Bibliothek der vergessenen Bücher: Ein Weckglas voller Zettel

Wieder ein Buch mit einer ziemlichen Odyssee. Richtig vergessen war es eigentlich nie, ging nur für längere Zeit verloren. Aber zunächst macht die Autorin selbst eine nicht so angenehme Reise, als Verbannte an den arktischen Rand der Welt. Als Hitler und Stalin sich in einem Pakt Europa aufteilen, werden die baltischen Länder von der SU kurzerhand annektiert, rund 50.000 Menschen werden verhaftet und in einer großangelegten Aktion ab dem 14. Juni 1941 in sibirische Lager verfrachtet. Unter anderem Dalia Grinkevičiūtė und ihre Familie. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 14 Jahre alt.


Später schreibt Dalia ihre Erinnerungen an die ersten zwei Jahre Verbannung nieder, da ist sie bereits 23 und befindet sich auf der Flucht vor dem KGB in Litauen. Sie schafft es gerade noch, die losen Blätter in einem Einweckglas im Garten zu vergraben. Dann wird sie wieder verhaftet. Jahre später, nach einer Ausbildung zur Ärztin und ihrer Rehabilitierung sucht sie nach diesen Aufzeichnungen, findet sie aber nicht mehr. Aus der Erinnerung verfasst sie eine kürzere Version ihrer Erinnerungen, die in dissidentischen Schriften in Russland und Litauen und als Roman in den USA erscheint. Erst vier Jahre nach Dalias Tod 1991 wird zufällig ein Wildrosenbusch in dem besagten Garten in Kaunas verpflanzt und das Weckglas mit den 229 eng beschriebenen Seiten kommt ans Licht. Danach erscheinen die Aufzeichnungen als Buch in Litauen und werden in den Schulunterricht integriert. Im Jahre 2014 kommt mit dem lakonischen Titel „Aber der Himmel – grandios“ im Mathes&Seitz Verlag in Berlin heraus. Etwa 64 Jahre nachdem die Autorin das Manuskript verfasst hat.

Eine Seite aus dem Manuskript.

Statt ihre Teenagerjahre zu genießen, muss Dalia unter den unmenschlichsten Bedingungen im Altai Gebiet und in der Arktis Zwangsarbeit leisten. Aber sie ist eine, die überlebt. Insofern sind die Notizen auch eine Bekundung der Stärke und Lebensmut. Das Manuskript beginnt ohne Kapiteleinteilungen, und es endet auch sehr abrupt. Dalia hat es in größter Eile geschrieben, mit der Angst im Nacken, entdeckt zu werden. Dennoch ist es ihr gelungen, das Unmenschliche in einer kühlen aber kraftvollen Sprache festzuhalten.


Es will nur schwer in den Kopf, dass unser leitendes Personal auf Trofimowsk – jeder von ihnen – eine warme 2-Zimmer-Wohnung in einem Blockhaus hat. Wir haben diese Häuser gebaut. Sie haben genügend Kerzen, um ihre Wohnungen zu erleuchten, sie können essen was sie wollen. Ich dachte, in Kriegszeiten müsste jeder Entbehrungen auf sich nehmen, aber sie entbehren nichts. Nach dem Krieg werden sie erzählen: Wir haben die Kriegslast auf uns genommen, wir haben zum Wohle des Vaterlands die Massen für den Kapf motiviert. Sie werden Auszeichnungen bekommen und die mit litauischen und finnischen Leichen gefüllte Grube wird ein Zeugnis ihrer Mühen sein.
S 110

Grinkevičiūtė beschreibt auch Menschen, die trotz der unmenschlichen Verhältnisse und der Vernachlässigung ihre Würde nicht verloren haben. Wie die ehemalige Krankenschwester Lidia, die sich scheinbar aufgegeben hat, mit dem Nebeneffekt, dass sie überhaupt keine Angst mehr kennt, und somit von niemanden unter Druck gesetzt werden oder zu etwas gezwungen werden kann, auch nicht zum Dienst.

Dalia mit elf Jahren in ihrer Schuluniform. Drei Jahre vor der Deportation.


Alltägliches kommt in dieser Hölle auch vor. Dalias Freude ist groß, als sie mit anderen Jugendlichen in einer geheizten Stube Schulunterricht erhält, ihre Enttäuschung, als dieses Privileg aufhören soll, ebenso.

Ich stehe mit meinen eingerissenen Filzstiefeln in schmutzigen Arbeitshosen aus Watte vor der Tafel, Kreide in der Hand und wundere mich – wie ich hier landen konnte. Das ist ein Traum, hier ist es warm, hier brennen Kerzen, hier ist es hell, hier spricht man mit mir wie mit einem echten Menschen. […] Ich höre nichts, reagiere auf nichts. Dalia, du gehst wieder zur Schule meine Güte, wach auf, du Trottel. Langsam komme ich wieder zu mir, ich fühle mich in dieser Situation nicht mehr so verloren und fremd. In den Pausen setzen wir uns alle sechs um den Ofen und erzählen uns unser Leben. Meine guten lieben Klassenfreunde, sie bedauern mich, so wie ich sie bedauere. Sie sind hungrig wie Hunde, so wie ich, über ihren Rücken krabbeln in der Wärme erwachte Läuse, wie über meinen.
S 56

Unterscheiden sich diese Aufzeichnungen von Erfahrungen, die wir von anderen Zeitzeug*innen und Chronisten der stalinistischen Lager kennen? Ich denke schon, denn sie sind von einer sehr jungen Frau aufgeschrieben worden. Fast noch einem Kind. Und sie hat sie wenige Jahre nach den Erlebnissen notiert, hastig, ungeformt, aber sicher nicht ungefiltert. Es ist anders als bei Schalamow, als bei Solschenitzin, eine weibliche Sicht der Umstände. Trotz allem. Die Zeitzeugin beschreibt, ohne es zu werten, wie manche Frauen, um zu überleben, zu Geliebten der russischen Kommandanten werden.

So erzählt eine Mitgefangene:

Es ist nicht einfach zu flirten, Dalia, du lächelst und versuchst jemandem den Kopf zu verdrehen, bist aber ohne Rock, in einer zerrissenen Wattehose, von der dir die Wattestücke am Hintern kleben. Du versuchst die Löcher mit einem Tuch zu verdecken, während die Läuse, die in der guten warmen Stube aufgewacht sind, dir den Rücken entlangkrabbeln. Am liebsten würdest du dich kratzen, dich an eine Wand lehnen und sie zerdrücken, aber du musst lächeln. Obwohl der Magen knurrt… glaub mir, es ist schwer, Dalia, hinter dem Polarkreis zu flirten.
S 103

Es ist ein harter Überlebenskampf. Um zu überleben, gehen die Gefangenen bis an ihre Grenzen und auch darüber hinaus. Das kennen wir auch aus den Aufzeichnungen russlanddeutscher Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Warum ich gerade dieses Buch ausgewählt habe? Bei all der Beschäftigung mit dem russlanddeutschen Schicksal darf nicht vergessen werden, dass unsere Volksgruppe die Erinnerungen an die Verbannung und die Schikanen des Stalinismus nicht für sich allein gepachtet hat. Diese Erfahrung verbindet uns mit vielen anderen, die Aufgrund ihrer Ethnie oder der Lage ihrer Länder willkürlich verbannt wurden. Dazu gehören auch die drei baltischen Staaten und einige andere Länder des Warschauer Paktes aber auch die Krimtataren, Koreaner*innen, Menschen aus Tschetschenien oder die kommunistischen Griechen und Griechinnen, die vor ihrem eigenen rechten Regime in die Sowjetunion geflohen waren, um sich in Sondersiedlungen wiederzufinden.

Es gab Unterschiede, natürlich. Zum Beispiel konnten die Überlebenden aus dem Baltikum nach Stalins Tod, spätestens Ende der 1950, in ihre Heimat zurückkehren. Aber die Schrecken der sibirischen Kälte, die Folgen der Zwangsarbeit nahmen sie natürlich mit. Wir sind also nicht allein damit, wir haben dieses Leid nicht als einzige erfahren. Das ist gut zu wissen. Das Gulagsystem ist ein großer Gleichmacher. Lässt alle Geschichten zu einer verschmelzen. Und dennoch. Es gibt diese Unterschiede. Bemerkenswert ist zum Beispiel, wie unterschiedlich die Rezeption dieser Erlebnisse und Aufzeichnungen in den verschiedenen Ländern ist. Der 14. Juni, also der Beginn der stalinistischen Deportationen aus Estland, Lettland und Litauen ist in diesen Ländern seit dem Untergang der Sowjetunion ein offizieller Gedenktag. Die Tagebuch-Aufzeichnungen von Dalia Grinkevičiūtė gehören heute zum Nationalerbe des Landes. Eine Freundin von ihr hat in ihrem eigenen Wohnhaus in Kaunas ein privates Museum zu Ehren von Dalia Grinkevičiūtė eingerichtet.

Dalia wurde aus ihrer angestammten Heimat entführt und kehrte dahin zurück. Es war von Anfang an klar, dass Litauen das Opfer und die Sowjets unter Stalin der Agressor sind. Obwohl es auch da Graustufen und Ambivalenzen gegeben haben muss. Nicht alles ist schwarzweiß, nicht alles liegt auf der Hand. Aber die Hauptzweige der Erzählung sind klarer als es mit dem schwierigen Verhältnis zwischen Deutschland und Russland sein kann. Mit den DaR irgendwo dazwischen hängend. Ich merke an dieser Stelle, dass ich mich längst mal mit der Wahrnehmung der Rückkehrer*innen nach Südkorea befassen wollte. Ob es hier ähnliche Erfahrungen mit der Rückkehr in ein Land gibt, von dem man solange abgespalten war? Wurden sie dort willkommen geheißen oder mussten sie sich ganz hinten anstellen? Heißen die dort auch Spätaussiedler? Und wie war es in Tschetschenien? Gibt es dort eigentlich eine Aufarbeitung der Ereignisse, jetzt, wo Kadyrow der beste Kumpel des russischen Machthabers ist?


Dalia Grinkevičiūtė
Aber der Himmel – grandios
Hrsg. Vytenė Muschick
Matthes und Seitz Verlag, 2014

Zu dem deutschen Buch existiert auch eine Website mit Hintergrundinfos und Terminen für Lesungen, die sicher bald wieder stattfinden können:

Gemeinsam mit dem Saxophonisten Martin Muschick und der Geräuschemacherin Friederike Kenneweg hat die Verlegerin Vytenė Muschick ein Lesungskonzept entwickelt, bei dem sich Textpassagen und Musik gegenseitig durchdringen und im Klang dem Zuhörer den erforderlichen Raum lassen. Die Musiktracks heißen u.a. „Dalia 1 Atem“ Oder „Dalia 3 Polarkreis“.
Wer mag, kann sie hier, ganz unten auf der Seite anhören:

Bibliothek der vergessenen Bücher: Die sieben Leben der Angelina Rohr

Es gibt eine Schriftstellerin, die als junge Frau nach Moskau gegangen ist, die Strapazen des GULag und der Verbannung überlebte und noch immer in Russland lebend, diese Erlebnisse in Prosa verarbeitet hat. Sie hat keinen russlanddeutschen Hintergrund, das nicht, hat aber auf ihrem Lebensweg DaR getroffen und auch über sie geschrieben, aber nur am Rande. Und nicht immer sehr vorteilhaft.

Doch zunächst möchte ich auf ihre Vita eingehen, nicht nur um einen Kontext für ihre schriftstellerische und journalistische Arbeit zu schaffen, sondern weil sie sich selbst wie das Drehbuch zu einem Film anhört.

1890 wird sie als Angela Müllner in Mähren geboren, begibt sich in die Dada und Surrealisten-Szene, lebt mit ihrem Ehemann vor dem ersten Weltkrieg mittellos in Paris, schreibt, und erwirbt Kenntnisse in Medizin und Psychologie, ohne einen akademischen Abschluss zu machen. Sie trifft Rilke, freundet sich mit ihm an. Er lobt ihre Prosa und ihren starken Ausdruck.

Mitte der Zwanziger Jahre folgt sie ihrem dritten Mann Wilhelm Rohr nach Moskau, heißt nun Angela (Angelina) Rohr und erhält die russische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitet bis zur Schließung am dortigen Institut für Psychoanalyse mit und später in der russischen psychoanalytischen Vereinigung.
Als Korrespondentin schreibt sie Artikel und Reportagen für deutschsprachige Zeitungen in Österreich und Deutschland und der Schweiz. Als Bertholt Brecht in Moskau weilt und krank wird, ist sie seine behandelnde Ärztin. Er ist dabei ein Empfehlungsschreiben an den russischen Schriftsteller Konstantin Fedin zu schreiben und möchte sich für Angela einsetzen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.
Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wird Angela Rohr verhaftet und zu fünf Jahren Lager verurteilt. Danach ereilt sie das gleiche Schicksal wie alle Deutschen in der UdSSR. Sie bleibt bis Stalins Tod in Tawda, wo sie im Lager einsaß. Danach noch Jahre im Verbannungsgebiet. Erst nach ihrer Rehabilitierung Ende der Fünfziger darf sie nach Moskau zurückkehren.

Angela Rohr vor einer Forschungsreise nach Sibirien um 1927. PrivatarchivHans Marte, Wien

Insofern teilt sie das Schicksal, das alle deutschstämmigen in den Jahren nach 1941 ereilt: Verhaftung,Verbannung, Verbot an den Ort zurückzukehren, wo sie früher gelebt hat, später dann die Rehabilitierung. Ihr auf unkonventionellen Wegen erworbenes Medizinwissen erlaubt ihr im Lager als Hilfsärztin zu arbeiten. Wahrscheinlich rettet ihr diese kleine Lüge das Leben. Als Lagerärztin entdeckt die einen Heilmittel gegen Vergiftungen mit Schierlingspflanzen, was ihr ein Rennommée in wissenschaftlichen Kreisen einbringt.

Ihre Freunde im Westen glauben, sie sei 29-jährig verstorben. Sie hat aber bis ins hohe Alter in Moskau gelebt. Mit 67 Jahren fängt sie wieder an zu schreiben, Kurzprosa und einen Roman über das Lager. Ihre Manuskripte gehen unter, werden auch in der DDR abgelehnt, erst ein nach Wien geschmuggeltes Exemplar des Romans wird Mitte der Achtziger verlegt, unter einem Pseudonym. Leider erst ein Jahr nach ihrem Tod. Die Publizistin Gesine Bey aus Berlin entdeckt die Schriften Rohrs, die unter vielen Pseudonymen erschienen sind und gibt sie ab 2010 in Deutschland heraus. Der Roman „Lager“ erschien 2015 im Aufbau Verlag.

Das Besondere ist, dass wir über Angela Rohrs Werk und ihr sehr wechselvolles, langes Leben so wenig wissen. Und das obwohl ihre Geschichten mit einer unnachahmlichen, kraftvollen und dennoch eingänglichen Art eine hohe literarische Qualität aufweisen. Insofern passt sie in die Reihe der Bibliothek der vergessenen Bücher, die ich in unregelmäßigen Abständen vorstellen möchte.

Und nun zum Eigentlichen, zu ihrer Prosa:
Die Sammlungen enthalten auch frühere Essays, aus der Zeit als sie durch die Sowjetunion gereist ist. Begeistert für das neue Land, das neue System. Nichts ahnend von den Lagern im Hinterland. Was für ein Kontrast, die Analyse von Stalins Rede von 1933 und die Erzählung „Der Vogel“ knapp dreißig Jahre später. Viel ist dazwischen passiert.

Passierschein für Angelina Karlowna Ror 1948


Rilke, mit dem sie ja einmal befreundet war, hat über sie geschrieben: “… Angela hat beides, die Kraft, Einzelheiten festzuhalten und doch auch im Bewußtsein des Ganzen zu sein.“

Auch ich bin beeindruckt. Sie kommt mir vor wie eine Chirurgin der Wirklichkeit, als würde sie ihre Erlebnisse destillieren, klassifizieren und in kleine gläserne Kästchen packen, um sie später zu ettiketieren. Sie seziert das Grauen, beschreibt es so detailliert, so genau, dass es zum aufgespießten Insekt wird und an Schrecken verliert. Ihr gelingt es, Dinge einzufangen und auszudrücken, die außerhalb des menschlichen Horizonts, fast außerhalb der Sprache liegen.

Zum Beispiel die Beschreibung einer Untersuchung einer Gruppe weiblicher Gefangener durch ebenfalls weibliches Personal:

Das erste, was sie danach taten, war, daß sie uns mit aller Wucht in die Haare fuhren, so daß wir wankten. Auf ihren weiteren Befehl rissen wir den Mund auf, hoben die Zunge zum Gaumen und streckten sie dann in ihrer ganzen Länge aus. Wir mußten zeigen, daß wir nichts Verborgenes im Munde hielten. Wir hoben die Arme, deren Achselhöhlen sie kaum mit dem Blicke streiften, schon lange waren sie anscheinend als Versteck verpönt. Wir mußten uns dann, wie in der Gymnastikstunde, hinhocken, breitbeinig, um unser Inneres darzubieten, mit dem sie sich eingehend beschäftigten.
Leider waren auch sehr alte Frauen unter uns, die nach dieser Untersuchung nicht aufstehen konnten, die weiter hockten, mit verwirrten, verständnislosen Blicken um sich sahen und auf Hilfe hofften. Einige von uns, ruhigeren Charakters, legten dann nicht nur ihre, sondern auch die Sachen derer zu dieser Arbeit nun Unfähigen zusammen. Danach stand jeder mit seinem Bündel an Ort und Stelle, so als ob nicht geschehen wäre.

aus „Der Vogel“ (1959), S. 15

Irgendwo habe ich über Ihre Prosa gelesen, sie extrahiert das Absurde aus den Situationen. Kein Wunder, hing sie doch viel mit Dadaisten und Surrealisten ab in ihrer Jugend, vieles ist aber eher lakonisch bis sarkastisch:

Der Abend der Abfahrt war endlich da. Ich stand auf dem Bahnsteig, auf dem sich außer uns noch viele Fahrgäste befanden. Ich glaubte, den Ort nun für alle ewigen Zeiten verlassen zu können, hatte aber nicht mit der fürsorglichen Regierung dieses Landes gerechnet.
aus „Lager“, S. 132

oder:

Waren wir früher alle Spione gewesen, so hatte man uns schon längst zu Landesverrätern erhöht, obwohl ich den Unterschied zu diesen nie recht begreifen konnte.
Erzählung „Die Zeit“, aus dem Sammelband „Der Vogel“, S. 58


Es beeindruckt mich und ich denke, wer weiß, vielleicht hat diese kleine schmale Person diese Hölle bloß überlebt, weil sie sich gezwungen hat, zu beobachten. Von außen die Schrecknisse zu betrachten, um später darüber zu schreiben. Auf jedes Detail, jeden Satz achtend. Die Stimmung, die Szenerie, die Dialoge, die Personen genau einfangend. Zum Beispiel den Gesichtsausdruck einer Frau, die vom Verhör zurückkommt. Damit du es Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe später notieren kannst:

Die Frauen, die in jener Nacht verschwunden waren, gehörten nun für uns schon fast zu den Vergessenen. Nach ungefähr zehn Tagen kamen einige davon zurück, die anderen aber sahen wir nicht wieder. Das waren nun traurige Geschöpfe, die wir umringten. Sie hatten eine so merkwürdig fernen Ausdruck in ihren Gesichtern, ihre Arme gehorchten ihnen nicht ganz. Sie klagten, daß sie unsäglich müde seien, und so sahen sie auch aus. Das, was sie uns dann allmählich erzählten, das, was sie erlebt haben wollten, war schwer zu glauben und wir lehnten es auch ganz und gar ab. Wenn es die Wahrheit gewesen sein sollte, das, was sie uns mitteilten, hätte es uns doch auch treffen können. Es war besser und ganz richtig, daß wir diese Dinge nicht an uns herankommen ließen.
aus „Der Vogel“ S. 47

Hat sie deswegen überlebt? Weil sie sich vorgenommen hat, später zu berichten? Nein, das sind nur meine Spekulationen. Fragen kann ich sie nicht mehr, sie starb in Moskau im Jahr 1986, da lebte sie von einer Minirente in einer mit Büchern vollgestopften Wohnung. Und Tagebücher hatte sie meines Wissens nach nicht hinterlassen, nur ihre Prosa.
Möglicherweise hat sie das Arbeitslager überlebt, weil sie zäh war, weil sie Glück hatte, mehr als einmal. Ganz sicher, weil sie mutig war. Sie beschreibt ihre Zeit als Ärztin bei den Schwerverbrechern. Da kannst du dir nicht erlauben, auch nur die kleinsteSchwäche zu zeigen. Sie hat es geschafft, sich bei diesen Kriminellen Respekt zu verschaffen. Aber sie hätte niemals Ärztin von sich gesagt, immer nur Arzt.

Brot war natürlich das Wichtigste für uns, wenn auch jeder seine bestimmte Einstellung dazu hatte. Es war Nahrung, und auch wieder nicht, es war der Maßstab zu einem Charakter. Hier gab es Leute, die ihr Brot morgens, zusammen mit einem Viertelliter heißen Wassers, sofort und ohne zu schwanken aßen. Das waren die einen, die anderen aber zögerten aber damit und lebten in einer beständigen Angst, daß man es ihnen stehlen könnte, was auch ohne weiteres möglich war.
S. 20 „Der Vogel“

Hier haben wir keine Übertragung, keine Übersetzung aus dem Russischen oder dem Litauischen oder einem anderen Idiom. Es ist ein Zeitzeugenbericht in deutscher Sprache und von einer Qualität, die sich vor den Granddames und Grandmessieurs der Lagerliteratur nicht zu verstecken braucht.

Vereinzelt kommen auch Russlanddeutsche in ihren Geschichten vor. In den Erzählbänden taucht ein Artikel mit dem Titel „Deutsche Bauern in Russland“ auf, der 1930 in der Frankfurter Zeitung erschienen ist. Darin schildert sie die Eindrücke von einem Besuch eines deutschen Dorfes im nördlichen Kaukasus. Für mich ist es total spannend, das aus dieser Perspektive zu lesen, weder aus russischer noch von russlanddeutscher, sondern mit den Augen einer österreichischen Kommunistin.
Nicht immer schneiden die DaR bei Angela Rohr gut ab, sie zeigt sie mit all ihren Facetten. In ihrem Roman „Lager“ taucht eine eher grobe Wolgadeutsche auf, die sie, also die Protagonistin, bei den Wachhabenden anschwärzt, weil sie Angst hat, dass sie ihr den Platz als Sanitäterin streitig macht. Ein anderes Mal feiert sie Weihnachten mit drei wolgadeutschen Frauen, die in der Baracke „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen. Doch sie kommen nur am Rande vor, wenn überhaupt. Wie der Tod Stalins in einem deutschen Dorf aufgenommen wird, beschreibt sie so:

Der Tag seines Todes war für die Bewohner des Dorfes eine Zeit der Trauer. Ich traf weinende Frauen auf der Straße, die gleich mir und ebenfalls als Deutsche ewige Verbannung erhalten hatten. Verstehe das wer will!
aus „Lager“, S. 287

Das muss Angela Rohr irgendwann in den Achtzigern sein.

Ich bin dankbar für den Fund, durch Zufall habe ich den Roman letztes Jahr in einem Antiquariat gesichtet. Ich weiß nicht, woher Angela Rohrs kristalline Klarheit kommt, diese kalte, über allem schwebende Sprache, die Abstand schafft, die konkret ist, Gefühle weglässt und dennoch so unter die Haut geht. Jedenfalls ist es eine Bereicherung und verschafft Einblicke in ein Leben, von dem wir uns sonst gerne abwenden. Weil es schwer ist, hinzusehen.

Veröffentlichungen von Angela Rohr, herausgegeben von Gesine Bey:

Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Basisdruck Verlag Berlin 2010.

Lager. Autobiographischer Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2015. – Übersetzungen ins Niederländische, Tschechische und Italienische.

Zehn Frauen am Amur. Feuilletons für die Frankfurter Zeitung. Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion (1928 – 1936). Mit Fotografien von Margarete Steffin und anderen. BasisDruck Verlag Berlin 2018.

Begegnung. In: Sinn und Form, Heft 3, Berlin 2016. S. 359-371

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