Böses Blut

Ich habe mich nun so lang mit diesem Thema beschäftigt. Herkunft. Dieses: du gehörst hier hin, ich dahin. Und die gehören zusammen, die nicht. Dabei bin ich mehr als meine Herkunft.

Alles eine Frage des Blutes?

In anderen Zusammenhängen ist Blut, ist die Erwähnung des Blutes völlig unbelastet. Bei Vampirfilmen, da spielt Blut eine zentrale Rolle. Das Blut macht die Vampire unsterblich. Alles dreht sich darum.

Wenn es um indigene Völker, Ureinwohner Nordamerikas oder die Maori geht, ist Blutzugehörigkeit identitätsstiftend und positiv besetzt. Die Verbindung zu den Ahnen über das Blut ist eine kulturelle Eigenheit, gehört zur Tradition und wird nicht hinterfragt oder gar tabuisiert.

Da ist auch diese Rubinrot-Smaragdgrün-Serie. Ein  Zeitreise-Gen ermöglicht das Springen in andere Jahrhunderte. Der Clou: es sind Blutstropfen, die die Zeit-Maschine zum Laufen bringen und die beiden durch die Zeit reisen lassen. Ihr Blut macht Gwendolen und Gideon zu etwas Besonderem. Zumal sie auch noch Adelshäusern entstammen.
Die Geschichte ist zwar von einer Deutschen geschrieben, aber nach London verschoben. Im Film reden sich deutsche Schaupieler*innen mit Tante Maddie und Mister Börnhard an. Nur so funktioniert das. Nicht auszudenken, das Ganze würde in München spielen. Die Bedeutung des Blutes darf bei uns nicht hervorgehoben werden. Es ist verpönt, zu sagen, dass Blut Identität stiften kann.

Richtig so. Weil es eigentlich Unsinn ist. Blut ist bei allen rot. Rubinrot. Es gibt nur diverse Blutgruppen. Aber die sagen über den Wert und die Besonderheit eines Menschen nichts aus.

Es wurde in der Vergangenheit so viel Schindluder mit Blut und Boden getrieben, dass es nicht mehr geht, über Blutzugehörigkeit zu schreiben.

Deutsche aus Russland (in Folge DaR genannt) haben da Pech gehabt.

Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung wegen ihres Blutes, wegen ihrer Zugehörigkeit kommen sie nach Deutschland, das sie die Heimat der Vorväter nennen, und hier ist Deutschsein verpönt. TABU. Geschweige denn das Gerede über gleiches Blut.

Einmal im Leben möchten sie dazugehören, nicht mehr bespuckt, geschubst, übergangen werden, nur weil sie Deutsche sind, und nun das.

Das ist wirklich eine Ironie des Schicksals.

Fakt ist, wenn ich, als Bürgerin dieses Landes, anfange, über mein Deutschsein zu sprechen, wirkt es deplatziert und falsch. Wenn ich über meine Zugehörigkeit zur deutschen Ethnie schreibe, ist es falsch. Weil die Begriffe wie Ethnie und Rasse direkt im Rassismus münden. Weil sie im harmlosesten Fall ausgrenzend sind. Weil zu viel geschichtliche Schlacke dranhängt.

Und das ist auch richtig so. Der aufkeimende Nationalismus mit allen dazugehörigen Nebenwirkungen zeigt, dass Einteilung nach Ethnien eine Falle ist. Es hat nicht von der Hand zu weisende Gründe, dass ethnische Zugehörigkeit nicht die Rolle spielen darf, die sie vor 70-80 Jahren mal hatte.

Aber wie gehe ich damit um, wenn ich meine Herkunft ausloten will? Wenn meine Identität so mosaikartig zusammengesetzt ist, so zerrissen dass es ein Bedürfnis ist, da eine Linie reinzubringen? Wie benenne ich die Dinge? Wem schade ich damit?

Wie gehe ich damit um, dass es offiziell zwar egal ist, woher jemand kommt und wie jemand aussieht, dann aber einer meiner Liebslingsschriftsteller in „Tschick“ einen Aussiedler als Hauptfigur einsetzt, der Schlitzaugen hat und im Film von dem Sohn eines mongolischen Botschafters gespielt wird? (Weil die Castingagentur in Russland gezielt nach mongolisch aussehenden Aussiedlern gesucht hat und nicht fündig geworden ist. Das Ganze treibt so absurde Blüten!)

Wo ist hier die Grenze? Darf ich mich bei „Tschick“ über Rassismus aufregen? Darf ich Herrndorf Rassismus unterstellen, wenn ich sage Russlanddeutsche und Mongolen sind zwei unterschiedliche, ja was? Wenn ich nicht mehr Volk sagen darf. Sie sehen unterschiedlich aus.
Bin ich hier gleich die Rassistin? Er hat doch über Schlitzaugen geschrieben. Nicht ich.

Auf jeden Fall begebe ich mich damit in gefährliches Terrain. Es ist eine Gratwanderung.

Kann denn die Sehnsucht nach Anerkennung Sünde sein?

Obwohl die DaR eine wegen ihrer Ethnie ausgegrenzte Minderheit waren, dürfen sie also nicht auf ihre ethnische Zugehörigkeit pochen. Dabei ist die wichtigste Motivation einiger von ihnen: das Dazugehören zum großen Ganzen. Zum deutschen Volk. In Zeiten der Verfolgung war es der Faden, der Strohhalm, an den sie sich geklammert haben. Sie haben aus der negativen Zuschreibung als ‚Fritzen und Faschisten‘ für sich etwas Positives gemacht, mit akkurat auf Kante gestellten Kissen und Krebbele und Schnitzel-Suppen und Liederabenden.

Vor diesem Hintergrund herrscht in der Gruppe der DaR zumeist ein Unverständnis darüber, dass sie mit solchen Aussagen, mit solchen Begriffen wie Deutschsein, Heimat und Blutzugehörigkeit verbrannte Erde betreten.

Die Zugehörigkeit zu ihrer Volksgruppe gewinnt bei ihnen, und das wird aus der Geschichte der DaR nur zu verständlich, eine zentrale Bedeutung. Sie sagen, mia sin doch deitsch, anstatt zu sagen, wegen Ethnie, wegen diesem Scheißnationalitätenkram wurden wir schikaniert, super, dass es egal ist. Weg damit!

Das Deutschsein ist ihnen mit der Peitsche eingeprügelt worden, mit Feuer eingebrannt, mit Spucke ins Gesicht geschleudert. Das sitzt. Und plötzlich soll es egal sein?

Manchmal kommt es mir vor wie eine Art Stockholm-Syndrom. So wie Entführungsopfer sich mit den Tätern (oder in seltenen Fällen Täterinnen) identifizieren und deren Weltsicht übernehmen, haben die DaR das Prinzip der Blutzugehörigkeit angenommen und zu ihrem eigenen gemacht. Sie haben das, weswegen sie ausgegrenzt und deportiert, wie Sklaven behandelt wurden, endlich akzeptiert und in das eigene System integriert. Sie haben diese Mechanismen verinnerlicht und kriegen sie nicht so leicht raus.

Mia sin ja deitsch! Mia habe gelitte!
Und nun soll das nicht mehr gültig sein? Wie das?

Doch auf Ethnie ausgerichtetes Denken kommt hierzulande eben nicht an. Oder wird falsch interpretiert. Diejenigen, die in der Sowjetunion fälschlicherweise für Faschisten gehalten wurden, kommen hierher und werden ebenfalls in diese Ecke geschoben. Wobei es sicher wirklich DaR gibt, die rechtsradikal sind. Keine Frage.

Aber nicht alle sind so, nicht 2,4 Mio Menschen. Nicht alle, die sich in Archiven nach ihren Großeltern erkundigen, nicht alle, die in Russland mit einer Rührung im Herzen deutschsprachige Bücher gelesen haben.

Doch von der aufgeklärten Mehrheitsgesellschaft wird ein Kleben an der eigenen nationalen Identität nicht akzeptiert. Und Punkt. Und es wird leider nicht hinterfragt, woher das kommt. Also: Stempel drauf, fertig.

Vielleicht bin ich mit meinem Denken noch nicht am Ende, vielleicht täusche ich mich grundlegend. Bin blind und sehe nur das Naheliegende. Meine Leute. Das wird sich zeigen.

Die Gruppe und ich.

Die Unsrigen. Die Hiesigen. Die anderen.

Was habe ich mit denen gemein? Mit all den Aussiedlerinnen und Aussiedlern, deren Lebenszweck es ist, ein Häusle zu bauen und Kinder aufzuziehen. Wo Männer noch Männer zu sein haben und Frauen noch Frauen und vor allem Mütter, das heißt treusorgend, familienzusammenhaltend und sonst: hübsch aussehen und Klappe halten!

Was habe ich mit denen zu tun, die über Genderwahn ablästern und Asylsuchende unsere Goldstücke nennen?

Wenn und nicht das gleiche Blut verbindet, was dann? Eine Schicksalsgemeinschaft? Sind wir überhaupt verbunden? Wie?

Klar, ohne diese verwandtschaftliche Bindung wäre ich jetzt nicht hier, nicht das, was ich bin.

Also wieder: Identität. Herkunft. Sumpf?

Ein junger Journalist schreibt, ohne nationale Identität zu leben sei ok.

Vielleicht hat er recht, auch hier mögen Menschen unterschiedlich ticken. Ohne die Betonung auf Herkunft zu leben, mag möglich sein, für einige, die zu den Privilegierten gehören. Die was anderes haben, mit dem sie sich identifizieren können. Die das hinter sich lassen können. Die Herkunft, die Familie, den Stamm. Die von außen nicht immer wieder darauf zurückgeworfen werden. Dann ist es leicht, zu sagen, das alles kann mich mal.

Wenn ich will, kann ich auch so leben. Unbeschwert. Mir sieht und hört man meine Herkunft nicht an. Ich kann aufgehen in dem Teig, in der hellhäutigen, akzentfrei Deutsch sprechenden Masse mit dem richtigen kulturellen Background. Mein Vorname? Gut, eine Laune der Eltern. Niemand fragt nach.

Wenn du aber dunkel bist, schrägstehende Augen hast oder gebrochen sprichst, kommst du nicht so leicht davon. Wenn du einen türkisch klingenden Namen hast, wirst du immer darauf angesprochen, immer ausgeschlossen. Mal mehr mal weniger. Das habe ich in einem Büro mal erlebt, in dem ich Aushilfe war. Beim Mittagessen musste sich Bülent andauernd Witze über Türken und Ausländer anhören und hat gegrinst, war nicht auf Konfrontation aus. Dabei war er studierter Volkswirt und hatte anderes zu bieten, als nur sein Türkischsein. Darauf sind die Kolleg*innen leider nicht eingegangen. Heller Rassismus mit leichter Tendenz zur Bösartigkeit. Er hat es stoisch ertragen. Aber es hat sicher Spuren in seiner Seelenlandschaft hinterlassen.
Ich blieb unerkannt. Damals bin ich mit meiner Herkunft nicht hausieren gegangen. Habe die Füße still gehalten, den Kopf eingezogen, um nicht ins Visier zu geraten. Vielleicht gut so.

In einem ZEIT Artikel (29.11.2018) über Aggressivität standen einige spannende Dinge zum Thema Anerkennung und Ausgrenzung:

Noch wichtiger als der Testosteron-Kreislauf sei für aggressives Verhalten „die Sehnsucht nach Anerkennung und Teilhabe. Sie ist eine der stärksten Triebfedern des Menschen überhaupt.“

Weiter steht hier:

„Ausgrenzung schmerzt. Diese Erkenntnis stelle den ‚Durchbruch im Verständnis der menschlichen Aggression‘ dar, sagt der Neurobiologe Joachim Bauer. Denn Schmerz ist einer derjenigen Reize, die am zuverlässigsten Aggression auslösen. Und das gilt nicht nur für körperliche Wunden, sondern auch für seelische. ‚Fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe und Zurückweisung durch andere Menschen sind die stärksten und wichtigsten Aggressionsauslöser.‘“

Dann heißt es da noch, dass Jungen und Männer von der Demütigung, nicht dazuzugehören, am stärksten betroffen sind. Der Grund dafür liege in dem Idealbild, dass die Gesellschaft den Männern (und Jungen) aufzwingt.

„Wenn er der gängigen Erwartung nach besonders stark, autonom und dominant sein soll, schmerzen Geringschätzung oder Missachtung umso heftiger.“

Nun. Ich denke an all die Artikel der Neunziger und Zweitausender Jahre, die jungen Aussiedlern (ohne Gendersternchen diesmal!!!), die wild und aufsässig geworden sind, eine Nähe zu maffiösen Strukturen bescheinigt haben. Die sie als unzivilisierte Söhne der Steppe und als kulturell fremd diffamiert hatten. Sie wurden ausgegrenzt. Und haben aggressiv reagiert. Von wegen fremde Steppenvölker und ihre Unkultur!
Und jetzt stehen syrische und afghanische Männer an dieser Stelle.

Jetzt habe ich einen Schlenker in eine andere Richtung gemacht. Wut und Zugehörigkeit. Und kriege den Dreh zurück nicht mehr.

Macht nichts. Eigentlich gehört das alles doch zusammen.
Einerseits ist Identität und Zugehörigkeit etwas, das der Seele gut tut. Teilhabe, Integration in eine Gruppe, Frieden finden, sich selbst finden. Super Sache.

Andererseits kann es fatal sein. Ausgrenzend, demütigend. Für andere oder für dich, wenn sie dich ausgrenzen. Schmerzende Nichtdazugehörigkeit, die zu aggressivem Verhalten führt.

Diese Sache ist doppelbödig, ein zweischneidiges Schwert wie alles eigentlich. Ein Zuviel, ein zu starkes Festhalten an Herkunft und Gruppenzugehörigkeit kann Menschen zugrunde richten, blind machen. Aber ganz ohne zu leben, das schaffen nur wenige. Und selbst hier: ist es vielleicht eine Illusion, zu glauben, dass sie gut auskommen, ohne sich mit irgend einer Gruppe zu identifizieren. Und wenn es die Gruppe der absoluten Individualisten ist. Die auf sich auf ihre Weise alle gleichen.

Was mach ich jetzt damit? Ich meine, ich persönlich? Gedanken wälzen und versuchen, mich nicht zu sehr mit allen Aussiedlern und Aussiedlerinnen zu identifizieren? Wir haben viel gemeinsam. Uns berühren die gleichen Themen. Aber ich bin nicht = sie. Doch wenn ich mich mit ihnen befasse, komme ich nicht umhin, über solche Themen wie Identität, Herkunft und Ethnie nachzudenken. Und ringe darum, Worte dafür zu finden.

Ich gehöre über meine Familie zu den Deutschen aus Russland, ich habe es mir nicht selbst ausgesucht. Sie sind eine der Gruppen geworden, die mir am Herzen liegen. Weder gut noch böse. Einige aus dieser Gruppe finde ich ausgesprochen doof andere liegen mir, ticken wie ich. Total banal eigentlich. Aber ich darf diese einfache Erkenntnis nicht aus den Augen verlieren, sonst werd ich aggressiv! Und das gibt nur böses Blut…

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Unser Lädchen

„Erschießen muss man dich, auf der Stelle erschießen!“, schreit Vater. Die Augen treten ihm fast aus seinem roten, verschwitzten Gesicht. Die wenigen Strähnen auf seiner Stirn sind ganz durcheinander und kleben schweißnass an der Kopfhaut. Er reißt Flasche für Flasche aus dem Regal und wirft sie mit einer Kraft auf den steinernen Fußboden des Supermarktes, die sie ihm nie zugetraut hätte. Eine süßlich riechende Lache übersät mit zahllosen Glasscherben breitet sich neben dem Regal aus. Sein neuer Hut liegt mitten in der Pfütze.

Melitta seufzt. Vielleicht hätte sie ihn doch zu Hause lassen sollen, als sie noch schnell los ist, um etwas für Silvester zu besorgen.

Dabei hat er schon seit heute Morgen so verloren und nervös gewirkt, dass sie dachte, es würde ihn auf andere Gedanken bringen, wenn er mit zum Einkaufen kommt. Morgen ist der 31. und natürlich hat sie noch nicht alles eingekauft. Sie ist eben nicht eine отличная хозяйка, eine perfekte Hausfrau, wie ihre Schwägerinnen, wie eigentlich alle in ihrem direkten Umfeld. Bei ihr jedenfalls bersten die Kühltruhen und Schränke nicht schon seit Tagen vor Lebensmitteln und es ist nicht alles bis auf die letzte kleine Erbse vorbereitet.

Außerdem hat sie gestern mit einem Blick in den Spirituosenschrank festgestellt, dass sie weder Schampanskoje noch Wodka-Flaschen haben, die noch nicht angebrochen sind. Seit sie in einer eigenen Wohnung leben, haben sie diese Schrankwand im Wohnzimmer mit einem verschließbaren Fach, extra für Wein und Knabberzeug. Früher in Krasnojarsk standen die Flaschen einfach oben auf dem Küchenschrank, sodass die Kinder da nicht drankamen. Oder sie standen nicht, sondern wurden von den Besuchern gleich mitgebracht, bevor sie geleert wurden. Im Winter hatten sie alles, was gekühlt werden musste auf dem Balkon deponiert, der mit seinen Glasfenstern und Sperrhölzern wie ein selbstgezimmerter Wintergarten aussah. Melitta erinnerte sich an all die Silvester, die sie damals gefeiert hatten, mit dreißig Leuten in der kleinen Zweizimmerwohnung. Das waren Feste gewesen! Sie blickt auf die zwei fast leeren Wodkaflaschen, die noch vom letzten Fest übrig geblieben sind und die Flasche mit georgischem Weißwein. Sie selbst trinkt diesen süßen Wein sehr gern und kann nicht verstehen, wie Menschen trockene Weine oder Bier runterkriegen können. Eigentlich wäre es Olegs Job, für den Alkohol an Silvester zu sorgen, aber seine Firma steckt gerade mitten in einem Umzug und er hat einfach nicht den Kopf frei dafür. Also wird sie sich darum kümmern müssen.

Dieses Jahr werden sie das Neujahr mit dem Vater verbringen. Die Kinder sind bei Freunden, sie und Oleg feiern zu Hause wie in den letzten Jahren zuvor mit Lida und ihrem Mann und mit Mischa, Olegs Kumpel, den er noch aus seiner Ausbildung kennt. Sie hat schon die meisten Zutaten für den Salat Olivier. Einen Venaigrette-Salat will sie auch noch zubereiten und Hering im Pelzmantel machen. Das übliche eben. Sie werden sich am frühen Abend ‚Ironie des Schicksals‘, den sowjetischen Silverster-Kultfilm von 1976 ansehen. Hoffentlich hat Olegs Vater da nichts gegen. Kann sein, dass er die Nase rümpft, denn der Film ist ja eine rein russische Tradition. Soll er doch. Sie kann ihm sein Neujahrsfest ja nicht so gestalten, als wäre er noch in seinem Dorf am Molotschna-Fluss. Nein, sie feiern so wie immer. Nach dem Essen wird Mischa seine Gitarre herausholen und sie singen einige Lieder von früher, auch auf Russisch. Und nach Mitternacht werden sie auf ihren Balkon treten, der ganz ohne die Verkleidungen auskam, und sich das Feuerwerk ansehen.

Ganz wichtig: gesüßte Kondensmilch.

Die anderen werden sicher auch die eine oder andere Flasche mitbringen, doch es geht nicht an, dass der Schrank komplett leer ist. Also fährt sie noch mal los zum Stadtrand, Schampanskoje und Wodka holen. Dort zwischen den Hochhäusern, direkt an der Zufahrtsstraße zur Autobahn, befindet sich Nascha Lawka (Unser Lädchen), eine Filiale der russischen Supermarktkette, wie es sie außerhalb der Zentren mittlerweile überall gibt. Malossoljnye Ogurzty, also nur ganz wenig gesalzene Gürkchen und Sprotten kann sie bei dieser Gelegenheit als Sakusski (Beisnacks zum Wodka) auch besorgen und vielleicht auch noch ein paar Süßigkeiten. Die nimmt sie eigentlich immer mit, wenn sie dort ist.

Sie lädt den Gehwagen in den Rover, hilft Vater beim Anziehen und dann fahren sie los. Wie zu erwarten ist der Supermarkt an diesem Tag unglaublich voll. Mit Vater im Schlepptau schiebt sie sich an den blumigen Tassen und dickbäuchigen Samowars vorbei, den Kühltruhen mit hausgemachten Pelmeni und russischen Wurtssorten, die würziger sind und noch fettreicher als die Würste hier.

Vater bleibt stehen, sie kann aus dem Augenwinkel beobachten, wie er sich eine DVD anschaut und den Kopf schüttelt. Diese Märkte bedienen eben nicht nur die kulinarische Nostalgie, sondern die Sehnsucht nach verlorener Alltagskultur. Sie führen populäre Filme, Romane und Hits aus Russland und der Sowjetunion in ihrem Sortiment. Aber die Lücke werden sie doch nicht füllen. Hier ist hier und dort ist dort. Ob mit ‚Wir Kinder vom Arbat‘ in voller Länge oder ohne.

Als ihre Mutter noch lebte, hat sie ihr in diesem Laden eins dieser bunten Blumentücher gekauft, die sie auch nach langen Jahren in Deutschland noch immer gern getragen hat. Oft ist sie nicht hier, man kriegte ja all die Sachen auch in normalen Geschäften. Und eine отличная хозяйка, die was auf sich hält macht eh alles selbst. Piroschki und Pelmeni, eingelegte Paprika und Kobra und setzt sogar Kwas aus Schwarzbrot in einem dafür vorgesehenen Gefäß an.

Nachdem sie die Gürkchen und die Sprotten in ihrem Einkaufkorb gelegt hat, nimmt sie Kurs auf die Spirituosenabteilung. Sie geht an den die Reihen mit aus der Föderation importierten Erzeugnissen vorbei und an Flaschen mit kyrillischen Buchstaben, die aus Brennereien auf deutschen Boden stammten. Geführt von Landsleuten, die sie nur für den europäischen Markt produzieren. Welcher war noch mal der gute Wodka? Dieser hier mit dem blaugrünen Etikett oder der daneben? Wenn Oleg über ihre Wahl meckern sollte, würde sie ihm sagen, dass er ihn das nächste mal doch bitte selbst besorgen könne…

Plötzlich horcht sie auf, hinter ihr zerbricht etwas. Sie duckt sich instinktiv und dreht sich um. Da steht Vater mit einer der Flaschen in der Hand und wirft sie mit voller Wucht zu Boden. Er ruft Dinge, die sie nur zum Teil verstehen kann, so aufgeregt und schrill ist seine Stimme. Sein Mund ist seltsam verzerrt.
„Bärtiger Despot! Da hast du, du Schwein!“
Krach, noch eine Flasche landet auf dem Boden.
„Nimm das, Satan!“
Noch eine.
So kennt sie ihn nicht. Sein Augen wirken gehetzt, nein, nicht gehetzt, geht es ihr durch den Kopf, sein Blick ist eher der eines verzweifelten Kindes. Derselbe Schmerz und dieselbe Hilflosigkeit wie bei allen Kindern in Kriegsgebieten.

„Vater, was haben Sie?“ Sie geht zu ihm hin. Nimmt ihm die Flasche aus der Hand. ‚Wodka Suliko‘ steht auf dem bunten Etikett. Und darüber, nicht weniger farbenfroh und in bester sowjetrealistischer Manier gepinselt, der lächelnde Iossif Wissarionowitsch Stalin selbst mit seinem prächtigen Schnurrbart.

Unter ihrer Berührung fällt der alte Mann in sich zusammen.
„Den Vater haben sie geholt,“ stammelt er in einem wimmernden Ton, „den Onkel haben sie geholt, den anderen Onkel auf der Stelle erschossen. Sein Sohn war keine zwei Jahre alt gewesen. Fort, alle fort.“ Er schüttelt sich und weint unhörbar.

Sie versucht, ihn zu beruhigen. Die anderen Kunden sind längst näher gekommen, einige zücken schon ihre Handys. Auch die Kassiererinnen oder Verkäuferinnen kommen angerannt, trauen sich aber nicht näher an den Tobenden heran. Bis auf eine besonders dralle, besonders energische Frau in weißem Ladenkittel, die sich durch die Menge schiebt.

„Was ist denn das hier für ein Chaos? Was zum Teufel machen Sie denn da?“, dröhnt sie auf Russisch, „Sind Sie verrückt? Er gehört eingesperrt!“

„Nein, er nicht, aber Sie, wenn sie sowas hier in die Regale stellen“, sagt Melitta betont auf Deutsch und drückt der Frau die Flasche Stalin-Wodka in die Hand. Sie nimmt den Vater beim Ellenbogen, hebt seinen Hut vom Boden auf und will sich mit ihm an den Leuten vorbei schieben.

Aber die üppige Blondine ist noch nicht fertig, kehlig und mit dem Befehlston eines Natschalniks ruft sie:

„Warten Sie, Женщина (meine Dame, gute Frau), nicht so eilig. Wir müssen erst ihre Personalien aufnehmen. Sie müssen das alles bezahlen! Was glauben Sie denn, das wird noch Konsequenzen haben!“
„Das wird es,“ sagt Melitta mit der sachlichsten Stimme, die ihr in diesem Moment zur Verfügung steht und zieht ihre Visitenkarte aus der Seitentasche, „Meine Tochter ist Juristin, wir werden Sie verklagen. Sie… Ihr Chef wird sich dafür noch zu verantworten haben. Sie hören von uns, verlassen Sie sich drauf. Kommen Sie, Vater. Alles gut, es ist vorbei.“ Und sie führt den alten Mann vorsichtig zum Ausgang, den Gehwagen mit der anderen Hand schiebend. „Fort, alle fort“, stammelt der nur apathisch vor sich hin. Den Einkaufskorb lässt Melitta einfach in der Wodka-Lache stehen. Nun, dann werden sie dieses Jahr eben auf die wenig gesalzenen Gürkchen verzichten müssen.

Hier und Dort. Zwei Kindheiten.

‚Kindheitsverläufe in Systemen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, dort das stalinistische und nachstalinistische Sowjetregime und hier das Nachkriegsdeutschland unter Adenauer. Verliefen die Kindheiten dadurch wirklich so unterschiedlich oder gab es auch Gemeinsamkeiten? Machen Sie sich in den Erzählungen ein eigenes Bild.‘

Oberflächliche Gemeinsamkeit der damaligen Bilder: Schwarz-Weiß; Foto: Vitaliano Bosetti.

So lautet der Klappentext zum Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“. Zwei Bonner Autorinnen, Monika Mannel und Agnes Gossen haben es gemeinsam geschrieben. Der Vergleich ist spannend. Unbeschwert waren beide Kindheiten nicht. Beide werden von Armut und Entbehrungen überschattet.

Dies hier ist keine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich habe bloß über die Unterschiede zwischen den beiden Kindheiten nachgedacht. Ich habe bloß die Aufforderung im Klappentext zum Anlass genommen und angefangen, mir ein eigenes Bild zu machen. Die Publizistin Rose Steinmark hat eine richtige Buchbesprechung dazu verfasst, wer mag, kann sie hier nachlesen.

Zwei Autorinnen, ungefähr die selbe Zeit – sie wachsen in den Fünfziger-Jahren auf – die eine im Bonner Umland, die andere im Ural. Doch der Klappentext beschreibt den Unterschied nicht annähernd. Agnes Gossen spricht ja nicht nur über eine typische Kindheit im Sowjetregime. Nicht wenn das Kind zu einer unterdrückten Minderheit gehört und in einen Verbannungsort aufgewachsen ist.

Kindheit im Ural: Agnes auf dem Schoß der Mutter, links

Berichte über russlanddeutsche Kindheiten gibt es viele, aber in diesem Buch ist es gerade der Vergleich, der die Lektüre lohnenswert macht. Und wie gesagt, bei all den Gemeinsamkeiten, die Unterschiede sind doch augenfällig.

Was ist gemeinsam? Die Nachkriegszeit, der Armut, sogar der Dialekt, auf der einen Seite das Platt der Mennoniten, auf der anderen die Bonner Mundart. Es geht zwar immer wieder ums Überleben. Der Mangel, die Nahrung, Heizmaterialien spielen in fast allen Geschichten eine erhebliche Rolle. Briketts auf der einen und Maiskolben oder Stroh auf der anderen Seite.

Während Monika Mannel kleine Episoden schildert, die aus ihrer damaligen Mädchenperspektive eine überschaubare Kinderwelt zeigen, und alle Beteiligten im breitesten Bönnsch parlieren lässt, gehen die Geschichten von Agnes Gossen immer wieder über sie als Person hinaus.
Sie bindet sich ein in die Schar der Großtanten, die ausgewandert sind, die Anzahl der Männer in der Familie, die verbannt oder erschossen wurden. Auch ein Erlebnis mit dem Puppenwagen gehört eher in die Kindheit ihrer Mutter als in ihre eigene. Es sind nicht nur die eigenen Streiche und Erlebnisse, sondern Geschichten, die lange vor ihrer Geburt geschehen sind, Familienlegenden, die weitergetragen werden. Teilweise handeln sie von Leuten, die sie nicht selbst kennengelernt hat, die aber in der Familie noch immer eine Rolle spielen.

Sie ist sich immer der anderen bewusst und schleppt einen ganzen Stammbaum mit sich herum. Doch das ist nicht der einzige Unterschied in den Erzählweisen.

Zwar gibt es bei den Kindern der Verbannten auch Kinderstreiche. Da wird eine verbotene Frucht aus dem Garten geklaut,  da wird auf Bäume geklettert und sich auf die erste Klasse gefreut. Doch die Eltern, die Erwachsenen werden nicht infrage gestellt. Das geht auch nicht, immer steht im Raum,  dass diese durch ein schweres Schicksal gegangen sind. Es gibt kaum Abgrenzung zu der vorhergehenden Generation, keine Abnabelung oder Trotz ihr gegenüber. (Zumindest werden sie in dieser Phase der Kindheit nicht spürbar.)

Traumatisierte werden nicht kritisiert oder infrage gestellt. Gegen Eltern, die so gelitten haben, kann es keine irgendwie geartete Auflehnung geben.
Wie denn, wenn du sie nicht böse anblicken kannst, ohne dass sie in Tränen ausbrechen. Wenn die Oberfläche so dünn ist und darunter gleich der Abgrund gähnt? Das spüren Kinder.

Diese Kindergeneration hat gelernt, auf die Eltern einzugehen, sie zu schonen, ihre Gedanken weiterzuspinnen und zum Teil auch für sie das Leben zu organisieren.

In den Geschichten von Monika Mannel nimmt das Kind dagegen eine eher distanzierte Haltung den Erwachsenen gegenüber ein, es gibt die strenge Mutter, die dicke Hausnäherin.

Tante Cordula watschelte und schnaufte beim Laufen. Wenn Mutter uns dabei erwischte, wie wir hinter Tante Cordulas Rücken lachten, dann gab es Ohrfeigen. Also hielten wir Kinder uns im Beisein der Erwachsenen zurück. War Tante Cordula abends auf dem Rückweg, so überlegten Hans, Lisa und ich, wie lange es noch dauern würde, bis sie platzte und das Fett aus ihr herauslaufen würde. S 67

Freche Kindergedanken, Streiche. Wir gegen sie. Obwohl auch hier ein großer Einschnitt hinter ihnen liegt: der Krieg.

Dennoch fehlen solche Freveltaten auf der Ural-Seite. Wie kann sich ein Kind über Erwachsene lustig machen, die durch die Hölle gegangen sind? Die sich und ihr Leben und ihre Gesundheit aufopfern, um noch ein wenig Normalität und Behaglichkeit zu schaffen.

Gewiss, nicht alle waren und sind so. Aber diejenigen, die bei wie auch immer traumatisierten Eltern aufgewachsen sind, werden diese Sätze nachvollziehen können. Die Bande zur Familie auch zu der Eltern-/Großelterngeneration sind sehr stark. Es ist nicht nur die Erziehung, die sie prägen, sondern auch die Umstände. Kinder von Verbannten eskalieren nicht, machen keine Szenen. Denke ich zumindest.

Es heißt in anderen Texten oft, dass in Aussiedler-Familien Konflikte kaum ausgetragen würden. Die Position des einzelnen wird geopfert zugunsten einer fragwürdigen Harmonie. Vielleicht liegt einer der Gründe darin begründet. Womöglich macht diese besondere Verbindung der Kinder zu ihren Eltern einen Teil der Mentalität aus.

es braucht so wenig für ein Kinderlachen….

Auf den ersten Blick wirken die Lebensläufe ähnlich, die beiden Autorinnen sind ungefähr ein Jahrgang. Es sind nur wenige Jahre, die sie trennen. Und doch kommen mir die Kindheiten so verschieden vor, als stammten sie aus zwei verschiedenen Zeitaltern.

Noch etwas, das ins Auge fällt. Auch wenn Kinder überall Kindersachen machen, wie auf Bäume klettern zum Beispiel. Die Welt von damals ist vollständig verschwunden. Es gibt keine Kontinuität zu heute. Was mich berührt. Die Dinge, die Szenen, die Gespräche aus beiden Kindheiten sind heute nicht aufzufinden. Die Strenge oder die Armut beispielsweise. Und wenn es sie heute gibt, dann zeigen sie sich auf andere Weise. Damals waren die Vergnügungen rar und müssen von den Kindern selbst kreiert werden. Unvorstellbar im Zeitalter der digitalen Spielkameraden und Unterhalter.

Apropos Kontinuität. Eine andere Sache ist wohl mehr als erstaunlich. Die Wege, die ein Gebäck zurücklegen kann. Oder seine Zubereitung.

In der letzten Geschichte beschreibt Agnes Gossen, wie sie in Bonn ein Gebäck wiederentdeckt, dass sie aus ihrer Kindheit im Ural kennt, das sogenannte Tweeback.  So wird uns die wundersame Reise vor Augen geführt, die ein Backrezept nehmen kann. Von den vertriebenen Hugenotten in ein preußisches Dorf bei Danzig gebracht, dort von den aus den Niederlanden angesiedelten Mennoniten aufgegriffen und bis in die Gegenden hinter den Ural mitgenommen, wo es die Mutter der Autorin traditionsgemäß immer Samstags gebacken hatte.

Plattdütsches Tweeback nach einem alten hugenottischen Rezept

Um dann in Bonn, in einer französichen Bäckerei als Brioche von ihr wiederentdeckt zu werden. Die Reise eines Kuchenrezeptes um die Welt. Auch das ist Kultur. Mich erinnert die Episode ein wenig an die Madeleines von Marcels Proust, auch hier geht es um ein Wiederaufflackern der Vergangenheit. Allerdings auf eine ganz andere Weise. Genauso und doch anders.

So weite Wege, so unterschiedliche Erlebniswelten. So verschiedene Kindheiten. Oder doch nicht? Doch wie schon der Klappentext nahelegt: Verliefen die Kindheiten dadurch wirklich so unterschiedlich oder gab es auch Gemeinsamkeiten? Machen Sie sich in den Erzählungen ein eigenes Bild.

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Wer mehr über das Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“ nachlesen möchte, die Publizistin Rose Steinmark hat eine sehr schöne Rezension dazu verfasst.

Monika J. Mannel und Agnes Gossen
Kindheiten in Deutschland und Russland
Geestverlag 2018, 184 Seiten, 12,50 Euro
ISBN 978- 3-86 685-666-0

In der Opferrolle – Der Thriller ‚Auf einmal‘ von Asli Özge

In Asli Özges Thriller von 2016 ist das Opfer eine Russlanddeutsche.

Nach einer Party bleibt Anna allein mit dem Gastgeber zurück. Sie rauchen gemeinsam auf dem Balkon, küssen sich. Auf einmal geht es der jungen Frau nicht gut. Sie fällt wie leblos hin. Karsten, der Gastgeber der Party, läuft in Panik zu einer nahegelegenen Klinik, doch diese ist geschlossen. Er hastet zurück, ruft den Notdienst, doch es ist bereits zu spät. Anna ist tot.

Natalia Belitski, die unter anderem eine Hauptrolle in dem Film Poka -heißt Tschüss auf Russisch zu sehen war, spielt hier die kurze aber prägnante Rolle der Anna. Sie lacht auf, sie hustet hinter vorgehaltener Hand – wir hören sie kein einziges Mal auch nur ein Wort sprechen in den 3 bis 4 Minuten, die ihr Auftritt dauert.

Ein Kunstgriff der Regisseurin. Ich wusste, bevor ich den Film sah, dass sie aus Russland kommt. Daher habe ich den Film angeschaut. Aber die anderen Zuschauer*innen werden anfangs darüber im Unklaren gelassen. Erst allmählich kristallisieren sich Dinge heraus. Dass sie sich selbst auf die Party eingeschlichen hatte, dass sie im Grunde niemand kannte, dass sie eine Deutsche aus Russland war, die einen Mann und ein kleines Kind hatte.

Die ganzen Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten des Falles, der Prozess und der Verdacht, er wäre für ihren plötzlichen Tod verantwortlich, brechen dem Protagonisten Karsten (Sebastian Hülk) fast den Hals. Sie kosten ihn fast seine Stellung und seine Freunde. Auch Laura, die Frau mit der er zusammenlebt und die zum fraglichen Zeitpunkt auf Geschäftsreise war, kommt mit der Situation nicht klar.

Natalia Belitski als Anna. Als alle Gäste gegangen sind, stirbt sie ohne ersichtlichen Grund. Was ist da passiert?

Im Grunde geht es aber weniger um die Familie und Umfeld des Opfers – die sind austauschbar. Es hätte jede Gruppe sein können, die zugewandert ist, in prekären Verhältnissen lebt, in der die Strukturen patriarchal bestimmt sind und die Frauen früh heiraten und Kinder bekommen.

Der Film ist also keine Studie über Russlanddeutsche, sondern zeichnet ein genaues Panorama einer bestimmten Gesellschaftsschicht in einer unbestimmten deutschen Kleinstadt wenn ein undurchsichtiges und krisenhaftes Ereignis eintritt.

Dieses kustvolle Werk wird langsam erzählt, die Musik sparsam eingesetzt, die Bilder sind intensiv. Oft bestimmt bedrückendes Schweigen die Szenerie. Altena, die Kleinstadt, in der dieser Film situiert ist, mit den hügeligen und herbstlich gefärbten Wäldern, spielt mindestens eine ebenso  eindrückliche Rolle darin wie die menschlichen Darstellerinnen und Darsteller. Der Thriller entspricht nicht dem bekannten Tatort-Schema: Leiche, Suche, Aufklärung. Es taucht auch kein einziger Kommissar auf! In Feuilletons und auf Festivals wurde Auf einmal hoch gelobt. Wahrscheinlich dient er nicht dazu, den Krimi-Allerweltsgeschmack zu bedienen. Zu sperrig. Zu detailversponnen. Es passiert zu viel auf der psychologischen Ebene. Arthouse eben.

Mich hat er vor allem wegen seiner Darstellung der Russlanddeutschen gereizt.

Seine Versuche, Russisch zu vernuscheln zeigen deutlich, dass Sascha Alexander Geršak, der den Eheman der Toten spielt, kein echter Russlanddeutscher ist. Dennoch kommt er in der Rolle als Fabrikarbeiter Andrej ganz authentisch rüber, als Karsten ihn in seiner rumpeligen Wohnung am Rande von Schloten und Fabriksilohs besucht.

Karsten: Ich hab gar nicht gewusst, dass Anna aus Russland ist. Man hats überhaupt nicht mehr gehört.

Andrej: Anna hat sich immer große Mühe gegeben, um den Akzent loszuwerden. Als sie nach Deutschland kamen, haben sich ihre Klassenkameraden immer lustig über sie gemacht.

K: Und Sie? Sind Sie später hierher gekommen?

A: Wieso?

K: Naja, weil bei Ihnen merkt man irgendwie gleich, dass Sie nicht von hier sind.

A: Bist du von der Ausländerbehörde oder was?

Zugegeben, diese Reaktion und dieser Begriff könnte original von einem stammen, der türkische oder kroatische oder albanische Wurzeln hat. Ein Deutscher aus Russland würde sich an dieser Stelle wahrscheinlich auf seinen Stammbaum und die in der Sowjetzeit verbotene Muttersprache berufen. Dennoch werden die RD hier nicht klischeehaft überzeichnet sondern respektvoll  und ein wenig aus der Distanz dargestellt. Aber eben als im Elend hausende Underdogs. Wie gesagt, wichtig ist im Film die Mehrheitsgesellschaft und die Kritik an ihr. Özge wurde in Istambul geboren und lebt schon lange in Berlin, hat also selbst Migrationshintergrund und gehört hier einer Minderheit an. Ihr Blick auf die Mehrheitsgesellschaft ist schonungslos und sehr genau.

Szenen wie das Abendessen bei Karstens Eltern sprechen Bände.

Im April lief der Film auf ARTE, er hat wie gesagt, im Feuilleton und auf Festivals ganz gute Kritiken eingeheimst. Das Drehbuch basiert übrigens auf einem Fall, der sich vor einigen Jahren in Wirklichkeit abgespielt hat. Eine junge Frau verstarb 2008 aus unerklärlichen Gründen auf einem Fest unter nicht geklärten Umständen und ohne Anzeichen von Gewalt – sie hatte aber türkische Wurzeln.

Meine übliche Kritik, dass Russlanddeutsche in der deutschen Gesellschaft/den Medien nicht vorkommen und wenn, dann nur negativ konnotiert als AfDler oder Maffiosi, bewahrheitet sich also nicht mehr. Ich will später noch andere Romane oder Filme vorstellen, die von Nicht-Russlanddeutschen geschaffen wurden und in denen diese Gruppe eine Rolle spielt. Hoffentlich nicht immer die des Opfers.

The Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=qwBFXi8hlYc

Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

#Luenen.Nur.Ein.Einzelfall.

 

Am Morgen danach kommt die Meldung gleich an zweiter Stelle in den Nachrichten. Nach dem Bericht über den Einmarsch von Erdogans Truppen in kurdische Gebiete in Syrien. Mit Leopard-Panzern aus deutscher Produktion übrigens.

Lünen. Wo sonst über Kabul, Berlin und Los Angeles berichtet wird.

Es heißt: an einer Gesamtschule in Lünen habe ein Jugendlicher einen anderen erstochen. Der 15-jährige Angreifer galt als aggressiv und „unbeschulbar“. Er war mit seiner Mutter an die Käthe-Kollwitz-Schule gekommen, um in einem Gespräch mit der Sozialarbeiterin zu klären, ob er dort wieder aufgenommen wird. Vor etwa einem Jahr musste er diese Schule verlassen.

Käthe Kollwitz, Zwei miteinander ringende Männer, 1892

Ein ehemaliger Schüler ersticht seinen Mitschüler. Warum hatte er überhaupt ein Messer bei sich? Und. Was ist das für ein seltsamer Grund, der in allen Medien kollportiert wird, der andere hätte seine Mutter mehrfach provokant angesehen? Alles ist höchst undurchsichtig. Das Geschehen ist noch nicht richtig kriminalistisch untersucht worden, doch schon tauchen die ersten Meinungen und Urteile auf.


Dabei handelt es sich um einen tragischen Vorfall, der für alle Betroffenen höchst dramatisch ist. Die Schüler und Schülerinnen, das Lehrpersonal und die Eltern werden seelsorgerisch betreut. Nicht auszudenken, wie sich die Eltern des Jungen fühlen müssen, der am Dienastag morgen zur Schule ging und nie mehr wiederkommen wird.

Doch statt Mitgefühl zu zeigen, wird in sozialen Medien über die Nationalität des Täters spekuliert. Ein rechtspopulistisches Online-Magazin titelt: „15-jähriger Kasache tötet Leon (14) auf Schulflur“. Es ist nämlich so, dass der Täter zwar in Lünen geboren wurde, aber eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. Seine Eltern sind aller Wahrscheinlichkeit nach Spätaussiedler und haben in Kasachstan gelebt. Dass die Familie des getöteten Jungen ebenfalls aus Kasachstan stammt, wurde in einigen Medien zunächst abgegeben, doch anschließend wieder entfernt. Vermutlich stimmt es auch gar nicht. Und irgendwie spielt es doch auch keine Rolle. Sollte es zumindest nicht. Oder?

Besorgte Bürger ereifern sich voll Schadenfreude, dass die Tat an einer „Schule ohne Rassismus“ verübt wurde, die einen offenen und freundlichen Umgang miteinander fördert, egal woher die Schüler*innen kommen. Und nun das: Ein Kasache sticht dort einen Deutschen ab.

Ihre Rechnung ist simpel: kasachischer Pass=Kasache=Moslem. Und auch gleich Messer. Gleich Gewalt. Gleich Merkel ist schuld.

Die rechtsgerichtete Presse schreibt in dem oben erwähnten Artikel, dass in Kasachstan 70% der Einwohner Suniten seien. Das stiftet Verwirrung. Ist der Täter ein Moslem?

Da er aber kein Moslem ist, werden nun andere Vorurteile aus der Mottenkiste gezogen. Aussiedler. Da war doch was?

Unintegrierbar. Parallelgesellschaft. Gewaltbereit (das bleibt also gleich, puh, gott sei Dank!). Schaut nur russisches Fernsehen mit Putins Fakenews. Und auch der vielzitierte Schäferhund im Stammbaum wird wieder hervorgekramt. Wie war das, haben die nicht damals bei der Einreise horrende viel Kohle bekommen?

Frau Zielisch ist übrigens Abgeordnete der AfD

Plötzlich geht es wieder um eine fremde Kultur. Wir gegen die. Dabei wollen die Aussiedler doch so gerne zum „wir“ werden. Dazugehören. Als Gleiche unter Gleichen.

Eine Situation wie in Kandel? Nein, nicht ganz. Als es klar wird, dass der Junge ein Aussiedler war, schweigen die Rechtspopulisten dann doch. Zumindest die offiziellen Stellen. Sie wollen die neugewonnen Wählerstimmen nicht wieder verlieren. Es wird keinen Trauermarsch geben.

Davon, wie sich die anderen AfD-Sympathisanten über das Kasachische und die Unkultur der Russen förmlich das Maul zerreißen, merkt man auf den Seiten von „Russlanddeutschen für die AfD“ herzlich wenig.
Sie ignorieren einfach die offen rassistischen Kommentare. Nach Tagen posten sie lediglich die Todesanzeige des Opfers. Mit Beileidsbekundungen darunter.

Wäre nicht spätestens jetzt der Moment, um innezuhalten? Um sich zu fragen, ob diese rechtspopulistische Partei wirklich eine gute Alternative für unsere Minderheit wäre? Denn wenns hart auf hart kommt, sind wir dann doch nicht die nützlichen, gut integrierten und wertebewussten Mitbürger, sondern werden schnell zu Iwans, Kasachen und Fremden, die mal einen deutschen Schäferhund hatten und zu Gewalt neigen, wenn unsere Ehre angekratzt wird.

Wäre nicht spätestens jetzt der Zeitpunkt zu merken, dass uns diese Herren und Damen Superdoitschen nicht für ihre Brüder und schon gar nicht für ihre Schwestern im Geiste halten?

Ich fürchte, das wird nicht geschehen. Die Suche nach Anerkennung, danach endlich anzukommen und aufgenommen  zu werden, scheint größer zu sein und wird sicher auch dieser Ent-Täuschung standhalten.

#Luenen wird irgendwann zu den anderen schrecklichen Nachrichten gereiht und abgehakt.

Schon nach dwei Tagen ist dieser Vorfall aus den Medien verschwunden. Dann kommen die Meldungen wieder aus Kabul, Berlin und Los Angeles. Jetzt bleiben die Familien mit dem Schock und der Trauer allein. Und werden merken, was ein einzelner Vorfall im Leben anrichten kann.


***

Einige der Kommentare aus Facebook, nur für diejenigen, die sie sich antun wollen:

Man liest bald nichts mehr anderers. Da ein gest0chere, da ein gest0chere, gehört bei deren Kultur scheinbar zu den Utensilien, die man täglich einstecken hat, wie unsereins ein Taschentuch oder einen Schlüssel.

– Sollte der Verdächtige ein Russlanddeutscher sein, dann möchte ich darauf hinweisen, dass er in einem kulturellen Umfeld in Kasachstan sozialisiert wurde, das keinesfalls „russlanddeutsch“ ist.

– Ja aber das ist unser neues Land… “ Ein land in dem wir gerne und gut leben “ Danke an unsere Eliten

– Seltsam aber die afd hat sich dazu noch nicht geäußert.abgesehen davon, mein Beileid an die Familie

– Die müssen erst mal schauen, ob der Kasache nicht zufällig auch Russlanddeutscher war.

– Ich weiß. Aber die sind ja der Meinung, dass mindestens die Eltern auch Deutsch sein müssen, damit die Nachkommen den deutschen Pass haben dürfen. Blutquatsch.

– Die AFD ist sowieso komisch. Zum Mordfall Marcel H. haben die sich, glaube ich, gar nicht geäußert. Und bei dem vergeigten Bombenanschlag auf dem Bus des BVB kam, glaube ich auch nichts mejr, als heraus kam, dass der Täter ein Russe, Deutschlandrusse o.ä. war.

– Soweit das aus den Medienberichten zu entnehmen ist, dürfte der Junge Russlanddeutscher sein – und die sind der AfD häufig nicht ganz abgeneigt… Dementsprechend werden die einen Teufel tun und sich dazu äußern.

– Der Täter war Nationalität Mensch. Das sollte für alles weitere reichen.

 

Wahl-o-Mann-o-Mann!

In den letzten Wochen standen die Russlanddeutschen Medienberichten zufolge im Verdacht, mehrheitlich der AfD zu verfallen. Wie die Lemmlinge. Sie seien verführbare Wähler und außerdem würden ihre konservativen Werte von dieser rechtspopulistischen Partei besser bedient werden als von den an sich konservativen Parteien.

Auf ARTE hatte sich Wladimir Kaminer zu Wort gemeldet und hat in heimeliger Kneipenatmosphäre ironisch-naiv das Narrativ RD=AfD noch befeuert. Er ist Experte in diesen Dingen, weil ja einige seiner Freunde Russlanddeutsche sind.

Die Festschreibung stand unverrückbar. Von Bericht zu Bericht journalistisch untermauert. Haben die alle voneinander abgeschrieben? Jedenfalls kursierten immer zwei gleiche Bilder. Das von der Demo um das Mädchen Lisa und eins von der Auslage des Kalinka-Supermarkts.

Trotz relativierender Stimmen und Berichte, trotz warnender Rufe in den sozialen Medien (z.B. der Seite ‚RD gegen AfD‘ und einer Ansprache des russischen Journalisten Nikolai Kameniouk, der die russischspachige Community eindringlich bat, nicht die AfD zu wählen) und einem Protestschreiben von russlanddeutschen Vereinen hielt sich dieses Narrativ hartnäckig bis zum Ende des Wahlkampfes – und nun drüber hinaus.

Oszillierend zwischen Putin und Hitler. Gehts noch?

Wirkliche Erhebungen und Fakten gibt es nicht oder sie gehen im öffentlichen Diskurs unter. Der Juniorprofessor für Migration und Integration der Russlanddeutschen Jannis Panagotidis hat kurz vor dem Wahlsonntag mit seinem Kollegen Peter Doerschler von der Bloomsburg University in einem Zeitungsbericht mit ein paar Mythen rund um das Thema Russlanddeutsche und AfD aufgeräumt. Sie haben herausgefunden, dass der Zuspruch kaum (bzw. im Rahmen statistischer Fehlermargen eigentlich gar nicht) über dem Durchschnitt anzusiedeln ist. Immer wieder gehörte Behauptungen, die AfD sei die beliebteste Partei unter den Russlanddeutschen entbehren somit jeder Grundlage.

Hier der Bericht darüber in der SZ: http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestagswahl-die-afd-partei-der-russlanddeutschen-1.3676846

Statt der propagierten 100% sind laut ihren Befragungen also knapp 14% der Deutschen aus Russland, die mit der AfD sympathisieren. Im Bundesdeutschen Durchschnitt sind es 12,6%, also 1,4% weniger.

Am Tag nach der Wahl schien sich das Segel der öffentlichen Stimmungsmache gedreht zu haben. Plötzlich sind es nicht die 1.8 Mio wahlberechtigte Aussiedler, die den Rechtsruck im Bundestag verursacht haben sollen, sondern Millionen abgehängter ostdeutscher Männer. Sieh an. Doch dann tauchten wieder ein halbes dutzend Berichte über Aussiedler auf, die alte These widerkäuend.

Enstand kurz vor der Wahl, Russlanddeutsche gegen die AfD

Viel Mimimi um Nichts?
Nur zwei russlanddeutsche AfD-Kandidaten haben es mit einem Direktmandat in den Bundestag geschafft. Wenn sich noch mehr einen steilen Aufstieg in dieser Quereinsteigerpartei versprochen haben, so dürften sie nun enttäuscht sein.

Die Hoffnung, dass nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse das pauschalisierende Bashing, gewürzt mit einer völligen Ignoranz der Befindlichkeiten und der Geschichte der russlanddeutschen Community endlich ein Ende hat, hat sich nicht erfüllt.

Bisher wurde jede Konferenz, jede Kampagne seitens der Russlanddeutschen, die nicht die mediale Festschreibung befeuert, von der Presse mit hartnäckiger Missachtung gestraft. Passte leider nicht in das typische Bild des rückwärtsgewandten, chauvinistischen Keulenschwingers, das sich in den letzten Monaten herausgebildet hatte.

Verfallen wir in eine Opferrolle, in dem wir behaupten, die Presse würde eine Hexenjagd veranstalten? Ja. Aber. Auch ein erklärter Paranoiker wird manchmal von feindlichen Agenten verfolgt. Und eine Volksgruppe, die über Generationen die Opferrolle innehatte, kann durchaus auch Opfer einer Hetzkampagne werden.

Um solchen pauschalisierenden Berichten in Zukunft etwas entgegenzusetzen, müssen wir uns viel mehr vernetzen. Angesichts des medialen Bashings ist es schon vielfach geschehen. Anscheinend noch nicht genug. Das wäre mal ein Schritt, um die Opferrolle und das Jammern endlich hinter uns zu lassen. Wir sind nicht der klägliche Rest, wir sind die Mehrheit. Mehr als die 14% (selbst mehr als 30%) und das sollte von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen und gewürdigt werden.

Was uns bleibt.
Obwohl es offensichtlich ist, dass sich die AfD-Begeisterung der Aussiedler in statistischen Grenzen hält, gibt es diese Gruppe, die sich den Populisten anschließt.

Wir können es nicht leugnen, sondern müssen uns darüber klar werden, dass die Integration offensichtlich doch nicht so vorbildlich geklappt hat. Nicht überall, nicht bei allen.

So wie die Gesamtbevölkerung in diesem Land, müssen wir dem Fakt stellen, dass nicht alle vom europäischen Gedanken und dem Wertesystem einer offenen Gesellschaft mitgenommen worden sind. Der Auftrag wird sein, nach den Ursachen zu forschen und uns dem zu stellen.

Diese Wahl hat uns allen also eine realexistierende Steilvorlage gegeben.
Allen, die dieses Fleckchen Erde teilen.

Tatsache ist: In Lahr, Pforzheim und Calv, sogenannten Hochburgen mit einem hohen Anteil an russlanddeutscher Bevölkerung, schafft es die AfD auf den zweiten Platz nach der CDU.

Auch in den neuen Bundesländern gab es mehr Wählerstimmen für diese Partei. In Sachsen rutschte sie gar auf den ersten Platz.

Aber es wird nicht mehr unterschieden. Es scheint sich in den Köpfen festgesetzt zu haben, dass alle dumpfe Rassisten sind, die ‚Ossis‘ und die ‚Aussies‘. Die Männer aus dem tiefsten Osten und die Aussiedler, die aus dem noch tieferen Osten stammen. Die letzteren sind laut der aufgeklärten Öffentlichkeit: Erzkonservative, die sich selbst für bessere Deutsche halten und das endlich auch bestätigt bekommen haben von Höcke, Gauland und Co.

Halleluja, nach 20 Jahren nimmt sie endlich jemand für voll! Wenn sie sich da nicht mal täuschen. Willfährige Wahlhelfer waren sie, das ja. Aber ob die erhoffte Teilhabe am politischen System am rechten Rand gelingt?

Wie gesagt: es gibt keine hinlänglichen Studien über die Zahlen außerhalb der Hochburgen. Von dort, wo sich Deutsche aus Russland integriert und assimiliert haben.

An die 1.8 Millionen von uns waren wahlberechtigt.

In einigen sozialen Brennpunkten mit hohem Aussiedleranteil hat die AfD bis zu 30% geholt.

Lässt sich denn daraus auch schlussfolgern, dass es auch insgesamt dreißig Prozent der Deutschen aus Russland waren, die diese Partei gewählt haben?

Überall?
Auch in Hamburg?
Auch in Köln Chorweiler?
Auch in Homberg an der Efze?

In Hamburg hat die AfD beispielsweise in einem Viertel (Moorfleet) 40% bekommen. Von 61 Stimmen waren das 21, ist ein ganz kleiner Wahlkreis. Und auch in Stadtteilen wie Billbrook hat sie abgesahnt. Aber das bedeutet doch nicht, dass alle Bewohner*nnen der Hansestadt AfD-affin seien. Das ist absurd, wenn man sich die übrigen Zahlen anschaut. Was die Russlanddeutschen angeht, sind solche Schlussfolgerungen jedoch an der Tagesordnung.

Und selbst wenn es hochgerechnet doch 30% sein sollten, das patriotisch-völkische Drittel, das die Populisten am Ruder sehen möchte, es bleiben noch immer 1,2 Millionen, die die AfD nicht gewählt haben. Nur so am Rande.

Es ist ein Mythos entstanden, der Aussiedler und die Alternative für Deutschland aneinander kettet. BFF. Best friends forever. Oder eher Master and Servant. Allen vernünftigen Stimmen, die nach genauen Untersuchungen fragen, zum Trotz.

Er wird fortgeführt, dieser Mythos, weil es einfacher ist, eine Minderheit für das Versagen der Politik der letzten Jahre oder Jahrzehnte verantwortlich zu machen. Die Nazis sind immer die anderen. Die Hölle, das sind nicht wir.

Dennoch, eines ist nicht von der Hand zu weisen: Der schale Nachgeschmack bleibt, dass es einen Prozentsatz in unserer Community gibt, die Heimatliebe mit völkischem Gedankengut verwechseln. Die in die Hetztiraden gegen Andersdenkende und anders Aussehende mit einfallen. Die Frauen am liebsten in einer Rolle sehen, die es zuletzt im Biedermeier gab. Mit einer Stickarbeit am Kamin. Und ansonsten Kinder, Küche und Kirche.

Bei all der Verteidigungshaltung und den Relativierungsversuchen dürfen wir diese Tatsache nicht aus den Augen lassen. Wir müssen uns darüber klarwerden, wie wir mit diesem Problem umgehen. Als Einzelpersonen und auch in den Gruppen und Vereinen, in denen wir uns bewegen. Das wird die eigentliche Aufgabe sein. Uns mit diesem Prozentsatz, wie hoch er auch sein mag, auseinanderzusetzen.