Treppenhausfluchten

Die im Treppenhaus abgestellten Dinge sind zu entfernen, sie sind aufgrund von Brandgefahr und der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ein Mal im Jahr schreibt die Hausverwaltung diese Aufforderung, das Zeug im Treppenhaus betreffend.

Das Treppenhaus ist aufgrund der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ungelogen. Das steht wirklich so da. Aufgrund von Freihaltung freizuhalten. Leider kann ich nicht entgegnen: Dieses Schreiben ist aufgrund von unschöner Sprache als gegenstandslos zu betrachten.

Jedes Jahr um diese Zeit stellen wir das Schuhregal in die Wohnung, bringen die Stöcke und die Kreide, die Eimer mit Ostsee-Steinen, Rollschuhe und Roller und alles was sich angesammelt hat, raus oder hoch auf den Dachboden. Und nach einer bis zwei Wochen wandert alles wieder an den Platz neben der Haustür. Zuerst die Schuhe, danach die gesammelten Dinge, die nicht in die Wohnung gehören. Bis zur nächsten Aufforderung, die Fluchtwege freizuhalten.

Was wissen die schon von Fluchtwegen? Auf welchen Wegen sind sie denn schon geflohen?

Ich sollte ihnen entgegnen: es ist ein für alle Mal vorbei mit Flucht und Vertreibung. Von Ost nach West, von West nach Ost. Ein ewiges hin und her. Aus, Schluss, vorbei!

Alle Koffer sind doch schon ausgepackt und verstaut, oben auf dem Schrank oder unter dem Bett. Koffer, die höchstens hervorgeholt werden sollen, wenn es auf Urlaub geht, ab in den sonnigen Süden oder in den windigen Norden.

Ich sollte Ihnen entgegnen: Fluchtwege dürfen nicht freigehalten werden. Das Haus muss die Menschen festhalten dürfen, schreien, geh nicht, bleib hier, verlass mich nicht. Ein Haus verliert nichts gern. Am wenigsten seine Bewohner. Denn dann steht es ohne seine Bestimmung da. Also hört es nicht auf, zu wiederholen: Setz deinen Fuß zurück auf meine Dielen, setz dich aufs Sofa, an den Küchentisch und verharre da. Du gehörst zu mir, wie dein Name an der Tür.

Eigentlich muss uns die Hausverwaltung noch dankbar sein. Denn es sind doch alles Fluchtverhinderer da draußen im Flur. All die Gegenstände, die wir anhäufen, verhindern unser Fliehen, weil wir sie nicht mitnehmen können.

Wie viel Leben passt schon in einen Koffer? Wie viel Leben kannst du mitnehmen auf der Flucht treppab, fernab vom heimischen Herd. Ein paar Schuhe. Die Kleidung am Leib. Einige Fotos und etwas das dir heilig ist. Etwas Proviant. Sonst nichts.

Aber so werde ich heute das Regal mit den Schuhen, die Kreide und die Ostseesteine entfernen und warten, bis die Verwaltung ihre Objektbegehung hinter sich gebracht hat.

Advertisements

Rosenkohl-Glamour

rosenkohl_41_glamour

Wenn Aussiedler ein Gemüse wären, wären sie sicher Rosenkohlröschen. Kein häufig verbreitetes wie Kürbis oder Möhre, kein exotisches wie die Tomate, die ja halb eine Frucht ist. Nicht Spinat oder Kartoffel. Auch keine Gurke, trotz ihrer Zugehörigkeit zum Wodka. Auch kein Superfood. Saisonal und leicht bitter. Nicht von allen gemocht, aber nahrhaft und bodenständig. Ein wenig bekannter Cousin des geschmeidigen Italieners Brokkoli. Er steht in zweiter Reihe. Oder dritter. Oder vierter.

Es werden keine Oden an den Rosenkohl gesungen. Er wird nicht auf Gemälden verewigt wie der Granatapfel. Er ist nicht die blaue Blume der Romantik. Aber er ist da. Und ergibt eine gute nahrhafte Suppe im Winter. Reduktion und Durchhalten. Nicht Fülle.

Smoothies mit Rosenkohl? Wohl kaum. Rosenkohlparfait? Eher selten. Rosenkohlsoufflee. Noch nie gegessen.

Er wird höchstens mal mit einer zünftigen Lammkeule serviert. Als Beilage. Und auch nicht beim Bankett, sondern eher in der Alltagsküche. Und wachsen tun die Köpfchen gemeinsam an einem Strunk, als Großfamilie sozusagen. Auch das passt. Alle zusammen.

Auf dem Mitmachblog habe ich heute den Beitrag von Karo-Tina entdeckt, da hat sie zum Thema Perlen Rosenkohlköpchen fotografiert.
Endlich kommt dieser Vertreter der Kohlfamilie zu etwas Glamour. Und mich hat diese Idee zum Nachdenken angeregt. Und zwar nicht nur darüber, was es heute zu mittag gibt.

Aber einen Denkfehler habe ich wohl doch gemacht. Rosenkohl ist in Russland weitestgehend unbekannt. Oder nein, vielleicht passt das ja gerade deswegen. Ein ein fremdes Kohlköpfchen im Land des Weißkohls.

Da fällt mir ein Gemüsewitz aus dem Sozialismus ein. Sitzen Radieschen, Gürkchen und die Kartoffel im Vorzimmer des KP-Büros. Einer von ihnen soll heute zum Vorzeigegemüse des Kommunismus gewählt werden.

„Mensch Kartoffel, du hast die besten Chancen,“ sagt Gürkchen, „Du bist die Hauptspeise für Millionen von Arbeitern. Mit ihren bloßen Händen graben sie dich aus der gefrorenen Erde Sibiriens und auf weichwogenden Feldern der Ukraine bist du auch zu finden.“

„Ach was“, sagt Kartoffel, „Radieschen hat wird das Soz-Gemüse des Volkes. So rot wie sie ist.“

„Warum sie dich eingeladen haben, Gurke,“ sagt Radieschen siegesgewiss, „kann ich nicht verstehen. Als Salzgurke bist du bei jedem Besäufnis dabei. Das ist moralisch nicht zu vertreten.“

Kartoffel wird hereingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus. Niedergeschlagen.

„Sie haben gesagt, ich sei zwar die Speise des Volkes, komme aber ursprünglich aus Amerika. Und bin dementsprechend ein Spion und ein Diversant,“ klagt Kartoffel.

Radieschen wird reingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus, niedergeschlagen.

„Und, was ist Radieschen, warum haben sie dich nicht genommen?“

„Sie sagten, ich sei zwar außen rot, aber innen bin ich weiß!“

Gurke geht rein. Kommt mit stolzgeschwellter Brust raus. Mit Medaille darauf.

„Du! Du bist es geworden?“

„Ja. Ich bin zwar nicht rot, aber ich bin auf jedem Tisch im Land, bei jeder Feier und im Alltag. Mit meinem Freund dem Dill.

Und außerdem bin ich durch und durch hiesig (unser). Und kein Ausländer.“

 

Spruch der Woche: Einzug

Aussiedlerschicksal in zwei Zeilen:

“Fremd bin ich eingezogen,
fremd zieh ich wieder aus.“

aus dem Libretto von Wilhelm Müller (1794 – 1827)  zu Schuberts „Gute Nacht“ / DieWinterreise

Man muss sich diese Zeilen mit der Wunderschönen Musik von Franz Schubert vorstellen:

Hier mit Gesang:

Und nun? Wir sind wieder eingezogen. Wird sich zeigen, wie lange wir fremd bleiben. Und ob wir wieder ausziehen. Ich würde sagen:

Wir sind gekommen, um zu bleiben, um hier ein anderes musikalische Zitat zu bringen.

Obwohl es russische Pressestimmen gibt, die besagen, dass es unter den Deutschen aus Russland in Deutschland starke Tendenzen gibt, zurück nach Russland zu ziehen. Und zwar massenweise. Ein Hoax des Kreml?

Das ist ein hin und her. Ich sach es euch.

Von Kälbchen und Schweinchen

krippe_web

Ich bin es satt, ewig die gleichen Parabeln zu hören und zu lesen. Die mit dem deutschen Schäferhund und die mit dem Kalb im Schweinestall. Da sagt jemand zu einem Aussiedler, wenn du in Kasachstan geboren bist, dann bist du wohl ein Kasache? Oder ein Deutsch-Kasache, wenns hoch kommt. Und dann ist derjenige sofort beleidigt.

Um die Sachlage mit seiner Abstammung zu erklären, greift der so Angesprochene dann gern zu diesem Spruch:

Aber wenn ein Kalb im Schweinestall geboren wird, ist es noch lange kein Ferkel.

Nicht, dass ich das mit dem geborenen Kasachen gutheiße, das ist zu kurz gedacht, aber der Vergleich hinkt. Schweine und Kälber sind zwar Säuger wie wir, aber sie gehören verschiedenen Tier-Gattungen an. Menschen und Menschen aber nicht. Ihr Verständnis von Zugehörigkeit oder Trennung ist ein Gebilde. Ein Konstrukt. Eine Geschichte. Komplex wie sonstwas.

Als wieder so eine Verkürzung auf Facebook kam, habe ich mal vorgeschlagen, statt geborener Kasache (der Reporter wollte einfach nur eine Variation zu dem Namen) was anderes zu nehmen. Wahlkasache trifft es nicht. Denn die Deutschen wurden meist dahin deportiert oder sind nach der Deportation aus Sibirien oder dem Ural dorthin geflohen. Zwangskasachstanisiert vielleicht? Oder wir bestehen in Zukunft auf: irgendwo aus Deutschland über den Kaukasus (Ukraine/Wolgagebiet) in den Kasachstan (nach Sibirien/Karelien/in den Ural) und dann wieder nach Westfalen (Schwaben/Bayern/Dresden) getriebener Vertriebener, manchmal freiwillig geflüchtet, manchmal so richtig zwangsweise verfrachtet, und am Schluss einfach ausgeflogen, um es noch genauer zu sagen. Abgekürzt: aDüKiKnW-gV-mfgmrzv. Das dürfte es ungefähr beschreiben.

Aber was ist uns das wert, dass wir zu solch komplexen Formeln greifen? Und sie beinhalten noch nicht, welche Musik uns prägt, welche Mode wir mögen oder welche Art der Kommunikation wir bevorzugen. Denn nicht alles wird von der Herkunft und Geschichte geprägt.

Klar, wird der gemeine Wald-und-Wiesen-Deutsche bestimmte Dinge nicht wissen:

– dass im Vielvölkerstaat Sowjetunion die fünfte Zeile im Pass eines jeden Bürgers und einer jeden Bürgerin wesentlich war: die der Nationalität. Dass wenn Russen also in der Mongolei lebten und sich wie die Könige aufführten, sie sich deshalb noch lange nicht als Mongolen sahen. Und wenn Georgier in dritter Generation in Moskau gemeldet waren, sie nicht als Russen akzeptiert wurden. Never ever.

– dass es also dort klar war und ist, wer Deutscher war und wer nicht (auch ohne Schäferhund übrigens. Nur der Sänger Jewtuschenko hat seine deutschen Wurzeln aus überlebenstechnischen Gründen verborgen und hat den Mädchennamen seiner Mutter angenommen. Das ging also auch. War aber eine Ausnahme.)

Diese Zeile hat das mit der Identität also vereinfacht? Möglich. Und manche Russlanddeutsche haben das noch immer verinnerlicht. Aber in Deutschland des Jahres 2016 (bald 2017) ist es ganz anders:

Die Frage der Nationalität ist fließender. Oder fest wie Granit. Auch ohne Zeile Nummero fünf. Kommt darauf an, mit wem du es zu tun hast.

Ich verstehe, dass es einer Gruppe wie den Russlanddeutschen wichtig ist, dazuzugehören. Nicht ausgegrenzt zu werden. Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung. Aber es wird nicht soweit kommen. Sie werden immer als etwas Wildfremdes beäugt werden. Auch wenn sie ihren Stammbaum bis in die achte Generation zurückverfolgen können. Nach Mannheim am Main.

Menschen, die Aussiedler als Russen/Kasachen/Kirgisen bezeichnen, kennen deren Geschichte nicht und ihre Beweggründe, sich als Deutsche zu fühlen. Aber was noch wichtiger ist, sie wollen sie nicht kennen.

Menschen, mit einem deutschen Pass, mit deutschen Vorfahren, kümmern sich nicht um Belange der Herkunft. Sie sind ja privilegiert. Leben in Europa, können sich frei bewegen. Nur für die USA müssen sie so einen komischen Bogen auf dem Flughafen ausfüllen.

Sie machen sich keine Gedanken. Weil für sie die Herkunft kein Thema ist.

Oder, das sind die anderen Kandidaten, sie reduzieren alles auf die Herkunft und wollen die Reinheit ihrer Nation herstellen. Auch diese Menschen reden gerne mal von Kälbchen und Ferkeln im Stall. Oder bemühen sogar das Jesuskind, das ja im Stall geboren wurde, aber keine Kuh ist.

Was soll mir das sagen? Dass ich nach Ansicht dieser zweiten Gruppe kein Recht habe, in diesem Land zu leben oder mich deutsch zu nennen, weil ich in Omsk geboren wurde? Oder weil meine Mutter Russin ist? Nein, jetzt bin ich verwirrt. Nein, die Argumentation ist, dass sie meinen, dass ein Türke nicht das Recht hätte, sich deutsch zu nennen. Auch wenn er oder seine Eltern schon in Bottrop-Brauxel geboren und aufgewachsen sind.

Interessante Frage. Was bestimmt uns? Unsere Umgebung? Das soziale Umfeld? Die Sprache? Die Filme und Bücher, die wir konsumieren? Was von uns nimmt die Färbung der Umgebung an? Was saugen wir auf, aus dem Land, in dem wir leben?

Wie fühlen sich eigentlich diejenigen Deutschtürken, die zu Besuch oder auf immer in die Türkei fahren? Irgendwie fremd? Irgendwie deutsch? Irgendwie anders? Reden sie eigentlich von Kälbern und Schweinen? Oder von Kälbern und Hühnern, denn Schweine sind ja nicht helal.

Diese strikte Trennung nach Volkszugehörigkeit ist doch nur in abgelegenen Gegenden möglich. Auf Inseln, auf die seit Jahrhunderten kein anderer kommt. Oder in abgelegenen Dörfern im Himalaja. Aber doch nicht in einer Gegend, durch die Menschen seit Menschengedenken ziehen. Manche bleiben, andere wandern nach Übersee aus oder in östliche Steppen. Kommen wieder. Bringen aus der Fremde nicht nur den Sand in den Aufschlägen ihrer Hosen mit, sondern andere Bilder, andere Träume und andere Kehllaute.

Aber warum müssen wir jemandem beweisen, dass wir deutsch sind? Was daran ist wichtig? Wem ist das wichtig? Wem nützt das?

Können wir uns nicht als etwas ganz Eigenes betrachten? (Wobei ich nicht sicher bin, ob die Russlanddeutschen wirklich als die homogene Masse begriffen werden können, als die sie manchmal dargestellt werden).

Ich kann nicht mitreden. Ich wurde noch nie verbal angegriffen, sobald ich meinen Mund aufgemacht hab. Weil ich akzentfrei rede und mir meine Herkunft nicht gleich anzusehen ist. Ich kann mich nicht an Nachteile erinnern. Ich weiß noch nicht einmal, inwieweit der Geburtsort Omsk sich bei diversen Bewerbungen als Ablehnungsgrund herausgestellt hat. Vielleicht. Vielleicht nicht.

Vielleicht passiert Folgendes, wenn du immer und immer wieder wegen bestimmter Merkmale auf deine Herkunft zurückgeworfen wirst:

Du fängst an

a) dich zu verteidigen (und von Kälbchen und Ferkeln zu reden)

b) dich als der/die Fremde zu geben, der/die du ja sein sollst (volle Kanne russisches Fernsehen gucken, im Mix-Markt einkaufen etc.)

c) verbittert zu sein und dir dein Beleidigtsein wie eine zweite Haut anzulegen.

Wer wissen will, was ein Deutscher aus Kasachstan genau ist und wie er dahin gekommen ist, kann sich ja mal die Geschichte oder die Geschichten ansehen. Möglichkeiten gibt es genug.

Ach, keine Lust? Interessiert nicht? Dieses ganze Deportationsgeschwafel? Dieser Zugehörigkeitsscheiß?

Na denn, dann bleibt alles beim Alten.

Stimmt, es schon bitter, wie wenig sich die Leute um die Geschichte der Russlanddeutschen kümmern. Aber sie kümmern sich auch nicht um die Geschichte der italienischen Einwanderer in Argentinien oder der chinesischen Minderheit in Indonesien (sehr interessant übrigens). Besonders nicht, wenn Geschenkkäufe anstehen und die Feiertage näherrücken.

Statt dessen platzen sie einfach heraus mit ihren Einordnungen, ohne auch einen Wimpernschlag lang nachzudenken.

Aber die Sache ist nicht so einfach. Oder ist sie doch.

Ein Mensch ist und bleibt ein Mensch. Und das ganz egal wo er geboren wurde. Oder sie. Im Stall oder im Kreißsaal einer Klinik.

Quellenforschung

Bereits Ende letzten Jahres hat die Bundeszentrale für politische Bildung ein Buch des Historikers Dr. Viktor Krieger herausgebracht. Es heißt: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. In drei Teile gegliedert, beschäftigt es sich mit der Auswanderung der ersten Siedler ins russische Reich vor 250 Jahren, mit dem Leben ihrer Nachkommen im Sowjetstaat und schließlich mit ihrem Verbleib nach der Auflösung dieses Staates.

Ich habe es zunächst durchgeblättert und gedacht, aha, Vertreibung, aha, Fotos in schwarz-weiß, alte Schriftstücke aus Archiven, kenn‘ ich schon.

Doch dann habe ich mich hingesetzt und angefangen, wirklich zu lesen.

Ich kann diesem Buch zwar nicht entnehmen, worüber sich die Leute damals beim Frühstück unterhalten haben, wie sie ihr Brot schnitten, auf russische oder aus deutsche Art, aber ich lerne, dass es seinerzeit unter den Siedlern-Eigentümern an der Wolga und an anderen Orten Arm-Bauern gab, die kein Land besaßen. Ich bekomme eine Übersicht über die vielen verschiedenen Berufe, die sie in Deutschland ausgeübt hatten. Bevor sie sich in Russland ausschließlich mit der Landwirtschaft beschäftigen mussten. Die Geschichte von vielen hundert Siedlungen breitet sich vor meinem Auge aus. Und sie ist sachlich erzählt, nicht zu trocken, sondern stringent, so dass an ihr gut folgen kann.

Durch die emotionslose Sprache eines Geschichtsbuches hört das Spekulative, die dunkle Erinnerung auf und die Fakten treten hervor und zeigen etwas Unumstößliches, etwas Objektives. So wars. So kanns gewesen sein. Ihr Alten habt es uns erzählt und hier ist es widergespiegelt.

Die Wege der Siedler damals
Die Wege der Siedler damals

Das Buch ist kein unverdaulicher Brocken, es umfasst (das Glossar eingerechnet) lediglich 270 Seiten und ist klar und verständlich geschrieben. Ich kenne sonst nur den anklagenden Ton, der sich hineinsickert, wenn jemand über die Vertreibungen und die Diskriminierung berichtet. Hier treten die widrigen Umstände auch klar hervor, aber in sehr distanzierter Form. Als Statistiken, die den Grad der Beherrschung der Muttersprache zwischen 1959 und 1989 beschreiben, oder die Anzahl der Akademiker einiger Sowjetvölker, darunter der deutschen Minderheit im Jahr 1939 und rund fünfzig Jahre später. Sie tauchen auf als Abbildung einer Medaille, die 1991 angeblich als Wiedergutmachung den deutschen Opfern der Trudarmee verliehen werden sollte. Deren Vorderseite ziert doch tatsächliche das Konterfei Stalins mit einem Spruch, der nur zynisch aufgefasst werden kann: Unsere Sache ist gerecht – wir haben gesiegt!

Da ist kein Jammern, noch nicht mal auf hohem Niveau, sondern eine Darlegung der Fakten, die für sich genommen, eine deutliche Sprache sprechen. Und die vieles von der Mentalität und der Motivation der Russlanddeutschen verständlich machen. Dem Autor gelingt es, durch fundierte Recherche und mithilfe einer großen Ansammlung von Daten, einen Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen zu geben. Aber er reiht nicht nur Jahreszahlen und Aussiedlungsrouten aneinander, sondern schafft Zusammenhänge, bezieht die Ereignisse aufeinander und beschreibt die Strömungen und die politischen Einflüsse, die diese Ereignisse herbeiführten. Ein Lesebeispiel:

Im Gegensatz zu den Jahren 1921/22 leugnete die Kremlführung dieses Mal [1933] hartnäckig die Existenz der selbstverschuldeten Hungerkatastrophe. Auf Druck der internationalen Öffentlichkeit stimmte sie jedoch der Zustellung von Lebensmittelpaketen und Geldüberweisungen an die Bedürftigen zu. In Deutschland organisierte und leitete der Reichsausschuss „Brüder in Not“ verschiedene Sammlungen, Paketsendungen und andere Aktivitäten. (…) Sobald sich im Ausland die Kunde über die schwierige wrtschaftliche Lage zu verbreiten begann, suchte die Sowjetregierung allerdings sofort die Auslandsverbindungen zu beschränken und die Empfänger von Hilfslieferungen einzuschüchtern. In den Massenmedien wurden diese Geschenkpakete als „Hitlerhilfe“ diffamiert und die Adressaten als „faschistische Agenten“ verleumdet. S. 107

Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, Seite 106
Frühe Ausreisewelle: Heimkehrer im Lager Hammerstein 1929, aus Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Seite 106

Ich erkenne Stücke aus diesem Mosaik, aber ich kenne bei weitem nicht alles. Das Durchackern dieses historischen Umrisses verbindet Wissensinseln miteinander und füllt die Lücken.

Welchen Anteil die Deutschen in Russland an der Demaskierung des Systems hatten, war mir beispielsweise nicht bewusst. Dadurch, dass sie wegen ihrer Ethnie und ihrer Religion stark verfolgt wurden, haben sie sich schon früh von der staatlichen Einheitsdoktrin abgewendet.

Neben dem religiös motivierten Wiederstand setzte die Ausreisebewegung der Deutschen aus der Sowjetunion ein deutliches Zeichen des Protests und Freiheitswillens. Sie stellt einen wichitgen Beitrag dar, die ideologischen Säulen der sozialistischen Gesellschaftsordnung wie Internationalismus, Völkerfreundschaft, Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit in den augen nicht nur der sowjetischen Bevölkerung, sondern auch der ausländischen Öffentlichkeit als leere Worthülsen zu entlarven. S.158

Nicht dass ich es an einem Stück lesen könnte, wie einen Krimi,  dazu enthält es zu viele Informationen, aber ich werde es wohl öfter zur Hand nehmen, um zu forschen, um mich inspirieren zu lassen. Und vor allem um nachzuspüren, wie es damals war und woher ich eigentlich komme.

Die Auflistungen der geschichtlichen oder kulturhistorischen Ereignisse verankern mich. Sie betreffen meine Vorfahren und deren Landsleute. Es sind keine bahnbrechenden, weltbewegenden Dinge, aber sie sind gut zu wissen, denn sie geschahen mit meinen Leuten. Oder solchen wie ihnen. So liegt das Woher und Wann und Wie nicht mehr im Dunkeln, in den mündlichen Überlieferungen und den fast verlorenen Bildern.

Sieh an, alles ist geordnet, dann und dann haben sie Priesterseminare gegründet, da Jubiläen gefeiert.

Mir wird jäh bewusst, dass ich vor 12 Jahren ein Jubiläum verpasst habe, denn ungefähr da muss ein Altvater nach Russland aufgebrochen sein. Halb so schlimm. In wenigen Generationen kommt schon die 300-Jahresfeier und die wird doch hoffentlich festlicher begangen und mit mehr Echo in den Medien und in den Köpfen meiner eigenen Sippe.

Aufgepasst: diejenigen, deren Vorfahren vor 200 Jahren im Transkausus siedelten, haben bereits 2019 die Chance auf ein großes Fest.

Mehr noch als Quelle für Ereignisse und Geschichten, ist dieses Buch für mich eine Art Rückversicherung. Als Garantie dafür, dass es die Gräueltaten und das einfache alltägliche Leben, die vielen einzelnen Schicksale und das kollektive Erleben wirklich gegeben hat. So dass es objektiv festgehalten werden kann. Nicht in mündlicher Überlieferung, nicht lediglich in Geschichten und Filmen, sondern ganz offiziell in einem historischen Werk. Schwarz auf Weiß mit Tabellen und Zeittafeln, so dass alles seine Ordnung hat.

Das ist mir sehr wichtig gewesen, als ich das Buch in den Händen gehalten habe. Denn nur zu leicht wird die Geschichte der russischsprechenden Diaspora, wie Russlanddeutsche kürzlich (fälschlicherweise) betitelt wurden, ganz elegant übergangen. Als wäre das, was sie erlebt haben, nur eingebildet und nicht der Rede wert.

Was auch vorkommt: in der Medienlandschaft tauchen unsägliche Verallgemeinerungen oder schlecht recherchierte Thesen auf, wie neulich der lapidare Satz in einem FAZ Artikel, der mir noch immer die Haare zu Berge stehen lässt: von wegen, die Russlanddeutschen wurden von Josef Stalin umgesiedelt und haben dabei (huch, wie konnte das passieren? Eben war sie noch da!) ihre Muttersprache verloren.  Dieser Journalistin und anderen auch lege ich ans Herz, ein Buch wie das von Viktor Krieger zu Recherchezwecken zu verwenden, bevor sie sich an das Thema setzen. Es ist erschreckend, wie schlecht informiert die Presse ist und vor allem wie unsensibel sie über die Geschicke dieser kleinen Volksgruppe schreibt. (Als Vertreterin der Zweit- oder Drittgeneration von Kriegstraumatisierten und Vertriebenen bin ich auf diesem Ohr sehr hellhörig. Also mehr emotionale Intelligenz und Empathie, bittschön!)

Das einzige Manko des Buches ist in meinen Augen, dass der Fokus sehr auf den Wolgadeutschen liegt, auf ihrer autonomen Republik. Die Zeittafel beginnt zum Beispiel erst 1763 mit dem Manifest Katharinas II, dabei gab es schon Jahrhunderte vorher Deutsche in Russland. Bereits seit der Hansezeit. Aber vielleicht fällt mir das auf, weil meine Vorfahren aus der Ukraine stammen. Sie werden auch erwähnt, aber ich hätte sie vielleicht gerne stärker behandelt gesehen. Und auch die Deutschen, die sich im Kaukasus angesiedelt hatten, werden nur am Rande erwähnt.

Auf dem Umschlag steht ein Geiger am Ufer eines Flusses (der Wolga?) und spielt. Fünf Kinder fläzen sich im Gras und lauschen ihm andächtig. Die Mädchen haben diese weißen pludrigen Schleifen in den Haaren, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Wir hören sein Lied nicht. Doch die Melodie soll nicht ungehört verklingen. Sie hat ihren eigenen Klang und ihre eigene Berechtigung und wir sollten sie kennen. Damit wir uns im Klaren darüber bleiben, woher wir kommen.

krieger_kolonisten_sowjetdeutsche_aussiedler

Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler: eine Geschichte der Russlanddeutschen
Dr. Viktor Krieger, bpb, Bundeszentrale für politische Bildung.
Bonn, 2015. – 272 S.
ISBN 978-3-8389-0631-7

Übrigens: Der Deutsche Bundestag führt dieses Buch in der Liste der neuerworbenen Werke des Jahres 2016, unter Innenpolitik/Landeskunde, neben dem aktuellen Roman von Martin Walser und hunderten anderer Publikationen. Hoffentlich schauen die Abgeordneten auch mal hinein. Könnte nicht schaden. Aber für den unglaublich Preis von 4,50 plus Versandkosten kann ein jeder und eine jede dieses Geschichtsbuch auch selbst erwerben und muss dafür nicht in die Bib des Bundestages nach Berlin reisen:

https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/217258/kolonisten-sowjetdeutsche-aussiedler

Viel Wind – Unser Mädchen aus Berlin

Irgendein Tief fegt über unsere Stadt hinweg. Seit Tagen pfeift es schon draußen. Ab und an zwischen Wolkenfetzen ein Stück unverhangenes Blau, wenn man Glück hat. Nass und kalt und dunkel, schon um drei, vier Uhr am Nachmittag, genau das richtige Wetter, um sich zu verkriechen. Was haben sie im Radio gesagt, zu viel Vitamin D ist nämlich auch nicht gut. Leute fallen öfter hin mit einer Überdosis davon und brechen sich häufiger was, genau wie mit einem Mangel.

von Winde verweht
Vom Winde verweht – der Fall Lisa, eine haarige Sache

Windmacherei. Panikmacher. Die große Welle machen. Der Januar war voll damit. Und jetzt eine kleine Ruhepause. Die Aussiedler werden wiedermal entlarvt als Fremdenhasser und Verführte vom russischen Fernsehen. Als russischsprechende Diaspora und Putins fünfte Kolonne, die kaum Deutsch können und gegen Ausländer hetzen. Am Anfang steht ein Mädchen, dass sich eine Lügengeschichte um ihr Wegbleiben gesponnen hatte. Und zwei Wochen später spricht der russische Außenminister von „unserem“ Mädchen in Berlin und aufgebrachte Russlanddeutsche demonstrieren gegen Gewalt an Kindern und lauschen den Reden der braunen Agitatoren, die aus ihren Löchern gekrochen kommen. Wer hat sie eingeladen? Das soll allen eine Lehre sein, sich aufbauschen zu lassen wie ein Betttuch auf einer Wiese. Das reinste Agit-Prop. Naja, gewohnt sind sie es ja, von früher. Aber welche Presse lügt? Welche Polizei vertuscht besser? Welcher Macht kannst du vertrauen? Dem eigenen Urteilsvermögen anscheinend nicht.

Ganz schön viel Wind hat er aufgewirbelt, dieser Fall Lisa. Von Vertuschung war die Rede. Ängste sind hoch gekrochen von Muslimen die sich zu dritt auf ein wehrloses Mädchen stürzen. Dabei hatte sie bloß Angst gehabt, nach Hause zu kommen, Schulprobleme wollte sie verbergen und hat bei einem Freund übernachtet. Ohne Sex. Auch nicht einvernehmlich. Solche Wellen kann es schlagen, wenn sich ein Kind eine Ausrede sucht und die Eltern die Geschichte aufgreifen und die Tante, oder die Pseudotante (?) für einen russischen Sender ein tränennasses Interview gibt. Gefundenes Fressen. Die Deutschen haben die Lage nicht im Griff. Seht, das passiert mit dem Multi-Kulti-Wahnsinn.

Die Trolle des Kreml haben ihren Auftrag erfüllt. Und was bleibt? Der fade Nachgeschmack. Das Bild vom Aussiedler an und für sich, der gegen andere Minderheiten und auf Flüchtlinge hetzt. Tendenziöse Berichte über Landsleute, die billigste Verleumdungen ausstoßen, null Kultur oder Weitsicht, aber mich repräsentieren sollen. Mischa steht in Jogginghose im russischen Supermarkt in Dinslaken und erläutert dem WELT-Redakteur seine WELT-Sicht. Ich seh ihn förmlich auf die Straße spucken.
Und das, was Wladimir Kaminer im Radiointerview mit dem NDR sagt, geht in dem ganzen Spektakel unter, dass wir froh sein sollen, dass von 6 Millionen (russischsprechenden Einwohnern in Deutschland) bloß etwas über dreihundert vor dem Kanzleramt standen. Lass es Tausend sein, die breite Masse ist das nicht. Und dass alle Aussiedlerfreunde von ihm nicht so sind. Nicht so rechts und putingläubig.

Und dass sich Teilnehmer der Demo schon vor Ort gegenüber einer Reporterin von der Deutschen Welle von den Agitatoren der NPD und der Pegida distanzieren, kommt bei der westlichen Presse gar nicht erst an.

Viel Wind gemacht, wiedermal. Um unser Mädchen.

Das arme Kind, das bleibt doch an ihr kleben wie Pech. Ein kleiner Teeniestreich und was für Konsequenzen! In Zeiten medialer Schnellstverbreitung darf man das nicht bringen. Arme Teenies.

Ein deutscher Comedian hat gefordert, dass alle Dreizehnjährigen sich von diesem Vorfall distanzieren sollten und wenn das nicht hilft, die Ausweisung aller Dreizehnjähriger. Vielleicht hat er recht. Die einzige Weise, wie man diese absurde Geschichte nehmen darf: mit Humor.

Die Venus als Leitstern

 

640px-Gemäldegalerie_Alte_Meister_(Dresden)_Galeriewerk_Lücke_017
Giorgione – Schlafende Venus

Eine junge Frau wartet in einem Berliner Bahnhof auf einen Zug aus Warschau, der eine Stunde Verspätung hat. Sie fühlt sich leicht vergrippt, kann jedoch nicht einfach weggehen, denn diejenige, die ankommen wird,  ist ihre ältere Schwester, die sie seit zehn Jahren nicht gesehen hat. Alina, die Protagonistin des Romans von Eleonora Hummel ist bereits als Kind Anfang der achtziger Jahre mit ihren Eltern aus der Sowjetunion nach Dresden ausgesiedelt, ihre Schwester Irma zog es dagegen vor, bei ihrem Mann Sergej zu bleiben. Ein Jahrzehnt später, die Mauer ist längst gefallen, treffen die ungleichen Schwestern aufeinander.

Das ist der Rahmen der Handlung, aufgefüllt wird sie mit Rückblenden auf die eigene Ausreise aus der Sowjetunion, Lebenserinnerungen, die von der Oma erzählt werden und Gedanken an eigene Erlebnisse der letzten zehn Jahre. Auf dem Gleis stehend und wartend, denkt Alina an ihren Freundeskreis, ihren Liebhaber und Samstagabende in den Clubs, sie lässt Stationen ihrer Selbstfindung passieren und landet immer wieder beim Scheitern, bei den Brüchen in ihrem Leben. Sie beschreibt beispielsweise, wie sie sich zum Künstlerischen berufen fühlt, aber im Beruf der technischen Zeichnerin verharrt.

Die Venus ist dabei so etwas wie ihr Leitstern. Sie verortet Alina auch wenn sie die Orte wechselt.

Die Venus im Fenster ist nicht das aktuelle Buch von der Autorin und auch nicht ihr viel gelobter Erstling. So wie ein Sandwich-Geschwisterkind liegt es genau dazwischen und sollte die Beachtung bekommen, die es verdient.

Ich habe die verhaltene oder teilweise ablehnende Kritik zu diesem Buch gelesen und frage mich, für wen es eigentlich geschrieben wurde. Eine Rezensorin konnte mit dem Thema des Wartens am Bahnhof  nicht viel anfangen, eine andere hat die sehr langen Monologe der Großmutter kritisiert.

Für mich ist gehören diese Dinge unbedingt in das Buch, sie sind stimmig. Allein der Bahnhof und seine Metaphern. Ankommen, nicht ankommen, Wartehalle, Gleis, Durchfahrt, Übergang.  Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sich bei mir und der Protagonistin (und der Autorin) ein Großteil des Lebenslaufs und des Hintergrunds überschneiden. Zum Beispiel erleichtern mir viele der Details, wie die Weißgoldohringe der Schwester, die Kommentare der Mutter oder auch die Rückblenden in die Stalin-Ära eine konkrete Zuordnung und knüpfen an meine eigene Geschichte an.

Doch Oma Erika bietet ihrer Enkelin keine unterhaltsame Geschichtsstunde. Wie unbeteiligt monologisiert die alte Frau über ihre Erlebnisse vor dem Krieg und danach. Sie stellt sich oft als Opfer da, aber sie klagt das System nicht an, höchstens ihren Bruder, der den Ehemann angeblich zu dubiosen Taten verführt hat. Ihre Erzählweise ist typisch, wie einen Schwall gießt sie ihre Worte über der Zuhörerin aus, aber ohne jegliche Emotion. Wie so oft üblich, spaltet sie als Traumatisierte ihr eigenes Erleben von dem Erzählten ab. Und das ist für die Zuhörer nur schwer auszuhalten. Und für die Leser möglicherweise auch.

So fühlt auch die Protagonistin ihrem Singsang ausgeliefert:

Immer wieder überkam mich die Versuchung, mir die Hände auf die Ohren zu pressen und ‚hör auf‘ zu sagen. In mir wuchs der Wunsch, eine Abwehr zu errichten gegen diese traurigen Geschichten von verlorenen Heimaten, eine Glaswand, an der sie abprallen würden ohne die Möglichkeit, tiefer einzudringen. … Oma Erika erzählte und im Grunde war es egal, ob ich zuhörte oder nicht, es war bereits ein Teil von mir. (Seite 160)

Die Enkelin kann sich nicht wehren. Sie ist schon infiziert und hat diese unausgesprochenen Emotionen verinnerlicht. Alina gehört bereits der nächsten oder sogar übernächsten Generation der Vertriebenen an. Und hat ihre eigene Auswanderung, ihre eigene Umpflanzung erlebt, die sie noch nicht verdaut hat. Von einem vor Gesundheit strotzenden Kind verwandelt sie sich in eine kränkelnde und fast hypochondrische Erwachsene, der es schwer fällt, Fuß zu fassen. Sie wandelt fast unbeteiligt durch die Welt, trifft Menschen, aber sie berühren sie nicht. Sie nimmt alles genaustens wahr, aber sie lässt sich nicht hineinziehen in ihr Treiben. Alina lebt sich nicht aus, bleibt zögerlich, hat Sehnsüchte, setzt sie aber nicht um. Sie wirkt angepasst. Vielleicht zu sehr?

Ist das eine Folge ihrer eigenen Migration oder sogar eine Auswirkung des Grauens, das die Generationen vor ihr erlebt haben? Oder einfach ihre Art, sich der Fremde und dem Leistungsdruck zu verweigern? Krankheit und Nichthandeln als Ausweg.

Die psychosomatischen und psychischen Zusammenhänge bleiben nur angedeutet, Eleonora Hummel geht subtil vor, sie beschreibt einen Zustand, sie gibt keine expliziten Erklärungen oder eindimensionalen Lösungen vor. Die Autorin bleibt selbst im Hintergrund, lässt Oma Erika monologisieren, lässt Alina ihre Handlungen ausführen ohne ihre Motive zu werten oder zu erörtern.

Und das ist eindeutig eine Stärke dieses Romans.

Allerdings muss man man schon genau lauschen, um die Botschaft zu erhaschen. Und vielleicht fehlen den einheimischen Lesern  (und Literaturkritikerinnen) manchmal die passenden Codes dazu. Es gibt eine Stelle, da fällt es mir besonders auf, dass Menschen, die nicht in Sowjet-Russland gelebt haben, den Sinn nicht komplett erfassen können:

Rudis Vater hieß Fritz, und das war der Grund, warum die Familie bereits in den Siebziger Jahren in die DDR ausgereist war. Kein guter Name für einen anständigen Sowjetbürger, aber Fritz hat sich zeitlebens geweigert, ihn ändern zu lassen. (Seite 178)

Für einen nicht russisch sozialisierten Leser, würde der Satz mit einem beliebigen deutschen Namen wie Hans oder Albert ebenso funktionieren. Der Witz aber ist, dass in Russland alle Deutschen einheitlich als Fritzen beschimpft wurden und das Fritz dort ein Synonym zu Faschist war und ist. Diejenigen, die in Russland geboren sind, und insbesondere die Deutschen, die dort nach dem zweiten Weltkrieg gelebt haben, können ermessen, wie viel Hass und Verachtung in dieser Bezeichnung liegt und so ein Name durchaus ein Grund sein kann, das Land zu verlassen.
Vielleicht wäre an dieser Stelle noch eine winzige Erklärung hilfreich, nur ein Satz und kein soziogeschichtlicher Ausflug.  Denn so ist es mit vielen Büchern: der Sinn entsteht im Kopf des Lesenden und kann nur damit gefüttert werden, was dieser weiß. Alles genauestens aufzudröseln würde den Fluss der Erzählung nur behindern.

In solchen Momenten drängt sich mir die Frage nach der Zielgruppe auf. Für wen wurde dieses Buch geschrieben? Etwa nur für Aussiedler, die jede Feinheit davon verstehen und jede Situation nachvollziehen können? Schade nur, dass es gemeinhin von ihnen heißt, sie würden nicht so häufig zu Büchern greifen. Bei diesem verpassen sie jedenfalls eine ganze Menge. (Vorurteile lassen grüßen, beweist mir das Gegenteil!)

Ich glaube eher, dass durch die Themen der Entwurzelung, der Suche nach dem eigenen Weg und dem Ankommen in einem neuen Land ‚Venus am Fenster‘ für viele Anknüpfungspunkte bieten kann. Allein dieses Gefühl der 80iger Jahre, das da beschreiben wird,  dass das eigentliche Leben nie da stattfindet, wo man sich gerade aufhält. Wie in einer großen Wartehalle. Wobei wir wieder beim Bahnhof wären.

Wenn ich mir an dem Roman etwas anders gewünscht hätte, dann das Ende. Mir kommt es so abrupt vor. Es wäre mir lieber, wenn Irma und Alina noch tiefer in den Konflikt gehen würden. Denn ich kann mir vorstellen, dass diese zehn Jahre und die verschiedenen Lebensentwürfe die beiden Schwestern auf so existentielle Art trennen und sie aufeinanderprallen lassen wie die tektonischen Platten vom St. Andreas Graben. Statt dessen gehen sie sehr behutsam miteinander um. Sie knallen nicht. Und da, wo die Diskrepanzen anfangen könnten sichtbar zu werden, hört die Geschichte auf.

Doch das gehört vielleicht auch zum Konzept des Buches.

Venus_am_Fenster_Cover_

Eleonora Hummel, Die Venus im Fenster

Roman

Steidl Verlag, Göttingen 2009
ISBN 9783865218780
Gebunden, 217 Seiten, 18,00 EUR