Karl Schlögel: „Terror und Traum. Moskau 1937“

Wenn ich schon dabei bin, über den Großen Terror zu schreiben, muss ich ein anderes hervorragendes Werk erwähnen. Es heißt „Terror und Traum – Moskau von 1937“ verfasst von dem Osteuropahistoriker Karl Schlögel. Man kann fast nicht Buch dazu sagen, es ist eine monumentale Sammlung von 33 verschiedenen Novellen und ist in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und mithilfe von vielen Menschen aus Russland und dem Westen entstanden. Mit Anhang zählt es über 800 Seiten, allerdings liest es sich so spannend wie ein Thriller, – „mit dem Unterschied,“ so schreibt es der Tages-Anzeiger aus Zürich, „dass sich alles tatsächlich zugetragen hat.“

Umfassende Studie eines Ausnahmezustandes
Umfassende Studie eines Ausnahmezustandes

Das Widersprüchliche tritt deutlich zutage, 1937 ist gleichzeitig das Jahr der gigantischen Flugschauen und Jubiläen (u.a. 20 Jahre Revolution, Puschkin-Jahr), der Schauprozesse und Massen-Exekutionen und der großen die sowjetischen Errungenschaften preisenden Ausstellungen. Karl Schlögel durchforstet Zeitungen, Reklametafeln, Publikumsfilme und Monumentalgemälde, er filtert seine Erkenntnisse aus Choreografien und Liedern der großen Aufmärsche, ausarchitektonischen Plänen, Privataufzeichnungen und Briefen jenes Jahres. So entsteht ein dichtes Gewebe von parallel-laufende Strömungen, das sehr bezeichnend ist und auf vielschichtige Weise den Nährboden beleuchtet, aus dem die Verbrechen des Stalinschen Regimes entstehen konnten.

Eins der 33 Kapitel befasst sich mit dem Roman „Meister und Margarita“ von Bulgakow, der genau in dieser Zeit entstanden ist und unter anderem packend das Verschwinden der Menschen in einer Gemeinschafts- oder Kommunalwohnung beschreibt.

Spannend ist auch der Abschnitt über das Telefonbuch von ’37. Anhand der Vergleiche, die er mit dem Verzeichniss des Jahres davor zieht, wird auf ganz pragmatische Weise deutlich, wie viele Menschen verschwinden – welche Schneise das Regime in die Bevölkerung dieser Stadt schlägt. Bewegend ist auch das Kapitel über Gräberfelder von Bukowo oder anderen Objekten in der näheren Umgebung von Moskau, wo Spezialkräfte Menschen, die oft nach willkürlichen Kriterien ausgesucht waren, exekutierten um bestimmte Quoten zu erreichen.

Die Lektüre ist phasenweise bedrückend, aber erhellend mit all den verschiedenen Aspekten – vielleicht nicht ganz einfach am Stück zu lesen, aber geeignet für all jene die tiefer in die Schichten dieser Zeit eintauchen wollen.

Übrigens finden sich auch Aussiedler in diesem Buch wieder, besser gesagt, sowjetische Bürger deutscher Nationalität. Sie sind Teil der „großen Säuberungen“. Anhand des Befehls Nummer 00439 vom 25.07.1937 wurde die „Deutsche Operation“ des NKWD eingeleitet, in deren Verlauf „summarisch Deutsche – deutsche Staatsbürger, in der Sowjetunion lebende Emigranten, aber auch Sowjetbürger deutscher Herkunft – als Spione, Agenten und Terroristen verdächtigt und verhaftet“ wurden.
Das erklärt für mich auch die Welle der Verhaftungen in den deutschen Siedlungen und die Abwesenheit der Männer noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Da reichte nicht nur ein Brief aus dem Ausland, da reichte oftmals ein unrussisch klingender Name.

Was mir allerdings bei der Lektüre besonders aufging, ist folgendes: es war nur eine Operation unter vielen. Polen, Litauer, Esten, Ukrainer oder Tadschiken und all die Genossen der anderen Brüder- und Teilstaaten des sowjetischen Imperiums haben ebenfalls unter diesen Säuberungen gelitten. Nicht zu vergessen die zigtausenden Russen, die als Diversanten und Kulaken und Konterrevolutionäre verfemt und verfolgt wurden. Lager oder Erschießung, das ist nicht etwas, dass speziell für die Deutschen galt. Es war universell. Auch vor Bolschewiken der ersten Stunde machten die Schergen Stalins und Schukows nicht Halt.

Ich habe übrigens nachgeschaut, ob Georgier auch davon betroffen waren, weil doch Stalin aus Georgien kommt. Waren sie, auch sie wurden von den Säuberungsmaßnahmen nicht verschont. Georgische SSR steht auf Platz 4 der Liste mit der Zahl 5000. Die Ukraine ist in 8 Gebiete unterteilt, ebenso Kasachstan. Im Gebiet Odessa betrifft dieser Befehl 4000 Menschen.

Krass, es wurden tatsächlich zu erreichende Quoten, in „Übereinstimmung mit den von den Volkskommissaren des NKWD der Republiken und den Leitern der Gebiets- & Regionalverwaltung des NKWD“ festgelegt. Die Zahlen 5000 oder 4000 bezeichnen also nicht die tatsächlichen Opfer, sondern die anvisierten Summen der zu tötenden Personen.

Mir sind diese Dinge so wichitg, weil ich beim Zuhören unserer Familiengeschichten den Eindruck bekommen habe, nur wir seien Opfer gewesen. Es hat sich das Gefühl festgesetzt, obwohl ichs vom Verstand natürlich nicht so gesehen habe, nur unserer Gruppe habe man so übel mitgespielt.

Das mag selbstverständlich sein für andere. Für mich ist die Beschäftigung mit der Geschichte eine echte Horizonterweiterung in dieser Hinsicht.

Ich will hier nichts kleinreden oder relativieren, natürlich haben viele unserer Vorfahren das Recht, sich als Opfer zu fühlen – das Schicksal hat ihnen ziemlich übel mitgespielt – aber sie waren lediglich eine Gruppe unter vielen. Eine Zeile auf der Liste mit den zu erreichenden Tötungsquoten des Regimes.

Karl Schlögel „Terror und Traum. Moskau 1937“, Sachbuch,  Fischer Verlag 2008, Preis € (D) 14,95, (Taschenbuch)

Der Große Terror – eine Ausstellung in Potsdam

Der „Große Terror” 1937–1938 in der Sowjetunion
Eine fotografische Dokumentation von Tomasz Kizny

06.03.2015 – 19.04.2015

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Wassilij Lwovitsch Wassiliew, Exekution am 3. März, Foto: Tomasz Kizny

In der Reihe der stalinistischen Verbrechen in der Sowjetunion war der „Große Terror” in den Jahren 1937 und 1938 beispiellos in seinem Ausmaß. Innerhalb von nur 16 Monaten fielen ihm etwa 1,5 Millionen Sowjetbürger zum Opfer.
Die Ausstellung des polnischen Fotografen und Journalisten Thomas Kizny holt einige der Millionen Opfer des stalinistischen Terrors aus der Anonymität zurück. Sie gibt ihnen ihr Gesicht wieder und bereitet ihnen so ein nachträgliches Andenken.

Gezeigt werden etwa 80 großformatige historische Schwarz-Weiß-Porträtfotografien und weitere 200 Porträts auf Videosequenzen.

Die Ausstellung wird erstmals in Deutschland präsentiert, nachdem sie 2013 in Polen, Frankreich und in der Schweiz sowie im November 2014 im Sacharow Zentrum in Moskau zu Gast war.

Die Eröffnung ist am 05.03.2015 um 18:00 Uhr im

Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte
Kutschstall
Am Neuen Markt 9
14467 Potsdam

Eintritt
3 Euro/erm. 2 Euro, freitags 2 Euro

Mehr Infos auf der Seite der Hauses der Brandenburgischen Geschichte.

Acht der Bilder sind hier zu sehen. Weitere Fotografien zu dem Thema von Tomasz Kizny (u.a.) sind auch im folgenden Fotoband erschienen:

La Grande Terreur en URSS, 1937-1938, von Tomasz Kizny, Nicolas Werth, Arseni Roguinski, Christian Caujolle.  Editions Noir sur blanc, 412 Seiten, 40 €.

Русский Джаз – russischer Jazz

Begleitmusik der Terrors – Genau in der Zeit der größten politischen Säuberungen der Sowjetära, als täglich Tausende verschwanden, einfach so abgeholt wurden von Männern in Uniform, im besten Fall in einem der unzähligen Lager endeten oder im schlimmsten Fall in einem Massengrab, genau in diesen Jahren um 1937 gedeiht in Russland eine Musikrichtung, die man nicht mit der strukturellen Enge des Sozialismus in Verbindung bringen würde: der ДЖАЗ (Dshas).

Schon in den Zwanziger Jahren wurde der Jazz von russischen Musikern in Hotels oder bei Tanzveranstaltungen und in Theatern gespielt. Namhafte Vertreter dieser Stilrichtung wie Alexander Tfasman oder Leonid Utjossow stammen aus jüdischen Familien rund um Odessa am Schwarzen Meer.

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Plakat für die Jazz-Band von L. Teplitzkij im großen Saal der AK-Philharmonie

 

Neben instrumentalen Nummern gibt es Stücke mit Gesang, wie den Gangsta-Jazz, die sogenannte „Murka“. Matrosen und Gauner sind ihre Helden, überhaupt wird die Hafenstadt Odessa und das Meer gern und oft besungen.

Hier das Beispiel Gop so Smukom ein Gangster-Stück von Leonid Utjossow. Und ein Swingtitel von Alexander Tsfasman von 1939. Und hier ein sowjetischer Jazztitel aus einer späteren Zeit.

Zeitgleich eroberten auch der Tango und der Foxtrott, vereinzelt auch der Charlston die Tanzböden der großen Hotels und Restaurants aber ebenso die Tanzfeste der Dörfer.

Russische Jazz Kombos gewinnen internationeale Wettbewerbe und geben Gastspiele an exotischen Orten – wie zum Beispiel Shanghai. In Moskau und St. Petersburg sind Utjossows Konzerte nicht selten ausverkauft.

Die Kulturfunktionäre führen in den Presseorganen „Prawda“ und „Iswestja“ bereits 1936 eine heiße Debatte darüber, ob „es einen proletarischen Jazz geben könnte oder ob Jazz an sich bereits bourgeois und dekadent sei.“ (Karl Schlögel, Terror und Traum, Moskau 1937)

Schlögel schreibt, diese Diskussion sei durch eine direkte Intervention von Stalin beigelegt und zugunsten des Jazz entschieden worden. Erst in den fünfziger Jahren wird der Dshas in Russland faktisch verboten und wird nur von wenigen Enthusiasten in kleinen privaten Klubs vorm Aussterben bewahrt.

Die Musikrichtung „Estrada“, eine schlagerhafte Populärmusik, die sich ohne Unterbrechungen bis heute gehalten hat, ist zeitgleich mit dem russischen Dshas entstanden. Isaak Dunajewski entwickelt aus dem Dshas das Massenlied zur Erbauung des Volkes. Sein „Lied von der Heimat“ wird zur inoffiziellen Hymne der Sowjetunion.

Der König des russischen Tango: Petr Leschtschenko
Der König des russischen Tango: Pjotr Leschtschenko

Neben den Größen des russischen Jazz möchte ich gerne einen Sänger erwähnen, dessen Leben, würde es verfilmt werden, jeden James Bond ausstechen würde. (* wurde schon verfilmt… siehe Kommentar)

Пётр Лещенко oder Pjotr Leschtschenko, ist zwar Nahe Odessa geboren, es hat ihn aber schon als Kind nach Bessarabien verschlagen. In den dreißiger Jahren ist er mit seiner Schmelzstimme und seinen pomadierten Haaren sehr populär, später gerät er zwischen die Räder der Geschichte, als der Ort, in dem er lebt, Rumänien zugesprochen wird und somit irgendwann auf der falschen Seite der Macht liegt. (Rumänien war im zweiten Weltkrieg ein Verbündeter Deutschlands). Leschtschenko gilt als Landesverräter, da er seit 1918 die rumänische Staatsbürgerschaft besitzt. „Außerdem war er in den von deutschen, bzw. mit ihnen verbündeten rumänischen Truppen, besetzten Gebieten der Sowjetunion aufgetreten. Es folgen Auftrittsverbote und nur noch seltene Konzerte. Im Zigeunerkostüm wird er von der Bühne herunter verhaftet und stirbt 1954 … in einem Lagerlazarett in Târgu Ocna.“ So stehts bei Wikipedia. Als seine Musik offiziell nicht erlaubt war, kursierten seine Platten lange als aus dem Ausland geschmuggelte Schellackplatten und sogenannte „Ribs“ oder „Rippen“ – Raubpressungen auf ausgedienten Röntgenplatten. Mit dem Niedergang der Sowjetunion setzte ein regelrechter Leschtschenko-Boom ein und er gilt heute als der ungekrönte König des russischen Tangos. Hier ein Hörbeisiel: Петр Лещенко – „Скажите, почему“. (Sagen Sie mir, warum.)

bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! - gesehen bei wanderer-records
bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! – gesehen bei wanderer-records

Inzwischen ist Odessa wieder die Stadt des Jazz, jährlich werden im Sommer Festivals abgehalten, an denen auch viele internationale Künstler teilnehmen.

Wostok-Zapad, eine Liebe in Russland

Der Film Восто́к – За́пад, oder auf französisch Est- Oest, wurde 1999 als eine französchisch-ukrainische-russisch-spanisch-bulgarische Produktion gedreht. Die Regie führte Régis Wargnier.

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Alexej versucht Marie zu bremsen.

Er weist so namhafte Schauspieler auf wie Oleg Menschikow (Олег Меньшиков), Sandrine Bonnaire (Сандрин Боннэр) und Catherine Deneuve (Катрин Денёв).

Der Plot spielt kurz nach dem WWII: Stalin ruft alle ins Ausland geflohenen Russen zurück ins Heimatland (es gibt sogar ein Wort dafür: Репатриант, Repatriant). Tausende folgen seinem Ruf. Doch statt eines proletarischen Paradieses empfängt sie der Geheimdienst und alle werden sofort verhört und dann als imperialistische Spione verschickt. So soll die französische Ehefrau (Сандрин Боннэр) des Arztes Alexej (Олег Меньшиков), auch verhaftet werden, doch er verbürgt sich für sie und, anders als die anderen, landen sie mit ihrem kleinen Sohn nicht im Lager sondern in einer Kommunalka in der Provinz.
Ihr französischer Pass wurde vom böswilligen KGB-Agenten zerstört und und somit die Aussicht auf eine Rückkehr zunichte gemacht. Doch Marie gibt nicht auf. Sie kämpft und mithilfe des jungen Sportschwimmers Sascha (Серге́й Бодро́в jr), der auch in der Kommunalka lebt und einer kommunistisch gesinnten Diva aus Paris (Катрин Денёв), bekommt sie die Chance, den eisernen Vorhang zu überwinden. Auch wenn es sie viele Jahre und einige Rückschläge kosten wird.

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Schwimmprofi Sascha ist Maries große Hoffnung

Man könnte sagen, die Kleidung der vierziger Jahre, dieses nostalgische Etwas, das Sandrine Bonnaire nonchalant trägt, ist in dem Film überbetont. Aber abgesehen davon, ist das Setting sehr realitätsgetreu, die Intrigen und Verräter der kommunalen Wohngemeinschaft, die Stumpfheit des stalinschen Behörden und die Tristesse der abblätternden Tapeten kommen sehr gut zur Geltung. Die Darstellung des Lebens im Lager wird uns zwar erspart. Aber ansonsten werden die Brutalität und Willkür des Regimes und die Mitläufermentalität schonungslos gezeigt.

Kein Wunder, denn der Drehbuchautor Rustam Ibragimbekov (viele kennen ihn als Autor von „Urga“) und der Filmemacher Sergei Bodrov sen. haben am Skript mitgewirkt. So kommt es, dass, obwohl die Bilder schön sind, obwohl die Geschichte leicht filmisch verklärt ist, der Film die stalinistische Zeit ohne verwestlichten Blick oder den Hauch von Sowjetpropaganda zeigt. Und spannend erzählt ist er allemal.

Ich denke, dieser Film ist ein wertvolles Stück Aufarbeitung und interassant für alle, die etwas von der Zeit damals spüren wollen. Auch die Sprachen Französisch und Russisch, die in dem Streifen gemischt werden, verleihen ihm ein Stück Authentizität.

Leider ist er nicht auf Amaz-duweißtschonwas oder anderen bekannten Plattformen erhältlich. Aber auf russischen Seiten kann man ihn runterladen.

Es gibt auch kritische Stimmen dazu:

„Wargnier, der bereits in Indochine die Kolo­ni­al­nost­algie mancher Franzosen zerpflückt hatte, insze­niert das Umkippen des Traums in den Alptraum genüßlich. Mit allen Mitteln des Melodrams klagt er die Diktatur an, zwischen den unschul­digen Haupt­fi­guren und den bösen Kommu­nisten bleibt wenig Platz für Grautöne. Der Beweis politisch-korrekter Gesinnung überwiegt allen Realismus“, schrieb Rüdiger Suchsland von Artechock e.V.

Und noch ein Detail: der in Russland sehr bekannte Mime Oleg Menschikow hat 1982 in dem Fernsehzweiteiler „Das Pokrowski-Tor“ („Покровские ворота“) einen jungen Mann in einem ähnlichen Setting gespielt. Also ohne Stalin-Kritik und Franzosen aber sonst war alles da, die Komunalwohnung und die Fünfziger-Jahre. Bloß ganz volksnah, unkritisch naiv und nostalgisch verklärt. Eine Art Doris Day Szenario für Russen. Bewohner der Komunalwohnung als Gutmenschen mit Liebesproblemen. Was für ein Kontrast!

„Die Flüsterer“ – eine Buchrezension

„Die Flüsterer“
Leben in Stalins Russland
von Orlando Figes, 2007

und sie liebten ihn doch...
So sah das offizielle Bild aus.

Dieses Buch ist ein geschichtliches Werk. Es hat 928 Seiten – ohne Anmerkungen und Glossar. Und liest sich dennoch wie ein Thriller. Mit Hunderten von Fällen.

Orlando Figes, ein Historiker aus London, der bereits mehrere Bücher über die russische Geschichte verfasst hat, widmet sich in diesem Werk der Stalinistischen Ära. Anhand von mündlichen Überlieferungen, privaten Archiven und Aufzeichnungen beleuchtet er, welche Auswirkungen das Regime auf das persönliche Leben der Beteiligten gehabt hat. Was es zum Beispiel bedeutet, wenn du als Kulakentochter durchkommen musst, welche Repressalien, welche Verluste und welche Traumata du durchstehst. Und wie die Menschen damit umgegangen sind. Wie es ist, in einer Kommunalwohnung zwischen Denunzianten zu leben, wenn ein paar Witze über das Sowjetsystem dir an die 10 Jahre Arbeitslager einbringen können. Nicht umsonst heißt das Buch „die Flüsteter“. Es beschreibt anschaulich, wie es dazu kommt, dass Menschen ihre Gedanken und Worte hüten. Dass sie, um zu überleben sich soweit anpassen, dass sie sogar vor sich selbst keine Kritik zulassen. Es ist nicht so simpel, wie ich immer gedacht habe, öffentlich folgt man der Konvention und im Privaten äußert man sich so wie man es wirklich empfindet. Nicht in den Dreißiger und Vierziger Jahren. Bis in die eigenen Gedanken zieht sich die parteikonforme Linie, einfach um nicht unter die Räder zu kommen. Vor den Kindern wird verheimlicht, wohin der Vater gekommen ist, vor dem Ehepartner die „beschädigte Biografie“ verschwiegen, und das womöglich über Jahrzehnte.
Besonders interessant ist, dass nicht nur die Opfer, sondern auch Wärter und sogenannte, teilweise nicht ganz freiwillige Denunzianten zu Wort kommen und das Leben und Wirken eines russischen Schriftstellers Konstantin Simonow den roten Faden des Buches bildet, der auf der Seite der Macht stand und solange der Diktator lebte, Stalins Favorit genannt wurde.

Orlando Figes geht hier auch auf die Übertragung von traumatischen Erlebnissen auf spätere Generationen ein, wenn auch nur am Rande.

Auch wenn die deutsche Minderheit nur auf einer Seite (immerhin!) mit einem Beispiel erwähnt wird, ist es ein wertvolles Buch, um sich ein Bild zu machen von der Stimmung (also den Greueltaten und Ungerechtigkeiten, die jeden treffen konnten) dieser Zeit. Es hilft die eigene Geschichte in einen Kontext zu setzen. Ich habe drei Wochen damit gelebt und bin sehr froh, darauf gestoßen zu sein. Es ist nützlich, aus einer jüngeren Generation zu kommen, die Beschreibungen sind so starker Tobak, dass sie einem den Atem nehmen können.

Es existiert eine Website (http://www.orlandofiges.com/ in englischer Sprache), auf der alle Fotos und Interviews eingesehen werden können, so stellt sie sich vor:

„Zwischen 2003 und 2006 haben drei Teams von der Memorial Stiftung in Moskau, St. Petersburg und Perm einige Hundert von Familien Archiven eingesehen (Briefe, Tagebücher, persönliche Notizen, Memoiren, Fotos und Gegenstände) die bisher von den Überlebenden des Stalinistischen Terrors in geheimen Schubladen oder unter den Matratzen überall in Russland versteckt wurden. In jeder dieser Familien wurden intensive Gespräche und Interviews mit den ältesten noch lebenden Familienmitgliedern, die noch fähig waren den Kontext dieser Zeugnisse zu erläutern und sie in einen Zusammmenhang zu der Familiengeschichte zu setzen, geführt. Dieses Buch ist eine einzigartige Darstellung der Dokumente und Zeugnisse über das private Leben in der Stalin Ära, die das Leben dieser Familien und einzelner Individuen beleuchtet.“