Sibirische Kälte

Sobald sich eine Welle mit Schnee und Kälte über unser Land legt, wird von sibirischen Winden geredet, die uns angeblich heimsuchen. Dabei kommt sibirische Kälte bei uns hier im Norden Deutschlands nicht wirklich an. Und auch kein Schnee, höchstens ein paar Flocken.


Ist schonmal jemandem aufgefallen, dass in jeder Gruppe aus Russlanddeutschen mindestens einer oder eine aus der Gegend von Omsk kommt? Vielleicht bin ich besonders hellhörig in dieser Hinsicht, aber Tatsache ist, es stammen relativ viele von dort.

Weshalb ich darauf komme? Weil es einen Blog über Sibiriendeutsche gibt, der diejenigen anhand von Interviews und Portraits präsentiert, die in Sibirien leben oder aus Sibirien stammen.

Land und Leute aus einem besonderen Blickwinkel: http://sibiriendeutsche.tumblr.com

Ins Leben gerufen hat ihn eine junge Frau aus Österreich. Magda Sturm hat in Wien Vergleichende Literaturwissenschaft und Slawistik studiert. Und als vor einigen Jahren eine Stelle als Redakteurin (des Instituts für Auslandsbeziehungen) in Omsk ausgeschrieben war, hat sie sich kurzerhand beworben. Aus einem Jahr Aufenthalt sind nunmehr fast vier geworden.

Sie schreibt für deutschspachige Zeitschriften in Russland, arbeitet als Kulturvermittlerin und betreibt in ihrer Freizeit den Blog.

Viele Gesichter tauchen hier auf, viele Leben werden erzählt. Manche der Portraitierten halten die Kochkunst ihrer russlanddeutschen Großmütter in Ehren und machen ihrerseits einen Blog mit russlanddeutschen Gerichten, andere forschen zu ihren Wurzeln und wieder andere, meist die ältere Generation, erzählt aus einer vergangenen Epoche.

In einem Interview kommt aber auch der Hamburger Fotograf Jörg Müller zu Wort, den ein Fotoprojekt zu deutschen Auswanderern des 19. und 20. Jahrhunderts in das sibirische Dorf Litkowka geführt hat.

Seit mehr als zwei Jahren ist der nun Blog online und wächst stetig, seit Herbst 2018 ist er  kein reines Freizeitprojekt mehr, sondern ein offizieller Bestandteil von Magdas Arbeit für das Institut für Auslandsbeziehungen. Seitdem führt sie auch Workshops im Deutsch-Russischen Haus in Omsk durch: mit Schülern, Studenten und demnächst voraussichtlich auch mit Kindergartenkindern, die in dieser Institution Deutsch lernen.


Historisches, Kulinarisches oder einfach nur Menschliches ist auf dem Blog zu finden. Es ist spannend, dass unter den Deutschstämmigen in Sibirien eine Rückbesinnung auf die deutsche Kultur stattfindet und zwar auf die alte Dörfliche kultur ihrer Ahnen. Aus der Ferne wirkt es wie ein Kultur-Konzentrat. Vergleichbar einem dickflüssigen Sirup, wobei wir wieder bei Rezepten wären.

Russlanddeutsche Schnitzsuppe mit Trockenfrüchten. Foto: EckArtRezept (zum YouTube-Video)

Mini-Interview mit Magda Sturm

Magda Sturm 2017 bei einer Ausstellung über die Urvölker Sibiriens.


Ich fragte sie nach kulturellen Unterschieden, denen sie in Sibirien begegnet sei. Ihre Antwort:

Nachdem ich vor meinem Sibirien-Aufenthalt schon ein halbes Jahr in Krasnodar war, und Moskau und Sankt Petersburg besucht hatte, sind mir kulturelle Unterschiede nicht mehr so stark aufgefallen. Und je länger ich in Omsk lebe, desto schwerer fällt es mir auf diese Frage zu antworten. Bei meiner ersten Russlandreise schien mir schon, dass man in Russland im öffentlichen Raum erst mal reservierter ist, weniger lächelt und nur dann offener wird, wenn man jemanden besser kennt. Aber eine gewisse Grantigkeit sagt man ja auch den Wienern nach.

Am Anfang war ich es zum Beispiel nicht gewohnt, dass Telefonate so abrupt enden. Nach einem »Davaj, davaj« oder »Choroscho« ist schon alles gesagt. Ich habe am Anfang ein paar Mal irritiert aufs Handy geschaut, ob mein Gesprächspartner denn wirklich schon aufgelegt hat. Auch die E-Mails sind weniger ausgeschmückt, weniger Höflichkeitsfloskeln und Konjunktive. Der Inhalt beschränkt sich einfach auf die wesentliche Information. Und anfangs fand ich etwas gewöhnungsbedürftig, dass Männer Männern beim Grüßen die Hand reichen, es aber nicht üblich ist, dass Männer Frauen die Hand reichen. Aber inzwischen fällt mir das alles gar nicht mehr auf.  Mir sind in Russland jedenfalls schon viele sehr gastfreundliche Menschen begegnet.

Dass ich russischer geworden bin, glaube ich aber nicht. Ich bin nur insofern sibirischer, als ich in Österreich manchmal aus Gewohnheit viel zu warm eingepackt aus dem Haus gehe. Es ist schon etwas dran an dem Spruch »Ein Sibirier ist nicht jemand, der nicht friert, sondern jemand, der sich einfach gut anzieht.« Je länger ich hier bin, desto wärmer ziehe ich mich an.

Und auf die Frage danach, was sie mitnehmen wird, wenn sie wieder zurückkehrt antwortet sie:

Als Nicht-Kaffeetrinkerin gefällt mir die Teekultur in Russland. Seit ich in Russland bin, trinke ich viel lieber offenen Tee als den in Päckchen. Das macht schon viel Unterschied. In den russischen Cafés käme niemand auf die Idee eine Tasse heißes Wasser und einen Teebeutel zu servieren. Besonders die Teejurten in Sibirien mag ich. Ich hatte während meiner Zeit in Potsdam bei Berlin schon öfter die Tadschikische Teestube in der Oranienburgerstraße besucht. Die Atmosphäre dort fand ich einfach toll. Und die Teejurten in Omsk und Nowosibirsk sind auch sehr gemütlich, richtige Oasen. Man zieht die Schuhe am Eingang aus, sitzt auf dem Boden auf Polstern, trinkt Tee, isst Petschenje, hört ethnische Musik – dort kann man richtig gut entspannen.

In der Jurte. Foto: Magda Sturm

Man hört in der Omsker Teejurte zum Beispiel Musik von Radik Tyulyush, einem tuwinischen Kehlkopfsänger, den ich auch mal bei einem Konzert in Omsk gehört habe. Seine Musik und die seiner früheren Gruppe Huun-Huur-Tu gefällt mir sehr gut.

Obwohl mir als Österreicherin die Berge in Omsk und Umgebung fehlen, finde ich auch die Steppenlandschaft total schön. Es ist faszinierend, wie lange man mit dem Zug durch die Landschaft fahren kann und man sieht nichts als schnurgerade Straßen, endlos weite Steppe, nur ein paar Birkenbäumchen. Und ich mag den Winter in Sibirien mit dem vielen Schnee und Eis total gern. Ich nehme auf jeden Fall alle gefütterte Kleidung nach Österreich mit, die ich mir hier gekauft habe. Die trotzt auch mal minus 40 Grad.

Tee in einer Jurte. sehr sibirisch und sehr gemütlich. Foto: Magda Sturm
Kleines Extra zum lauschen, Sibiriendeutsche auf Deutschlandfunk

Gut einhundert Jahre nachdem die ersten deutschen Siedler nach Russland ausgewandert waren, wurde 1893 das erste deutsche Dorf in Sibirien gegründet. Es waren also schon Siedlungen da, bevor die Deportationswellen weitere hundertausend Menschen aus den Kolonien an der Wolga und aus dem Kaukasus und Repatrianten aus der Ukraine hierherspülten.

Ende letzten Jahres hat sich der Deutschlandfunk in einer Sendereihe mit Sibiriendeutschen beschäftigt. Einige sehr schöne Kurzfeatures von Frederick Rother sind hierbei entstanden. Wer möchte kann da reinhören, der Anmach-Button ist unten rechts am Foto. Ich hoffe, diese Sachen sind noch länger aus Sendung:

1. Das deutsch-russische Haus in Omsk

2. Bruno Reiter, Landrat im Gebiet Assowo

3. Alexandrowka, das erste deutsche Dorf in Sibirien

4. Eine deutsche Bäckerei in Sibirien

5. Sergej, der Rückkehrer

Mit Minus vier Grad herrscht heute keine sibirische Winterkälte bei uns. Es ist höchstens so, wie im Gebiet Omsk Ende Oktober.

Übrigens können die Sommer in Sibirien ziemlich heiß werden, bis zu 35°. Kontinentalklima eben. Aber wenn heuer wieder so ein heißer Sommer kommt wie letztes Jahr, wird sicher niemand bei der Wettervorhersage von sibirischer Hitze sprechen. So viel sei gewiss.

Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

funky Tundra

… and now for something completely different.
Diese Jungs rocken mit einer Parodie auf einen Bruno Mars Song den Polarkreis. Hot! Am besten finde ich die Stelle, wo sich der Sänger die Stiefel kämmen lässt.

ХОТУ УОЛАТТАРА (Chotu Yolttara) heißt der eisige Song und ist, soweit ich es richtig verstanden habe, die eigene Bezeichnung für das indogene sibirische Volk, das die Russen Tschuwaschen nennen.

Hier das New Yorker Original zum Vergleich:

Macht und Wort – Mitten im Sturm

Haben Worte, hat Poesie die Macht das Leben zu beeinflussen?

„Mitten im Sturm“ ist ein Film von 2009, nach den Memoiren der Dichterin und Literaturprofessorin Evgenia Ginsburg entstanden, die in der Zeit stalinistischen Terrors aus nichtigen Gründen verhaftet, in einem 7 Minuten Prozess zu 10 Jahren verurteilt und in einen Gulag verfrachtet worden war. Ohne Kontakt zu ihrer Familie. Bis auf den Brief, der ihr mitteilt, dass ihr ältester Sohn in der Leningrader Blockade verhungert ist.

Sie überlebt. Ständig kreisen Gedichte und Ausschnitte aus Büchern in ihrem Kopf. Auch für ihre Mitgefangenen rezitiert sie Verse und ganze Passagen klassischer Literatur in den trostlosen Baracken des Gulags. Ein Gedicht taucht immer wieder auf in diesem Film. Es ist „Man gab mir einen Körper“ von Ossip Mandelsam.


Zerlumpte Gestalten in einer
grauweißen Landschaft. Bisher habe ich darüber bloß gelesen oder Erzählungen gehört. Meine Großmutter, die Großtanten und andere Frauen der Sondersiedlungen wurden Sommers wie Winters in den Wald getrieben, um Holz zu fällen. Dieser Film gibt mir die Bilder dazu, mit Ton und in Farbe. Und er ist kaum auszuhalten für mich.

Russlanddeutsche Gefangene im Wald, Collage von Nikolaus Rode

Absurd finde ich den marketingtechnischen Zusatz auf dem DVD-Cover: Für alle Fans von Schindlers Liste, Das Leben ist schön, Der Pianist und Sophie Scholl.
Danke ergebenst. Werber! Besser wäre eine Warnung gewesen, wie auf den Zigarettenschachteln: Dieser Film könnte ihre posttraumatischen Erinnerungen ersten und zweiten Grades wieder hervorrufen.

Oder: Nur in Gesellschaft und mit einigermaßen stabiler seelischer Konstitution konsumieren. Machen Sie Pausen.

Oder: Lassen Sie es sein. Überlassen Sie die Auseinandersetzung mit diesem Thema der nächsten Generation. Wenn es nicht anders geht, halten Sie Taschentücher in Reichweite.

Ich habe Pausen gemacht und ich habe ihn bis zum Ende gesehen. Die Taschentücher habe ich vergessen.

Irgendein Feuilleton warf dem Film vor, für ein Melodram zu wenig emotional zu sein:
Für eine erkenntnisreiche, differenzierte Betrachtung von Geschichte ist der Film damit ebensowenig geeignet, wie er zum veritablen Melodram taugt. Dafür fehlt ihm schlicht die Emotionalität, was angesichts der geschilderten Schicksale schon eine erstaunliche Fehlleistung ist.

Es ist wahr, der Eindruck, der entsteht ist verhalten, kühl und vorsichtig. Ohne diese ruhige und distanzierte Betrachtungsweise hätte ich mir den Film überhaupt nicht ansehen können, ohne mich winden zu müssen, ohne dass sich mein Inneres so zusammenzieht, dass ich aus dem Raum fliehen muss.

Außerdem, was erwarten die? Was sollen die Leute im Lager machen? Ständig ausflippen, in Tränen ausbrechen, hysterisch lachen? Sie spalten ihre Gefühle ab, um in dieser unmenschlichen Umgebung überleben zu können. Emotionen müssen Pause machen, weil die Kraft nur zum reinen Lebenserhalt reicht. Ich möchte mal sehen, wie die Dame, die den Film zu kühl findet, es schafft im Lager sensibel und offenporig zu bleiben. Das Erlebte ist zu groß für Gefühle. Zu Schrecklich.

Umgekehrt. Die verhaltene Distanziertheit ist die Stärke des Films. Das leichte Zurücktreten und Betrachten. Dabei tut es dem Stoff gut, dass eine europäische Crew ihn bearbeitet hat. Eine Niederländerin als Regisseurin, eine Engländerin als Genia Ginsburg, deutsche und polnische Schauspieler*innen in weiteren Hauptrollen und den Nebenrollen.

Das schafft eine wohltuende Distanz.

Und vor allem tut es der Geschichte gut, dass sie von einer Frau inszeniert wurde. Aus der Sicht einer Frau. Wenn ich mir nur den Trailer eines anderen Gulagfilmes ansehe, Kraj (Landstrich, 2010) von Sergej Utchitel, wird mir vor lauter heroischer Muskelmännlichkeit und den verrohten Stimmen nur übel. Die Frauen dort sind bloße willfährige Opferobjekte. Die Männer protzen rum. (Hier könnte ich einen Emoji einbauen, der grüne Masse speit, weiß nur nicht wie.)

Ach, apropos Männer. Bei „Mitten im Sturm“ gibt es einen russlanddeutschen Arzt, dargestellt von Ulrich Tukur. Er ist Mitgefangener, kennt sich aus mit Heilkräutern der Tundra und Evgenija Ginsburg verliebt sich in ihn. Auch im waren Leben wurde Anton Werner ihr zweiter Ehemann.

Emily Watson und Ulrich Tukur als Genia und Anton

Es gibt sehr starke poetische Momente in diesem Film. Die niederländische Regisseurin Marleen Gorris arbeitet mit subtilen filmischen Mitteln und setzt Gegenstände gekonnt ein. Das rote Tuch, das rote Kleid, die Spiegelscherbe. Ihr wird Arbeitslager-Ästhetik vorgeworfen, aber für mich wird diese Umgebung greifbar und nah.

Pathos und Emotionslosigkeit. Das attestieren viele Rezensionen in Deutschland diesem Werk. Und dass es naiv ist, zu glauben, dass Gedichte in einer solchen Situation überhaupt Raum gehabt hätten und irgendeine Auswirkung. Also die Leute retten würden.

In einem Interview, das Nadeshda Mandelstam, die Witwe des Dichters in den Siebziger Jahren in Amerika gibt, sagt sie in etwa: Wer kann nach Dostojewskij noch an die Macht des geschriebenen Wortes glauben.
(Vermutlich meint sie, wie konnten solche Greuel geschehn, wo es doch schon Dostojewskijs Worte in der Welt geb.)

Beides ist wahr. Dichtung kann niemanden aus dem Gulag rausholen. Und dennoch kann sie es. Und wenn die Verse nur für einige Momente das Gehirn beschäftigen und ablenken.
Wie diese  zum Beispiel:

Man gab mir einen Körper

Man gab mir einen Körper – wer
sagt mir, wozu? Er ist nur mein, nur er.

Die stille Freude: atmen dürfen, leben.
Wem sei der Dank dafür gegeben?

Ich soll der Gärtner, soll die Blume sein.
Im Kerker Welt, da bin ich nicht allein.

Das Glas der Ewigkeit – behaucht:
mein Atem, meine Wärme drauf.

Die Zeichnung auf dem Glas, die Schrift:
du liest sie nicht, erkennst sie nicht.

Die Trübung, mag sie bald vergehn,
es bleibt die zarte Zeichnung stehn.

(Ossip Mandelstam)

Der Dichter war selbst ein Opfer der stalinistischen Säuberungsaktionen und starb 1938 in einem Lager bei Wladiwostok.

Infos und Trailer auch hier: http://www.mittenimsturm-derfilm.de/

Der ganze Film ist übrigens hier zu sehen. aber ich warne Sie. Nur im Zustand seelischer Ausgeglichenheit konsumieren. Und die Taschentücher nicht vergessen!

https://www.youtube.com/watch?v=75VM8EUyd0M

Viktor Heinz – In der Sackgasse

Der Hochschuldozent Willi Werner wird für eine unbestimmte Zeit in ein Moskauer Krankenhaus verlegt. Er muss das Bett hüten und findet endlich die Muße, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Währenddessen verändert vor den Fenstern die Perestroika alles, was er bisher gekannt hat.

Der Roman erzählt nicht nur das typische Schicksal eines Russlanddeutschen der Kriegs- und Nachkriegszeit in der Sowjetunion, sondern spiegelt auch die Literatur der Deutschen in Russland in den 60ger und 70ger Jahren wieder. Denn der Protagonist studiert Germanistik (wie der Autor seinerzeit) bei dem charismatischen Victor Klein am pädagogischen Institut in Nowosibirsk, trifft auf Autoren wie Sepp Österreicher und lernt bei einer Recherchearbeit den kauzigen Sprachforscher Andreas Dulson kennen. Diese Männer hat es auch in Wirklichkeit gegeben und sie waren wegweisend für die Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur in der Sowjetunion. Heinz‘ Figur schreibt selbst, publiziert in den damals regelmäßig erscheinenden deutschen Wochenblättern Neues Leben und Rote Fahne. Desweiteren macht Willi Werner Bekanntschaft mit KGB-Beschattern und Denunzianten und erlebt wie ein Studienfreund auf undurchsichtige Weise ums Leben kommt, weil er an einem Manuskript arbeitet, in dem es Stellen gibt, die „eine Zeitung oder ein Verlag wohl kaum drucken würden“ und die man „verschleiern und verschlüsseln [müsste], damit es nicht so augenfällig ist…“ S 191

Der Freund verschwindet bei einem Fest und wird nach Tagen mit zerschlagenem Gesicht aus dem Irtysch gezogen. Ein Szenario, das nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist. Nach Jahren des kompletten Schweigens in der russlanddeutschen Literatur waren die ersten Veröffentlichungen auf Deutsch ab 1957 eher unverfänglich. Naturbeschreibungen und dem Regime genehme pro-sozialistische Prosa. Werke, die das Erleben in der Verbannung und im Gulag zum Thema hatten, wurden untersagt und als nationalistisch gebrandmarkt. Wenn es sie gab, wurden sie nicht gedruckt. Einige der Manuskripte sind wirklich verschollen.

Die wohl stärksten Passagen des Romans beschreiben die Kindheit des Protagonisten in Sibirien. Willi und seine Geschwister wachsen bei der Großmutter auf, weil beide Eltern verhaftet und in die Trudarmia (Arbeitsarmee) eingezogen werden. Auch Stalins Tod ist ein neuralgischer Punkt und darf in diesem Buch nicht fehlen. So wie wir uns die Frage beantworten können, was wir am 11. September 2001 gemacht haben, so erinnern sich alle in Russland lebenden Menschen an den 5. März des Jahres 1953.
In der kleinen Stube, die gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche dient, steht ein Tisch[…], über dem in einem großen Rahmen ohne Glas ein bild von Stalin hängt […]
Unter diesem „Heiligenbild“ macht Willi nun seine Hausaufgaben. Sein Vater tritt auf leisen Sohlen an den Tisch heran, beugt sich über Willis Aufgabenhefte, greift mit zitternden Händen nach dem Rahmen und nimmt das Bild herunter. In seinem Gesicht steht leichte Erregung und beklemmende Angst geschrieben.

Wohin wollt Ihr‘s* hänge? Willi lässt nicht mal den Gedanken zu, dass man das Porträt einfach zum alten Eisen werfen könnte. Ihr wollt‘s doch net rausschmeiße?

Bei den letzten Worten zuckt der Vater zusammen und seine Stimme klingt rauh: Was fällt dir ein?! Es kommt in die Abstellkammer. Sag‘s aber keinem weiter! S 21


*russlanddeutsche Kinder haben damals die Eltern respektvoll mit ‚Ihr‘ angesprochen

Dieses russische Sackgassen-Schild wirkt irgendwie wie … Hammer und Hammer!

Ein Straßenschild und die pathetische Namensgebung der sozialistischen Nomenklatur hat den Autor zu dem Titel des Romans inspiriert: Die rückständigsten Kolchosen bekamen den Namen Morgenrot des Kommunismus oder Roter Sonnenaufgang. Die enge verwahrloste Straße im schmutzigsten Winkel der Großstadt hieß – man sage und staune! -Sackgasse des Kommunismus. Hatte der Mann, dem sowas eingefallen war, nur eine überschwengliche Phantasie gehabt oder war es ein Hellseher? S 8

Manche russische Straßen heißen wirklich statt Gasse oder Allee einfach Sackgasse, also Tupik. Nur am Rande, aber das hat Streetartkünstler Jahre später zu folgenden Umsetzungen verleitet:

Sackgasse der Zivilisation. Eine Streetart in einer russischen Stadt.

oder:

Sackgasse der Evolution. Scheint sogar das gleiche Haus zu sein…

Mir ist an der Sprache von Viktor Heinz etwas aufgefallen. Er verwendet nicht nur in diesem Buch oft Floskeln, scheinbare Worthülsen, die hier aufgewachsene Schreibende tunlichst vermeiden würden. Selbst in Dialogen.

Spucks schon aus… Bin gespannt wie ein Flitzebogen… verflixt und zugenäht… Wer die Wahl hat, hat die Qual…

Hier herrscht aber ein ganz anderer Kontext vor. Stellen wir uns vor, jemand ist weit ab von seiner Muttersprache aufgewachsen. Er lernt sie als Dialekt bei der Oma und später an der Uni kennen und schätzen. Er ist verliebt in Redewendungen wie Schlawiner oder sich den blauen Dunst vormachen. Für ihn sind das keine abgedroschenen Klischees, sondern Sahnebonbons. Es ist seine Liebeserklärung an die Bildhaftigkeit der deutschen Sprache. Seine Minne. Wir dagegen stolpern erstmal drüber. Außerdem tauchen an einige Stellen Russizismen auf:

… und steht nun vor dem Bücherberg wie die Kuh vor dem neuen Tor. S 170

Den Schlawiner sieht man Viktor Heinz glatt an…

Viktor Heinz schrieb das Buch 1996 als er bereits vier Jahre im Westen lebte. Er ist Mitbegründer des Literaturkreises der Deutschen aus Russland und hat neben Gedichten und Prosa auch ein Buch über die Mundarten der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion herausgegeben. Er hat viele Autoren und Autorinnen ermuntert zu schreiben, hat ihre Werke aus dem Russischen übersetzt und ist so etwas wie der Vater der russlanddeutschen Literatur hier in Deutschland. Heinz starb im Juni 2013.

Der Roman In der Sackgasse, Aufzeichnungen eines Außenseiters in Rußland wurde von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland als Taschenbuch verlegt und ist für 13,- Euro plus Versand über den Vereinsshop zu beziehen. Es kursieren aber auch antiquarische Exemplare, die weit mehr kosten. In den Buchhandlungen oder den Bibliotheken sucht man seine Werke eher vergebens. Das ist mehr als schade.

 

Unter der Zirbelkiefer: Heinrich Rahn – Der Jukagire

In der Taiga ist vieles möglich. So steht es an einer Stelle im Roman Der Jukagire von Heinrich Rahn.

Es ist die Geschichte des Waisenjungen Ivan Nickel, dessen Eltern (ein Volksdeutscher und eine Jukagirin, also eine Frau aus einem Stamm sibirischer Ureinwohner) als Volksfeinde verhaftet worden sind. Wir schreiben das Jahr 1946, noch ist Stalin an der Macht und sein Scherge Berija gebietet über den Geheimdienst.

In einen Unfall mit tödlichem Ausgang verwickelt, gerät Ivan in ein Straflager, wo er den Rufnamen Jukagire verpasst bekommt. Später begibt er sich auf eine abenteuerliche Odyssee durch den Nordosten Sibiriens, wird Schamane und erlebt allerhand Verwicklungen. Auch amouröser Art.

Ist dieses Buch ein Abenteuerroman oder eine Liebesgeschichte? Schamanische Praktiken kommen drin vor ebenso wie alte Jäger, sibirische Nomaden und Lagerhäftlinge. Eine Karl-May-Story im wilden Nordosten, so scheint es zunächst. Statt Siuox und Apachen tauchen Jakuten und Jukagiren auf, statt Cowboys sitzen Zobeljäger und ungehobelte Sträflinge am Lagerfeuer und statt Whiskey wird Samogon (= selbstgebrannter hochprozentiger Wodka) rumgereicht. Die Geschichten von Old Surehand und Winnetou drängen sich förmlich auf. Doch schreibt Rahn ohne den überheblichen Ton eines europäischen Eroberers und ohne die Erhöhung des Protagonisten ins Übermenschliche wie es beim Hilfslehrer aus Radebeul der Fall ist. Obwohl der Jukagire mit seinen gestählten Muskeln, seiner gelehrsamen Art und Herzensweisheit ganz schön heldenhaft daherkommt.

Holzschnitt mit einer traditionell gekleideten Jukagirin und einem Jukagiren. Im Hintergrund ein Ren mit seinem Jungen
Holzschnitt von Wladimir Istomin. Frühling, 1973

Die historischen Tatsachen blitzen zwischen den Erzählsträngen auf, Schicksale werden miteinander verwoben. Das Leben im Sibirien der Nachkriegszeit tritt plastisch hervor, aber wie im Märchen, wie in einem Mythos, ohne dass der Dreck und das Blut in den Vordergrund tritt. Es ist eher ein Holzschnitt als eine naturalistische Fotografie.

Buschige Zirbelkiefern, helles Moos, Bären und Elche spielen eine nicht unerhebliche Rolle in diesem historischen Pelz-und-Flintenpanorama. Der Autor kennt die Taiga nur zu gut. Seine Liebe zur Wildnis, zu den Tieren und dem Wechsel der Jahreszeiten wird auf jeder Seite spürbar. Die Kapitel winden sich von Polarlicht zu Polarlicht. Auch die Darstellung der Menschen in dieser rauen Zone scheint sehr authentisch. Sowjetstaat plus extremes Klima – das ergibt einen besonderen Cocktail.

Alte Jäger plaudern über Unerhörtes und über Gehörtes, verweben Erlebtes mit Legenden. Die Stelle, wo Matwej und Lukjan sich in der eingeschneiten Hütte unterhalten, gehört zu meinen Lieblingspassagen im Buch.
Lukjan strich sich wieder über seinen Schnurrbart und begann: „Marischa hat nun einen Geologen geheiratet und wohnt in Amurstadt. Ihr Vater, der alte Sachar, ist zurückgeblieben und lebt mit meiner Schwester zusammen.“ S 143

Die Geschichten der Minderheiten, ob von Russlanddeutschen, Tataren und auch der Urvölker Sibiriens werden unauffällig und ohne großes Lamento eingeführt.

Es gelingt dem Autor ein Spannungsfeld schaffen, über viele Seiten hinweg. Das ist seine große Stärke. Doch dann driftet die Story ab. Was wie ein Karl-May-Spektakel mit schamanistischen Einsprengseln anfängt, verwandelt sich in einen leicht chaotischen Konsalik-Thriller, um in einer fulminanten Doppelagentenstory zu enden. In der Taiga ist vieles möglich – aber doch nicht alles. Alle losen Fäden auf eine so abenteuerliche Weise zum Ende hin miteinander wieder zu verbinden, scheint mir sogar hier, im legendendurchtränkten Polargebiet, eher wenig wahrscheinlich. Aber im echten Leben gibt es sicher noch heftigere Zufälle.

Es gäbe da einen interessanten Konflikt, bei dem ich aufhorche. Die unter der Urbevölkerung verbreiteten schamanischen Bräuche sind ein Dorn im Auge der kommunistischen Partei und sollen unterbunden werden. Doch dann löst sich diese Diskrepanz aus heiterem Himmel wieder auf. Was ein tragendes Element hätte werden können, versickert sang- und klanglos.

Wenn ich die Lebensläufe von Ivan, Kina, Marischa und den anderen Figuren wie Fäden vom Geschehen abziehe, entdecke ich auf der Metaebene zwei Muster, die sich durchziehen.
Zum einen handeln diese Erzählungen von auseinandergerissenen Familien, verlorengegangenen Geschwistern und Ehemännern, behördlicher Willkür und abgebrochenen Lebensläufen. Zum anderen halten sich die Protagonisten und Protagonistinnen seltsam tapfer dabei. Sie bleiben stark. Zeigen ihren Schmerz nicht. Sie sind nicht zerrissen, sondern bewältigen den Alltag wie nebenher und schieben die erlittenen Traumata wie Spinnweben beiseite. Das ist erstaunlich. Oder auch nicht. Denn in der Generation derjenigen, die diese Verluste, Verfolgungen und Verbannungen am eigenen Leib erlebt haben, ist diese Verhaltensweise üblich. Weitermachen und Verdrängen. Und das Aufarbeiten anderen überlassen. Doch das ist jetzt meine eigene Interpretation. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Charakterisierung dem Autor genau so vorgeschwebt hatte.

Was hätte diesem fulminanten Reigen besser getan, ein Weniger an Plots oder ein Mehr an Seiten, um sie ausreifen zu lassen? An manchen Stellen wäre ein strengeres Lektorat wünschenswert, zum Beispiel auf Seite 169, wo es heißt:
Nach dem Trinken hörte man das knisternde Zerkauen von Sauerkraut als Nachspeise.
Achtung: Hier geht es nicht um ein Sauerkraut-Dessert, sondern es ist die Sakuska gemeint, das Stück Brot oder Salzgurke, das die Russen gern nach hochprozentigen Getränken hinterheressen – oder eben Sauerkraut. Das sind so typische Missverständnisse zwischen russischen und deutschen Begrifflichkeiten.

Es sind nur Kleinigkeiten, denn im großen und Ganzen liest sich der Roman mit seiner klaren und bildhaften Syntax sehr flüssig. An einigen Stellen, wenn es um das Liebesspiel geht, wirkt die Sprache allerdings leicht abgedreht und esoterisch. Aber in der Taiga mag vieles möglich sein, auch dass ‚die gemeinsamen Sehnsüchte aus einer erfrischenden, ewigen Quelle vollkommener Leidenschaft‘ erquickt werden. (S223)

Würde ichs noch mal lesen? Jeder Zeit.

Der Jukagire, Heinrich Rahn, Geest-Verlag, 2008
ISBN-13: 978-3866851344
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Das vergessene Buch

das vergessene dorf 1

Theodor Kröger – Das vergessene Dorf. Eigentlich steht auf dem Umschlag eher so etwas wie: Das vergeffene Dorf, denn der Titel ist in Frakturschrift gesetzt, eine Ausgabe von 1934. Gefunden habe ich es eher zufällig, als wir an den Bücherkisten vor einem Briefmarken- und Münzladen standen und in Wirklichkeit hat meine Tochter es mir vor die Nase gehalten mit den Worten: Mama, was ist das für eine Sprache?

Auf dem Innentitel lese ich als Unterzeile: Vier Jahre in Sibirien und darunter Ein Buch der Kameradschaft. Das ist doch was für die Scherbensammlerin. Der erste Teil heißt schon vielversprechend ‚In Ketten‘. Voll meine Linie, oder?

Ich nehme es also mit und bei der Netzrecherche finde ich heraus, dass der Autor Theodor Kröger unter dem Namen Bernhard Altschwager in St. Petersburg geboren und aufgewachsen ist und somit ein Deutscher aus Russland war und dass er 1913 nach seiner Uhrmacherlehre in der Schweiz selbst wegen Verdacht auf Spionage hinter den Ural verbannt wurde. Es steht nicht soviel über ihn im Netz und auch seine Romane scheinen vergessen zu sein.

Dabei war Das vergessene Dorf mit einer Auflage von mehr als einer Million und einer Übersetzung in 16 Sprachen zu seiner Zeit ein vielgelesenes Buch. Und Kröger ein Bestseller-Autor.

Theodor Kröger
Theodor Kröger als Autor in Deutschland sehr bekannt. Seinerzeit.

Aber das ist wohl die Krux an der Sache, in der deutschen Biografie auf Wikipedia ist von einer ‚dezidiert nationalkonservativen Richtung‘ die Rede, die dazu geführt hat, dass er im Dritten Reich ein anerkannter Schriftsteller war und nun faktisch nicht mehr gelesen wird.

Ein weiterer Bestseller aus seiner Feder, Heimat am Don wird mit über 300 000 Exemplaren an 28. Stelle in einer Liste der erfolgreichsten Bücher von 1933 bis 1945 geführt. Gleich vor dem Hitlerjungen Quex aber einige Titel nach Karl Mays Schatz im Silbersee.

In Krögers Werken finden sich antibolschewistische Tendenzen. Aber macht es ihn zu einem NS-Autor?

Interessant ist, dass das der Schmutztitel, die leere Seite am Anfang eines Buches, wo Leute ihre Namen hineinschreiben, herausgetrennt ist. Aus Scham? Oder einfach aus Gewohnheit, bevor man es an Unbekannte abgibt?

Auf dem Deckblatt ist ein Mann in Kriegsgefangenen-Kluft abgebildet und gleich hinter ihm einer mit einer russischen Rubaschka und Bastschuhen. Sieht nicht unbedingt aus wie das Verhältnis zwischen Herrenrasse und Untermensch.

Herausragend geschrieben ist Das vergessene Dorf nicht. Das verhindert wohl auch seinen nachhaltigen Weltrum. Kurze einfache Sätze, viele Plattitüden auch viele Vorurteile, die Asiaten mit ihren verschlagenen Blicken, die saufenden Russen. Passend für einen Bestseller.

Es ist mehr fiktiv als biografisch, eher ein Abenteuerroman im Stile des Altmeisters May. Old Surehand im Slawenland. Sogar eine von der Zivilisation vergessene Siedlung von hunnischen Ureinwohnern, die Kröger mit einigen Trappern (sie heißen wirklich so) entdeckt, erinnert an die Romane des Radebeuler Winnetou-Erfinders. Mit dem Unterschied, dass Kröger wirklich an den Orten gelebt hat, in denen seine Bücher spielen.

Pseudoautobiografiegeschwafel wird sein Buch an einer Stelle im Netz genannt. Aber Pseudo ist es nicht. Auch wenn er viel dazu gedichtet hat, anders als der Winnetou-Erfinder aus Radebeul, war Bernhard Altschwager wirklich in Gefangenschaft im Ural. Er ist Deutscher in Russland. (Nicht Russlanddeutscher, das ist ein Unterschied, das habe ich jetzt gelernt, diese Bezeichnung bekommen nur die bäuerlichen Siedler an der Wolga und in der Ukraine und deren Nachkommen. Die Altschwagers gehören zu den Kaufleuten, den Handwerker-Spezialisten, die sich in St. Petersburg und in Moskau ansiedelten. Sein Vater war Uhrmacher.) Also sollte er wissen, wovon er schreibt. Er ist im vorrevolutionären Russland aufgewachsen, er spricht Russisch. Und er steht als Autor nicht hasserfüllt dem Land gegenüber – anders als andere Bestsellerautoren der NS-Diktatur. Wohl aber lehnt er den Bolschewismus aus tiefstem Herzen ab.

Es gibt wenige Hinweise darüber, wann Kröger/Altschwager nach Deutschland kam. Irgendwann in der Weimarer Republik. 1934 erscheint das vergessene Dorf, 1941 geht er in die Schweiz, ’46 nach Österreich. Ende 1958 stirbt er in Graubünden.

Ich muss mich durchkämpfen, durch diesen Wälzer, und das nicht nur wegen der Frakturschrift, deren Sinn ich mehr erahne. Ich schaffe nicht alles in einer Etappe. Komme ins Stocken. Langatmig und unerträglich finde ich das Buch in seiner Ich-bin-besser-als-ihr-alle-Attitüde. Der Text ist voller vorgefertigter Sätze und Vorurteile. Der deutsche Hühne Theodor Kröger läuft lässig durch die sibirische Steppe und zeigt den Russen mal eben, wo der Hammer hängt. Trotz seiner untergebenen Position als Gefangener.

Besonders haarsträubend: als nach einigen Jahren die deutschen Kriegsgefangenen das Dörfchen Nikitino verlassen wollen, legt er den Dorfbewohnern folgende Worte in den Mund:

‚Wir haben euch aufgenommen wie unsere eigenen Brüder, haben mit euch unser tägliches Brot geteilt, haben mit euch immer im besten, ehrlichen Einvernehmen und und ungetrübtem Frieden gelebt, und euch unser bestes, mag es auch armselig und karg sein, gegeben. Ihr habt uns vieles gelehrt, aber ohne euch werden wir wieder in das immer Gewesene zurückfinden, denn wir haben noch nicht ausgelernt. Bleibt, Brüder, bleibt um Gottes willen, laßt uns nicht in unserer Unwissenheit zurück, habt Erbarmen mit uns…‘ Seite 522

Abgesehen davon, dass diese Worte wohl kaum ein Russe gegenüber einem Deutschen aussprechen wird, in der russischen Literatur geistert der übereifrige Typus des Штольц (Stolz) der den unbeliebten und anstrengenden Gegenpol des faulen Oblomow bildet. Die Darstellung der Überlegenheit der Deutschen in Russland bringt Kröger als Autoren in der nationalistisch aufgeladenen Zeit zwischen 1933 und 1945 einigen Ruhm und Ehre. Aber genau das macht wohl, dass er nach 1945 fast in Vergessenheit geraten ist: Das ‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen‘. 1960 hat seine Ehefrau auf Wunsch vieler treuer Leser posthum den letzten Roman ‚Natascha‚ publizieren lassen. Er schildert Krögers Leben nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Und in den Achtzigern wurden die alten Romane wieder neu aufgelegt, aber an die alten Verkaufszahlen konnten die Bücher nie wieder anknüpfen. Mit seiner Deutschtümmelei mit einer Prise Wild-Ost-Abenteuer trifft er den Nerv der damaligen Zeit. Was heute Leser als ’nerviges Treudeutschtum‘ bezeichnen, war damals gesellschaftstragender Konsens. Noch ein Aspekt: es war unter den Deutschen in Russland lange verbreitet, sich für zivilisierter, sauberer und tüchtiger zu halten als die einheimische Bevölkerung. Ob es nun Russen, Ukrainer, Tataren oder Kasachen waren. Eingekesselt in der Fremde war es für ihre Identität wichtig, sich abzugrenzen, sich nicht nur als Verlierer zu sehen, sondern etwas von der alten Heimat hochzuhalten. Und sei es die Akkuratesse. Bereits einer der ersten schriftstellernden Siedler an der Wolga, Graf von Plathen, hat ca. 130 Jahre vor Kröger offenbar Gefallen daran gefunden, die russischen Matkas und Batkas als rückständiges Bauernvolk anzuprangern.

Bei aller Überheblichkeit, die möglicherweise dem Zeitgeist zugeschrieben werden kann, ist wichtig, dass in diesem Buch eine brüderliche Beziehung zwischen den verschiedenen Völkern herrscht. Wenn auch nicht ganz auf Augenhöhe. Und somit dieses Werk nicht dezidiert einer völkischen Gesinnung zugeordnet werden kann. Tatarische Händler, ein ungarischer Geigenspieler (ein Sinti und Roma?) und der bärenstarke Russe Stepan, dessen Frau wie einer Madonna gleicht – sie alle sind durchweg positive Gestalten. Und auch der kleine Sohn Krögers, aus seiner Ehe mit der Tatarin Fayme, wird als schönes, kluges Kind dargestellt – nicht als minderwertiger Mischling, dessen man sich schämen muss. Der Autor wirft ein wohlwollendes Auge auf andere Völker, wenn sie sich an die Kastenregeln halten und seine Überlegenheit nicht infrage stellen.

Nicht ohne Grund steht heute herzlich wenig über ihn im deutschsprachigen Netz. Einige Zeilen, ein Foto, mehr nicht. Kurios: in Russland sind ihm viel mehr Seiten gewidmet.

2012 erscheint eine Auflage von Das vergessene Dorf  als «Забытая деревня. Четыре года в Сибири» in Russland. Dort wird es als ein Zeitdokument und ein Zeichen der Freundschaft und Völkerverständigung gehandelt. Keine Stimmen darüber, dass das russische Volk unterlegen dargestellt wird. Wer weiß, was der Übersetzer alles weggelassen hat. Vielleicht ist es dadurch besser geworden: ein harmloser Abenteuerroman mit historischem Touch.

In einer Analyse der bestverkauften Bücher des Dritten Reiches eines Münchener Instituts finde ich die These, dass es damals mehr als nur die beiden Kategorien Propaganda-, Kriegs- und Blut-und-Boden-Literatur auf der einen Seite, auf der anderen die Literatur der ‚Inneren Emigration‘ gegeben hat. Anders als es die Kritiker und Literaturwissenschaftler heute vielfach darstellen würden. Es gab einfach auch viele Bücher, die die Leute gern lasen. Vom Winde verweht, Herzschmerz-Romane und Abenteuerbücher. Kröger gehörte zu dieser dritten Kategorie.
Dadurch, dass das Buch früher ein Megaseller war, kursieren davon viele antiquarische Exemplare – für ein Appel und ein Ei. Und einige landen dann unbeachtet in die Grabbelkisten von kleinen Briefmarken-Läden.