Völlig ausgeblendet – Maja Haderlaps ‚Engel des Vergessens‘

Der Roman ‚Engel des Vergessens‘  behandelt eine persönliche Familiengeschichte und stellt ein wenig beleuchtetes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte in den Fokus. Es geht um die slowenische Minderheit in Kärnten, die noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an dessen Folgen und der Verfolgung durch die nationalsozialitischen Machthaber leidet. Die Großmutter der Ich-Erzählerin wurde als junge Frau nach Ravensbrück verschleppt und kommt ständig auf die Toten, die Verluste und die Erlebnisse von damals zu sprechen. Nur Kraft ihres im Aberglauben wurzelnden Christentums hat sie überlebt und gibt nun ihre Überlebensstrategien an die Enkelin weiter. Bringt ihr bei, sich heimlich mit der Zungenspitze am Gaumen zu bekreuzigen, damit es keiner mitbekommt. Nimmt Räucherungen mit einer heißen Kohlenpfanne vor. Lauter krudes Zeug, das jedoch verhindert hat, dass sie in der Hölle des Lagers den Verstand und den Mut verliert. Mechanismen zur Abwehr des Bösen, die in der Gegenwart deplaziert wirken.

Wie aus dem Nichts tauchen bei den Erwachsenen um sie herum Erinnerungssplitter von Kinderleichen oder Erniedrigungen im Lager auf. Dieses Phänomen kommt mir aus meiner Familie sehr bekannt vor.

Auch dass die Menschen an ihrer Vergangenheit zerbrechen, kann ich nur zu gut verstehen. Im Roman ist da zum Beispiel der Vater der Protagonistin, der schon als kleiner Junge zu den Partisanen gegangen ist und von den Nazis gefoltert wurde. Er kann das Erlebte nicht verarbeiten und gibt die Gewalt ungefiltert nach außen weiter. Das Stillschweigen, mit dem dieses Thema noch heute behandelt wird, verstärkt sein Trauma noch. Denn die Demütigung geht weiter: in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft wurden die slowenischen Partisanen mit Verbrechern und Verrätern gleichgesetzt.

Lakonisch wird die Sprache der Autorin dann, wenn sie darüber sinniert, dass ihre Landsleute neben Marienfahrtsorten auch Konzentrationslager wie Mauthausen oder Ravensbrück zu ihren Lieblingsausflugszielen küren. Poetisch wird sie dagegen, wenn es um die Beschreibung des Waldes geht, der zu einem Protagonisten in diesem Buch wird. Aber nicht nur.

Haderlap betrachtet das Geschehene zwar mit der Distanz einer Nachgeborenen, ist aber mit den Abgründen ihrer Familie und der slowenischen Gemeinschaft in Kärnten verbunden. Hier einige Beispiele der verdichteten Kraft ihrer Prosa:

Der Krieg ist ein hinterhältiger Menschenfischer. Er hat sein Netz nach den Erwachsenen geworfen und hält sie mit seinen Todesscherben, mit seinem Gedächtnisplunder gefangen. (Seite 92)

***

Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten nicht vergessen zu können. Der Boden, auf dem ich stehe, muss eine unsichtbare Unterseite haben, die vollgesogen ist mit Gewesenem, aus dem ich zu wachsen scheine, auf das ich zurückgeworfen werde. Immer wiederkehrend, verfällt das Land in einen Taumel, in dem es eine Geschichte beschwört, die nichts anderes ist, als ein Rechtfertigungsphantom, mit dem es sich auf der richtigen Seite wähnt. Alle, die unter die Räder des Nationalsozialismus gekommen sind, bleiben aus diesem Selbstbild ausgeschlossen. (Seite 275)

***

Großmutter schneidet von einem Laib Brot, der ihr gereicht wird, ein kleines Stück ab. Sie reicht mir einen Bissen und sagt, mit dem Brot habe sie ein Stück Ewigkeit abgeschnitten, am Brot werden wir uns im Jenseits erkennen, am Brot, das wir bei den Totenwachen verzehren. Ich bezweifle, ob ich von diesem Brot essen möchte, weil mich die Vorstellung, den Toten im Jenseits zu begegnen, ängstigt. Den Bissen nehme ich rasch aus dem Mund und stecke ihn in meine Jackentasche. (Seite 106)

Preisträgerin

2011 hat Maja Haderlap mit ‚Engel des Vergessens‘ in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Was daraufhin in einigen Feuilletons verlautbart wurde, wundert mich nicht, macht mich aber relativ ratlos.

Es ist offenkundig, dass die Niederschrift ein Akt der Befreiung war, und als Leser daran teilzunehmen ist ein ambivalentes Erlebnis, schreibt Ulrich Greiner in der ZEIT. Er bemerkt, dass das Präsens, in dem das Buch durchgängig verfasst ist, zwar ‚plastische Szenen einer archaischen Landschaft und des bäuerlichen Lebens‘ stimmungsvoll darstellen könne, jedoch ungeeignet sei ‚für die Inszenierung eines historischen Raums, um den es hier hauptsächlich geht. Wo alles Gegenwart ist, entsteht kein Bogen, der die Tiefe der Zeit überspannen könnte.‘  Er schließt mit den Worten:
Ihr den Klagenfurter Bachmann-Preis zuzuerkennen, war eine noble Geste, denn Haderlaps Anstrengung richtet sich auf ein einziges Thema: Gerechtigkeit für die Slowenen.

Allein die Vokabel noble Geste zeugt von einer immensen Überheblichkeit gegenüber der Autorin und ihrem Werk. Als ob dieser Roman nicht für sich stehen könnte, sondern den Preis nur aus Gnade erhalten hätte. Als Annerkennung für die historische Leistung nicht für die literarische. Auf mich wirkt diese Deutung eher wie eine weitere Distanzierung und Verleugnung. Aber ich sehe es vielleicht auch bloß gefärbt durch meine eigene Minderheitenbrille.

Meine Idee ist, dass Roman unter anderem im Präsens geschrieben wurde, weil die alten Geschichten bis in die Jetztzeit ausstrahlen. Der Vater gibt seine Traumatisierung an die Tochter weiter, die Großmutter füllt sie mit ihren Erzählungen von Verlust und Tod. Das Kind trägt die Gedanken an den Tod in sich, Ängste und Scham sind ihre ständigen Begleiter. Das Mädchen bildet das Gefäß, den Resonanzraum für das Unverarbeitete und die Erlebnisse, die über den menschlichen Verstand gehen.

In einer anderen Rezension wird die Zerstückelung, die Bruchstückhaftigkeit des Erzählten kritisiert, die an einer Stelle in einem Herunterleiern von Namen und Momentaufnahmen gipfelt. Die Rezensionsschreiberin hat sich womöglich noch nie mit Traumatisierten unterhalten und nie ihrem teilnahmslosen Herunterbeten von Namen, Geschehnissen und Orten gelauscht. Ich finde diese Erzählweise gut beobachtet und meisterhaft wiedergegeben.

Die Autorin selbst bezeichnet ihr Werk als ‚…eine Art literarische Geisteraustreibung, die neurotische Aufladungen durch eine klare Sprache entlasten sollen.‘

Parallelen

Beim Lesen erkenne ich auf jeder Seite Parallelen zu meiner eigenen Situation. Zwar handelt es sich um ein anderes Land, eine andere Minderheit aber ich sehe Mechanismen, die auch bei unserer Volksgruppe zum Tragen kommen: die weitergegebenen Traumata und deren Auswirkungen und das Verschwiegenwerden im öffentlichen Diskurs. Und womöglich bestärken sich diese beiden Aspekte sogar noch. Etwas, das unterschwellig schwelt, nicht abgeschlossen ist, arbeitet in den Seelen der Nachkommen weiter. Solche Wunden heilen nicht so leicht.

In Szene gesetzt

Für das Akademietheater in Klagenfurt hat Maja Haderlap, die dort früher als Chefdramaturgin tätig war, gemeinsam mit dem Regisseur Georg Schmiedleitner eine Bühnenfassung dieses Erinnerungsromans erarbeitet, die 2015 aufgeführt wurde. Allein das Bühnenbild ist sehr eindrucksvoll. Wer weiß, obs in ein Theater in unserer Nähe kommt, ich hätte gern gesehen, wie sie das alles umgesetzt hat.

© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
© Bild: APA/burgtheater/Georg Soulek
 „Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater
„Engel des Vergessens“ im Akademietheater in Wien. © Georg Soulek Burgtheater

Hier ist eine kurze Doku vom ORF über das Stück, das Museum der Partisanen in Kärnten und O-Tönen der Autorin_

‚Dass dieser Widerstand der Kärntner Slowenen nicht in die Öffentlichkeit geraten ist, […] hat Verdrängungskraft der österreichischen Gesellschaft zu tun,‘ sagt Maja Haderlap in dem Interview, ‚Die Volksgruppe hat man völlig ausgeblendet.‘

Fazit: Es ist sicherlich kein leichtes und angenehmes Thema. Keine Urlaubslektüre, um sich auf einen sorglosen Aufenthalt auf grünen Auen und schroffen Bergwelten vorzubereiten. Denn dort lauern überall Abgründe.

Engel des Vergessens, Maja Haderlap, btb Verlag 2013
ISBN: 978-3-442-7442-74476-3

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Treppenhausfluchten

Die im Treppenhaus abgestellten Dinge sind zu entfernen, sie sind aufgrund von Brandgefahr und der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ein Mal im Jahr schreibt die Hausverwaltung diese Aufforderung, das Zeug im Treppenhaus betreffend.

Das Treppenhaus ist aufgrund der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ungelogen. Das steht wirklich so da. Aufgrund von Freihaltung freizuhalten. Leider kann ich nicht entgegnen: Dieses Schreiben ist aufgrund von unschöner Sprache als gegenstandslos zu betrachten.

Jedes Jahr um diese Zeit stellen wir das Schuhregal in die Wohnung, bringen die Stöcke und die Kreide, die Eimer mit Ostsee-Steinen, Rollschuhe und Roller und alles was sich angesammelt hat, raus oder hoch auf den Dachboden. Und nach einer bis zwei Wochen wandert alles wieder an den Platz neben der Haustür. Zuerst die Schuhe, danach die gesammelten Dinge, die nicht in die Wohnung gehören. Bis zur nächsten Aufforderung, die Fluchtwege freizuhalten.

Was wissen die schon von Fluchtwegen? Auf welchen Wegen sind sie denn schon geflohen?

Ich sollte ihnen entgegnen: es ist ein für alle Mal vorbei mit Flucht und Vertreibung. Von Ost nach West, von West nach Ost. Ein ewiges hin und her. Aus, Schluss, vorbei!

Alle Koffer sind doch schon ausgepackt und verstaut, oben auf dem Schrank oder unter dem Bett. Koffer, die höchstens hervorgeholt werden sollen, wenn es auf Urlaub geht, ab in den sonnigen Süden oder in den windigen Norden.

Ich sollte Ihnen entgegnen: Fluchtwege dürfen nicht freigehalten werden. Das Haus muss die Menschen festhalten dürfen, schreien, geh nicht, bleib hier, verlass mich nicht. Ein Haus verliert nichts gern. Am wenigsten seine Bewohner. Denn dann steht es ohne seine Bestimmung da. Also hört es nicht auf, zu wiederholen: Setz deinen Fuß zurück auf meine Dielen, setz dich aufs Sofa, an den Küchentisch und verharre da. Du gehörst zu mir, wie dein Name an der Tür.

Eigentlich muss uns die Hausverwaltung noch dankbar sein. Denn es sind doch alles Fluchtverhinderer da draußen im Flur. All die Gegenstände, die wir anhäufen, verhindern unser Fliehen, weil wir sie nicht mitnehmen können.

Wie viel Leben passt schon in einen Koffer? Wie viel Leben kannst du mitnehmen auf der Flucht treppab, fernab vom heimischen Herd. Ein paar Schuhe. Die Kleidung am Leib. Einige Fotos und etwas das dir heilig ist. Etwas Proviant. Sonst nichts.

Aber so werde ich heute das Regal mit den Schuhen, die Kreide und die Ostseesteine entfernen und warten, bis die Verwaltung ihre Objektbegehung hinter sich gebracht hat.

Im Nebel tappen – Ein Buch über Kriegsenkel

Meine Urlaubslektüre war diesmal: Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte, herausgegeben von Michael Schneider und Joachim Süss.

Die Sammlung enthält Texte von dreiundzwanzig Autoren und Autorinnen, darunter Alexandra Senfft, Anne-Ev Ustorf, Merle Hilbk, Bettina Alberti und vielen mehr. Entstanden ist dieses Buch nach einer Vortragsreihe, die in den Jahren 2013/2014 in Hamburg lief. Ich meine, ich hätte damals sogar die Plakate gesehen, konnte aber nicht hin. Wie das so ist.

Die zweiundzwanzig Beiträge sind zweiundzwanzig Spiegel. So andersartig sie sind, so behandeln sie doch alle möglichen Formen von Weitergabe an die nachfolgenden Generationen. Es ist die Rede von unterschwelligen Belastungen, die diese daran gehindert haben, ihren Weg zu gehen, durchzustarten. Von einem Zustand, der nicht greifbar ist, wie ein Nebel, von dem eine leise Bedrohung ausgeht.

Foto: Moritz Pendzich
Foto: Moritz Pendzich

Die Beiträge sind unterschiedlich gewichtet und von unterschiedlicher Qualität. Sie nähern sich aus rein persönlichen Blickwinkeln oder aus der distanzierten, wissenschaftlichen Betrachtung dem Thema an. In einigen taucht Kritik über den Sammelbegriff „Kriegsenkel“ auf, der häufig als handliche Vokabel eingesetzt wird, jedoch zu allgemein ist, um individuelle Befindlichkeiten zu verorten. So bewertet Ulrike Pohl, die sich in ihrem Text viel mit Abwehrmechanismen beschäftigt, den Generationenbegriff als zu allgemein:

Es ist ein immenser Unterschied, ob jemand Kleinkind, Mitglied der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel war, Kind von überzeugten Nazis oder als jüdisches Kind verfolgt wurde. War Anne Frank ein Kriegskind? Kinder auf dem Land waren oft weit weniger Gefahren ausgesetzt und besser mit Nahrung versorgt als Kinder in bombardierten Städten.“ Seite 178
Sie führt aus, dass in diesem Zusammenhang selten über die Faszination für die Hitlersche Ideologie gesprochen wird. Von Nächten im Bombenkeller, von Flucht, von Hunger, das ja. Es würde oft die eigene Opferrolle betont, weniger das eigene Mitläufertum oder das der Eltern. Hier würden starke Abwehrmechanismen weitergegeben werden, die noch bei den Enkeln greifen.

Gabriele Lorenz-Rogler gibt Teile ihres Interviews mit Eugen Drewermann wieder. Auch er ist Pauschalisierungen gegenüber skeptisch, räumt allerdings ein, dass es in einzelnen Fällen durchaus eine Weitergabe von Traumata gegeben haben mag. Seiner Meinung nach kann es jedoch nicht angehen, dass dieser eine Aspekt der Übertragung allein für die Lage einer ganzen Generation verantwortlich ist. Die jeweilige Familienkonstellation, die Entwicklung nach ’68 und der Druck der multioptionalen Welt, in der alle alles erreichen können dürfen müssen, seien ebenfalls stark für die psychische Gemengelage verantwortlich. Der Begriff Kriegskinder (oder Kriegsenkel) sei seiner Meinung nach zu grob gefasst. Man muss auch hier differenzieren: waren die Eltern so alt, dass sie als Flakhelfer eingesetzt worden sind oder waren sie zu klein, um die Ideologie zu aufzunehmen oder waren sie Vertriebene? Das alles führt zu anderen Weichenstellungen für die Psyche. Allerdings hat Drewermann, der 1940 in Bergkamen geboren wurde, als Kind selbst Flächenbombardements in seiner Siedlung erlebt und überlebt. Er würde somit in die Kategorie der Kriegskinder fallen. In einem anderen Interview beschreibt er seine Erlebnisse mit einer für diese Gruppe typischen, emotionslosen und gleichbleibenden Stimme: „Das letzte Haus, das stehen blieb, war das meiner Eltern, das Haus Nummer 5. Das ich noch lebe, ist reiner Zufall.“ und „In der Nähe des Todes habe ich das Leben erlernt.“
Eventuell ist sein Unverständnis denjenigen gegenüber, die sich vor Schwierigkeiten sehen, weil sie an den Altlasten der Kriegskinder zu tragen haben typisch für seine Generation. Obwohl er sagt ja lediglich, dass nicht alle gleich betroffen sein müssen.

Wenn ich die anderen Kapitel des Buches lese, offenbart sich mir ein deutliches Bild. Auch wenn Monokausalität eine Falle ist, lässt es sich nicht leugnen, dass der Krieg noch Jahrzehnte später seine Spuren in den Seelen hinterlassen hat. Irgendwo in dem Buch stehen Zahlen: 8-10 Prozent der deutschen Rentner*innen leiden an psychischen Störungen, weitere 25% klagen über leichtere psychosomatische Störungen.

In der Schweiz, ohne diese Erlebnisse, sind es 0,7 Prozent in der gleichen Altersgruppe.

Mag sein, dass nicht alle traumatisiert waren. Mag sein, dass nicht alle etwas weitergegeben haben. Aber je stärker etwas verschwiegen und verdrängt wird, desto heftiger will es ans Licht.

Für die meisten Autor*innen dieses Buches steht außer Zweifel, dass die Erlebnisse der Vorfahren einen Schatten auf unsere Gegenwart werfen. Dieses Zögern, diese diffusen Ängste, über die spätere Generationen klagen, lassen sich aber nur schwer greifen. So beschreibt die Filmemacherin Daniela Schiffer, wie ihr die Interviewpartner wegbrechen, als sie eine Dokumentation über diese Generation machen will. Wie sich alles entzieht, wie Dinge nicht zustande kommen und wie sie von eigenen Blockaden befallen wird, die sie bei anderen Themen nicht kennt. Letztendlich geht es in ihrem Beitrag darum, wie das Projekt bereits während der Vorbereitungen an nebulösen Hemmnissen und dem unverbindlichen Verhalten der Interviewpartner scheitert.

In diesem Nebel, in diesem diffusen und nicht greifbaren Erleben, treffen sich die Kriegsenkel letztendlich doch. Es gibt dieses Gemeinsame. So schreibt sie:

Ich erzähle einem Freund, dass ich manchmal Angst kriege, einfach so, als könne gleich was schief gehen. Ich nenne das dann Gewittertierchen-Stimmung. Er kann sofort etwas damit anfangen. Es gehe ihm genauso. S. 184

Mir kommt dieser Zustand auch bekannt vor. Das erkenne ich aber mit anderen Aspekten kann ich weniger anfangen. In vielen Beiträgen hiesiger Kriegsenkel wird Atmosphäre in den Familien oft als nicht lebendig und kalt beschrieben. Es gehe nur darum, zu funktionieren, ein Austausch auf der Gefühlsebene würde fehlen. Bei Russlanddeutschen ist es meistens umgekehrt, denn sie sind anders sozialisiert. Die schwarze Pädagogik hatte zwar ihre Parallelen im frühen sozialistischen System, wo alle Familienbande zerrissen werden sollten. Aber entweder hat es bei den Minderheiten nicht funktioniert oder die Deutschen haben so stark zusammengehalten und ihre alten Traditionen gepflegt, dass sie davon nicht berührt wurden. Diese Kälte gibt es nicht. An der Tagesordnung sind hier eher Grenzüberschreitungen, übereifriges Bemuttern und so starke Familienbande, die kaum eine Individualität oder ein Ausscheren aus dem Gewohnten zulassen.

Meine Familie ist nicht von nur von Bomben, sondern von Vertreibung und der Verachtung durch die Siegernation geprägt, die uns, den Paria, den angeblichen Faschisten im Siegerland entgegengebracht wurde.

Ein Teil meiner Vorfahren waren quasi Arbeitssklaven ohne Rechte. Diese Sklavenmentalität einerseits und das Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein, andererseits haben mich in meinem Leben oft begleitet.

Euch geht es zu gut…Wir haben das so weggesteckt.
Das sind Sätze einer im Krieg Geborenen zu ihrer Tochter und sie bringen den Generationenkonflikt zwischen denen, die als Kinder Krieg und Trümmer erleben mussten und deren Nachkommen auf den Punkt.

Ja, es stimmt. Es ist uns nie so gut gegangen. Wir hatten nie so lange Friedenszeiten erlebt, noch nie so viele Möglichkeiten gehabt, etwas aus unserem Leben zu machen. Warum also das Gejammere? Das auf der Bremse stehen? Das im Dunkeln tappen?  Weil wir es uns leisten können.
Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Gerade deswegen kommen die Chimären der Vergangenheit aus ihren Löchern gekrochen. Weil wir uns nicht ums reine Überleben kümmern müssen, um den Existenzkampf und darum, das Trauma möglichst weit weg von uns zu halten, um zu funktionieren. Wir können es uns leisten, hinzusehen. Können uns den subtilen Energien zuwenden, die unsere Psyche formen und verformen und in die physische Welt hineinwirken.

Was bleibt, sind schwierige Lebensentwürfe. Wobei die Betonung nicht auf schwierig liegt, sondern auf Entwurf. Alles ist provisorisch und unfertig. Im besten Fall ist das Leben im Fluss, im schlimmsten eine hektische Flucht. Einmal auf der Flucht immer auf der Flucht, hat mal ein Psychotherapeut in diesem Zusammenhang gesagt.

Clint Eastwood hat die Thematik sehr plakativ zusammengefasst: Mangelnder Durchsetzungswille und fehlendes Vorwärtsstreben gleich pussy generation. Hoffentlich hat der Altmeister der Cowboys seinen eigenen Sohn so abgerichtet, dass er all diese männlichen Tugenden vorweisen kann.

Die Erlebnisgeneration, die den Schrecken auf der eigenen Haut erfahren hat, mag sich darüber aufregen, dass die jungen nichts wegstecken können, dass sie wegen jedem Kinkerlitzchen jammern und klagen. Sie selbst durften ja nicht. Bloß kein Hinterfragen, keine Zweifel oder Gefühle zulassen.

Die Deutschen aus Russland haben genug Traumata erlebt, es gibt kaum eine Familie ohne Deportationserfahrungen und ohne einen Verwandten, der im Lager oder in der Arbeitsarmee gewesen ist. Auch hier war das Erlebte lange Zeit mit Schweigeverboten belegt. Allerdings kam dieses Verbot von außen nicht von innen. Sie durften ihrer Opfer nicht öffentlich gedenken, es wurde nicht über das Alte gesprochen. Alles Deutsche war eh verboten. Also haben sie geschwiegen, zum einen weil das Erlebte unsagbar war, aber auch weil es ein Tabu gab, sich mit psychologischen Untiefen zu befassen. Nach dem Motto: bei uns gibt es sowas nicht.

Es ist eine andere Art von Nebel. Aber ebenso schwer zu fassen und undurchsichtig.

Merle Hilbk, die mit einem Text hier vertreten ist und auch das Buch „Sibirskij Punk“ geschrieben hat, ist eine Nachfahrin von Wolgadeutschen, so kommt auch diese Gruppe in der Sammlung „Nebelkinder“ vor. Aber auch mit den Schicksalen von Flüchtlingskindern aus dem Sudetenland oder aus Schlesien können wir unsere eigenen Erfahrungen vergleichen und sagen, so ähnlich geht es uns auch. Wir erkennen uns in Themen wie Heimatverlust und schwierigen Eingliederungsprozessen. Wir können uns zwischen den Zeilen ansiedeln. Das ist allemal gemütlicher als immer nur unter den Teppich gekehrt werden.

Ich möchte hier nicht alle Beiträge kommentieren, sie sind bereichernd und erhellend auf ihre Weise, gerade in ihrer Widersprüchlichkeit. Ein Punkt noch: spannend war der Ausflug auf die andere Seite der Neiße. Roswitha Schieb zum Beispiel berichtet über die zweite Generation der Vertriebenen in Polen und über den Diskurs zum Thema Kriegsenkel und transgenerationale Übergabe in der polnischen Öffentlichkeit. Sie schildert die Perspektive derjenigen Repatrianten, die aus einer kulturell regen Stadt wie Lemberg in ein verschlafenes Nest in der schlesischen Provinz wie Gleiwitz zwangsumgesiedelt wurden. Sie geht auf ihre Wahrnehmung von Heimat ein und ihre musikalische oder literarische Annäherung an die Vergangenheit von Orten wie Breslau, die ja eine deutsche Geschichte haben.

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Michael Schneider, Joachim Süss (Hrsg.:)
Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte
Europa Verlag München, 1. Auflage 2015,
gebunden, 384 Seiten, ISBN: 978-3-944305-91-2, EUR 19,99

Unvereinbarkeiten

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Schützengraben im zweiten Weltkrieg.

In mir geht der Kriegsschauplatz weiter. Ich fühle mich manchmal wie zwischen zwei Frontlinien. Zwischen zwei Gräben. Angefüllt mit Schlamm. Soviel Hass auf beiden Seiten. Die eine hat die andere vernichtend geschlagen. Die andere hats geflissentlich versucht.

Mein Onkel mütterlicherseits ist im Krieg verschollen. Als Soldat der russischen Armee. Wir wissen nicht, wie er gefallen ist. Vielleicht ist er angeschossen oder in die Luft gesprengt worden, von jemandem, dessen Enkeln ich heute die Hand gebe. Vielleicht, nein wahrscheinlich hat er deutsche Soldaten umgebracht. Den Verwandten all dieser Männer begegne ich heute auf der Straße, sitze mit ihnen ins Kino oder in der S-Bahn. Treffe sie auf dem Schulhof meiner Tochter.

Und auf der anderen Seite? Mein deutscher Großvater ist in den letzten Kriegsmonaten zunächst in die SS und dann in die Wehrmacht verpflichtet worden. Was hat er gesehen? Was mitgemacht als Fahrer eines Generals?

Nicht nur, dass zwei Seelen ach in meiner Brust wohnen. Es sind zwei Soldaten, die sich feindlich gegenüberstehen. Und die Demarkationslinie geht mitten durch mich hindurch. Mein Leben als Kriegsschauplatz? Jede Handlung ein militärischer Einsatz. Jedes noch so kleine Vermasseln ein abgebranntes Haus, eine vernichtete Batallion, eine verlorene Schlacht. Ich habe nie ein Schlachtfeld betreten. Wie kann ich so etwas behaupten?

Dennoch. Da geht ein Riss durch mich hindurch, nicht ein bloßer Culture Clash. Culture Clash – das klingt lustig, nach Abenteuerurlaub im Club, nach Karma-Chameleon und dem Surfen auf einer großen Welle. Aber in mir sind diese feindlichen Linien, die aufeinander treffen, miteinander verschmolzen zu einem Wesen. Mir wird bewusst, wie unmöglich dieser Gedanke eigentlich ist. Und doch lebe ich. Atme. Und ich bin nicht die Einzige.
Frag andere Kinder von verfeindeten Nationen, wie sie sich fühlen. Wenn der Vater Tutsi ist und die Mutter eine Hootu. Frag den Sohn einer Palästinenserin und eines Israeli. Was würden sie wohl dazu erzählen?

Bei alldem haben die beiden Völker, von denen ich abstamme, trotz diverser Kriegshandlungen und Kriegshändel viele Gemeinsamkeiten. Den Enthusiasmus und die Sentimentalität, die romantische Ader, auf andere Weise ausgelebt. Und natürlich: die Melancholie. Auch hier ist sie unterschiedlich gefärbt, aber es gibt sie – auf beiden Seiten. Die jahrhundertelangen Handelserfahrungen und den Kulturaustausch nicht zu vergessen. jedes Jahr tritt der Donkosakenchor in meiner Stadt auf – jedes Jahr schaffe ich es nicht, ihn mir anzuhören.

Ich lese, ich verschlinge Berichte, ich tauche ein in die Kriegserzählungen von Soldatinnen, Flakschützinnen und Partisaninnen (die weibliche Form davon klingt seltsam, auf russisch nicht: Partisanka). Da ist eine die erzählt, wie die Dorfbewohner und ihre eigene Mutter als lebende Schutzschilde übers Feld getrieben werden. Dahinter die faschistischen Soldaten. Sie treiben sie mit Gewehrschüssen vor sich her und die Partisanen schießen. Natürlich. Die Lage schient alternativlos. Aber diese Frau hat ihre Mutter damals nicht getroffen. Sie wurde von den anderen erschossen – von den Faschisten.

Ich sehe die kaputten Menschen auf den Straßen. Wie gestern den Mann der etwas über NS-Brüder skandiert, jedem Passanten ins Gesicht schreit, dass wir es uns bequem gemacht hätten in unserer faschistischen Kinderwiege. Ein sich lautstark empörender Mann mit vielen Plastiktüten und einem Rauschebart. Ganz außer sich. Ich denke dann, diese armen Irren, sie tragen eine große Last, zu groß, als dass sie sie schultern könnten. Und doch sprechen sie die Wahrheit. Schreien ihre Wahrheit in die Welt hinaus.

Einige Tage nachdem ich das Buch von Swetlana Alexijewitsch anfange, lautet der Spruch auf meinem Yogi-Teebeutel:

Vergib dem Vergangenen, erleb‘ einen wunderschönen Morgen.

Wenn das nur so einfach wäre. Er klingt nach Heilverheißung und Glück: alte Wunden heilen lassen, die Seiten miteinander versöhnen. Wie kann das gelingen, wenn der Riss mitten durch einen durch geht?

Aber ich schließe für heute mit einer versöhnlichen Geschichte:
Vaters Familie hat die beiden Hungerwinter 1946/1947 unter Kommandotur verbracht. In der sibirischen Verbannung, mit nichts als den eigenen Kleidern am Leib. Einer seiner Brüder war damals sieben oder acht und ging in die erste Klasse einer Schule, die auch russische Schüler besuchten.

Der kleine Deutsche hat sich mit einem russischen Kind angefreundet, dem Sohn eines Bäckers. Und dieser Bäcker hat seinem Sohn jeden Tag einen Laib Brot mitgegeben für seinen deutschen Freund. Die anderen Geschwister haben nach der Schule ungeduldig auf den kleinen Bruder gewartet und dieses Brot wie eine Trophäe nach Hause getragen. Abwechselnd. Diese Geste eines Unbekannten hat sie gerettet.

Auch solche Zeichen der Versöhnung hat es gegeben. Es sind diese kleine Geschichten, die sich wie Nähte über die klaffenden Wunden legen. Wie wacklige Bretter über den reißenden Fluss aus Hass und Gewalt.

Wir brauchen mehr davon.

Viele Blickwinkel, ein Buch

Der neue Almanach ist da. Seit zwanzig Jahren existiert der Literaturkreis der Deutschen aus Russland bereits. Und wie fast jedes Jahr erscheint auch 2015 ein Jahrbuch mit ausgesuchten Werken –  Dichtung wie Prosa. Bei der diesjährigen Buchmesse in Leipzig hat der neue Herausgeber der russland-deutschen Literaturblätter Artur Böpple den Almanach vorgestellt. Es gab einen Stand und auch eine Lesung. „Der Saal war auch recht voll, wohl wegen dem recht bekannten Politjournalisten, der an dem Tag auch gelesen hat,“ flachst der Autor. Das ist jetzt zwar kein britisches, sondern das Understatement von Leuten, die im 18.  Jahrhundert in weite Steppen ein- und 250 Jahre später wieder zurückgewandert sind, mit dem ganzen Paket, was dazwischen liegt. Denn die Autoren dieses Buches haben volle Säle verdient.

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Almanach-Vorstellung auf der Leipziger Buchmesse

Das ist schon der zweite dieser Bände, der mir vor die Brille kommt, hier sind weitere Infos auf der Seite des Literaturkreises. Doch anders als der Titel Fremde Heimat Deutschland? suggeriert, haben nicht alle Beiträge mit zwischenkulturellen Belangen, mit Geschichte und Verbannung zu tun, aber doch sehr viele. Ein Autor spricht über transgenerationale Weitergabe und ein anderer liefert einen amüsanten anthroposophischen Einblick in die Mentalität unterschiedlicher Aussiedler-Generationen. Bissig und treffend. Ich wünschte, dieser Edgar Seibel würde einen Vortrag halten über das Thema, am liebsten hier in der Gegend…

Was mir auch auffällt, es ist viel von Flüssen die Rede, die Donau kommt vor und der Dnjepr, der Rhein und die Wolga. Sie sind die Lebensadern in so manch einer Erzählung. Und natürlich tauchen Familienkonstellationen und Familiengeschichten auf, Omas – Enkel, Schwestern – Mütter. Aber warum natürlich? Nur weils Russlanddeutsche sind? Vorsicht, Vorurteil!

Einige der Texte sind ganz losgelöst von dem Thema Migration und Deportation, Leid und Unrecht. Diesmal gibt es sogar eine eigene Abteilung – hinten zwischen Nachrufen, Rezensionen und Interviews, aber noch vor den Kurzlebensläufen stehen die Integrations- und Zeitzeugenberichte. Sie haben ihren berechtigten Platz, aber sie dominieren nicht die Welt der Autoren. Es gibt Raum für anderes.

Insgesamt sind über ein Dutzend Autoren dabei, darunter welche, die vor Siebzig Jahren geboren sind und auch solche, die gerade mal Mitte zwanzig sind.

Ich bin nun mein Leben lang Aussiedlerin (seit 35 Jahren bewusst) und begreife erst jetzt so langsam, wie viele Kunst- und Theaterschaffende, wie viele Erzählerinnen, Verdichter und Sprachakrobaten es unter meinen Landsleuten gibt. Ach, ich merke einfach, wie wenig ich noch weiß, von dem Leben der Deutschen in Russland, und auch von dem der Aussiedler hier, die zehn, zwanzig Jahre nach uns gekommen sind und nicht mehr mit ganz so offenen Armen empfangen wurden.

Naja, kein Wunder, wenn man nicht in der Landsmannschaft oder im Literaturkreis organisiert ist, können Neuerscheinungen schon mal an einem vorübergehen – werden ja nicht groß besprochen, weder in der Literaturbeilage der Zeit noch in den Broschüren der großen Verlage. Oder bei meinen sonstigen Quellen für neue Bücher. Sehr zu unrecht, denn es sind gute Sachen.

Ich kann nicht alle besprechen, es ist ein schöner Strauß an Prosatexten und Lyrik entstanden und wenn ich jetzt hier jemanden hervorhebe, dann vielleicht weils zufällig die Themen betrifft, die mich umtreiben. Zum Beispiel das REQUIEM von Anna Achmatowa, das Wendelin Mangold nicht nur frei übersetzt, sondern sehr souverän nachgedichtet hat. Es geht um die Jeshowstschina, die grauenvolle Zeit von 1936 bis 1938. Beeindruckend. Ich finde auch ein Detail, das ich noch nicht kannte: die Autos, mit denen der NKWD seine Opfer abgeholt hat nannte man im Volksmund „schwarzer Rabe“ oder „schwarze Marusja“. Das passt zu einer Kurzgeschichte, an der ich gerade arbeite… Ein Geschenk, eine weitere kleine Scherbe bei meiner Spurensuche.

Ich habe etwas erfahren über Viktor Heinz, der bei meiner Suche schon mal als Autor eines Bches über Dialekte aufgetaucht war und zu dem ich jetzt konkrete Texte, Hintergründe und auch ein Bild habe. Hier ist eine akustische Kostprobe, sein Text ‚Der neue Pygmalion‘, gelesen von Carola Jürchott.

Jetzt habe ich also neues Futter, eine Liste, die ich abarbeiten kann, lauter Bücher und Lebensläufe – ich glaube es wird Zeit für eine eigene Literatur-Rubrik hier auf diesem blog…

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Fremde Heimat Deutschland?
‚Literaturblätter der Deutschen aus Russland‘ – Almanach 2014
Artur Böpple (Hg.)
Paperback, 14 x 21 cm, ca. 344 S., 14,90 €
ISBN 978-3-943583-53-3

Es ist im Anthea Verlag erschienen, hier der Kauflink bei Ama***
Und über die Seite des Literaturkreises kann man das Buch auch beziehen.

Wie ein Stein im Wasser

Seelische Trümmer: der Zweite Weltkrieg in der Familienbiografie
Vortrag von Monika Richter, am 11.11.2014

Dieses Thema lässt mich nicht los. Wie denn auch. Vorgestern war dieser Vortrag in einem Kirchenzentrum hier in der Nähe und ich bin mit einer Freundin hin.

Die Referentin wirft viele Fragen auf und stellte Bezüge her. Und die Frage, die über allem schwebt: Können Sie sich vorstellen, dass unser Leben heute noch immer vom II WK beeinflußt wird?

Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Die einen sehen das Wasser spritzen. Die nachkommenden Generationen spüren die Bewegung des Wassers, nehmen diffus wahr, dass da etwas sein muss und können es oft nicht einordnen, weil geschwiegen wurde. Über das Schweigen in den Familien wurde nach dem Vortrag auch viel gesprochen.

Sogar in unserem Wortschatz finden sich immer noch Vokabeln, die aus der Kriegszeit herrühren: Wir sagen „Bombenwetter“, etwas „bunkern“, oder ganz makaber: „bis zur Vergasung etwas üben“.

Im Vortrag geht es oft darum, was Kinder damals im Krieg alles gesehen haben. Was wurde in den Augen der Erwachsenen gespiegelt? Welches Leid und welche Gräueltaten haben sie mitbekommen? Wolfskinder. Flüchtlingskinder. Kinder in Schutzbunkern.

Heute versuchen wir, schlimme Nachrichten und Horrorfilme von unseren Kindern fernzuhalten. Es gibt ein FSK für alle Filme. Ich bin dagegen, dass meine Tochter mit acht Harry Potter Filme schaut. Aber vor siebzig Jahren haben die Kleinsten den Horror live erlebt, da hat keiner gesagt, schau nicht hin. Höchstens hinterher: Du hast nichts gesehen, hast du verstanden. Es ist nichts passiert. Die Erwachsenen waren nicht in der Lage, sich zu schützen, wie sollten sie ein Kind schützen?

Monika Richter weist auf den Unterschied zwischen bewusstem und unbewusstem Erinnern hin und  zeigt mögliche Zusammenhänge auf, zwischen unserem Verhalten jetzt und dem Leben damals. Wie wichtig Schuhe waren. Etwas, das für uns selbstverständlich ist. Woraus alles Schuhe gemacht wurden, aus Maisstroh, aus Zeitungspapier mit Gummisohle aus Reifen. Wie sich Einschnitte, wie der Hungerwinter ’46/’47 nach dem Krieg immer noch auswirken.

Quelle: In Darkest Germany, table 39.
Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh! Kinder im Jahr 1946

Flucht. Wieder Füße, wieder Schuhe. Vielleicht haben sie auf der Flucht keine vernünftigen Schuhe gehabt? Vielleicht haben sie an den Füßen Verletzungen davongetragen. Flucht und Füße stehen in einem starken somatischen Zusammenhang. Wir sagen ganz lapidar Schuhtick, fragen uns aber nie, warum Leute wie aus einem Impuls heraus Schuhe kaufen und, wieder dieses Wort, „bunkern“. Wie die Geschichte von dem Mann, bei dem nach dessen Tod 30 Paar fabrikneuer und nie benutzter Schuhe im Keller gefunden wurden. Durch die Lagerung nicht mehr brauchbar geworden. Er hat seinem Sohn zu Lebzeiten immer gesagt: Pass auf deine Schuhe auf! Schuhe sind wichtig. Und selbst trug er nur ein einziges Paar, bis es auseinanderfiel. Wenn man seine Geschichte kennt, versteht man vielleicht eher. Bloß, geredet wurde nicht. Das Geschehene drückt sich unwillkürlich in seltsamen Verhaltensweisen aus. Wie Wellen, die von einem Steinwurf ausgelöst wurden. Eine Mutter, die nie in den Keller gehen mag und immer ihr kleine Tochter schickt. Der Drang nach Perfektion, weil der kleinste Fehler den Tod bedeuten kann. Gerüche, Geräusche, Bilder, die das Erlebte heraufholen. Der bloße Gedanke an Kriegsessen, an Steckrübeneintopf, der zu Übelkeit und Magenschmerzen führen kann. Und über Generationen verbreitet: es wird nichts weggeworfen. Schon gar nicht Nahrungsmittel. Oder das Gegenteil, es wird alles wie manisch aussortiert, reduziert. Man will sich nicht mit Dingen belasten, will vorbereitet sein zu neuer Flucht. Allzeit bereit. Wach. Immer nur wach.

Das Publikum ist nicht unbedingt gemischt zu nennen. Nur sehr wenige unter fünfzig, einige der Teilnehmenden haben den Feuersturm auf Hamburg noch selbst erlebt und haben im Anschluss darüber erzählt. Sehr ergreifend.

Und ich gehe mit neuen Impulsen und wertvollen Tipps zur eigenen Suche, zu Büchern und Filmen. In eine friedliche Novembernacht.

 

Weitere Vorträge und Seminare von Frau Richter sind bei der Rubrik Termine zu sehen.

Die Gleichung vom Glück

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Irgendwann hat Olga ganz verlernt, auf die guten Momente zu achten. Hat angefangen, nur die Ärgernisse zu betonen, das was schief läuft zu kolportieren, durchzuhecheln mit Freundinnen, mit Leuten, die es eigentlich gar nicht hören wollten. Flasche im Supermarkt an der Kasse geplatzt. Halb so schlimm. Das Konzert, das ausverkauft war, der Drucker, der wiedermal streikt, wenn die Bewerbung raus soll. Shit happens. Was überhaupt alles kaputtgehen kann und erforderlich macht, dass man sich drum kümmert. Reißverschlüsse, Jalousien, Kühlschränke und gern mal Waschmaschinen. Aber auch Gurte von Taschen und der Rekordmeister: das Fahrrad. Damit ist ständig was. Sie braucht sich nur von Zimmer zu Zimmer zu bewegen und sieht das Unperfekte, Verbogene, Unnütze herausstechen. Der Nupsi vom Wasserkocher, die schöne Teekanne, die jetzt hin ist. Genau. Einhändig, weil irgendwas schnell getan werden musste, hat sie was vom Spülgitter genommen, rausgezerrt und dabei ist ein Topf rausgerutscht und hat die Teekanne mitgerissen. Der Kannenkörper ist unversehrt, aber die Halterung für den Henkel total hinüber. Unwiederbringlich. Falsche Bewegung, zu viel Eile. Und schon ist die Katastrophe passiert. Kleines Pech. Im Gegensatz zum ganz großen Unglück.

Wenn nichts sonst klappt, immerhin hatte sie ihre Teezeremonie am morgen. Gehabt. Jetzt ist das Teetrinken keine entspannte Angelegenheit mehr. Eine andere wäre am selben Tag zum Teehaus Kröger gefahren und hätt sich kurzerhand eine neue Kanne geholt. Aber nicht sie. Nicht Olga. Erst mal leiden. Der Welt zeigen, wie arm sie dran ist. Ach. Deine Teekanne ist kaputt, einmal ein Ohhhh! Für die kleine Olga!

Der Mangel ist ein breites Feld. Da kann man sich so richtig reinwerfen und sich drin verlieren. Sich darin suhlen, wie dieser große schwarze Eber auf dem Bauernhof mit seinen abstehenden Hauern. Bis zu den Knien eingesunken im Matsch, bewegt er sich schwerfällig wankend, grunzend, sinkt ein bei jedem Schritt, den er macht. So wie diese zertrampelte Schlammkuhle sind die Gedanken, die sie sich macht, darüber, was schief läuft, darüber was man nicht hat, was man versäumt hat oder falsch entschieden hat. Sie bilden den Bodensatz in ihrem seelischen Schweinekoben, durch den sie täglich waten muss, um an den Trog zu kommen. Kein Wunder, dass sie am Ende eines Tages immer so erschlagen ist, so viel Schlamm, wie sie immer bewegen muss. Im Kopf. Hirmmasse. Schlammlawine.

Ihr Großvater soll immer gesagt haben, mach dir keine Sorgen wegen dem, was du verlierst. „Genau soviel wie verloren ist, Oljenka,“ hat er immer zu ihr gesagt, „kriegst du auch wieder zurück. Und noch mehr. Wenn dir jemand fünf Rubel klaut, dann passiert kurze Zeit später etwas, ein Zufall, und du bekommst was genau im Wert von diesen fünf Rubeln zurück. Also ein Nachbar bringt ein Huhn, weil beim Schlachten eins über war.“ Schlechtes wird durch Gutes aufgewogen. Das ist wie Minus und Plus. Daran hat der Großvater fest geglaubt. Doch irgendwann hat sie die Rechnung einfach umgedreht: Wenn du zuviel Glück hast, dann kommt irgendwann das dicke Ende.

Und sie war wirklich sehr darauf bedacht, nicht allzu viel Glück zu haben. Nicht wie in dem einen Lied „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, weil sie dann „Heimweh nach dem Traurigsein“ hätt.  Sie würde liebend gern auf  die vielen Mißgeschicke verzichten. Oder weil sie fand, es stünde ihr nicht zu. Das spielte schon eher eine Rolle. Wenn andere so litten, andere vor ihr so gelitten haben, warum sollte ausgerechnet sie glücklich sein dürfen? Aber eigentlich ging es ihr um eine simple gradezu mathematische Gleichung. Es galt, eine Ausgewogenheit zu schaffen, sich mit kleinen Unglücken ein wenig Glück zu erschleichen. Sich das große Glück zu versagen, um echte Katastrophen zu vermeiden. Weil sie fest davon überzeugt war, dass das Pech durch übermäßiges Glück angezogen wird.

Denn wenn du dein Glück offen zur Schau stellst, kann es durchaus geschehen, dass ein paar angeödete Gottheiten auf dich aufmerksam werden und Lust bekommen, ihre grausamen Spielchen mit dir zu treiben. Für sie ist es ein Leichtes, am Rad des Schicksals zu drehen und Schwupp, Bein ab. Oder noch Schlimmeres. Weil du ihnen aufgefallen bist, weil Glück ihnen ins Auge sticht. Also Obacht. Das hat die Mutter auch immer gesagt:„Kind, du darfst niemandem zeigen, wie gut es dir geht, was du Gutes kannst oder hast. Führe nie deinen Stolz oder deine Zufriedenheit spazieren, denn du weißt nicht, wem du alles begegnest.“ Sie bezog sich zwar nicht auf die Fiesigkeit der Götter, sondern auf den Neid ihrer Mitmenschen. Aber die kleine Olga hat sich das auf den Schnurrbart gebunden. Oder hinter die Ohren geschrieben, wie es hier in Deutschland heißt. Glück versteckt man, wie eine dreckige Unterhose. In früheren Sowjetzeiten war das auch wichtig gewesen, überlebenswichtig, als die Mutter selbst Kind war und auch später. Warst du stolz auf eine kleine Wohnung, die du nicht mit sechzehn anderen teilen musstest? Schnell hat jemand dem zuständigen Hauswart was gesteckt und du bist zum Mineralien schöpfen in den hohen Norden gekommen. Ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Gerichtsverfahren.

Diese Zeiten waren längst vorbei. Doch gelernt ist gelernt. Und so geht Olga geduckt durch die Welt, damit sie nicht auffällt, damit niemand sie schief angucken kann. Schön unauffällig bleiben. Das große Glück, nicht für mich. Verzichte dankend.

Außerdem hat sie regelrecht Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Dann macht sie lieber gar nichts, nimmt das was kommt, das was ihr vor die Füße fällt und greift nicht nach Wünschen, nicht nach den Sternen. Falsche Entscheidungen hat es in ihrer Familiengeschichte nämlich schon einige gegeben. Da war die Urgroßmutter, die einem vorbeiziehenden Soldaten nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, so zerlumpt wie er aussah, ein Russe, abgemergelt, sie hat ihm Wasser gegeben, eine Kelle aus dem Bottich gereicht, damit er seinen Durst löschen konnte und dann? Der Soldat ist weitermarschiert, weitergestolpert bis er auf seine Leute traf oder auf die Feinde, auf die Weißen. Aber der kleine Erreger, der ist geblieben, der saß im Wasserbottich und als die Männer vom Feld kamen, als das Abendessen auf dem Tisch stand, hat er sich rausgetraut.

Die schweren Stiefel, die guten, hat der Vater vor der Tür stehen lassen, um die würde er sich morgen früh kümmern. Es wusch sich die Hände an der Tränke, nahm eine Kelle vom kühlen Brunnenwasser und setzte sich an den Tisch. Es war seine Aufgabe, das Brot zu schneiden.

„Gibst du mir das Brot, Mutter?“

„Stellt euch vor, heute war ein Soldat hier,“ die Mutter wickelte das Brot aus dem Tuch und gab es ihm zusammen mit dem Messer, „ein Roter, alle Knöpfe lose an seiner alten zusammengeschusterten Jacke, aber ganz höflich war der, hat Wasser getrunken und sich bedankt. Auf russisch. Spassiba bolshoje, hat er gesagt.“

„Ein Soldat?“, schrie Jakob der Zweitjüngste, „warum war ich nur nicht hier, ich wär mit ihm mitgegangen. Ich will auch kämpfen, Vater, erlauben Sie es mir endlich! Sagen Sie denen, dass ich schon alt genug bin, ich will auch gegen das Unrecht kämpfen.“

„Sei still,“, hat der Vater streng gesagt, „muss ich dich wieder im Kühlkammer einsperren wie beim letzten Mal, als die Soldaten kamen? Andere sperren ihre Töchter ein und ich meinen halbwüchsigen Sohn, weil er so toll aufs Soldatenleben ist.“

„Der hat wohl schon vergessen, dass wir nicht länger hier bleiben“ warf sein älterer Bruder ein, der Karl, “ nach Ostern fahren wir eh alle rüber, nach Amerika. Dort kämpfen auch Rote gegen Weiße, da kann er mitmischen, wenn er noch will.“

„Ja, die Papiere sind schon da“, meinte der Vater, „Onkel Friedrich hat doch geschrieben, sie haben alles vorbereitet für uns, einen Platz ausgesucht, da können wir das neue Haus bauen.“

Die Mutter trug die Suppe auf und sie aßen schweigend. In dieser Nacht ging es dem Vater gar nicht gut. Er hat zu schwitzen angefangen, alles tat ihm weh wie bei einer Grippe. Und am nächsten Tag standen die erdklumpigen Stiefen noch immer an der Vortreppe. Aber keiner kam dazu, sie mal sauber zu machen. Die zwanzigjährige Eugenie, die war schon immer schwächer als die anderen, hat es nach ihm erwischt, dann die Mutter. Die kleineren Geschwister und die älteste, Olga waren die einzigen, die sich nicht angesteckt haben. Einige Tage hohes Fieber, dann der Durchfall. Einer der Kleineren wurde auf dem Klepper aufs Nachbardorf geschickt nach dem Doktor. Als der kam, konnte er schon nichts mehr machen. Der Typhus hatte sie im Griff. Der Karl, der hat überlebt und der Jakob, und die älteren Schwestern auch, aber die Eugenie und der Vater und die Mutter, die sind innerhalb einer Woche gestorben. Und nach Ostern fuhren sie nicht nach Amerika. Dem Onkel musste man schreiben, dass daraus vorerst nichts wird. Die guten Stiefel wollten sie dem Vater mit ins Grab legen, aber Karl, der Älterste nahm sie an sich und mit den Worten, die lass mal, wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt hier.