Spruch der Woche – kein zurück

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Rollenspielchen

Der Feminsimus ist schuld. An der Scheidungsrate und auch daran, dass Männer keine Männer mehr sein dürfen. Ach, an allem eigentlich.
Wenn Frauen sich auf ihre angestammte Rolle besinnen würden, wäre die Welt eine bessere. Solche Aussagen lese ich auf dem Blog einer jungen Frau, die sich conservative woman nennt, Mitglied bei der AfD ist und eine Deutsche aus Russland.

Tag der Frauen. International. Nelken und Glückwünsche. Danke dafür.

Weibliche Rollen. Bilder.

Die Russen rühmen sich, die besten Frauen zu haben. „Ich war oft in Deutschland, deutsche Männer beneiden uns um unsere Frauen,“ sagt der russische Kultautor Alexander Tsypkin: Ja. Sie sind entspannter.

Schön. Warm. Sinnlich.

Das sind die Attribute, die ihm zu Frauen einfallen. Darum werden sie am 8. März gefeiert, sagt er in diesem Interview: http://mdz-moskau.eu/kultautor-ueber-russland-und-seine-frauen/

Das Diktat der Schönheit. Spaßig. Aber nicht für alle. Diese Flugbegleiterinnen sind nicht ganz so entspannt.

https://www.mdr.de/heute-im-osten/sexismus-russland-102.html

Weibliche Natur.

Die weibliche Natur durften wir in diesem Jahr am 17.2. beim Frauenmarsch in Berlin bewundern.

500 Demonstrantinnen, die gegen Aggression muslimischer Männer auf die Straße gegangen sind. Flankiert von ebensovielen Bikern. Die extra angereist sind, um „unsere Frauen zu schützen“.

Genau mein Humor. Wenn meine Rechte von 500 Bikern durchgedrückt werden. Ach war da nicht was mit Frauenhandel? Diese Frauen habt ihr sicher auch gut beschützt.

Weiblich konnotierte Tätigkeiten. Werden leider nicht wertgeschätzt. Sonst würden sie nicht Frauen überlassen werden.

Die Erfüllung der Frau ist es Mutter zu sein. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur. Was, wenn eine andere Pläne für ihr Leben hat?

„Die strukturelle Benachteiligung von Frauen gleicht einem Yeti. Jeder spricht darüber. Aber noch niemand hat ihn ernsthaft gesehen,“ sagte eine AfD Politikerin vor einer Woche. Wenn 1918 nicht das Frauenwahlrecht erkämpft worden wäre, von Frauen, die gegen strukturelle Benachteiligung auf die Straße und ins Gefängnis gegangen sind, würde sie nicht da vorne stehen und solchen Schmu von sich geben.

Aber keine Sorge, Kollegen von ihr werden das Kind schon schaukeln.

Frauen nicht für Politik gemacht. Warum? Zu emotional.

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/AfD-Fraktionschef-Maenner-eher-fuer-Politik-gemacht,afd1516.html

Der Feminismus ist an allem schuld. Mehr Ehen werden geschieden, seit die Frauen frauenbewegt sind, das Behauptet Sophia Kähm auf ihrem Blog, eine conservative woman, die Beziehungen nach der Bibel auslegt und Familienleben über alles stellt. Erfüllung der Frau. Weibliche Natur. Hm. Nur.

Wenn sich die Frauen nicht aufgelehnt und als Blaustrümpfe für Frauenwahlrecht und das Recht zum Universitätsstudium zugelassen oder arbeiten zu gehen ohne sich die Erlaubnis des Ehemanns einzuholen, dann würde sie irgendwo Kartoffeln schälen und nicht ihre Weltsicht via Blog verbreiten. Dann wäre nichts mit im 5. Semester Literatur studieren und nebenbei arbeiten gehen…

So siehts aus. Aber es gibt ein Aufwachen.

Mit den rechten Jungs spielen wollen und sich wundern, dass frau nicht ganz vorne mitmischen darf.

http://www.belltower.news/artikel/rechtsextreme-frauen-sind-%C3%BCberrascht-dass-rechtsextreme-m%C3%A4nner-frauenfeinde-sind-12989

Frau & Herd. Das ja.

Frau & Politik, das nicht.

Zu emotional.

Das sagt auch der Identitäre aus Wien.

Antifeminismus gehört zum Rechtsextremismus und zum Rechtspopulismus dazu, wie auch Rolf Pohl, Soziologe und Männerforscher, feststellt: „Zu den ideologischen Bausteinen des Rechtsextremismus und auch des Rechtspopulismus gehört das Bild der intakten Familie und das der klassischen Arbeitsteilung. Gleichzeitig wird propagiert, dass dieses Bild in der Auflösung begriffen oder schon längst systematisch abgeschafft worden ist. Der Mann hat angeblich seine Männlichkeit verloren. Im Rechtsextremismus ist das Bild des Widerstandes und der Opposition schon immer männlich codiert gewesen.“

Ach wie schön wäre es doch, wenn die Rollenbilder klar wären. Wie in diesem Katalog für Deutsche aus Russland. Wenn Kerle noch so sein dürfen wie echte Kerle.


Und Frauen noch so sind wie echte Frauen.

Noch Fragen?

Spruch der Woche – Heimatblase

Wie stark deine Sehnsucht und wie groß deine Geisteskraft auch sein mögen, niemals kehrst du dorthin zurück, woher du gekommen bist.“


Charles de Foucauld

Jedes Mal wenn es stark regnet und sich in den Pfützen kleine Kuppeln aus Tropfen  bilden, taucht vor meinem inneren Ohr ein Wort auf: пузыри, (puseri) Bläschen. Denn als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter erklärt, dass die Tropfen Bläschen werfen, wenn es länger regnen wird. Längst ist Deutsch zu meiner Denk-, Traum- und Flüstersprache geworden. Doch wenn ich Tropfen sehe, die in den Pfützen hochspringen, denkt mein Hirn: pusari. Auch in der Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Nicht nur meine gewählte, sondern auch die gefühlte Heimat.

Foto: Heinz Benaczek CC BY-SA 3.0

Heimat – dieses Wort habe ich früher weitestgehend vermieden. Es war nicht salonfähig, denn zu viel Blut und Boden und Volkstümelei haftete daran. Als Russlanddeutsche ist mein Bezug dazu auch viel zu komplex, um in irgendwelche Stadt-Land-Fluss-Begrifflichkeiten gepresst zu werden. Ich lasse mich nicht so einfach verorten oder auf pure geografische Koordinaten reduzieren.
Wo ich herkomme ist zunächst klar. Omsk. Eine sibirische Großstadt an der Kreuzung der beiden Flüsse Omka und Irtysch gelegen. Ich habe sie im Alter von acht Jahren verlassen.

Ist Sibirien meine Heimat? Ich denke ja, eine davon. Es ist eben nicht nur das Fleckchen Erde, auf dem wir zufälligerweise geboren wurden, das uns ausmacht. Auch nicht nur die Luft und die Pflanzenwelt, die uns dort umgibt. Es sind auch die Sprache, die Geschichten und die Träume, dieses kollektive Fluidum, in das wir als Kinder eintauchen. Die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen. Außer dem Birkensud, den Pelmeni und diesem sahnigen Eis erinnere ich mich bewusst auch an unzählige Folgen von Nu pogodi. Das ist das sowjetische Pendant zu Tom & Jerry, nur dass sich hier Hase und Wolf das Leben schwer machen. Das alles hat mich geprägt, ist in meine Stofflichkeit übergegangen, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. In Sibirien liegen auch die Sondersiedlungen und die Verbannungsorte, an die alle gekommen sind, die deutsch waren. Auch aus meiner Familie. Auch das formt einen Teil von mir.

Ist die Ukraine meine Heimat? Das Vaterland, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe, wo aber Vaters deutsche Verwandtschaft seit Generationen gesiedelt hat. In ihrer eigenen bäuerlichen Parallelwelt. Sie sind irgendwann aus Ostpreußen und aus der Pfalz dorthin eingewandert und an die 140 Jahre dort geblieben, bis zu der großen Umwälzung, die der zweite Weltkrieg mit sich gebracht hat. Was von dieser ländlichen Kultur und von den Erlebnissen während der Wanderungen ist in meine Träume eingedrungen? Gibt es einen direkten Einfluss, außer dieser fast unmerklichen Melancholie und dem Fernweh nach dieser Landschaft, die mich manchmal befallen?

Ist mir die Kleinstadt im Rheinland, wo ich meine zweite Kindheit verlebt habe, zur Heimat geworden? Lange habe ich mit dem Ort gehadert, habe mich dort fremd gefühlt, wie zu Besuch. Die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zwischen den Feldern und die mit dem Lineal gezogenen Beziehungen zwischen den Menschen habe ich nicht als Teil von mir annehmen können. Heute erinnere ich mich an diese Lebensabschnitte und merke, dass auch sie mich verändert und berührt haben. Auch wenn mich der rheinische Frohsinn noch immer eher abschreckt. Wie einen bösen Geist, der im Karneval vertrieben werden soll.

Ist es Hamburg? Hamburg, meine Perle? Ich bin eine Wahlhamburgerin, wie die meisten, die ich hier kennengelernt habe. Doch wie tief geht meine Verwurzelung in den Asphalt deines städtischen Dschungels? Seit ich im Norden bin, erlebe ich erstmalig so etwas wie eine Widerspiegelung in der Landschaft, fühle mich mit den Menschen verbunden.

Neulich sagte ein Freund, Heimat sei für ihn etwas sehr Lokales. Nicht nur die Stadt, mit der er sich identifizieren, sondern der Stadtteil. Der Kiez, in dem er wohnt und in dem er Freundschaften aufgebaut hat, auch durch die Kinder. Die unmittelbare Nachbarschaft vermittle ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit,  aber doch nicht etwas so Abstraktes wie eine Nation.

Soll Heimat wirklich so austauschbar sein dürfen und sich mit jedem Umzug durch eine reine Koordinatenverschiebung ändern? Bleibt nichts von den alten Heimaten, den wirklichen und den ideellen etwas an uns haften? Ein Ton, eine Färbung, ein Zungenschlag? Die Vorlieben für bestimmte Speisen, die Art, wie du dich verhältst, wenn es wirklich brenzlig wird? Die Fähigkeit, indirekt zu sein? Es zu lieben, wenn Menschen nach einem guten Essen anfangen zu singen? Die Art mit Kindern umzugehen und mit Alten?

Eine alte Heimat und eine neue, die im besten Fall einvernehmlich ineinander verzahnt sind. Deren feine Grenzlinien nicht wie Wunden brennen. Wenn Heimat und Heimat sich wie Freunde begegnen, nicht wie Feinde nach alten Kriegen.

Vielleicht kann der Freund locker behaupten, dass ethnische Zugehörigkeit unwichtig und die Heimat auf einige Straßenzüge begrenzt sei, weil er sie niemals verloren hat. Er, der jederzeit in einen Zug steigen kann, um seinen Geburtsort in Hessen zu besuchen. Wo möglicherweise noch ein Elternhaus auf ihn wartet, auf dessen Dachboden seine Spielsachen von damals schlummern, leicht muffig, aber gut erhalten. Seine Muttersprache wird von seiner Umgebung gesprochen, egal, in welchem Kiez in Hamburg er sich aufhält. Oder in Berlin. Oder Köln.

Dann könnte ich auch sagen, meine Heimat ist der Kiez, in dem ich wohne. Alles andere ist egal. Aber ich kann es nicht. Zu viele Werst liegen zwischen der Omka und der Elbe. Zu viele Stunden. Und ich meine nicht nur die vier Stunden Zeitunterschied.

Ich habe nicht geweint, als ich dort weg bin. Erst viele Jahre später. Lange durfte ich nicht zeigen, dass ich die Heimat vermisse. Ich sollte mich in die neue Heimat einfügen, vor der es hieß, das sei die historische Heimat meiner Ahnen. Ahnen von denen ich nichts wusste, die für mich keine Gesichter und keine Namen hatten. Heimat sollte immer Deutschland sein.

Daheim war für das Russische kein Platz. Wie denn? Wer ist hier russifiziert, etwa wir? Zieht euch warm an, sonst werdet ihr noch russifiziert. Klingt nach einem schlimmen Bazillus. Kein einziger bemalter Holzlöffel, keine Matrjoschkapuppe und schon gar nicht ein Samowar sollten an das erinnern, wo wir herkommen.

Neulich hatte eine Frau mir sogar bescheinigt, ich hätte Null Akzent und hätte mich nahtlos intrigiert in die neue Gesellschaft. Das ist kein Schreibfehler. Sie sagte wirklich intrigiert. Als hätte ich mich hinein gemogelt in eine Gemeinschaft, in der ich eigentlich nichts zu suchen habe.

Als Kind durfte ich nicht trauern. Nicht um meinen Kiez in Omsk mit den vielen Spielplätzen, nicht um die Freunde, die ich verloren hatte. Und auch nicht um die Hündin, die ich so lange erträumt und erbettelt und ins Herz geschlossen hatte und die kurzerhand an irgendeinen Nachbarn meines Großvaters gegeben wurde. Als Kettenhund.

Das Gewesene einfach über Bord zu werfen. Einen Cut zu machen. Sich neu erfinden. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und vor allem fordert Anpassung einen hohen Preis. Ein Stück von dir geht für immer verloren, wenn du die Heimat verlierst.

Die Heimat liegt wie die Kindheit in einem Raum, der nicht existiert. Es gibt zwar ein Rücksehnen oder Erinnern daran, aber es führt kein realer Weg dorthin. Selbst wenn jemand an dem Fleckchen Erde lebt, den seine Vorfahren seit grauen Urzeiten nicht verlassen haben. Die Welt um diesen Ort verändert sich. Unaufhörlich. Es bleibt nichts so wie es ist. Bei manchen Menschen trifft Heimweh eben auf Fernweh, so wie bei mir.

Der Ort an dem ich lebe, ist real. Der Ort, an dem ich gelebt habe, liegt zurück in der Zeit. Auch wenn es reinräumlich gesehen der gleiche ist. Aber es ist eben nicht derselbe. Und einige Anteile meiner Heimat, meiner Beheimatung teile ich mit Leuten. Mich verbindet etwas. Die Sprache wohl am meisten. Über die Worte habe ich gelernt mich mit diesem Land zu verbinden. Ich habe neue Denkstrukturen übernommen, aber auch sie stoßen in mir an ihre Grenzen. Wenn sie auf die älteren Muster treffen. Die Grenzen liegen in mir. Ich habe Grenzen überflogen, aber die eigentlichen Grenzen liegen in mir. Feine Haarrisse, Mosaikteilchen, die an den Kanten nicht ganz passen, aber dennoch mein inneres Mosaik bilden.

Zurück in das Land der Kindheit kann ich nicht mehr, aber ab und an taucht etwas daraus auf, wie ein Bild, eine Melodie oder das Wörtchen puseri, wenn es wie aus Kübeln gießt. Und ich lebe ja in Hamburg, in einer Heimat, in der es öfter mal erbarmungslos regnet.

 

Durch die Blume – (Katjuscha)

Am 2. Dezember wurde ich mitten in der Nacht durch die Blume geweckt. Sie klingelte genau um ein Uhr. Die Blume ist ein Digitalwecker aus Plastik in Form einer Topfpflanze. Mit gelben Blütenblättern und einem Zifferndisplay in der Mitte. Sie hat mich förmlich aus dem Schlaf gerissen, nicht Alexa oder Siiri oder wie die elektronischen Hausmädchen sonst noch heißen. Unsere namenlose Wecker-Blume spinnt seit einiger Zeit, wenn nicht schon immer. Wir haben keine Gebrauchsanweisung mehr dafür, sie hat nur einen Menüknopf und zwei Knöpfe rechts und Links davon. Und es gibt da einen verhängnisvollen Knopf für die Schlummerfunktion. Verhängnisvoll daher, weil, wenn du zufällig drankommst, die Weckfunktion automatisch aktiviert wird.

Und da die Blume seit einigen Woche eine Macke hat, die Uhrzeit eigenständig um 7 Stunden zu verstellen, HAL nichts gegen, klingelt der Wecker gern einmal nach Mitternacht, statt um sieben oder um acht. Auch wenn ich sie richtig stelle, nach einer Viertelstunde geht sie sechs Stunden vor oder acht zurück. Das ist nicht nur Künstliche Intelligenz, sondern regelrechter Künstlicher Starrsinn. Diese Blume hält sich null an Absprachen und macht einfach ihr Ding. Und das vorzugsweise an einem Wochenende. So wie heute Nacht. Dämonisch.

Sie ging aber nicht mit einem eindringlichen Fiepen los, das sich zu einem ohrenzerreißenden Crescendo steigert, so wie sonst, sondern mit der Melodie eines russischen Liedes: Katjuscha. Weiß der Teufel, woher sie das hat und wer das eingestellt hat.

Nun befand sich in diesem Advent ein Rätsel der besonderen Art auf der Seite des russlanddeutschen Literaturkreises. Seit dem 1. Dezember wurden jeden Tag die ersten Zeilen eines russischen Liedes in deutscher Übersetzung gepostet. Unter denjenigen, die am Ende die meisten Titel erraten sollte nach dem russisch-orthodoxem Weihnachtsfest Anfang Januar etwas verlost werden.

Ein Wettbewerb, bei dem ich abloose, weil ich die meisten Lieder nicht kenne oder nicht erraten kann. Mir sagen sie nichts, weil ich schon zu sehr assimiliert bin, lückenlos integriert. Und heute Nacht, als ich den Wecker wieder abgestellt hatte, ging mir die Melodie nicht aus dem Kopf und auf einmal waren die russischen Zeilen vollständig wieder da. Klar und deutlich:

Расцветали яблони и груши,
Поплыли туманы над рекой.
Выходила на берег Катюша,
На высокий берег на крутой.

Das Lied ist von 1938 und wird heute gern für Siegesfeiern hervorgeholt, wie hier:

Birnen, Äpfel und Nebel. Heureka. Das ist seltsam, denn würde ich bei vollem Tagesbewusstsein darauf angesprochen, könnte ich nichts wiedergeben. So wie jetzt. Aber halb unbewusst, aus dem Schlaf gerissen tauchte der Text vollständig wieder auf. Die Verbindung zur Kindheit und zur Heimat war plötzlich wieder da. Durch die Blume, sozusagen.

Komisch nur, dass ich am nächsten Tag auf der Website des Literaturkreises nirgends diesen Liedtext gefunden habe. Vielleicht kommt er ja noch. Ich war mir sicher, dass ich was über Apfelbäume und Birnbäume gelesen hatte. Aber vielleicht ist die Blume nicht nur eigenständig, sondern auch prophetisch.

Wenn sie so nervig ist, weshalb habe ich sie nicht längst entsorgt? Der Wecker war mal ein Geschenk für unsere Tochter, zum Schulanfang. Sie hat sie bekommen, damit sie die Schule nicht verschläft. Aber die Uhr ist so unzuverlässig, dass sie nicht zu gebrauchen ist und einfach überall durch die Wohnung wandert. Entsorgen geht aber nicht, denn die Tochter hängt daran, als Erinnerung an die Einschulung und hat eh Schwierigkeiten damit, sich von Dingen zu trennen. Ob es an ihrem festhaltenden Charakter liegt oder an den Genen von Menschen, die oft genug alles verloren haben oder zurücklassen mussten, kann ich nicht sagen.

Wegwerfen ist also nicht möglich.  Aber die Batterien habe ich jetzt entfernt. Wenn sie jetzt noch immer losgeht, kann man sich sicher sein: hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Da haben ganz andere Mächte ihre Finger im Spiel als 0 und 1.

Vielleicht lasse ich sie doch eines Tages verschwinden. Heimlich, still und leise. Ich könnte natürlich die gesamte Blumenuhr auch spenden. Dem Literaturkreis für die Verlosung zur Verfügung stellen. Dann darf sich jemand anders in Zukunft mitten in der Nacht von der Katjuscha-Melodie aus dem Schlaf reißen lassen. Möglicherweise wird er oder sie das dann besser zu würdigen wissen als ich.

Tatsächlich wurde das Lied einige Tage später am 8. Dezember auf der Website gefeatured.

Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,
still vom Fluss zog Nebel noch ins Land.
Durch die Wiesen ging hurtig Katjuscha,
zu des Flusses steiler Uferwand.

(Deutsch von Alexander Ott)

Warum  mir mein Gehirn vorgegaukelt hatte, ich hätte schon was über Apfelblüten und Birnen gelesen, kann ich nicht sagen. Meine Familie bestreitet kategorisch, dass unsere Blumenuhr russische Kriegslieder als Weckmelodien im Programm führt. Da ich mich seit der besagten Nacht weigere, die Batterien wieder einzusetzen, kann ich es leider nicht nachweisen. Aber die Möglichkeit steht im Raum, dass ich auch die Melodie geträumt, bzw. sie mir im Halbschlaf eingebildet habe.

 

Wer sich im Nachhinein an den Knobelaufgaben versuchen möchte, hier der Link zum Adventsrätsel:

https://literaturkreis-autoren-aus-russland.de/blog/category/schreibtipps-fuer-autoren/adventskalender-preisausschreiben/

Mir ist es gelungen fünf davon ohne zu googeln zu erraten. Immerhin.
Ich wünsche allen schöne Träume.

Spruch der Woche – Ewiges Lamento

Es ist wohlfeil zu jammern, wenn du jemanden hast, dem du klagen kannst.
                                                                          Sprichwort aus Litauen

Dabei gilt das Jammern in unserer Gesellschaft als ein Nogo, als ein Geht-ja-gar-nicht. Jammerlappen, Katzenjammer, Jammertal – all diese Begriffe sind negativ konnotiert. Jammern wird nicht gern gesehen. Es gilt als Schwäche.

Heul doch!

Verabschiede dich vom Klagen und du wirst für Allezeit glücklich sein, versprechen zumindest die selbsternannten Propheten der Selbstoptimierungs-Websites und Glücks-Ratgeber.
Laut deren Psychotipps ist es besser, etwas zu tun als zu lamentieren. Denn das Klagen und Jammern würde uns ja nur schaden. Es sei reine Energieverschwendung. Schlimmer noch, dadurch geraten wir in eine Opferrolle.

Ist Schweigen so viel besser?

Einfach weitermachen? Nach vorne gucken.

Alles verdrängen. Wegdrücken. Die Tränen runterschlucken und weiter gehts.

Und das ganze Elend schön weitervererben.

Kennen wir doch von irgendwoher.

Dieser Spruch aus Litauen passt irgendwie zu uns Deutschen aus Russland und zu unserer Literatur. Heißt es nicht, sie sei ein einziges ewiges Lamento?

Aber das Sprichwort besagt auch: wenn jemand zuhört, wenn jemand ein offenes Ohr hat, ist auch Jammern erlaubt. Klage braucht also Adressaten, die sie annehmen.

Aber genau dieses Publikum scheint es nicht zu geben. Noch nicht?

Die Erinnerungsliteratur der Russlanddeutschen, die Erzählungen der Erlebnisgeneration, das Reden über alte Zeiten, was oft alte Wunden beinhaltet, ist auch bei unseren eigenen Leuten oft nicht gern gesehen. Und das aus mehreren Gründen, manchen gehen die Schilderungen von Demütigung und Schmerz zu nahe, andere haben sich sattgehört, wollen lieber etwas Heiteres lesen, etwas mit mehr Zukunft und Optimismus. Keine Gulagerlebnisse mehr und Stories über Verschleppung. Auch in Sibirien gab es doch schöne Landschaften und lichte Sommer und Schmetterlinge. Es gab doch nicht nur das eine. Schreckliche. sagen sie oft.

Klar.

Aber ist Klagen nicht auch eine Art Aufarbeitung? Darüber reden heißt, den Schmerz aunzuschauen, ihn nicht mit einem Schulterzucken wegwitzeln.

Das Problem solcher Schilderungen ist doch, dass so furchbare Dinge geschehen sind, dass es fast unmöglich ist, sie anders auszusprechen als im Jammerton. Und schon gar nicht für diejenigen, die sie am eigenen Leib erfahren haben.

Wahrscheinlich ist es wirklich besser zu schweigen, wenn du kein offenes Ohr findest. Der Jammerton mag viele auch abschrecken. Die Wucht des Erlebten ist zu viel, vor allem für Kinder und Enkel. Um das zu verarbeiten, müssen sie selbst stabil sein und bereit, es aufzunehmen. Aber wer ist es schon?

Dennoch.

So zu tun, als wäre das Jammern nur Zeitverschwendung oder hätte keine Basis, nützt niemandem.

Es stimmt schon, Aussiedler bringen sich leicht in eine Opferrolle. Aber hey, vielleicht liegt es daran, dass sie lange Zeit in der Rolle von Opfern waren? Das geht nicht weg, von einem Tag zum anderen. Und schon gar nicht, wenn über die alten Zeiten geschwiegen wird. Die ganze Erinnerungsliteratur ist kein Mi-Mi-Mi, auch wenn sie manchmal schwer zu ertragen ist.

Das erlittene Leid muss irgendwie verarbeitet und kann nicht mit billigen Psychoratschlägen von oberflächlichen Internetseiten hinweggefegt werden.

Georgisches Trauerritual – Iwan Pranishnikoff, 1884

Hinter dem Gejammer steckt oft was anderes. Vielleicht Trauer? Jammern und Beklagen gehört zu den Ritualen der Trauer. Klagelieder gehören zur Kultur der Menschen. Es mag heilsam sein, sich mitzuteilen. Es bringt Erleichterung.

Und was unsere Klageliteratur angeht, müssen wir vielleicht noch den richtigen Ausdruck finden und ein passendes, weil unbelastetes Publikum.

Doch bis es soweit ist, werden wir eben stammeln und jammern und lamentieren. Manchmal fehlen eben die passenden Worte, wenn jemand versucht, das Unsagbare in Sprache zu kleiden. Irgendwann werden unsere Autoren und Autorinnen auf einem so hohen Niveau jammern, dass sie gelesen werden können. Manche tun es schon heute.

Es geht kein Weg dran vorbei. Bevor wir wieder obenauf sein können, muss das Jammertal durchschritten werden. Dafür können wir unsere eigenen Trauerrituale erfinden und inneren Klagemauern bauen, bis der Schmerz abebbt.

Dass so etwas nicht pausenlos geht, ist auch klar. Zwischendurch wäre es gut, sich dem Hellen und Lichten zuzuwenden. Den Schmetterlingen in sibirischen Sommerlandschaften zum Beispiel.

Die Schatulle

Wir fahren öfter daran vorbei. Es ist eine Art Nische in der Mauer in der Gerichtstraße, gleich beim Bolzplatz. Weniger als einen Meter lang, mehr als einen halben hoch und etwa ebenso tief.

Dieser Platz ist ein Wechsellager für Nachbarn und Anwohnerinnen. Bücher werden dorthin gelegt, abgetragene Klamotten und Schuhe. Manchmal kommt Kinderspielzeug hinein, Blumentöpfe, die einer über hat, allerlei Krimskrams. Ich deponiere dort ab und zu selbst Ausgelesenes, das ich nicht behalten möchte oder ein Kleidungsstück, von dem ich weiß, dass ich es nie wieder werde anziehen können.

An dem Tag war die Nische fast leer. Daher fiel uns die kleine schwarze Schatulle sofort auf. Ich habe gleich gesehen, dass es eine russische Lackdose ist. Heute würde ich schwören, ich hätte sie zuerst gesehen, aber Karlotta ist anderer Meinung. Sie besteht darauf, dass sie sie gefunden hat.

Solche Lackdöschen mit irgendeinem Motiv, meistens einer Troika, sind beliebte Souvenirs in Russland. Ich weiß noch, dass ich gezögert habe, sie mitzunehmen, denn auf solchen Touristenkitsch stehe ich normalerweise nicht. Es gibt sie zuhauf, diese Holzschatullen an den Ständen in Russland, ebenso wie wie bunte Matrjöschkas, Holzlöffel oder Anstecker mit Leninkopf. Lange Zeit bewahrt Karlotta ihre doppelten Panini-Bildchen darin auf. Die Schatulle, außen schwarz und innen leuchtend rot lackiert, hat eben genau die richtige Größe.

Warum ich sie heute geöffnet habe, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie seit Wochen ständig im Wohnzimmer rumliegt und überall im Weg ist. Im roten Lack des Deckels entdecke ich einen Stempel. Mit Krone und dem Doppelkopfadler und kyrillischen Buchstaben.

Halt mal, sage ich, die ist sicher mehr als hundert Jahre alt. Noch vor der Revolution. Und wirklich, nach einiger Recherche im Netz finden wir heraus, dass diese Lackdose aus der Werkstatt von Wassilij Ossipowitsch Wischnjakow und Söhne stammt und um 1880 entstanden ist.

Kann nicht sein, denke ich und schaue mir die Miniatur auf dem Deckel genau an. Die Figuren und die Gesichter sind fein gezeichnet, sogar bei dieser Größe. So als wären sie mit einem Haarpinsel ausgeführt worden. Die Perspektive stimmt nicht immer, so wirkt das hintere Pferd der Trojka größer als das vordere. Aber Naive Bauernmalerei ist das nicht. Die Farben sind nicht grell sondern sehr nuanciert und es ziehen sich feine Maserungen durch den Lack. Das hätte mir doch früher auffallen können. Ist es aber nicht. Im Vordergrund befindet sich ein Baumstumpf mit Ast, wie auf etlichen anderen Modellen von Wischnjakow und Söhne, seine Lichter und Schatten sind fein modelliert.

Da haben wir wirklich einen Fang gemacht.

Meine Dose, sagt Karlotta.

Die verkaufe ich nicht, fügt sie hinzu als wir herausfinden, wieviel man bei eBay für so ein schmuckes Stück haben kann.

Ist mir recht, sag ich. Seufze und lege die Paninibildchen wieder hinein.

In eigner Sache. Drei Jahre gesammelt

Heute vor drei Jahren habe ich mich hingesetzt und habe ein Template für Scherben sammeln angelegt. Nun ist der die das Blog – wenn es denn ein Kleinkind wäre – in der Trotzphase. Ich schaffe es nicht, es täglich zu füttern. Ein Mal die Woche wenns gut läuft, oft sind die Intervalle länger. Und dennoch wird es immer fetter. Und jedes Mal, wenn ich inne halte und mich frage, was soll das und aufhören will, kommt ein belebender Kommentar und ich mach weiter.

Mit diesem unliebsamen Nebennischenprodukt. Wenn Sex und Gewalt publikumswirksam sind, was sind dann Vertreibung und Krieg und die Minderheit der Russlanddeutschen? Etwas, das ganz unten im Supermarktregal steht? Oder sogar in zweiter Reihe, hinter den alten Haferflocken, die schon anfangen, ranzig zu müffeln.

Aber was ich kürzlich auf einem anderen Blog gelesen habe, kann ich nur bestätigen: mein Sehen hat sich gewandelt, ich betrachte Bücher, Informationen ganz anders, lese ganz anders und trau mich mehr einen Standpunkt einzunehmen, als noch vor wenigen Jahren.

Und ich habe virtuell Mitlesende und Andersbloggende gefunden und möchte diesen Kontakt auch nicht mehr missen. Auch wenn sie so sind, wie ausgedachte Freunde, nur realer.

Dass ich als Bibliovore zu anderen Literaturbloggs Zugang habe, ist so wie wenn eine Drogenabhängige über Nacht in der Beweismittelkammer der Polizei eingeschlossen wird. Mit 1000 kg Stoff in Plastiktüten. Ich genieße es täglich und habe dadurch ganz andere, ganz tolle Bücher entdeckt.

Auf eure Gesundheit, liebe Mitboggenden und Mitlesenden, Prösterchen und auf weitere drei Jahre, Inshallah! So Gott will.