Spruch der Woche – Wo kommst du denn her?

Gespräch im Flur einer Wohngemeinschaft, im Hintergrund Partymusik, Stimmen.

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Hä?

  • Naja, ich habe mir vorgenommen auf die Frage Wo-kommst-du-denn-her jedes Mal mit der Frage zu antworten, sind deine Eltern geschieden. Also, bist du ein Scheidungskind?

  • Was soll das? Ich habe dich doch nicht angreifen wollen. Was bist du empfindlich.

  • Ich bins nur leid. Oder hast du jemals ein gutes Gespräch erlebt, das mit dieser Frage eröffnet wird?

  • Aber sie ist doch ganz harmlos, ich habe doch nur…

  • …eine Schublade geöffnet, mich hineingesteckt, die Schublade wieder zugemacht. Hast nur meinen Akzent gehört und wolltest zementieren, dass wir nicht die gleiche Luft atmen.

  • Aber ich war wirklich neugierig.

  • Wirklich? Und wenn ich keine Lust habe mit jedem Hinz und Kunz über meine Herkunft zu sprechen? Bestimmt gehörst du zu denjenigen, die eine große Person fragen: Sag mal, hast du nicht Probleme damit ein Bett zu finden, das groß genug ist? Und die sich dabei besonders originell vorkommen.

  • Ach, weißt du was, du hast einfach keinen Bock, dich mit mir zu unterhalten. Ich geh mal Richtung Küche.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

  • Beides Fragen, die zur Eröffnung eines Gesprächs scheiße sind.

  • Alter, du bist ja ganz schön spaßbefreit.

  • Und Tschüss.

 

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Woher weißt du das? Kennen wir uns?

  • Nein. Noch kennen wir uns nicht.

  • Hast du es mir angesehen oder was?

  • Hast du es mir angehört, dass ich nicht von hier komme, oder was?

  • Ja, schon. Irgendwie. Bist du denn deutsch?

  • Sehe ich so aus?

  • Nun, du siehst eher so südosteuropäisch aus. Mit den dunklen Haaren und so.

  • Und du fragst alle Dunkelhaarigen aus welcher Ecke Südosteuropas sie kommen, ja?

  • Äh, weißt du was, das ist mir jetzt zu bunt.

  • Und Tschüss

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du eigentlich her?

  • Aus Altona.

  • Nein, ich mein, wo kommst du ursprünglich her? Oder deine Eltern.

  • Und du?

  • Ich bin von hier. Ich wollte dich jetzt nicht beleidigen oder so. Ich war einfach neugierig. Und? Wo kommst du denn nun her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Dann eben nicht.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Und du, wo kommst du denn her? Irgendwo aus dem Osten, stimmts? Polen? Russland? Ich hab ein Ohr für sowas.

  • Sind deine Eltern eigentlich geschieden? Ich hab ein Auge für sowas.

  • Hey, nicht gleich beleidigt sein. Ich wollt nur freundlich sein, das ist alles.

  • Dann sag doch, deine Bluse gefällt mir, oder so.

  • Damit du gleich konterst, ich sei sexistisch? Ich bin doch nicht blöd.

  • Da hast du recht. Das geht nicht. Kennst du keine besseren Fragen? Woher kennst du Paul?  Wäre doch eine Option.

  • Und woher kennst du Paul?

  • Wir haben uns beim Studium kennengelernt. Slawistik.

  • Siehst du, wusst ichs doch. Irgendwas mit Polen oder Russland. Du kommst doch von da, oder?

  • Schönes Hemd!

  • Häh?

  • Und Tschüss.

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#Luenen.Nur.Ein.Einzelfall.

 

Am Morgen danach kommt die Meldung gleich an zweiter Stelle in den Nachrichten. Nach dem Bericht über den Einmarsch von Erdogans Truppen in kurdische Gebiete in Syrien. Mit Leopard-Panzern aus deutscher Produktion übrigens.

Lünen. Wo sonst über Kabul, Berlin und Los Angeles berichtet wird.

Es heißt: an einer Gesamtschule in Lünen habe ein Jugendlicher einen anderen erstochen. Der 15-jährige Angreifer galt als aggressiv und „unbeschulbar“. Er war mit seiner Mutter an die Käthe-Kollwitz-Schule gekommen, um in einem Gespräch mit der Sozialarbeiterin zu klären, ob er dort wieder aufgenommen wird. Vor etwa einem Jahr musste er diese Schule verlassen.

Käthe Kollwitz, Zwei miteinander ringende Männer, 1892

Ein ehemaliger Schüler ersticht seinen Mitschüler. Warum hatte er überhaupt ein Messer bei sich? Und. Was ist das für ein seltsamer Grund, der in allen Medien kollportiert wird, der andere hätte seine Mutter mehrfach provokant angesehen? Alles ist höchst undurchsichtig. Das Geschehen ist noch nicht richtig kriminalistisch untersucht worden, doch schon tauchen die ersten Meinungen und Urteile auf.


Dabei handelt es sich um einen tragischen Vorfall, der für alle Betroffenen höchst dramatisch ist. Die Schüler und Schülerinnen, das Lehrpersonal und die Eltern werden seelsorgerisch betreut. Nicht auszudenken, wie sich die Eltern des Jungen fühlen müssen, der am Dienastag morgen zur Schule ging und nie mehr wiederkommen wird.

Doch statt Mitgefühl zu zeigen, wird in sozialen Medien über die Nationalität des Täters spekuliert. Ein rechtspopulistisches Online-Magazin titelt: „15-jähriger Kasache tötet Leon (14) auf Schulflur“. Es ist nämlich so, dass der Täter zwar in Lünen geboren wurde, aber eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. Seine Eltern sind aller Wahrscheinlichkeit nach Spätaussiedler und haben in Kasachstan gelebt. Dass die Familie des getöteten Jungen ebenfalls aus Kasachstan stammt, wurde in einigen Medien zunächst abgegeben, doch anschließend wieder entfernt. Vermutlich stimmt es auch gar nicht. Und irgendwie spielt es doch auch keine Rolle. Sollte es zumindest nicht. Oder?

Besorgte Bürger ereifern sich voll Schadenfreude, dass die Tat an einer „Schule ohne Rassismus“ verübt wurde, die einen offenen und freundlichen Umgang miteinander fördert, egal woher die Schüler*innen kommen. Und nun das: Ein Kasache sticht dort einen Deutschen ab.

Ihre Rechnung ist simpel: kasachischer Pass=Kasache=Moslem. Und auch gleich Messer. Gleich Gewalt. Gleich Merkel ist schuld.

Die rechtsgerichtete Presse schreibt in dem oben erwähnten Artikel, dass in Kasachstan 70% der Einwohner Suniten seien. Das stiftet Verwirrung. Ist der Täter ein Moslem?

Da er aber kein Moslem ist, werden nun andere Vorurteile aus der Mottenkiste gezogen. Aussiedler. Da war doch was?

Unintegrierbar. Parallelgesellschaft. Gewaltbereit (das bleibt also gleich, puh, gott sei Dank!). Schaut nur russisches Fernsehen mit Putins Fakenews. Und auch der vielzitierte Schäferhund im Stammbaum wird wieder hervorgekramt. Wie war das, haben die nicht damals bei der Einreise horrende viel Kohle bekommen?

Frau Zielisch ist übrigens Abgeordnete der AfD

Plötzlich geht es wieder um eine fremde Kultur. Wir gegen die. Dabei wollen die Aussiedler doch so gerne zum „wir“ werden. Dazugehören. Als Gleiche unter Gleichen.

Eine Situation wie in Kandel? Nein, nicht ganz. Als es klar wird, dass der Junge ein Aussiedler war, schweigen die Rechtspopulisten dann doch. Zumindest die offiziellen Stellen. Sie wollen die neugewonnen Wählerstimmen nicht wieder verlieren. Es wird keinen Trauermarsch geben.

Davon, wie sich die anderen AfD-Sympathisanten über das Kasachische und die Unkultur der Russen förmlich das Maul zerreißen, merkt man auf den Seiten von „Russlanddeutschen für die AfD“ herzlich wenig.
Sie ignorieren einfach die offen rassistischen Kommentare. Nach Tagen posten sie lediglich die Todesanzeige des Opfers. Mit Beileidsbekundungen darunter.

Wäre nicht spätestens jetzt der Moment, um innezuhalten? Um sich zu fragen, ob diese rechtspopulistische Partei wirklich eine gute Alternative für unsere Minderheit wäre? Denn wenns hart auf hart kommt, sind wir dann doch nicht die nützlichen, gut integrierten und wertebewussten Mitbürger, sondern werden schnell zu Iwans, Kasachen und Fremden, die mal einen deutschen Schäferhund hatten und zu Gewalt neigen, wenn unsere Ehre angekratzt wird.

Wäre nicht spätestens jetzt der Zeitpunkt zu merken, dass uns diese Herren und Damen Superdoitschen nicht für ihre Brüder und schon gar nicht für ihre Schwestern im Geiste halten?

Ich fürchte, das wird nicht geschehen. Die Suche nach Anerkennung, danach endlich anzukommen und aufgenommen  zu werden, scheint größer zu sein und wird sicher auch dieser Ent-Täuschung standhalten.

#Luenen wird irgendwann zu den anderen schrecklichen Nachrichten gereiht und abgehakt.

Schon nach dwei Tagen ist dieser Vorfall aus den Medien verschwunden. Dann kommen die Meldungen wieder aus Kabul, Berlin und Los Angeles. Jetzt bleiben die Familien mit dem Schock und der Trauer allein. Und werden merken, was ein einzelner Vorfall im Leben anrichten kann.


***

Einige der Kommentare aus Facebook, nur für diejenigen, die sie sich antun wollen:

Man liest bald nichts mehr anderers. Da ein gest0chere, da ein gest0chere, gehört bei deren Kultur scheinbar zu den Utensilien, die man täglich einstecken hat, wie unsereins ein Taschentuch oder einen Schlüssel.

– Sollte der Verdächtige ein Russlanddeutscher sein, dann möchte ich darauf hinweisen, dass er in einem kulturellen Umfeld in Kasachstan sozialisiert wurde, das keinesfalls „russlanddeutsch“ ist.

– Ja aber das ist unser neues Land… “ Ein land in dem wir gerne und gut leben “ Danke an unsere Eliten

– Seltsam aber die afd hat sich dazu noch nicht geäußert.abgesehen davon, mein Beileid an die Familie

– Die müssen erst mal schauen, ob der Kasache nicht zufällig auch Russlanddeutscher war.

– Ich weiß. Aber die sind ja der Meinung, dass mindestens die Eltern auch Deutsch sein müssen, damit die Nachkommen den deutschen Pass haben dürfen. Blutquatsch.

– Die AFD ist sowieso komisch. Zum Mordfall Marcel H. haben die sich, glaube ich, gar nicht geäußert. Und bei dem vergeigten Bombenanschlag auf dem Bus des BVB kam, glaube ich auch nichts mejr, als heraus kam, dass der Täter ein Russe, Deutschlandrusse o.ä. war.

– Soweit das aus den Medienberichten zu entnehmen ist, dürfte der Junge Russlanddeutscher sein – und die sind der AfD häufig nicht ganz abgeneigt… Dementsprechend werden die einen Teufel tun und sich dazu äußern.

– Der Täter war Nationalität Mensch. Das sollte für alles weitere reichen.

 

Gute Nachricht zum Fest – POKA auf BluRay

Vor einiger Zeit habe ich mich beschwert, dass wir in Deutschland Filme von russlanddeutschen Regisseur*innen zum Thema Aussiedler kaum zu sehen kriegen.

Ich muss mich nun revidieren.

Ganz pünktlich zum Fest der Freude ist der Film Poka-Heißt Tschüss auf Russisch auf BluRay erschienen. Und für 7,- Euro (plus Versandkosten für diejenigen, die mehr als 1KG bestellen. Habe aus ernstzunehmender Quelle, dass 52 Stück 5,5 Kilo wiegen.) kann er bei der Bundeszentrale für politische Bildung erworben werden.

Habe aus ernstzunehmender Quelle erfahren, dass 55 Stück an die 5,5 Kilo wiegen. Naja, dann kann ja die gesamte Verwandtschaft eingedeckt werden. Wow, alle Geschenke mit einem Streich!


Im ZDF lief er ja mal im Sommer Rahmen des kleinen Fernsehspiels Zu nachtschlafender Zeit. Nun können ihn endlich alle gucken, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen und müssen nicht mehr bis nach Mitternacht aufbleiben. Wenn das keine gute Nachricht ist?

Ein Film über das Ausreisen aus einer Kolchose in Kasachstan, das Ankommen in einer deutschen Turnhalle, gewürzt mit einer russisch-deutschen Liebesgeschichte.

Wer nochmal nachgucken möchte, worum es hier geht, ich habe hier noch eine ältere Rezension dazu.

Und noch ein kleiner Vorgeschmack zum Film:

Ich wünsche Poka und seinen Macher*innen und allen, die teilgenommen haben, dass sich diese Filmträger viral verbreiten!

Treppenhausfluchten

Die im Treppenhaus abgestellten Dinge sind zu entfernen, sie sind aufgrund von Brandgefahr und der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ein Mal im Jahr schreibt die Hausverwaltung diese Aufforderung, das Zeug im Treppenhaus betreffend.

Das Treppenhaus ist aufgrund der Freihaltung von Fluchtwegen freizuhalten.

Ungelogen. Das steht wirklich so da. Aufgrund von Freihaltung freizuhalten. Leider kann ich nicht entgegnen: Dieses Schreiben ist aufgrund von unschöner Sprache als gegenstandslos zu betrachten.

Jedes Jahr um diese Zeit stellen wir das Schuhregal in die Wohnung, bringen die Stöcke und die Kreide, die Eimer mit Ostsee-Steinen, Rollschuhe und Roller und alles was sich angesammelt hat, raus oder hoch auf den Dachboden. Und nach einer bis zwei Wochen wandert alles wieder an den Platz neben der Haustür. Zuerst die Schuhe, danach die gesammelten Dinge, die nicht in die Wohnung gehören. Bis zur nächsten Aufforderung, die Fluchtwege freizuhalten.

Was wissen die schon von Fluchtwegen? Auf welchen Wegen sind sie denn schon geflohen?

Ich sollte ihnen entgegnen: es ist ein für alle Mal vorbei mit Flucht und Vertreibung. Von Ost nach West, von West nach Ost. Ein ewiges hin und her. Aus, Schluss, vorbei!

Alle Koffer sind doch schon ausgepackt und verstaut, oben auf dem Schrank oder unter dem Bett. Koffer, die höchstens hervorgeholt werden sollen, wenn es auf Urlaub geht, ab in den sonnigen Süden oder in den windigen Norden.

Ich sollte Ihnen entgegnen: Fluchtwege dürfen nicht freigehalten werden. Das Haus muss die Menschen festhalten dürfen, schreien, geh nicht, bleib hier, verlass mich nicht. Ein Haus verliert nichts gern. Am wenigsten seine Bewohner. Denn dann steht es ohne seine Bestimmung da. Also hört es nicht auf, zu wiederholen: Setz deinen Fuß zurück auf meine Dielen, setz dich aufs Sofa, an den Küchentisch und verharre da. Du gehörst zu mir, wie dein Name an der Tür.

Eigentlich muss uns die Hausverwaltung noch dankbar sein. Denn es sind doch alles Fluchtverhinderer da draußen im Flur. All die Gegenstände, die wir anhäufen, verhindern unser Fliehen, weil wir sie nicht mitnehmen können.

Wie viel Leben passt schon in einen Koffer? Wie viel Leben kannst du mitnehmen auf der Flucht treppab, fernab vom heimischen Herd. Ein paar Schuhe. Die Kleidung am Leib. Einige Fotos und etwas das dir heilig ist. Etwas Proviant. Sonst nichts.

Aber so werde ich heute das Regal mit den Schuhen, die Kreide und die Ostseesteine entfernen und warten, bis die Verwaltung ihre Objektbegehung hinter sich gebracht hat.

Rosenkohl-Glamour

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Wenn Aussiedler ein Gemüse wären, wären sie sicher Rosenkohlröschen. Kein häufig verbreitetes wie Kürbis oder Möhre, kein exotisches wie die Tomate, die ja halb eine Frucht ist. Nicht Spinat oder Kartoffel. Auch keine Gurke, trotz ihrer Zugehörigkeit zum Wodka. Auch kein Superfood. Saisonal und leicht bitter. Nicht von allen gemocht, aber nahrhaft und bodenständig. Ein wenig bekannter Cousin des geschmeidigen Italieners Brokkoli. Er steht in zweiter Reihe. Oder dritter. Oder vierter.

Es werden keine Oden an den Rosenkohl gesungen. Er wird nicht auf Gemälden verewigt wie der Granatapfel. Er ist nicht die blaue Blume der Romantik. Aber er ist da. Und ergibt eine gute nahrhafte Suppe im Winter. Reduktion und Durchhalten. Nicht Fülle.

Smoothies mit Rosenkohl? Wohl kaum. Rosenkohlparfait? Eher selten. Rosenkohlsoufflee. Noch nie gegessen.

Er wird höchstens mal mit einer zünftigen Lammkeule serviert. Als Beilage. Und auch nicht beim Bankett, sondern eher in der Alltagsküche. Und wachsen tun die Köpfchen gemeinsam an einem Strunk, als Großfamilie sozusagen. Auch das passt. Alle zusammen.

Auf dem Mitmachblog habe ich heute den Beitrag von Karo-Tina entdeckt, da hat sie zum Thema Perlen Rosenkohlköpchen fotografiert.
Endlich kommt dieser Vertreter der Kohlfamilie zu etwas Glamour. Und mich hat diese Idee zum Nachdenken angeregt. Und zwar nicht nur darüber, was es heute zu mittag gibt.

Aber einen Denkfehler habe ich wohl doch gemacht. Rosenkohl ist in Russland weitestgehend unbekannt. Oder nein, vielleicht passt das ja gerade deswegen. Ein ein fremdes Kohlköpfchen im Land des Weißkohls.

Da fällt mir ein Gemüsewitz aus dem Sozialismus ein. Sitzen Radieschen, Gürkchen und die Kartoffel im Vorzimmer des KP-Büros. Einer von ihnen soll heute zum Vorzeigegemüse des Kommunismus gewählt werden.

„Mensch Kartoffel, du hast die besten Chancen,“ sagt Gürkchen, „Du bist die Hauptspeise für Millionen von Arbeitern. Mit ihren bloßen Händen graben sie dich aus der gefrorenen Erde Sibiriens und auf weichwogenden Feldern der Ukraine bist du auch zu finden.“

„Ach was“, sagt Kartoffel, „Radieschen hat wird das Soz-Gemüse des Volkes. So rot wie sie ist.“

„Warum sie dich eingeladen haben, Gurke,“ sagt Radieschen siegesgewiss, „kann ich nicht verstehen. Als Salzgurke bist du bei jedem Besäufnis dabei. Das ist moralisch nicht zu vertreten.“

Kartoffel wird hereingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus. Niedergeschlagen.

„Sie haben gesagt, ich sei zwar die Speise des Volkes, komme aber ursprünglich aus Amerika. Und bin dementsprechend ein Spion und ein Diversant,“ klagt Kartoffel.

Radieschen wird reingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus, niedergeschlagen.

„Und, was ist Radieschen, warum haben sie dich nicht genommen?“

„Sie sagten, ich sei zwar außen rot, aber innen bin ich weiß!“

Gurke geht rein. Kommt mit stolzgeschwellter Brust raus. Mit Medaille darauf.

„Du! Du bist es geworden?“

„Ja. Ich bin zwar nicht rot, aber ich bin auf jedem Tisch im Land, bei jeder Feier und im Alltag. Mit meinem Freund dem Dill.

Und außerdem bin ich durch und durch hiesig (unser). Und kein Ausländer.“

 

Spruch der Woche: Einzug

Aussiedlerschicksal in zwei Zeilen:

“Fremd bin ich eingezogen,
fremd zieh ich wieder aus.“

aus dem Libretto von Wilhelm Müller (1794 – 1827)  zu Schuberts „Gute Nacht“ / DieWinterreise

Man muss sich diese Zeilen mit der Wunderschönen Musik von Franz Schubert vorstellen:

Hier mit Gesang:

Und nun? Wir sind wieder eingezogen. Wird sich zeigen, wie lange wir fremd bleiben. Und ob wir wieder ausziehen. Ich würde sagen:

Wir sind gekommen, um zu bleiben, um hier ein anderes musikalische Zitat zu bringen.

Obwohl es russische Pressestimmen gibt, die besagen, dass es unter den Deutschen aus Russland in Deutschland starke Tendenzen gibt, zurück nach Russland zu ziehen. Und zwar massenweise. Ein Hoax des Kreml?

Das ist ein hin und her. Ich sach es euch.

Von Kälbchen und Schweinchen

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Ich bin es satt, ewig die gleichen Parabeln zu hören und zu lesen. Die mit dem deutschen Schäferhund und die mit dem Kalb im Schweinestall. Da sagt jemand zu einem Aussiedler, wenn du in Kasachstan geboren bist, dann bist du wohl ein Kasache? Oder ein Deutsch-Kasache, wenns hoch kommt. Und dann ist derjenige sofort beleidigt.

Um die Sachlage mit seiner Abstammung zu erklären, greift der so Angesprochene dann gern zu diesem Spruch:

Aber wenn ein Kalb im Schweinestall geboren wird, ist es noch lange kein Ferkel.

Nicht, dass ich das mit dem geborenen Kasachen gutheiße, das ist zu kurz gedacht, aber der Vergleich hinkt. Schweine und Kälber sind zwar Säuger wie wir, aber sie gehören verschiedenen Tier-Gattungen an. Menschen und Menschen aber nicht. Ihr Verständnis von Zugehörigkeit oder Trennung ist ein Gebilde. Ein Konstrukt. Eine Geschichte. Komplex wie sonstwas.

Als wieder so eine Verkürzung auf Facebook kam, habe ich mal vorgeschlagen, statt geborener Kasache (der Reporter wollte einfach nur eine Variation zu dem Namen) was anderes zu nehmen. Wahlkasache trifft es nicht. Denn die Deutschen wurden meist dahin deportiert oder sind nach der Deportation aus Sibirien oder dem Ural dorthin geflohen. Zwangskasachstanisiert vielleicht? Oder wir bestehen in Zukunft auf: irgendwo aus Deutschland über den Kaukasus (Ukraine/Wolgagebiet) in den Kasachstan (nach Sibirien/Karelien/in den Ural) und dann wieder nach Westfalen (Schwaben/Bayern/Dresden) getriebener Vertriebener, manchmal freiwillig geflüchtet, manchmal so richtig zwangsweise verfrachtet, und am Schluss einfach ausgeflogen, um es noch genauer zu sagen. Abgekürzt: aDüKiKnW-gV-mfgmrzv. Das dürfte es ungefähr beschreiben.

Aber was ist uns das wert, dass wir zu solch komplexen Formeln greifen? Und sie beinhalten noch nicht, welche Musik uns prägt, welche Mode wir mögen oder welche Art der Kommunikation wir bevorzugen. Denn nicht alles wird von der Herkunft und Geschichte geprägt.

Klar, wird der gemeine Wald-und-Wiesen-Deutsche bestimmte Dinge nicht wissen:

– dass im Vielvölkerstaat Sowjetunion die fünfte Zeile im Pass eines jeden Bürgers und einer jeden Bürgerin wesentlich war: die der Nationalität. Dass wenn Russen also in der Mongolei lebten und sich wie die Könige aufführten, sie sich deshalb noch lange nicht als Mongolen sahen. Und wenn Georgier in dritter Generation in Moskau gemeldet waren, sie nicht als Russen akzeptiert wurden. Never ever.

– dass es also dort klar war und ist, wer Deutscher war und wer nicht (auch ohne Schäferhund übrigens. Nur der Sänger Jewtuschenko hat seine deutschen Wurzeln aus überlebenstechnischen Gründen verborgen und hat den Mädchennamen seiner Mutter angenommen. Das ging also auch. War aber eine Ausnahme.)

Diese Zeile hat das mit der Identität also vereinfacht? Möglich. Und manche Russlanddeutsche haben das noch immer verinnerlicht. Aber in Deutschland des Jahres 2016 (bald 2017) ist es ganz anders:

Die Frage der Nationalität ist fließender. Oder fest wie Granit. Auch ohne Zeile Nummero fünf. Kommt darauf an, mit wem du es zu tun hast.

Ich verstehe, dass es einer Gruppe wie den Russlanddeutschen wichtig ist, dazuzugehören. Nicht ausgegrenzt zu werden. Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung. Aber es wird nicht soweit kommen. Sie werden immer als etwas Wildfremdes beäugt werden. Auch wenn sie ihren Stammbaum bis in die achte Generation zurückverfolgen können. Nach Mannheim am Main.

Menschen, die Aussiedler als Russen/Kasachen/Kirgisen bezeichnen, kennen deren Geschichte nicht und ihre Beweggründe, sich als Deutsche zu fühlen. Aber was noch wichtiger ist, sie wollen sie nicht kennen.

Menschen, mit einem deutschen Pass, mit deutschen Vorfahren, kümmern sich nicht um Belange der Herkunft. Sie sind ja privilegiert. Leben in Europa, können sich frei bewegen. Nur für die USA müssen sie so einen komischen Bogen auf dem Flughafen ausfüllen.

Sie machen sich keine Gedanken. Weil für sie die Herkunft kein Thema ist.

Oder, das sind die anderen Kandidaten, sie reduzieren alles auf die Herkunft und wollen die Reinheit ihrer Nation herstellen. Auch diese Menschen reden gerne mal von Kälbchen und Ferkeln im Stall. Oder bemühen sogar das Jesuskind, das ja im Stall geboren wurde, aber keine Kuh ist.

Was soll mir das sagen? Dass ich nach Ansicht dieser zweiten Gruppe kein Recht habe, in diesem Land zu leben oder mich deutsch zu nennen, weil ich in Omsk geboren wurde? Oder weil meine Mutter Russin ist? Nein, jetzt bin ich verwirrt. Nein, die Argumentation ist, dass sie meinen, dass ein Türke nicht das Recht hätte, sich deutsch zu nennen. Auch wenn er oder seine Eltern schon in Bottrop-Brauxel geboren und aufgewachsen sind.

Interessante Frage. Was bestimmt uns? Unsere Umgebung? Das soziale Umfeld? Die Sprache? Die Filme und Bücher, die wir konsumieren? Was von uns nimmt die Färbung der Umgebung an? Was saugen wir auf, aus dem Land, in dem wir leben?

Wie fühlen sich eigentlich diejenigen Deutschtürken, die zu Besuch oder auf immer in die Türkei fahren? Irgendwie fremd? Irgendwie deutsch? Irgendwie anders? Reden sie eigentlich von Kälbern und Schweinen? Oder von Kälbern und Hühnern, denn Schweine sind ja nicht helal.

Diese strikte Trennung nach Volkszugehörigkeit ist doch nur in abgelegenen Gegenden möglich. Auf Inseln, auf die seit Jahrhunderten kein anderer kommt. Oder in abgelegenen Dörfern im Himalaja. Aber doch nicht in einer Gegend, durch die Menschen seit Menschengedenken ziehen. Manche bleiben, andere wandern nach Übersee aus oder in östliche Steppen. Kommen wieder. Bringen aus der Fremde nicht nur den Sand in den Aufschlägen ihrer Hosen mit, sondern andere Bilder, andere Träume und andere Kehllaute.

Aber warum müssen wir jemandem beweisen, dass wir deutsch sind? Was daran ist wichtig? Wem ist das wichtig? Wem nützt das?

Können wir uns nicht als etwas ganz Eigenes betrachten? (Wobei ich nicht sicher bin, ob die Russlanddeutschen wirklich als die homogene Masse begriffen werden können, als die sie manchmal dargestellt werden).

Ich kann nicht mitreden. Ich wurde noch nie verbal angegriffen, sobald ich meinen Mund aufgemacht hab. Weil ich akzentfrei rede und mir meine Herkunft nicht gleich anzusehen ist. Ich kann mich nicht an Nachteile erinnern. Ich weiß noch nicht einmal, inwieweit der Geburtsort Omsk sich bei diversen Bewerbungen als Ablehnungsgrund herausgestellt hat. Vielleicht. Vielleicht nicht.

Vielleicht passiert Folgendes, wenn du immer und immer wieder wegen bestimmter Merkmale auf deine Herkunft zurückgeworfen wirst:

Du fängst an

a) dich zu verteidigen (und von Kälbchen und Ferkeln zu reden)

b) dich als der/die Fremde zu geben, der/die du ja sein sollst (volle Kanne russisches Fernsehen gucken, im Mix-Markt einkaufen etc.)

c) verbittert zu sein und dir dein Beleidigtsein wie eine zweite Haut anzulegen.

Wer wissen will, was ein Deutscher aus Kasachstan genau ist und wie er dahin gekommen ist, kann sich ja mal die Geschichte oder die Geschichten ansehen. Möglichkeiten gibt es genug.

Ach, keine Lust? Interessiert nicht? Dieses ganze Deportationsgeschwafel? Dieser Zugehörigkeitsscheiß?

Na denn, dann bleibt alles beim Alten.

Stimmt, es schon bitter, wie wenig sich die Leute um die Geschichte der Russlanddeutschen kümmern. Aber sie kümmern sich auch nicht um die Geschichte der italienischen Einwanderer in Argentinien oder der chinesischen Minderheit in Indonesien (sehr interessant übrigens). Besonders nicht, wenn Geschenkkäufe anstehen und die Feiertage näherrücken.

Statt dessen platzen sie einfach heraus mit ihren Einordnungen, ohne auch einen Wimpernschlag lang nachzudenken.

Aber die Sache ist nicht so einfach. Oder ist sie doch.

Ein Mensch ist und bleibt ein Mensch. Und das ganz egal wo er geboren wurde. Oder sie. Im Stall oder im Kreißsaal einer Klinik.