Die Geschichte von Lew

Ein Zeitzeugenbericht eingeflochten in einen Essay-Roman. Ein großes Thema sachlich dargebracht. Dieses Buch ist eine Reise zu einem sehr wichtigen und bis heute verdrängten Kapitel der russischen Geschichte.

Wir verstehen nicht, was geschieht. So heißt der neue Roman von Viktor Funk. Es ist ein Zitat aus dem Buch und könnte auch auf uns und unsere Zeit angewendet werden. Im Roman steht dieser Satz zuoberst in einem Brief, den ein GuLag-Insasse im April 1953 an seine Verlobte schreibt, keine vier Wochen bevor es mit Stalin zu Ende geht.

Lew als junger Mann. Foto von: unrecht-erinnern.info

Worum geht’s?
Alexander List, ein junger Historiker aus Deutschland bekommt über Memorial in Moskau den Kontakt zu Überlebenden des GuLag-Systems, um sie zu interviewen. Mit einem von ihnen, Lew Mischenko, begibt er sich auf die Reise nach Petschora, eine Stadt im hohen Norden. Dort war in der Stalinzeit das Lager gewesen, in dem Lew neun Jahre eingesessen hat.

Der Grund von Lews Inhaftierung ist ebenso typisch wie hanebüchen: er war Kriegsgefangener in deutschen Lagern und hat überlebt. Und ist zurück in die Sowjetunion.
Damals wurden alle, die Hitler entkommen waren, und zurückkehrten, in Lager gesteckt. Denn laut der verqueren Logik des damaligen Regimes, konnten sie nur Verräter und Kollaborateure des Nazisystems sein.

Was den jungen Wissenschaftler bei seiner Arbeit umtreibt, ist die Frage: wie war es möglich dieses System, diese Hölle zu überleben? Woraus haben die Menschen die Kraft geschöpft, weiterzumachen?

Petschorlag. Nicht am 1. Mai.

Bei Lew scheint es unter anderem der Briefkontakt nach außen gewesen zu sein, zu seiner Tante und zu seiner Cousine Swetlana, die er später sogar heiraten wird. Eine GuLag-Strafe ohne Briefkontakt war das härteste, das du bekommen konntest. Nach der Lektüre dieses Romans wir es konkret, warum das so ist. Lew jemanden von außerhalb des Lagers. Er war zwar neun Jahre im Lager, aber mit Briefrecht. Oder nein, es waren geschmuggelte Briefe über einen Freund, der dort angestellt war, der das Lager verlassen konnte. So war das!

Lew hatte viel Glück. Immer traf er auf Leute, die ihn unterstützten, hielten, deckten, wie der sudetendeutsche Aufseher im Nazilager, der ihn unter die Fittiche nimmt, ihm eine bessere Arbeit verschafft, auch hier. Eine einzelne Person und schon hast du einen Lichtblick, deine Chancen steigen, du überlebst. Ist es wirklich das? Ist es das, was das Überleben möglich macht?

Funk beschreibt die teils unmenschlichen Ereignisse auf eine sachliche Weise, zurückhaltend ohne Groll. Er lässt die Personen über ihre Erlebnisse sprechen. Oder schweigen.

Auch ich verstehe oft nicht, was geschieht. Wir leben in Zeiten, in denen Russland Organisationen wie Memorial zu unerwünschten Auslandsagenten erklärt, in denen jegliche Opposition ausgelöscht wird und Menschen wegen des Hochhaltens eines weißen Blattes Papier ins Gefängnis kommen. Da ist eine solche Geschichte wichtiger denn je.

Es gibt im gesamten Roman kaum Ausschmückungen. Wir erfahren, dass es im Hotel dunkelrote Vorhänge gibt. Wir erfahren etwas über die Stadt Petschora von einem Taxifahrer. Aber es bleibt mager.
„Warum ist die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet?“, fragte Alexander.

„Kein Geld“, sagte der Fahrer, „die Stadt spart.“ Er fuhr langsam, wich Schlaglöchern aus und schwieg. Nach einigen Minuten bog er nach links ab, dann hielt er, stieg aus und lief einige Meter eine Straße nach rechts. Er kam zurück, stieg wieder ein und sagte: „ Das Hotel haben sie restauriert, aber die Straße ist immer noch so beschissen wie früher. Idioten.“
S64

Funk bleibt sparsam mit Beschreibungen, und auch sparsam mit Emotionen. Handlungen werden beschrieben, Gespräche. Auch die Briefe triefen nicht. Und sind dennoch. Stark. Ganz pragmatisch und sachlich beschreibt er Vorgänge, die einem sonst das Blut gefrieren lassen würden.

„Zu meiner Zeit war darin die Lagerverwaltung. Unsere Fenster hier gehen nach Osten. Da vorne war das Lager, nur ein paar hundert Meter entfernt. Der Zaun war drei Meter hoch, aus Holz, Brett an Brett, kein Blick nach draußen, kein Blick nach drinnen. Stacheldraht, Wachtürme. Irgendwo waren die Latrinen. Wir durften hin, wenn wir mussten, aber es gab bestimmte Wege, die wir nicht verlassen durften. Einmal ging Jakowlew, ein Gefangener aus der Sägebrigade nachts raus und wollte nicht zur Latrine laufen. Es war Winter, kalt. Er stellte sich irgendwo hin. Dann ein Schuss. Und Jakowlew war tot.“
S 65

So entsteht eine journalistisch angehauchte Fiktion, ein Zeitzeugenbericht in Romanform mit eingebauter Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Denn Lew bittet den jungen Wissenschaftler mit ihm an die Stätte seiner Verbannung zu fahren. Funk schildert Tatsachen, man findet keinerlei überflüssigen Beschreibungen, eigentlich gar keine Beschreibungen, weder von Landschaften noch von irgendwelchen Innenansichten von Seelen. Sie sitzen im Abteil, sie trinken Tee, sie reden. Und doch wird die Wucht der Zeit vermittelt. Der Protagonist ist, genau wie der Autor ein unbeteiligter Betrachter, einer der schaut, sammelt ohne zu werten. Und vor allem, der sich selbst komplett herausnimmt. Einmal taucht bei Alexander eine Erinnerung an ein Unglück aus seiner eigenen Familie auf. Sonst zeigt er nichts von sich. Er hat einen Rucksack. Er trinkt Tee. Er hört sich die Aufzeichnungen an.

List fragt, warum Lew in seinem Notizbuch, in dem er Ende der Achtziger seine Erinnerungen festhält, nie über seine Gefühle spricht. Und lässt selbst in diesem Buch die Gefühle außen vor.
Der Stil passt irgendwie zu der Gefühlslage des Physikers Lew. Auch er lamentiert nicht, er beobachtet, sucht einen Ausweg und bringt heisenbergsche Vergleiche, wenn es um seine Gefühle von damals geht:

„Kennen Sie das Unschärfeprinzip?“

„Sie meinen Heisenberg? Ich kann entweder den Ort oder die Geschwindigkeit des Teilchens feststellen, nicht beides. Das?“

„Das ist die einfachste Erklärung, aber das genügt. Mit dem Menschen ist es nicht anders, denke ich heute. Entweder Sie leben in dem Moment, oder Sie denken über Ihre Angst, Hoffnung oder Verzweiflung nach. Und damals hatte ich keine Zeit zum Nachdenken. Ich hatte keine Zeit darüber klar zu werden, was in mir vorgeht. Nicht, dass ich nichts fühlte. Es war das Gegenteil. Die Gefühle waren so intensiv, dass ich nicht über sie nachdenken konnte“, erklärte Lew. Er atmete tief. Seine Schultern hoben und senkten sich.
S. 44

Mehr wird uns als Erklärung nicht gegeben. Ein Paradox: Lew selbst nennt die Umstände seines Lebens Glück. Aber an den entscheidenden Stellen, hatte er ja auch Glück, traf gute Menschen. Wurde nicht erschossen. Er traf die Liebe seines Lebens, blieb mehrere Jahrzehnte mit ihr zusammen, nachdem er in Freiheit war.

Obwohl das Buch stellenweise so wirkt, ist es keine Reportage, folgt einer Handlung, richtet sich nach den Gesetzmäßigkeiten eines Romans. Aber es gibt keine verschiedenen Zeitebenen. Nur das, was die Zeitzeugen im O-Ton erzählen, die Briefe, das Notizbuch. Was ich meine ist, es wird nicht gesprungen. Die Perspektive bleibt in der Gegenwart. Alles wird nur durch die Menschen und ihre Erzählungen gespiegelt.

„Was willst du mir zeigen?“, fragte Lew.
„Wir gehen morgen zum Friedhof, da hat die Stadt eine kleine Gedenktafel aufgestellt.“
„Das ist gut. Sowas sollten sie auch in Moskau machen, aber richtig. Sie müssen auf dem Platz, wo diese hässliche Dscherschinskij-Statue stand, einen Obelisken aufstellen und darauf die Namen aller Gulag-Gefangenen eingravieren. Wie hoch müsste dieser Obelisk sein? Was für eine Zukunft hat dieses Land, wenn es seine Vergangenheit leugnet?“
S88

Der Friedhof von Petschora

Auf Website von Viktor Funk gibt es auch weitere Infos über den Roman und seine Entstehung. So fügt sich alles zusammen. Lews Bildnis, die Briefe, das Foto von den Büchern der Gefangenen.

Es existiert sogar eine eigene Website mit der Lebensgeschichte des echten Lew:

Mit Bildern und Lebenslauf und einem Video, in dem er als Zeitzeuge auftritt. Wir hören seine Stimme, wir erleben, wie ruhig er aus seinem Leben erzählt. Das ist wie extra Material zu dem Roman. Ich finde es immer bereichernd, sich die Menschen hinter den Geschichten anzuschauen, besonders wenn diese Geschichten auf dem wirklichen Leben basieren. Der Autor sagt irgendwo in einem Interview, dass er einiges verändert hat, nicht nur die Namen, auch die Briefe hat er umgeschrieben. Aber er schöpft eben aus einem real existierenden Fundus.

Das Video:

Lew als Zeitzeuge berichtet über seine Erlebnisse in Deutschland.

Viktor Funk war in den Nuller Jahren und 2017 selbst in Moskau und Petschora, hat mit Überlebenden gesprochen, die Orte und Archive aufgesucht. Jetzt sind die Archive wieder geschlossen und Organisationen, die sich wie Memorial um die Aufarbeitung der tragischen Geschichte kümmern, sind die Hände gebunden.

Es ist wohl eine echte Ausnahmesituation, ein echter Glücksfall, dass dieser Briefwechsel aus dem GuLag erhalten geblieben ist, so dass sich Memorial und forschende Wissenschaftler daraus bedienen können. 2012 ist schon einmal ein Buch entstanden, das auf diesen Briefen basiert, ein wissenschaftliches. Es heißt: „Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne“ von Orlando Figes.

Das Buch von Viktor Funk fokussiert sich nicht nur auf die Briefe allein. Es geht auch um die gemeinsame Reise von Lew und Alexander an den Ort unterwegs, an den Lew verbannt worden war. Mit der Trassibirischen Eisenbahn. Aber so anders ist dieser Bericht als die der üblichen Transsib-Touristen. Nicht zu vergleichen. Denn immer wieder lauscht Alexander seinen Aufzeichnungen, liest die Briefe oder bekommt von Lew Informationen aus erster Hand über sein Leben und Überleben im GuLag.

Petschora, das ist etwa zwei Tagesreisen von Moskau entfernt. Eine Stadt in der Republik Komi, 1946 als Sammelpunkt zum Verschicken von Arbeitsgefangenen an andere finstere Orte entstanden, nach Workuta zum Beispiel. Diese Stadt wurde von Häftlingen gebaut. Und heute? Schulkinder sagen patriotische Sprüche vor patriotischen Denkmälern auf. Wir sind stolz auf die Vergangenheit unserer Stadt.

Heutige Kinder am Heldenehrenmal


Heute leben hier die Nachkommen der Bewacher und der Bewachten. Auch das wird im Roman thematisiert.

Sonst höre ich eher Kritik daran, dass solche Verbannungs- und Lagergeschichten mit viel Pathos und sehr vorwurfsvoll erzählt werden.
Hier ist es nicht der Fall. Lew wurde ein großes Stück Lebenszeit gestohlen, seine Jugendjahre aber er empfindet keine Bitterkeit. Er hatte Swetlana. Siebzig Jahre kannten sie sich, betont er. Später waren da seine Kinder. Freunde fürs Leben, die er in diesen Extremsituationen gewonnen hat. Ein bescheidenes Leben in Moskau. Es ist doch einiges gut gegangen, trotz des unmenschlichen Umgangs mit den Menschen unter Stalin und danach.

Nicht nur für Russland, das sich vor seiner Vergangenheit versteckt, auch für unser Land sind solche Erzählungen von Wert. Denn es gibt ein weiteres wichtiges Thema, das in diesem Buch behandelt wird: Die Sache der Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen. Das was im Krieg mit den slawischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern und Arbeiterinnen im nationalsozialistischen Reich geschah, bleibt bei uns noch zu sehr unter dem Radar.

Natascha Wodin hat das in ihren späteren Büchern beschrieben– sie ist selbst Kind zweier Ostarbeiter, die nach dem Krieg in Deutschland geblieben sind. Aber sonst bleibt es ein vergrabenes Stück Geschichte, ein Thema, über das wenige Bescheid wissen.

Zwischendurch erinnert sich Alexander an Gespräche mit anderen Zeitzeugen, die er früher besucht hatte. Das, was sie erzählen, wird immer wieder eingeflochten. Eine der interviewten Frauen, Katja Iwanowa, antwortet auf die Frage, warum die Gefangenen in den Untersuchungsgefängnissen ihre Namen und die Strafe in die Wände ritzten: „Damit die anderen es wissen, damit etwas von uns bleibt.“ S112
Darum sind solche Bücher wichtig. Auch ein schöner Titel übrigens… Damit etwas bleibt.

Bei aller Sachlichkeit hatte ich beim Lesen an einigen Stellen einen Kloß im Hals. Oft nicht bei den grausamen Schilderungen des Lagers, sondern wenn etwas gut ausgegangen war, wenn es Hilfe gab.

Die Organisation Memorial wurde erst letztes Jahr als feindlicher Agent eingestuft, darf faktisch nichts mehr. So geht das Land mit der eigenen Erinnerungskultur um. Um so wichtiger sind leise Bücher wie dieses, die beim Lesen ein sehr lautes Echo im Innern hervorrufen.


Viktor Funk,
Wir verstehen nicht, was g
eschieht

Verbrecher Verlag Berlin
Hardcover, 156 Seiten
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783957325365

Wann ist die dunkle Nacht zu ende?

Wieder mal ist was passiert. Und wiedermal ist eine kleine Anzahl derer, die laut schreien am besten zu hören. Die mit den Autokorsos. Diejenigen, die die russische Trikolore schwenken, weil sie sich diskriminiert fühlen. Fehlt noch, dass sie das „Zett“ in den Farben des St. Georg-Bandes vor sich hertragen.

Es ist das System, das verurteilt werden muss. Foto: Artem Chernow, 1990

Selbst wenn sie aus Angst vor Diskriminierung mitlaufen, oder eher fahren, werden sie von außen als pro-russisch gesehen. Als diejenigen, die den Angriff gutheißen.

Ich weiß, das alles ist eher nebensächlich.
Als ob es im Moment das Wichtigste wäre, nach sechs Wochen Angriffskrieg in der Ukraine.

Als Helene Fischer sich neulich öffentlich gegen das Putin-Regime positioniert hat, war die zweite Reaktion, dass sie in deutschen Medien als Russin oder russischstämmig bezeichnet wurde und nicht als Tochter deutschstämmiger Eltern aus Sibirien. Nach der Freude, dass sie sich geäußert hatte. Auch mir war die falsche Bezeichnung aufgestoßen, aber ist es gerade wesentlich?

Noch vor wenigen Tagen habe ich in sozialen Medien kritisiert, dass russländische Soldaten in der Ukraine als Orks bezeichnet werden. Das sei ebenso entmenschlichend wie die propagandistischen Tiraden aus Moskau. Hätte ich mir lieber sparen können, denn einen Tag später kamen die Berichte aus Butscha.

Es ist wohl nicht die richtige Zeit für Zwischentöne, nicht wenn Städte zerbombt und Zivilpersonen auf brutale Weise getötet werden. Und das ist leider noch ein Euphemismus.

Es ist zwar nicht schön, dass alle, die angeblich irgendwas mit Russland zu tun haben, blöd angemacht werden. Aber Anschläge wie der auf die Lomonossow-Schule in Berlin, sind zum Glück sehr selten.

Es ist auch nicht schön, wenn mein betagter Vater, der mit seiner Familie vor 80 Jahren aus der Ukraine fliehen musste, vor der roten Armee wohlgemerkt, heute auf seinen Spaziergängen von wohlmeinenden Nachbarn angesprochen wird mit: Na, was hat DEIN Präsident sich dabei gedacht?

Dumme Menschen generalisieren und fangen an, alle undifferenziert zu mobben. Das ist eine blöde Begleiterscheinung. Aber deshalb Autokorsos durch Berlin und Frankfurt abzuhalten und russische Flaggen zu schwenken ist eine eher unangemessene Reaktion.

Allein schon aus Nachhaltigkeits-Gründen sollte man Autokorsos verbieten.

Wichtig ist, dass der Krieg irgendwie gestoppt wird, dass das Gemetzel und die Vertreibungen aufhören.

Übrigens wenn euch wirkliche Diskriminierung passiert: es gibt hier eine Meldestelle für antislavische Diskriminierung im Netz. Bitte wendet euch in solchen Fällen nicht an die russische Botschaft, denn die nutzen das nur für ihre Propaganda.
Ich würde diese Demos zwar nicht als Korsos der Schande zu bezeichnen, wie einige Kolleginnen, aber ich würde mir wünschen, meine Leute würden sich nicht von dubiosen Hintermännern für Propaganda ausnutzen lassen. Aber es passiert.
Solche Demos sind momentan so notwendig wie ein Kropf. Ebenso wie die Influencerinnen und Vlogger, die sich vor den Karren der russländischen Propaganda spannen lassen. zunächst wollte ich sie ja nicht namentlich nennen, um ihnen nicht auch noch eine Plattform zu geben. Aber über eine hat Volksverpetzer einen Faktencheck-Bericht veröffentlicht. Darin werden die Mechanismen und die Absurdität bestimmter Behauptungen der emsigen PR-Arbeiterin deutlich.

In der Einladung wird davor gewarnt, das Z zu präsentieren. Immerhin.

Zum Glück ist nur ein kleiner Teil der Menschen aus den postsowjetischen Communities bei solchen Aktionen dabei. Ein nicht zu vernachlässigender Teil engagiert sich für die Ukraine, organisiert Konvois mit Medikamenten in die Kriegsgebiete, bleibt auf Abruf, um für Geflüchtete vor Ort oder per Telefon zu übersetzen oder schreibt Artikel gegen den Krieg und über diejenigen, die sich von der Sichtweise des Kreml einnehmen lassen.

Ich hoffe, dass unsere Demokratie standhaft bleibt, und in Zukunft solche seltsamen Auswüchse wie die Autokorsos unterbindet. Besonders im Hinblick auf ein bestimmtes Datum. Ich habe Sorge, was am 9. Mai passieren wird. Ob es in deutschen Städten noch mehr prorussische Paraden zum Tag des Sieges geben wird. Hatten wir in den letzten Jahren auch, aber dieses Jahr werden sie sicher noch excessiver geführt. Die gegenwärtige Lage verbietet eigentlich solche Aufmärsche, aber wem sage ich das.

Die Demo am kommenden Sonntag in Frankfurt ist übrigens nicht verboten, darf aber nur unter strengen Auflagen stattfinden. Ohne Autos, ohne die Zeichen Z und V und ohne Verunglimpfungen des Staates Ukraine.
Und es sind große Gegendemos zu erwarten. Mit vielen Teilnehmenden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, darunter auch vielen Deutschen aus Russland. Aber werden sie im Gedächtnis bleiben oder die wenigen Putinisten?

All das bleibt an uns hängen. Wie auch das Klischee vom erbarmungslosen Killer. Dafür sorgt das chauvinistische Regime aus Moskau gerade zu genüge. Es wird mehrere Generationen brauchen, um das wieder aufzuarbeiten, das wieder geradezurücken. Wie soll sich Russland nach diesem Debakel wieder aufrappeln?
Ab jetzt wird alles Russländische und Russland selbst nur durch einen Filter des gnadenlosen barbarischen Angreifers betrachtet. Ist das etwa das Bild der Stärke, das uns Putin vermitteln will?

Die Ideologen des Regimes bezeichnen sich selbst als Kämpfer gegen den Faschismus und als Retter der Zivilisation (nur nicht als Retter der westlichen, versteht sich). Aber mit welchen Mitteln? In diesem Artikel von Dekoder werden die Ideen solcher Vordenker wie Alexander Dugin und die anderen Bausteine des Putinismus vorgestellt. Sie gaben sich schon früh zu erkennen.

Haben wir nicht die Alarmglocken läuten gehört?
Anna Politkowskaja wurde getötet, nachdem sie während der Tschetschenienkrieges über genau solche unmenschlichen Gräuel berichtet hat, wie sie jetzt in den Vororten ukrainischer Städte passieren. Was brauchen wir noch, um aufzuwachen?


Es gibt keinen guten Abschluss für diesen Post. Denn eigentlich möchte ich von ganzem Herzen schreiben, dass dieser elende Krieg aufhört. Leider kann ich mir das im Moment selbst nicht glauben.
Und wie gesagt, alles worüber ich hier berichte, sind nur Nebenschauplätze. Der wirkliche Krieg tobt woanders.

Rikki Tikki Tavi reloaded

Korrektur. In einem Post von 2015, ist mir ein grober Fehler unterlaufen. Damals hatte ich geschrieben, dass Alfred Schnittke der Komponist zu einem Multfilm über Rikki Tikki Tavi sei. Schnittke hat schon zu einem Rikki Tikki Tavi Filmmusik komponiert, nur nicht zu diesem Multik. Das war ein ganz anderer, nämlich Witalij Gewiksmann (dessen Sohn Viktor heute als Rapper „Sadist“ bekannt ist, aber das nur am Rande.)

Gestern kam ein Kommentar von einem Leser oder einer Leserin mit den Initialen HB, der oder die mich auf diesen Patzer aufmerksam gemacht hat.

Ganz deutlich im Vorspann: W. Gewiksmann

Wie konnte ich nur. Verblendet, habe den Zeichentrick erkannt und gedacht, es gibt einen einzigen Rikki Tikki Tavi Film auf der Welt, nämlich diesen, weil ich ihn als Kind gesehen habe.

Schnittke hat für einen anderen Film aus Jahre 1975 die Musik geschrieben. Einen mit echten Menschen. Vom ersten Ton hätte mir auffallen müssen, dass die Multik Musik nicht von einem stammt, der moderne Musik komponiert. Ist es aber nicht.

Der Realfilm von 1975 ist nur nach Motiven von Rudyard Kipling entstanden. Es wird eine ganz andere Geschichte erzählt. Und ich vermute mal, dass sich der in Indien geborene, britische Autor 1975 ein paar Mal im Grab umgedreht hat. Denn dieser Streifen, obwohl als Kooperation zwischen Indien und der Sowjetunion entstanden, strotzt nur so von kolonialistischen Klischees und ist sogar eine ziemliche kulturelle Aneignung. Nur aus heutiger Sicht natürlich. Hätte ich ihn als Kind gesehen, wäre mir nichts dergleichen aufgefallen.

Statt der ursprünglichen Story, haben die Filmemacher*innen die Geschichte umgestaltet. Die Hauptrollen werden mit Weißen besetzt. Der Sinn umgedeutet. Wohl auch, damit sich die russischen Kinder, die den Film sehen, besser damit identifizieren können? Aber heute wirkt das nur schräg. Vor allem, wenn du die Originalgeschichte kennst.
Weißer Junge, weiße Mutter und ein weißer Vater mit Safarihut im indischen Dschungel. Das Haus wirkt wie das von Lew Tolstoj in Jasnaja Poljana. Die Inder und Inderinnen sind nur untergeordnete Statisten, Diener, Bauarbeiter, ein indischer Freund des Jungen, der plötzlich einfach nicht mehr auftaucht. Sie laufen mit, oder eher hinterher, den meisten Text haben die Weißen, wie dder britische Kolonialistensohn Teddy. Die anderen sagen wenig, erfüllen Befehle, hören zu, schweigen.
Nur ein Freund der Familie, Mister Chebna, der sich länger mit der viktorianisch gekleideten Lady unterhält, macht da eine Ausnahme.


Aber halt?
Ist das nicht die Verherrlichung des Imperialismus? Sind das nicht genau die Sturkturen, die im Kommunismus bekämpft werden sollten? Und das 1975. Warum wurde der Film nicht wegzensiert? Das ist wieder sehr interessant.

Heute jedenfalls wirkt dieser Film auf mich befremdlich. Wie eine kulturelle Aneignung in doppelter Weise. Nicht nur Indien und Kipling gegenüber, sondern sogar der Kolonialmacht Großbritannien gegenüber. Denn die eigentlichen Briten werden jetzt von russischen Schauspieler*innen verkörpert. Auf eine naive, fast schon melancholisch dostojewskijsche Art. Falls das überhaupt existiert. Immerhin wurden die indischen Darsteller nicht mit dunkelangemalten Russen ersetzt.

Aber gut, normalerweise, werden Russen, besonders böse Russen im Film von anderen dargestellt. Und zwar schlecht. Mit immergleichem, schiefem Akzent, falschen Kostümen und aufgesetzter Brutaloattitüde. Nun ist es eben andersrum. Aber hier durchaus nicht respektlos. Das ist ein Plus des Films.

Es ist ein literarischer Stoff und der wird umgesetzt. Besetzt, umgedeutet. Das ist wohl künstlerische Freiheit. Der Plot hat was von Heidi, von Johanna Spyri. Der Junge erinnert an Clara, die im Rollstuhl sitzt. Sehr melodramatisch alles.

Aber die Musik ist wirklich gut!
2007 wurde Schnittkes Musik zu dem Märchen der Wanderungen und Rikki Tikki Tavi vom Label Capriccio vertont, weiß ich ebenfalls aus dem Kommentar des Lesers (oder Leserin).

Alfred Schnittke, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frank Strobel
Rikki-Tikki-Tavi / Das Märchen Der Wanderungen


Hier der Link zum Film, den mir HB gesendet hat, eine indisch synchronisierte Fassung was noch mal sehr viel schräger klingt:
https://www.dailymotion.com/video/x4e4utr


und hier die russische Originalversion auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=DKJ1LpbVBLg

Danke für das Feedback, das war sicher ein wirklich grober Schnitzer. Aber ich habe wieder was gelernt!




Doppelglasfenster

Ich höre öfter, wir Russlanddeutsche seien defensiv, klängen verbittert und fühlten und leicht gekränkt. Auch in der zweiten Generation. Oder der Anderthalbten. Erst kürzlich ist das wieder geschehen.
Nun, schön ist es nicht, aber es hat Gründe. Und wenn es keine gibt, finden wir eben welche. Zum Beispiel etwas, das harmlos klingt. Im Aachener Dom wird es anlässlich der Flutkatastrophe eine Gedenkfeier geben. Mit Frau Merkel und Herrn Steinmeier und anderen wichtigen Personen. Das ist gut, dagegen ist nichts zu sagen. Der Opfer der Flutkatastrophe sollte unbedingt gedacht werden.

Was mich stutzig macht, ist das Datum. Es fällt genau auf den Tag, an dem wir der russlanddeutschen Opfer der Deportation gedenken. Für Deutsche aus Russland gibt es wenn überhaupt, diesen 28.8.1941, einen Tag, der jetzt sich zum 80. Mal jährt und an dem sie ihrer Opfer gedenken können.

Dass dieser Aspekt bei der Terminwahl im Aachener Dom keine Rolle gespielt hat, ist ziemlich bezeichnend. Ich will, um Gottes Willen, nicht die eine Opfergruppe gegen eine andere ausspielen. Ich will nicht andeuten, dass ich lieber hätte, dass Merkel und Steinmeier im Aachener Dom der russlanddeutschen Opfer gedenken – das ist illusorisch. Bitte nicht falsch verstehen. Ich hier will nicht in ein Mimimi verfallen. Nur aufzeigen, was so läuft, den Status Quo benennen sozusagen. Den Grund dafür, warum DaR manchmal schmallippig werden und sich zurückziehen. Es ist schwer, Bitterkeit und Gekränktsein abzulegen, wenn dir, auch von offizieller Seite, ständig eine gewisse Ignoranz entgegenweht. Dir aufgezeigt wird, du kommst nicht vor. Du spielst keine Rolle.

Gut, die hatten es nicht auf dem Zettel. Ja, kann ich ihnen nicht verdenken. Es ist schlicht und einfach nicht bekannt, bleibt unter dem Radar, nur den Eingeweihten und denjenigen, die schon seit Wochen an zahlreichen Projekten zu diesem Thema arbeiten, ist der 28. August ein Begriff. Als Schlussfolgerung bedeutet das aber, die Öffnung ist noch nicht vollzogen. Die Integration, die ja eine beiderseitige ist, noch nicht erreicht. Das ist ein wenig so wie eine gläserne Decke.

Anderes Beispiel: Eine schreckliche Tat, in Würzburg begangen von einem Amokläufer, der mehrere Menschen tötet, viele verletzt. Einige Passanten haben sich ihm entgegengeworfen, haben versucht, ihn aufzuhalten. Mit Stühlen und anderen Dingen nach ihm geworfen. Die beiden Männer aus Syrien und dem Irak wurden von der Presse regelrecht gefeiert. Die drei jungen Russlanddeutschen, die das auch gemacht haben, nur einmal kurz erwähnt. Nicht wichtig. Nicht betonenswert genug, dass auch Aussiedler, nicht nur Asylanten, solche Heldentaten vollbringen. Vielleicht passen sie nicht ins Schema. Vielleicht kann aus ihnen keine Story gestrickt werden. Wenn sie in eine Schublade passen, dann in ihre eigene. Abgeschlossene, mit einem Schlüssel, der in einen See geworfen wurde.
Es gibt einige solcher Beispiele. Zum Beispiel wurden Russlanddeutsche vermehrt Opfer rassistischer Angriffe und sind nicht immer nur Angreifende. Doch das bleibt ebenfalls unter dem Radar.

Auch hier will ich niemanden gegeneinander ausspielen, sondern nur zeigen, dass Aussiedler noch immer ein weißer Fleck sind. Dabei ist Anerkennung und Gesehenwerden so wichtig für alle Menschen. Das verleiht ihnen Würde. Auch als Gruppe.

Neulich sagte jemand, aus unseren Texten auf der Schweigeminutenseite spricht Bitterkeit. Ja, es ist nicht leicht, diese abzulegen. Zumal in der Bevölkerung die einzige Ansprache eine gefühlt negative ist. So schrieb jemand neulich: „Nicht Russlanddeutsche, Rucksackdeutsche sind es.“
Noch immer nicht angekommen. Dass dieser Begriff aus der Zeit nach 1945 stammt und damals für die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten gebraucht wurde, macht das Ganze nicht unbedingt besser. Wir sind also im besten Fall Reisende, oder eben Fremdkörper. Dabei hatten unsere Leute in den späten 1980ern und frühen 1990ern durchaus keine Rucksäcke mit, sondern diese unseligen karierten Plastiktaschen XXL mit Reißverschluss, die mit nicht besonders politisch korrekten Begriffen benannt wurden. Will ich hier nicht wiederholen. Die Hamburger Autorin Tina Übel nennt sie in ihrem Reiseblog: „Nachbarnationendisstasche“.

Ich weiß, dass so etwas niemals einseitig ist. Unsere Leute, unsere Instanzen sperren sich auch, verschließen sich selbst. Lassen junge Leute, die was ändern wollen, nicht ans Ruder. Zeigen ein Bild von uns in der Öffentlichkeit, das weder die Homogenität abbildet noch in die Gesellschaft zu passen scheint. Auch bei den meisten Feierlichkeiten anlässlich des schrecklichen Jahrestages 1941 bleiben wir scheinbar unter uns. Nein, nicht ganz. Nicht mehr. Ich übertreibe. Zum Beispiel wird es Ende des Monats eine Veranstaltung in Berlin geben, bei der nicht nur DaR dabei sind.

Dennoch. Noch immer haben wir dieses Image, das eigenbrötlerisch wirkt, deutschtümlerisch, nicht zeitgemäß. Aber ist es verwunderlich, wenn unsere größte Vertretung diesen Namen trägt: Landsmannschaft. Das klingt schon nach Burschenschaft und Blut-und-Boden-Ideologie. Nach zackigen Männern mit Waffe und Uniform. Seit Jahren weigert sich der Verein, den Namen zu ändern. Ist es ein Wunder, dass uns die Leute, besonders in linksgerichteten Kreisen nicht mit der Zange anfassen wollen? Wir sind selbst schuld. Keine gute und vor allem keine schnelle PR, das Image entweder vernachlässigt oder in die falsche Richtung gelenkt.

Es gibt durchaus Bestrebungen, das zu ändern. Die Podcasts „Steppenkinder“ vom Kulturreferat für Russlanddeutsche, der Podcast „X3“ – übrigens von der Landsmannschaft in NRW unterstützt, da ist doch schon eine Öffnung! – dann der Ableger von LibMod mit dem Namen ost[k]lick oder das „Russlanddeutsche Diarama“ von Dekoder sind große Schritte in die richtige Richtung. Es passiert hier eine Öffnung nicht nur zur Gesellschaft hin, sondern auch zu einer jüngeren Zielgruppe.

Aber die Landsmannschaft bleibt dennoch Landsmannschaft. Seit Ihrer Gründung Anfang der 1950er bis heute. Dieses antiquierte Bild dadurch zu kaschieren, dass man die sperrige Abkürzung LmDR benutzt, ist doch nur ein Feigenblatt.

Wie gesagt, die Öffnung ist nicht nur Sache der Aufnahmegesellschaft. Ich gebe zu, auch von Seiten unserer Gremien, Vertretungen, Instanzen wurden Barrieren errichtet und nicht nur Brücken gebaut oder Hände gereicht. Das ist die zweite Schicht der gläsernen Decke. So sitzen wir also in einem hübschen Raum mit Doppelglasfenster.
Ich hoffe stark, das ändert sich noch.

Laut Autorin Tina Übel eine „Nachbarnationendisstasche“

Einige Projekte und eine Veranstaltung anlässlich des Gedenktages der Deportation am 28.8. 1941:

https://www.erinnerungsnaht.de/

https://idrh-hessen.de/80-jahre-deportation/

https://www.bkge.de/Veranstaltungen/Kalender/3806-deportation-und-erinnerung-80.-jahrestag-der-zwangsumsiedlung-.html


Weitere Links:

Dekoder russlanddeutsches Diarama: https://nemcy.dekoder.org/de

Russlanddeutsche für Demokratie im Netz: https://www.ost-klick.de/

Der Podcast Steppenkinder: https://www.russlanddeutsche.de/de/kulturreferat/projekte/steppenkinder-der-aussiedler-podcast.html

Der Podcast X3: https://www.x3podcas

Ein Klavier, ein Klavier!

Was assoziieren wir, wenn wir über Sibirien sprechen? Schnee? Gulags? Weite? Transsib? Ja. Jain. Es gibt da noch etwas, das mir in Zukunft unauslöschlich in den Sinn kommen wird, wenn es um Sibirien geht: Tasten, die auf ein Holzbrett gemalt sind, Körper von Klavieren, durch die Unkraut wuchert, mit Wasserflecken verunzierte Deckel von Konzertflügeln, Pianinos, Klavichorde und Pianos. Und der Klang klassischer Musik.

Die britische Journalistin Sophy Roberts reist im Auftrag einer mongolischen Spitzenmusikerin mehrere Jahre lang immer wieder durch die Russische Föderation (und angrenzende Staaten), um ein passendes Instrument zu finden, ein Klavier oder ein Flügel mit Geschichte und einem besonderen Klang.

In ihrem Buch versammelt sie die Abenteuer dieser Reise und eröffnet mir zumindest eine ganz neue Perspektive, nicht nur auf das Land, sondern auch auf seine Geschichte. Auf Nebenwegen sozusagen.

Screenshot aus einem Clip von Micheal Turek

Sibirien ist schwer festzumachen, seine losen Grenzen erlauben es allen Besuchern, ihm jegliche Gestalt zu geben. […] Mein Sibirien umfasst das gesamte Territorium östlich des Uralgebirges bis hin zum Pazifik; das ist das „Sibirien“, wie es auf den kaiserlich-russischen Landkarten bis in die Sowjetzeit definiert war. Es ist eine äußerst weit gefasst Interpretation Sibiriens, die auch den Hohen Norden und den Fernen Osten Russlands und zudem Gebiete einschließt, die im 18. und 19. Jahrhundert gewonnen und wieder verloren wurden. Ich entschuldige mich deshalb im Voraus in dem Wissen, dass ich mich nicht an die modernen Verwaltungsgrenzen oder an die vorherrschende politische Korrektheit gehalten habe, wer oder was sibirisch ist. Statt dessen folge ich Anton Tschechows Erklärung: „Die sibirische Ebene beginnt, so scheint es, direkt hinter Ekaterinburg und endet der Teufel weiß wo …“
S. 14

Screenshot von einem Film von Michael Turek


Im 18. Jahrhundert kam die Begeisterung für das Klavier auf den Zarenhof, Ehefrauen von Dekabristen und polnische Verbannte brachten einige wertvolle Instrumente in die Tiefen des Landes.
Die Präsenz von Musik und diesem nicht sehr mobilen, eher etwas sperrigen Instrument in Russland und Sibirien berührt die verschiedenen Etappen der russischen und sowjetischen Geschichte. Ist eng an Zaren und deren Untergang geknüpft, fördert aber auch zahllose neue Erzählstränge, Nebengeschichten und unbekannte Anekdoten zutage. Oder wussten alle vor mir, dass die chinesische Stadt Harbin in den 30ger Jahren ein sowjetisches Zentrum für Jazzmusik gewesen war?

Dieses verbale Kaleidoskop zeichnet die Lebenswege von Klavierstimmern und Musikern und Musikerinnen nach. Namen wie Steinweg, Becker, Röhrich und andere deuten auf Spuren deutscher Klavierbauer in Russland hin. Eine Ära der europäischen Musik in fernen, uns zu unrecht unzivilisiert erscheinenden Weiten. Es ist ein Reisebericht und eine Zeitreise-Skizze zugleich. Selbst wenn ich jetzt verrate, dass die Suche natürlich von einem Erfolgserlebnis gekrönt ist, lohnt sich dieser mäandernde, immer wieder auf besondere Momente hinweisende Weg ja doch. Wie gesagt, die Pianistin Odgorel Sampilnorow erhält ihr wundervolles Instrument, was nicht weniger scheint als ein Wunder, wenn man die zerstörerischen Zeit in einer Gegend betrachtet, die nicht nur Klavieren und Konzertflügeln zugesetzt hat. Und ja, Schnee, Gulags und die Transsib kommen auch darin vor.

Hier ein kleiner Vorgeschmack darauf, wie der Tripp war. In eindrucksvollen Bildern stimmungsvoll festgehalten vom, ein Film des Fotografen Michael Turek, der Roberts begleitet hat:


Nicht entgehen lassen sollte man sich auch diese Website, die nicht nur Werbung zum Buch ist, sondern weitere Filmklips und Fotos der Reise versammelt. Gleichzeitig sehr amüsant und ergreifend.

https://www.lostpianosofsiberia.com/





Sophy Roberts, Sibiriens vergessene Klaviere
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer,
Hanser, 400 Seiten, € 26,-

Tagesgedicht 21. März – Andreas Peters


Der heutige Tag ist ja nicht nur der Tag der Poesie, sondern auch der internationale Tag der Trisomie 21. Als Andreas Peters im Sommer 2011 in einer dänischen Zeitung las, dass in Dänemark bei der jetzigen Entwicklung im Jahre 2030 das letzte Kind mit Down-Syndrom geboren werden würde, schrieb er das folgende Gedicht. Mit Sören ist übrigens der Philosoph Kierkegaard gemeint und mit Hans Christian natürlich der Märchenerzähler Andersen.

Die Sockenaufforderung findet jedes Jahr am 21. März in Verbindung mit dem Welt-Down-Syndrom-Tag statt. An diesem Tag werde zwei unterschiedliche Socken getragen, um die menschliche Einzigartigkeit zu feiern.

2030

wir schreiben das jahr 2000. es macht
mir angst, kein mongölchen in unsrem
kindergarten eingeschrieben. millenium
jahr 2010. mir ist bange: ich habe im

schwimmbad keinen einzigen down-
syndrom getroffen. 2020. angst &
bange: ich habe den ganzen tag in
kopenhagen kein down-kind zu gesicht

bekommen. 2030. keine angst & keine
bange: das letzte hässliche entlein ist
geboren. dänemark ist einem UN-
bericht zufolge das glücklichste land


der welt. kein aufstand der plebejer,
patrizier, der alten, jungen. kein
erdbeben erschüttert das land. nur 2
leichen drehen sich im grabe um, die


von sören und die von hans christian.
das trübt aber das glück des landes nicht.

Andreas Peters


***

Tagesgedicht 19. März – Katharina Dück

der Hinterhof

für Anna P.

während ich im Hauseingang
vor der Treppe nach oben
noch unten liege
betrachte ich
aus der offenen Haustür
den Ausschnitt unseres Hinterhofs
Himmel der Hauptstadt
spiegelt sich in meinen Augen
ist Smog und graue Wolkendecke
der Regen läuft durch Rinnen
direkt in den Hof
füllt Löcher im Asphalt
meiner Haut und meinen Augen
der Putz der nassen Hauswände
fällt langsamer als sonst ab
die Risse werden tiefer und weiter
nur wenige sehen sie noch
man gewöhnt sich an alles
neben manchen Hauseingängen
stehen kleine weiße Untertassen
mit Milch für die Katzen
im Sommer sind es mehr
jetzt im Oktober weniger
viele Katzen haben den Sommer
in der Hauptstadt nicht überlebt
sie wissen zu viel
und bekommen zu wenig

Katharina Dück


aus der Anthologie „Writers in Prison“

Anna Politkowskaja

Nächsten Donnerstag am 25.3.2021 um 19 Uhr findet eine online Lesung statt, um die neue Textur Anthologie vorzustellen, bei der Katharina Dück gemeinsam mit anderen Autorinnen und Autoren ihre Gedichte lesen wird.
hier der Link:
www.textur250321.herrenhof-mussbach.de

Tagesgedicht 11. März – Erdmann Wingert

Foto: pxhere.com

Steig ein in mein Wrack

 

Regenbögen frei Haus,
auf unseren Dächern blühen Galgen.
Komm, lass uns Schatten suchen,
den Umriss gesträubter Tiere am Weg.

Steig ein in mein Wrack, lass uns
über den Nebenarm fahren. Er spiegelt
die Nacht. Ins Öl getupft
fließen Eisvögel ab.

Komm, lass uns
Sände suchen, ein Riff,
das schattenumspülte Atoll.
Lass uns stranden.

aus:

Erdmann Wingert
Dachzeilen – achtzigeinhalb Gedichte aus dem vorläufigen Nachlass
ISBN 9783 1794304802

Tagesgedicht vom 10. März – Ayna Steigerwald

24

verflucht, naplos im sperrgebiet;
bis ich verhärte, für finit erklärt werde.
tot oder lebendig: nur auf verdacht.

ermattet flimmern; dann lassoknauf,
abspann. süßsalzige steppe.
das summen verlaufender versprechen.

breche – die annahme – aus
und trete ab. freeze; das ist verstummter
schrei. zwei zustände zur selben zeit.

silberblicke, streuleuchten, blinkspiegel;
die triebwerkzündung. ein letztes mal
winken. schall und fauch.

Foto: Ayna Steigerwald

aus
tagslichtdosen
Ayna Steigerwald
Materialien 2019
http://www.material-s.blogspot.com

Tagesgedicht 7. März – Viktor Schnittke

Foto pxhere.com


Die Welt ist zweimal mir gegeben:
als Wirklichkeit und als Traum.
Ich lebe ein zweifaches Leben.
Ich schwebe am schwingenden Saum
des Tages, im Zwielicht, im Schatten
der nahenden Nacht, im Bereich,
wo Helle und Dunkel sich gatten,
am Waldrand, am schimmernden Teich.
Das Plätschern, das Raunen der Bäume
berührt mich im Schlaf, und ich trag
die stummen Gestalten der Träume
hinein in den hellichten Tag.

Viktor Schnittke


aus dem Band:
Viktor Schnittke.
Gedichte. Poems. Составление,
Internationaler Verband der deutschen Kultur, Moskau 1996

(В. Г. Шнитке.
Стихотворения. Gedichte. Poems.
Москва: Международный союз немецкой культуры, 1996
ISBN 5879430057
)

Nacht und Tag

Literaturblog

Bücheratlas

Lesen und Reisen und noch dies und das

ancestors from katharinental

In memory of Katharinental - my ancestors hometown from 1817 until 1944

kafka on the road

Je me baladais sur l'avenue, le coeur ouvert à l'inconnu

brasch & buch

Oft über Bücher, aber auch über Selbsterdachtes

Kotti & Co

Die Mietergemeinschaft am Kottbusser Tor

aufgeblättert...

Luise blättert auf - recherchiert, durchgeblättert, kommentiert.

aufgeblättert...

Der Literaturblog aus Hamburg

travel and books

Wer sich für Bücher und Reisen interessiert ist hier richtig!

Wortverloren

Rezensionen und mehr

parasitenpresse

Verlag für neue Literatur

Birgit Böllinger

Büro für Text und Literatur

idahaeusser

Ich orte mit meinem Parabolspiegel Dinge und Geschichten aus dem Leben der Russlanddeutschen

Vladimir Vertlib - Schriftsteller

presented by jennycolombo.com creativeARTdirectors - salzburg - wien

Cha

the second website of Asian Cha

BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Mit leiser Stimme

Eine Plattform für sachlichen Diskurs

.LESELUST

Lesen, Vor-Lesen, gute Bücher

chairlounge

Bücher über kleine, große und fremde Welten

KLITERATUR

weil eine Antwort nicht einfach ist

In Foro - Städtisches Leben um 1300

Ein Blog über Historische Darstellung und das Mittelalter im Allgemeinen

CHARLY KÖNIG

Texte, Stories, Rezepte