Nomen est Omen I

Aussiedler. Das klingt doch irgendwie doof. So unsexy. So wenig schnittig und modern. Möchte man so genannt werden? Nicht wirklich. Gibts eine Alternative? Spätheimkehrer, wird kaum benutzt, nicht viel toller. Oder Russlanddeutsche. Ich weiß nicht, welchen Begriff ich schlimmer finden soll. Aus der Werbung weiß man, ein Produkt kann noch so toll sein, ohne einen attraktiven Namen wirds nicht gekauft. Das ist wie beim Thema Handarbeit. Handarbeitszirkel gibt’s nicht mehr. Alle betreiben Do It Yourself und sind in Sachen Handmade unterwegs, oder Crafting. Aber wäre ein Anglizismus hier passend? Settlers? Planters? Homesteaders. Nö.
Aus-siedler so wie Aus-länder, aber das sagt man ja nicht mehr. Mit Migrationshintergrund heißt es in einer politisch korrekten Schreibweise. Die große Frage: haben Aussiedler einen Migrationshintergrund? Ich würd sagen, aber sowas von! Mindestens sieben Generationen des Umherziehens und Heimkehrens und wieder verschleppt werdens. Also nicht nur mit Migrations- sondern sogar mit Deportationshintergrund. Die Nachkommen sind aber nicht Exdeportierte. Wie fasst man das alles zusammen und fügt es zu einem schnittigen Begriff?

Siedeln ist eher altbacken, Die Siedler, klingt schon besser, gibt es aber bereits als Spiel. Und eigentlich triffts Aussiedler auch nicht auf den Punkt. Eher Über-Jahrhunderte-hin-und-her-Geschobene oder Zickzackkulturwechsleruebergenerationenmitungeloestentraumataimgepäck. Ein bisschen sperrig. Und die Abkürzungen? ÜJahiuheGes oder Zizakuwis oder ZZKWs. Vergiss es. Die Alteltern und deren Eltern waren ja Kolonisten (nicht zu verwechseln mit Kolonialisten!) Also vielleicht Ex-Kollis aus der Ex-UdSSR? Bäh!

Gibt es Beispiele in der Natur? Zum Beispiel einen Ameisenstamm, der von seinem Volk abgeschnitten wurde, weil auf einer einsamen Insel gestrandet und dann nach Jahrzehnten wiedergekehrt? Gibts da einen Namen für? Sicher nicht. Die alteingesessenen Ameisen würden die Neuankömmlinge sicher zerbeißen bevor sie auch nur Hallo sagen. Wegen Konkurrenz und Darwin und so.

Einfache Vertriebene sinds nämlich auch nicht. Nicht mehr. Zwischen 1941 und 1945 vielleicht und die nächsten 12 Jahre, nachdem Stalin den großen Vaterländischen Krieg gewonnen hat. Wie wärs mit Landwechsler, Umverpflanzte, Umhergetriebene oder Wurzellose. Pflanzen, die leben ohne in der Erde zu wurzeln. Wie Efeu. Aber Efeu ist ein Parasit. Und das ist ein Schimpfwort und trifft es auch nicht. Außerdem sind Aussiedler sehr auf Wurzeln bedacht. Erde und Eigentum sind vielen wichtig. Irgendwo angekommen zu sein und einen Platz zu finden. Verlorene Söhne und Töchter, endlich heimgekommen.

Endlich-Angekommene oder Willkommene wäre nett als Name, ist wohl aber zu viel verlangt von den Hiesigen. Den deutschdeutschen Mitbürgern. Im Gegensatz zu den Russlanddeutschen, auch so ein seltsamer Begriff. Ist auch nicht zutreffend. Denn die meisten kommen aus Kasachstan, wohin die Wolgadeutschen deportiert wurden, die Alteltern stammen vom schwarzen Meer, die Nachkommen sind in Sibirien gelandet oder im Ural. Gilt der Ural eigentlich noch als Russland? Ich glaube er liegt schon jenseits. Also Russlanddeutsche, die nie in Russland waren, außer vielleicht bei einer Städtreise nach Moskau oder St. Petersburg/Leningrad.  Das sind Feinheiten. Aber Sprache ist bekanntlich das Kleid des Geistes. Und wir wollen doch modisch bleiben, oder?

Wildost-Pioniere klingt wie Wildwest-Pioniere, irgendwie abenteuerlich. Sogar Dissidenten hört sich spannender an. Oder Conquistadores, mutig und wichtig. Kolonialisten und Imperialisten, fies aber irgendwie auch stark. Das Wort Aussiedler dagegen hat so einen muffigen Beigeschmack, langweilig und irgendwie nichtssagend. Naja, ein Glück in etwa 100 Jahren haben sich alle schön integriert, sich vermischt mit den Hiesigen und den anderen und dann ist die Bezeichnung kein Thema mehr. Und in der Zwischenzeit?

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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