Poka – in Berlin

Kurzmeldung: Der Film ‚POKA –  heißt Tschüss auf Russisch‘ wird am 3. November 2015 im CineStar in Berlin (Potsdammer Straße 4) aufgeführt. Einlass ist um 15.30, Beginn um 16.00 Uhr.

Interessenten bitte anmelden unter: filmvorfuehrung_poka@giz.de

Die Vorführung ist kostenfrei.

Hier ist noch ein Interview mit der Regisseurin, wo sie über Identität, das Leben in zwei Welten und nicht zuletzt über ihren Film spricht. So wie ich es verstehe, wird er noch in diesem Herbst auf ZDF ausgestrahlt. Hoffentlich nicht zu unmenschlichen Zeiten…

http://medienblick-bonn.de/durchblick/die-unterschiedlichkeit-der-menschen-respektierten-ein-gespraech-mit-der-filmemacherin-anna-hoffmann

Starttermin unbekannt: Poka – heißt Tschüss auf Russisch

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Eine weite Reise steht Lena noch bevor © Jolle Film

Wieder eine russisch-deutsche Liebesgeschichte im Film. August 1989 – Georg, ein in Kasachstan lebender deutscher Lehrer, verbringt seinen Ernte-Einsatz in einer kasachischen Sowchose. Dort begegnet er Lena, der Tochter von Paschkin, dem Direktor dieser Sowchose. Als Komsomolzin und Kind eines hohen Kaders wurde sie ebenfalls dazu verdonnert, den Sommer über dort zu arbeiten, unfreiwillig, sie will sich eigentlich nicht mit diesen Landeiern abgeben. Doch wie es so oft kommt, die beiden verlieben sich trotz allem ineinander und treffen sich heimlich. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, als Georgs Familie einen Aufnahmebescheid in die BRD bekommt und Lena merkt, dass sie ein Kind erwartet.

Mit „Poka – heißt Tschüss auf Russisch“ ist Anna Hoffmann ein wundervoller Film über Aussiedler gelungen. Er beginnt in Kasachstan und wechselt in eine schwäbische Turnhalle, die in ein provisorisches Aufnahmelager umfunktioniert ist. Mit Duschkontainern auf dem Schulhof. Jeder, der eine ähnliche Reise durchgemacht hat, wird vieles wiedererkennen. Die staubigen Pisten der kasachischen Steppe mit den großäugigen, rundkurvigen LKWs ebenso wie die ersten Schritte in dem neuen Land, wo vieles befremdlich ist und beileibe nicht den überzogenen Vorstellungen entspricht, die man vorher davon hatte.

Bald fangen wir richtig an zu leben“, sagt Georg zu seinem Bruder Mischa kurz vor der Ausreise, „aber die beschissene Steppe wird mir fehlen.“

Es gibt eine wunderschöne Überleitung von Ost nach West. Statt das Gewühl auf dem Flughafen nachzuerzählen, blendet die Kamera von einem Kühlschrankinneren in Kasachstan mit Reihen von selbstgemachten Pelmeni zu dem grellbunten Inhalt eines Geräts in der Notunterkunft, wo unzählige Packungen übereinandergestapelt sind.

Überhaupt ist der Film voll mit feinen Beobachtungen von Menschen, wie sie reden und wie sie sich aufeinander beziehen. Die Spannungen zwischen den frisch verheirateten Paaren sind ebenso minutiös gezeichnet wie die Blicke und Wortwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Sowchose Sergej Paschkin und dem deutschen Familienoberhaupt Alexander Weber. Die beiden Väter werden dargestellt von den in Russland bekannten Schaupielern Gennadi Vengerov, der leider dieses Jahr verstorben ist und Jurij Rosstalnyj, der bei uns schon mal in einem Tatort zu sehen ist – als fieser Schurke der Russenmaffia.

Georg Weber ist Lehrer für Physik und Sport und wie bei so vielen werden seine Diplome in Deutschland nicht anerkannt und er muss in einer Fabrik anfangen, wo er ausgestanzte Metallreste wegfegt. Doch er lässt sich nicht entmutigen.

Hauptdarsteller Pasha Antonov, der derzeit in Hamburg beim Musical „Das Wunder von Bern“ zu sehen ist, überzeugt als Wandler zwischen den Welten ebenso wie Natalia Belitzki als Lena, die bereits als siebenjährige nach Deutschland kam und in vielen Film- Fernseh- und Theaterproduktionen auch ohne Akzent auftritt. Die Bilingualität aller Darsteller verleiht diesem Epos übrigens genau die richtige authentische Note, die viele Filme zum Thema Russland vermissen lassen. Hier aber wechseln die Darsteller je nach Situation oder Land locker vom Russischen ins oft holprige Deutsche – mit den damit verbundenen Verwicklungen und Komplikationen.

Die Nebenrollen sind bis zu den Statisten stark besetzt, eine gelungene Mischung aus Profis und Laiendarstellern. So wird zum Beispiel Georgs Bruder Mischa von Thomas Papst gespielt, der im Film so herrlich bedröppelt gucken kann und im echten Leben als Singer-Songwriter in Berlin lebt und einige Stücke zu dem Soundtrack beigesteuert hat. So zum Beispiel das Lied “Ветер степей“ (Steppenwind), das im im Aufrag der Regisseurin für diesen Film geschrieben wurde und im Abspann zu hören ist:

„Poka- heißt Tschüss auf Russisch“,  entstanden in Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, stand bereits bei zahlreichen Festivals im Wettbewerb (so beim 35. Filmfest Max Ophüls Preis 2014 und dem 24. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2014 und beim Film Festival Cottbus 2014 ) und hat in Mecklenburg-Vorpommern den Förderpreis der DEFA-Stiftung und in Cottbus den Preis als Bester Jugendfilm gewonnen (dieser Preis wurde übrigens von einer deutsch-polnischen Jugendjury vergeben). Außerdem war er für den Prix Europa 2014 nominiert.

Um so erstaunlicher ist es, dass er für die breiten Massen weder im Fernsehen noch im Kino zu sehen ist. Dabei zeigt er einen wichtigen Teil der Geschichte von russlanddeutschen Übersiedlern und könnte, packend und identitätsstiftend wie er ist, durchaus zum Kultfilm avancieren. Könnte, würde, sollte. Ich schreibe im Konjunktiv. Dabei wünsche ich diesem Film und uns allen, dass er in nächster Zukunft einen Verleih und einen Sendeplatz (nein gleich mehrere Sendeplätze) findet. Und dass ich in der Zukunftsform folgendes über ihn berichten kann:

Der Film ‚Poka…‘, einer der ersten ernstzunehmenden Streifen über die Aussiedlerwellen der Neunziger Jahre, wird dann und dann auf ZDF und ARTE ausgestrahlt, er kommt dann und dann in die Kinos und so und so viele haben ihn gesehen und waren begeistert!

Ich verspreche, sobald ich die Ausstrahlungstermine für Kino oder Fernsehen erfahre, gebe ich sie hier und auf der Facebookseite von ‚Scherben sammeln‘ bekannt.

Als kleiner Vorgeschmack hier schon mal der Trailer:

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© Jolle Film

Poka – heißt Tschüss auf Russisch, (Deutschland, Kasachstan 2014),

Regie: Anna Hoffmann

Darsteller: Pavlo Pasha Antonov, Natalia Belitski, Gennadi Vengerov, Jurij Rosstalnyj, Thomas Papst, Regina Kletinitch, Patrick von Blume uvm.

Starttemin: unbekannt

Ingenieure am Rande des Nervenzusammenbruchs

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Noch sehr entspannt: Otto, Hans und Willi © Passenger Film Studio

Gestern war die Deutschlandpremiere der russisch-deutschen Koproduktion „Liebster Hans, bester Pjotr“ beim Filmfest Hamburg zu sehen. Ein Arthouse-Film über den Vorabend des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, der in mehr als einer Hinsicht von gewohnten Sichtweisen abweicht. Eine Rezension.

Im Frühling des Jahres 1941 kommen deutsche Spezialisten, drei Männer und eine Frau, nach Russland um gemeinsam mit ihren russischen Kollegen an der Entwicklung optischer Linsen zu arbeiten. Das ist möglich, weil der Ribbentrop-Molotov-Pakt für kurze Zeit für eine politische Entspannung und somit für wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern sorgt.

Es ist ein Austausch der besonderen Art. Nicht als Kriegsgefangene, nicht als Zwangsarbeiter, sondern als Experten kommen die vier Ingenieure in das fremde Land und sollen eine Linse erschaffen, die die Wirklichkeit klarer darstellen soll als je ein Glas zuvor. Als einer der Experten, Hans, den Ofen durch Überhitzen zur Explosion bringt, und es sogar Opfer gibt, spitzt sich die Situation zu.

Bruch mit Erwartungen
Die ausländischen Experten werden nicht als Meister der Technologie dargestellt, sie verzweifeln an der Materie, sie ringen, sie sind ihren eigenen Zwängen unterworfen und kämpfen gegeneinander. Es gibt keine Helden, keine Heldentaten, keine große Kameradschaft. Das allein ist ungewöhnlich für einen russischen Film, der in dieser Zeit spielt.

Doch nicht nur das widerspricht unseren Erwartungen an diesen Arthouse-Film. Der Regisseur Alexandr Mindadze, der auch das Drehbuch zu  „Liebster Hans, bester Pjotr“ geschrieben hat, verwendet keine übliche Erzählstruktur, der Sinn entzieht sich oft, man wird einfach hineingeworfen in Konflikte und Situationen.

Walerij Kitschin schreibt für ‚Russia Beyond the Headlines‘: Mindadze nennt seine Methode „Prinzip versteckter Exposition“: In dem Film gibt es keinen Bezugspunkt, von dem aus der Zuschauer den Handlungsverlauf nachvollziehen könnte. Mindadzes Aufmerksamkeit gilt dem emotionalen Zustand einer Gesellschaft, die mit Haut und Haar in den Sog eines aufkommenden großen Krieges gerät. Und er verdichtet die Handlung, spannt ihre Triebfedern an: Menschen gelangen an den Rand der Hysterie und darüber hinaus. Sie verlieren nach und nach die Selbstkontrolle.

Das vorherrschende Element ist und bleibt das Glas, fast alle Gespräche drehen sich darum. Der Druck ist hoch, es muss gelingen, die Superlinse zu entwickeln. Auch die Menschen werden im Film wie durch ein Vergrößerungsglas gezeigt. Durch die Montage und das Spiel mit Kontrasten erscheint alles wie zersplittert, lange Passagen, Überfahrten, lange Bewegungen, werden statischen, theatralisch anmutenden Sequenzen gegenübergestellt. Dazwischen frenetische Ausbrüche, wie Glas, das plötzlich zu Bruch geht. Und immer wieder Nahaufnahmen, als würde man die Protagonisten selbst durch eine stark fokussierende Linse betrachten. Sehr intim, aus seltsamen Winkeln,  in denen nur Fragmente zu sehen sind. Füße. Ein Nacken. Ausschnitte.

Um diese besondere Wirkung zu erzielen, wurden beim Filmdreh selbst spezielle Linsen eingesetzt und auch die schrägen Winkel sind mit Bedacht gewählt, so hat es der Regisseur beim anschließenden Gespräch erwähnt.

Dass etwas Bedrohliches im Schwange ist, bleibt die ganze Zeit über spürbar, wird aber nicht explizit erläutert. Es gibt kaum konkrete Anzeichen für die politische Lage. Einmal zückt die deutsche Ingenieurin Greta ein Zigarettenetui mit Hakenkreuz oder marschiert mit einer Soldatenkappe zu einem lustigen Marschlied durch den Raum. Ansonsten kommt er ohne direkten Andeutungen aus, kein Propagandageschwätz, keine Naziterminologie ist zu hören. Dieser Frühling steht unter keinem guten Stern, sagt einer der Spezialisten. Seine Vorahnung zieht sich durch den gesamten Film.

Statt durch Synchronisation die Stimmung und die Stimmen zu verfälschen, sind die Originalsprachen so belassen worden. Auf diese Weise wird es auch nachvollziehbar, wie die deutschen und die russischen Kollegen aufeinander treffen, vorsichtig tastend, zuweilen aneinander vorbei redend. Nur da wo jemand die Sprache des anderen beherrscht, gibt’s einen echten Dialog. Meistens jedenfalls.

Der Ton unterstützt die Stimmung des Films. Michael Katschmarek verwendet keine überlagerte Filmmusik sondern natürliche Geräusche, dumpfes Fabrikstampfen, das Ticken einer Uhr, die menschliche Sprache. Wenn Musik auftaucht, dann nur weil grad ein Tango auf dem Grammophon ertönt.

Umstritten von Anfang an
In Moskau wurde der Film bereits im Sommer aufgeführt und bekam sehr widersprüchliche Kritiken. Allein die Tatsache, dass in ihm über weite Strecken die deutsche Sprache zu hören ist, hat die russischen Zuschauer polarisiert. Im Kulturmagazin seance.ru erschienen gleich zwei Rezensionen, eine pro und eine kontra. So nennt ihn die Filmkritikerin Maria Kuwschinowa begeistert ‚den meistunterschätzten Film des Jahres‚, während ihr Kollege Andrej Kartaschow schreibt, dass der Film ‚ein Gefühl von Vakuum hinterlässt,‘ das auch nicht durch die ’subjektive Kameraführung‘ oder ‚die lauten Effekte kompensiert wird.‘

Natalia Prigorjewa von Nesawissejema Gezeta stellt fest: ‚Liebster Hans, bester Pjotr“ ist ohne eine einzige Schlachtfeldszene gedreht, ohne jede Szene heldenhaften Dahinscheidens, ohne die Schreihälse des hurra-patriotischen Kinos, er ist einer der stärksten russischen Filme über den Krieg der letzten Zeit.‘

Schon im Vorfeld hat das Ministerium für Kultur hat die Finanzierung gestoppt, weil ein Gremium entschieden hatte, dass dieser Streifen die Geschichte aus russischer Sicht nicht wahrheitsgemäß darstellen würde. Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes fürchtete man die Ablehnung durch russische Kriegsveteranen. „In diesem Film könnte ein etwas anderer Blick vorherrschen als von den Veteranen des Großen Vaterländischen Kriegs erwartet“, begründete Wjatscheslaw Telnow, der Vorsitzende des Departements für Kinematografie, diese Entscheidung.

Doch nach vielen Verhandlungen und kleineren Änderungen im Skript, konnte der Film im letzten Jahr in der Ukraine doch noch gedreht werden. So mussten noch die Anfangstitel geändert werden – ohne die Erwähnung der genauen historischen Daten und des deutsch- sowjetischen Nichtangriffspaktes im Vorspann bekam er die Lizenz.

Alexandr Mindadze meinte gestern auf eine Nachfrage aus dem Publikum lediglich lakonisch, es sei hilfreich gewesen, dass er bereits in Sowjetzeiten Filme gemacht und so gelernt habe, wie man mit der Zensur umgeht. Etwas mehr von dem skandalumwitterten  Presserummel hätte ich dem Film hier in Hamburg allerdings schon gewünscht!

Ach ja, hier der Trailer zu dem Film, der aus russisch ‚Милый Ханс, дорогой Петр‘ heißt:

https://www.youtube.com/watch?v=YFluoibyswE

Wahre Begebenheit
Zur Premiere sind der Regisseur Alexandr Mindadze, alle Darsteller der vier deutschen Spezialisten (Birgit Minichmayr, Jakob Diehl, Mark Waschke und Marc Hosemann) und die Schauspielerin Anna Skidanowa nach Hamburg gereist und stellen sich nach der Vorführung den Fragen des Publikums.

Martin Kunze
Alexandr Mindadze mit seinen Mimen © Martin Kunze

Die deutschen Schauspieler erzählten wie es war, mit einem russischen Regisseur zu drehen. „Die langen Plansequenzen waren eine Neuheit für mich“, sagte Birgit Minichmayr, die Darstellerin der Greta, „und haben mir ein großes Vergnügen bereitet.“ Ebenfalls ungewöhnlich fand sie, dass das Drehbuch in Prosa geschrieben war und nicht als Dialog. „Doch so kam mehr von der Atmosphäre und der Stimmung rüber“, warf Jakob Diehl ein, der den Hans spielt.

Ein Zuschauer bedankte sich für diese „meisterhaften Chiffren der Rebellion“, er habe sich regelrecht in die Vorkriegszeit hineinversetzt gefühlt. Besonders die Szenen am Ende des Films würden „den tödliche Schrecken des herannahenden Krieges zeigen, ohne dass ein Schuss fällt“.

Übrigens wurde die Idee zum Film unweit von Hamburg geboren, als Mindadze seinen damaligen Produzenten Matthias Esche in Mölln besuchte. Sie basiert auf dem Zeitungsbericht über einen deutschen Ingenieur, der im Zuge der ökonomischen Zusammenarbeit 1941 nach Russland kommt und dann, nach dem Ausbruch des Krieges mit der Sowjetunion, wieder an den gleichen Ort zurückkehrt – diesmal als Offizier.

Diese Kleinstadt Mölln taucht als Sehnsuchtsort im Film auf.  Einer der deutschen Ingenieure, Willi, will dort sein Häuschen bauen und nennt dieses Fleckchen Erde sein Paradies. Ein bitterer Gedanke wenn man weiß, was in den kommenden Jahren so passieren wird.

 

 

Russisch-deutsche Liebesgeschichten: Franz + Polina

Ich habe den Kriegsliebesfilm Franz + Polina neulich über einen Zufallsgenerator gefunden. Naja, vielleicht nicht ganz so zufällig. Der Große Bruder kennt meine Vorlieben schon. Aber dann hätte er wissen müssen, dass ich ja eigentlich keine russischen Kriegsfilme mehr sehen kann. Es gab zu viele davon in meiner Kindheit – und immer ging es gegen die bösen Faschisten. Doch dieser Film ist anders.
Zwar musste ich oft Pausen machen, aber ich habe tapfer bis zum Ende durchgehalten. Bis auf eine Szene.

vor dem Grauen. Foto: Za Film
Zarte Annäherung am Fluss. Foto: Za Film

Dieser Streifen von 2006 kommt ganz leise daher, zunächst jedenfalls, aber dann ist da diese Spannung, die fast nicht auszuhalten ist. Die Tatsache, dass sich ein deutscher Deserteur unter Russen verbergen muss, ist einfach zu doll für mich. Und auch die unmögliche Liebe, sehr ungewöhnlich für diese Zeit und diese Umstände. Und dann, der ewige kalte Wald. Auch wenn man bei manchen Szenen, merkt, dass der Regisseur früher Clips für teure Autos gemacht hat. Die Ästhetik und auch in großen Teilen die musikalische Untermalung hilft dem Film nicht wirklich. Zu viele Filter. Zu viele Harmonien. Zu schön über weite Strecken, aber ohne sich gegen das Schreckliche abzuheben. Vielleicht wollte der Regisseur Michail Segall genau diese Diskrepanz herausarbeiten, die schöne Landschaft, die schönen Menschen versus rohe Gewalt, aber dann hätte er das stärker machen sollen. Nein, ich will nicht meckern, für einen russischen Kriegsfilm ist dieser hier super. Da kommen die Deutschen besser weg als sonst. Bekommen ja sogar menschliche Züge – Franz ist jedenfalls nicht der typisch dargestellte SS-Mann. Und die Einstiegsszene ist auch sehr schön, ausgelassenes Baden von Kindern und Erwachsenen im Fluss, bis dann klar wird, die Kinder sind weißrussische Dorfjungen und die Gruppe der jungen Männer gehört zur SS. Aber nichts verraten. Das wäre grausam und das Känguru würde mich auf seine schwarze Todesliste setzen, wenn ich zu viel von dem Film preisgebe. Das will ich nicht riskieren.

Aber ich brauchte halt ein Beispiel für die folgende Frage:
Gab es solche Überschneidungen von normalem Alltag mit der Ausnahmesituation Krieg? War nicht alles ein Töten und Vernichten? Wahrscheinlich war es wie alles im Leben durchwachsen, der scheinbar ruhige Alltag mit Frühstück, Mittag und Abendessen (falls es was gab), gehört dazu und dann kommen unvermittelt Fahrzeuge und alles wird zerstört. Eine Kommentatorin auf einer Filmseite schreibt, sie findet ihn zu langsam, den Film, und das ewige Gegesse unnötig und nervig. Er ist episch, das stimmt. Aber langatmig? Die Hauptdarsteller können die Spannung jedenfalls gut halten und so schweigsam durch Sümpfe waten, dass es eine Freude ist, zuzusehen. Der Autor des Drehbuchs, Ales Adamowitsch stammt selbst aus Weißrussland und ist zehn Jahre vor Drehbeginn gestorben. Haben sie eine Kurzgeschichte von ihm adaptiert? Oder hatte Segall dieses Drehbuch in einer Schublade gefunden, weil es Mitte der Neunziger nicht zu realisieren war? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Ein junger Regisseur (Jahrgang 1974) und ein Autor, der 1928 geboren wurde, irgendwie auch eine gelungene Kombination. Die starke Ausstrahlung der Hauptdarsteller wirkt durch den ganzen Film hindurch und trägt ihn. Aber irgendwie kommt mir diese Umsetzung vor wie ein Kästchen. Herausgenommen aus der Zeit, auch wenn sie die Zeit widerspiegelt. Was ist da in der Tiefe der Schatulle verborgen? Jemand wie Franz, der so verträumt, so wenig abgehärtet und so unsoldatisch ist, dieser Gefühlsmensch, würde doch viel mehr zurechtgestutzt werden von seinem Kommandeur, der selbst zwar nicht wirklich menschlich, aber was sonst? Einfach angepasst an das Leben oder hedonistisch ist? Jedenfalls scheint ihm die Sahne der Bäuerin sehr zu schmecken. Solange er nicht schießt wirkt er wie ein Onkel von nebenan.

 Foto: Za Film
Der Bruch ist ihnen anzusehen. Foto: Za Film

Mich hat das etwas stutzig gemacht, vielleicht weil ich selbst gewohnt bin in Schubladen zu denken? Aber warum soll es jemanden wie Franz nicht gegeben haben, einen Charakter, der nicht vom nationalsozialistischen Drill gebrochen wurde. Der sich irgendwie durch die Reihen der Pimpfe und militaristischen Jungenorganisationen laviert hat, ohne an Seele zu verlieren. Oder vielleicht sogar nicht der HJ angehörte – hats ja auch gegeben. Ein sensibler Mann. Um 1943 auf der Seite der Nazis. Eine sehr differenzierte Herangehensweise.

Eindrücke habe ich aufgesogen, die Bilder und die singende weißrussische Sprache – der Film ist mehrsprachig mit Untertiteln, was ein Gewinn ist. Und eigentlich sprechen die Hauptdarsteller nicht die Sprache des anderen, und verstehen sich doch.

Mir ist der Unterstand im Wald aufgefallen, in der dem beiden Liebenden für kurze Zeit Unterschlupf finden. So müssen die Erdhütten ausgesehen haben, die meine Leute sich nach ihrer Ankunft im Nichts, im sibirischen Wald gegraben haben. Und auch die Bauernkaten, das alles wirkt so echt und ermöglicht mir eine Reise ins Damals. Und was ich gut finde, der Film verzichtet weitgehend auf die zynische Vernichtung, das tierisch Verrohte, das jegliches menschliche Maß hinter lässt. Natürlich tauchen auch Szenen auf, die einem das Herz gefrieren lassen, klar, aber diese Brutalität ist so auf ein erträgliches Maß gebracht, dass ich nicht schreiend aus dem Zimmer rennen muss und höchstens an einigen Stellen den Ton leiser gestellt habe und das wars. Naja und einmal musste ich vorspulen, aber das ist vielleicht so weil ich als Kind zu viele von diesen anderen Kriegsfilmen gesehen habe.

Den deutschen Trailer haben sie leider aus dem Netz genommen und der russische Trailer zeigt nur die schnellen grausamen Seiten, deshalb hier zur Einstimmung die schöne Overtüre (etwas mehr als 3 Min.):

Der Philosoph schießt aus der Hüfte – ein Eastern erster Güte

Fast rechtzeitig zum Sommeranfang, möchte ich einen weiteren russischen Film aus den Achzigern vorstellen: Der kalte Sommer des Jahres 53Холодное лето пятьдесят третьего. Es war der erste Film in der Sowjetunion, der sich mit Opfern der Stalinzeit und dem Schicksal der Verbannten befasst hat. Er wurde – was nicht so oft vorkommt – gleichermaßen von den Kritikern und den Zuschauern begeistert aufgenommen. Mit mehr als 40 Millionen Zuschauern war es die meistgesehene Kinoproduktion des Jahres 1987/88 und hat sofort den gerade ins Leben gerufenen sowjetischen Filmpreis „Nika“ erhalten – neben anderen Auszeichnungen. Der andere große Preis, der Staatspreis der UdSSR, eine heißbegehrte Trophäe, wurde übrigens bis 1954 Stalinpreis genannt. Dass dieser Film ihn erhalten hat, ist fast so was wie Eine Ironie des Schicksals.

er kann sehr gut schießen, dieser Philosoph
Er kann sehr gut schießen, dieser Philosoph

Die Filmhandlung:

Ein kleiner verschlafener Ort, irgendwo in Sibirien, der vom Fischfang lebt. Neben einigen, meist älteren Dorfbewohnern gibt es hier den Kapitän, den Polizisten und den Ladenverwalter. Und was zu der Zeit nicht ungewöhnlich ist für ein entferntes sibirisches Dorf war, zwei Strafversetzte, die ihre Zeit statt im Lager hier abbüßen müssen. Der ehemalige Ingenieur Kopalytsch, fleißig und angepasst und Lusga, leicht renitent und verschlossen. Dieser Lusga ist ein seltsamer Typ, sitzt stundenlang im Gras, tut nichts, selbst wenn es ihm befohlen wird, selbst auf die Gefahr hin, dass er nichts zu „fressen“ bekommt. Träumt den Tag einfach weg. Die einzige, die mit ihm Umgang hat, ist das Kindweib Schura, die Tochter der taubstummern Lida.

Es ist das Jahr 1953 – Stalin stirbt und Berija erlässt eine Amnesie, begnadigt Gulag-Häftlinge, nicht nur die politischen, so dass marodierende Banden über Land ziehen. So wird auch dieses Fleckchen Erde von einer Gruppe Krimineller heimgesucht, die sich als erstes beim Dorfkrämer einnisten.

Doch als es drauf ankommt und das Mädchen Schura von einem der Banditen verfolgt wird, erwacht Lusga plötzlich aus seiner Starre, bewahrt sie vor der Vergewaltigung und tötet ihren Peiniger. Und auch die anderen Bösewichte erledigt er auf leise unaffektierte Weise.

Äußerlich gleicht Lusga in keinster Weise einem Superman oder Helden – er hat nicht vor, sich gegen die Bande zu stellen, will ursprünglich nur das Mädchen retten. Doch als nun der erste Gangster getötet ist, muss er seine Mission fortsetzen.

Kalter Sommer 1953
Lusga ( Valerij Pryomychow) und Kopalytsch (Anatoli Papanow)

Sein Spitzname Лузга, bedeutet Spelze, ist Teil eines Korns, ein kleines Blatt an einer Ähre, vielleicht weil er so dünn ist, wie ausgetrocknet. Keiner der Dorfbewohner weiß seinen richtigen Namen und auch nicht den des anderen Strafgefangenen, des ehemaligen Ingenieurs Staroborodin, der Kopalytsch (Gräber) genannt wird, dabei sind es genau diese beiden,  die das Dorf von den Eindringlingen befreien.

Abgelegene Ortschaft mit nur ein paar Hütten, Knarren, harte und dabei coole Typen, klare Linie zwischen Gut und Böse – dieser Film hat alles, was einen guten Western ausmacht. Aber er geht drüber hinaus. Als es zur extremen Situation der Geiselnahme kommt, treten plötzlich alle Charaktere deutlich hervor, wie scharf gezeichnet. Es ist eine genaue psychologische Studie mit unerwarteten Wendungen. Außerdem ist dieser Film eine frühe Aufarbeitung der grundlosen Verschickungen, politische Gefangene bekommen in dem Alten Kopalytsch und in Lusga ein Gesicht und eine Stimme.

Regie: Aleksandr Proschkin
Lusga: Valerij Pryomychow
Kopalytsch: Anatoli Papanow (in seiner letzten Rolle)
Schura: Soya Burjak

Hier ist er zu sehen, leider nur auf Russisch:

https://www.youtube.com/watch?v=dAYOT6MvVuU&feature=player_embedded

Ich höre Schnittke – Orlandos Thema aus Skaska Stransvij

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Drama pur – werden sie springen?

Meine Entdeckung am Rande: eine weitere Film-Melodie von Alfred Schnittke, die sich in mein Gehör schraubt und mich nicht loslässt. Es handelt sich um ein Stück zu dem Filmmärchen Сказка странствий (Skaska Stranstvij) von 1981. Das Stück heißt Liebeserklärung oder Orlandos Thema.

Dem Regisseur Alexander Mitta ist mit dieser Parabel ein Film gelungen, der sich nicht leicht einordnen lässt: Märchen oder Fantasy-Streifen oder doch eine Abenteuergeschichte in historischem Gewand? Er wird als Kinderfilm gehandelt, aber bitte nicht unter einem FSK von 12 Jahren! Zu traurig, zu verstörend. Ein Kinderfilm für Erwachsene, das ja.

In einer Zeit, die diffus dem Mittelalter ähnelt, erlebt das Mädchen Marta (Tatjana Aksjuta) wie ihr kleiner Bruder Mai von zwei Ganoven entführt wird. Er hat nämlich die Gabe Gold anzuziehen und genau dies Talent wollen sich die beiden Gauner zu Nutze machen. Marta macht sich auf die Suche nach ihrem Bruder und trifft unterwegs den fahrenden Medicus Orlando, dargestellt von Andrej Mironow.

Als beide zu Gefangenen in einem Turm werden, rettet Orlando sich und das Mädchen mithilfe einer Flügelmaschine. Und hier setzt die von Schnittke komponierte Melodie ein, die mir so gefällt. Obwohl, nein, schon als sie sich kennenlernen taucht dieses Thema auf, aber hier kommts mit Schmackes, wie die Kölner sagen.

Möglicherweise wirken die special effects in dieser Szene etwas unecht und aufgesetzt (und auch der Drache an einer anderen Stelle des Films würde in Hollywood wohl keinen Blumentopf gewinnen), aber wozu braucht man imposante Effekte wenn die Geschichte packend und die Musik atemberaubend ist…

Hier ist der Ausschnitt mit dem Flug von Orlando und Marta mit englischen Untertiteln:
https://www.youtube.com/watch?v=T0wk_98bVYY

Hier noch die orchestrale Version, ohne Drama diesmal, mit Bildern von irgendwelchen Enten und Parklandschaften (???!!!):

Nicht nur die Musik dieses Filmes ist bemerkenswert, auch die Kostüme und Hintergründe sind gekonnt umgesetzt. Oft sieht es aus, als spielte die Handlung in einem wüsten Gemälde von Bosch oder einer üppigen Brueghel-Szenerie. Richtig gut beobachtet und schöne historische Zitate! Wieder einer der Filme, der es nie in den Westen geschafft haben, wieder zu Unrecht. Vielleicht kursieren ja Versionen mit Untertiteln davon im Netz, ich bezweifle jedoch, dass er jemals synchronisiert worden ist, zumindest auf deutsch. Der Filmtitel Skaska Stranstvij wird bei uns übrigens mit Märchen der Wanderungen übersetzt, im Englischen heißt er The Fairy-tale of Wanderings. Falls sich jemand auf die Suche begeben möchte. Gute Reise!

Realitäts-Check Ukraine

Was habe ich eigentlich erwartet, als ich letzen Freitag zum Abschlussfilm des russisch-deutschen Filmfestes gegangen bin? Vielleicht Klarheit? Es wurde ein Dokumentarfilm zu den Ereignissen in der Ukraine gezeigt und vielleicht habe ich gehofft, endlich zu verstehen, was da los ist.

Denn die bisherige Berichterstattung auf beiden Seiten hat mir nicht grade geholfen, ein klares Bild zu bekommen, es gab emotionale Ausbrüche, widersprüchliche Angaben und unterschiedliche Interessen, die aufeinanderprallten. Ich war verwirrt, wer nun das Bleiberecht hat und wer die Wahrheit sagt. Vielleicht dachte ich, ich setz mich in den Kinosaal und ein gutmeinender Onkel mit einer tiefen Stimme erklärt mir die Zusammenhänge und lässt mich das Geschehen chronologisch nachvollziehen. Eine Mischung aus Sendung mit der Maus und einer guten Nachrichtensendung, nur mit mehr Hintergrundwissen.

Aber so arbeiten die Macher vom realnost.com Kollektiv nicht. Proffessionelle Dokumentarfilmer mischen ihre Aufnahmen mit Beiträgen von Laien, Handyaufnahmen, wackelige, schlecht ausgeleuchtete Filmchen, die von den Leuten gemacht wurden, die mittendrin sind im Geschehen, ohne Abstand und draufhalten. Kommentarlos schneiden sie die verschiedenen Sequenzen nebeneinander, linke, rechte Flügel, Ukrainer, Russen, Kiev, Krim, es ist schwer, die Orientierung zu behalten.

Als erstes tanzt eine fröhlich aufgeregte Stundentenschar durch die Uni und skandiert revolutionäre Parolen, Leninstatuen werden von Sockeln gerissen, es ist eine riesige Party auf dem Maidan, mit Musik. Dann Schnitt.

Bilder einer Polizeimacht, die in ihren Blickdichten Superheldenanzügen mit Stöcken auf die Demonstanten einprügeln. Ende des Flowerpower.

Wieder ein Schnitt. Man sieht nur noch bullige Männer in Camouflageanzügen. Maskierte, Leute mit Fahrradhelmen. Er wird schnell, laut, blutig.

Ab jetzt sind die Kinder, die tanzenden Frauen nicht mehr dabei. Man merkt, wie die Bewegung sich schnell radikalisiert oder von kämpferisch Gesinnten an sich gerissen wird.

Anfangs treten noch vereinzelt Politiker in Erscheinung. Petro Poroschenko, der jetzige amtierende Präsident, vor zwei Jahren noch Wirtschaftsminister, redet beruhigend auf die Menge auf dem Maidan ein, versucht die Gemüter zu beruhigen. „Nimm die Maske vom Gesicht, wenn ich mit dir rede“, sagt er zu einem wütenden Angreifer. Er hat keine Berührungsängste. Zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht.

Bilder, die mich füllen, sprechende Bilder, nur, dass ich die Syntax und die Vokabeln nicht immer begreife. Was ist Berkut? Was ist ein Moskal? Das weiß ich noch nicht. Schnelle Wechsel. Der Orte und der Lager. Aber ich bekomme unvergleichliche Einblicke in die Realität oder die verschiedenen Realitäten dieser zwei Jahre. Uniformierte mit eckigen Gewehren, die Journalisten bedrohen. Offizielle Sprecher mit ihren leeren Parolen. Blut auf beiden Seiten. Junge Leute, die eben noch friedlich demonstrierend, anfangen Pflastersteine aus dem Boden zu reißen und sie Vermummten zu geben. Priester, die diejenigen, die den Präsidentenpalast stürmen, auffordern, sich an der Bar mit Snacks einzudecken. Stärkt euch nur, Kinder. Seltsame Gestalten, die diese Kämpfe hervorbringen, wenn ich jetzt Worte für sie gebrauche, werte ich sie. Ich versuchs. Ein seltsamer Heiliger, ein windiger Typ, der eben noch wachhabenden Omis ihre geklauten Tablets wiederbringt, aber im nächsten Moment das Haus von Lukaschenko stürmt und versucht ein Souvenir zu ergattern, geblendet von all dem Luxus. Letztendlich hat er sich einen goldenen Tannezapfen irgendwoher abgeschraubt und prahlt damit am Telefon vor seinen Freunden, und damit, dass er dem Präsidenten in sein Luxusklo gepinkelt hat. Im Getöse zeigt dieser Film aber auch Momente der Poesie, mitten im wüsten Kampf sitzt ein Mann am Flügel und spielt klassische Musik, er sei von der Gruppe Pianisten für den Maidan. Soldaten mit Bazookas in voller Montur, schaukelnd auf einem Spielplatz auf der Krim. Bunte Metallstäbe der Schaukeln, ein Kontrast. Zeitvertreiben und Warten gehört auch dazu. Eine Oma, die ein Plakat hochhält, wo drauf steht, „Besudelt nicht die Ehre Russlands“, wird ebenso niedergeknüppelt, wie der Mann, der schreibt, „Ich schäme mich, Russe zu sein.“

Und immer wieder ist der Ruf zu hören, Ehre der Ukraine, den Helden Ehre.

Was wir zu sehen bekommen, erstmalig in Deutschland, ist noch Rohmaterial. Gedreht von dem vermutlich einzigen russischen Dokumentarteam, das vor Ort war. Vor zwei Jahren waren sie wegen eines anderen Projekts in Kiev, aber die Ereignisse haben sich so schnell überschlagen, dass sie geblieben sind, um sie filmisch zu begleiten. Und weil diese Gruppe so arbeitet, Material von Anwohnern und Zeugen aufgreift, haben sie viele Aufnahmen zugeschickt, zugesteckt bekommen. Dieser Film ist bloß der erste Teil. Er wurde schon in Kiev gezeigt und ist sehr positiv aufgenommen worden. Am 16. Dezember wird er bei einem Filmfestival in Russland zu sehen sein. Man darf gespannt sein.

Der zweite Teil wird aus Interviews bestehen, und zwar von beiden Seiten, Russen werden ebenso zu Wort kommen, wie Ukrainer.

Nachdem ich diesen Film, zumeist mit weitaufgerissenen Augen und Hand vorm Mund verfolgt habe, bin ich noch immer verwirrt. Nein, nicht ganz, ich habe bloß kein geordnetes Gesamtbild erhalten. Ich habe ins Herz des Chaos geblickt. Aber es gab Momente der Klarheit, ich habe begriffen, dass es bei diesem Konflikt keine richtige Seite, keine ehrenvolle Position geben kann. Wenn also das auch kein klassischer Lehrfilm war, mit erklärenden Bildern, hat er mich doch bewegt. Ich habe nicht begriffen, wer recht hat, aber ein wenig davon, dass dieser alte Konflikt sehr tief greift und nicht mit Pauschallösungen und Parolen von Freiheit gelöst werden kann.

Die Filmer vom Kollektiv realnost.com muten ihren Zuschauern so einiges zu und die Diskussion nach dem Film war denn auch ziemlich hitzig. Es wurden Fragen nach der politischen Ausrichtung gestellt, danach, wer entscheidet, welche Sequenzen in den Film kommen und wie sie geschnitten werden, ein Mangel von Aufnahmen aus der Ostukraine, aus dem Donbas, ist aufgefallen. Tendenziell war der Film aus der Perspektive der Kämpfer auf der ukrainischen Seite eingenommen worden. Aber dass ein russisches Team hingeht und die Ukrainer ohne propagandistisch zu werden bei ihrem Kampf filmt, macht schon einen Unterschied, finde ich.

Wer das Web-Doku Experiment der realnost.com  Gruppe verfolgen möchte, kann das auch auf Facebook und Youtube tun. Dort sind auch einige der Sequenzen zu sehen, leider oft ohne Untertitel…
Hier ein Beispiel: