Bibliothek der vergessenen Bücher: Die sieben Leben der Angelina Rohr

Es gibt eine Schriftstellerin, die als junge Frau nach Moskau gegangen ist, die Strapazen des GULag und der Verbannung überlebte und noch immer in Russland lebend, diese Erlebnisse in Prosa verarbeitet hat. Sie hat keinen russlanddeutschen Hintergrund, das nicht, hat aber auf ihrem Lebensweg DaR getroffen und auch über sie geschrieben, aber nur am Rande. Und nicht immer sehr vorteilhaft.

Doch zunächst möchte ich auf ihre Vita eingehen, nicht nur um einen Kontext für ihre schriftstellerische und journalistische Arbeit zu schaffen, sondern weil sie sich selbst wie das Drehbuch zu einem Film anhört.

1890 wird sie als Angela Müllner in Mähren geboren, begibt sich in die Dada und Surrealisten-Szene, lebt mit ihrem Ehemann vor dem ersten Weltkrieg mittellos in Paris, schreibt, und erwirbt Kenntnisse in Medizin und Psychologie, ohne einen akademischen Abschluss zu machen. Sie trifft Rilke, freundet sich mit ihm an. Er lobt ihre Prosa und ihren starken Ausdruck.

Mitte der Zwanziger Jahre folgt sie ihrem dritten Mann Wilhelm Rohr nach Moskau, heißt nun Angela (Angelina) Rohr und erhält die russische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitet bis zur Schließung am dortigen Institut für Psychoanalyse mit und später in der russischen psychoanalytischen Vereinigung.
Als Korrespondentin schreibt sie Artikel und Reportagen für deutschsprachige Zeitungen in Österreich und Deutschland und der Schweiz. Als Bertholt Brecht in Moskau weilt und krank wird, ist sie seine behandelnde Ärztin. Er ist dabei ein Empfehlungsschreiben an den russischen Schriftsteller Konstantin Fedin zu schreiben und möchte sich für Angela einsetzen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.
Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wird Angela Rohr verhaftet und zu fünf Jahren Lager verurteilt. Danach ereilt sie das gleiche Schicksal wie alle Deutschen in der UdSSR. Sie bleibt bis Stalins Tod in Tawda, wo sie im Lager einsaß. Danach noch Jahre im Verbannungsgebiet. Erst nach ihrer Rehabilitierung Ende der Fünfziger darf sie nach Moskau zurückkehren.

Angela Rohr vor einer Forschungsreise nach Sibirien um 1927. PrivatarchivHans Marte, Wien

Insofern teilt sie das Schicksal, das alle deutschstämmigen in den Jahren nach 1941 ereilt: Verhaftung,Verbannung, Verbot an den Ort zurückzukehren, wo sie früher gelebt hat, später dann die Rehabilitierung. Ihr auf unkonventionellen Wegen erworbenes Medizinwissen erlaubt ihr im Lager als Hilfsärztin zu arbeiten. Wahrscheinlich rettet ihr diese kleine Lüge das Leben. Als Lagerärztin entdeckt die einen Heilmittel gegen Vergiftungen mit Schierlingspflanzen, was ihr ein Rennommée in wissenschaftlichen Kreisen einbringt.

Ihre Freunde im Westen glauben, sie sei 29-jährig verstorben. Sie hat aber bis ins hohe Alter in Moskau gelebt. Mit 67 Jahren fängt sie wieder an zu schreiben, Kurzprosa und einen Roman über das Lager. Ihre Manuskripte gehen unter, werden auch in der DDR abgelehnt, erst ein nach Wien geschmuggeltes Exemplar des Romans wird Mitte der Achtziger verlegt, unter einem Pseudonym. Leider erst ein Jahr nach ihrem Tod. Die Publizistin Gesine Bey aus Berlin entdeckt die Schriften Rohrs, die unter vielen Pseudonymen erschienen sind und gibt sie ab 2010 in Deutschland heraus. Der Roman „Lager“ erschien 2015 im Aufbau Verlag.

Das Besondere ist, dass wir über Angela Rohrs Werk und ihr sehr wechselvolles, langes Leben so wenig wissen. Und das obwohl ihre Geschichten mit einer unnachahmlichen, kraftvollen und dennoch eingänglichen Art eine hohe literarische Qualität aufweisen. Insofern passt sie in die Reihe der Bibliothek der vergessenen Bücher, die ich in unregelmäßigen Abständen vorstellen möchte.

Und nun zum Eigentlichen, zu ihrer Prosa:
Die Sammlungen enthalten auch frühere Essays, aus der Zeit als sie durch die Sowjetunion gereist ist. Begeistert für das neue Land, das neue System. Nichts ahnend von den Lagern im Hinterland. Was für ein Kontrast, die Analyse von Stalins Rede von 1933 und die Erzählung „Der Vogel“ knapp dreißig Jahre später. Viel ist dazwischen passiert.

Passierschein für Angelina Karlowna Ror 1948


Rilke, mit dem sie ja einmal befreundet war, hat über sie geschrieben: “… Angela hat beides, die Kraft, Einzelheiten festzuhalten und doch auch im Bewußtsein des Ganzen zu sein.“

Auch ich bin beeindruckt. Sie kommt mir vor wie eine Chirurgin der Wirklichkeit, als würde sie ihre Erlebnisse destillieren, klassifizieren und in kleine gläserne Kästchen packen, um sie später zu ettiketieren. Sie seziert das Grauen, beschreibt es so detailliert, so genau, dass es zum aufgespießten Insekt wird und an Schrecken verliert. Ihr gelingt es, Dinge einzufangen und auszudrücken, die außerhalb des menschlichen Horizonts, fast außerhalb der Sprache liegen.

Zum Beispiel die Beschreibung einer Untersuchung einer Gruppe weiblicher Gefangener durch ebenfalls weibliches Personal:

Das erste, was sie danach taten, war, daß sie uns mit aller Wucht in die Haare fuhren, so daß wir wankten. Auf ihren weiteren Befehl rissen wir den Mund auf, hoben die Zunge zum Gaumen und streckten sie dann in ihrer ganzen Länge aus. Wir mußten zeigen, daß wir nichts Verborgenes im Munde hielten. Wir hoben die Arme, deren Achselhöhlen sie kaum mit dem Blicke streiften, schon lange waren sie anscheinend als Versteck verpönt. Wir mußten uns dann, wie in der Gymnastikstunde, hinhocken, breitbeinig, um unser Inneres darzubieten, mit dem sie sich eingehend beschäftigten.
Leider waren auch sehr alte Frauen unter uns, die nach dieser Untersuchung nicht aufstehen konnten, die weiter hockten, mit verwirrten, verständnislosen Blicken um sich sahen und auf Hilfe hofften. Einige von uns, ruhigeren Charakters, legten dann nicht nur ihre, sondern auch die Sachen derer zu dieser Arbeit nun Unfähigen zusammen. Danach stand jeder mit seinem Bündel an Ort und Stelle, so als ob nicht geschehen wäre.

aus „Der Vogel“ (1959), S. 15

Irgendwo habe ich über Ihre Prosa gelesen, sie extrahiert das Absurde aus den Situationen. Kein Wunder, hing sie doch viel mit Dadaisten und Surrealisten ab in ihrer Jugend, vieles ist aber eher lakonisch bis sarkastisch:

Der Abend der Abfahrt war endlich da. Ich stand auf dem Bahnsteig, auf dem sich außer uns noch viele Fahrgäste befanden. Ich glaubte, den Ort nun für alle ewigen Zeiten verlassen zu können, hatte aber nicht mit der fürsorglichen Regierung dieses Landes gerechnet.
aus „Lager“, S. 132

oder:

Waren wir früher alle Spione gewesen, so hatte man uns schon längst zu Landesverrätern erhöht, obwohl ich den Unterschied zu diesen nie recht begreifen konnte.
Erzählung „Die Zeit“, aus dem Sammelband „Der Vogel“, S. 58


Es beeindruckt mich und ich denke, wer weiß, vielleicht hat diese kleine schmale Person diese Hölle bloß überlebt, weil sie sich gezwungen hat, zu beobachten. Von außen die Schrecknisse zu betrachten, um später darüber zu schreiben. Auf jedes Detail, jeden Satz achtend. Die Stimmung, die Szenerie, die Dialoge, die Personen genau einfangend. Zum Beispiel den Gesichtsausdruck einer Frau, die vom Verhör zurückkommt. Damit du es Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe später notieren kannst:

Die Frauen, die in jener Nacht verschwunden waren, gehörten nun für uns schon fast zu den Vergessenen. Nach ungefähr zehn Tagen kamen einige davon zurück, die anderen aber sahen wir nicht wieder. Das waren nun traurige Geschöpfe, die wir umringten. Sie hatten eine so merkwürdig fernen Ausdruck in ihren Gesichtern, ihre Arme gehorchten ihnen nicht ganz. Sie klagten, daß sie unsäglich müde seien, und so sahen sie auch aus. Das, was sie uns dann allmählich erzählten, das, was sie erlebt haben wollten, war schwer zu glauben und wir lehnten es auch ganz und gar ab. Wenn es die Wahrheit gewesen sein sollte, das, was sie uns mitteilten, hätte es uns doch auch treffen können. Es war besser und ganz richtig, daß wir diese Dinge nicht an uns herankommen ließen.
aus „Der Vogel“ S. 47

Hat sie deswegen überlebt? Weil sie sich vorgenommen hat, später zu berichten? Nein, das sind nur meine Spekulationen. Fragen kann ich sie nicht mehr, sie starb in Moskau im Jahr 1986, da lebte sie von einer Minirente in einer mit Büchern vollgestopften Wohnung. Und Tagebücher hatte sie meines Wissens nach nicht hinterlassen, nur ihre Prosa.
Möglicherweise hat sie das Arbeitslager überlebt, weil sie zäh war, weil sie Glück hatte, mehr als einmal. Ganz sicher, weil sie mutig war. Sie beschreibt ihre Zeit als Ärztin bei den Schwerverbrechern. Da kannst du dir nicht erlauben, auch nur die kleinsteSchwäche zu zeigen. Sie hat es geschafft, sich bei diesen Kriminellen Respekt zu verschaffen. Aber sie hätte niemals Ärztin von sich gesagt, immer nur Arzt.

Brot war natürlich das Wichtigste für uns, wenn auch jeder seine bestimmte Einstellung dazu hatte. Es war Nahrung, und auch wieder nicht, es war der Maßstab zu einem Charakter. Hier gab es Leute, die ihr Brot morgens, zusammen mit einem Viertelliter heißen Wassers, sofort und ohne zu schwanken aßen. Das waren die einen, die anderen aber zögerten aber damit und lebten in einer beständigen Angst, daß man es ihnen stehlen könnte, was auch ohne weiteres möglich war.
S. 20 „Der Vogel“

Hier haben wir keine Übertragung, keine Übersetzung aus dem Russischen oder dem Litauischen oder einem anderen Idiom. Es ist ein Zeitzeugenbericht in deutscher Sprache und von einer Qualität, die sich vor den Granddames und Grandmessieurs der Lagerliteratur nicht zu verstecken braucht.

Vereinzelt kommen auch Russlanddeutsche in ihren Geschichten vor. In den Erzählbänden taucht ein Artikel mit dem Titel „Deutsche Bauern in Russland“ auf, der 1930 in der Frankfurter Zeitung erschienen ist. Darin schildert sie die Eindrücke von einem Besuch eines deutschen Dorfes im nördlichen Kaukasus. Für mich ist es total spannend, das aus dieser Perspektive zu lesen, weder aus russischer noch von russlanddeutscher, sondern mit den Augen einer österreichischen Kommunistin.
Nicht immer schneiden die DaR bei Angela Rohr gut ab, sie zeigt sie mit all ihren Facetten. In ihrem Roman „Lager“ taucht eine eher grobe Wolgadeutsche auf, die sie, also die Protagonistin, bei den Wachhabenden anschwärzt, weil sie Angst hat, dass sie ihr den Platz als Sanitäterin streitig macht. Ein anderes Mal feiert sie Weihnachten mit drei wolgadeutschen Frauen, die in der Baracke „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen. Doch sie kommen nur am Rande vor, wenn überhaupt. Wie der Tod Stalins in einem deutschen Dorf aufgenommen wird, beschreibt sie so:

Der Tag seines Todes war für die Bewohner des Dorfes eine Zeit der Trauer. Ich traf weinende Frauen auf der Straße, die gleich mir und ebenfalls als Deutsche ewige Verbannung erhalten hatten. Verstehe das wer will!
aus „Lager“, S. 287

Das muss Angela Rohr irgendwann in den Achtzigern sein.

Ich bin dankbar für den Fund, durch Zufall habe ich den Roman letztes Jahr in einem Antiquariat gesichtet. Ich weiß nicht, woher Angela Rohrs kristalline Klarheit kommt, diese kalte, über allem schwebende Sprache, die Abstand schafft, die konkret ist, Gefühle weglässt und dennoch so unter die Haut geht. Jedenfalls ist es eine Bereicherung und verschafft Einblicke in ein Leben, von dem wir uns sonst gerne abwenden. Weil es schwer ist, hinzusehen.

Veröffentlichungen von Angela Rohr, herausgegeben von Gesine Bey:

Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Basisdruck Verlag Berlin 2010.

Lager. Autobiographischer Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2015. – Übersetzungen ins Niederländische, Tschechische und Italienische.

Zehn Frauen am Amur. Feuilletons für die Frankfurter Zeitung. Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion (1928 – 1936). Mit Fotografien von Margarete Steffin und anderen. BasisDruck Verlag Berlin 2018.

Begegnung. In: Sinn und Form, Heft 3, Berlin 2016. S. 359-371

Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Bibliothek der vergessenen Bücher: Die sieben Leben der Angelina Rohr“

  1. Danke dafür! Ich will jetzt so viel mehr über Angelina Rohr wissen. Ich frag mich wieso sie in Russland geblieben ist.? Was hat die zurückgehalten? Und das nachdem sie im Lager war. Man denkt sich sie würde so schnell wie möglich wieder weg aus diesem Land, dass sie so schlecht behandelt hat. Aber nein sie ist geblieben. Ich hab mal in Aktobe/Aktjubinsk einen deutschen Strafgefangenen getroffen. Ich war noch sehr jung. Und als er erfahren hat, dass ich auch Deutsch war wollte er unbedingt Deutsch mit mir sprechen. Er hat mir erzählt dass er schon seit Jahren kein Deutsch mehr gesprochen hat. Und dass er nach nach dem Lager in Kasachstan geblieben ist. Er hat eine russische Frau kennengelernt und die haben geheiratet. Er hat unsere Stadt gebaut, die Häuser in denen wir wohnten. Ich weiß nicht wieso ein nie zurück nach Deutschland ging. Er hat seine deutsche Integrität verheimlicht. Ein Strafgefangener deutsche in kazakhstan zu sein war bestimmt nicht so einfach. Ich nehme an er ist aus Liebe geblieben. Aber vielleicht gab es da auch noch einen anderen Grund.

  2. Das ist eine gute Frage. Mir ist nicht bekannt, dass Angelina versucht hat rauszukommen,. Sie wollte nach Moskau, und dahin ist sie auch irgendwann gekommen.
    Neben den Schrecknissen ist Russland, die Sowjetunion, der Osten so viel mehr. Veilelicht fühlte sie sich dem verbunden? Der Kultur, dem sozialistischen System, trotz allem? Vielleicht hatte sie Sorge, dass nach der Ausreise das, was sie erlebt hat, was sie ausmacht nicht mehr gilt? Eine durchaus berechtigte Sorge.

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