Unter die Haut

… oder

Hasch mich ich bin der Mörder!

Was passiert, wenn man sich mit der bloßen Haut auf ein feines Gitter legt? Dann gibt es einen Abdruck, eine Prägung. Sie schneidet manchmal ein. Nach Stunden verschwindet sie. Normalerweise.

Und was ist mit einer Zuschreibung, der du immer und immer wieder ausgesetzt bist? Über Jahre, über Generationen?

Irgendwas von dieser Struktur geht dann doch unter die Haut, setzt sich fest.

Das ist, was die Leute hier verwechseln, wenn sie empört ausrufen, oder in die Kommentarspalten schreiben, viele Deutsch-Russen sind Rechtsextreme.

Einige sicher. Kein Volk, keine Gruppe bleibt in unserer Zeit von diesen braunen Gesinnungsgenossen verschont.

Doch. Warum klebt es an uns, wie Pech? Es gibt fließende Übergänge. Heimatliebe führt nicht immer zu Ausgrenzung.

Aber kann es durchaus. Falschverstandener Patriotismus, fehlgeleiteter Patriotismus. Falsch verstandene Betonung des Deutschtums, die in Ethnoreinheitsphantasien mündet.

Kann durchaus vorkommen, wenn du nicht aufpasst.

Doch. Wieso denken alle, die DaR sind besonders anfällig dafür? (Mag vielleicht daran liegen, dass Gruppen wie DaR für AfD eine besonders laute PR-Maschinerie am laufen haben? Oder es einfach opportun ist, nur über diese Gruppierungen zu berichten.)

Alle schreien nach einem nicht schwarz-weißen Denken. Nur hier verlässt sie plötzlich die Fähigkeit zu differenzieren.

Zugegeben. Viele Deutsche aus Russland haben ein Thema mit Heimat, Identität und Deutschsein. Sie zelebrieren ihr Deutschsein zuweilen auf extreme Weise. Mit alten Volksweisen und dirndlartigen Kleidchen. Oft mag das fremd und übertrieben wirken, aber es hat historische Gründe, steht alles in den Geschichtsbüchern.

Scherz.

Steht natürlich nicht dort. Denn außer der Leute vom Institut für digitalen Lernen mit ihren mBooks, hat sich keiner bis jetzt die Mühe gemacht, unsere Geschichte für die Schule aufzuarbeiten.

Wozu Unkenntnis und Unwissenheit führt, auch die der eigenen Geschichte, wissen wir ja…

Aber in vielen Quellen im Internet steht was dazu. Die muss man sich nur mühsam zusammensuchen.

Heimat und Deutschsein ist unser Thema. Aber macht es uns alle zu rechten Extremisten?

Wieso gewinnen die Leute den Eindruck, wir wären alle so? Das wird den DaR vorgeworfen, wenn sie betonen, wir sind doch Deutsche und stolz darauf. Dann denken hiesige Liberale gleich, Achtung, braune Gesinnung.

Ja, das kann, muss aber nicht sein.

Es kann mit der Prägung zusammenhängen. Siehe Vergleich mit dem Gitter. Eine Prägung, die dir als Deutschen in Russland zwangsläufig aufgedrückt wird. Nicht zu unterschätzen, was das mit Menschen macht.

Eigentlich ein spannendes Forschungsthema.

Wenn du also als verhasste, verschwiegene, unterdrückte Minderheit irgendwo lebst, im Schlimmsten Fall in einem Land, wo die deinigen als Feinde betrachtet werden, wo den Leuten als erstes „Heil Hitler“ und „Hände Hoch“ einfällt, wenn sie nach deutschen Wörtern gefragt werden, dann kann man sich vorstellen, wie diese Prägung ausfallen kann.

Dann bleibt es an dir hängen. Deine persönliche Identität wird von diesen Zuschreibungen geprägt. Das legt sich nicht so einfach ab. Nicht innerhalb von einer Generation.

Ein Freund hatte sich in Russland gut eingerichtet. Hatte nicht vor auszureisen. Mit einem deutschen Namen konnte er studieren und sich eine Existenz aufbauen. Bis, das war wohl schon in den 90ern, sein kleiner Sohn vom Spielen heimkam und sagte: Papa, bin ich ein Faschist? Warum?

Das hat ihm sein bester Freund gesteckt. Ein Junge, der eingentlich aus einer modernen, aufgekärten Familie kam.

Unausrottbar, solche Vorurteile.
Das war der Moment, in dem die Familie die Koffer für die Ausreise in den Westen gepackt hatte.

Bis heute existieren in Russland diese Zuschreibungen. Zumal noch immer unbekannt ist, warum die Deutschen nach Russland kamen, wann, was mit ihnen passiert ist.

Wenn Russen und Russinnen auf der Straße gefragt werden, wie die Deutschen nach Russland kamen, sagen noch immer viele, na die kamen um zu studieren, sie kamen zu Besuch und sind geblieben.

Was für ein Hohn. Zu Besuch!

Viele auf beiden Seiten glauben noch immer, dass es die Nachkommen deutscher Kriegsgefangener sind,  die  Gebiete im Altai und um Omskherum bevölkern.

Chände Choch!

Der Abdruck Faschist wird nicht so leicht verschwinden. Auch mit mehr Informationspolitik nicht. Zuschreibungen sind hartnäckig.

Wie sind die Deutschen in der Sowjetunion damit umgegangen?

Sie haben es umgeformt, aus dem Negativabdruck, aus dem einschneidenden Gittermuster auf der Haut etwas Positives gemacht. Strudel und alte Lieder, Traditionen und die Liebe zu einer Landschaft, die kaum einer von den Sowjetdeutschen je zu Gesicht bekommen hatte. Ein Schutzmechanismus, der sich nun gegen sie wendet.

Pech, dass in der Zwischenzeit, in den 70 Jahren, in Deutschland eine andere Entwicklung stattgefunden hat. Eine folgerichtige und notwendige. Doch nicht gerade eine günstige für die Heimkehrer.

Deutsch-Russen sind Rechtsextreme. Sie wollen auf Teufel komm raus Deutsche sein. So ist nun die Vereinbarung. Warum das so ist, was für Schicksalswege dahinter stehen, danach fragt keiner.

Und wir?

Schweigen. Was sollen wir denn tun. Schweigen, uns ducken, denn das können wir. Bloß nicht auffallen. Das kann böse enden.

Einer schreibt in den Kommentaren etwas zum Fall LISA:

RT Deutsch war eine der ersten Verkünder, wenn nicht der erste Verkünder! Auch ein Jahr später, war es noch bei RT Deutsch zu finden, was direkten Draht zum Kreml hat! Das ist so! Bei den Deutsch-Russen gibt es viele Rechtsextreme!

Diese beiden Verbindungen, Kreml und Rechtsextremismus kleben hier an uns. So wie Faschismus und Verrat an der Sowjetunion dort an uns geklebt haben. Das ist Pech.

Pech, das brennt wenns heiß ist, es brennt es sich ein, lässt sich nicht abwaschen.

Und was tun wir?  Wir regen uns darüber auf, dass uns die Leute und die Medien hier Deutsch-Russen nennen. Ist doch nur ein Wort mit Bindestrich. Hab dich nicht so!

Sind wir deshalb schon rechtsextrem?

Die Wahrheit liegt in den Schatten. In den Schattierungen.  Wie immer. Die freundlichen, offenen weltzugewandten unter uns werden nicht gesehen. Nur die aus voller Kehle rufen: die bringen uns die Messerstecher-Kultur ins Land. Volksaustauch!

Leichen im Keller – auf kreative Weise entsorgt. Oder auch nicht.

In einem Radiointerview, das kürzlich beim WDR lief, hat Luise Reddemann, eine Therapeutin, die sich seit langem mit Traumata beschäftigt, etwas sehr Kluges gesagt.

Die Ablehnung der Geflüchteten, basiere manchmal, nicht immer, aber manchmal, darauf, dass die Leute sich an ihre eigenen verdrängten Fluchterfahrungen und Diskriminierungserfahrungen erinnert fühlen.

Das Verdrängte zeigt sich im Gesicht der Fremden, die in Booten übers Mittelmeer kommen.

Und weils schmerzlich und verhasst ist, weil die Erinnerung nicht gewollt wird, werden negative Gefühle auf die fremden Menschen übertragen. Wut, Schmerz, Angst. Die ganze Palette.

Sie meinte nicht die DaR, aber es lässt sich sehr gut übertragen.

Oft stand in den Kommentaren in letzter Zeit: Aber die DaR kamen doch selbst als Fremde, warum verhalten sie sich so aggressiv gegen die Neuankömmlinge? (Wobei sich viele im Dialog der Kulturen engagieren, das darf nicht vergessen werden.)

Was die Therapeutin genannt hat, das mag nur ein kleiner Erklärungsversuch sein und deckt nicht alles ab. Aber er kommt mir schlüssig vor.

Denn sich mit dem Trauma befassen, das haben unsere Alten weder dort noch hier gelernt. Das weisen gerade die ab, die es am meisten brauchen. Sie sind schnell gekränkt und fertig. Verlagern die Probleme.

Es ist verjährt. Der alte Schmerz ist wie ein Kadaver, der 70 Jahre hinterm Sofa vor sich hin fault. Wer will sich damit abgeben? Zu spät.

„Begrabt die alte Gram doch endlich!“, möchte man ihnen zurufen.

Aber weil das Schweigen so lang darüber ausgebreitet war, weil es nicht sein durfte, dass sie Opfer waren, geht das nicht. Es ist kein Abschluss da. Noch nicht mal ein Anfang!
Im Osten nicht, noch immer nicht, und im Westen schon gar nicht. So taucht die Leiche immer wieder auf.

Lässt sich nicht unters Sofa schieben, sie lässt sich noch nicht mal in eine Statue eingipsen oder unter dem Pavillon begraben, wie in diesem Louis-de-Funes-Film.

Wohin damit?

Wir sind Opfer gewesen!

Nein!

Doch!

Oh!

Sorry, verjährt, sorry, uninteressant. Schaut nach vorne, lasst das Alte sein!

Solche Stimmen gibt es. Klar.

Aber sich dann wundern, wie viele von uns austicken, wie viele gegen andere agitieren, wie die Wut einzelne überflutet und sie blindwütig und gewalttätig werden.

Nein!

Doch!

Ohhh!

Naja, vielleicht lässt sich das Unliebsame, das Rechtsextreme, das Scherliche doch unter dem weißen Sofa verstecken. Es muss nur groß genug sein…

Was nicht vollständig erklärt, dass es hin und wieder doch rechtsextreme und völkische Gedanken unter den Deutschen aus Russland gibt. Aber sie sind mir ebenso fremd wie die der hiesigen Nazis.

Doch zum Glück, muss ich mir für deren Motivation nicht auch noch Erklärungen suchen.

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Eine Pizza für zwei Tage…

… oder die drei wilden Küsse des Iossif Wissarionowitsch Stalin.
Nachhaltig. Stalin küsst den sowjetischen Piloten Wassilij Molokow

Er lässt mich nicht los, der schnauzbärtige Diktator, er hält mich mit seinem festen Griff umfangen. Und sein Schatten liegt immer noch auf meinem Weg. Blutiger Schatten. Krowawaja Tenj.
Ich werde pathetisch. Aber hey, ich darf das. Anders lässt sich das ganze Krüschzeug nicht verpacken. Soll ich da etwa ein Schleifchen drum binden?
Noch immer macht das was mit mir.

Dabei liegt diese Geschichte sehr, sehr weit zurück. Bald nun schon um die 80 Jahre oder mehr. So alt bin ich noch nicht mal. Aber es prägt mich, in einem kollektiven Sinn, in einem wir im Gegensatz zum ich Sinn. Also wir.

Bevor wir also aus der Sowjetunion weg sind, haben wir vom Woschdj, vom ehrwürdigen Führer der Werktätigen Iossif Wissarionowitsch Stalin noch drei Küsse zum Abschied bekommen. Auf dass wir das Land und diesen Mann niemals vergessen. Ein Kuss auf die rechte Wange, dann einer auf die Linke und dann wieder rechts.

Drei Markierungen über das eigene Leben hinaus, denn nichts anderes waren die Küsse Stalins, auch wenn sein Ableben schon mehr als ein halbes Jahrhundert her ist.

Ich hab da mal eine Liste gemacht.

Kuss No.1:
Der Kuss der Todesangst

In Zeiten des Terrors konntest du wegen Kleinigkeiten abgeholt werden. Verrat und Schweigen, die Angst vor willkürlichen Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Alle erlebten das so, auch die Bolschewiken der ersten Stunde. Minderheiten wurden verfolgt, die Todeslisten mussten geschrieben und abgearbeitet werden. Der Todessoll musste erfüllt werden.

1938 gab es in der Ukraine die sogenannte Deutsche Operation. Das war die erste ethnische Operation des Genossen Stalin. Danach folgten noch viele. Zahlen. Erschießungen. angebliche Spionage. Arbeitsarmee. Kollektive Beschuldigungen. Keine sehr einfache Zeit, keine, die dir das Vertrauen in deine Zukunft eingibt. Über die Klammer der Generationen hinweg treibt dieser eisige Kuss Angst in die Seelen.

Die Zahlen – auch ohne Sprachkenntnisse zu verstehen.

Das ist der eisige GuLag-Kuss, der Kuss eines Genozids, der nicht so genannt wird, der generationsübergreifend wirkt und macht, dass die Menschen mit eingezogenem Kopf und voller Misstrauen durch die Welt stapfen. Dass sie so langsam vorwärtskommen, als würden sie durch meterhohen Schnee laufen. Es gibt Ausnahmen.
Oder nein, diese Schwere der Last zu spüren, das ist wohl die Ausnahme. Bei den Jüngeren. Die ältere Generation wandelt noch in meterhohem Schnee, auch wenn die Sonne knallt und es draußen mehr als 30° heiß ist. Fast ohne Ausnahme.

Wenn man die Zahlen betrachtet, ist sicher nicht nur Genosse Stalin für das alles verantwortlich, denn es fing schon mit dem ersten WK an. Aber es gibt in der Tabelle auch eine Lücken, zum Beispiel die Lücke zwischen 1937 und 1941, in die die Deutsche Operation fällt. Es sind also mehr Opfer zu beklagen. Und damit sind nur die Toten abgedeckt, nicht die Waisen, nicht die Verbannten, nicht die zerstörten Familien.

Kuss No. 2:
Der Kuss Stummheit

Der zweite Kuss ist besonders perfide. Er nimmt dir deine Identität. Er löscht deine Sprache aus und raubt dir die Erinnerung. Ja, ich weiß, nicht schreien! Nicht die Augen verdrehen, bitte. Identität wird überbewertet und wir alle jagen nach Seifenblasen des Selbst und so.

Aber hier geht es um ganz einfache Dinge. Um Verbote.
Mit diesem Kuss wollte Stalin sicherstellen, dass sich die angeblichen Faschisten in seinem Land nie wieder erheben. Und wie machst du das? Isoliere sie und nimm ihnen die Sprache, die Möglichkeit der Kommunikation, die Möglichkeit der Erzählung dessen, das war.

Wie war das noch? Nie wieder sollen Deutsche erhobenen Hauptes über die russische Erde wandeln. Die Maßnahmen sind schlicht. Verbiete ihnen deutsch zu sprechen und verbiete ihnen dahin zu ziehen, wohin sie wollen. Auch nach Aufhebung der Kommandatur-Aufsicht. Sie durften nicht frei ziehen, nicht in die angestammten Siedlungsgebiete, nicht in die großen Städte und schon gar nicht ins Ausland.
Die meisten blieben einfach an den Orten ihrer Verbannung oder zogen in die südlichen Republiken, nach Usbekistan oder Kasachstan.

Die Lücke, das große Loch zwischen 1941 und 1956, tilgt alles andere. Danach gibt’s kein Bewahren von Kultur und Sprache mehr, nur noch das Bergen von Scherben. Das Aufsammeln von Mehlresten in den Ecken der Scheune. Kolobok, Kolobok, ich fresse dich!

Als willfährige Bauern sind sie zu gebrauchen, die Fritzen. In ländlichen Gebieten sollen sie bleiben, Hühner züchten, Weizen anbauen, Baumwolle pflücken. Kolchosen und Sowchosen sollen sie zum Blühen bringen. Mal wieder. Aber nicht in ihrer Sprache auf der Straße reden, keinen Unterricht darin haben und nichts Gedrucktes produzieren. Und wehe, sie erwähnen in ihren Schriften auch nur das Wort: Wolga. Dann, Kolobok, pass nur auf!

Ab 1957 gibt es vereinzelt Schriften, die auf Deutsch erscheinen und das Leben des Proletariats und der Bauern preisen. Neues Leben oder Freundschaft heißen sie. Diejenigen, die dichten finden hier Zuflucht. Dennoch sind die Menschen, die diese Zeitungen lesen könnten, weit zerstreut. Familien, Freunde durch abertausende von Kilometern entfernt. Als Verbindung was? Eisenbahn? Telefon? Briefe? Nichts, was man nicht kontrollieren oder zensieren kann. Und dennoch ganz geht die Sprache nicht unter. Und das ist eine ziemliche Leistung.

Titelbild der Freundschaft von 1966
Identität. Ja oder nein?

Bitter. Warum sollten wir nach Identität suchen? Fragen heute einige. Zurecht. Doch.

Ist es gut, wenn Leute nicht wissen, was vor ihrer Geburt passiert ist? Wenn sie nicht wissen, woher sie kommen und welche Gründe es für ihre Situation gibt? Ich finde schon, dass es wichtig ist.

„Vielleicht würde es uns guttun, diese Suche nach der Identität sein zu lassen.“

Das sagte Juli Zeh in einem Interview in „Psychologie heute“.

Und Jan Fleischhauer schrieb vor einiger Zeit im Spiegel:

Was ist Identitätspolitik? Identitätspolitik ist das Versprechen, dass sich das, was einem im Leben an Widrigkeiten begegnet, auf die Herkunft zurückführen lässt. Wenn ich weiblich bin oder schwarz oder irgendwie anders als die anderen um mich herum, dann darf ich davon ausgehen, dass es nicht die eigentliche Unzulänglichkeit ist, die mich am Fortkommen hindert, sondern die Vorurteilsstruktur der Mehrheit.

Ein Problem dieser Form von Weltwahrnehmung ist ihre strenge Subjektivität. Wie immer, wenn man sich von seinen Gefühlen leiten lässt, ist nicht ganz klar, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Warum nicht? Netter Gedanke. Warum nicht einfach alles hinter sich lassen. Das hieß für uns ab 1960, in der Masse der Sowjetmenschen untergehen, lesen, was sie lesen, reden wie sie reden, denken was sie denken.
Geht aber nicht. Weil die Vergangenheit sich nicht abschütteln lässt. Weil sie dich, oder dein Kind oder dein Enkelkind einholen wird. Deshalb. Weil diese Identität eine ist, die schmerzt oder beißt oder dich zu Gewalt und Trunksucht treiben kann.

Ja, es ist billig, die eigene Herkunft für alles verantwortlich machen zu wollen, lieber Jan, der du dir nonchalant ein Tüchlein um den Hals bindest oder süffisant deine maßgeschneiderten italienischen Lederschühchen betrachtest. Auch du hast dir eine Identität geschustert. Gibs zu!
Du schreibst so erlesen über Identität und hattest nie deine Schwierigkeiten damit als junger, mittlerweile nicht mehr ganz so junger, wohlhabender weißer Mann in Europa zu leben. Ach, lassen wir das.

Viele der Alten aus der russlanddeutschen Community wollten verdrängen. Verständlicherweise. Viele aus der jungen Generation wissen nichts von Verbannung, vom Hunger und vom meterhohen Schnee der Angst. Sie kennen die Listen des Todes nicht. Sie fragen sich nur, woher ihre Wut kommt. Vielleicht noch nicht mal das.

Und übrigens, es ist eine Sache, sich komplett identisch zu machen mit der Herkunft, sich mit einer Gruppe zu identifizieren bis zur völligen Verschmelzung oder sich zu verbinden. Mit der Geschichte, mit den Einzelschicksalen der Leute oder mit ihrer Art zu leben. Ohne Symbiose. Ohne zu verschmelzen. Alles eine Frage der Dosis.

Kuss No. 3:
Kuss der Bodenständigkeit

Der Kuss, der einen nachhaltigen Abdruck hinterlassen hat, aber dessen Wirkung schwer zu beschreiben ist. Vor allem ohne jemandem gewaltig auf die Füße zu treten…
Er ist so ziemlich das Gegenteil von einem Musenkuss.

Neulich sagte eine Freundin, sie glaube, dass die Deutschen aus Russland (also in ihrer kollektiven Mehrheit, du und ich sind davon ausgenommen!) keine Wahrnehmung dafür ausgebildet hätten, was Kunst oder Literatur für einen Wert haben. Welche Zeit es braucht, um diese Dinge zu schaffen und welche Wirkung sie haben auf, na auf alles.

Das liegt nicht nur an dem Verbot, zu studieren. Dieses Verbot betraf nicht alle und nicht Studiengänge wie Ingenieur oder Agrarwissenschaftler oder Lehrerin.
Es liegt nicht nur an dem Verharren in den ländlichen Gebieten, die erzwungene Landflucht. Die erzwungene Meidung von schillernden Kosmopolen mit ihrem kulturellen Angebot und ihren Verlockungen zum Lotterleben.
Es liegt nicht nur an dem Rückzug ins ländlich oder religiös Traditionelle als Reaktion auf die ethnischen Repressalien. Oder die Hinwendung zu Gott als Anker, wenn ich es positiv ausdrücken soll.

Wer sich die Existenz neu aufbauen muss, immer und immer wieder, schaut nicht stundenlang auf den Mond und schreibt ein paar Zeilen dazu. Schade eigentlich. Aber is so.

Es ist nicht eins von diesen Dingen. Aber ein wenig von alldem bildet den Kompott, der all den Gebildeten und Müßiggängern misstrauen lässt. Bildet die Grundlage der Hinwendung zu allem Praktischen. Haus. Traditionen. Und die Familie steht über allem.
Zeitvertreib ist Zeitvertreib und darf nach Feierabend geschehen. Musikmachen ja, aber nur auf Hochzeiten, nur nebenbei. Wichtig sind Jobs, mit denen man Geld verdienen kann. Alles andere darf Hobby bleiben.

Und die Bohème? Kann man das essen? Kann man das gegen Essen eintauschen? Nein? Dann ist sie nichts für uns.

Nichts Unsicheres wie Theater oder Bücherschreiben, Gott bewahre. Auch hier gibt es löbliche Ausnahmen, die anderen Extreme, die Träumerinnen und Weltreisenden. Aber ich spreche nicht über dich. Ich spreche auch nicht über mich. Ich spreche über ein kollektives wir. Und das hat eigene Gesetze.

Das Luftige, das Verrückte, das Gewagte und das unsinnig Spielerische der Kunst. Sie alle haben keinen wert, wenn es ums Überleben geht. Und das ist sehr, sehr schade.

Denn nur diese Disziplinen schöpfen aus den Träumen und den Trümmern und weben eine eigene Geschichte. Bilden eine Erzählung, die wichtig ist für ein kollektives wir.

Die Realität war wieder eine andere. Hier in Deutschland. Da wurden auch die unmusischsten Diplome nicht anerkannt. Und so blieb den Ingenieuren nichts übrig als Taxi zu fahren und den Lehrerinnen blieb die Putzstelle, oder mehrere. Auch das trägt nicht immer dazu bei, das schöpferische ICH zu fördern.

Doch diese bürokratischen Hürden, in Deutschland und in Russland, die formen die Menschen. Hinterlassen Einkerbungen, Verbitterung bleibt, Kränkungen werden zugefügt. Sie alle müssen irgendwie verarbeitet werden, denn sonst werden sie weitergereicht.
Wenn es wenigstens nur ein Kuss wäre. Aber alle drei. Wie kannst du die Angst überwinden, wenn du stumm bleibst? Wie kannst du deine Geschichte erzählen, wenn du auf deine existentiellen Nöte zurückgeworfen wirst?

Auch das sind noch Abdrücke der Bruderküsse des Iossif Wissarionowitsch.

Nachsatz:

Warum will ich immer über Pizza schreiben? Welchen Gedanken hatte ich Mitte Mai, als ich dies alles notiert hab? Vielleicht so:

Ein Trauma ist wie eine Pizza, beides lässt sich am nächsten Tag auch noch kalt genießen.
Ok, nicht gerade pulitzerpreisverdächtig, aber hey, ich darf das.

Opferhaltung leichtgemacht

– eine ultimative Anleitung

Das Einnehmen eine korrekten Opferhaltung ist eine sehr komplexe Angelegenheit, aber nicht unmöglich!

Dazu empfiehlt sich in erster Linie eine angemessene Krümmung des Rückens. Grader Rücken = Selbstbehauptung. Krummer Rücken = Unterwürfigkeit. Blick von unten = auch nicht schlecht. Leises Nuscheln =  Meisterklasse.

Es gibt für wenig Geld auch spezielle orthopädische Hilfen, die Sie anfangs nutzen können, um sich an diesen Zustand zu gewöhnen, bevor er in Ihre Substanz übergeht und dann ganz leicht abrufbar wird. Denn der Körper lernt schnell. Also. Es tut fast gar nicht weh.

Opfer-Plex© 2001
Für die richtige Krümmung des Rückens bietet die Firma DeSade spezielle Vorrichtungen an, es handelt sich um eine gelungene Mischung aus Korsett und Streckbank mit einer persönlich auf Sie abgestimmten Tragelast. Dieses Gerüst aus rostfreiem Stahl zwingt das potentielle Opfer dazu, den Kopf zu senken, sich klein zu machen. Ein aufrechter Gang oder ein aufrechter Blick sind damit nicht mehr möglich. Es gibt noch ein raffiniertes Extrafeature zum Gerät, das verhindert, dass die zu krümmende Person einen festen Stand hat. Durch die glitschige bewegliche Unterlage MoorPace©, gleitet Ihnen der Boden unter den Füßen quasi einfach weg. Sagenhaft! Kostet aber mehr. Die Nachteile von Opfer-Plex©: er ist nicht gerade unübersehbar und sollte anfangs nur innerhalb von geschlossenen Räumen getragen werden. Die Gefahr von Unfällen, weil eine Stufe oder ein Hindernis nicht rechtzeitig erkannt wird, ist ebenfalls recht hoch. Und Sie verheddern sich leichter in der Deckenlampe. Aber der daraus resultierende Stromschlag ergibt einen weiteren, nicht immer unerwünschten Effekt.

Doch die Vorteile liegen klar auf der Hand! Schon nach einigen Wochen regelmäßiger Nutzung entsteht eine Körperhaltung, die Fachleute als Quasimodo-Syndrom bezeichnen. Das Opfer-Flex© gibt es mit einem persönlich abgestimmten Lastgewicht von 50 Jahren, 70 Jahren oder 90 Jahren. Je nach dem, was Sie sich aufbürden wollen.

Als zusätzliches Feature zum Metallgerüst bieten wir einen extrabreiten Stützgürtel mit Dornen an, den ultimativen MortificationTM, der für ein dauerhaftes Unwohlgefühl sorgt und dazu verhilft, das Gesicht zu einer leidenden Grimasse zu verziehen.

Wir haben auch eine abgespeckte Version auf Lager, den Symptom-Carrier© XXS. Er passt in jede Schublade!

auf die Haltung kommt es an

Wer sich kein Hightech-Gerät (haben Sie es auf Kleinanzeigen probiert? Auch aus zweiter Hand und dritter Hand leistet so ein Gerät noch gute Hilfe) kaufen möchte, dem*der können wir einige Übungseinheiten auf Youtube empfehlen: „Opferkomplex leicht gemacht – in sieben einfachen Schritten“. Unsere führenden Expert*innen aus Politik und … Politik erklären Ihnen wie auch aus Ihnen in kürzester Zeit ein echtes Opfer werden kann.
Denn mit etwas Opferbereitschaft und einiger Übung ist es auch ohne aufwändige Vorrichtungen möglich, eine angemessene Opferhaltung einzunehmen. Dafür müssen Sie einfach die Schultern hochziehen, den Kopf etwas einziehen, den Blick senken! (Nicht vergessen: das Gegenüber nie direkt anblicken, sondern von unten hoch.)

Die Hände hängen schlaff am Körper, was ein zusätzlichen Eindruck von Hilflosigkeit oder Passivität erzeugt. Der Stand sollte eher schmaler als Schulterbreit sein. Kleine, schlurfende Schritte, niemals beschwingt gehen, nicht federnd. Niemals.

Fragen Sie sich alle zehn Minuten, ob der Rücken noch angemessen gekrümmt ist. Wenn nicht: Brust rein, Buckel raus, Schultern hoch. Kinn zur Brust.

Achten Sie unbedingt auch auf die Position der Mundwinkel/Augenbrauen.  Das ist zwar etwas für Fortgeschrittene, aber sehr wirksam: Augenbrauen über der Nasenwurzel hochziehen – Mundwinkel dagegen nach unten. Bei Gelegenheit ein kleines Grinsen aufs Gesicht bringen, was bei heruntergezogenen Mundwinkeln einer gewissen Übung bedarf. Wie gesagt, das ist eher etwas für Fortgeschrittene.

Das Geheimnis: innere Haltung

Auch die innere Einstellung ist bei dem Prozess der Opferwerdung enorm wichtig. Wir nennen diese überaus nützliche Qualität vorauseilendes GekränktseinTM.

Für eine authentische Opferhaltung, nicht nicht nur rein äußerlich ist, empfehlen wir Ihnen, alles auf sich zu beziehen und persönlich zu nehmen. Zucken Sie am besten bei jedem Kontakt mit anderen zusammen, als ob Sie einen Schlag oder eine Beschimpfung erwarten. Richtig, erwarten Sie bei jeder Aussage eine Kränkung und sie wird sie ereilen – garantiert!

Dann kommt die passende Körperhaltung bald wie von selbst.

Eine Falle, die es zu vermeiden gilt: nicht kämpferisch wirken. Niemals streiten, nie für sich einstehen, nur meckern und nölen! Nicht vergessen, nicht kämpfen! Nicht die Faust recken, nur den Finger. Mit dem Finger können Sie gern auf den*die Aggressor*innen zeigen und etwas nölen. Letzteres aber nur, wenn genügend Publikum anwesend ist.

Reden Sie immer leise aber unverständlich! Und ja, wiederholen Sie immer wieder wie ein Mantra: Blick von unten, krummer Rücken. Bis es Ihnen in Fleisch und Blut übergeht. So kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Ob mit Opfer-Plex© 2001 oder ohne – Sie werden sehen, mit etwas Übung erzielen Sie bereits in wenigen Wochen//Generationen zufriedenstellende Resultate und werden Ihre Opferhaltung nie mehr ablegen wollen.

 

111 Arten, Plow zu kochen

„Sind da oben nicht nur russische Veranstaltungen?“, fragt mich eine junge Frau, die ich nach dem Weg zur Villa frage. Sie ist Oerlinghauserin, und kommt gerade in der Nähe des Kastanienkrugs aus ihrem Garten. Im Dorf haben wir also schon einen Stempel weg. Betrieben wird die Villa Welschen, in der Seminare und Feste für die russischsprachige Community abgehalten werden, von Deutschen aus Russland. Das Seminar des russlanddeutschen Literaturkreises findet seit Jahren hier statt. Mittlerweile müsste ich den Weg kennen.

Ganz unrecht hat die Frau mit ihrer Frage wirklich nicht, es wird dort überall und laut auf Russisch geschnattert. Wann haben wir sonst die Gelegenheit dazu, als bei solchen Treffen? Und nach außen kommt das dann so rüber: die Russen wieder.

Was das Kulinarische betrifft, geht es jedenfalls sehr russisch zu. Es gibt zwei warme Mahlzeiten am Tag. Reichlich gefüllte Portionen. Vegetarische Gerichte Fehlanzeige. Aber nicht, dass alle denken, es würden nur Gerichte wie Borsch gereicht, es gibt auch Tomatensuppe und Schmorbraten und so. Nachdem wir mittags Schnitzel und Spätzle gegessen haben, steht abends neben dem Brot und der Wurstplatte auch eine große Schüssel mit Plow auf dem Büfett.
Wer das nicht kennt, das ist so ein mittelasiatisches Reisgericht. Mit Fleisch. Jeder Menge Fleisch.

Keine Paella, auch kein Massala, sondern Plow.

An meinem Tisch sitzen noch vier andere Autorinnen und ein Autor.
Alle haben einen Teller Plow vor sich.

„Hm“, sage ich, „lecker.“

„Ja, aber irgendwas ist anders. Irgendein Gewürz daran, das ist irgendwie fremd“, sagt die Autorin zu meiner Linken.

„Es ist auch komisch, dass da mehrere Sorten Fleisch drin sind. Also ich bin gewohnt, dass da Rind reinkommt und fertig. Oder nur Lamm. Mir schmeckt das mit dem Hühnchen nicht so“, sagt die von gegenüber.

„Könnte es Curry sein? Das Gewürz, das du meinst, es schaut auch ziemlich Gelb aus“, sage ich zu meiner Nachbarin.

„Stimmt, es ist Curry. Was um Himmels Willen hat Curry im Plow zu suchen?“

„Es ist auch viel zu wenig Reis. Also ich meine, der Anteil Fleisch ist zu hoch. Das wurde bei uns zuhause ganz anders gekocht“, meint Autorin, die am Fenster sitzt. „Aber jede Hausfrau macht Plow auf ihre Weise. Und so wie bei der Mutter schmeckts halt einfach nie.“

„Also, für meinen Geschmack ist er nicht trocken genug“, meldet der einzige Mann am Tisch zu Wort. „Da, diese Soße, die da austritt. Zu viel Flüssigkeit. Das darf nicht sein. Und überhaupt, wisst ihr, dass ein richtiger Plow eigentlich nur von Männern zubereitet werden kann?“

„Ja,“ rufen alle Frauen wie aus einem Munde. „Wissen wir.“

„Es gibt ja auch immer mindestens einen Mann, der das verkündet“, sagt die Erste. „Jedes Mal .“

„Männer kochen eh immer am besten. Behaupten sie zumindest“, sagt die Nächste. Alle Frauen lachen.

„Und warum? Weil sie nur dann kochen, wenn sie Lust dazu haben. Darum“, sagt die Dritte.

„Und danach sieht die Küche immer aus!“, sagt diejenige, die am Fenster sitzt. „Und wer räumt das Chaos wieder auf?“

„Aber Plow mit Curry, wer denkt sich denn sowas aus?“

„Also, mir schmeckts“, sage ich und stehe auf, um mir einen Nachschlag zu holen.


Und hier eine von den 111 Varianten, von Männern zubereitet:

Unser Lädchen

„Erschießen muss man dich, auf der Stelle erschießen!“, schreit Vater. Die Augen treten ihm fast aus seinem roten, verschwitzten Gesicht. Die wenigen Strähnen auf seiner Stirn sind ganz durcheinander und kleben schweißnass an der Kopfhaut. Er reißt Flasche für Flasche aus dem Regal und wirft sie mit einer Kraft auf den steinernen Fußboden des Supermarktes, die sie ihm nie zugetraut hätte. Eine süßlich riechende Lache übersät mit zahllosen Glasscherben breitet sich neben dem Regal aus. Sein neuer Hut liegt mitten in der Pfütze.

Melitta seufzt. Vielleicht hätte sie ihn doch zu Hause lassen sollen, als sie noch schnell los ist, um etwas für Silvester zu besorgen.

Dabei hat er schon seit heute Morgen so verloren und nervös gewirkt, dass sie dachte, es würde ihn auf andere Gedanken bringen, wenn er mit zum Einkaufen kommt. Morgen ist der 31. und natürlich hat sie noch nicht alles eingekauft. Sie ist eben nicht eine отличная хозяйка, eine perfekte Hausfrau, wie ihre Schwägerinnen, wie eigentlich alle in ihrem direkten Umfeld. Bei ihr jedenfalls bersten die Kühltruhen und Schränke nicht schon seit Tagen vor Lebensmitteln und es ist nicht alles bis auf die letzte kleine Erbse vorbereitet.

Außerdem hat sie gestern mit einem Blick in den Spirituosenschrank festgestellt, dass sie weder Schampanskoje noch Wodka-Flaschen haben, die noch nicht angebrochen sind. Seit sie in einer eigenen Wohnung leben, haben sie diese Schrankwand im Wohnzimmer mit einem verschließbaren Fach, extra für Wein und Knabberzeug. Früher in Krasnojarsk standen die Flaschen einfach oben auf dem Küchenschrank, sodass die Kinder da nicht drankamen. Oder sie standen nicht, sondern wurden von den Besuchern gleich mitgebracht, bevor sie geleert wurden. Im Winter hatten sie alles, was gekühlt werden musste auf dem Balkon deponiert, der mit seinen Glasfenstern und Sperrhölzern wie ein selbstgezimmerter Wintergarten aussah. Melitta erinnerte sich an all die Silvester, die sie damals gefeiert hatten, mit dreißig Leuten in der kleinen Zweizimmerwohnung. Das waren Feste gewesen! Sie blickt auf die zwei fast leeren Wodkaflaschen, die noch vom letzten Fest übrig geblieben sind und die Flasche mit georgischem Weißwein. Sie selbst trinkt diesen süßen Wein sehr gern und kann nicht verstehen, wie Menschen trockene Weine oder Bier runterkriegen können. Eigentlich wäre es Olegs Job, für den Alkohol an Silvester zu sorgen, aber seine Firma steckt gerade mitten in einem Umzug und er hat einfach nicht den Kopf frei dafür. Also wird sie sich darum kümmern müssen.

Dieses Jahr werden sie das Neujahr mit dem Vater verbringen. Die Kinder sind bei Freunden, sie und Oleg feiern zu Hause wie in den letzten Jahren zuvor mit Lida und ihrem Mann und mit Mischa, Olegs Kumpel, den er noch aus seiner Ausbildung kennt. Sie hat schon die meisten Zutaten für den Salat Olivier. Einen Venaigrette-Salat will sie auch noch zubereiten und Hering im Pelzmantel machen. Das übliche eben. Sie werden sich am frühen Abend ‚Ironie des Schicksals‘, den sowjetischen Silverster-Kultfilm von 1976 ansehen. Hoffentlich hat Olegs Vater da nichts gegen. Kann sein, dass er die Nase rümpft, denn der Film ist ja eine rein russische Tradition. Soll er doch. Sie kann ihm sein Neujahrsfest ja nicht so gestalten, als wäre er noch in seinem Dorf am Molotschna-Fluss. Nein, sie feiern so wie immer. Nach dem Essen wird Mischa seine Gitarre herausholen und sie singen einige Lieder von früher, auch auf Russisch. Und nach Mitternacht werden sie auf ihren Balkon treten, der ganz ohne die Verkleidungen auskam, und sich das Feuerwerk ansehen.

Ganz wichtig: gesüßte Kondensmilch.

Die anderen werden sicher auch die eine oder andere Flasche mitbringen, doch es geht nicht an, dass der Schrank komplett leer ist. Also fährt sie noch mal los zum Stadtrand, Schampanskoje und Wodka holen. Dort zwischen den Hochhäusern, direkt an der Zufahrtsstraße zur Autobahn, befindet sich Nascha Lawka (Unser Lädchen), eine Filiale der russischen Supermarktkette, wie es sie außerhalb der Zentren mittlerweile überall gibt. Malossoljnye Ogurzty, also nur ganz wenig gesalzene Gürkchen und Sprotten kann sie bei dieser Gelegenheit als Sakusski (Beisnacks zum Wodka) auch besorgen und vielleicht auch noch ein paar Süßigkeiten. Die nimmt sie eigentlich immer mit, wenn sie dort ist.

Sie lädt den Gehwagen in den Rover, hilft Vater beim Anziehen und dann fahren sie los. Wie zu erwarten ist der Supermarkt an diesem Tag unglaublich voll. Mit Vater im Schlepptau schiebt sie sich an den blumigen Tassen und dickbäuchigen Samowars vorbei, den Kühltruhen mit hausgemachten Pelmeni und russischen Wurtssorten, die würziger sind und noch fettreicher als die Würste hier.

Vater bleibt stehen, sie kann aus dem Augenwinkel beobachten, wie er sich eine DVD anschaut und den Kopf schüttelt. Diese Märkte bedienen eben nicht nur die kulinarische Nostalgie, sondern die Sehnsucht nach verlorener Alltagskultur. Sie führen populäre Filme, Romane und Hits aus Russland und der Sowjetunion in ihrem Sortiment. Aber die Lücke werden sie doch nicht füllen. Hier ist hier und dort ist dort. Ob mit ‚Wir Kinder vom Arbat‘ in voller Länge oder ohne.

Als ihre Mutter noch lebte, hat sie ihr in diesem Laden eins dieser bunten Blumentücher gekauft, die sie auch nach langen Jahren in Deutschland noch immer gern getragen hat. Oft ist sie nicht hier, man kriegte ja all die Sachen auch in normalen Geschäften. Und eine отличная хозяйка, die was auf sich hält macht eh alles selbst. Piroschki und Pelmeni, eingelegte Paprika und Kobra und setzt sogar Kwas aus Schwarzbrot in einem dafür vorgesehenen Gefäß an.

Nachdem sie die Gürkchen und die Sprotten in ihrem Einkaufkorb gelegt hat, nimmt sie Kurs auf die Spirituosenabteilung. Sie geht an den die Reihen mit aus der Föderation importierten Erzeugnissen vorbei und an Flaschen mit kyrillischen Buchstaben, die aus Brennereien auf deutschen Boden stammten. Geführt von Landsleuten, die sie nur für den europäischen Markt produzieren. Welcher war noch mal der gute Wodka? Dieser hier mit dem blaugrünen Etikett oder der daneben? Wenn Oleg über ihre Wahl meckern sollte, würde sie ihm sagen, dass er ihn das nächste mal doch bitte selbst besorgen könne…

Plötzlich horcht sie auf, hinter ihr zerbricht etwas. Sie duckt sich instinktiv und dreht sich um. Da steht Vater mit einer der Flaschen in der Hand und wirft sie mit voller Wucht zu Boden. Er ruft Dinge, die sie nur zum Teil verstehen kann, so aufgeregt und schrill ist seine Stimme. Sein Mund ist seltsam verzerrt.
„Bärtiger Despot! Da hast du, du Schwein!“
Krach, noch eine Flasche landet auf dem Boden.
„Nimm das, Satan!“
Noch eine.
So kennt sie ihn nicht. Sein Augen wirken gehetzt, nein, nicht gehetzt, geht es ihr durch den Kopf, sein Blick ist eher der eines verzweifelten Kindes. Derselbe Schmerz und dieselbe Hilflosigkeit wie bei allen Kindern in Kriegsgebieten.

„Vater, was haben Sie?“ Sie geht zu ihm hin. Nimmt ihm die Flasche aus der Hand. ‚Wodka Suliko‘ steht auf dem bunten Etikett. Und darüber, nicht weniger farbenfroh und in bester sowjetrealistischer Manier gepinselt, der lächelnde Iossif Wissarionowitsch Stalin selbst mit seinem prächtigen Schnurrbart.

Unter ihrer Berührung fällt der alte Mann in sich zusammen.
„Den Vater haben sie geholt,“ stammelt er in einem wimmernden Ton, „den Onkel haben sie geholt, den anderen Onkel auf der Stelle erschossen. Sein Sohn war keine zwei Jahre alt gewesen. Fort, alle fort.“ Er schüttelt sich und weint unhörbar.

Sie versucht, ihn zu beruhigen. Die anderen Kunden sind längst näher gekommen, einige zücken schon ihre Handys. Auch die Kassiererinnen oder Verkäuferinnen kommen angerannt, trauen sich aber nicht näher an den Tobenden heran. Bis auf eine besonders dralle, besonders energische Frau in weißem Ladenkittel, die sich durch die Menge schiebt.

„Was ist denn das hier für ein Chaos? Was zum Teufel machen Sie denn da?“, dröhnt sie auf Russisch, „Sind Sie verrückt? Er gehört eingesperrt!“

„Nein, er nicht, aber Sie, wenn sie sowas hier in die Regale stellen“, sagt Melitta betont auf Deutsch und drückt der Frau die Flasche Stalin-Wodka in die Hand. Sie nimmt den Vater beim Ellenbogen, hebt seinen Hut vom Boden auf und will sich mit ihm an den Leuten vorbei schieben.

Aber die üppige Blondine ist noch nicht fertig, kehlig und mit dem Befehlston eines Natschalniks ruft sie:

„Warten Sie, Женщина (meine Dame, gute Frau), nicht so eilig. Wir müssen erst ihre Personalien aufnehmen. Sie müssen das alles bezahlen! Was glauben Sie denn, das wird noch Konsequenzen haben!“
„Das wird es,“ sagt Melitta mit der sachlichsten Stimme, die ihr in diesem Moment zur Verfügung steht und zieht ihre Visitenkarte aus der Seitentasche, „Meine Tochter ist Juristin, wir werden Sie verklagen. Sie… Ihr Chef wird sich dafür noch zu verantworten haben. Sie hören von uns, verlassen Sie sich drauf. Kommen Sie, Vater. Alles gut, es ist vorbei.“ Und sie führt den alten Mann vorsichtig zum Ausgang, den Gehwagen mit der anderen Hand schiebend. „Fort, alle fort“, stammelt der nur apathisch vor sich hin. Den Einkaufskorb lässt Melitta einfach in der Wodka-Lache stehen. Nun, dann werden sie dieses Jahr eben auf die wenig gesalzenen Gürkchen verzichten müssen.

Hier und Dort. Zwei Kindheiten.

‚Kindheitsverläufe in Systemen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, dort das stalinistische und nachstalinistische Sowjetregime und hier das Nachkriegsdeutschland unter Adenauer. Verliefen die Kindheiten dadurch wirklich so unterschiedlich oder gab es auch Gemeinsamkeiten? Machen Sie sich in den Erzählungen ein eigenes Bild.‘

Oberflächliche Gemeinsamkeit der damaligen Bilder: Schwarz-Weiß; Foto: Vitaliano Bosetti.

So lautet der Klappentext zum Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“. Zwei Bonner Autorinnen, Monika Mannel und Agnes Gossen haben es gemeinsam geschrieben. Der Vergleich ist spannend. Unbeschwert waren beide Kindheiten nicht. Beide werden von Armut und Entbehrungen überschattet.

Dies hier ist keine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich habe bloß über die Unterschiede zwischen den beiden Kindheiten nachgedacht. Ich habe bloß die Aufforderung im Klappentext zum Anlass genommen und angefangen, mir ein eigenes Bild zu machen. Die Publizistin Rose Steinmark hat eine richtige Buchbesprechung dazu verfasst, wer mag, kann sie hier nachlesen.

Zwei Autorinnen, ungefähr die selbe Zeit – sie wachsen in den Fünfziger-Jahren auf – die eine im Bonner Umland, die andere im Ural. Doch der Klappentext beschreibt den Unterschied nicht annähernd. Agnes Gossen spricht ja nicht nur über eine typische Kindheit im Sowjetregime. Nicht wenn das Kind zu einer unterdrückten Minderheit gehört und in einen Verbannungsort aufgewachsen ist.

Kindheit im Ural: Agnes auf dem Schoß der Mutter, links

Berichte über russlanddeutsche Kindheiten gibt es viele, aber in diesem Buch ist es gerade der Vergleich, der die Lektüre lohnenswert macht. Und wie gesagt, bei all den Gemeinsamkeiten, die Unterschiede sind doch augenfällig.

Was ist gemeinsam? Die Nachkriegszeit, der Armut, sogar der Dialekt, auf der einen Seite das Platt der Mennoniten, auf der anderen die Bonner Mundart. Es geht zwar immer wieder ums Überleben. Der Mangel, die Nahrung, Heizmaterialien spielen in fast allen Geschichten eine erhebliche Rolle. Briketts auf der einen und Maiskolben oder Stroh auf der anderen Seite.

Während Monika Mannel kleine Episoden schildert, die aus ihrer damaligen Mädchenperspektive eine überschaubare Kinderwelt zeigen, und alle Beteiligten im breitesten Bönnsch parlieren lässt, gehen die Geschichten von Agnes Gossen immer wieder über sie als Person hinaus.
Sie bindet sich ein in die Schar der Großtanten, die ausgewandert sind, die Anzahl der Männer in der Familie, die verbannt oder erschossen wurden. Auch ein Erlebnis mit dem Puppenwagen gehört eher in die Kindheit ihrer Mutter als in ihre eigene. Es sind nicht nur die eigenen Streiche und Erlebnisse, sondern Geschichten, die lange vor ihrer Geburt geschehen sind, Familienlegenden, die weitergetragen werden. Teilweise handeln sie von Leuten, die sie nicht selbst kennengelernt hat, die aber in der Familie noch immer eine Rolle spielen.

Sie ist sich immer der anderen bewusst und schleppt einen ganzen Stammbaum mit sich herum. Doch das ist nicht der einzige Unterschied in den Erzählweisen.

Zwar gibt es bei den Kindern der Verbannten auch Kinderstreiche. Da wird eine verbotene Frucht aus dem Garten geklaut,  da wird auf Bäume geklettert und sich auf die erste Klasse gefreut. Doch die Eltern, die Erwachsenen werden nicht infrage gestellt. Das geht auch nicht, immer steht im Raum,  dass diese durch ein schweres Schicksal gegangen sind. Es gibt kaum Abgrenzung zu der vorhergehenden Generation, keine Abnabelung oder Trotz ihr gegenüber. (Zumindest werden sie in dieser Phase der Kindheit nicht spürbar.)

Traumatisierte werden nicht kritisiert oder infrage gestellt. Gegen Eltern, die so gelitten haben, kann es keine irgendwie geartete Auflehnung geben.
Wie denn, wenn du sie nicht böse anblicken kannst, ohne dass sie in Tränen ausbrechen. Wenn die Oberfläche so dünn ist und darunter gleich der Abgrund gähnt? Das spüren Kinder.

Diese Kindergeneration hat gelernt, auf die Eltern einzugehen, sie zu schonen, ihre Gedanken weiterzuspinnen und zum Teil auch für sie das Leben zu organisieren.

In den Geschichten von Monika Mannel nimmt das Kind dagegen eine eher distanzierte Haltung den Erwachsenen gegenüber ein, es gibt die strenge Mutter, die dicke Hausnäherin.

Tante Cordula watschelte und schnaufte beim Laufen. Wenn Mutter uns dabei erwischte, wie wir hinter Tante Cordulas Rücken lachten, dann gab es Ohrfeigen. Also hielten wir Kinder uns im Beisein der Erwachsenen zurück. War Tante Cordula abends auf dem Rückweg, so überlegten Hans, Lisa und ich, wie lange es noch dauern würde, bis sie platzte und das Fett aus ihr herauslaufen würde. S 67

Freche Kindergedanken, Streiche. Wir gegen sie. Obwohl auch hier ein großer Einschnitt hinter ihnen liegt: der Krieg.

Dennoch fehlen solche Freveltaten auf der Ural-Seite. Wie kann sich ein Kind über Erwachsene lustig machen, die durch die Hölle gegangen sind? Die sich und ihr Leben und ihre Gesundheit aufopfern, um noch ein wenig Normalität und Behaglichkeit zu schaffen.

Gewiss, nicht alle waren und sind so. Aber diejenigen, die bei wie auch immer traumatisierten Eltern aufgewachsen sind, werden diese Sätze nachvollziehen können. Die Bande zur Familie auch zu der Eltern-/Großelterngeneration sind sehr stark. Es ist nicht nur die Erziehung, die sie prägen, sondern auch die Umstände. Kinder von Verbannten eskalieren nicht, machen keine Szenen. Denke ich zumindest.

Es heißt in anderen Texten oft, dass in Aussiedler-Familien Konflikte kaum ausgetragen würden. Die Position des einzelnen wird geopfert zugunsten einer fragwürdigen Harmonie. Vielleicht liegt einer der Gründe darin begründet. Womöglich macht diese besondere Verbindung der Kinder zu ihren Eltern einen Teil der Mentalität aus.

es braucht so wenig für ein Kinderlachen….

Auf den ersten Blick wirken die Lebensläufe ähnlich, die beiden Autorinnen sind ungefähr ein Jahrgang. Es sind nur wenige Jahre, die sie trennen. Und doch kommen mir die Kindheiten so verschieden vor, als stammten sie aus zwei verschiedenen Zeitaltern.

Noch etwas, das ins Auge fällt. Auch wenn Kinder überall Kindersachen machen, wie auf Bäume klettern zum Beispiel. Die Welt von damals ist vollständig verschwunden. Es gibt keine Kontinuität zu heute. Was mich berührt. Die Dinge, die Szenen, die Gespräche aus beiden Kindheiten sind heute nicht aufzufinden. Die Strenge oder die Armut beispielsweise. Und wenn es sie heute gibt, dann zeigen sie sich auf andere Weise. Damals waren die Vergnügungen rar und müssen von den Kindern selbst kreiert werden. Unvorstellbar im Zeitalter der digitalen Spielkameraden und Unterhalter.

Apropos Kontinuität. Eine andere Sache ist wohl mehr als erstaunlich. Die Wege, die ein Gebäck zurücklegen kann. Oder seine Zubereitung.

In der letzten Geschichte beschreibt Agnes Gossen, wie sie in Bonn ein Gebäck wiederentdeckt, dass sie aus ihrer Kindheit im Ural kennt, das sogenannte Tweeback.  So wird uns die wundersame Reise vor Augen geführt, die ein Backrezept nehmen kann. Von den vertriebenen Hugenotten in ein preußisches Dorf bei Danzig gebracht, dort von den aus den Niederlanden angesiedelten Mennoniten aufgegriffen und bis in die Gegenden hinter den Ural mitgenommen, wo es die Mutter der Autorin traditionsgemäß immer Samstags gebacken hatte.

Plattdütsches Tweeback nach einem alten hugenottischen Rezept

Um dann in Bonn, in einer französichen Bäckerei als Brioche von ihr wiederentdeckt zu werden. Die Reise eines Kuchenrezeptes um die Welt. Auch das ist Kultur. Mich erinnert die Episode ein wenig an die Madeleines von Marcels Proust, auch hier geht es um ein Wiederaufflackern der Vergangenheit. Allerdings auf eine ganz andere Weise. Genauso und doch anders.

So weite Wege, so unterschiedliche Erlebniswelten. So verschiedene Kindheiten. Oder doch nicht? Doch wie schon der Klappentext nahelegt: Verliefen die Kindheiten dadurch wirklich so unterschiedlich oder gab es auch Gemeinsamkeiten? Machen Sie sich in den Erzählungen ein eigenes Bild.

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Wer mehr über das Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“ nachlesen möchte, die Publizistin Rose Steinmark hat eine sehr schöne Rezension dazu verfasst.

Monika J. Mannel und Agnes Gossen
Kindheiten in Deutschland und Russland
Geestverlag 2018, 184 Seiten, 12,50 Euro
ISBN 978- 3-86 685-666-0