An der schönen grünen Wolga

Trügerische Idylle. Wolken über Wolga.

Jedes Mal im Frühling, so schreibt es die russische Zeitung Nowaja Gazeta, wenn das Eis schmilzt und sich die Stau-Becken an der Wolga füllen, wird ein ehemaliger deutscher Friedhof überschwemmt und die halb zerfallenen Särge ragen förmlich aus dem Wasser. Es fehle an Geld, die Ufer zu befestigen.

Wer unten am Wasser steht, und sich die hoch aufragenden Lehmwände des Ufers anschaut, sieht dort die morschen Holzkisten stecken, zwischen deren Latten noch die alten Knochen zu sehen sind. Manche der Särge fallen auseinander, dann liegen die Gebeine blank am Ufer, wo die gelben Wellen sie hin und her wiegen. (Fotos in der Komsomolskaya Prawda aus dem Jahr 2009).

Was haben diese leeren Augen gesehen? Was haben sich die Leute, die durch das Manifest Katharina II angelockt wurden, zu Lebzeiten erhofft? Welche Sorgen hatten sie gehabt? Womit hatten sie zu kämpfen?

Eine, die sich in ihrem neuen Roman des Schicksals der ersten Siedler an der Wolga (bzw. ihrem Zufluss, dem Karaman) annimmt, ist die in Berlin lebende Butorin Antonina Schneider-Stremjakowa.

Ihr historischer Roman‚ Eisberge der Kolonisierung – Zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1763 bis 1830‘ ist in diesem Jahr auf deutsch erschienen. Seit zwei Jahren ist es als ‚Айсберги колонизации‘ bereits in russischer Sprache auf dem Markt.

Es ist die Geschichte von Kaspar Schneider und seinen Nachkommen, die eines schönen Tages in der Nähe von Metz aufbrechen, um ins Unbekannte zu ziehen. Sie erhoffen sich nicht nur ein besseres Leben. Kaspar will konkret das Leben seines Sohnes Lorenz retten, der sonst als Fremdsöldner an irgendeinen König verkauft werden würde.

Sie wissen, dass die Reise in den Osten kein Zuckerschlecken wird, aber und dass ist die große Masse des Eisbergs, der unter dem Wasserspiegel liegt, das was sie dort antreffen, die Strapazen und Katastrophen haben die Neusiedler nicht erwartet.

Ich habe den Roman bei einem Besuch meinem Vater zum Durchblättern gegeben. Er hat ihn genommen und zwei Tage nicht mehr aus der Hand gelegt. Es regnete. Die Sonne schien. Wir anderen sind spazieren gegangen oder haben Eis gegessen. Er saß in seinem Sessel und las und las und stand nur zum Essen und zum Schlafen auf.

Wenn er etwas lobt, sagt er normalerweise nie etwas außer einem knappen: gut. Und auch dieser Roman bekam das Prädikat gut. Als ich weiter fragte, kamen ein paar mehr Sätze: ‚…leicht zu lesen, leicht zu verstehen. Und die Fakten kenne ich schon. Aber wie diese Leute diese Fakten auch am eignen Leib erlebt haben, das lese er hier zum ersten Mal.‘

‚Bitter‘, sagte mein Vater noch dazu. ‚Sie [Katharina II] hat sie eingesetzt als lebende Schilder gegen die Angriffe. Der Tataren [an der Krim], der Kirgisen [an der Wolga]. Ohne nichts waren sie dem ausgesetzt, mit bloßen Händen.‘

Und dennoch verlieben sich die Menschen, heiraten, streiten sich, kriegen Kinder, begraben ihre Toten. Eine lange Abfolge von Schicksalen umfasst das Buch, über einen Zeitraum von fast 70 Jahren.

Als Kulisse für diesen Reigen dient die Abwanderung aus Deutschland, damals vor den napoleonischen Kriegen und die Ankunft in der Fremde und die entbehrungsreichen Jahre an der Wolga.

Die Autorin Antonina Schneider-Stremljakowa stammt von einem wolgadeutschen Chronisten der damaligen Zeit ab, der fast so heißt wie sie: Anton Schneider. Seine Urenkelin Antonina hat bereits sein Buch „Mariental XVIII-XIX“ übersetzt und in Deutschland herausgegeben. Beidsprachig, auf Russisch und auf Deutsch. Darin kommt sowohl die Legende vom Kirgisen-Michel als auch das Stammesregister und die minutiöse Beschreibung einiger der wirklichen Bewohner des Dorfes. So wird auch der Vorsteher Peter Pfannensiehl beschrieben, der auch im Roman eine Rolle spielt. Über Missjahre wird berichtet, wie viele Rubel jeder für den Bau einer neuen Kirche gespendet hat und sogar lange Gedichte aus der Feder von Anton Schneider kommen vor. Eine Fundgrube an Informationen.

Ausgehend von der Vorlage, den Fakten, die ihr der Vorfahr liefert, schafft Antonina Schneider ein lebendiges Bild von den täglichen Sorgen, dem Ankämpfen gegen Hunger und Wetter und die Angriffe der Nomadenvölker.

Ihr Spott über die sackartige Kleidung der Einheimischen: «Schafmützen auf Schafköpfen», war schnell verflogen; dafür dachten sie sich den Spruch aus: «ein Pelz im Winter, recht groß – sonst bist du schnell das Leben los».

Doch der Frost verstand keinen Spott: die Einen erfroren im Dorf, andere auf dem Weg dahin. Sie hatten überhaupt keine Vorstellung, wie sie an warme Kleidung, Schuhwerk, Skier und Schlitten herankommen sollten. Aber die knackende Kälte lehrte sie selber Pelzwerk herzustellen. S 75

Und immer wieder taucht der Fluss auf, nicht die Wolga, sondern sein Nebenarm, der große Karaman, an dessen Ufer sich die Schneiders mit ihren Nachbarn angesiedelt haben. Sie fangen Krebse, beobachten den Eisgang, im Sommer baden sie, sie jagen Saigas und Wildpferde in der Steppe.

Wieder was gelernt: solche Saiga-Antilopen haben die Siedler in der Steppe erlegt

Schneider-Stremjakowa hat dieses Buch, wie alle ihre Werke, auf Russisch verfasst. Sie kam sehr spät nach Deutschland und betrachtet sich als ‚Trägerin der russischen Sprache‘.

So geht sie im Roman gleich an mehrere Stellen darauf ein, dass die Kolonisten doch bitte russisch lernen sollen und ihren Kinder die Sprache des Gastlandes beibringen, damit sie nicht wie auf einer Insel leben.

Auf dem Rückweg überlegte Lorenz, dass nur zwei Menschen von der Übersiedlung profitiert haben: Maria-Theresa und Stefan – sie sind in die Stadt umgezogen, haben den Status des Kleinbürgertums erlangt, haben Russisch gelernt; während die Siedler in der Kolonie von einem Augenblick zum nächsten zu rechtlosen „niederen Leibeigenen-Bauern“ geworden sind. „Die Kinder sind rechtlos und auch noch des Russischen nicht mächtig, – dachte er, das Pferd antreibend. – Sie sind hilflos. Ich muss wenigstens meinen Kindern intensiv russisch beibringen“. S 240

Abgesehen von ihrer Tätigkeit als Romanautorin, betreibt Schneider-Stremjakowa ein Literaturportal derjenigen deutschen Autorinnen aus Russland, die in russischer Sprache schreiben.
Portraits und Texte von Lyriker
innen und Prosaschreibenden wie Hugo Wormsbecher, Katharina Kucharenko, Lydia Rosin und Alexander Schmidt und vielen anderen hat sie dort gesammelt, aus der Zeit in der Sowjetunion und welche, die auch in Deutschland ihre Ziehsprache nicht vergessen haben und sich darin genauso gut ausdrücken können.

Historisch gesehen, ist dieses Buch ein wichtiges Dokument, aufbauend auf den genauen Aufzeichnungen des Urahns, Anton Schneiders. Es ist wie ein Lehrbuch mit verteilten Rollen. Viel vom Leben der damaligen Kolonisten scheint hindurch: ihre Religiosität und Kirchenhörigkeit, der Überlebenskampf.

Die Autorin schafft es, die Leser*innen in eine andere Zeit zu versetzen. Es wäre für die Geschichte aber sicher angenehmer, sie hätte sich eine Person herausgegriffen, hätte ein Leben gefüllt und die Geschichte noch stärker verdichtet. So entsteht ein Eindruck vom Leben im Schnelldurchlauf.

Noch immer finden die Toten an der Wolga keine Ruhe. Und was trauriger ist, es scheint niemanden so richtig zu interessieren. Seit der Deportation von 1941 leben deren Nachkommen nicht mehr dort. Doch die ersten Siedler haben durch diesen Roman wieder Gesicht bekommen und Namen. Sie heißen Antoinette und Lorenz, Johannes und Kitty, Matthias Zwinger und Louise.

Und wir können uns ein besseres Bild davon machen, wie sie dort gelebt haben, an der schönen grünen Wolga.

Erste Kolonisten – Gemälde von Kurt Hein

Antonina Schneider-Stremjakowa
Eisberge der Kolonisierung
Historischer Roman. Zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1763 bis 1830
erschienen 2017, 292 Seiten, € 17, –
ISBN: 978-3-939290735

 

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Es war ein weiter Weg bis an die Wolga

Eindruckvolle Räume mit Moderator Ferch
Eindruckvolle Räume mit Moderator Ferch

Was fällt einem Deutschen sofort ein, außer Wodka meine ich, wenn er an Russland denkt? Richtig, die Transibirische Eisenbahn. Dieser Zug scheint seit dem ersten Spatenstich 1891 ein ewig währendes Faszinosum für die Bürger Westdeutschlands zu sein (die im Osten der Republik denken sicher anders, aber sie wurden für diese Doku auch nicht gefragt). Es ist erstaunlich, dass bisher noch keiner von ihnen die Transsib für die Nominierung als das neunte Weltwunder vorgeschlagen hat.

Was allerdings nicht erstaunlich ist: der Luxuszug Zarengold und seine Mitreisende, westdeutsche Rentner*innen mit Freudentränen in den Augen, die sich diese Reise mal eben zum Geburtstag gönnen, nehmen denn auch einen prominenten Teil der Berichterstattung ein über das Thema deutsche Spuren in Russland ein.

Nostalgie im Luxuswagon - das ist Russland!
Nostalgie im Luxuswagon – das ist Russland!

Auch ein Adelsfräulein, das auf den Spuren seiner Vorfahrin, Katharina der Großen wandelt, oder eher durch die Ruinen stolpert, kommt zu Wort und ein preußischer Offizier, der 1812 an dem napoleonischen Feldzug teilgenommen hat, anhand von Tagebuchaufzeichnungen.

Nennt mich nachtragend, nennt mich kleinlich,  aber wenn eine von Anhalt-Zerbst von heute sich hinstellt und sagt, also ich habe viel von meiner Urahnin, auch ich bin furchtlos, erkunde fremde Territorien, da dreht sich mir der Magen um. Ehrlich. Würde sie noch so sprechen, wenn ihre Vorfahren durch das Gulagsystem gejagt, verfemt und dann lange Zeit ihr Schicksal untern Teppich gekehrt worden wäre? Wohl kaum. Egal. Schwamm drüber.

sie wird Juschka genannt wie ihre berühmte Vorfahrin
sie wird Juschka genannt wie ihre berühmte Vorfahrin

Ich bin gerade tendenziös und ungerecht. Stimmt ja, später im Film kommen die Lebensläufe von zwei russlanddeutsche Familien mit den angemessenen Worten zur Sprache. Aber sorry, dieses vornehme Fräulein reden zu hören, ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Aber ich will ja nicht meckern, wir Minderheiten neigen dazu, uns schnell übergangen zu fühlen.

Deshalb, Tusch und Applaus: nach genau der Hälfte der Sendung erzählt Heino Ferch (das ist toll, dass sie ihn als Moderator gewonnen haben, wie kommen wir zu dieser Ehre?) von Tausenden Russlanddeutschen, die auf Geheiß der neu gekrönten Zarin ins riesige Land und an die Wolga strömen. Danke allein für diesen Satz:

Was den Russlanddeutschen widerfuhr, das gehört zu den größten menschlichen Katastrophen des 20sten Jahrhunderts.

Das musste mal gesagt werden im deutschen Öffentlich-Rechtlichen. Sonst hätte ich fast gedacht, es ginge allein um die Weiten Sibiriens.

Allerdings entsteht wieder mal der Eindruck, dass es Deutsche nur an der Wolga gab. Nichts davon, dass seit der mittelalterlichen Hanse ein reger Austausch bestand und noch vor den Siedlern an der Wolga zig Tausende Familien deutscher Herkunft in Moskau und später in St. Petersburg lebten und das kulturelle Leben dort entscheidend prägten. Nichts über die Siedlungsgebieten am Kaukasus nichts über Bessarabien oder das Schwarzen Meer.

Super, Alexander von Humboldt, der Durchreisende, wird kurz erwähnt und ein Ingenieur ohne Namen, der am Bau der Transsib beteiligt war, aber wie stark ansonsten der kulturelle Austausch gewesen ist, bleibt möglicherweise aufgrund der Kürze der Sendung (die Transsib ist eben sehr lang) leider auf der Strecke. Der Theaterschaffende Meyerhold, Sofija Tolstaja oder die Ehefrau Tschechows, die Schauspielerin Olga Knipper, um nur einige wenige zu nennen, bleiben außen vor. Ebenso die Tatsache, dass die Kochbuchbibel Russlands und der Sowjetunion von einer Deutschen namens Helene Malochowetz geschrieben wurde. Und viele andere Verbindungen aus Kultur und ähem… Kultur. Denn in der Politik waren Deutsche nicht so zahlreich vertreten. Warum denn bloß? Darüber werden wir auch im Dunkeln gelassen. Naja.

Dass viele intellektuelle Russen nicht nur in Paris gelebt und studiert haben, sondern eben auch in Weimar oder Leipzig und aufklärerische Ideen mitgebracht haben in ein Zarenregime, das auch von Katharina der Großen gestützt wurde. Von wegen aufklärerische Monarchin. Sie hat Schriftsteller, die gegen die Praxis der Leibeigenschaft angeschrieben haben, ebenso nach Sibirien verschickt wie ihre Vorgänger und Nachfahren auf dem Thron.
Davon, dass einer der tonangebenden Dekabristen, Paul (Pawel) Pestel ebenfalls
Deutscher war, was ebenfalls eine wesentliche deutsche Spur in Russland sein könnte, kein Wort. Und vom regen Austausch zwischen den jeweiligen klassenkämpferischen Parteien auch nicht. Ach, das ist wohl grad nicht zeitgemäß…

Es ist ja auch mehr so die Landschaft, welche die Deutschen am riesigen Reich interessiert.

Habe ich Gutes zu berichten über die Sendung? Natürlich. Allein, dass sie von Heino Ferch moderiert wird. Und ein Lob dafür, dass das überhaupt Thema ist.

Nur mit dem wie, habe ich eben so manche Probleme. Ich könnte wetten, dass bei der Mache der Sendung kein einziger Russlanddeutscher beteiligt war.

Enkel und Opa Maier an auf der Wolga
Enkel und Opa Maier an auf der Wolga

Und diese salbungsvolle und bombastische Musik. Wer hat sie bloß ausgesucht? Einiges von Alfred Schnittke wäre sicher angebrachter gewesen. Aber das ist nun Meckern auf höchstem Niveau.

Und da ist ein Satz, der gleich zu Anfang fällt: Deutsche und Russen  – über Jahrhunderte eine mörderische Angelegenheit.

Er ist schlichtweg falsch.

Über Jahrhunderte pflegten sie eine friedliche Koexistenz. Erst seit dem ersten Weltkrieg geht es mörderisch zu. Zugegeben, das wird ja später auch so gesagt… Aber dennoch, der falsche Eindruck bleibt.

Für eine ZDFzeit Doku ist die Sendung also eher etwas schmalbrüstig, aber es ist ja auch ein Stück Infotainment zur Primetime und die Affären Katharinas, ich wusste nicht, dass sie wissenschaftlich belegt sind, interessieren die Zuschauer wohl eben mehr und wie gesagt die Transsib, diese Sehnsuchtsstecke von Moskau nach Wladiwostok. Sollen sie doch lieber einen Film darüber drehen. Ach ja, haben sie schon, es gibt mehr als 1200 Dokumentationen zu diesem Thema auf You-Tube. Aber gut, immerhin ganze 10 Minuten für die Belange von Wolgadeutschen, die 1941 vertrieben wurden und die einer alten Dame, die noch immer in der Gulagstadt lebt, in der ihr Vater einst Sklave war. Besser als das jahrzehntelange Schweigen davor.

In der Ankündigung der Doku „Deutsche Spuren in Russland“ auf der Site von Phönix TV steht:

Für viele Deutsche hatte die große Katharina 1673 ein verlockendes Angebot parat: „Kommt nach Russland und beackert die riesigen brach liegenden Gebiete meines Reichs – und schützt mich vor dem Angriff fremder Mächte.“ Mit einem so genannten „Manifest“ rief sie die deutschen Bauern auf, ihr nach Russland zu folgen.

Gut, in der Jahreszahl ist ein Zahlendreher, aber das ist ja nicht so schlimm. Was mich wurmt, dass der Eindruck entsteht, sie würden aus Spaß und Dollerei und weil ihnen soviel Land versprochen wurde, losziehen. Welchen Verhältnissen sie hier entfliehen wollten, davon ebenfalls kein einziges Wort. Kriegerische Scharmützel, Truppen, die Dörfer verwüsteten und die Erbgesetze, die nur einen Sohn mit Land versorgten, zwangen viele junge Familien zur Ausreise, so war das. Weitere Gründe: religiöse Gemeinschaften wie die Mennoniten konnten ihren Glauben in den deutschen Landen nicht leben, deshalb wanderten sie aus. Und –  weil sie nicht willens waren, der Armme beizutreten und Menschen zu töten. Katharina versprach ihnen die Befreiung vom Wehrdienst.Nach einiger Zeit wurde dies aufgehoben und tausende Mennoniten flohen, nach Kanada oder Südamerika.

So machen die Siedler aber den Eindruck von Wirschaftsflüchtlingen. Doch das ist eh ein Prädikat, das vielen angepappt wird.

Aber das sind wohl unwichtige Details.

Was wir dagegen lernen ist, dass der Russe an sich verschlossen und rustikal ist und wenn man ihn näher kennt, sehr herzlich.

Fazit: es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wie gesagt, kommen Russlanddeutsche und ihre Geschichte, anders als in den Jahren davor, überhaupt zur Sprache. Und schließlich haben sie ja auch kein Alleinrecht auf deutsche Spuren in Russland, das muss ich auch zugeben. Aber der Fokus ist dennoch ein etwas verrutschter. Eben so wie Hiesige (Bio-Deutsche aus Westlanden) die Sache wahrnehmen. Und darüber mockiere ich mich.

Deshalb:

bitte das nächste Mal etwas besser und tiefer recherchieren, vielleicht mal einen russlanddeutschen Historiker zurate ziehen und vielleicht die Transsib weglassen?

Ginge das?

Aber die Wagons einer hitorischen Eisenbahn vor dem plietschen Moderator mitten in einer Palastbibliothek zum Stehen zu bringen: das hat schon was…

Deutsche Spuren in Russland, gesendet auf ZDF am 21.2.2016 und im April auf Phoenix TV

https://www.youtube.com/watch?v=7X4Yajqq6Xo

Damals und heute – Nikolaus Rode und Alwina Heinz

Ausstellungseröffnung am 28.8.2015 um 18:00 im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold.

Kann aus erlittenem Schmerz etwas Neues entstehen?
Ein von Alwina Heinz aufgegriffenes Motiv von Nikokaus Rode

Eine Spiegelung von damals und heute. Eine Künstlerin und ein Künstler, Alwina Heinz, 29-jährig und Nikolaus Rode, der dieser Tage seinen 75sten Geburtstag feiert. Er beschäftigt sich in seinem Werk hauptsächlich mit den durch Vertreibungen und Krieg erlittenen Traumata, den Verlusten und der Suche nach Heimat, in ihren Bildern geht es viel um Identität, um Wurzeln und um den Unterschied zwischen der Geschichte der Ahnen und dem eigenen Erleben. Vergangenheit und Gegenwart treffen hier aufeinander und bilden einen spannenden Bogen – am Ende steht ein „Austausch über Leid, Akzeptanz und Neuanfang in einem Land, in dem man eigentlich wieder zuhause und trotzdem fremd ist.“

Anlass für diese Ausstellung ist der Beginn der Vertreibungen der Deutschen aus der Wolgaregion am 28. August vor 74 Jahren.

28. August bis 31. Oktober
Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte
Georgstraße 24
32756 Detmold

Öffnungszeiten
Di.-Fr. 14.00 bis 17.00 Uhr
Sa. 11.00 bis 17.00 Uhr

Eintritt: 3,- Euro

Infos:

http://russlanddeutsche.de/menu/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen.html#64_1440159129861

oder

http://alwina-heinz.de/index.php?/news/

Ende einer Bootsfahrt

Laura Kennington hat heute ihre Durchquerung des längsten europäischen Flusses (so eine russische Onlinezeitung über die Wolga) vorzeitig beendet. An Pfingsten habe ich über sie berichtet und auch einen Plan online gestellt, der den Verlauf der Reise darstellt. Dieser Plan wurde bereits vor zirka drei Wochen abgeschaltet, weil ständig irgendwelche Leute sie ausfindig gemacht und unaufgefordert in ihrem Camp heimgesucht haben.

Der Trip hat mediale Wellen geschlagen und Laura bekam mehr als tausend Nachrichten und Hilfsangebote, noch vor Beginn der Reise. Aber woran das Vorhaben letztendlich gescheitert ist, ist sicher nicht die viele Hilsbereitschaft und Anteilnahme. Obwohl sie sagt, dass sie davon überwältigt sei. Eine Frau ein Boot, einsam auf einem Fluss. So sollte die Reise sein. Aber sie wurde zu einer Jagd auf eine Facebook-Freundin aus Groß-Britannien.

Vielleicht weil sie als Schauspielerin und Sängerin angekündigt war? Ein Promi aus dem westlichen Ausland kommt mit dem Boot, um auf der Wolga zu fahren. Da wollten halt viele mal gucken kommen oder Schokolade vorbeibringen. Die russische Schokolade ist ja auch besonders gut. Und die Wurst erst!

In dem folgenden Film, noch Anfang Juni sagt Laura Kennington: ihre Vorstellung von Russland hat sich ganz erheblich geändert, seit sie in dem Land reist, soviel Gastfreundschaft habe sie nicht erwartet.

www.youtube.com/watch?v=qamVw8zJr_o

Das was sie jetzt, drei Wochen später auf ihrem Blog schreibt, klingt etwas anders. Es scheint unter den massiven Hilfsangeboten und Freundschaftsanzeigen auch konkrete Bedrohung durchgekommen zu sein. Sonst hätte diese Frau, die schon mehrere solcher Abenteuer durchgestanden hat, nicht einfach so die Taschen gepackt.

Ich frage mich, geht die Frauenverachtung in diesem Land soweit, dass die Kerle es nicht ertragen können, dass ein Weib allein auf einem Fluss paddelt? Das macht mich ganz traurig. Ich bin gespannt darauf, was sie in ihren Reisetagebüchern und die Memoiren darüber mal schreiben wird.

Die junge Frau und der Fluss

  1. Mai 2015 Tver – Die britische Fitnesstrainerin, Schauspielerin und Abenteurerin Laura Kennington will in einem Kajak dem Lauf der Wolga folgen. Gestartet ist sie vorgestern in der Nähe von Tver und will im August an der Mündung zum Kaspischen Meer ankommen. Das sind insgesamt 2300 Meilen oder 3700 und ein Kilometer.
eine Frau, ein Boot - 2300 Meilen die Wolga entlang
eine Frau, ein Boot – 2300 Meilen die Wolga entlang

Kennington, die als Kind neben Hugh Grant in About a Boy vor der Kamera gestanden hat, nennt diesen Trip Caspian Challenge. Sie hat die Absicht, ganz ohne Hilfe von außen auszukommen, sie nennt es selfsufficiant, das heißt soviel wie auf sich selbst gestellt und nur mit eigenem Proviant und aus eigener Kraft heraus.

Die 28-Jährige wird täglich an die 12 Stunden paddeln und schätzt, dass sie für diese Reise ca. drei Monate brauchen wird. Also Safe the Date! Auf ihren Bericht bin ich schon jetzt sehr gespannt. Übrigens der Hintergrund dieser Reise ist ein wohltätiger Kennington sammelt Geld für Waisenhäuser.

Hier kann man ihrer Fahrt auf einer Landkarte folgen: http://z6z.co/caspianchallenge

 

Die Kirche im Dorf gelassen – eine fotografische Zeitreise

Wenn da einer ist, der im digitalen Zeitalter mit einer alten Plattenkamera hantiert und ausschließlich mit Nassplattentechnik arbeitet, ist das schon retro. Wenn er damit auch noch Gebäude ablichtet, die seit Jahrzehnten lediglich als Relikte einer verlorenen Welt existieren, so wie die ehemaligen deutsche Kirchen an der Wolga, dann ist es wohl retro hoch zwei. Aber es passt.

Wolga-Kirche_2 Kopie
kaum zu glauben, aber das ist eine Aufnahme von 2012

Der Fotograf Artjom Uffelmann ist vor zwei Jahren zu einer Reise in die Vergangenheit aufgebrochen und ist mit rund zwei Dutzend belichteten Glasplatten von Kirchen aus der Wolgaregion zurückgekommen. Sein Projekt nennt er „Vergessene Zivilisation“. Denn zum Teil existieren die Dörfer nicht mehr, in den ehemaligen Kirchen wird weder jemand gesegnet noch getraut noch konfirmiert. Gras wächst zwischen den Steinplatten und durch die halbverfallenen Wände streift der Wind. Die sakralen Gebäude, die er vorfindet, sind längst Ruinen. Sie wurden nach 1941, nachdem die dort lebenden Deutschen in entlegene Gegenden zwangsumgesiedelt wurden, zunächst als Viehunterstand oder Dorfklub genutzt. Heute stehen nur noch ihre Überreste.

Wolga-Kirche_1 Kopie

Das Verfahren mit dem Uffelmann arbeitet, heißt Ambrotypie und war von 1850 bis 1890 der letzte Schrei in der Fotografie. Es ist ein Direktpositiv-Verfahren: eine Kolidiumschicht wird auf eine Glasplatte aufgetragen und in einer Plattenkamera direkt belichtet und danach sofort entwickelt. Anfangs ist die Glasplatte ein Negativ und nur durch das Auflegen auf eine schwarzlackierte Platte oder schwarzen Samt wird das Bild in ein positiv wahrgenommenes umgewandelt. Uffelmann benutzt lackierte Aluminuimplatten, auf die er das Glas legt, um diesen Effekt zu erzielen. Die so entstandenen Scheinpositive bleiben so und werden nicht vervielfältigt. Es gibt keinen Film als Zwischenmedium und jede Platte ist ein Unikat. Sie kann also weder bearbeitet noch manipuliert werden.

Genau das ist es, was ihn an dieser Technik reizt, dass man nicht mogeln kann. Es ist empfindlicher Prozess. Sekunden und Chemikalien müssen genaustens aufeinander abgestimmt sein, jeder Handgriff muss sitzen. „Du legst dein gesamtes Können, dein Wollen, deine ganze Liebe hinein“, sagt Uffelmann. Der Reisebus, mit dem er unterwegs ist, kann in Windeseile in ein mobiles Fotolabor umgewandelt werden.

Wolga-Kirche_3 Kopie

Ambrotypie kommt übrigens vom griechischen ambrotos, was unsterblich bedeutet. Ein sinnreiches Paradox mit einem unsterblichen Verfahren die Gebäude abzulichten, die für die Ewigkeit gebaut, jedoch nur wenige Generationen überdauert haben. Außerdem wurden viele der Kirchen genau zu der Zeit gebaut, als dieses Verfahren entstanden ist, um 1850.

Wenn er noch einmal zu einem ähnlichen Projekt nach Russland aufbrechen würde, dann nur mit mehr Zeit im Gepäck und der Assistenz eines Ortskundigen. Denn die Suche nach den Kirchen war ein waghalsiges Abenteuer. Die Karten, selbst militärische, die er sich in St Petersburg besorgt hatte, stimmten nicht mit den Gegebenheiten vor Ort überein und er musste zusehen, nachts mit dem Bus aus den Dörfern rauszukommen, weils sonst zu gefährlich geworden wäre.

Schon als Kind hat er seinem Vater beim Vergrößern von Fotos über die Schulter geschaut und so die Grundlagen der Fotoentwicklung gelernt. Mit 12 Jahren kam er Mitte der Neunziger nach Deutschland. Und fühlte sich, wie viele seiner Generation in der neuen Heimat zunächst fehl am Platz. Doch diese Reise in die Vergangenheit seiner Vorfahren hat Arjom Uffelmann verändert. Er sagt, er fühlt sich endlich angekommen und nicht mehr zwischen den Stühlen. Er hat sein Zuhause gefunden. In sich selbst.

Hier das Projekt auf youtube:

Und hier die Website von Artjom Uffelmann: www.photographische-anstalt.de

Übrigens, dieser Tage sind seine Bilder noch im Mannheimer Schloss zu sehen. Und zwar im Ausstellungsraum der Katakomben, also wer dort in der Gegend ist, im Original sind die Bilder sicher noch beeindruckender!