Eine Pizza für zwei Tage…

… oder die drei wilden Küsse des Iossif Wissarionowitsch Stalin.
Nachhaltig. Stalin küsst den sowjetischen Piloten Wassilij Molokow

Er lässt mich nicht los, der schnauzbärtige Diktator, er hält mich mit seinem festen Griff umfangen. Und sein Schatten liegt immer noch auf meinem Weg. Blutiger Schatten. Krowawaja Tenj.
Ich werde pathetisch. Aber hey, ich darf das. Anders lässt sich das ganze Krüschzeug nicht verpacken. Soll ich da etwa ein Schleifchen drum binden?
Noch immer macht das was mit mir.

Dabei liegt diese Geschichte sehr, sehr weit zurück. Bald nun schon um die 80 Jahre oder mehr. So alt bin ich noch nicht mal. Aber es prägt mich, in einem kollektiven Sinn, in einem wir im Gegensatz zum ich Sinn. Also wir.

Bevor wir also aus der Sowjetunion weg sind, haben wir vom Woschdj, vom ehrwürdigen Führer der Werktätigen Iossif Wissarionowitsch Stalin noch drei Küsse zum Abschied bekommen. Auf dass wir das Land und diesen Mann niemals vergessen. Ein Kuss auf die rechte Wange, dann einer auf die Linke und dann wieder rechts.

Drei Markierungen über das eigene Leben hinaus, denn nichts anderes waren die Küsse Stalins, auch wenn sein Ableben schon mehr als ein halbes Jahrhundert her ist.

Ich hab da mal eine Liste gemacht.

Kuss No.1:
Der Kuss der Todesangst

In Zeiten des Terrors konntest du wegen Kleinigkeiten abgeholt werden. Verrat und Schweigen, die Angst vor willkürlichen Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Alle erlebten das so, auch die Bolschewiken der ersten Stunde. Minderheiten wurden verfolgt, die Todeslisten mussten geschrieben und abgearbeitet werden. Der Todessoll musste erfüllt werden.

1938 gab es in der Ukraine die sogenannte Deutsche Operation. Das war die erste ethnische Operation des Genossen Stalin. Danach folgten noch viele. Zahlen. Erschießungen. angebliche Spionage. Arbeitsarmee. Kollektive Beschuldigungen. Keine sehr einfache Zeit, keine, die dir das Vertrauen in deine Zukunft eingibt. Über die Klammer der Generationen hinweg treibt dieser eisige Kuss Angst in die Seelen.

Die Zahlen – auch ohne Sprachkenntnisse zu verstehen.

Das ist der eisige GuLag-Kuss, der Kuss eines Genozids, der nicht so genannt wird, der generationsübergreifend wirkt und macht, dass die Menschen mit eingezogenem Kopf und voller Misstrauen durch die Welt stapfen. Dass sie so langsam vorwärtskommen, als würden sie durch meterhohen Schnee laufen. Es gibt Ausnahmen.
Oder nein, diese Schwere der Last zu spüren, das ist wohl die Ausnahme. Bei den Jüngeren. Die ältere Generation wandelt noch in meterhohem Schnee, auch wenn die Sonne knallt und es draußen mehr als 30° heiß ist. Fast ohne Ausnahme.

Wenn man die Zahlen betrachtet, ist sicher nicht nur Genosse Stalin für das alles verantwortlich, denn es fing schon mit dem ersten WK an. Aber es gibt in der Tabelle auch eine Lücken, zum Beispiel die Lücke zwischen 1937 und 1941, in die die Deutsche Operation fällt. Es sind also mehr Opfer zu beklagen. Und damit sind nur die Toten abgedeckt, nicht die Waisen, nicht die Verbannten, nicht die zerstörten Familien.

Kuss No. 2:
Der Kuss Stummheit

Der zweite Kuss ist besonders perfide. Er nimmt dir deine Identität. Er löscht deine Sprache aus und raubt dir die Erinnerung. Ja, ich weiß, nicht schreien! Nicht die Augen verdrehen, bitte. Identität wird überbewertet und wir alle jagen nach Seifenblasen des Selbst und so.

Aber hier geht es um ganz einfache Dinge. Um Verbote.
Mit diesem Kuss wollte Stalin sicherstellen, dass sich die angeblichen Faschisten in seinem Land nie wieder erheben. Und wie machst du das? Isoliere sie und nimm ihnen die Sprache, die Möglichkeit der Kommunikation, die Möglichkeit der Erzählung dessen, das war.

Wie war das noch? Nie wieder sollen Deutsche erhobenen Hauptes über die russische Erde wandeln. Die Maßnahmen sind schlicht. Verbiete ihnen deutsch zu sprechen und verbiete ihnen dahin zu ziehen, wohin sie wollen. Auch nach Aufhebung der Kommandatur-Aufsicht. Sie durften nicht frei ziehen, nicht in die angestammten Siedlungsgebiete, nicht in die großen Städte und schon gar nicht ins Ausland.
Die meisten blieben einfach an den Orten ihrer Verbannung oder zogen in die südlichen Republiken, nach Usbekistan oder Kasachstan.

Die Lücke, das große Loch zwischen 1941 und 1956, tilgt alles andere. Danach gibt’s kein Bewahren von Kultur und Sprache mehr, nur noch das Bergen von Scherben. Das Aufsammeln von Mehlresten in den Ecken der Scheune. Kolobok, Kolobok, ich fresse dich!

Als willfährige Bauern sind sie zu gebrauchen, die Fritzen. In ländlichen Gebieten sollen sie bleiben, Hühner züchten, Weizen anbauen, Baumwolle pflücken. Kolchosen und Sowchosen sollen sie zum Blühen bringen. Mal wieder. Aber nicht in ihrer Sprache auf der Straße reden, keinen Unterricht darin haben und nichts Gedrucktes produzieren. Und wehe, sie erwähnen in ihren Schriften auch nur das Wort: Wolga. Dann, Kolobok, pass nur auf!

Ab 1957 gibt es vereinzelt Schriften, die auf Deutsch erscheinen und das Leben des Proletariats und der Bauern preisen. Neues Leben oder Freundschaft heißen sie. Diejenigen, die dichten finden hier Zuflucht. Dennoch sind die Menschen, die diese Zeitungen lesen könnten, weit zerstreut. Familien, Freunde durch abertausende von Kilometern entfernt. Als Verbindung was? Eisenbahn? Telefon? Briefe? Nichts, was man nicht kontrollieren oder zensieren kann. Und dennoch ganz geht die Sprache nicht unter. Und das ist eine ziemliche Leistung.

Titelbild der Freundschaft von 1966
Identität. Ja oder nein?

Bitter. Warum sollten wir nach Identität suchen? Fragen heute einige. Zurecht. Doch.

Ist es gut, wenn Leute nicht wissen, was vor ihrer Geburt passiert ist? Wenn sie nicht wissen, woher sie kommen und welche Gründe es für ihre Situation gibt? Ich finde schon, dass es wichtig ist.

„Vielleicht würde es uns guttun, diese Suche nach der Identität sein zu lassen.“

Das sagte Juli Zeh in einem Interview in „Psychologie heute“.

Und Jan Fleischhauer schrieb vor einiger Zeit im Spiegel:

Was ist Identitätspolitik? Identitätspolitik ist das Versprechen, dass sich das, was einem im Leben an Widrigkeiten begegnet, auf die Herkunft zurückführen lässt. Wenn ich weiblich bin oder schwarz oder irgendwie anders als die anderen um mich herum, dann darf ich davon ausgehen, dass es nicht die eigentliche Unzulänglichkeit ist, die mich am Fortkommen hindert, sondern die Vorurteilsstruktur der Mehrheit.

Ein Problem dieser Form von Weltwahrnehmung ist ihre strenge Subjektivität. Wie immer, wenn man sich von seinen Gefühlen leiten lässt, ist nicht ganz klar, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Warum nicht? Netter Gedanke. Warum nicht einfach alles hinter sich lassen. Das hieß für uns ab 1960, in der Masse der Sowjetmenschen untergehen, lesen, was sie lesen, reden wie sie reden, denken was sie denken.
Geht aber nicht. Weil die Vergangenheit sich nicht abschütteln lässt. Weil sie dich, oder dein Kind oder dein Enkelkind einholen wird. Deshalb. Weil diese Identität eine ist, die schmerzt oder beißt oder dich zu Gewalt und Trunksucht treiben kann.

Ja, es ist billig, die eigene Herkunft für alles verantwortlich machen zu wollen, lieber Jan, der du dir nonchalant ein Tüchlein um den Hals bindest oder süffisant deine maßgeschneiderten italienischen Lederschühchen betrachtest. Auch du hast dir eine Identität geschustert. Gibs zu!
Du schreibst so erlesen über Identität und hattest nie deine Schwierigkeiten damit als junger, mittlerweile nicht mehr ganz so junger, wohlhabender weißer Mann in Europa zu leben. Ach, lassen wir das.

Viele der Alten aus der russlanddeutschen Community wollten verdrängen. Verständlicherweise. Viele aus der jungen Generation wissen nichts von Verbannung, vom Hunger und vom meterhohen Schnee der Angst. Sie kennen die Listen des Todes nicht. Sie fragen sich nur, woher ihre Wut kommt. Vielleicht noch nicht mal das.

Und übrigens, es ist eine Sache, sich komplett identisch zu machen mit der Herkunft, sich mit einer Gruppe zu identifizieren bis zur völligen Verschmelzung oder sich zu verbinden. Mit der Geschichte, mit den Einzelschicksalen der Leute oder mit ihrer Art zu leben. Ohne Symbiose. Ohne zu verschmelzen. Alles eine Frage der Dosis.

Kuss No. 3:
Kuss der Bodenständigkeit

Der Kuss, der einen nachhaltigen Abdruck hinterlassen hat, aber dessen Wirkung schwer zu beschreiben ist. Vor allem ohne jemandem gewaltig auf die Füße zu treten…
Er ist so ziemlich das Gegenteil von einem Musenkuss.

Neulich sagte eine Freundin, sie glaube, dass die Deutschen aus Russland (also in ihrer kollektiven Mehrheit, du und ich sind davon ausgenommen!) keine Wahrnehmung dafür ausgebildet hätten, was Kunst oder Literatur für einen Wert haben. Welche Zeit es braucht, um diese Dinge zu schaffen und welche Wirkung sie haben auf, na auf alles.

Das liegt nicht nur an dem Verbot, zu studieren. Dieses Verbot betraf nicht alle und nicht Studiengänge wie Ingenieur oder Agrarwissenschaftler oder Lehrerin.
Es liegt nicht nur an dem Verharren in den ländlichen Gebieten, die erzwungene Landflucht. Die erzwungene Meidung von schillernden Kosmopolen mit ihrem kulturellen Angebot und ihren Verlockungen zum Lotterleben.
Es liegt nicht nur an dem Rückzug ins ländlich oder religiös Traditionelle als Reaktion auf die ethnischen Repressalien. Oder die Hinwendung zu Gott als Anker, wenn ich es positiv ausdrücken soll.

Wer sich die Existenz neu aufbauen muss, immer und immer wieder, schaut nicht stundenlang auf den Mond und schreibt ein paar Zeilen dazu. Schade eigentlich. Aber is so.

Es ist nicht eins von diesen Dingen. Aber ein wenig von alldem bildet den Kompott, der all den Gebildeten und Müßiggängern misstrauen lässt. Bildet die Grundlage der Hinwendung zu allem Praktischen. Haus. Traditionen. Und die Familie steht über allem.
Zeitvertreib ist Zeitvertreib und darf nach Feierabend geschehen. Musikmachen ja, aber nur auf Hochzeiten, nur nebenbei. Wichtig sind Jobs, mit denen man Geld verdienen kann. Alles andere darf Hobby bleiben.

Und die Bohème? Kann man das essen? Kann man das gegen Essen eintauschen? Nein? Dann ist sie nichts für uns.

Nichts Unsicheres wie Theater oder Bücherschreiben, Gott bewahre. Auch hier gibt es löbliche Ausnahmen, die anderen Extreme, die Träumerinnen und Weltreisenden. Aber ich spreche nicht über dich. Ich spreche auch nicht über mich. Ich spreche über ein kollektives wir. Und das hat eigene Gesetze.

Das Luftige, das Verrückte, das Gewagte und das unsinnig Spielerische der Kunst. Sie alle haben keinen wert, wenn es ums Überleben geht. Und das ist sehr, sehr schade.

Denn nur diese Disziplinen schöpfen aus den Träumen und den Trümmern und weben eine eigene Geschichte. Bilden eine Erzählung, die wichtig ist für ein kollektives wir.

Die Realität war wieder eine andere. Hier in Deutschland. Da wurden auch die unmusischsten Diplome nicht anerkannt. Und so blieb den Ingenieuren nichts übrig als Taxi zu fahren und den Lehrerinnen blieb die Putzstelle, oder mehrere. Auch das trägt nicht immer dazu bei, das schöpferische ICH zu fördern.

Doch diese bürokratischen Hürden, in Deutschland und in Russland, die formen die Menschen. Hinterlassen Einkerbungen, Verbitterung bleibt, Kränkungen werden zugefügt. Sie alle müssen irgendwie verarbeitet werden, denn sonst werden sie weitergereicht.
Wenn es wenigstens nur ein Kuss wäre. Aber alle drei. Wie kannst du die Angst überwinden, wenn du stumm bleibst? Wie kannst du deine Geschichte erzählen, wenn du auf deine existentiellen Nöte zurückgeworfen wirst?

Auch das sind noch Abdrücke der Bruderküsse des Iossif Wissarionowitsch.

Nachsatz:

Warum will ich immer über Pizza schreiben? Welchen Gedanken hatte ich Mitte Mai, als ich dies alles notiert hab? Vielleicht so:

Ein Trauma ist wie eine Pizza, beides lässt sich am nächsten Tag auch noch kalt genießen.
Ok, nicht gerade pulitzerpreisverdächtig, aber hey, ich darf das.

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Macht und Wort – Mitten im Sturm

Haben Worte, hat Poesie die Macht das Leben zu beeinflussen?

„Mitten im Sturm“ ist ein Film von 2009, nach den Memoiren der Dichterin und Literaturprofessorin Evgenia Ginsburg entstanden, die in der Zeit stalinistischen Terrors aus nichtigen Gründen verhaftet, in einem 7 Minuten Prozess zu 10 Jahren verurteilt und in einen Gulag verfrachtet worden war. Ohne Kontakt zu ihrer Familie. Bis auf den Brief, der ihr mitteilt, dass ihr ältester Sohn in der Leningrader Blockade verhungert ist.

Sie überlebt. Ständig kreisen Gedichte und Ausschnitte aus Büchern in ihrem Kopf. Auch für ihre Mitgefangenen rezitiert sie Verse und ganze Passagen klassischer Literatur in den trostlosen Baracken des Gulags. Ein Gedicht taucht immer wieder auf in diesem Film. Es ist „Man gab mir einen Körper“ von Ossip Mandelsam.


Zerlumpte Gestalten in einer
grauweißen Landschaft. Bisher habe ich darüber bloß gelesen oder Erzählungen gehört. Meine Großmutter, die Großtanten und andere Frauen der Sondersiedlungen wurden Sommers wie Winters in den Wald getrieben, um Holz zu fällen. Dieser Film gibt mir die Bilder dazu, mit Ton und in Farbe. Und er ist kaum auszuhalten für mich.

Russlanddeutsche Gefangene im Wald, Collage von Nikolaus Rode

Absurd finde ich den marketingtechnischen Zusatz auf dem DVD-Cover: Für alle Fans von Schindlers Liste, Das Leben ist schön, Der Pianist und Sophie Scholl.
Danke ergebenst. Werber! Besser wäre eine Warnung gewesen, wie auf den Zigarettenschachteln: Dieser Film könnte ihre posttraumatischen Erinnerungen ersten und zweiten Grades wieder hervorrufen.

Oder: Nur in Gesellschaft und mit einigermaßen stabiler seelischer Konstitution konsumieren. Machen Sie Pausen.

Oder: Lassen Sie es sein. Überlassen Sie die Auseinandersetzung mit diesem Thema der nächsten Generation. Wenn es nicht anders geht, halten Sie Taschentücher in Reichweite.

Ich habe Pausen gemacht und ich habe ihn bis zum Ende gesehen. Die Taschentücher habe ich vergessen.

Irgendein Feuilleton warf dem Film vor, für ein Melodram zu wenig emotional zu sein:
Für eine erkenntnisreiche, differenzierte Betrachtung von Geschichte ist der Film damit ebensowenig geeignet, wie er zum veritablen Melodram taugt. Dafür fehlt ihm schlicht die Emotionalität, was angesichts der geschilderten Schicksale schon eine erstaunliche Fehlleistung ist.

Es ist wahr, der Eindruck, der entsteht ist verhalten, kühl und vorsichtig. Ohne diese ruhige und distanzierte Betrachtungsweise hätte ich mir den Film überhaupt nicht ansehen können, ohne mich winden zu müssen, ohne dass sich mein Inneres so zusammenzieht, dass ich aus dem Raum fliehen muss.

Außerdem, was erwarten die? Was sollen die Leute im Lager machen? Ständig ausflippen, in Tränen ausbrechen, hysterisch lachen? Sie spalten ihre Gefühle ab, um in dieser unmenschlichen Umgebung überleben zu können. Emotionen müssen Pause machen, weil die Kraft nur zum reinen Lebenserhalt reicht. Ich möchte mal sehen, wie die Dame, die den Film zu kühl findet, es schafft im Lager sensibel und offenporig zu bleiben. Das Erlebte ist zu groß für Gefühle. Zu Schrecklich.

Umgekehrt. Die verhaltene Distanziertheit ist die Stärke des Films. Das leichte Zurücktreten und Betrachten. Dabei tut es dem Stoff gut, dass eine europäische Crew ihn bearbeitet hat. Eine Niederländerin als Regisseurin, eine Engländerin als Genia Ginsburg, deutsche und polnische Schauspieler*innen in weiteren Hauptrollen und den Nebenrollen.

Das schafft eine wohltuende Distanz.

Und vor allem tut es der Geschichte gut, dass sie von einer Frau inszeniert wurde. Aus der Sicht einer Frau. Wenn ich mir nur den Trailer eines anderen Gulagfilmes ansehe, Kraj (Landstrich, 2010) von Sergej Utchitel, wird mir vor lauter heroischer Muskelmännlichkeit und den verrohten Stimmen nur übel. Die Frauen dort sind bloße willfährige Opferobjekte. Die Männer protzen rum. (Hier könnte ich einen Emoji einbauen, der grüne Masse speit, weiß nur nicht wie.)

Ach, apropos Männer. Bei „Mitten im Sturm“ gibt es einen russlanddeutschen Arzt, dargestellt von Ulrich Tukur. Er ist Mitgefangener, kennt sich aus mit Heilkräutern der Tundra und Evgenija Ginsburg verliebt sich in ihn. Auch im waren Leben wurde Anton Werner ihr zweiter Ehemann.

Emily Watson und Ulrich Tukur als Genia und Anton

Es gibt sehr starke poetische Momente in diesem Film. Die niederländische Regisseurin Marleen Gorris arbeitet mit subtilen filmischen Mitteln und setzt Gegenstände gekonnt ein. Das rote Tuch, das rote Kleid, die Spiegelscherbe. Ihr wird Arbeitslager-Ästhetik vorgeworfen, aber für mich wird diese Umgebung greifbar und nah.

Pathos und Emotionslosigkeit. Das attestieren viele Rezensionen in Deutschland diesem Werk. Und dass es naiv ist, zu glauben, dass Gedichte in einer solchen Situation überhaupt Raum gehabt hätten und irgendeine Auswirkung. Also die Leute retten würden.

In einem Interview, das Nadeshda Mandelstam, die Witwe des Dichters in den Siebziger Jahren in Amerika gibt, sagt sie in etwa: Wer kann nach Dostojewskij noch an die Macht des geschriebenen Wortes glauben.
(Vermutlich meint sie, wie konnten solche Greuel geschehn, wo es doch schon Dostojewskijs Worte in der Welt geb.)

Beides ist wahr. Dichtung kann niemanden aus dem Gulag rausholen. Und dennoch kann sie es. Und wenn die Verse nur für einige Momente das Gehirn beschäftigen und ablenken.
Wie diese  zum Beispiel:

Man gab mir einen Körper

Man gab mir einen Körper – wer
sagt mir, wozu? Er ist nur mein, nur er.

Die stille Freude: atmen dürfen, leben.
Wem sei der Dank dafür gegeben?

Ich soll der Gärtner, soll die Blume sein.
Im Kerker Welt, da bin ich nicht allein.

Das Glas der Ewigkeit – behaucht:
mein Atem, meine Wärme drauf.

Die Zeichnung auf dem Glas, die Schrift:
du liest sie nicht, erkennst sie nicht.

Die Trübung, mag sie bald vergehn,
es bleibt die zarte Zeichnung stehn.

(Ossip Mandelstam)

Der Dichter war selbst ein Opfer der stalinistischen Säuberungsaktionen und starb 1938 in einem Lager bei Wladiwostok.

Infos und Trailer auch hier: http://www.mittenimsturm-derfilm.de/

Der ganze Film ist übrigens hier zu sehen. aber ich warne Sie. Nur im Zustand seelischer Ausgeglichenheit konsumieren. Und die Taschentücher nicht vergessen!

https://www.youtube.com/watch?v=75VM8EUyd0M

Karl Schlögel: „Terror und Traum. Moskau 1937“

Wenn ich schon dabei bin, über den Großen Terror zu schreiben, muss ich ein anderes hervorragendes Werk erwähnen. Es heißt „Terror und Traum – Moskau von 1937“ verfasst von dem Osteuropahistoriker Karl Schlögel. Man kann fast nicht Buch dazu sagen, es ist eine monumentale Sammlung von 33 verschiedenen Novellen und ist in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und mithilfe von vielen Menschen aus Russland und dem Westen entstanden. Mit Anhang zählt es über 800 Seiten, allerdings liest es sich so spannend wie ein Thriller, – „mit dem Unterschied,“ so schreibt es der Tages-Anzeiger aus Zürich, „dass sich alles tatsächlich zugetragen hat.“

Umfassende Studie eines Ausnahmezustandes
Umfassende Studie eines Ausnahmezustandes

Das Widersprüchliche tritt deutlich zutage, 1937 ist gleichzeitig das Jahr der gigantischen Flugschauen und Jubiläen (u.a. 20 Jahre Revolution, Puschkin-Jahr), der Schauprozesse und Massen-Exekutionen und der großen die sowjetischen Errungenschaften preisenden Ausstellungen. Karl Schlögel durchforstet Zeitungen, Reklametafeln, Publikumsfilme und Monumentalgemälde, er filtert seine Erkenntnisse aus Choreografien und Liedern der großen Aufmärsche, ausarchitektonischen Plänen, Privataufzeichnungen und Briefen jenes Jahres. So entsteht ein dichtes Gewebe von parallel-laufende Strömungen, das sehr bezeichnend ist und auf vielschichtige Weise den Nährboden beleuchtet, aus dem die Verbrechen des Stalinschen Regimes entstehen konnten.

Eins der 33 Kapitel befasst sich mit dem Roman „Meister und Margarita“ von Bulgakow, der genau in dieser Zeit entstanden ist und unter anderem packend das Verschwinden der Menschen in einer Gemeinschafts- oder Kommunalwohnung beschreibt.

Spannend ist auch der Abschnitt über das Telefonbuch von ’37. Anhand der Vergleiche, die er mit dem Verzeichniss des Jahres davor zieht, wird auf ganz pragmatische Weise deutlich, wie viele Menschen verschwinden – welche Schneise das Regime in die Bevölkerung dieser Stadt schlägt. Bewegend ist auch das Kapitel über Gräberfelder von Bukowo oder anderen Objekten in der näheren Umgebung von Moskau, wo Spezialkräfte Menschen, die oft nach willkürlichen Kriterien ausgesucht waren, exekutierten um bestimmte Quoten zu erreichen.

Die Lektüre ist phasenweise bedrückend, aber erhellend mit all den verschiedenen Aspekten – vielleicht nicht ganz einfach am Stück zu lesen, aber geeignet für all jene die tiefer in die Schichten dieser Zeit eintauchen wollen.

Übrigens finden sich auch Aussiedler in diesem Buch wieder, besser gesagt, sowjetische Bürger deutscher Nationalität. Sie sind Teil der „großen Säuberungen“. Anhand des Befehls Nummer 00439 vom 25.07.1937 wurde die „Deutsche Operation“ des NKWD eingeleitet, in deren Verlauf „summarisch Deutsche – deutsche Staatsbürger, in der Sowjetunion lebende Emigranten, aber auch Sowjetbürger deutscher Herkunft – als Spione, Agenten und Terroristen verdächtigt und verhaftet“ wurden.
Das erklärt für mich auch die Welle der Verhaftungen in den deutschen Siedlungen und die Abwesenheit der Männer noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Da reichte nicht nur ein Brief aus dem Ausland, da reichte oftmals ein unrussisch klingender Name.

Was mir allerdings bei der Lektüre besonders aufging, ist folgendes: es war nur eine Operation unter vielen. Polen, Litauer, Esten, Ukrainer oder Tadschiken und all die Genossen der anderen Brüder- und Teilstaaten des sowjetischen Imperiums haben ebenfalls unter diesen Säuberungen gelitten. Nicht zu vergessen die zigtausenden Russen, die als Diversanten und Kulaken und Konterrevolutionäre verfemt und verfolgt wurden. Lager oder Erschießung, das ist nicht etwas, dass speziell für die Deutschen galt. Es war universell. Auch vor Bolschewiken der ersten Stunde machten die Schergen Stalins und Schukows nicht Halt.

Ich habe übrigens nachgeschaut, ob Georgier auch davon betroffen waren, weil doch Stalin aus Georgien kommt. Waren sie, auch sie wurden von den Säuberungsmaßnahmen nicht verschont. Georgische SSR steht auf Platz 4 der Liste mit der Zahl 5000. Die Ukraine ist in 8 Gebiete unterteilt, ebenso Kasachstan. Im Gebiet Odessa betrifft dieser Befehl 4000 Menschen.

Krass, es wurden tatsächlich zu erreichende Quoten, in „Übereinstimmung mit den von den Volkskommissaren des NKWD der Republiken und den Leitern der Gebiets- & Regionalverwaltung des NKWD“ festgelegt. Die Zahlen 5000 oder 4000 bezeichnen also nicht die tatsächlichen Opfer, sondern die anvisierten Summen der zu tötenden Personen.

Mir sind diese Dinge so wichitg, weil ich beim Zuhören unserer Familiengeschichten den Eindruck bekommen habe, nur wir seien Opfer gewesen. Es hat sich das Gefühl festgesetzt, obwohl ichs vom Verstand natürlich nicht so gesehen habe, nur unserer Gruppe habe man so übel mitgespielt.

Das mag selbstverständlich sein für andere. Für mich ist die Beschäftigung mit der Geschichte eine echte Horizonterweiterung in dieser Hinsicht.

Ich will hier nichts kleinreden oder relativieren, natürlich haben viele unserer Vorfahren das Recht, sich als Opfer zu fühlen – das Schicksal hat ihnen ziemlich übel mitgespielt – aber sie waren lediglich eine Gruppe unter vielen. Eine Zeile auf der Liste mit den zu erreichenden Tötungsquoten des Regimes.

Karl Schlögel „Terror und Traum. Moskau 1937“, Sachbuch,  Fischer Verlag 2008, Preis € (D) 14,95, (Taschenbuch)

Der Große Terror – eine Ausstellung in Potsdam

Der „Große Terror” 1937–1938 in der Sowjetunion
Eine fotografische Dokumentation von Tomasz Kizny

06.03.2015 – 19.04.2015

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Wassilij Lwovitsch Wassiliew, Exekution am 3. März, Foto: Tomasz Kizny

In der Reihe der stalinistischen Verbrechen in der Sowjetunion war der „Große Terror” in den Jahren 1937 und 1938 beispiellos in seinem Ausmaß. Innerhalb von nur 16 Monaten fielen ihm etwa 1,5 Millionen Sowjetbürger zum Opfer.
Die Ausstellung des polnischen Fotografen und Journalisten Thomas Kizny holt einige der Millionen Opfer des stalinistischen Terrors aus der Anonymität zurück. Sie gibt ihnen ihr Gesicht wieder und bereitet ihnen so ein nachträgliches Andenken.

Gezeigt werden etwa 80 großformatige historische Schwarz-Weiß-Porträtfotografien und weitere 200 Porträts auf Videosequenzen.

Die Ausstellung wird erstmals in Deutschland präsentiert, nachdem sie 2013 in Polen, Frankreich und in der Schweiz sowie im November 2014 im Sacharow Zentrum in Moskau zu Gast war.

Die Eröffnung ist am 05.03.2015 um 18:00 Uhr im

Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte
Kutschstall
Am Neuen Markt 9
14467 Potsdam

Eintritt
3 Euro/erm. 2 Euro, freitags 2 Euro

Mehr Infos auf der Seite der Hauses der Brandenburgischen Geschichte.

Acht der Bilder sind hier zu sehen. Weitere Fotografien zu dem Thema von Tomasz Kizny (u.a.) sind auch im folgenden Fotoband erschienen:

La Grande Terreur en URSS, 1937-1938, von Tomasz Kizny, Nicolas Werth, Arseni Roguinski, Christian Caujolle.  Editions Noir sur blanc, 412 Seiten, 40 €.

Русский Джаз – russischer Jazz

Begleitmusik der Terrors – Genau in der Zeit der größten politischen Säuberungen der Sowjetära, als täglich Tausende verschwanden, einfach so abgeholt wurden von Männern in Uniform, im besten Fall in einem der unzähligen Lager endeten oder im schlimmsten Fall in einem Massengrab, genau in diesen Jahren um 1937 gedeiht in Russland eine Musikrichtung, die man nicht mit der strukturellen Enge des Sozialismus in Verbindung bringen würde: der ДЖАЗ (Dshas).

Schon in den Zwanziger Jahren wurde der Jazz von russischen Musikern in Hotels oder bei Tanzveranstaltungen und in Theatern gespielt. Namhafte Vertreter dieser Stilrichtung wie Alexander Tfasman oder Leonid Utjossow stammen aus jüdischen Familien rund um Odessa am Schwarzen Meer.

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Plakat für die Jazz-Band von L. Teplitzkij im großen Saal der AK-Philharmonie

 

Neben instrumentalen Nummern gibt es Stücke mit Gesang, wie den Gangsta-Jazz, die sogenannte „Murka“. Matrosen und Gauner sind ihre Helden, überhaupt wird die Hafenstadt Odessa und das Meer gern und oft besungen.

Hier das Beispiel Gop so Smukom ein Gangster-Stück von Leonid Utjossow. Und ein Swingtitel von Alexander Tsfasman von 1939. Und hier ein sowjetischer Jazztitel aus einer späteren Zeit.

Zeitgleich eroberten auch der Tango und der Foxtrott, vereinzelt auch der Charlston die Tanzböden der großen Hotels und Restaurants aber ebenso die Tanzfeste der Dörfer.

Russische Jazz Kombos gewinnen internationeale Wettbewerbe und geben Gastspiele an exotischen Orten – wie zum Beispiel Shanghai. In Moskau und St. Petersburg sind Utjossows Konzerte nicht selten ausverkauft.

Die Kulturfunktionäre führen in den Presseorganen „Prawda“ und „Iswestja“ bereits 1936 eine heiße Debatte darüber, ob „es einen proletarischen Jazz geben könnte oder ob Jazz an sich bereits bourgeois und dekadent sei.“ (Karl Schlögel, Terror und Traum, Moskau 1937)

Schlögel schreibt, diese Diskussion sei durch eine direkte Intervention von Stalin beigelegt und zugunsten des Jazz entschieden worden. Erst in den fünfziger Jahren wird der Dshas in Russland faktisch verboten und wird nur von wenigen Enthusiasten in kleinen privaten Klubs vorm Aussterben bewahrt.

Die Musikrichtung „Estrada“, eine schlagerhafte Populärmusik, die sich ohne Unterbrechungen bis heute gehalten hat, ist zeitgleich mit dem russischen Dshas entstanden. Isaak Dunajewski entwickelt aus dem Dshas das Massenlied zur Erbauung des Volkes. Sein „Lied von der Heimat“ wird zur inoffiziellen Hymne der Sowjetunion.

Der König des russischen Tango: Petr Leschtschenko
Der König des russischen Tango: Pjotr Leschtschenko

Neben den Größen des russischen Jazz möchte ich gerne einen Sänger erwähnen, dessen Leben, würde es verfilmt werden, jeden James Bond ausstechen würde. (* wurde schon verfilmt… siehe Kommentar)

Пётр Лещенко oder Pjotr Leschtschenko, ist zwar Nahe Odessa geboren, es hat ihn aber schon als Kind nach Bessarabien verschlagen. In den dreißiger Jahren ist er mit seiner Schmelzstimme und seinen pomadierten Haaren sehr populär, später gerät er zwischen die Räder der Geschichte, als der Ort, in dem er lebt, Rumänien zugesprochen wird und somit irgendwann auf der falschen Seite der Macht liegt. (Rumänien war im zweiten Weltkrieg ein Verbündeter Deutschlands). Leschtschenko gilt als Landesverräter, da er seit 1918 die rumänische Staatsbürgerschaft besitzt. „Außerdem war er in den von deutschen, bzw. mit ihnen verbündeten rumänischen Truppen, besetzten Gebieten der Sowjetunion aufgetreten. Es folgen Auftrittsverbote und nur noch seltene Konzerte. Im Zigeunerkostüm wird er von der Bühne herunter verhaftet und stirbt 1954 … in einem Lagerlazarett in Târgu Ocna.“ So stehts bei Wikipedia. Als seine Musik offiziell nicht erlaubt war, kursierten seine Platten lange als aus dem Ausland geschmuggelte Schellackplatten und sogenannte „Ribs“ oder „Rippen“ – Raubpressungen auf ausgedienten Röntgenplatten. Mit dem Niedergang der Sowjetunion setzte ein regelrechter Leschtschenko-Boom ein und er gilt heute als der ungekrönte König des russischen Tangos. Hier ein Hörbeisiel: Петр Лещенко – „Скажите, почему“. (Sagen Sie mir, warum.)

bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! - gesehen bei wanderer-records
bei dieser Röntgenplatten-Raubkopie sieht man sogar noch die Rippen! – gesehen bei wanderer-records

Inzwischen ist Odessa wieder die Stadt des Jazz, jährlich werden im Sommer Festivals abgehalten, an denen auch viele internationale Künstler teilnehmen.

Wostok-Zapad, eine Liebe in Russland

Der Film Восто́к – За́пад, oder auf französisch Est- Oest, wurde 1999 als eine französchisch-ukrainische-russisch-spanisch-bulgarische Produktion gedreht. Die Regie führte Régis Wargnier.

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Alexej versucht Marie zu bremsen.

Er weist so namhafte Schauspieler auf wie Oleg Menschikow (Олег Меньшиков), Sandrine Bonnaire (Сандрин Боннэр) und Catherine Deneuve (Катрин Денёв).

Der Plot spielt kurz nach dem WWII: Stalin ruft alle ins Ausland geflohenen Russen zurück ins Heimatland (es gibt sogar ein Wort dafür: Репатриант, Repatriant). Tausende folgen seinem Ruf. Doch statt eines proletarischen Paradieses empfängt sie der Geheimdienst und alle werden sofort verhört und dann als imperialistische Spione verschickt. So soll die französische Ehefrau (Сандрин Боннэр) des Arztes Alexej (Олег Меньшиков), auch verhaftet werden, doch er verbürgt sich für sie und, anders als die anderen, landen sie mit ihrem kleinen Sohn nicht im Lager sondern in einer Kommunalka in der Provinz.
Ihr französischer Pass wurde vom böswilligen KGB-Agenten zerstört und und somit die Aussicht auf eine Rückkehr zunichte gemacht. Doch Marie gibt nicht auf. Sie kämpft und mithilfe des jungen Sportschwimmers Sascha (Серге́й Бодро́в jr), der auch in der Kommunalka lebt und einer kommunistisch gesinnten Diva aus Paris (Катрин Денёв), bekommt sie die Chance, den eisernen Vorhang zu überwinden. Auch wenn es sie viele Jahre und einige Rückschläge kosten wird.

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Schwimmprofi Sascha ist Maries große Hoffnung

Man könnte sagen, die Kleidung der vierziger Jahre, dieses nostalgische Etwas, das Sandrine Bonnaire nonchalant trägt, ist in dem Film überbetont. Aber abgesehen davon, ist das Setting sehr realitätsgetreu, die Intrigen und Verräter der kommunalen Wohngemeinschaft, die Stumpfheit des stalinschen Behörden und die Tristesse der abblätternden Tapeten kommen sehr gut zur Geltung. Die Darstellung des Lebens im Lager wird uns zwar erspart. Aber ansonsten werden die Brutalität und Willkür des Regimes und die Mitläufermentalität schonungslos gezeigt.

Kein Wunder, denn der Drehbuchautor Rustam Ibragimbekov (viele kennen ihn als Autor von „Urga“) und der Filmemacher Sergei Bodrov sen. haben am Skript mitgewirkt. So kommt es, dass, obwohl die Bilder schön sind, obwohl die Geschichte leicht filmisch verklärt ist, der Film die stalinistische Zeit ohne verwestlichten Blick oder den Hauch von Sowjetpropaganda zeigt. Und spannend erzählt ist er allemal.

Ich denke, dieser Film ist ein wertvolles Stück Aufarbeitung und interassant für alle, die etwas von der Zeit damals spüren wollen. Auch die Sprachen Französisch und Russisch, die in dem Streifen gemischt werden, verleihen ihm ein Stück Authentizität.

Leider ist er nicht auf Amaz-duweißtschonwas oder anderen bekannten Plattformen erhältlich. Aber auf russischen Seiten kann man ihn runterladen.

Es gibt auch kritische Stimmen dazu:

„Wargnier, der bereits in Indochine die Kolo­ni­al­nost­algie mancher Franzosen zerpflückt hatte, insze­niert das Umkippen des Traums in den Alptraum genüßlich. Mit allen Mitteln des Melodrams klagt er die Diktatur an, zwischen den unschul­digen Haupt­fi­guren und den bösen Kommu­nisten bleibt wenig Platz für Grautöne. Der Beweis politisch-korrekter Gesinnung überwiegt allen Realismus“, schrieb Rüdiger Suchsland von Artechock e.V.

Und noch ein Detail: der in Russland sehr bekannte Mime Oleg Menschikow hat 1982 in dem Fernsehzweiteiler „Das Pokrowski-Tor“ („Покровские ворота“) einen jungen Mann in einem ähnlichen Setting gespielt. Also ohne Stalin-Kritik und Franzosen aber sonst war alles da, die Komunalwohnung und die Fünfziger-Jahre. Bloß ganz volksnah, unkritisch naiv und nostalgisch verklärt. Eine Art Doris Day Szenario für Russen. Bewohner der Komunalwohnung als Gutmenschen mit Liebesproblemen. Was für ein Kontrast!

„Die Flüsterer“ – eine Buchrezension

„Die Flüsterer“
Leben in Stalins Russland
von Orlando Figes, 2007

und sie liebten ihn doch...
So sah das offizielle Bild aus.

Dieses Buch ist ein geschichtliches Werk. Es hat 928 Seiten – ohne Anmerkungen und Glossar. Und liest sich dennoch wie ein Thriller. Mit Hunderten von Fällen.

Orlando Figes, ein Historiker aus London, der bereits mehrere Bücher über die russische Geschichte verfasst hat, widmet sich in diesem Werk der Stalinistischen Ära. Anhand von mündlichen Überlieferungen, privaten Archiven und Aufzeichnungen beleuchtet er, welche Auswirkungen das Regime auf das persönliche Leben der Beteiligten gehabt hat. Was es zum Beispiel bedeutet, wenn du als Kulakentochter durchkommen musst, welche Repressalien, welche Verluste und welche Traumata du durchstehst. Und wie die Menschen damit umgegangen sind. Wie es ist, in einer Kommunalwohnung zwischen Denunzianten zu leben, wenn ein paar Witze über das Sowjetsystem dir an die 10 Jahre Arbeitslager einbringen können. Nicht umsonst heißt das Buch „die Flüsteter“. Es beschreibt anschaulich, wie es dazu kommt, dass Menschen ihre Gedanken und Worte hüten. Dass sie, um zu überleben sich soweit anpassen, dass sie sogar vor sich selbst keine Kritik zulassen. Es ist nicht so simpel, wie ich immer gedacht habe, öffentlich folgt man der Konvention und im Privaten äußert man sich so wie man es wirklich empfindet. Nicht in den Dreißiger und Vierziger Jahren. Bis in die eigenen Gedanken zieht sich die parteikonforme Linie, einfach um nicht unter die Räder zu kommen. Vor den Kindern wird verheimlicht, wohin der Vater gekommen ist, vor dem Ehepartner die „beschädigte Biografie“ verschwiegen, und das womöglich über Jahrzehnte.
Besonders interessant ist, dass nicht nur die Opfer, sondern auch Wärter und sogenannte, teilweise nicht ganz freiwillige Denunzianten zu Wort kommen und das Leben und Wirken eines russischen Schriftstellers Konstantin Simonow den roten Faden des Buches bildet, der auf der Seite der Macht stand und solange der Diktator lebte, Stalins Favorit genannt wurde.

Orlando Figes geht hier auch auf die Übertragung von traumatischen Erlebnissen auf spätere Generationen ein, wenn auch nur am Rande.

Auch wenn die deutsche Minderheit nur auf einer Seite (immerhin!) mit einem Beispiel erwähnt wird, ist es ein wertvolles Buch, um sich ein Bild zu machen von der Stimmung (also den Greueltaten und Ungerechtigkeiten, die jeden treffen konnten) dieser Zeit. Es hilft die eigene Geschichte in einen Kontext zu setzen. Ich habe drei Wochen damit gelebt und bin sehr froh, darauf gestoßen zu sein. Es ist nützlich, aus einer jüngeren Generation zu kommen, die Beschreibungen sind so starker Tobak, dass sie einem den Atem nehmen können.

Es existiert eine Website (http://www.orlandofiges.com/ in englischer Sprache), auf der alle Fotos und Interviews eingesehen werden können, so stellt sie sich vor:

„Zwischen 2003 und 2006 haben drei Teams von der Memorial Stiftung in Moskau, St. Petersburg und Perm einige Hundert von Familien Archiven eingesehen (Briefe, Tagebücher, persönliche Notizen, Memoiren, Fotos und Gegenstände) die bisher von den Überlebenden des Stalinistischen Terrors in geheimen Schubladen oder unter den Matratzen überall in Russland versteckt wurden. In jeder dieser Familien wurden intensive Gespräche und Interviews mit den ältesten noch lebenden Familienmitgliedern, die noch fähig waren den Kontext dieser Zeugnisse zu erläutern und sie in einen Zusammmenhang zu der Familiengeschichte zu setzen, geführt. Dieses Buch ist eine einzigartige Darstellung der Dokumente und Zeugnisse über das private Leben in der Stalin Ära, die das Leben dieser Familien und einzelner Individuen beleuchtet.“