Spruch der Woche: Seelen aus Glas

Großer Bruder, was ist denn die Seele? Nichts?
Ist sie vielleicht wie Glas?
Glas ist durchsichtig und bricht leicht. Das ist einfach so. Man muss vorsichtig sein, wenn man einen Gegenstand aus Glas berührt. Wenn er Risse bekommt oder bricht, dann kann man ihn nicht mehr benutzen und muss ihn wegwerfen.
Früher gab es Glas, das nicht zerbrach. Es war durchsichtig und trotzdem stabil. Da musste man gar nicht nachprüfen, aus was es gemacht war.
Aber wir haben bewiesen, dass wir eine Seele besitzen, in dem wir uns zerstören ließen. Wir haben gezeigt, dass wir aus echtem Glas sind.

Han Kang, Menschenwerk, Seite 129, 2014 in Korea erschienen,
2017 in deutscher Sprache  im Aufbau Verlag

by candi fitzpatrick, McMurdo Alternative Art Gallery (MAAG) McMurdo Station Antarctica, January 2007

Han Kang webt in ihrem Roman Geschichten um einen Aufstand in einer südkoreanischen Stadt im Mai 1980 als eine Militärjunta eine Studenten- und Arbeiterrevolte gewaltsam niederschlug. Sie beschreibt dieses uns  wenig bekannte Kapitel asiatischer Geschichte auf so eindringliche Weise aber dann wieder so abwesend poetisch, dass es unwirklich-klarsichtige Züge bekommt. Wie ein Klartraum oder ein Stück Überrealität. Sie zeigt, wie Menschen durch Gewalterfahrung zerstört werden, aber auch wie sie in Zeiten heftiger Aufruhr über sich hinauswachsen.

Korea bildet zwar nicht unbedingt den Fokus dieses Blogs, aber die Erfahrung von staatlicher Gewalt und ihrer Wirkung auf diejenigen, die sie durchleben und ihr weiteres Leben sind universell. 2016 hat die Autorin  mit ihrem Roman „Die Vegetarierin“  für Furore gesorgt, mit dieser Hommage an die Opfer der Gewaltexzesse in Gwanju hat sie ein großartiges Werk vorgelegt. Darin lotet Kang aus der Sicht von sechs unterschiedlich Beteiligten die tiefen Unwasser aus, in die Menschen geraten, wenn sie mit programmatischer Gewalt in Berührung kommen.

Der Roman berührt, doch wie kann sie nur auf poetische Weise über so unsagbare Dinge schreiben? Aber wie anders sollte sie es tun?

In einem Epilog beschreibt Kang, wie sie zu diesem Stoff gekommen ist. Als Kind hat sie ein Erwachsenengespräch belauscht, darin ging es um die Nachmieter der Familie in besagtem Gwangju und deren halbwüchsigen Sohn, der in der Zeit des Aufstandes verschwand. Aus diesem persönlichen Anknüpfungspunkt heraus geht sie auf Spurensuche und erzählt die Geschichte des 15-jährigen Dong-Ho und des Geschwisterpaares aus dem Anbau des Hauses und drei weiteren Beteiligten. Die Basis des Romans bilden also reale Personen und ihre Erlebnisse.

HAN KANG
Menschenwerk, Aufbauverlag, 2017, € 20,-

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Spruch der Woche – Wo kommst du denn her?

Gespräch im Flur einer Wohngemeinschaft, im Hintergrund Partymusik, Stimmen.

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Hä?

  • Naja, ich habe mir vorgenommen auf die Frage Wo-kommst-du-denn-her jedes Mal mit der Frage zu antworten, sind deine Eltern geschieden. Also, bist du ein Scheidungskind?

  • Was soll das? Ich habe dich doch nicht angreifen wollen. Was bist du empfindlich.

  • Ich bins nur leid. Oder hast du jemals ein gutes Gespräch erlebt, das mit dieser Frage eröffnet wird?

  • Aber sie ist doch ganz harmlos, ich habe doch nur…

  • …eine Schublade geöffnet, mich hineingesteckt, die Schublade wieder zugemacht. Hast nur meinen Akzent gehört und wolltest zementieren, dass wir nicht die gleiche Luft atmen.

  • Aber ich war wirklich neugierig.

  • Wirklich? Und wenn ich keine Lust habe mit jedem Hinz und Kunz über meine Herkunft zu sprechen? Bestimmt gehörst du zu denjenigen, die eine große Person fragen: Sag mal, hast du nicht Probleme damit ein Bett zu finden, das groß genug ist? Und die sich dabei besonders originell vorkommen.

  • Ach, weißt du was, du hast einfach keinen Bock, dich mit mir zu unterhalten. Ich geh mal Richtung Küche.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

  • Beides Fragen, die zur Eröffnung eines Gesprächs scheiße sind.

  • Alter, du bist ja ganz schön spaßbefreit.

  • Und Tschüss.

 

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du denn her?

  • Sind deine Eltern zufällig geschieden?

  • Woher weißt du das? Kennen wir uns?

  • Nein. Noch kennen wir uns nicht.

  • Hast du es mir angesehen oder was?

  • Hast du es mir angehört, dass ich nicht von hier komme, oder was?

  • Ja, schon. Irgendwie. Bist du denn deutsch?

  • Sehe ich so aus?

  • Nun, du siehst eher so südosteuropäisch aus. Mit den dunklen Haaren und so.

  • Und du fragst alle Dunkelhaarigen aus welcher Ecke Südosteuropas sie kommen, ja?

  • Äh, weißt du was, das ist mir jetzt zu bunt.

  • Und Tschüss

Halbe Stunde später:

  • Wo kommst du eigentlich her?

  • Aus Altona.

  • Nein, ich mein, wo kommst du ursprünglich her? Oder deine Eltern.

  • Und du?

  • Ich bin von hier. Ich wollte dich jetzt nicht beleidigen oder so. Ich war einfach neugierig. Und? Wo kommst du denn nun her?

  • Sind deine Eltern geschieden?

  • Dann eben nicht.

  • Und Tschüss.

Halbe Stunde später:

  • Und du, wo kommst du denn her? Irgendwo aus dem Osten, stimmts? Polen? Russland? Ich hab ein Ohr für sowas.

  • Sind deine Eltern eigentlich geschieden? Ich hab ein Auge für sowas.

  • Hey, nicht gleich beleidigt sein. Ich wollt nur freundlich sein, das ist alles.

  • Dann sag doch, deine Bluse gefällt mir, oder so.

  • Damit du gleich konterst, ich sei sexistisch? Ich bin doch nicht blöd.

  • Da hast du recht. Das geht nicht. Kennst du keine besseren Fragen? Woher kennst du Paul?  Wäre doch eine Option.

  • Und woher kennst du Paul?

  • Wir haben uns beim Studium kennengelernt. Slawistik.

  • Siehst du, wusst ichs doch. Irgendwas mit Polen oder Russland. Du kommst doch von da, oder?

  • Schönes Hemd!

  • Häh?

  • Und Tschüss.

Aus der Tiefe

Es liegen Worte auf dem Grund. Pro Mensch ein Satz oder zwei. Wie im tiefen Wasser liegen sie, die meiste Zeit bleiben sie unerkannt. Sie sind vergraben im Sand oder Schlick. Doch es kann passieren, dass etwas sie nach oben schwemmt, etwas Aufwühlendes, das die Oberfläche berührt und tiefer geht. Dann werden sie aufgewirbelt, steigen in Spiralen hoch und kommen ans Licht.

Neulich war ich dabei, wie so ein Satz empor kam. Wir saßen mit meiner Tante am Tisch, redeten von früher und sie sagte plötzlich zu uns: Ich habe nie eine Kindheit gehabt.

Und aus ihren Augen sprach ein acht Jahre altes Mädchen.

Mit acht, als ihre Mutter starb, musste sie mit einem Schlag erwachsen werden. Von der ersten Minute an wurde sie zu den Tätigkeiten herangezogen, die erwachsene Frauen in einem Haushalt üblicherweise verrichten. Bei der Stiefmutter sollte sie für neun Leute kochen, putzen, Wäsche waschen, natürlich mit der Hand. Auch die mit Maschinenöl verschmutzten Lappen auswaschen, die der Vater von der Arbeit mitbrachte.

„Und stopfen. Man war ja arm, da konnte man nicht immer alles neu kaufen,“ erzählte sie. Alles wurde ausgebessert und gestopft. Socken, Bettwäsche, Hemden, Kleider. Alles. Und so saß sie da.
Einmal durfte sie sogar nicht zu der Beerdigung eines Schulfreundes raus, der im Schwimmbad ertrunken war. Ssenjka Antonow, einer der Zwillinge, war tot und sie musste zuhause sitzen und stopfen.

„Sobald ich erwachsen war, habe ich nie wieder auch nur eine Socke gestopft,“ erzählte sie weiter. „Ich schmeiß die Sachen alle gleich weg, wenn sie kaputt sind.“

Ich habe nie eine Kindheit gehabt – ist so ein Satz aus der Tiefe. Wie ein Faden durchdringt er alle Lebenslagen, zieht sich durch die Stoffe und Muster, die das Leben bereithält. Stört die Farbgebung, lenkt vom Eigentlichen ab, durchsetzt alles. Überschattet die glücklichsten Momente.

Zwei andere Sätze, die unten verborgen lagen: niemand will uns haben, wir gehören nirgends hin. Zwei Satzhälften, durch ein Komma getrennt. Auch so ein Rhythmus, der alles übertönt. Der als kaum wahrnehmbarer, aber durchdringender Tinnitus immer im Ohr mitschwingt.

Es sind die Sätze meines Vaters.

Ich sah ihn, einen erwachsenen Mann, auf einmal aufschluchzen. Er las gerade einen Text des Dichters Alexander Schmidt, in dem es um Heimat und Verlust ging, in dem der Protagonist in die jetzt fremde Heimat zurückgefahren ist. Der Autor schreibt im letzten Absatz: Selig sind die Vertriebenen…, die alles verlieren, die Heimat, das Haus, die Gräber der Ahnen. […]Nur eins bleibt, Großmutters Gebet. Nur ein Wort.

Darüber wimmerte mein Vater laut auf, schüttelte sich und brachte die Sätze heraus: Wir gehören nirgends hin, niemand will uns haben.

Er wurde wieder zu dem kleinen Jungen, der von überall weg musste, für den es kein Ankommen gab, gefühlt bis heute nicht gibt. Wir gehören nirgends hin, schluchzte der, der fast 16 Mal so alt war, wie der kleine Junge von damals und wischte sich die Träne aus dem Augenwinkel. Mit der Geste eines Kindes.

Was ist wohl mein Satz? Was liegt bei mir auf dem Grund?

 

Rollenspielchen

Der Feminsimus ist schuld. An der Scheidungsrate und auch daran, dass Männer keine Männer mehr sein dürfen. Ach, an allem eigentlich.
Wenn Frauen sich auf ihre angestammte Rolle besinnen würden, wäre die Welt eine bessere. Solche Aussagen lese ich auf dem Blog einer jungen Frau, die sich conservative woman nennt, Mitglied bei der AfD ist und eine Deutsche aus Russland.

Tag der Frauen. International. Nelken und Glückwünsche. Danke dafür.

Weibliche Rollen. Bilder.

Die Russen rühmen sich, die besten Frauen zu haben. „Ich war oft in Deutschland, deutsche Männer beneiden uns um unsere Frauen,“ sagt der russische Kultautor Alexander Tsypkin: Ja. Sie sind entspannter.

Schön. Warm. Sinnlich.

Das sind die Attribute, die ihm zu Frauen einfallen. Darum werden sie am 8. März gefeiert, sagt er in diesem Interview: http://mdz-moskau.eu/kultautor-ueber-russland-und-seine-frauen/

Das Diktat der Schönheit. Spaßig. Aber nicht für alle. Diese Flugbegleiterinnen sind nicht ganz so entspannt.

https://www.mdr.de/heute-im-osten/sexismus-russland-102.html

Weibliche Natur.

Die weibliche Natur durften wir in diesem Jahr am 17.2. beim Frauenmarsch in Berlin bewundern.

500 Demonstrantinnen, die gegen Aggression muslimischer Männer auf die Straße gegangen sind. Flankiert von ebensovielen Bikern. Die extra angereist sind, um „unsere Frauen zu schützen“.

Genau mein Humor. Wenn meine Rechte von 500 Bikern durchgedrückt werden. Ach war da nicht was mit Frauenhandel? Diese Frauen habt ihr sicher auch gut beschützt.

Weiblich konnotierte Tätigkeiten. Werden leider nicht wertgeschätzt. Sonst würden sie nicht Frauen überlassen werden.

Die Erfüllung der Frau ist es Mutter zu sein. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur. Was, wenn eine andere Pläne für ihr Leben hat?

„Die strukturelle Benachteiligung von Frauen gleicht einem Yeti. Jeder spricht darüber. Aber noch niemand hat ihn ernsthaft gesehen,“ sagte eine AfD Politikerin vor einer Woche. Wenn 1918 nicht das Frauenwahlrecht erkämpft worden wäre, von Frauen, die gegen strukturelle Benachteiligung auf die Straße und ins Gefängnis gegangen sind, würde sie nicht da vorne stehen und solchen Schmu von sich geben.

Aber keine Sorge, Kollegen von ihr werden das Kind schon schaukeln.

Frauen nicht für Politik gemacht. Warum? Zu emotional.

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/AfD-Fraktionschef-Maenner-eher-fuer-Politik-gemacht,afd1516.html

Der Feminismus ist an allem schuld. Mehr Ehen werden geschieden, seit die Frauen frauenbewegt sind, das Behauptet Sophia Kähm auf ihrem Blog, eine conservative woman, die Beziehungen nach der Bibel auslegt und Familienleben über alles stellt. Erfüllung der Frau. Weibliche Natur. Hm. Nur.

Wenn sich die Frauen nicht aufgelehnt und als Blaustrümpfe für Frauenwahlrecht und das Recht zum Universitätsstudium zugelassen oder arbeiten zu gehen ohne sich die Erlaubnis des Ehemanns einzuholen, dann würde sie irgendwo Kartoffeln schälen und nicht ihre Weltsicht via Blog verbreiten. Dann wäre nichts mit im 5. Semester Literatur studieren und nebenbei arbeiten gehen…

So siehts aus. Aber es gibt ein Aufwachen.

Mit den rechten Jungs spielen wollen und sich wundern, dass frau nicht ganz vorne mitmischen darf.

http://www.belltower.news/artikel/rechtsextreme-frauen-sind-%C3%BCberrascht-dass-rechtsextreme-m%C3%A4nner-frauenfeinde-sind-12989

Frau & Herd. Das ja.

Frau & Politik, das nicht.

Zu emotional.

Das sagt auch der Identitäre aus Wien.

Antifeminismus gehört zum Rechtsextremismus und zum Rechtspopulismus dazu, wie auch Rolf Pohl, Soziologe und Männerforscher, feststellt: „Zu den ideologischen Bausteinen des Rechtsextremismus und auch des Rechtspopulismus gehört das Bild der intakten Familie und das der klassischen Arbeitsteilung. Gleichzeitig wird propagiert, dass dieses Bild in der Auflösung begriffen oder schon längst systematisch abgeschafft worden ist. Der Mann hat angeblich seine Männlichkeit verloren. Im Rechtsextremismus ist das Bild des Widerstandes und der Opposition schon immer männlich codiert gewesen.“

Ach wie schön wäre es doch, wenn die Rollenbilder klar wären. Wie in diesem Katalog für Deutsche aus Russland. Wenn Kerle noch so sein dürfen wie echte Kerle.


Und Frauen noch so sind wie echte Frauen.

Noch Fragen?

Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

Durch die Blume – (Katjuscha)

Am 2. Dezember wurde ich mitten in der Nacht durch die Blume geweckt. Sie klingelte genau um ein Uhr. Die Blume ist ein Digitalwecker aus Plastik in Form einer Topfpflanze. Mit gelben Blütenblättern und einem Zifferndisplay in der Mitte. Sie hat mich förmlich aus dem Schlaf gerissen, nicht Alexa oder Siiri oder wie die elektronischen Hausmädchen sonst noch heißen. Unsere namenlose Wecker-Blume spinnt seit einiger Zeit, wenn nicht schon immer. Wir haben keine Gebrauchsanweisung mehr dafür, sie hat nur einen Menüknopf und zwei Knöpfe rechts und Links davon. Und es gibt da einen verhängnisvollen Knopf für die Schlummerfunktion. Verhängnisvoll daher, weil, wenn du zufällig drankommst, die Weckfunktion automatisch aktiviert wird.

Und da die Blume seit einigen Woche eine Macke hat, die Uhrzeit eigenständig um 7 Stunden zu verstellen, HAL nichts gegen, klingelt der Wecker gern einmal nach Mitternacht, statt um sieben oder um acht. Auch wenn ich sie richtig stelle, nach einer Viertelstunde geht sie sechs Stunden vor oder acht zurück. Das ist nicht nur Künstliche Intelligenz, sondern regelrechter Künstlicher Starrsinn. Diese Blume hält sich null an Absprachen und macht einfach ihr Ding. Und das vorzugsweise an einem Wochenende. So wie heute Nacht. Dämonisch.

Sie ging aber nicht mit einem eindringlichen Fiepen los, das sich zu einem ohrenzerreißenden Crescendo steigert, so wie sonst, sondern mit der Melodie eines russischen Liedes: Katjuscha. Weiß der Teufel, woher sie das hat und wer das eingestellt hat.

Nun befand sich in diesem Advent ein Rätsel der besonderen Art auf der Seite des russlanddeutschen Literaturkreises. Seit dem 1. Dezember wurden jeden Tag die ersten Zeilen eines russischen Liedes in deutscher Übersetzung gepostet. Unter denjenigen, die am Ende die meisten Titel erraten sollte nach dem russisch-orthodoxem Weihnachtsfest Anfang Januar etwas verlost werden.

Ein Wettbewerb, bei dem ich abloose, weil ich die meisten Lieder nicht kenne oder nicht erraten kann. Mir sagen sie nichts, weil ich schon zu sehr assimiliert bin, lückenlos integriert. Und heute Nacht, als ich den Wecker wieder abgestellt hatte, ging mir die Melodie nicht aus dem Kopf und auf einmal waren die russischen Zeilen vollständig wieder da. Klar und deutlich:

Расцветали яблони и груши,
Поплыли туманы над рекой.
Выходила на берег Катюша,
На высокий берег на крутой.

Das Lied ist von 1938 und wird heute gern für Siegesfeiern hervorgeholt, wie hier:

Birnen, Äpfel und Nebel. Heureka. Das ist seltsam, denn würde ich bei vollem Tagesbewusstsein darauf angesprochen, könnte ich nichts wiedergeben. So wie jetzt. Aber halb unbewusst, aus dem Schlaf gerissen tauchte der Text vollständig wieder auf. Die Verbindung zur Kindheit und zur Heimat war plötzlich wieder da. Durch die Blume, sozusagen.

Komisch nur, dass ich am nächsten Tag auf der Website des Literaturkreises nirgends diesen Liedtext gefunden habe. Vielleicht kommt er ja noch. Ich war mir sicher, dass ich was über Apfelbäume und Birnbäume gelesen hatte. Aber vielleicht ist die Blume nicht nur eigenständig, sondern auch prophetisch.

Wenn sie so nervig ist, weshalb habe ich sie nicht längst entsorgt? Der Wecker war mal ein Geschenk für unsere Tochter, zum Schulanfang. Sie hat sie bekommen, damit sie die Schule nicht verschläft. Aber die Uhr ist so unzuverlässig, dass sie nicht zu gebrauchen ist und einfach überall durch die Wohnung wandert. Entsorgen geht aber nicht, denn die Tochter hängt daran, als Erinnerung an die Einschulung und hat eh Schwierigkeiten damit, sich von Dingen zu trennen. Ob es an ihrem festhaltenden Charakter liegt oder an den Genen von Menschen, die oft genug alles verloren haben oder zurücklassen mussten, kann ich nicht sagen.

Wegwerfen ist also nicht möglich.  Aber die Batterien habe ich jetzt entfernt. Wenn sie jetzt noch immer losgeht, kann man sich sicher sein: hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Da haben ganz andere Mächte ihre Finger im Spiel als 0 und 1.

Vielleicht lasse ich sie doch eines Tages verschwinden. Heimlich, still und leise. Ich könnte natürlich die gesamte Blumenuhr auch spenden. Dem Literaturkreis für die Verlosung zur Verfügung stellen. Dann darf sich jemand anders in Zukunft mitten in der Nacht von der Katjuscha-Melodie aus dem Schlaf reißen lassen. Möglicherweise wird er oder sie das dann besser zu würdigen wissen als ich.

Tatsächlich wurde das Lied einige Tage später am 8. Dezember auf der Website gefeatured.

Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,
still vom Fluss zog Nebel noch ins Land.
Durch die Wiesen ging hurtig Katjuscha,
zu des Flusses steiler Uferwand.

(Deutsch von Alexander Ott)

Warum  mir mein Gehirn vorgegaukelt hatte, ich hätte schon was über Apfelblüten und Birnen gelesen, kann ich nicht sagen. Meine Familie bestreitet kategorisch, dass unsere Blumenuhr russische Kriegslieder als Weckmelodien im Programm führt. Da ich mich seit der besagten Nacht weigere, die Batterien wieder einzusetzen, kann ich es leider nicht nachweisen. Aber die Möglichkeit steht im Raum, dass ich auch die Melodie geträumt, bzw. sie mir im Halbschlaf eingebildet habe.

 

Wer sich im Nachhinein an den Knobelaufgaben versuchen möchte, hier der Link zum Adventsrätsel:

https://literaturkreis-autoren-aus-russland.de/blog/category/schreibtipps-fuer-autoren/adventskalender-preisausschreiben/

Mir ist es gelungen fünf davon ohne zu googeln zu erraten. Immerhin.
Ich wünsche allen schöne Träume.