Ein paar eingeritzte Buchstaben

Zwei unbeholfen eingeritzte Buchstaben auf einem Klappmesser deuten auf ein Geheimnis hin, dem die Protagonistin des Romans „Die Fische von Berlin“ von Eleonora Hummel auf die Spur kommt.

Familie Schmidt lebt in Kasachstan und steht kurz vor der Ausreise nach Deutschland. Ihre jüngste Tochter Alina verbringt viel Zeit mit ihrem Großvater, mit dem sie ein besonderes Band verbindet.

„Was hast du mit dem Großvater zu tuscheln?“ fragte Großmutter mit ihrer erzieherischen Stimme.
„Wir tuscheln nicht. Er erzählt mir von seiner Jugend.“
„Von seiner Jugend gibt’s nichts zu erzählen.“

Doch Alina lässt nicht locker und erfährt nach und nach, was es mit den Fischen von Berlin auf sich hat und welches Familiengeheimnis sich hinter dem Messer verbirgt, das der Großvater stets bei sich trägt. Sie taucht tief in die Odyssee ihrer russlanddeutschen Familie ein. Dabei findet sie ein Fotoalbum auf einem Dachboden und beobachtet, wie sich ihre Schwester von einem Fastmatrosen den Kopf verdrehen lässt.

Berlin: Angler an der Friedrichsgracht. Foto: Rudolph 21.4.1949

Aufreihen von Tatsachen oder künstlerischer Ausdruck?

Eleonora Hummels Romandebüt von 2005 kommt daher wie ein autobiografischer Bericht. Aber anders als viele Bücher der Erinnerungs- und Erlebnisliteratur hat die Autorin ein Werk geschaffen, das eigenständig ist und sich über die reine Erfahrung erhebt.

In einem Interview von 1979 spricht Regisseur Andrej Tarkowskij darüber, welchen Einfluss die Kindheit auf das Leben eines schöpferischen Menschen haben kann. Dass es eine wichtige Erfahrung ist und dass eine intensive Kindheit ausreicht, um Stoff für viele Werke zu bilden. Er sagt aber auch, dass es keine Kunst sei, die Erlebnisse eins zu eins zu erzählen. Sie brauchen ein transformatorisches Moment, eine Verdichtung in der Sprache oder eine Form, die aus der erlebten Geschichte einen Film oder einen Roman macht.

Der Autorin gelingt genau das. Sie benutzt die Familienanekdoten, die sich in den Schicksalen der Deutschen aus Russland in vielen Punkten gleichen und macht etwas daraus, das über das Offensichtliche hinaus geht.

Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Leute sind getrieben, die schweren Schicksale in Worte zu kleiden, damit die Erinnerung nicht verlorengeht. Es ist wie ein innerer Auftrag und diese Autoren und Autorinnen fangen oft mit der Geschichte der eigenen Familie an. Aus der Aneinanderreihung von echten Erlebnissen und Anekdoten entsteht dann häufig nicht mehr als eine ausführliche Familienchronik. Viele dieser Bücher wirken so, als seien sie aus einer Opferhaltung geschrieben, sie verzichten nicht auf ein gewisses Selbstmitleid oder haben einen vorwurfsvollen Ton. Was hier angeklagt wird, das Schicksal oder die ignorante Leserschaft, kann man nicht immer deuten.

Der Roman von Eleonora Hummel steht in angenehmen Konstrast zu diesen Erlebnisbiografien, die zweifelsohne ihre historische und therapeutische Berechtigung haben.

Sie schafft es, in ihrem Erstlingswerk Dinge auszusprechen, die oft schwer auszuhalten sind. Es ist schon harter Tobak, den sie wenn nicht direkt leicht, aber in einer schnörkellosen Sprache leichthin erzählt. Sie verdichtet viel und bereits hier ist ihr typischer, lakonisch-zielsicherer Stil zu spüren. Eleonora Hummel beherrscht die Kunst der Andeutungen, kann vieles ungesagt lassen oder zwischen den Zeilen verstecken. Mit Auslassungen und kühlen Untertreibungen lässt sie uns die Zeit dennoch in ihrer ganzen Härte spüren.

Hier einige Erinnerungen von Alinas Großvater in der Zeit des zweiten Weltkrieges:

Mutter erschien mir so klein und zart in ihrem schwarzen Kleid, dass ich nicht wagte, sie in den Arm zu nehmen. Wir nahmen uns nie in den Arm. Im Dorf hatte man andere Dinge zu tun. S 120

Hinter ihr stand meine Schwester, die die Frau eines Volksfeinds war. Sie legte ihr schwarzes Kopftuch zusammen, das gefaltet aussah wie die Flügel eines Raben. S120

Bevor ich zum Mobilisieren ging, gab ich Mutter die paar Münzen, die noch in meiner Hosentasche waren. „Nimm sie für eine neue Kuh“, sagte ich. Sie stand regungslos da, ich drückte ihre Hand auseinander und legte die Münzen hinein. So blieb sie stehen, die Münzen in der offenen Hand und neben ihr der kläffende Hund, den man ihr statt der Kinder gelassen hatte. S121

Von der Thematik, von der geschichtlichen Verankerung hat es ein wenig mit dem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ von Markus Berges gemein. Sprachlich besitzt das Buch eine ganz eigene Kraft und auch die Umsetzung unterscheidet sich. Es ist deutlich zu merken, dass da nicht eine Schriftstellerin aus der Distanz ein Thema betrachtet, das sie sorgsam in Archiven recherchiert hat oder aus Erzählungen kennt. Sie hat das sowjetische Schulsystem selbst erlebt und kennt Menschen und Gegebenheiten aus persönlicher Erfahrung.

Die Autorin pickt beispielhaft die Geschichte einer deutschen Familie aus Russland aus. Letztendlich ist es aber unser aller Geschichte. Sie hätte so zumindest sein können. Es ist ein schwerer Stoff, der leicht mit knappen, treffenden Worten ohne viele Schnörkel erzählt wird. Das nimmt ihm zwar nicht seine Tragik, ermöglicht es uns aber das Erzählte überhaupt aufzunehmen. Hin und her Getriebene Menschen. Das Schweigen der Älteren. Das alles kennen wir Deutschen aus Russland nur zur genüge. Und auch lang verschüttete Geheimnisse, die aus heiterem Himmel auftauchen, weil sich jemand plötzlich erinnert.


Eleonora Hummel

Die Fische von Berlin
Steidl Verlag, Göttingen 2005
223 Seiten, € 18.00

Advertisements

SüßwaCCER – poetische Parabel über das Ankommen

Ein Junge und sein Fisch. Dieser Kurzfilm ist eine gelungene poetische Umsetzung der Themen Fremdsein und Ankommen am Beispiel eines Aussiedlerkindes. Vor ca 10 Jahren hat ihn der Animationskünstler Viktor Stickel als Abschlussarbeit an der Akademie für Mediendesign in Ravensburg vorgestellt.

„Süßwaccep – ein Kurzfilm zum Thema Migration und Integration“ – 2008

Frost im Frühling – Erzählungen von Rūdolfs Blaumanis

Um die Mittagszeit fahre ich mit dem Rad öfter an einem Laden vorbei, so wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Ein Briefmarkengeschäft, bei dem die Auslage mit Staub bedeckt ist und dessen Besitzer, ein Gerhard Schröder, schon vor Jahren angekündigt hat, aufzuhören. Innen stapeln sich Kartons, aus denen Alben quellen, draußen stehen zwei Kisten mit antiquarischen Büchern. Diese beiden Kisten sind möglicherweise die einzigen Exponate, die Laufkundschaft – also auch mich –  gelegentlich anziehen. So habe ich bei Gerhard Schröder einen Reiseführer für die Stadt Riga ergattert und zwar aus der Zeit vor der Wende. Darin überschwarz gedruckte Monumentalbauten und Soz-Sprech der übelsten Sorte. Aber darum geht es mir in diesem Beitrag nicht, sondern um den lettischen Nationalautor, dessen Namen ich erstmals in diesem Reiseführer las: Rūdolfs Blaumanis.

Rūdolfs Blaumanis klang für mich nach einem eingelettischten deutschen Namen, danach, dass es da einen ursprünglich deutschen Autor gab, der usurpiert wurde, weil in diesem sowjetfreundlichen Reiseführer alles Deutsche aus der lettischen Geschichte ausgemerzt worden war. Wie sehr ich mich darin getäuscht habe, sah ich aber erst, als ich den 2017 erschienenen Band mit deutschsprachigen Erzählungen von Balumanis in der Hand hielt und auch die Anmerkungen der Herausgeber gelesen habe.

Vilhelms Purvitis, Vorfrühling, 1898 – 1899

Es ist zwar richtig, dass Rūdolfs Blaumanis (1863–1908) einen deutsch-baltischen Ursprung hatte, doch er gehörte nicht zur Oberschicht der deutschen Großgrundbesitzer. Als Sohn eines Dienstmädchens und eines Kochs wuchs er zweisprachig auf so einem großen Gut auf und kannte sich auch in der Welt der lettischen Bauern aus. Als Rūdolfs ein Kind war, existierte Lettland noch nicht als eigenständiger Staat: die Kultursprache war damals das Deutsche und Lettisch die Umgangssprache für die ländliche Bevölkerung.

Die ersten Prosastücke schrieb Blaumanis dementsprechend auf Deutsch und veröffentlichte sie auch in deutschsprachigen Zeitungen. Doch mit der Zeit ging er dazu über, Texte auf Lettisch zu verfassen und seine eigenen Arbeiten selbst zu übersetzen – und zwar vis versa. Deswegen und auch wegen der traditionellen Sujets gilt Blaumanis heute als einer der  Begründer lettischen Literatur. Wohl auch deshalb wird er  von den Herausgebern des Buches als Autor von kanonischem Rang gefeiert. Wobei mit Kanon hier Maßstab gemeint sein dürfte.

Das Ineinander der Sprachen und das Nebeneinander der Kulturen ist jedenfalls bezeichnend für ihn und macht ihn zu einem Schriftsteller, der über das Nationale hinausgeht, auch wenn er thematisch die Felder und Bauernhöfe Lettlands kaum verlässt.

Das Buch ‚Frost im Frühling‘ erschien zwar erst im letzten Jahr, aber geschrieben wurden die Erzählungen zum Teil vor mehr als einem Jahrhundert. Nahezu alle ausgewählten Texte spielen in einem ländlichen Umfeld und entführen uns in eine archaisch anmutende bäuerliche Welt, in der reiche Greise junge Mädchen unglücklich machen und mittellose Burschen versuchen, durch Heirat ihr Glück zu finden. Und  scheitern. Sonst wären es keine psychologischen Kurzgeschichten.

Eine eine der Erzählungen beginnt so:

Erlauben Sie mir einige Fragen: Würden Sie, wenn Sie ein draller, lettischer Bauernjüngling wären, eine dralle, lettische Bauernjungfrau zur Frau nehmen, nicht deshalb, weil Sie selbige unsagbar lieben, sondern weil ihr von elterlicher Seite ein Pferd im Werte von ungefähr achtzig Rubeln mitzugeben versprochen wird? Nein? Gut. S 39

In einer anderen wird das Verhältnis zwischen einem baltendeutschen Grafen und seinem lettischen Pächter beschrieben:

Der Graf zog sich hinter den Speisetisch zurück. Der Mann konnte am Ende dennoch Transtiefel haben, und für diesen Fall bedeutete eine Entfernung von vier Schritt immerhin einen Vorteil. Außerdem ließ er sich von Leuten mit einiger Bildung nicht gern die Hand küssen. Der Tisch stellte also eine stumme Ablehnung des Handkusses dar, falls der Wirt [=Bauer] Takt genug besaß, dies zu bemerken. Im Korridor schob der Graf gewöhnlich die Hände auf den Rücken, indem er dabei freundlich „nicht nötig, nicht nötig“, sagte. Aber er hatte dabei immer ein unangenehmes Gefühl und erschwerte daher, so viel er vermochte, die Ermöglichung solcher Szenen. S 178

Die Novelle ‚Frost im Frühling‘ ist vollständig hier  auf einem anderen Blog zu lesen. Allerdings nicht in derselben Übersetzung wie in dem hier besprochenen Buch. Aber dafür in ganzer Länge…
Wer sich für weitere baltische Bücher interessiert, hier ist ein Link dazu.

Der Schriftsteller gemalt von Janis Rozentāls

Obwohl diese Geschichten in einer längst untergegangenen Zeit spielen, mutet die Sprache nicht allzu zäh oder altertümlich an. Doch sind da manche Vokabeln, manche Einsprengsel, die aus einer baltischen Paralellwelt stammen. Als wären sie konserviert worden, auf einer vom Festland abgespaltenen Insel. Auf der einige Worte von der Sprache der Umgebung beeinflusst worden sind.

Kleiderkleete heißt hier die Holztruhe, ein Gesinde ist ein Bauernhof und der Meistbot eine Versteigerung. Der Spann ist beispielsweise ein Eimer und wurde vom lettischen spainis abgeleitet. Es sind vielfach typische Begriffe aus dem Baltischdeutschen, die herausstechen und eine besondere Färbung der Sprache bilden – alle werden in Fußnoten erklärt.

Nach dem Kirchgang, ebenfalls gemalt von Janis Rozentāls

Hier entdecke ich so etwas wie eine Parallele zu der Sprache einer anderen abgeschlagenen Bevölkerungsgruppe, den Deutschen in Russland. Auch sie bildeten sprachliche Inseln, vermischt mit der Landessprache und verwendeten Begriffe, die es in Deutschland so nicht mehr gab. Außerdem wird bei Blaumanis in Rubel bezahlt und in Werst gemessen. So wie drüben auch.

Die Novelle ‚Im Schatten des Todes‘ (Nāves ēnā) handelt von Fischern, die auf einem riesigen Eisstück auf das offene Meer treiben und lieferte die Vorlage zu einem Spielfilm von 1971. Diese Ausnahmesituation ist wie geschaffen für eine psychologische Studie der verschiedenen Charaktere. Sie bildet gleichzeitig die Kulisse für einen Katastrophenfilm und ein Kammerspiel.

Extreme Situation. Abgetrieben auf dem Eis.  Nāves ēnā, 1971

Dieser Band aus dem AISTHESIS Verlag ist eine Entdeckung, hebt er nicht nur den Schleier zu einer untergegangenen Welt, sondern auch zu einer hierzulande noch nicht so vielbeachteten Kultur. Wirklich wahr, wir leben in einem Land, in dem die Namen der drei baltischen Staaten und deren Hauptstädte nicht selten durcheinander gewirbelt werden. Tallinn? Wo war das noch? Was liegt noch gegenüber von Finnland? Dabei sind es Nachbarn von uns.

Ich für meinen Teil werde dank des Reiseführers von Riga und dank der blaumanschen Reise in die lettische Vergangenheit zumindest einem Land seine Hauptstadt immer zuordnen können.

Rūdolfs Blaumanis: Frost im Frühling
Die deutschsprachigen Erzählungen,
herausgegeben von Benediks Kalnačs und Rolf Füllmann
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2017, 325 Seiten
ISBN 978-3-8498-1256-0, € 17,80

Rollenspielchen

Der Feminsimus ist schuld. An der Scheidungsrate und auch daran, dass Männer keine Männer mehr sein dürfen. Ach, an allem eigentlich.
Wenn Frauen sich auf ihre angestammte Rolle besinnen würden, wäre die Welt eine bessere. Solche Aussagen lese ich auf dem Blog einer jungen Frau, die sich conservative woman nennt, Mitglied bei der AfD ist und eine Deutsche aus Russland.

Tag der Frauen. International. Nelken und Glückwünsche. Danke dafür.

Weibliche Rollen. Bilder.

Die Russen rühmen sich, die besten Frauen zu haben. „Ich war oft in Deutschland, deutsche Männer beneiden uns um unsere Frauen,“ sagt der russische Kultautor Alexander Tsypkin: Ja. Sie sind entspannter.

Schön. Warm. Sinnlich.

Das sind die Attribute, die ihm zu Frauen einfallen. Darum werden sie am 8. März gefeiert, sagt er in diesem Interview: http://mdz-moskau.eu/kultautor-ueber-russland-und-seine-frauen/

Das Diktat der Schönheit. Spaßig. Aber nicht für alle. Diese Flugbegleiterinnen sind nicht ganz so entspannt.

https://www.mdr.de/heute-im-osten/sexismus-russland-102.html

Weibliche Natur.

Die weibliche Natur durften wir in diesem Jahr am 17.2. beim Frauenmarsch in Berlin bewundern.

500 Demonstrantinnen, die gegen Aggression muslimischer Männer auf die Straße gegangen sind. Flankiert von ebensovielen Bikern. Die extra angereist sind, um „unsere Frauen zu schützen“.

Genau mein Humor. Wenn meine Rechte von 500 Bikern durchgedrückt werden. Ach war da nicht was mit Frauenhandel? Diese Frauen habt ihr sicher auch gut beschützt.

Weiblich konnotierte Tätigkeiten. Werden leider nicht wertgeschätzt. Sonst würden sie nicht Frauen überlassen werden.

Die Erfüllung der Frau ist es Mutter zu sein. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur. Was, wenn eine andere Pläne für ihr Leben hat?

„Die strukturelle Benachteiligung von Frauen gleicht einem Yeti. Jeder spricht darüber. Aber noch niemand hat ihn ernsthaft gesehen,“ sagte eine AfD Politikerin vor einer Woche. Wenn 1918 nicht das Frauenwahlrecht erkämpft worden wäre, von Frauen, die gegen strukturelle Benachteiligung auf die Straße und ins Gefängnis gegangen sind, würde sie nicht da vorne stehen und solchen Schmu von sich geben.

Aber keine Sorge, Kollegen von ihr werden das Kind schon schaukeln.

Frauen nicht für Politik gemacht. Warum? Zu emotional.

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/AfD-Fraktionschef-Maenner-eher-fuer-Politik-gemacht,afd1516.html

Der Feminismus ist an allem schuld. Mehr Ehen werden geschieden, seit die Frauen frauenbewegt sind, das Behauptet Sophia Kähm auf ihrem Blog, eine conservative woman, die Beziehungen nach der Bibel auslegt und Familienleben über alles stellt. Erfüllung der Frau. Weibliche Natur. Hm. Nur.

Wenn sich die Frauen nicht aufgelehnt und als Blaustrümpfe für Frauenwahlrecht und das Recht zum Universitätsstudium zugelassen oder arbeiten zu gehen ohne sich die Erlaubnis des Ehemanns einzuholen, dann würde sie irgendwo Kartoffeln schälen und nicht ihre Weltsicht via Blog verbreiten. Dann wäre nichts mit im 5. Semester Literatur studieren und nebenbei arbeiten gehen…

So siehts aus. Aber es gibt ein Aufwachen.

Mit den rechten Jungs spielen wollen und sich wundern, dass frau nicht ganz vorne mitmischen darf.

http://www.belltower.news/artikel/rechtsextreme-frauen-sind-%C3%BCberrascht-dass-rechtsextreme-m%C3%A4nner-frauenfeinde-sind-12989

Frau & Herd. Das ja.

Frau & Politik, das nicht.

Zu emotional.

Das sagt auch der Identitäre aus Wien.

Antifeminismus gehört zum Rechtsextremismus und zum Rechtspopulismus dazu, wie auch Rolf Pohl, Soziologe und Männerforscher, feststellt: „Zu den ideologischen Bausteinen des Rechtsextremismus und auch des Rechtspopulismus gehört das Bild der intakten Familie und das der klassischen Arbeitsteilung. Gleichzeitig wird propagiert, dass dieses Bild in der Auflösung begriffen oder schon längst systematisch abgeschafft worden ist. Der Mann hat angeblich seine Männlichkeit verloren. Im Rechtsextremismus ist das Bild des Widerstandes und der Opposition schon immer männlich codiert gewesen.“

Ach wie schön wäre es doch, wenn die Rollenbilder klar wären. Wie in diesem Katalog für Deutsche aus Russland. Wenn Kerle noch so sein dürfen wie echte Kerle.


Und Frauen noch so sind wie echte Frauen.

Noch Fragen?

Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

funky Tundra

… and now for something completely different.
Diese Jungs rocken mit einer Parodie auf einen Bruno Mars Song den Polarkreis. Hot! Am besten finde ich die Stelle, wo sich der Sänger die Stiefel kämmen lässt.

ХОТУ УОЛАТТАРА (Chotu Yolttara) heißt der eisige Song und ist, soweit ich es richtig verstanden habe, die eigene Bezeichnung für das indogene sibirische Volk, das die Russen Tschuwaschen nennen.

Hier das New Yorker Original zum Vergleich: