111 Arten, Plow zu kochen

„Sind da oben nicht nur russische Veranstaltungen?“, fragt mich eine junge Frau, die ich nach dem Weg zur Villa frage. Sie ist Oerlinghauserin, und kommt gerade in der Nähe des Kastanienkrugs aus ihrem Garten. Im Dorf haben wir also schon einen Stempel weg. Betrieben wird die Villa Welschen, in der Seminare und Feste für die russischsprachige Community abgehalten werden, von Deutschen aus Russland. Das Seminar des russlanddeutschen Literaturkreises findet seit Jahren hier statt. Mittlerweile müsste ich den Weg kennen.

Ganz unrecht hat die Frau mit ihrer Frage wirklich nicht, es wird dort überall und laut auf Russisch geschnattert. Wann haben wir sonst die Gelegenheit dazu, als bei solchen Treffen? Und nach außen kommt das dann so rüber: die Russen wieder.

Was das Kulinarische betrifft, geht es jedenfalls sehr russisch zu. Es gibt zwei warme Mahlzeiten am Tag. Reichlich gefüllte Portionen. Vegetarische Gerichte Fehlanzeige. Aber nicht, dass alle denken, es würden nur Gerichte wie Borsch gereicht, es gibt auch Tomatensuppe und Schmorbraten und so. Nachdem wir mittags Schnitzel und Spätzle gegessen haben, steht abends neben dem Brot und der Wurstplatte auch eine große Schüssel mit Plow auf dem Büfett.
Wer das nicht kennt, das ist so ein mittelasiatisches Reisgericht. Mit Fleisch. Jeder Menge Fleisch.

Keine Paella, auch kein Massala, sondern Plow.

An meinem Tisch sitzen noch vier andere Autorinnen und ein Autor.
Alle haben einen Teller Plow vor sich.

„Hm“, sage ich, „lecker.“

„Ja, aber irgendwas ist anders. Irgendein Gewürz daran, das ist irgendwie fremd“, sagt die Autorin zu meiner Linken.

„Es ist auch komisch, dass da mehrere Sorten Fleisch drin sind. Also ich bin gewohnt, dass da Rind reinkommt und fertig. Oder nur Lamm. Mir schmeckt das mit dem Hühnchen nicht so“, sagt die von gegenüber.

„Könnte es Curry sein? Das Gewürz, das du meinst, es schaut auch ziemlich Gelb aus“, sage ich zu meiner Nachbarin.

„Stimmt, es ist Curry. Was um Himmels Willen hat Curry im Plow zu suchen?“

„Es ist auch viel zu wenig Reis. Also ich meine, der Anteil Fleisch ist zu hoch. Das wurde bei uns zuhause ganz anders gekocht“, meint Autorin, die am Fenster sitzt. „Aber jede Hausfrau macht Plow auf ihre Weise. Und so wie bei der Mutter schmeckts halt einfach nie.“

„Also, für meinen Geschmack ist er nicht trocken genug“, meldet der einzige Mann am Tisch zu Wort. „Da, diese Soße, die da austritt. Zu viel Flüssigkeit. Das darf nicht sein. Und überhaupt, wisst ihr, dass ein richtiger Plow eigentlich nur von Männern zubereitet werden kann?“

„Ja,“ rufen alle Frauen wie aus einem Munde. „Wissen wir.“

„Es gibt ja auch immer mindestens einen Mann, der das verkündet“, sagt die Erste. „Jedes Mal .“

„Männer kochen eh immer am besten. Behaupten sie zumindest“, sagt die Nächste. Alle Frauen lachen.

„Und warum? Weil sie nur dann kochen, wenn sie Lust dazu haben. Darum“, sagt die Dritte.

„Und danach sieht die Küche immer aus!“, sagt diejenige, die am Fenster sitzt. „Und wer räumt das Chaos wieder auf?“

„Aber Plow mit Curry, wer denkt sich denn sowas aus?“

„Also, mir schmeckts“, sage ich und stehe auf, um mir einen Nachschlag zu holen.


Und hier eine von den 111 Varianten, von Männern zubereitet:

Werbeanzeigen

Unser Lädchen

„Erschießen muss man dich, auf der Stelle erschießen!“, schreit Vater. Die Augen treten ihm fast aus seinem roten, verschwitzten Gesicht. Die wenigen Strähnen auf seiner Stirn sind ganz durcheinander und kleben schweißnass an der Kopfhaut. Er reißt Flasche für Flasche aus dem Regal und wirft sie mit einer Kraft auf den steinernen Fußboden des Supermarktes, die sie ihm nie zugetraut hätte. Eine süßlich riechende Lache übersät mit zahllosen Glasscherben breitet sich neben dem Regal aus. Sein neuer Hut liegt mitten in der Pfütze.

Melitta seufzt. Vielleicht hätte sie ihn doch zu Hause lassen sollen, als sie noch schnell los ist, um etwas für Silvester zu besorgen.

Dabei hat er schon seit heute Morgen so verloren und nervös gewirkt, dass sie dachte, es würde ihn auf andere Gedanken bringen, wenn er mit zum Einkaufen kommt. Morgen ist der 31. und natürlich hat sie noch nicht alles eingekauft. Sie ist eben nicht eine отличная хозяйка, eine perfekte Hausfrau, wie ihre Schwägerinnen, wie eigentlich alle in ihrem direkten Umfeld. Bei ihr jedenfalls bersten die Kühltruhen und Schränke nicht schon seit Tagen vor Lebensmitteln und es ist nicht alles bis auf die letzte kleine Erbse vorbereitet.

Außerdem hat sie gestern mit einem Blick in den Spirituosenschrank festgestellt, dass sie weder Schampanskoje noch Wodka-Flaschen haben, die noch nicht angebrochen sind. Seit sie in einer eigenen Wohnung leben, haben sie diese Schrankwand im Wohnzimmer mit einem verschließbaren Fach, extra für Wein und Knabberzeug. Früher in Krasnojarsk standen die Flaschen einfach oben auf dem Küchenschrank, sodass die Kinder da nicht drankamen. Oder sie standen nicht, sondern wurden von den Besuchern gleich mitgebracht, bevor sie geleert wurden. Im Winter hatten sie alles, was gekühlt werden musste auf dem Balkon deponiert, der mit seinen Glasfenstern und Sperrhölzern wie ein selbstgezimmerter Wintergarten aussah. Melitta erinnerte sich an all die Silvester, die sie damals gefeiert hatten, mit dreißig Leuten in der kleinen Zweizimmerwohnung. Das waren Feste gewesen! Sie blickt auf die zwei fast leeren Wodkaflaschen, die noch vom letzten Fest übrig geblieben sind und die Flasche mit georgischem Weißwein. Sie selbst trinkt diesen süßen Wein sehr gern und kann nicht verstehen, wie Menschen trockene Weine oder Bier runterkriegen können. Eigentlich wäre es Olegs Job, für den Alkohol an Silvester zu sorgen, aber seine Firma steckt gerade mitten in einem Umzug und er hat einfach nicht den Kopf frei dafür. Also wird sie sich darum kümmern müssen.

Dieses Jahr werden sie das Neujahr mit dem Vater verbringen. Die Kinder sind bei Freunden, sie und Oleg feiern zu Hause wie in den letzten Jahren zuvor mit Lida und ihrem Mann und mit Mischa, Olegs Kumpel, den er noch aus seiner Ausbildung kennt. Sie hat schon die meisten Zutaten für den Salat Olivier. Einen Venaigrette-Salat will sie auch noch zubereiten und Hering im Pelzmantel machen. Das übliche eben. Sie werden sich am frühen Abend ‚Ironie des Schicksals‘, den sowjetischen Silverster-Kultfilm von 1976 ansehen. Hoffentlich hat Olegs Vater da nichts gegen. Kann sein, dass er die Nase rümpft, denn der Film ist ja eine rein russische Tradition. Soll er doch. Sie kann ihm sein Neujahrsfest ja nicht so gestalten, als wäre er noch in seinem Dorf am Molotschna-Fluss. Nein, sie feiern so wie immer. Nach dem Essen wird Mischa seine Gitarre herausholen und sie singen einige Lieder von früher, auch auf Russisch. Und nach Mitternacht werden sie auf ihren Balkon treten, der ganz ohne die Verkleidungen auskam, und sich das Feuerwerk ansehen.

Ganz wichtig: gesüßte Kondensmilch.

Die anderen werden sicher auch die eine oder andere Flasche mitbringen, doch es geht nicht an, dass der Schrank komplett leer ist. Also fährt sie noch mal los zum Stadtrand, Schampanskoje und Wodka holen. Dort zwischen den Hochhäusern, direkt an der Zufahrtsstraße zur Autobahn, befindet sich Nascha Lawka (Unser Lädchen), eine Filiale der russischen Supermarktkette, wie es sie außerhalb der Zentren mittlerweile überall gibt. Malossoljnye Ogurzty, also nur ganz wenig gesalzene Gürkchen und Sprotten kann sie bei dieser Gelegenheit als Sakusski (Beisnacks zum Wodka) auch besorgen und vielleicht auch noch ein paar Süßigkeiten. Die nimmt sie eigentlich immer mit, wenn sie dort ist.

Sie lädt den Gehwagen in den Rover, hilft Vater beim Anziehen und dann fahren sie los. Wie zu erwarten ist der Supermarkt an diesem Tag unglaublich voll. Mit Vater im Schlepptau schiebt sie sich an den blumigen Tassen und dickbäuchigen Samowars vorbei, den Kühltruhen mit hausgemachten Pelmeni und russischen Wurtssorten, die würziger sind und noch fettreicher als die Würste hier.

Vater bleibt stehen, sie kann aus dem Augenwinkel beobachten, wie er sich eine DVD anschaut und den Kopf schüttelt. Diese Märkte bedienen eben nicht nur die kulinarische Nostalgie, sondern die Sehnsucht nach verlorener Alltagskultur. Sie führen populäre Filme, Romane und Hits aus Russland und der Sowjetunion in ihrem Sortiment. Aber die Lücke werden sie doch nicht füllen. Hier ist hier und dort ist dort. Ob mit ‚Wir Kinder vom Arbat‘ in voller Länge oder ohne.

Als ihre Mutter noch lebte, hat sie ihr in diesem Laden eins dieser bunten Blumentücher gekauft, die sie auch nach langen Jahren in Deutschland noch immer gern getragen hat. Oft ist sie nicht hier, man kriegte ja all die Sachen auch in normalen Geschäften. Und eine отличная хозяйка, die was auf sich hält macht eh alles selbst. Piroschki und Pelmeni, eingelegte Paprika und Kobra und setzt sogar Kwas aus Schwarzbrot in einem dafür vorgesehenen Gefäß an.

Nachdem sie die Gürkchen und die Sprotten in ihrem Einkaufkorb gelegt hat, nimmt sie Kurs auf die Spirituosenabteilung. Sie geht an den die Reihen mit aus der Föderation importierten Erzeugnissen vorbei und an Flaschen mit kyrillischen Buchstaben, die aus Brennereien auf deutschen Boden stammten. Geführt von Landsleuten, die sie nur für den europäischen Markt produzieren. Welcher war noch mal der gute Wodka? Dieser hier mit dem blaugrünen Etikett oder der daneben? Wenn Oleg über ihre Wahl meckern sollte, würde sie ihm sagen, dass er ihn das nächste mal doch bitte selbst besorgen könne…

Plötzlich horcht sie auf, hinter ihr zerbricht etwas. Sie duckt sich instinktiv und dreht sich um. Da steht Vater mit einer der Flaschen in der Hand und wirft sie mit voller Wucht zu Boden. Er ruft Dinge, die sie nur zum Teil verstehen kann, so aufgeregt und schrill ist seine Stimme. Sein Mund ist seltsam verzerrt.
„Bärtiger Despot! Da hast du, du Schwein!“
Krach, noch eine Flasche landet auf dem Boden.
„Nimm das, Satan!“
Noch eine.
So kennt sie ihn nicht. Sein Augen wirken gehetzt, nein, nicht gehetzt, geht es ihr durch den Kopf, sein Blick ist eher der eines verzweifelten Kindes. Derselbe Schmerz und dieselbe Hilflosigkeit wie bei allen Kindern in Kriegsgebieten.

„Vater, was haben Sie?“ Sie geht zu ihm hin. Nimmt ihm die Flasche aus der Hand. ‚Wodka Suliko‘ steht auf dem bunten Etikett. Und darüber, nicht weniger farbenfroh und in bester sowjetrealistischer Manier gepinselt, der lächelnde Iossif Wissarionowitsch Stalin selbst mit seinem prächtigen Schnurrbart.

Unter ihrer Berührung fällt der alte Mann in sich zusammen.
„Den Vater haben sie geholt,“ stammelt er in einem wimmernden Ton, „den Onkel haben sie geholt, den anderen Onkel auf der Stelle erschossen. Sein Sohn war keine zwei Jahre alt gewesen. Fort, alle fort.“ Er schüttelt sich und weint unhörbar.

Sie versucht, ihn zu beruhigen. Die anderen Kunden sind längst näher gekommen, einige zücken schon ihre Handys. Auch die Kassiererinnen oder Verkäuferinnen kommen angerannt, trauen sich aber nicht näher an den Tobenden heran. Bis auf eine besonders dralle, besonders energische Frau in weißem Ladenkittel, die sich durch die Menge schiebt.

„Was ist denn das hier für ein Chaos? Was zum Teufel machen Sie denn da?“, dröhnt sie auf Russisch, „Sind Sie verrückt? Er gehört eingesperrt!“

„Nein, er nicht, aber Sie, wenn sie sowas hier in die Regale stellen“, sagt Melitta betont auf Deutsch und drückt der Frau die Flasche Stalin-Wodka in die Hand. Sie nimmt den Vater beim Ellenbogen, hebt seinen Hut vom Boden auf und will sich mit ihm an den Leuten vorbei schieben.

Aber die üppige Blondine ist noch nicht fertig, kehlig und mit dem Befehlston eines Natschalniks ruft sie:

„Warten Sie, Женщина (meine Dame, gute Frau), nicht so eilig. Wir müssen erst ihre Personalien aufnehmen. Sie müssen das alles bezahlen! Was glauben Sie denn, das wird noch Konsequenzen haben!“
„Das wird es,“ sagt Melitta mit der sachlichsten Stimme, die ihr in diesem Moment zur Verfügung steht und zieht ihre Visitenkarte aus der Seitentasche, „Meine Tochter ist Juristin, wir werden Sie verklagen. Sie… Ihr Chef wird sich dafür noch zu verantworten haben. Sie hören von uns, verlassen Sie sich drauf. Kommen Sie, Vater. Alles gut, es ist vorbei.“ Und sie führt den alten Mann vorsichtig zum Ausgang, den Gehwagen mit der anderen Hand schiebend. „Fort, alle fort“, stammelt der nur apathisch vor sich hin. Den Einkaufskorb lässt Melitta einfach in der Wodka-Lache stehen. Nun, dann werden sie dieses Jahr eben auf die wenig gesalzenen Gürkchen verzichten müssen.

Hier und Dort. Zwei Kindheiten.

‚Kindheitsverläufe in Systemen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, dort das stalinistische und nachstalinistische Sowjetregime und hier das Nachkriegsdeutschland unter Adenauer. Verliefen die Kindheiten dadurch wirklich so unterschiedlich oder gab es auch Gemeinsamkeiten? Machen Sie sich in den Erzählungen ein eigenes Bild.‘

Oberflächliche Gemeinsamkeit der damaligen Bilder: Schwarz-Weiß; Foto: Vitaliano Bosetti.

So lautet der Klappentext zum Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“. Zwei Bonner Autorinnen, Monika Mannel und Agnes Gossen haben es gemeinsam geschrieben. Der Vergleich ist spannend. Unbeschwert waren beide Kindheiten nicht. Beide werden von Armut und Entbehrungen überschattet.

Dies hier ist keine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich habe bloß über die Unterschiede zwischen den beiden Kindheiten nachgedacht. Ich habe bloß die Aufforderung im Klappentext zum Anlass genommen und angefangen, mir ein eigenes Bild zu machen. Die Publizistin Rose Steinmark hat eine richtige Buchbesprechung dazu verfasst, wer mag, kann sie hier nachlesen.

Zwei Autorinnen, ungefähr die selbe Zeit – sie wachsen in den Fünfziger-Jahren auf – die eine im Bonner Umland, die andere im Ural. Doch der Klappentext beschreibt den Unterschied nicht annähernd. Agnes Gossen spricht ja nicht nur über eine typische Kindheit im Sowjetregime. Nicht wenn das Kind zu einer unterdrückten Minderheit gehört und in einen Verbannungsort aufgewachsen ist.

Kindheit im Ural: Agnes auf dem Schoß der Mutter, links

Berichte über russlanddeutsche Kindheiten gibt es viele, aber in diesem Buch ist es gerade der Vergleich, der die Lektüre lohnenswert macht. Und wie gesagt, bei all den Gemeinsamkeiten, die Unterschiede sind doch augenfällig.

Was ist gemeinsam? Die Nachkriegszeit, der Armut, sogar der Dialekt, auf der einen Seite das Platt der Mennoniten, auf der anderen die Bonner Mundart. Es geht zwar immer wieder ums Überleben. Der Mangel, die Nahrung, Heizmaterialien spielen in fast allen Geschichten eine erhebliche Rolle. Briketts auf der einen und Maiskolben oder Stroh auf der anderen Seite.

Während Monika Mannel kleine Episoden schildert, die aus ihrer damaligen Mädchenperspektive eine überschaubare Kinderwelt zeigen, und alle Beteiligten im breitesten Bönnsch parlieren lässt, gehen die Geschichten von Agnes Gossen immer wieder über sie als Person hinaus.
Sie bindet sich ein in die Schar der Großtanten, die ausgewandert sind, die Anzahl der Männer in der Familie, die verbannt oder erschossen wurden. Auch ein Erlebnis mit dem Puppenwagen gehört eher in die Kindheit ihrer Mutter als in ihre eigene. Es sind nicht nur die eigenen Streiche und Erlebnisse, sondern Geschichten, die lange vor ihrer Geburt geschehen sind, Familienlegenden, die weitergetragen werden. Teilweise handeln sie von Leuten, die sie nicht selbst kennengelernt hat, die aber in der Familie noch immer eine Rolle spielen.

Sie ist sich immer der anderen bewusst und schleppt einen ganzen Stammbaum mit sich herum. Doch das ist nicht der einzige Unterschied in den Erzählweisen.

Zwar gibt es bei den Kindern der Verbannten auch Kinderstreiche. Da wird eine verbotene Frucht aus dem Garten geklaut,  da wird auf Bäume geklettert und sich auf die erste Klasse gefreut. Doch die Eltern, die Erwachsenen werden nicht infrage gestellt. Das geht auch nicht, immer steht im Raum,  dass diese durch ein schweres Schicksal gegangen sind. Es gibt kaum Abgrenzung zu der vorhergehenden Generation, keine Abnabelung oder Trotz ihr gegenüber. (Zumindest werden sie in dieser Phase der Kindheit nicht spürbar.)

Traumatisierte werden nicht kritisiert oder infrage gestellt. Gegen Eltern, die so gelitten haben, kann es keine irgendwie geartete Auflehnung geben.
Wie denn, wenn du sie nicht böse anblicken kannst, ohne dass sie in Tränen ausbrechen. Wenn die Oberfläche so dünn ist und darunter gleich der Abgrund gähnt? Das spüren Kinder.

Diese Kindergeneration hat gelernt, auf die Eltern einzugehen, sie zu schonen, ihre Gedanken weiterzuspinnen und zum Teil auch für sie das Leben zu organisieren.

In den Geschichten von Monika Mannel nimmt das Kind dagegen eine eher distanzierte Haltung den Erwachsenen gegenüber ein, es gibt die strenge Mutter, die dicke Hausnäherin.

Tante Cordula watschelte und schnaufte beim Laufen. Wenn Mutter uns dabei erwischte, wie wir hinter Tante Cordulas Rücken lachten, dann gab es Ohrfeigen. Also hielten wir Kinder uns im Beisein der Erwachsenen zurück. War Tante Cordula abends auf dem Rückweg, so überlegten Hans, Lisa und ich, wie lange es noch dauern würde, bis sie platzte und das Fett aus ihr herauslaufen würde. S 67

Freche Kindergedanken, Streiche. Wir gegen sie. Obwohl auch hier ein großer Einschnitt hinter ihnen liegt: der Krieg.

Dennoch fehlen solche Freveltaten auf der Ural-Seite. Wie kann sich ein Kind über Erwachsene lustig machen, die durch die Hölle gegangen sind? Die sich und ihr Leben und ihre Gesundheit aufopfern, um noch ein wenig Normalität und Behaglichkeit zu schaffen.

Gewiss, nicht alle waren und sind so. Aber diejenigen, die bei wie auch immer traumatisierten Eltern aufgewachsen sind, werden diese Sätze nachvollziehen können. Die Bande zur Familie auch zu der Eltern-/Großelterngeneration sind sehr stark. Es ist nicht nur die Erziehung, die sie prägen, sondern auch die Umstände. Kinder von Verbannten eskalieren nicht, machen keine Szenen. Denke ich zumindest.

Es heißt in anderen Texten oft, dass in Aussiedler-Familien Konflikte kaum ausgetragen würden. Die Position des einzelnen wird geopfert zugunsten einer fragwürdigen Harmonie. Vielleicht liegt einer der Gründe darin begründet. Womöglich macht diese besondere Verbindung der Kinder zu ihren Eltern einen Teil der Mentalität aus.

es braucht so wenig für ein Kinderlachen….

Auf den ersten Blick wirken die Lebensläufe ähnlich, die beiden Autorinnen sind ungefähr ein Jahrgang. Es sind nur wenige Jahre, die sie trennen. Und doch kommen mir die Kindheiten so verschieden vor, als stammten sie aus zwei verschiedenen Zeitaltern.

Noch etwas, das ins Auge fällt. Auch wenn Kinder überall Kindersachen machen, wie auf Bäume klettern zum Beispiel. Die Welt von damals ist vollständig verschwunden. Es gibt keine Kontinuität zu heute. Was mich berührt. Die Dinge, die Szenen, die Gespräche aus beiden Kindheiten sind heute nicht aufzufinden. Die Strenge oder die Armut beispielsweise. Und wenn es sie heute gibt, dann zeigen sie sich auf andere Weise. Damals waren die Vergnügungen rar und müssen von den Kindern selbst kreiert werden. Unvorstellbar im Zeitalter der digitalen Spielkameraden und Unterhalter.

Apropos Kontinuität. Eine andere Sache ist wohl mehr als erstaunlich. Die Wege, die ein Gebäck zurücklegen kann. Oder seine Zubereitung.

In der letzten Geschichte beschreibt Agnes Gossen, wie sie in Bonn ein Gebäck wiederentdeckt, dass sie aus ihrer Kindheit im Ural kennt, das sogenannte Tweeback.  So wird uns die wundersame Reise vor Augen geführt, die ein Backrezept nehmen kann. Von den vertriebenen Hugenotten in ein preußisches Dorf bei Danzig gebracht, dort von den aus den Niederlanden angesiedelten Mennoniten aufgegriffen und bis in die Gegenden hinter den Ural mitgenommen, wo es die Mutter der Autorin traditionsgemäß immer Samstags gebacken hatte.

Plattdütsches Tweeback nach einem alten hugenottischen Rezept

Um dann in Bonn, in einer französichen Bäckerei als Brioche von ihr wiederentdeckt zu werden. Die Reise eines Kuchenrezeptes um die Welt. Auch das ist Kultur. Mich erinnert die Episode ein wenig an die Madeleines von Marcels Proust, auch hier geht es um ein Wiederaufflackern der Vergangenheit. Allerdings auf eine ganz andere Weise. Genauso und doch anders.

So weite Wege, so unterschiedliche Erlebniswelten. So verschiedene Kindheiten. Oder doch nicht? Doch wie schon der Klappentext nahelegt: Verliefen die Kindheiten dadurch wirklich so unterschiedlich oder gab es auch Gemeinsamkeiten? Machen Sie sich in den Erzählungen ein eigenes Bild.

—-

Wer mehr über das Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“ nachlesen möchte, die Publizistin Rose Steinmark hat eine sehr schöne Rezension dazu verfasst.

Monika J. Mannel und Agnes Gossen
Kindheiten in Deutschland und Russland
Geestverlag 2018, 184 Seiten, 12,50 Euro
ISBN 978- 3-86 685-666-0

Von wegen früher!

Baba Anna wollte von der Vergangenheit nichts mehr wissen. Sie wollte lieber vergessen. Diese jungen Leute, die immer nur das Alte aufwirbeln wollten, die nur von damals sprachen. Aufarbeiten? Was denn aufarbeiten? Die Vergangenheit war vorbei. Tot. So wie alle, die in ihr gewesen waren. Sie, Anna Rickert, wollte sich nicht mehr damit abgeben. Wozu? Sie wollte sich in der Gegenwart einrichten und für die Zukunft planen. Nicht immer nur jammern, wie schlimm es früher gewesen war. Sogar Leute, die hier geboren wurden oder die erst geboren waren, als alles vorbei und wieder gut war, fingen schon damit an. Was hatten sie denn damit zu tun? Wollte nicht einsehen, dass es besser war für alle zu vergessen. Das alles. Die Winter. Den Hunger. Die Worte. Die Schläge. Nein. Sie wollte nichts mehr davon wissen. Sie hatte ihre Wohnung. Alles in weiß, alles an seinem Platz, kein Stäubchen. Das Kissen auf dem Bett hochkant mit der Spitze nach oben. Sie hatte Tomaten auf dem Balkon und Blumen.

Die Vergangenheit ist doch tot. Und alle die darin gewesen waren auch.

Sie hatte ihre Enkel und ihre kleine Rente. Was wollte sie mehr? Und nachts, wenn sie schreiend aufwachte war eh niemand mehr bei ihr, den es stören konnte. Der Artur, ja der war schon fort. Die Leber hat das nicht mehr mitgemacht bei ihm. Auch er wollte vergessen, auf seine Weise. Aber gejammert hat er dann nie oder sie geschlagen. Oder die Kinder. Er saß nur ruhig da und trank. Stierte vor sich hin. Sie wusste, sie musste ihn dann in Ruhe lassen. Er machte es mit sich aus. Er war kein besonders guter Ehemann, kein besonders guter Vater. Aber auch kein schlechter. Nicht so wie Jurij, der Mann ihrer Tochter Irina. Der war ein Schläger. Ein Fuligán. Aber der durfte Irina und die Kinder eh nicht mehr sehen. Er musste wegbleiben. Damit war alles gut.
Aber was hatte das alles mit dem zu tun, was früher war? Jurij, der Mann ihrer Tochter war einfach nur ein Nichtsnutz und ein Grobian. Von wegen, er hat das nicht verkraftet. Was denn verkraftet? Die hatten es doch gut? Kamen mit Mitte Zwanzig hierher. Er hätte sich doch mehr bemühen können? Ihm wurden nicht alle seine Diplome fortgenommen wie ihr und ihrem Mann. Er hätte es hier doch zu was bringen können. Aber so. Um die Enkelchen tat es ihr leid, so ganz ohne Vater. Aber sie machten sich ganz gut. Lernten fleißig. Hatten alles, was sie brauchten. Diese Tablets und auch sonst alles. Die Zimmer waren doch voll mit Sachen. Und jedes Jahr kamen welche dazu. Das hatten sie nicht gehabt, damals in Bursolprom, in der Verbannung. Aber nein, sie wollte nicht so anfangen, wie die anderen Alten, die zu diesen Treffen kamen. Zum singe und verzähle, wie sie sagten. Und was sangen sie? Russische Lieder! Was anderes kannten die etwa nicht? Nein, nur zwei Mal war Anna mitgegangen, aber dieses Gejammere, diese Klagen, dort hat man uns nichts gegeben und hier gibt man uns auch nichts, das war ihr zuwider. Lieber allein bleiben. Die Hiesigen, die hatten ja auch ihre Treffen, aber da fühlte sich Anna nicht wohl. Sie verstand deren Probleme noch weniger als die der Unsrigen. Hauptsache sie wusste, wer sie war. Ist doch egal, wer was sagte. Ob russisch oder deutsch. Halb russisch halb deitsch, kommt der Vater mit der Peitsch. So war das bei ihnen damals. Dialekt haben sie gebabbelt, aber uff deitsch. Später ging das nicht mehr. Nur noch zuhause mit den Kindern. Doch die wollten bald keine Deutschen sein. Wollten sich assimilieren. Wollten sich verstecken. Und hier wollen sie plötzlich alles aufarbeiten. Sollen lieber arbeiten gehen, nicht aufarbeiten, dann kamen die auf keine dummen Gedanken nicht. Nein, Anna wollte von der Vergangenheit nichts wissen. Ihr ging es doch gut. Was vorbei war, war vorbei.

Spruch der Woche: Seelen aus Glas

Großer Bruder, was ist denn die Seele? Nichts?
Ist sie vielleicht wie Glas?
Glas ist durchsichtig und bricht leicht. Das ist einfach so. Man muss vorsichtig sein, wenn man einen Gegenstand aus Glas berührt. Wenn er Risse bekommt oder bricht, dann kann man ihn nicht mehr benutzen und muss ihn wegwerfen.
Früher gab es Glas, das nicht zerbrach. Es war durchsichtig und trotzdem stabil. Da musste man gar nicht nachprüfen, aus was es gemacht war.
Aber wir haben bewiesen, dass wir eine Seele besitzen, in dem wir uns zerstören ließen. Wir haben gezeigt, dass wir aus echtem Glas sind.

Han Kang, Menschenwerk, Seite 129, 2014 in Korea erschienen,
2017 in deutscher Sprache  im Aufbau Verlag

by candi fitzpatrick, McMurdo Alternative Art Gallery (MAAG) McMurdo Station Antarctica, January 2007

Han Kang webt in ihrem Roman Geschichten um einen Aufstand in einer südkoreanischen Stadt im Mai 1980 als eine Militärjunta eine Studenten- und Arbeiterrevolte gewaltsam niederschlug. Sie beschreibt dieses uns  wenig bekannte Kapitel asiatischer Geschichte auf so eindringliche Weise aber dann wieder so abwesend poetisch, dass es unwirklich-klarsichtige Züge bekommt. Wie ein Klartraum oder ein Stück Überrealität. Sie zeigt, wie Menschen durch Gewalterfahrung zerstört werden, aber auch wie sie in Zeiten heftiger Aufruhr über sich hinauswachsen.

Korea bildet zwar nicht unbedingt den Fokus dieses Blogs, aber die Erfahrung von staatlicher Gewalt und ihrer Wirkung auf diejenigen, die sie durchleben und ihr weiteres Leben sind universell. 2016 hat die Autorin  mit ihrem Roman „Die Vegetarierin“  für Furore gesorgt, mit dieser Hommage an die Opfer der Gewaltexzesse in Gwanju hat sie ein großartiges Werk vorgelegt. Darin lotet Kang aus der Sicht von sechs unterschiedlich Beteiligten die tiefen Unwasser aus, in die Menschen geraten, wenn sie mit programmatischer Gewalt in Berührung kommen.

Der Roman berührt, doch wie kann sie nur auf poetische Weise über so unsagbare Dinge schreiben? Aber wie anders sollte sie es tun?

In einem Epilog beschreibt Kang, wie sie zu diesem Stoff gekommen ist. Als Kind hat sie ein Erwachsenengespräch belauscht, darin ging es um die Nachmieter der Familie in besagtem Gwangju und deren halbwüchsigen Sohn, der in der Zeit des Aufstandes verschwand. Aus diesem persönlichen Anknüpfungspunkt heraus geht sie auf Spurensuche und erzählt die Geschichte des 15-jährigen Dong-Ho und des Geschwisterpaares aus dem Anbau des Hauses und drei weiteren Beteiligten. Die Basis des Romans bilden also reale Personen und ihre Erlebnisse.

HAN KANG
Menschenwerk, Aufbauverlag, 2017, € 20,-