#Luenen.Nur.Ein.Einzelfall.

 

Am Morgen danach kommt die Meldung gleich an zweiter Stelle in den Nachrichten. Nach dem Bericht über den Einmarsch von Erdogans Truppen in kurdische Gebiete in Syrien. Mit Leopard-Panzern aus deutscher Produktion übrigens.

Lünen. Wo sonst über Kabul, Berlin und Los Angeles berichtet wird.

Es heißt: an einer Gesamtschule in Lünen habe ein Jugendlicher einen anderen erstochen. Der 15-jährige Angreifer galt als aggressiv und „unbeschulbar“. Er war mit seiner Mutter an die Käthe-Kollwitz-Schule gekommen, um in einem Gespräch mit der Sozialarbeiterin zu klären, ob er dort wieder aufgenommen wird. Vor etwa einem Jahr musste er diese Schule verlassen.

Käthe Kollwitz, Zwei miteinander ringende Männer, 1892

Ein ehemaliger Schüler ersticht seinen Mitschüler. Warum hatte er überhaupt ein Messer bei sich? Und. Was ist das für ein seltsamer Grund, der in allen Medien kollportiert wird, der andere hätte seine Mutter mehrfach provokant angesehen? Alles ist höchst undurchsichtig. Das Geschehen ist noch nicht richtig kriminalistisch untersucht worden, doch schon tauchen die ersten Meinungen und Urteile auf.


Dabei handelt es sich um einen tragischen Vorfall, der für alle Betroffenen höchst dramatisch ist. Die Schüler und Schülerinnen, das Lehrpersonal und die Eltern werden seelsorgerisch betreut. Nicht auszudenken, wie sich die Eltern des Jungen fühlen müssen, der am Dienastag morgen zur Schule ging und nie mehr wiederkommen wird.

Doch statt Mitgefühl zu zeigen, wird in sozialen Medien über die Nationalität des Täters spekuliert. Ein rechtspopulistisches Online-Magazin titelt: „15-jähriger Kasache tötet Leon (14) auf Schulflur“. Es ist nämlich so, dass der Täter zwar in Lünen geboren wurde, aber eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. Seine Eltern sind aller Wahrscheinlichkeit nach Spätaussiedler und haben in Kasachstan gelebt. Dass die Familie des getöteten Jungen ebenfalls aus Kasachstan stammt, wurde in einigen Medien zunächst abgegeben, doch anschließend wieder entfernt. Vermutlich stimmt es auch gar nicht. Und irgendwie spielt es doch auch keine Rolle. Sollte es zumindest nicht. Oder?

Besorgte Bürger ereifern sich voll Schadenfreude, dass die Tat an einer „Schule ohne Rassismus“ verübt wurde, die einen offenen und freundlichen Umgang miteinander fördert, egal woher die Schüler*innen kommen. Und nun das: Ein Kasache sticht dort einen Deutschen ab.

Ihre Rechnung ist simpel: kasachischer Pass=Kasache=Moslem. Und auch gleich Messer. Gleich Gewalt. Gleich Merkel ist schuld.

Die rechtsgerichtete Presse schreibt in dem oben erwähnten Artikel, dass in Kasachstan 70% der Einwohner Suniten seien. Das stiftet Verwirrung. Ist der Täter ein Moslem?

Da er aber kein Moslem ist, werden nun andere Vorurteile aus der Mottenkiste gezogen. Aussiedler. Da war doch was?

Unintegrierbar. Parallelgesellschaft. Gewaltbereit (das bleibt also gleich, puh, gott sei Dank!). Schaut nur russisches Fernsehen mit Putins Fakenews. Und auch der vielzitierte Schäferhund im Stammbaum wird wieder hervorgekramt. Wie war das, haben die nicht damals bei der Einreise horrende viel Kohle bekommen?

Frau Zielisch ist übrigens Abgeordnete der AfD

Plötzlich geht es wieder um eine fremde Kultur. Wir gegen die. Dabei wollen die Aussiedler doch so gerne zum „wir“ werden. Dazugehören. Als Gleiche unter Gleichen.

Eine Situation wie in Kandel? Nein, nicht ganz. Als es klar wird, dass der Junge ein Aussiedler war, schweigen die Rechtspopulisten dann doch. Zumindest die offiziellen Stellen. Sie wollen die neugewonnen Wählerstimmen nicht wieder verlieren. Es wird keinen Trauermarsch geben.

Davon, wie sich die anderen AfD-Sympathisanten über das Kasachische und die Unkultur der Russen förmlich das Maul zerreißen, merkt man auf den Seiten von „Russlanddeutschen für die AfD“ herzlich wenig.
Sie ignorieren einfach die offen rassistischen Kommentare. Nach Tagen posten sie lediglich die Todesanzeige des Opfers. Mit Beileidsbekundungen darunter.

Wäre nicht spätestens jetzt der Moment, um innezuhalten? Um sich zu fragen, ob diese rechtspopulistische Partei wirklich eine gute Alternative für unsere Minderheit wäre? Denn wenns hart auf hart kommt, sind wir dann doch nicht die nützlichen, gut integrierten und wertebewussten Mitbürger, sondern werden schnell zu Iwans, Kasachen und Fremden, die mal einen deutschen Schäferhund hatten und zu Gewalt neigen, wenn unsere Ehre angekratzt wird.

Wäre nicht spätestens jetzt der Zeitpunkt zu merken, dass uns diese Herren und Damen Superdoitschen nicht für ihre Brüder und schon gar nicht für ihre Schwestern im Geiste halten?

Ich fürchte, das wird nicht geschehen. Die Suche nach Anerkennung, danach endlich anzukommen und aufgenommen  zu werden, scheint größer zu sein und wird sicher auch dieser Ent-Täuschung standhalten.

#Luenen wird irgendwann zu den anderen schrecklichen Nachrichten gereiht und abgehakt.

Schon nach dwei Tagen ist dieser Vorfall aus den Medien verschwunden. Dann kommen die Meldungen wieder aus Kabul, Berlin und Los Angeles. Jetzt bleiben die Familien mit dem Schock und der Trauer allein. Und werden merken, was ein einzelner Vorfall im Leben anrichten kann.


***

Einige der Kommentare aus Facebook, nur für diejenigen, die sie sich antun wollen:

Man liest bald nichts mehr anderers. Da ein gest0chere, da ein gest0chere, gehört bei deren Kultur scheinbar zu den Utensilien, die man täglich einstecken hat, wie unsereins ein Taschentuch oder einen Schlüssel.

– Sollte der Verdächtige ein Russlanddeutscher sein, dann möchte ich darauf hinweisen, dass er in einem kulturellen Umfeld in Kasachstan sozialisiert wurde, das keinesfalls „russlanddeutsch“ ist.

– Ja aber das ist unser neues Land… “ Ein land in dem wir gerne und gut leben “ Danke an unsere Eliten

– Seltsam aber die afd hat sich dazu noch nicht geäußert.abgesehen davon, mein Beileid an die Familie

– Die müssen erst mal schauen, ob der Kasache nicht zufällig auch Russlanddeutscher war.

– Ich weiß. Aber die sind ja der Meinung, dass mindestens die Eltern auch Deutsch sein müssen, damit die Nachkommen den deutschen Pass haben dürfen. Blutquatsch.

– Die AFD ist sowieso komisch. Zum Mordfall Marcel H. haben die sich, glaube ich, gar nicht geäußert. Und bei dem vergeigten Bombenanschlag auf dem Bus des BVB kam, glaube ich auch nichts mejr, als heraus kam, dass der Täter ein Russe, Deutschlandrusse o.ä. war.

– Soweit das aus den Medienberichten zu entnehmen ist, dürfte der Junge Russlanddeutscher sein – und die sind der AfD häufig nicht ganz abgeneigt… Dementsprechend werden die einen Teufel tun und sich dazu äußern.

– Der Täter war Nationalität Mensch. Das sollte für alles weitere reichen.

 

Advertisements

Wahl-o-Mann-o-Mann!

In den letzten Wochen standen die Russlanddeutschen Medienberichten zufolge im Verdacht, mehrheitlich der AfD zu verfallen. Wie die Lemmlinge. Sie seien verführbare Wähler und außerdem würden ihre konservativen Werte von dieser rechtspopulistischen Partei besser bedient werden als von den an sich konservativen Parteien.

Auf ARTE hatte sich Wladimir Kaminer zu Wort gemeldet und hat in heimeliger Kneipenatmosphäre ironisch-naiv das Narrativ RD=AfD noch befeuert. Er ist Experte in diesen Dingen, weil ja einige seiner Freunde Russlanddeutsche sind.

Die Festschreibung stand unverrückbar. Von Bericht zu Bericht journalistisch untermauert. Haben die alle voneinander abgeschrieben? Jedenfalls kursierten immer zwei gleiche Bilder. Das von der Demo um das Mädchen Lisa und eins von der Auslage des Kalinka-Supermarkts.

Trotz relativierender Stimmen und Berichte, trotz warnender Rufe in den sozialen Medien (z.B. der Seite ‚RD gegen AfD‘ und einer Ansprache des russischen Journalisten Nikolai Kameniouk, der die russischspachige Community eindringlich bat, nicht die AfD zu wählen) und einem Protestschreiben von russlanddeutschen Vereinen hielt sich dieses Narrativ hartnäckig bis zum Ende des Wahlkampfes – und nun drüber hinaus.

Oszillierend zwischen Putin und Hitler. Gehts noch?

Wirkliche Erhebungen und Fakten gibt es nicht oder sie gehen im öffentlichen Diskurs unter. Der Juniorprofessor für Migration und Integration der Russlanddeutschen Jannis Panagotidis hat kurz vor dem Wahlsonntag mit seinem Kollegen Peter Doerschler von der Bloomsburg University in einem Zeitungsbericht mit ein paar Mythen rund um das Thema Russlanddeutsche und AfD aufgeräumt. Sie haben herausgefunden, dass der Zuspruch kaum (bzw. im Rahmen statistischer Fehlermargen eigentlich gar nicht) über dem Durchschnitt anzusiedeln ist. Immer wieder gehörte Behauptungen, die AfD sei die beliebteste Partei unter den Russlanddeutschen entbehren somit jeder Grundlage.

Hier der Bericht darüber in der SZ: http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestagswahl-die-afd-partei-der-russlanddeutschen-1.3676846

Statt der propagierten 100% sind laut ihren Befragungen also knapp 14% der Deutschen aus Russland, die mit der AfD sympathisieren. Im Bundesdeutschen Durchschnitt sind es 12,6%, also 1,4% weniger.

Am Tag nach der Wahl schien sich das Segel der öffentlichen Stimmungsmache gedreht zu haben. Plötzlich sind es nicht die 1.8 Mio wahlberechtigte Aussiedler, die den Rechtsruck im Bundestag verursacht haben sollen, sondern Millionen abgehängter ostdeutscher Männer. Sieh an. Doch dann tauchten wieder ein halbes dutzend Berichte über Aussiedler auf, die alte These widerkäuend.

Enstand kurz vor der Wahl, Russlanddeutsche gegen die AfD

Viel Mimimi um Nichts?
Nur zwei russlanddeutsche AfD-Kandidaten haben es mit einem Direktmandat in den Bundestag geschafft. Wenn sich noch mehr einen steilen Aufstieg in dieser Quereinsteigerpartei versprochen haben, so dürften sie nun enttäuscht sein.

Die Hoffnung, dass nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse das pauschalisierende Bashing, gewürzt mit einer völligen Ignoranz der Befindlichkeiten und der Geschichte der russlanddeutschen Community endlich ein Ende hat, hat sich nicht erfüllt.

Bisher wurde jede Konferenz, jede Kampagne seitens der Russlanddeutschen, die nicht die mediale Festschreibung befeuert, von der Presse mit hartnäckiger Missachtung gestraft. Passte leider nicht in das typische Bild des rückwärtsgewandten, chauvinistischen Keulenschwingers, das sich in den letzten Monaten herausgebildet hatte.

Verfallen wir in eine Opferrolle, in dem wir behaupten, die Presse würde eine Hexenjagd veranstalten? Ja. Aber. Auch ein erklärter Paranoiker wird manchmal von feindlichen Agenten verfolgt. Und eine Volksgruppe, die über Generationen die Opferrolle innehatte, kann durchaus auch Opfer einer Hetzkampagne werden.

Um solchen pauschalisierenden Berichten in Zukunft etwas entgegenzusetzen, müssen wir uns viel mehr vernetzen. Angesichts des medialen Bashings ist es schon vielfach geschehen. Anscheinend noch nicht genug. Das wäre mal ein Schritt, um die Opferrolle und das Jammern endlich hinter uns zu lassen. Wir sind nicht der klägliche Rest, wir sind die Mehrheit. Mehr als die 14% (selbst mehr als 30%) und das sollte von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen und gewürdigt werden.

Was uns bleibt.
Obwohl es offensichtlich ist, dass sich die AfD-Begeisterung der Aussiedler in statistischen Grenzen hält, gibt es diese Gruppe, die sich den Populisten anschließt.

Wir können es nicht leugnen, sondern müssen uns darüber klar werden, dass die Integration offensichtlich doch nicht so vorbildlich geklappt hat. Nicht überall, nicht bei allen.

So wie die Gesamtbevölkerung in diesem Land, müssen wir dem Fakt stellen, dass nicht alle vom europäischen Gedanken und dem Wertesystem einer offenen Gesellschaft mitgenommen worden sind. Der Auftrag wird sein, nach den Ursachen zu forschen und uns dem zu stellen.

Diese Wahl hat uns allen also eine realexistierende Steilvorlage gegeben.
Allen, die dieses Fleckchen Erde teilen.

Tatsache ist: In Lahr, Pforzheim und Calv, sogenannten Hochburgen mit einem hohen Anteil an russlanddeutscher Bevölkerung, schafft es die AfD auf den zweiten Platz nach der CDU.

Auch in den neuen Bundesländern gab es mehr Wählerstimmen für diese Partei. In Sachsen rutschte sie gar auf den ersten Platz.

Aber es wird nicht mehr unterschieden. Es scheint sich in den Köpfen festgesetzt zu haben, dass alle dumpfe Rassisten sind, die ‚Ossis‘ und die ‚Aussies‘. Die Männer aus dem tiefsten Osten und die Aussiedler, die aus dem noch tieferen Osten stammen. Die letzteren sind laut der aufgeklärten Öffentlichkeit: Erzkonservative, die sich selbst für bessere Deutsche halten und das endlich auch bestätigt bekommen haben von Höcke, Gauland und Co.

Halleluja, nach 20 Jahren nimmt sie endlich jemand für voll! Wenn sie sich da nicht mal täuschen. Willfährige Wahlhelfer waren sie, das ja. Aber ob die erhoffte Teilhabe am politischen System am rechten Rand gelingt?

Wie gesagt: es gibt keine hinlänglichen Studien über die Zahlen außerhalb der Hochburgen. Von dort, wo sich Deutsche aus Russland integriert und assimiliert haben.

An die 1.8 Millionen von uns waren wahlberechtigt.

In einigen sozialen Brennpunkten mit hohem Aussiedleranteil hat die AfD bis zu 30% geholt.

Lässt sich denn daraus auch schlussfolgern, dass es auch insgesamt dreißig Prozent der Deutschen aus Russland waren, die diese Partei gewählt haben?

Überall?
Auch in Hamburg?
Auch in Köln Chorweiler?
Auch in Homberg an der Efze?

In Hamburg hat die AfD beispielsweise in einem Viertel (Moorfleet) 40% bekommen. Von 61 Stimmen waren das 21, ist ein ganz kleiner Wahlkreis. Und auch in Stadtteilen wie Billbrook hat sie abgesahnt. Aber das bedeutet doch nicht, dass alle Bewohner*nnen der Hansestadt AfD-affin seien. Das ist absurd, wenn man sich die übrigen Zahlen anschaut. Was die Russlanddeutschen angeht, sind solche Schlussfolgerungen jedoch an der Tagesordnung.

Und selbst wenn es hochgerechnet doch 30% sein sollten, das patriotisch-völkische Drittel, das die Populisten am Ruder sehen möchte, es bleiben noch immer 1,2 Millionen, die die AfD nicht gewählt haben. Nur so am Rande.

Es ist ein Mythos entstanden, der Aussiedler und die Alternative für Deutschland aneinander kettet. BFF. Best friends forever. Oder eher Master and Servant. Allen vernünftigen Stimmen, die nach genauen Untersuchungen fragen, zum Trotz.

Er wird fortgeführt, dieser Mythos, weil es einfacher ist, eine Minderheit für das Versagen der Politik der letzten Jahre oder Jahrzehnte verantwortlich zu machen. Die Nazis sind immer die anderen. Die Hölle, das sind nicht wir.

Dennoch, eines ist nicht von der Hand zu weisen: Der schale Nachgeschmack bleibt, dass es einen Prozentsatz in unserer Community gibt, die Heimatliebe mit völkischem Gedankengut verwechseln. Die in die Hetztiraden gegen Andersdenkende und anders Aussehende mit einfallen. Die Frauen am liebsten in einer Rolle sehen, die es zuletzt im Biedermeier gab. Mit einer Stickarbeit am Kamin. Und ansonsten Kinder, Küche und Kirche.

Bei all der Verteidigungshaltung und den Relativierungsversuchen dürfen wir diese Tatsache nicht aus den Augen lassen. Wir müssen uns darüber klarwerden, wie wir mit diesem Problem umgehen. Als Einzelpersonen und auch in den Gruppen und Vereinen, in denen wir uns bewegen. Das wird die eigentliche Aufgabe sein. Uns mit diesem Prozentsatz, wie hoch er auch sein mag, auseinanderzusetzen.

Aus gegebenem Anlass: die Sache mit dem Schäferhund

Auf die Ankündigung der Zeitschrift mit deutscher Literatur aus Russland auf Facebook postete eine Userin: aus Russland? mit deutschen Schäferhund…
Dieser Text ist Ulla S. gewidmet und allen, die mir in den letzten Jahren mit dem Schäferhundmotiv gekommen sind. Wie überaus originell übrigens.

Das nächste Mal schreibe ich darüber, warum Aussiedler immer gleich beleidigt sind, versprochen!

t-shirt-deutscher-schaeferh

Laika

Jede Familie, die wir kannten besaß in Russland einen deutschen Schäferhund. Das war unabdingbar. Die Maiers, die Krummbeins und die Glinkas, besonders die Glinkas. Wenn sie einen russischen Nachnamen hatten, waren sie auf so einen Begleiter geradezu angewiesen. Einen vierbeinigen Beweis ihrer Herkunft, ohne ihn ging gar nichts. Wer sollte denn sonst wissen, dass ihnen auf der Straße nicht Tschuktschen, nicht Kirgisen und auch nicht Moldawier entgegenkamen, sondern diese fiesen, miesen Ausgeburten von Faschisten. Anhand ihrer graublauen Augen etwa? Oder der strohgelben Haare? Die konnte auch jeder dritte Petrow, Siderow und Iwanow vorweisen. Aber adrett aussehen und Schäferhund, konnte nur eins bedeuten: ein Fritz!

Manche Familien hatten gleich mehrere von diesen Hunden. So ging der Vater seinen akkuraten Geschäften nach und die Mutter konnte in Begleitung einer Афчарка, wie sie auf Russisch genannt wurden, gepflegt einkaufen gehen. Das ist so wie hier die Leute einen Zweitwagen besitzen. Praktisch, besonders auf dem Land. Praktische Nebenwirkung: so ein Schäferhund konnte auch die Zeitung nach Hause bringen oder den Leuten die Butterbrotdose nachgetragen. Und mittags wurden die deutschen Kinder von ihren deutschen Schäferhunden von der Schule abgeholt. Das hätten Sie sehen müssen, zu Dutzenden saßen sie da im Sand vor der Schule, asphaltiert waren die Straßen ja nicht. Das gab ein Jaulkonzert, wenn die Schulglocke ertönte. Unvergesslich.

Wir hatten selbstverständlich auch einen. Sie hieß Laika. Nach der Hündin, die als erstes Lebewesen ins All geschossen wurde. Oder war das doch die Schimpansin? Egal, unsere Laika war jedenfalls ganz bodenständig und fraß nur selbstgemachten Strudel. Alle Nachbarn haben uns um sie beneidet. Nur meine Mutter, die litt fürchterlich, war sie doch jeden Morgen gezwungen, einen Strudelteig anzusetzen.

Eines Tages, es musste was mit dem Teig nicht in Ordnung gewesen sein, zu viel ukrainischer Weizen vielleicht, da wurde unsere Laika krank und ich musste ohne sie zur die Schule laufen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Die Menschen lächelten mich an, nickten mir zu oder übersahen mich ganz. Sie schmissen nicht ein einziges Mal mit trockenen Kuhfladen nach mir und riefen auch nicht Гайль Гитлер (Heil Hitler) hinterher, wenn sie mich sahen. Es war ein so seltsam unvertrautes Gefühl, dass ich froh war, als es Laika einen Tag später schon wieder besser ging.

Als sie nach 15 Jahren an Altersschwäche und extremem Strudelkonsum starb, hatte mein Vater keine zwei Stunden nachdem sie kalt war, bereits einen neuen Schäferhundwelpen organisiert: Lada. Das war von gesetzeswegen so vorgesehen, kein Deutscher durfte mehr als 24 Stunden ohne Begleitung eines Schäferhundes auftauchen, sonst wurde er am Ortsrand in einen Zwinger gesperrt und durfte nur von Abfällen und Regenwasser leben.

Irgendwann, als wir nach Deutschland ausreisen wollten, hatten wir natürlich ein Problem. Was tun mit Lada? Hunde durfte man nicht mit ins Flugzeug nehmen und was sollten wir auch in Deutschland mit einem deutschen Schäferhund anfangen? Wir gaben sie als Hofhund an einen kasachischen Nachbarn. So blieb sie immer drin, an der Kette und er hatte keine Scherereien wegen seiner Nationalität.

Weil hunderte und tausende anderer Familien zeitgleich ausreisten, und aus lauter Verzweiflung und weil sie sich beeilen mussten (sonst Zwinger!) ihre Hunde herrenlos zurückließen, bildeten sich über kurz oder lang Meuten. Sie streunten umher und fraßen Schafe. Man hat sogar ein Rudel gesehen, das einen ausgewachsenen Bären angegriffen haben soll. Was sollten die armen Viecher auch machen? Strudel gab es ja erst mal keinen.

In Deutschland geht es uns gut. Wir haben uns gut akklimatisiert und das Amt hat uns sogar wieder einen neuen Hund zugewiesen: einen russischen Barsoi.

Ein Beitrag gestern und eine Ausstrahlung morgen

Wie leicht ist es, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Oder zu vertöchtern meinetwegen, oder noch besser zu verenkeln. Nur kurz erwähnen muss man sie, das ist wohl schon alles. Hingucken und freundlich nicken, dann hört sie auf, an deinem Hemd zu zerren und dir andauernd ein Bein zu stellen.

Und wie leicht ist es, aus einer beleidigten Defensive herauszukommen. Noch vor einer Woche war mein Tenor: ihr wollt ja eh nichts über uns Russlanddeutsche wissen, ignoriert uns, wie man ärmliche Verwandte in abgerissenen Kleidern übersieht. Und wenn ihr über uns berichtet, dass so tief aus der Vorurteile-Schublade, so sehr unter der Gürtellinie, dass ich zwei Tage lang herumlaufe und haspelnd Luft hole und nah am Herzkasperl bin, wegen der Ignoranz seitens der Medien.

Doch an diesem Wochenende, ausgerechnet am 27. August, am Vorabend des 75. Jahrestages der Vertreibung der Wolgadeutschen aus ihren Siedlungsgebieten nach Sibirien, in die kasachische Steppe und andere unwirtliche Gebiete, ausgerechnet da kommt ein Beitrag im Fernsehen zu diesem Thema. Kurz, sachlich, informativ. Die ARD-Tagesthemen haben über diesen Jahrestag gestern um kurz vor Mitternacht berichtet. Ohne Seitenhiebe auf Demonstrationen zum Lisa-Fall. Ohne zu erwähnen, dass Russlanddeutsche sich schlecht integrieren, kein Deutsch sprechen und eh nur den russischen Boulevardmedien glauben schenken. Und auch ohne die AfD zu nennen, die es bei ihrem Wahlkampf auf Russlanddeutsche abgesehen hat. Oder sollte ich sagen Wahlfang?

Nein. Es war gut. Sachliche Berichterstattung zu einem (für uns allemal!) relevanten Thema.

Und morgen, also auch zeitnah mit diesem unheilvollen Datum, wird endlich der Film im ZDF ausgestrahlt, den ich bereits früher das Vergnügen hatte, zu sehen: POKA – heißt Tschüss auf Russisch. Unter der Regie von Anna Hoffmann ist er bereits 2012 entstanden und wurde bisher nur auf Festivals oder in wenigen öffentlichen Vorführungen gezeigt.

Gut. Die Uhrzeit ist unmenschlich. Für Frühaufsteher zumindest. Das kleine Fernsehspiel fängt erst nach Mitternacht an, aber danach ist er eine Woche in der Mediathek zu sehen und man kann ihn sich aufnehmen. Also will ich nicht meckern. Sondern Chips und Nüsschen bereitstellen.

Georg (Pasha Antonov) und Lena (Natalia Belitski) sind ein glückliches Brautpaar. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/7840 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/ZDF/Andreas Höfer"
Noch sind Georg (Pasha Antonov) und Lena (Natalia Belitski) ein glückliches Brautpaar. obs/ZDF/Andreas Höfer  / © Jolle-Film

Hier ist noch mal der Trailer zu dem Film, ich hatte vor längerer Zeit eine Rezension darüber geschrieben. Und ab Dienstag will ich noch den Link zur Mediathek einstellen, wo er bis zum 6. September online zu sehen sein wird. Bin gespannt auf die Reaktionen! Und hier ein Interview mit der Regisseurin Anna Hoffmann auf DeutschlandRadio Kultur.

Heute sind an einigen Orten in Russland und in Deutschland Gedenkfeiern anberaumt, zum Beispiel auf einem Friedhof in Berlin Marzahn, wo ein Denkmal steht, errichtet für die Deutschen, die unter Stalin gelitten haben.

Denkmal_RuDE_1klein
Der 28. August letztes Jahr in Berlin Marzahn

In NRW gibt es sicherlich auch Feierlichkeiten dazu mit Musik, Kranzniederlegung und feierlichen Reden, wie es sich gehört. Und auch gestern wurden Kerzen angezündet und Lieder gesungen. In Hamburg und anderswo.

In Russland sind solche Veranstaltungen nicht mehr verboten und auch das ist doch ein gutes Zeichen.

Leben ohne Angst – schön wärs!

Bisher sind die Russlanddeutschen politisch kaum aufgefallen. Dieses Jahr wurden einige von ihnen in Demos aktiv. Mir sind die Sprüche aufgefallen, die sie vor sich her tragen und ich möchte sie näher betrachten. Leben ohne Angst! Wir wollen Sicherheit! oder Schützt unsere Frauen und Kinder! – wo kommen diese Sätze her?

 

Leben_ohne_Angst_1
Die Ahnen schauen zu. Sie mischen sogar mit.

Auf einem der Transparente während einer Demo von Russlandeutschen im Januar stand: LEBEN OHNE ANGST

Leben ohne Angst – also das ist es, was sie wollen. Unbewiesene Behauptung meinerseits: die Ängste, die diese Menschen plagen, kommen aus ganz tiefen Schichten. Und haben wenig mit einer reellen Bedrohung durch Flüchtlinge zu tun.

Politische Unzufriedenheit, ja, aber wieso gehen die Russlanddeutschen gerade bei der (vermeintlichen) sexuellen Bedrohung auf die Straße?

Sabine Arnold von der evangelischen Sinnstiftung aus Nürnberg (einer Seelsorgeeinrichtung extra für Russlanddeutsche) hat neulich im Radiointerview kluge Dinge gesagt, unter anderem, dass Aussiedler aus einer inneren Lebensunsicherheit, verursacht durch die eigene Migration, nach äußerer Sicherheit rufen.

Stimmt.

Es ist wohl auch so, dass eine Minderheit sich bedroht fühlt, wenn eine neue Minderheit ins Land kommt.

Stimmt auch.

Und die Menschen wurden von einseitiger Berichterstattung aufgewiegelt.

Auch das ist wahr.

Ich gehe noch weiter und behaupte: die Emotionen, die da hoch kochen, gehen auch auf lang vergessene und vergrabene Traumata zurück, die in den Familien schwelen und so nach außen treten. Leider wird dieser Aspekt nicht so recht berücksichtigt.

Warum?

Vielleicht, weil die Akteure ihn selbst ganz weit von sich weisen würden? Ich höre es förmlich.

Wir, traumatisiert? Durch die Vergewaltigungen unserer Großmütter und Urgroßmütter? Geh mir weg mit diesem Psychoscheiß.

Dann sich lieber den Vorwurf von Rassismus gefallen lassen.

Halten wir fest:

In jeder russlanddeutschen Familie gab es in der Vergangenheit Opfer von Vergewaltigungen. Wir brauchen nur zwei Generationen zurück zu schauen.

Als zivile Kriegsgefangene haben besonders Frauen und Mädchen die Wut und Willkür der Siegermacht erfahren.

Sie waren den Übergriffen schutzlos ausgeliefert und bis heute wird nicht öffentlich darüber gesprochen. Die Vorfälle wurden über Jahrzehnte hinweg verschwiegen. Zum Teil sogar in den Familien selbst nicht weitergetragen. Zumindest nicht offen. Verdeckt hat sich dieses kollektive Trauma in die Seelen gesenkt und tritt bei solchen Gelegenheiten wie Schlacke nach außen.

Aber das ist nur meine Meinung, mein Verdacht. Als bloggerin darf ich ja ich sagen, ich, ich, was ich denke, was ich vermute. Bin nicht an stichhaltige Beweise gebunden. Und diese Momente lassen sich auch nicht beweisen, wenn es keine weiteren soziologischen oder psychologischen Studien zu diesem Thema gibt.

Auf einem anderen Transparent steht: WIR LEBEN IN EINEM LAND, WO DIE MONSTER FREI SIND.

Wohl war. Doch es sind die Monster aus den Tiefen der Seele. Wenn wir auf sie hören, werden sie uns sogar etwas mitteilen. Und das ist nicht im esoterischen Sinn gemeint – à la Ghostwhisperer oder Geisterséance. Ich glaube, dass diese Sätze nicht von ungefähr auftauchen, sondern mit den kollektiven Erfahrungen zu tun haben, die diese Bevölkerungsgruppe gemacht hat. Oder ihre Ahnen. Aber ich wiederhole mich. Ich kann mich nicht oft genug wiederholen.

‚Bisher sind Russlanddeutsche als Gruppe politisch nicht in Erscheinung getreten‘, sagte neulich Jannis Panagiotidis Juniorprofessor für ‚Russlanddeutsche Migration und Integration‘ in Osnabrück in einem Interview mit der ZEIT. Und in einem anderen Interview meinte er zu den Demos: ‚Dort lief durchaus ein Querschnitt der Comunity mit. Nicht nur junge Hitzköpfe.‘

Unauffällig – auffällig, so auch das Motto der Pressekonferenz der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland am 4. Februar in Berlin zum Fall Lisa.

In Deckung bleiben, war die Strategie bisher, aus historisch bekannten Gründen.

Doch wenn ein neuralgischer Punkt berührt wird, wie diese Vergewaltigungsstory, die sich als unwahr entpuppt, dann gerät plötzlich was in Bewegung. Übrigens hat die polizeiliche Aufklärung der Geschichte um Lisa Was auf das Grundproblem keine Auswirkung. Die Verunsicherung sitzt viel tiefer. Das Verschweigen und Vertuschen der Gewalt gegen deutsche Frauen in Russland, damals, viel früher, greift viel weiter. Wie ein Wurzelwerk. Wir sehen nur den Baum. Und können nicht verstehen, wieso seine Blätter sich zusammenkrümmen.

Warum stürzen sich die Aussiedler (nicht alle, aber eine wahrnehmbare und von den Medien wahrgenommene Gruppe) genau auf dieses Thema?

Auslöser:

Sexuelle Gewalt gegen ein Mädchen, unser Mädchen.

Und die angebliche Vertuschung durch die Staatsmacht.

(Nicht nur ich, auch:)

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit neigt dazu, sich zu wiederholen.

Die Vergangenheit…

Und das, was sich wiederholt, sind Muster.

Muster, die sich ergeben und die alte Wunden aufreißen. Bilder, die hängenbleiben:

a) Erwachsene Männer vergewaltigen ein wehrloses Mädchen.

b) Eine Frau soll halb nackt durch die Straßen flüchten. (Ausspruch eines Anwalts, der das unserer Bundeskanzlerin wünscht.)

c) Kinder, die abgegriffen und von Fremden mitgenommen werden.

d) Reelle oder empfundene Willkür des Staates: falsche Berichterstattung, Vertuschung, ungerechte Behandlung.

Die Verletzungen aus der Vergangenheit treten durch diese Muster zutage, klopfen an die Tür, wollen angeschaut werden. Monster im Kopf.

Gehen aber leider im rassistischen Hetzgeschrei unter. Schade eigentlich.

Worauf gründen diese Bilder? Wo kommen diese Traumata her? Die jüngsten Massen-Deportationen an Russlanddeutschen begannen 1941. Verfolgungen gab es schon Jahrzehnte vorher. Aber auch die massiven sexuellen Übergriffe? Wann waren sie am stärksten? Wohl eher nach dem Krieg, nach 1945? Als die Angehörigen der Verlierernation den Siegern schutzlos ausgeliefert waren. Wann hörte das wieder auf? Ende der Fünfziger? Vielleicht.

Schuld und Sühne, das bei Dostojewskij eigentlich Verbrechen und Strafe heißt. Die Schuld, das Unrecht dieser Jahre ist nicht gesühnt, ist nicht getilgt, wurde noch nicht einmal zur Kenntnis genommen. Die Geister bleiben unruhig.

Wenn wir genauer hinsehen, hinter das Offensichtliche, taucht zwischen den Demonstranten das Gesicht der wütenden Frau auf, die verletzt an Körper und Würde zur Furie wird, mit aller Macht aus dem Dunkel des Unbewussten. Sie schreit nach Vergeltung. Benebelt die Sinne.

Ihr ist es egal, gegen wen sich die Wut richtet. Sie sieht nicht, ob Unschuldige getroffen werden.

Was können Flüchtlinge dafür?

Nichts.

Aber auch dieser ganze Komplex der Flucht holt alte Bilder und alte Ängste herauf. Und – Russlanddeutsche haben definitiv ihre Erfahrungen mit Flucht gemacht. Ihre Hausaufgaben, wie es so schön heißt. Mit Propaganda übrigens auch, müsste man meinen.

Und zusammen ergeben die alten Bilder, die die neuen Bilder überlagern einen gefährlichen Molotov-Cocktail. Kein Wunder, dass die Lage so eskaliert ist. Dass alle Akteure so vehement auftreten.

Was können wir tun?

Darauf warten, dass von offizieller Seite eine Geste der Versöhnung, der Sühne kommt? Nein. Nicht unter den gegebenen politischen Umständen. Nicht mit einem neuen kalten Krieg, den beide Seiten beschwören.

Wir können den Schleier des Vergessens niederreißen, die alten Wunden betrachten, der Opfer gedenken und hoffen, dass ihre Seelen endlich Frieden finden.

Wie?

In einem persönlichen Ritual?

Mit einer Geschichte? Einem Film? Mit gemalten Bildern? Einem Song?

Oder mit einem Denkmal, das die Opfer ehrt. Ganz öffentlich.

Auf den Fall einer angeblichen Vergewaltigung kommen unzählige wirklich verübter Gewalttaten. Es gibt Denkmäler für Kriegsopfer, für Opfer von sexueller Gewalt bisher aber nicht. Oder?

 

Ungelebte Trauer

Der folgende Beitrag wurde von dem Journalisten Georg Löwen im Jahr 1999 in der Zeitschrift ‚Semljaki‚ veröffentlicht. Damals gab es einige scharfe Reaktionen seitens der Leserschaft zu Artikeln, die sich thematisch mit der Aufarbeitung der Vergangenheit der Russlanddeutschen beschäftigten. Manche Leser reagierten regelrecht agressiv und ablehnend. Dieser Text war eine Antwort auf diese harsche Resonanz. Daraufhin kamen wieder Lesebriefe mit viel Zuspruch, ein Leser schrieb: „Ich habe den Gulag selbst erlebt, aber meine Gefühle so genau auszudrücken, wie Sie es getan haben,  hätte ich nicht vermocht. Danke dafür.“

Hier die Übersetzung des Beitrags von damals, bei dem es um die Notwendigkeit der kollektiven Trauer und den Konsequenzen des Schweigens geht und der nach so vielen Jahren nicht an Aktualität verloren hat:

Unvergessen - ein Denkmal in Berlin
Unvergessen – ein Denkmal für russlanddeutsche Opfer des Krieges

Wir sind nicht weinerlich. Wir beweinen

Die Briefe über die Vergangenheit der Deutschen aus Russland lassen bei einigen Lesern die Frage aufkommen: wozu sich an das Schwere und Traurige erinnern? Einige sagen sogar: Schluss mit der Weinerlichkeit! Schluss mit dem ewigen Gejammere! Wie könnte man das am besten erklären?

Offenbar fällt es schwer, über den staatlich nicht nur sanktionierten, sondern regelrecht verordneten Sadismus zu hören und zu lesen und insbesondere tun sich diejenigen schwer damit, die für lange Zeit unfreiwillig-freiwillig in diesem Staat gelebt haben. Der Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen und sich somit der dunklen Schatten zu entledigen, die von der Erinnerung an die schweren menschlichen Schicksale hervorrufen werden, ist nur zu verständlich. Vermutlich kommt deswegen oft auf die Beschreibungen der Qualen, die die Russlanddeutschen ertragen mussten, folgende Reaktion: „Alle hatten es doch schwer!“

Richtig. Alle hatten es schwer. Das Maß zu finden, mit dem man ermitteln kann, wer es schwerer hatte, ist schier unmöglich.

Denn das Erleben von Verlust, von physischem und seelischem Leid, sogar des Leides der Vorfahren, ist eine sehr subjektive Empfindung. Wer hat damals mehr gelitten – die Russen, die Ukrainer, die Weißrussen, die Kasachen oder andere Völker der Sowjetunion, die während des Krieges 20 Millionen Menschenleben zu betrauern hatte. Oder waren es die Russlanddeutschen, die nicht an der Front, sondern im Hinterland, in den Lagern der Arbeitsarmee und den Sondersiedlungen den Großteil ihres Volkes einbüßten? Allein diese Frage ist absurd. Doch Menschen neigen dazu, zu vergleichen, in diesem Fall leisten jedoch weder Abakus noch Taschenrechner ausreichende Dienste.

„Ich habe alles am eigenen Leib erfahren und nichts davon vergessen,“ schreibt Albina Bender, „nicht vergessen habe ich, wie ich bereits nach dem Krieg das Radio eingeschaltet hab und einen während des Krieges aufgezeichneten Aufruf von Ilja Ehrenburg hörte: ‚Töte den Deutschen!‘ Ich dachte, dass wenn ich gleich auf die Straße gehe, dann kann mich irgendein Fanatiker einfach so erschlagen.“ Weiter berichtet sie: „Wo ist der Unterschied zwischen Erschießungen und anderen Vernichtungsmethoden? Wenn die Deutschen aus Russland in der nackten Steppe bei Schnee und Minus 40 Grad ausgesetzt wurden? Der Ausgang ist der Gleiche: der Tod.“
Die Deutschen aus Russland leiden nach wie vor darunter, unschuldig verfolgt und mit einem furchtbaren Stigma belegt worden zu sein: Verräter. Es quält sie, dass sie von einem Staat verfemt und zu Gesetzlosen erklärt wurden, in dem sie friedlich und ehrlich gelebt haben.

„Der Feiertag mit den Tränen in den Augen“ nennt man in Russland den Tag des Sieges. Viele Jahre sind seit dem Krieg vergangen, aber noch immer trauern die Bürger an Obelisken und Denkmälern und beweinen die Toten des Krieges. Ihnen gebührt ewiges Gedenken. Sie sollen unvergessen bleiben.

Den Toten aus den Reihen der Deutschen aus Russland wurden bis zum Ende der Sowjetzeit keine Obelisken aufgestellt. Und sie hatten daher keine Gelegenheit, gemeinsam ihre Trauer auszudrücken, die Väter zu beweinen, die erniedrigt und von unerträglicher Plackerei und Hunger geplagt wurden, die Mütter zu beweinen, denen ihre minderjährigen Kinder entrissen wurden und die sie nie wieder sehen durften. Sie hatten kein Recht auf ein ewiges Gedenken. Hatten kein Recht darauf, dass wir uns an sie erinnert und offen um sie getrauert haben.

„Was habt ihr denn, liebe Leute, ihr genießt es wohl sehr, um die Vergangenheit zu weinen, tut euch selbst leid. Schaut euch um, das Leben geht für euch doch weiter, und das gar nicht mal so schlecht!“
Die Rede geht wieder um uns, die Deutschen aus Russland. Was kann man darauf antworten? Wir freuen uns ja auch an unserem gegenwärtigen Leben. Doch sogar jetzt wachen die alten Männer, die früher in der Arbeitsarmee waren, mit Tränen in den Augenwinkeln aus ihren nächtlichen Alpträumen auf: sie hören erneut die letzten Atemzüge der sterbenden Leidensgenossen auf den Pritschen nebenan, sehen ihre Leichname in den Gräben liegen.

Ironisch daher gesagte Sprüche über das „unglückliche Volk der Russlanddeutschen“ sind ebenso unüberlegt wie anmaßend. Es bleibt ein Gefühl der Peinlichkeit, des Fremdschämens gegenüber denjenigen, die so wenig Empathie für das Leid anderer aufweisen, obwohl sie diese seelischen Zustände doch selbst erlebt haben.

Wir sind nicht weinerlich, wir beweinen. So wie jedes Volk seine leidgeprüften verstorbenen Töchter und Söhne beweint. Schon immer haben die Menschen getrauert, und genau dieses Verhalten ist imstande, die quälenden Alpträume und die innere Ausweglosigkeit zu erleichtern – über den Prozess der Trauer gelangt die Seele zu innerem Frieden. Wir müssen sogar trauern und die Toten beweinen, damit unsere Seele ihre Ruhe findet. Dass es so ist, werden Ihnen sowohl Priester als auch Psychologen bestätigen können – ein jeder mag denjenigen fragen, dem er in dieser Hinsicht am meisten vertraut.

Jedes Volk hat sein eigenes Trauma. Bei Völkern, die Vertreibung und Genozid durchlebt haben, wirken diese Traumata noch lange nach. Sehr lange. Die Deutschen aus Russland waren gezwungen, dieses Trauma über Jahrzehnte in sich zu unterdrücken, sie mussten schweigen, und so hat es sich in immer tiefere Schichten zurückgezogen.

Vielleicht kommt es daher, dass unsere alten Leute, wenn sie in der Kirche um ihre Verstorbenen beten, so bitter und so leise, fast heimlich aufschluchzen, als würden sie ihre Trauer nicht zeigen wollen.
Ihnen gebührt ein ewiges Gedenken. Sie sollen unvergessen bleiben.

Stalins Erlass von 1941 sorgte für Massendeportationen
Stalins Erlass von 1941 sorgte für Massendeportationen

 

Poka – in Berlin

Kurzmeldung: Der Film ‚POKA –  heißt Tschüss auf Russisch‘ wird am 3. November 2015 im CineStar in Berlin (Potsdammer Straße 4) aufgeführt. Einlass ist um 15.30, Beginn um 16.00 Uhr.

Interessenten bitte anmelden unter: filmvorfuehrung_poka@giz.de

Die Vorführung ist kostenfrei.

Hier ist noch ein Interview mit der Regisseurin, wo sie über Identität, das Leben in zwei Welten und nicht zuletzt über ihren Film spricht. So wie ich es verstehe, wird er noch in diesem Herbst auf ZDF ausgestrahlt. Hoffentlich nicht zu unmenschlichen Zeiten…

http://medienblick-bonn.de/durchblick/die-unterschiedlichkeit-der-menschen-respektierten-ein-gespraech-mit-der-filmemacherin-anna-hoffmann