Der Fall LISA oder Von welchem Planeten kommen die Russlanddeutschen?

Ein Gastbeitrag von Artur Böpple (Autor, Medienwissenschaftler und Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V. – siehe www.literaturkreis-autoren-aus-russland.de/ )

(c) Fotostudio Flentge, Herford
Artur Böpple – (c) Fotostudio Flentge, Herford

Der Fall LISA hat nicht nur die Gemüter der russlanddeutschen Community aufgewühlt, er rief sogar die Außenminister beider Länder, den Deutschlands und den Russlands, auf den Plan. Was geht in den Köpfen der Russlanddeutschen vor? Werden sie tatsächlich aus Moskau ferngesteuert?

Die russischen Medien üben einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung eines Teils der russischsprachigen Bürger in Deutschland aus. Das ist unumstritten, genauso wie die türkischen Medien auf die türkischsprechenden Bürger der Bundesrepublik. Die Frage ist, wie stark dieser Einfluss ist. Man geht heutzutage von etwa 20 bis 30 Prozent der Russlanddeutschen aus, die regelmäßig das russischsprachige Fernsehen schauen (laut Historiker Viktor Krieger). Es bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie die ihnen dort gebotenen Inhalte stets unreflektiert konsumieren.

Wenn man die Deutschen aus Russland verstehen will, muss man wissen, was diese Volksgruppe mit Russland verbindet. Ihre Vorfahren wanderten einst aus Deutschland nach Russland aus, an die Wolga, in den Kaukasus, ans Schwarze Meer, in die Ukraine und später nach Sibirien. Sie siedelten über lange Zeit in kompakten Kolonien, blieben meist unter sich, außer wenn sie Handel mit benachbarten Siedlungen und Städten trieben. Ein kleinerer Teil, die Intellektuellen, lebte unter anderem in den Großstädten Russlands, partizipierte am kulturellen Leben und betätigte sich ebenso in Lehre, Kultur oder Wissenschaft. Das überwiegend isolierte Zusammenleben der Russlanddeutschen hatte einerseits Vorteile – die Siedler konnten ihr Deutschtum, die kulturellen Traditionen und die Sprache über Jahrhunderte hinweg tradieren, auf der anderen Seite blieben sie in die russische Gesellschaft de facto nicht integriert. Zumindest so, wie man es heute versteht. Sie lebten in relativ homogenen Siedlungen, und scheuten die Mühe, Russisch zu lernen beziehungsweise sich in die russische Gesellschaft einzufügen, wobei das von ihnen damals nicht erwartet wurde. Sie waren Fremde „auf ewig“. Weil sie lange nicht fähig waren, ausreichend in Russisch zu kommunizieren, schob man ihnen bei lokalen Konflikten gern den „schwarzen Peter“ zu.

Zu massenhaften Verfeindungen zwischen den deutschen Siedlern und der russischen Bevölkerung kam es im Ersten Weltkrieg. Deutschland ging militärisch gegen das Russische Reich vor. Russische Kriegspropaganda arbeitete auf Hochtouren, was die ersten kollektiven Vertreibungen der deutschen Siedler, vor allem aus dem europäischen Teil Russlands, zur Folge hatte. Man schickte sie Richtung Sibirien. Doch das „Kernland“, die zahlreichen Siedlungen an der Wolga, wurden von diesen Vertreibungen kaum berührt.

Nach der russischen Revolution 1917 und noch während des Bürgerkriegs durften die Wolgadeutschen 1918, mit dem Segen von Lenin höchstpersönlich, ihr autonomes Wolgagebiet ins Leben rufen (ab 1924 Autonome Republik, ASSR). Es gab zahlreiche deutsche Schulen, Kirchen und weitere kulturelle Einrichtungen – selbst studieren konnte man dort bald auf Deutsch. Eine kleine deutsche Insel mitten in Russland. Die Russlanddeutschen konnten sich nach dem Bürgerkrieg, einigen Volksaufständen und Hungerjahren erst mal glücklich schätzen, solange die Moskauer Kommissare und Ideologen sie in Ruhe ließen. Die Autonomie wurde von stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren freilich nicht verschont. Aberhunderte – meist Intellektuelle, Autoren und Lehrer – verschwanden auf immer in den feuchtkalten, dunklen sowjetischen Kerkern. Das war jedoch noch nicht genug.

1941 markierte der Zweite Weltkrieg das Ende der blühenden Landschaften am Wolga-Ufer. Stalin bezichtigte die deutschen Anwohner – und zwar allesamt per Erlass in der Prawda – des Komplotts mit Hitler-Deutschland. Nach wenigen Tagen hörte der deutsche Insel-Staat auf zu existieren, die über etwa 150 Jahre verwurzelten Menschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verfrachtet und in aller Welt zerstreut. Rund 600 000 Einwohner hatte unmittelbar vor diesem Ereignis die deutsche autonome Republik an der Wolga gezählt. Aber nicht nur von der Wolga wurden die Deutschen vertrieben. Die Siedlungen im Kaukasus, in der Ukraine, um Moskau und Leningrad herum folgten. Bis an die 500 000 Russlanddeutsche verloren während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in den sowjetischen Arbeitslagern aufgrund der Schwerstarbeit, Kälte und Hunger ihr Leben. Viele von ihnen wurden erschossen. In wenigen Monaten jährt sich das schicksalsträchtige Ereignis, die Vertreibung von der Wolga und der darauffolgende Genozid gegen die Russlanddeutschen zum 75. Mal.

Warum dieser kleine historische Exkurs?

Dankbarkeit gegenüber Russland zu zeigen, geschweige denn politische Loyalität, haben die Russlanddeutschen absolut keinen Grund. Die Mehrheit von ihnen kehrte nicht zuletzt aufgrund dieser historischen Ungerechtigkeit und daraus resultierenden Gefahr, ihrer Identität gänzlich verlustig zu gehen, dem sowjetischen bzw. russischen Staat in den 90er Jahren den Rücken. Russlands ursprünglicher Plan, die Deutschen mittels der Zerstreuung im ganzen Land ihrer nationalen Identität zu berauben, ging in der dritten Generation nach dem Krieg größtenteils in Erfüllung. Deutsch wurde in dieser Generation selten gepflegt (meist rudimentär zu Hause), Russisch wurde zunehmend zur Muttersprache. Moskau entschuldigte sich „bei ihren Leuten“ offiziell dafür bisher nicht. Entschädigungen gab es keine! Erst kürzlich, am 31. Januar 2016, revidierte Putin den Beschluss Jelzins aus dem Jahr 1992 über die Rehabilitierung der Russlanddeutschen. In diesem Beschluss war ursprünglich die Wiederherstellung deren Staatlichkeit innerhalb Russlands als ein wesetlicher Punkt im Prozess der vollständigen Rehabilitierung verankert. Putin machte mit seiner Revision die Hoffnungen auf Wiedergutmachung der Vertreibungen und der Verbannung der Russlanddeutschen in den 40er Jahren gänzlich zunichte.

Trotz der überwiegend russischen Sozialisierung kehrten die Deutschstämmigen dem totalitären Sowjetregime den Rücken nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen, wie es oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Traum von der wahren Heimat, von der Wiedererlangung der nationalen Identität und der Sprache, eines WIR-Gefühls – all dies waren relevante Faktoren, die in die Waagschale während des Entscheidungsprozesses für oder gegen die Ausreise nach Deutschland gelegt wurden.

Auch diejenigen, denen es wirtschaftlich relativ gut ging, gaben ihr geregeltes Leben, Häuser, feste Arbeit dort auf und emigrierten nach Deutschland, getrieben von der fixen Idee, von der Idealvorstellung über die Heimat. Sie brachten vor allem Loyalität und Dankbarkeit dem deutschen Staat gegenüber mit, das steht außer Frage, und selbstverständlich die grundsätzliche Bereitschaft, sich so schnell wie möglich zu integrieren. Allerdings ohne die leiseste Ahnung davon, wie viel Kraft und Mühe ihnen dieser Prozess abverlangen würde. Man sollte niemandem unterstellen, dass er oder sie es nicht versucht hat. Einige gaben es zu schnell auf, oft rein räumlich in Wohnghettos gedrängt (wohl jede größere deutsche Stadt hatte ein „Kleinmoskau“ als inoffiziellen Stadtteil in den 90ern), fanden sie sich unter den resignierten Gleichgesinnten wieder …

War dies die Heimat, die sie sich zu finden erhofft hatten? Damals, als sie in der Sowjetunion ihre Häuser veräußert und ihre Koffer gepackt hatten? Nein! Und mal ehrlich: Wie groß ist der Anteil der Einheimischen, der die Deutschen aus der Sowjetunion für genuin deutsch hält und der ihnen das bisschen Deutschsein gönnt? Deutschrussen – das ist jedenfalls keine adäquate Bezeichnung, die sie je zufriedenstellen wird. Sie ist nicht förderlich für ihre Integration, und wird mancherorts sogar als Beleidigung empfunden.

Schubladendenken geht leicht von der Hand. Pauschalisierungen sind menschlich. Doch gehört es nicht zur primären Aufgabe der meist weitsichtigen Reporter, das Volk aufzuklären, statt Pauschalisierungen zu zementieren? Seit einem guten Vierteljahrhundert kämpfen die offiziellen Organisationen der Deutschen aus Russland (wie z.B. die Landsmannschaft) gegen das unvorteilhafte Image ihrer Volksgruppe an. Sie bemühen sich um Aufklärung und kommunizieren immer wieder sachliche Inhalte nach außen. Eins davon: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass die Deutschen aus Russland sich im Vergleich zu anderen Migrantengruppen durchaus erfolgreich integrieren. Bloß ein relativ kleiner Teil läuft Gefahr, von russischen Medien manipuliert zu werden. Auf der anderen Seite gab es seit der Ukraine-Krise wiederholt Versuche, die Russlanddeutschen aufgrund von Einzelfällen undifferenziert unter Generalverdacht zu stellen, dass sie allesamt Putinisten, also Putin-Anhänger und nun sogar tendenziell der rechten Szene zugeneigt seien. Es entsteht der Eindruck, als hätte jemand ein Interesse daran, diese Ethnie zum x-Male pauschal im ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Schon wieder einmal sind die Russlanddeutschen zum Spielball der Politik und der Medien geworden. Schon wieder steckt man sie in eine Schublade. Dort waren sie stets Faschisten, hier sind sie Putin-Anhänger und Russen. Ein Volk in der Schwebe, auf der ewigen Suche nach der Heimat.

Als Betroffener weiß ich zu gut, wie unsere Leute „ticken“. Ich weiß bestens um ihre Befindlichkeiten. Es gibt auch unter uns Menschen mit grundverschiedenen Meinungen zu allen wichtigen Fragen der Politik, wie es sich auch bei dem Rest der deutschen Gesellschaft verhält. Es handelt sich hierbei um etwa 4 Millionen Menschen (wenn man der Einwanderungsstatistik ab 70er Jahre den Glauben schenkt). Kaum jemand im Ausland käme doch ernsthaft auf die Idee, aufgrund der höchst ambivalenten PEGIDA-Bewegung, ganz Deutschland pauschal als rechtspopulistisch abzustempeln. Was die Russlanddeutschen betrifft, wäre eine ebensolche Differenziertheit geboten, will man sie nicht ganz an Russland verlieren. Die jüngsten Demonstrationen sind nicht repräsentativ und wurden nicht von offiziell bekannten und formal registrierten Organisationen der Russlanddeutschen veranstaltet.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

6 Kommentare zu „Der Fall LISA oder Von welchem Planeten kommen die Russlanddeutschen?“

    1. Lieber Norbert, danke für die Recherche und den Hinweis. Hier steht etwas über das Portal rusdeutsch: http://www.rusdeutsch.eu/%C3%BCber-uns
      Es wird von der russlanddeutschen Minderheit von Russland aus publiziert.
      Was den Erlass angeht, er dreht sich um die Rehabilitierung und Unterstützung von mehreren Ethnien auf der Krim, die dort vor 70 Jahren unterdrückt und von dort aus deportiert worden sind. Es handelt sich um das armenische, bulgarische, griechische, krim-tatarische und deutsche Volk. Es ist auch von Errichtungen von entsprechenden Autonomien (auf der Krim) die Rede. Aber dieser Erlass ist von 2014 und bezieht sich nur auf die Deutschen, die ehemals auf dem Gebiet der Krim und Sewastopol gelebt haben. Im Januar 2016 hat W. Putin, so viel mir bekannt ist, in einem anderen Erlass die Schaffung eines autonomen deutschen Gebietes auf dem gesamten Territorium der Russischen Föderation abgewiesen. Auf diesen letzten Ukas oder Erlass bezieht sich Artur Böpple in seinem Beitrag. Die Sache mit der Rehabilitierung oder nicht und wie genau wäre meiner Meinung nach einen eigenen Text oder sogar mehrere wert. Ein unerschöpfliches Thema!

  1. Leider habe ich erst jetzt den Artikel gelesen, obwohl er schon vor einiger Zeit verfasst wurde.
    Beim Lesen habe ich immer wieder registriert, dass ich mit der Darstellung des Autors völlig einverstanden bin, bis auf ein paar „Kleinigkeiten“ ganz am Ende des Artikels.
    Mit dem Satz „Ein Volk in der Schwebe…“
    muss man wohl die Deutschen aus Russland als ein (eigenständiges) Volk verstehen oder ist das nur der literarischen Darstellung geschuldet?
    Ich kam auch als Russlanddeutscher Ende 1999 nach Deutschland und will hier zum deutschen Volk gehören und nicht ein anderes Volk vertreten.
    Und noch ein Satz von Artur Böpple hat mich nachdenklich gemacht: „Was die Russlanddeutschen betrifft, wäre eine ebensolche Differenziertheit geboten, will man sie nicht ganz an Russland verlieren“.
    Soll wohl heisen, dass die Russlanddeutschen schon teilweise an Russland verloren sind?

    Und vielleicht noch zum Thema Rehabilitierung: hier könnte ich die russischsprachigen Leser auf den Artikel von Hugo Wormsbecher verweisen – „Умереть нельзя,
    а жить так дальше невозможно“, wo es um den Ukas des russischen Präsidenten vom 31.01.2016 geht.

    1. Lieber Andreas Zahn,
      vielen Dank erstmal für den Verweis auf den Artikel von Hugo Wormsbecher, der ist bissig-gut. Wie antworte ich auf diese Kleinigkeiten, zumal sie von einem anderen verfasst wurden. Der Wunsch, zu diesem Volk hier zu gehören ist sehr nachvollziehbar (kenne ich auch und meist habe ich auch dieses Gefühl, dazu zu gehören). Im Grunde ist es ja auch so, auch von gesetzwegen werden Bio-Deutsche und Russlanddeutsche nicht unterschieden. Aber, wie immer gibt es ein aber. Sie werden sicher wissen, wie es ist, aus zwei Kulturen zu stammen. Dieses Hybridgefühl. Und dann sind bei weitem nicht alle hier soweit, auf Herkunft und Aussehen zu pfeiffen. Da wird leider noch sehr unterschieden, wer seit wie vielen Generationen wo angesiedelt ist und wer sein RRRR wie rollt. Ich weiß nicht genau, wie Artur Böpple dies in seinem Text gemeint hat, aber ich neige auch manchmal dazu, das Völkchen der Russlanddeutschen als, hm, sehr eigen zu bezeichnen. Gefühlte 7° anders. Manchmal 7° wärmer, und manchmal 7° kühler…Und ich persönlich glaube nicht, dass wir Gefahr laufen, sie an Russland zu verlieren. Nicht nach dieser gemeinsamen Geschichte.

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