Unser Lädchen

„Erschießen muss man dich, auf der Stelle erschießen!“, schreit Vater. Die Augen treten ihm fast aus seinem roten, verschwitzten Gesicht. Die wenigen Strähnen auf seiner Stirn sind ganz durcheinander und kleben schweißnass an der Kopfhaut. Er reißt Flasche für Flasche aus dem Regal und wirft sie mit einer Kraft auf den steinernen Fußboden des Supermarktes, die sie ihm nie zugetraut hätte. Eine süßlich riechende Lache übersät mit zahllosen Glasscherben breitet sich neben dem Regal aus. Sein neuer Hut liegt mitten in der Pfütze.

Melitta seufzt. Vielleicht hätte sie ihn doch zu Hause lassen sollen, als sie noch schnell los ist, um etwas für Silvester zu besorgen.

Dabei hat er schon seit heute Morgen so verloren und nervös gewirkt, dass sie dachte, es würde ihn auf andere Gedanken bringen, wenn er mit zum Einkaufen kommt. Morgen ist der 31. und natürlich hat sie noch nicht alles eingekauft. Sie ist eben nicht eine отличная хозяйка, eine perfekte Hausfrau, wie ihre Schwägerinnen, wie eigentlich alle in ihrem direkten Umfeld. Bei ihr jedenfalls bersten die Kühltruhen und Schränke nicht schon seit Tagen vor Lebensmitteln und es ist nicht alles bis auf die letzte kleine Erbse vorbereitet.

Außerdem hat sie gestern mit einem Blick in den Spirituosenschrank festgestellt, dass sie weder Schampanskoje noch Wodka-Flaschen haben, die noch nicht angebrochen sind. Seit sie in einer eigenen Wohnung leben, haben sie diese Schrankwand im Wohnzimmer mit einem verschließbaren Fach, extra für Wein und Knabberzeug. Früher in Krasnojarsk standen die Flaschen einfach oben auf dem Küchenschrank, sodass die Kinder da nicht drankamen. Oder sie standen nicht, sondern wurden von den Besuchern gleich mitgebracht, bevor sie geleert wurden. Im Winter hatten sie alles, was gekühlt werden musste auf dem Balkon deponiert, der mit seinen Glasfenstern und Sperrhölzern wie ein selbstgezimmerter Wintergarten aussah. Melitta erinnerte sich an all die Silvester, die sie damals gefeiert hatten, mit dreißig Leuten in der kleinen Zweizimmerwohnung. Das waren Feste gewesen! Sie blickt auf die zwei fast leeren Wodkaflaschen, die noch vom letzten Fest übrig geblieben sind und die Flasche mit georgischem Weißwein. Sie selbst trinkt diesen süßen Wein sehr gern und kann nicht verstehen, wie Menschen trockene Weine oder Bier runterkriegen können. Eigentlich wäre es Olegs Job, für den Alkohol an Silvester zu sorgen, aber seine Firma steckt gerade mitten in einem Umzug und er hat einfach nicht den Kopf frei dafür. Also wird sie sich darum kümmern müssen.

Dieses Jahr werden sie das Neujahr mit dem Vater verbringen. Die Kinder sind bei Freunden, sie und Oleg feiern zu Hause wie in den letzten Jahren zuvor mit Lida und ihrem Mann und mit Mischa, Olegs Kumpel, den er noch aus seiner Ausbildung kennt. Sie hat schon die meisten Zutaten für den Salat Olivier. Einen Venaigrette-Salat will sie auch noch zubereiten und Hering im Pelzmantel machen. Das übliche eben. Sie werden sich am frühen Abend ‚Ironie des Schicksals‘, den sowjetischen Silverster-Kultfilm von 1976 ansehen. Hoffentlich hat Olegs Vater da nichts gegen. Kann sein, dass er die Nase rümpft, denn der Film ist ja eine rein russische Tradition. Soll er doch. Sie kann ihm sein Neujahrsfest ja nicht so gestalten, als wäre er noch in seinem Dorf am Molotschna-Fluss. Nein, sie feiern so wie immer. Nach dem Essen wird Mischa seine Gitarre herausholen und sie singen einige Lieder von früher, auch auf Russisch. Und nach Mitternacht werden sie auf ihren Balkon treten, der ganz ohne die Verkleidungen auskam, und sich das Feuerwerk ansehen.

Ganz wichtig: gesüßte Kondensmilch.

Die anderen werden sicher auch die eine oder andere Flasche mitbringen, doch es geht nicht an, dass der Schrank komplett leer ist. Also fährt sie noch mal los zum Stadtrand, Schampanskoje und Wodka holen. Dort zwischen den Hochhäusern, direkt an der Zufahrtsstraße zur Autobahn, befindet sich Nascha Lawka (Unser Lädchen), eine Filiale der russischen Supermarktkette, wie es sie außerhalb der Zentren mittlerweile überall gibt. Malossoljnye Ogurzty, also nur ganz wenig gesalzene Gürkchen und Sprotten kann sie bei dieser Gelegenheit als Sakusski (Beisnacks zum Wodka) auch besorgen und vielleicht auch noch ein paar Süßigkeiten. Die nimmt sie eigentlich immer mit, wenn sie dort ist.

Sie lädt den Gehwagen in den Rover, hilft Vater beim Anziehen und dann fahren sie los. Wie zu erwarten ist der Supermarkt an diesem Tag unglaublich voll. Mit Vater im Schlepptau schiebt sie sich an den blumigen Tassen und dickbäuchigen Samowars vorbei, den Kühltruhen mit hausgemachten Pelmeni und russischen Wurtssorten, die würziger sind und noch fettreicher als die Würste hier.

Vater bleibt stehen, sie kann aus dem Augenwinkel beobachten, wie er sich eine DVD anschaut und den Kopf schüttelt. Diese Märkte bedienen eben nicht nur die kulinarische Nostalgie, sondern die Sehnsucht nach verlorener Alltagskultur. Sie führen populäre Filme, Romane und Hits aus Russland und der Sowjetunion in ihrem Sortiment. Aber die Lücke werden sie doch nicht füllen. Hier ist hier und dort ist dort. Ob mit ‚Wir Kinder vom Arbat‘ in voller Länge oder ohne.

Als ihre Mutter noch lebte, hat sie ihr in diesem Laden eins dieser bunten Blumentücher gekauft, die sie auch nach langen Jahren in Deutschland noch immer gern getragen hat. Oft ist sie nicht hier, man kriegte ja all die Sachen auch in normalen Geschäften. Und eine отличная хозяйка, die was auf sich hält macht eh alles selbst. Piroschki und Pelmeni, eingelegte Paprika und Kobra und setzt sogar Kwas aus Schwarzbrot in einem dafür vorgesehenen Gefäß an.

Nachdem sie die Gürkchen und die Sprotten in ihrem Einkaufkorb gelegt hat, nimmt sie Kurs auf die Spirituosenabteilung. Sie geht an den die Reihen mit aus der Föderation importierten Erzeugnissen vorbei und an Flaschen mit kyrillischen Buchstaben, die aus Brennereien auf deutschen Boden stammten. Geführt von Landsleuten, die sie nur für den europäischen Markt produzieren. Welcher war noch mal der gute Wodka? Dieser hier mit dem blaugrünen Etikett oder der daneben? Wenn Oleg über ihre Wahl meckern sollte, würde sie ihm sagen, dass er ihn das nächste mal doch bitte selbst besorgen könne…

Plötzlich horcht sie auf, hinter ihr zerbricht etwas. Sie duckt sich instinktiv und dreht sich um. Da steht Vater mit einer der Flaschen in der Hand und wirft sie mit voller Wucht zu Boden. Er ruft Dinge, die sie nur zum Teil verstehen kann, so aufgeregt und schrill ist seine Stimme. Sein Mund ist seltsam verzerrt.
„Bärtiger Despot! Da hast du, du Schwein!“
Krach, noch eine Flasche landet auf dem Boden.
„Nimm das, Satan!“
Noch eine.
So kennt sie ihn nicht. Sein Augen wirken gehetzt, nein, nicht gehetzt, geht es ihr durch den Kopf, sein Blick ist eher der eines verzweifelten Kindes. Derselbe Schmerz und dieselbe Hilflosigkeit wie bei allen Kindern in Kriegsgebieten.

„Vater, was haben Sie?“ Sie geht zu ihm hin. Nimmt ihm die Flasche aus der Hand. ‚Wodka Suliko‘ steht auf dem bunten Etikett. Und darüber, nicht weniger farbenfroh und in bester sowjetrealistischer Manier gepinselt, der lächelnde Iossif Wissarionowitsch Stalin selbst mit seinem prächtigen Schnurrbart.

Unter ihrer Berührung fällt der alte Mann in sich zusammen.
„Den Vater haben sie geholt,“ stammelt er in einem wimmernden Ton, „den Onkel haben sie geholt, den anderen Onkel auf der Stelle erschossen. Sein Sohn war keine zwei Jahre alt gewesen. Fort, alle fort.“ Er schüttelt sich und weint unhörbar.

Sie versucht, ihn zu beruhigen. Die anderen Kunden sind längst näher gekommen, einige zücken schon ihre Handys. Auch die Kassiererinnen oder Verkäuferinnen kommen angerannt, trauen sich aber nicht näher an den Tobenden heran. Bis auf eine besonders dralle, besonders energische Frau in weißem Ladenkittel, die sich durch die Menge schiebt.

„Was ist denn das hier für ein Chaos? Was zum Teufel machen Sie denn da?“, dröhnt sie auf Russisch, „Sind Sie verrückt? Er gehört eingesperrt!“

„Nein, er nicht, aber Sie, wenn sie sowas hier in die Regale stellen“, sagt Melitta betont auf Deutsch und drückt der Frau die Flasche Stalin-Wodka in die Hand. Sie nimmt den Vater beim Ellenbogen, hebt seinen Hut vom Boden auf und will sich mit ihm an den Leuten vorbei schieben.

Aber die üppige Blondine ist noch nicht fertig, kehlig und mit dem Befehlston eines Natschalniks ruft sie:

„Warten Sie, Женщина (meine Dame, gute Frau), nicht so eilig. Wir müssen erst ihre Personalien aufnehmen. Sie müssen das alles bezahlen! Was glauben Sie denn, das wird noch Konsequenzen haben!“
„Das wird es,“ sagt Melitta mit der sachlichsten Stimme, die ihr in diesem Moment zur Verfügung steht und zieht ihre Visitenkarte aus der Seitentasche, „Meine Tochter ist Juristin, wir werden Sie verklagen. Sie… Ihr Chef wird sich dafür noch zu verantworten haben. Sie hören von uns, verlassen Sie sich drauf. Kommen Sie, Vater. Alles gut, es ist vorbei.“ Und sie führt den alten Mann vorsichtig zum Ausgang, den Gehwagen mit der anderen Hand schiebend. „Fort, alle fort“, stammelt der nur apathisch vor sich hin. Den Einkaufskorb lässt Melitta einfach in der Wodka-Lache stehen. Nun, dann werden sie dieses Jahr eben auf die wenig gesalzenen Gürkchen verzichten müssen.

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Bildetrachtungen – Rodtschenkos Mutter

Nicht umsonst steckte neulich in meinem Glückskeks die folgende Botschaft: Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Das Bild der Mutter habe ich zum ersten Mal vor fast 20 Jahren in Düsseldorf gesehen. Und mich sofort in das Portrait verliebt, das der Kostruktivist Alexandr Rodtschenko von seiner eigenen Mutter Olga (Ольга Евдокимовна Родченко) gemacht hat. Entstanden ist es um 1924 oder 1928. Da war sie um die sechzig Jahre alt. Rodtschenko selbst war damals Ende dreißig.


Die Wärme und Intensität dieses Fotos ist mir in Erinnerung geblieben.

Aber wie das Bild genau ausgesehen hatte, habe ich dann irgendwann vergessen. Hatte nur noch ein diffuses Gefühl davon. Bis vor ein paar Wochen.

Als es darum ging, wie ich mich auf einem Foto präsentieren will, habe ich daran gedacht, mich von diesem Bild inspirieren zu lassen. Vorerst wollte ich dieses Bild nur als Avatar für mein Facebook-Profil nutzen.

Bei der Recherche nach dem Foto erlebte ich eine Überraschung. Mit lateinischen Buchstaben eingegeben, tauchte ein Bild von einem Gesicht auf, im Anschnitt, ohne Hintergrund.

Hatte mich mein Gedächtnis betrogen? Erinnerte ich mich doch genau an einen Tisch, auf dem sogar etwas lag, ein Buch? Ein Heft? Ich konnte mich sogar an Fenster oder einen Wintergarten (so eine verglaste Veranda wie sie bei vielen russischen Wohnungen typisch war) auf der rechten Seite erinnern, mit Tomatenpflanzen die dort wuchsen und karierten Stoff. Tischtuch? Vorhänge? In meiner Erinnerung war der Raum nicht groß aber irgendwie gemütlich.

Das Gesicht ist ja nach unten gebeugt, sie konzentriert sich auf etwas, einen Brief? Lektüre?

Unglaublich, dachte ich, dass ich mich all die Jahre getäuscht habe, dass Rodtschenkos Mutter in einem Raum gewesen sein sollte, den ich mir nur eingebildet hatte.
Kann es wirklich sein, dass auf dem Originalportrait nur ihr Gesicht großflächig abgebildet war, mit Kopftuch aber ohne das russische Schreibheft mit blass-lila Linien auf der fleckigen Tischplatte.

Hielt sie nicht doch einen von diesen Briefen in ihrer Hand?

Kennt jemand noch die typischen Briefe aus der Sowjetzeit? Aus Schulheften herausgetrennte Seiten, mit eben diesen blass-lila Linien. Sie wurden auf der rechten Seite um etwa vier Zentimeter geknickt, damit sie in die genormten Umschläge passten. Bis zu dieser Knickstelle wurden sie beschrieben. Das haben damals alle so gemacht. An ein anderes Briefpapier kann ich mich nicht erinnern. Aber vielleicht weist auch hier mein Gedächtnis Lücken auf, dichtet was dazu, erschafft einen Raum, ein Emblem.

Wie das von Rodtschenkos Mutter.

Emblem I: Mutter mit gepunktetem Kopftuch
Emblem II: liniertes Schreibheft als Briefpapier
Emblem III: verglaste Veranda mit Tomatenzöglingen

Wie groß war meine Erleichterung, als bei einer engeren Recherche dann doch ein Raum zutage trat und das unvollständige Bild als das entlarvt wurde, was es war, ein Ausschnitt. Wenn auch ohne Briefpapier, ohne Tomatenpflanzen und ohne Vorhänge:

Was hatte mich damals so stark berührt?

Etwas ist darin eingefangen, der Blick des Fotografen/Sohns ist nicht rein äußerlich. Sein Respekt und seine Liebe sind deutlich spürbar. Er kommt ihr ganz nah und ist dennoch kein Voyeur. Er befindet sich wie selbstverständlich mit ihr in einem Raum. Sie nimmt ihn kaum wahr, wird aufgenommen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie wirft sich nicht in Pose, so scheint es, sondern ist einfach in ihre Lektüre vertieft. Es ist ein intimer Moment, aber ohne dass die abgebildete Person bloßgestellt wird.

Olga Evdokimovna Rodtschenko, geboren 1865, hat als Waschfrau gearbeitet. Ihre Hände haben mit großen Stecken Weißwäsche in Bottichen umgerührt, Unterhemden in Lauge getaucht und Hosen über Waschbretter gerieben. Sie steckten bis zu den Ellenbogen in warmer Lauge. Haben Kopfkissen und Bettlaken ausgewrungen, hochgeschleudert, auf Wäscheleinen gehängt, und mit Klammern befestigt. Sich gebückt, Heißwasser geschleppt, Wasser aus Eimern gekippt, umgegossen. Sie haben den Schweiß von der Stirn gewischt. Haben sich Kühlung zugefächert.

Die Hände einer Arbeiterin. Nicht zimperlich. Den Ehering trägt sie am kleinen Finger. Vielleicht weil durch die viele Arbeit die Findergelenke so dick wurden, dass er ihr nicht mehr an den Ringfinger passte?

Und hier in diesem einen festgehaltenen Augenblick, sehen wir sie beim Lesen. Tief über die Zeitung gebeugt, eine kurzsichtige Frau in ihren Sechzigern, nicht elegant, ihre Brille wie ein Lorngnon vor das rechte Auge haltend. Etwas extravagant eigentlich, diese Geste. Ungewöhnlich. Eventuell hat diese Geste eine einfache Erklärung. Nur ein Brillenglas passt zu ihrer Sehstärke, daher hat sie die Brille nicht auf. Vielleicht ist es sogar gar nicht ihre eigene. Sie besucht ihren Sohn, will Zeitung lesen und hat die Brille vergessen. Also gibt er ihr eine Brille, die er da hat, und sie versucht mit dieser fremden Sehhilfe, die Schrift zu entziffern. Konzentriert sich. Aber jetzt: Spekulation aus. Fazit ein:

Nach zwanzig Jahren, seit ich es in einer Ausstellung gesehen habe, hat die Wirkung dieses Bildes nicht nachgelassen. Mir gefällt, wie sie als Frau dargestellt wird, wie sich der Fotograf hier zu dem Objekt/Subjekt verhält. Dieses Bild ist ganz anders als viele Portraits, die wir in unserer von Selfies und Selbstdarstellung durchsetzten Zeit zu sehen bekommen. Zurückhaltend und doch sehr präsent.

Rammstein zum Muttertag?

Rammstein aus Kinderkehlen, was für ein Kontrast. Wissen diese Jungen und Mädchen überhaupt, was sie da singen? Hier interpretiert ein Kinderchor in Saratow (Kasachstan) das Rammsteinlied ‚Mutter‘. Obschon Muttergefühle oder Kinderliebe in diesem Song der deutschen Rockband nicht unbedingt thematisiert werden. Eher geht es um tiefe Enttäuschung und Retortenbabies:

Der Mutter, die mich nie geboren
hab ich heute Nacht geschworen
ich werd ihr eine Krankheit schenken
und sie danach im Fluss versenken

Mutter

Passiert so etwas wirklich mit voller Absicht oder ist es ein Beispiel für schiefgelaufenen Kulturtransfer? Das Banner an der Wand gibt jedenfalls an, dass es sich um ein Fest handelt. Muttertag? Tag der Frau? Fest der Saratower Philharmonie? Wir können nur hören und staunen!

 

(Ab Sekunde 53 fängt das Lied wirklich an, aber die Verbindung zum Server klappt nicht, sodass ich es nicht steuern kann. Wohl wegen des Hackerangriffs gestern Nacht.)

 

 

Rosenkohl-Glamour

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Wenn Aussiedler ein Gemüse wären, wären sie sicher Rosenkohlröschen. Kein häufig verbreitetes wie Kürbis oder Möhre, kein exotisches wie die Tomate, die ja halb eine Frucht ist. Nicht Spinat oder Kartoffel. Auch keine Gurke, trotz ihrer Zugehörigkeit zum Wodka. Auch kein Superfood. Saisonal und leicht bitter. Nicht von allen gemocht, aber nahrhaft und bodenständig. Ein wenig bekannter Cousin des geschmeidigen Italieners Brokkoli. Er steht in zweiter Reihe. Oder dritter. Oder vierter.

Es werden keine Oden an den Rosenkohl gesungen. Er wird nicht auf Gemälden verewigt wie der Granatapfel. Er ist nicht die blaue Blume der Romantik. Aber er ist da. Und ergibt eine gute nahrhafte Suppe im Winter. Reduktion und Durchhalten. Nicht Fülle.

Smoothies mit Rosenkohl? Wohl kaum. Rosenkohlparfait? Eher selten. Rosenkohlsoufflee. Noch nie gegessen.

Er wird höchstens mal mit einer zünftigen Lammkeule serviert. Als Beilage. Und auch nicht beim Bankett, sondern eher in der Alltagsküche. Und wachsen tun die Köpfchen gemeinsam an einem Strunk, als Großfamilie sozusagen. Auch das passt. Alle zusammen.

Auf dem Mitmachblog habe ich heute den Beitrag von Karo-Tina entdeckt, da hat sie zum Thema Perlen Rosenkohlköpchen fotografiert.
Endlich kommt dieser Vertreter der Kohlfamilie zu etwas Glamour. Und mich hat diese Idee zum Nachdenken angeregt. Und zwar nicht nur darüber, was es heute zu mittag gibt.

Aber einen Denkfehler habe ich wohl doch gemacht. Rosenkohl ist in Russland weitestgehend unbekannt. Oder nein, vielleicht passt das ja gerade deswegen. Ein ein fremdes Kohlköpfchen im Land des Weißkohls.

Da fällt mir ein Gemüsewitz aus dem Sozialismus ein. Sitzen Radieschen, Gürkchen und die Kartoffel im Vorzimmer des KP-Büros. Einer von ihnen soll heute zum Vorzeigegemüse des Kommunismus gewählt werden.

„Mensch Kartoffel, du hast die besten Chancen,“ sagt Gürkchen, „Du bist die Hauptspeise für Millionen von Arbeitern. Mit ihren bloßen Händen graben sie dich aus der gefrorenen Erde Sibiriens und auf weichwogenden Feldern der Ukraine bist du auch zu finden.“

„Ach was“, sagt Kartoffel, „Radieschen hat wird das Soz-Gemüse des Volkes. So rot wie sie ist.“

„Warum sie dich eingeladen haben, Gurke,“ sagt Radieschen siegesgewiss, „kann ich nicht verstehen. Als Salzgurke bist du bei jedem Besäufnis dabei. Das ist moralisch nicht zu vertreten.“

Kartoffel wird hereingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus. Niedergeschlagen.

„Sie haben gesagt, ich sei zwar die Speise des Volkes, komme aber ursprünglich aus Amerika. Und bin dementsprechend ein Spion und ein Diversant,“ klagt Kartoffel.

Radieschen wird reingerufen.

Kommt nach einigen Minuten raus, niedergeschlagen.

„Und, was ist Radieschen, warum haben sie dich nicht genommen?“

„Sie sagten, ich sei zwar außen rot, aber innen bin ich weiß!“

Gurke geht rein. Kommt mit stolzgeschwellter Brust raus. Mit Medaille darauf.

„Du! Du bist es geworden?“

„Ja. Ich bin zwar nicht rot, aber ich bin auf jedem Tisch im Land, bei jeder Feier und im Alltag. Mit meinem Freund dem Dill.

Und außerdem bin ich durch und durch hiesig (unser). Und kein Ausländer.“