreiwillig in scheinbar ausweglose Situationen stolpern, aber Dank ihrer unverbrüchlichen Naivität und einer Prise Glück aus jedem Fettnäpfchen heil wieder rauskommen.

Flurparties, Kaffeefahrten für Merinowolldecken und textilfreies Baden gehören ebenso zu ihren transplanetarischen Abenteuern wie der Besuch bei einem Psychotherapeuten. Ständig getrieben von dem Wunsch, es zu etwas zu bringen, sind sie am Ende um viele Erfahrungen und um so manche Erkenntnis reicher. Alle Zusammenstöße mit der neuen Wirklichkeit meistern die beiden Freunde mit einer gehörigen Portion Witz und Andrej kommt diesem gewissen Etwas in dem Spruch auf den Grund: „Hast du etwas, bist du etwas“. Und schafft es sogar am Ende ein waschechter Wessi* zu werden. In einem Keller in Königsberg/Kaliningrad wird es sogar richtig metaphysisch.

(*Die Geschichte spielt in den Neunziger Jahren, als man in DM bezahlte und sich noch Stücke aus der Berliner Mauer brach und als ganz viele Aussiedler nach Deutschland kamen.)

Der eine oder die andere wird sich beim Lesen an die Momente erinnern, wie es war, ganz frisch im neuen Land zu sein und dabei schmunzeln oder sogar auflachen, wie zum Beispiel als … Aber nein, verraten wird nichts, nur soviel, dass die Abenteuer der beiden Freunde in einem Duell der Weihnachtsmänner gipfeln. Einem blaugekleideten Ded Moros und einem von Gerhard Schröder gesendeten Weihnachtsmann im roten Gewand. Grandios. Aber jetzt verrate ich doch zu viel.

Ach, und das „Lied vom Freund“ von Wladimir Wyssotzki spielt an einer Stelle ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle, deshalb hier ein Link zu dem Video. Als kleine Hilfe für all jene, die nicht so gut mit diesem Singer-Songwriter vertraut sind, dass bei ihnen sofort die Melodie im Kopf erscheint, sobald der Titel erwähnt wird…

Und natürlich, nicht zu vergessen, der Link zu dem EBook von Planet Germania, voilá.

 

Das Buch wurde 2015 im Verlag „Die Bücherfüchsin“  übrigens neu aufgelegt und hat ein neues Aussehen bekommen:

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Und für alle, die es lieber oldschool mögen:
Artur Rosenstern, Planet Germania, Roman
180 Seiten | 12,5 x 20 cm | broschur |

Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2015

ISBN 978-3-940078-40-7
11,90 EUR

http://verlag.buecherfuexin.de/planet-germania/

Wer übrigens noch mehr über den Autor wissen möchte, hier seine Website: www.artur-rosenstern.de

Mythos von der mitgenommenen Generation, Nachtrag

Enklave. Ich muss wieder daran denken, was dieser Politiker in der Zeitung gesagt hat, dass sie sich abgrenzen, die jungen Aussiedler. Die Frage ist, ob diese Kids ohne es zu wissen, ohne es zu begreifen, sich in ihren kleinen Enklaven abkapseln, weil sie es übernehmen. Von früher. Nicht weil sie angeblich zu der mitgenommenen Generation gehören, sondern weil sie die Nachkommen sind. Nachfahren derjenigen, die sich schon immer außerhalb befunden haben. Seit Jahrhunderten schon. Außerhalb. Aber innerhalb ihrer eigenen sicheren Gemeinschaft. Mit festen Regeln und Gepflogenheiten. Das, was schon ihren Urgroßeltern bekannt war, das wiederholen sie. Ohne es zu wissen.

Prischiber_Kolonie
einmal Enklave – immer Enklave? Siedlungsflecken in der Prischiber Kolonie

Und natürlich kapseln sie sich ab, weil sie trotz einer deutschen Staatsangehörigkeit, durch den Landeswechsel Ausgewanderte sind, Migranten. Weil sie in ein Außen gedrängt werden. Mit einer Spaltung in sich. Muttersprache. Vatersprache. Kindheitssprache und die Spätersprache. Das Fremde soll eigen werden. Das Eigene wird als fremd empfunden. Von den anderen, die im eigenen Land leben und von diesem inneren Graben keinen blassen Schimmer haben. Das Eigene, dass jetzt fremd ist, soll abgelegt werden. Mach es einfach. Wie eine alte Haut. Sagen die selbsternannten Experten. Sagen die Heimischen, Kinder des Kalten Krieges, die die fremde Heimat fürchten, weil sie den Russen fürchten. Der scharlachrote Buchstabe ist tief eingebrannt in der Biografie dieser Jugendlichen. Er scheint durch, spätestens dann, wenn sie den Mund aufmachen. Daran würde ein ochsenstarker Mann zerbrechen. Wie soll ein unsicherer Teenager damit fertig werden?

Das große Schweigen, Teil zwei

Vielleicht habe ichs mit dem Wettern vor ein paar Tagen übertrieben. Aber es ist einfach so über mich gekommen, wie ein heiliger Zorn.

Noch eine gesammelte Scherbe: in einem Emailaustausch zu diesem Thema hat mir eine Freundin einen Link geschickt, ein Interview  mit der Tagesschau von 2011. Dort behauptet der Experte Reiner Klingholz zum Thema Aussiedler, dass „nichts über Aussiedler in der Zeitung steht, ist ein gutes Zeichen. Die Normalität interessiert ja oft keinen.“ Aber ich habe da so meine Zweifel. Nach einigen Tagen des Abkühlens und Nachdenkens noch immer. Wir kommen nicht vor, und das ist nicht gut.

Klingholz vergleicht die Situation der jetzigen Aussiedler aus der Sowjetunion mit den Polen, die einst in den Ruhrpott gekommen sind, um unter Tage zu arbeiten und von deren geglückter Integration noch heute die polnischen Namen, die häufig dort auftauchen, zeugen.

Pflaumenkompott und stolz drauf
Pflaumenkompott und stolz drauf.

Aber das ist wie Birnen mit Wassermelonen vergleichen. Oder mit Pflaumenkompott. Wenn wir den Vergleich schon weiterspinnen, dann müssten wir die Polen, die damals gekommen sind, in ein fiktives Deutschland versetzen, wo sie nach ca. hundert, hundertfünfzig Jahren in einem diktatorischen Regime genau wegen ihrer Herkunft in Arbeitslager gesteckt, in entlegene Winkel des Schwarzwaldes oder auf eine Hallig zwangsumgesiedelt werden und weitere siebzig bis achzig Jahre gewaltsam im Land festgehalten werden, ohne dass sie ihre Kultur offen leben dürfen und mit Beschränkungen, wie erschwertem Zugang zu Universitäten. Und wenn sie es nach Lockerung der Verhältnisse, nach über zweihundert Jahren schaffen nach Polen zurückzukehren, werden sie dort auf ihren deutschen Akzent reduziert und als Teutonen bezeichnet. So würde der vergleich zwar immer noch hinken, aber sich immerhin auf Krücken fortbewegen können.

Ich reite immer wieder drauf rum, auf der Verschleppung und dem Rest, ich weiß, aber diese Leidensgeschichte lässt sich nicht so leicht wegwischen. Auch mit Meister Proper nicht. Sie ist ein Teil der Identität und des seelischen Cocktails von uns Aussiedlern. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Wenn auch nicht immer nach außen getragen. Das werden Traumata ja nicht, sie äußern sich anders.

Außerdem glaube ich nicht, dass eine echte Integration bedeutet, zu verdrängen, was früher war und woher man kommt. Denn das ist ein Teil der Identität. Und das geschieht ja, wenn diese Dinge nie thematisiert werden. Und sowenig wie ein Aussiedler eins zu eins ein Russe ist, auch wenn durch die Sprache, einige leckere Gerichte und gemeinsam geguckte Zeichentrickfilme da eine gewisse Schnittmenge besteht, genauso wenig ist er eins zu eins gleichzusetzen mit den Einheimischen (oder den Hiesigen, wie mein Vater so gern sagt…). Eben wegen der drei oben genannten Sachen und einiger mehr, die in ihrer Sozialisation unterschiedlich waren. Es ist halt eine eigene Volksgruppe. Die sich natürlich im Laufe der Zeit, im Laufe der Generationen dem Land, in dem sie lebt, immer mehr anpasst. Wäre ja auch noch schöner. Aber auch eine mit ihrer eigenen Geschichte, ihren eigenen Vornamen, ihrer Auffassung von Familie und ihrem eigenen Ehrenkodex. (Nachtrag vom 30.10.: damit es hier zu keinen Mißverständnissen kommt: Aussiedler sind Deutsche. Sie sind nur nicht exakt wie die Einheimischen. Es ist vergleichbar mit dem Arm eines Flusses, der sich abzweigt und um eine Insel fließt, um danach mit dem ursprünglichen Fluss zusammen zustoßen. Ich habe das Gefühl hier ist ne sensible Stelle und ich muss mich vorsichtig ausdrücken.)

Bitte nicht falsch verstehen, es geht nicht darum, sich abzugrenzen und immer wieder auf sein Anderssein zu pochen. Oder von den Einheimischen darauf zurückgeworfen zu werden mit Fragen wie, ach, sind Sie dort auch mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren? (Die richtige Antwort wäre, nein, aber ein Teil meiner Familie ist dabei umgekommen, die Schienen dafür zu verlegen…)

Darum geht es mir überhaupt nicht. Sondern, dass gesehen wird. Wahrgenommen wird, was das genau für Menschen sind, die da mit ihrem mehr oder weniger gebrochenen Deutsch vor einem stehen. Woher sie kommen. Nicht nur geografisch sondern, wie drück ichs aus, stammesgeschichtlich und psychodynamisch vielleicht. Das Warum. Das Wie-ist-es-gekommen, dass. Das, Wie-kommst-du-damit-zurecht, dass… und nicht nur immer die ewige Frage nach dem woher und was du bist.

Und deshalb ist es notwendig, dass Filme wie „Nemez“ oder „Poka heißt Tschüs auf Russisch“ (wie, noch nichts davon mitbekommen? Ich hoffe, dass ich ihn irgendwann zu sehen kriege und auch mal besprechen kann.) einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Dass Literatur von Deutschen aus Russland von großen Verlagen gedruckt und ihre Geschichten in den überregionalen Zeitungen erscheinen und nicht nur auf einem kleinen blog am Rande der Betageuze. Und zwar ohne diese blöden Gangsta-Vorurteile, die übrigens eher ein Produkt der Presse sind und nicht der Wahrheit entsprechen. Aber das ist eine andere Geschichte und wird ein anderes Mal erzählt werden.

Integrationstest (Beta)

Bin ich gut integriert?

Bei aussiedler.blogspot.de kann jeder Aussiedler (und auch jeder Nicht-Aussiedler) den ultimativen Integrationstest machen. Ich habe ihn schon hinter mir und musste schmunzeln. Beim ersten Mal habe ich es  noch auf eine Prozentzahl von über 80 geschafft. Aber heute bin ich nur bis 42 % gekommen. Fast schon ein Grund, wieder auszuwandern.

Wenn man auf der Page landet, einfach nach oben scrollen, der Test ist der erste Text der Seite.

Ganze 15 Fragen zeigen an, ob man in Deutschland angekommen ist. Das ist eine einmalige Gelegenheit, auch für sogenannte Hiesige, mal zu prüfen, wie deutsch sie eigentlich sind.

Der blog ist einige Jahre alt, aber die Stories, die da noch drauf sind finde ich sehr erhellend und erheiternd.

Wer also außerdem wissen möchte wie …

– anno 2005 Gerhard Schröder Platz eins der Liste der berühmtesten Aussiedler belegte?

– ein gewitzter Aussieder fast eine neue Sprachreform angeschoben hätte?

– und Grigorij Samsonow sich über Nacht in einen Deutshcne verwandelt hat?

…kann sich auch die Geschichtensammlung durchlesen, die dem Integrationstest angeschlossen ist.

Lüstig.