Nummer zweiunddreißig

Begeben wir uns in die Vergangenheit. Es muss gar nicht so weit sein, sagen wir mal, etwas mehr als 50 Jahre. Da war unser Diktator Schüler in der Spez-Schule No. 281 in *zweitwichtigste Stadt des Landes*. Soweit man den Quellen trauen darf. Es kursieren mehrere Varianten über seine Kindheit und sein frühes Leben. Vielleicht aus Angst davor, dass ein Zeitagent kommen und alles verändern könnte?

Aber wir nehmen an, diese eine Geschichte ist die wahre und schleusen einen unserer Zeitagenten ein, der zufällig ebenfalls diese Schule besucht hat, nur ca. 15-20 Jahre nach dem besagten Diktator. Der Agent verfügt also über ausgezeichnete Orts- und Sprachkenntnis und muss sich nur in der Zeit zurechtfinden, nicht im Raum. Als örtlichen Komplizen geben wir ihm den Schüler an die Hand, dem der Diktator als 14-Jähriger bei einem Streit einmal das Bein gebrochen hatte. (Die Vorstellung einer überzogenen Männlichkeit hat also schon damals von ihm Besitz ergriffen. Vermutlich hatte er schon da mit der Kampfkunst angefangen, was ja an sich kein Beweis für toxische Männlichkeit ist, aber egal.)
Dieser Schüler mit dem gebrochenen Bein, nennen wir ihn Roma D., musste nicht groß davon überzeugt werden, mit unserem Agenten zu kooperieren. Da die Schule No. 281 eine Spezial-Schule mit einem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt ist, könnten wir uns ein Szenario im Chemieunterricht vorstellen.

Ein herbeigeführter Unfall im Chemielabor, eine Explosion und der Weg des Diktators wird um eine Weichenstellung verschoben. Viel braucht es nicht. Nur so viel, dass er die Karriere beim *Geheimdienst mit drei Buchstaben* nicht mehr einschlagen kann, nicht mehr nach Ostdeutschland kommt, kein Bürgermeister der Stadt mit dem nördlichen Hafen wird.
Wenn alles nach Plan läuft, wird aus ihm höchstens ein mittelmäßiger Chemielaborant, der biologisch abbaubare Waschmittel für die Groß-Industrie entwickelt. Tenside und so. Oder er wird die Schule verlassen und macht etwas ganz anderes. Eröffnet eine kleine Kampfsportschule, beschäftigt sich mit Zenbuddhismus. Alpenveilchen wären eine Möglichkeit.

Also dann, schicken wir unseren Agenten in das Jahr 1969 als Schulhausmeister verkleidet in die Schule No. 281.

Nummer einunddreißig

Viktor P. war mal eine Berühmtheit. Jetzt lebt er im Ausland, aber auf dem Eis hat er für sein Land mehrmals Gold geholt. Nicht ganz sein Land. Als er noch sportlich aktiv war, war die Gemengelage anders.

Geboren ist Viktor nämlich im Süden des *Landes, das jetzt von dem Diktator angegriffen wird*. Früher war es ein einziger Block. Und für diesen Staatenblock hat der Magier auf Kufen auch sehr viele Medaillen gewonnen (8x Gold, 6x Silber und 6x Bronze). Dadurch genießt er in dem *Land, das vom Diktator regiert wird*, noch immer einen hohen Status und wird zu wichtigen Veranstaltungen eingeladen. Als VIP. Wie neulich zu einer Gala. Danach wurde er abgestraft und aus dem Sportverband des *Landes, das vom Diktator angegriffen wurde* geschmissen.

Anstatt ihn als abtrünnigen Günstling des Diktators zu sanktionieren, come on, wegen einer einzigen lausigen Gala, könnten ihn seine Leute als geheimen Doppelagenten anheuern. Hätte doch was.

Upps.
Jetzt geht das leider nicht mehr. Weil nicht mehr geheim.

Nummer siebenundzwanzig

Der Diktator beantragt Frührente.
Aber kann er von nur n paar Hundert *Landeswährung* im Monat leben? In der Schweiz werden seine Konten wohl sanktioniert werden.
So wird er denn in seiner Datscha in *ein Luxus-Vorort einige Kilometer vor der Hauptstadt* oder einem anderen Ort auf der Welt Tomaten und Sonnenblumen anpflanzen müssen.
Die Sonnenblumenkerne röstet er und verkauft sie in selbstgedrehten Tüten aus Zeitungspapier in den Straßen oder vor dem Spielbeginn vor irgendwelchen Stadien. Aber aufgepasst, dass er euch nicht irgendwelche alten Kerne andreht. Die schmecken ranzig.

Nummer sechsundzwanzig

Der Despot hört von Montag auf Dienstag auf Despot zu sein, unterzieht sich einer Gesichts- und Fingerkuppen-OP, taucht unter und züchtet Alpenveilchen in der Schweiz. Er wird andauernd gefragt, wegen seines Akzents, wo kommen Sie denn her, und sagt den Leuten: aus Charkiw. Sie bedauern ihn tüchtig und bringen ihm einige Eier vorbei, die ihre Hühner gelegt haben. Sein ab jetzt ehemaliger Außenminister zieht in einen Ort keine 15 Kilometer entfernt.

Nummer fünfundzwanzig

Es ist ein sonniger Tag an der Newa. Die Pappeln haben ihren Flaum längst abgeworfen, ihre Blätter färben sich in einem warmen Gelb. Es dauert nicht mehr lange, weniger als ein halbes Jahr, dann ist Stalin tot. Noch ist sein Konterfei überall präsent, noch hat Chruschtschow das politische Tauwetter nicht eingeleitet. Die einundvierzigjährige Maria Iwanowna Schelomowa liegt an diesem Dienstag im Oktober nicht in den Wehen. Statt dessen hatte sie Spätschicht und kehrt müde aber gelöst in ihre Kommunalka zurück. Sie hat während der Blockade ihre beiden Söhne verloren und wünscht sich nichts sehnlicher als noch ein Kind. Doch an diesem Tag im Herbst 1952 wird ihr kein Sohn geboren. Sie bringt ein Jahr später eine Tochter zur Welt, die sie Ludmilla nennen wird.
Luda ist ein zartes Kind und wird später in die staatliche Musikschule aufgenommen. Sie zieht nach Ekaterinenburg, arbeitet als Klavierlehrerin und bleibt kinderlos.
Es könnte aber auch noch ganz anders gewesen sein.

Nummer vierundzwanzig

Das Knifflige daran wird eher sein, lebendig wieder rauszukommen. Daher ist es bei der Planung ungeheuer wichtig, sich einen guten Fluchtweg auszudenken. Denn einfach hinein zu marschieren, den Diktator umzubringen und wieder heraus zu marschieren wird nicht möglich sein.

Unsere eingeschleuste Agentin, nennen wir sie LiSa, eine als Servicekraft verkleidete und aus Tschetschenien stammende Mitarbeiterin des strategischen Auslandsnachrichtendienst der Republik Österreich (HNaA), bringt Tee, Rührei und Würstchen an den Frühstückstisch des Despoten. Am Ende des langen Tisches sitzt er, flankiert von seinen sieben Vorkostern und den dreiundzwanzig Bodyguards.

Wie genau die Agentin agiert ist im Moment nicht wesentlich. Sie könnte zum Beispiel einen Wurfstern nach dem Despoten schleudern. Wichtig ist, was danach kommt.

Die sieben Vorkoster halten die Luft an. Die Leibwächter erschießen die Attentäterin oder ergreifen sie. Wie kann sie dem entgehen? Welcher Fluchtplan ist erfolgversprchend?
Vielleicht wirft sie eine Rauchbombe oder eine Granate in den Raum und schafft damit Verwirrung. Vielleicht duckt sie sich hinter den umgebauten Speiserollwagen, so einen mit kugelsicheren Wänden unter dem weißen Geschirrtuch, dann könnte sie in seinem Schutz doch noch die Tür erreichen und auf den Korridor hinauskommen. Das gäbe ihr einen kleinen Vorsprung. Möglicherweise ist das schon genug.
Draußen, die Türwächter hatte sie vorsorglich schon vor dem Betreten des Raumes mit K.O. Spritzen ausgeschaltet, lässt sie den Wagen stehen, läuft zu dem goldgerahmten Gemälde eines früheren Despoten, schiebt es beiseite und verschwindet in einer Nische. Wichtig: Dieser Teil des Flurs darf nicht von Kameras bewacht werden. Notiz an die Komplizen: die gesamten Kameras auf dieser Etage deaktivieren.

Damit hat sie wieder etwas Zeit gewonnen. In der Nische liegen Wechselklamotten bereit. Sie ist für die nächste halbe Stunde einer der wild herumlaufenden, besorgten Bodyguards mit Mikro am Ohr. Auf diese Weise gelangt sie ohne Aufsehen in den Trakt für Bedienstete. Von dort wäre es eventuell möglich, heil wieder herauszukommen, mit einer Ladung Schmutzwäsche oder mit einer Lieferung Lebensmittel an die Moskauer Tafel oder über den Abwasserkanal. Wenn sie schnell ist. Denn auf die Idee, nach Schwachstellen und Fluchtwegen zu suchen, kommen ihre Häscher sicher auch. Aber eigentlich ist das nicht mehr wesentlich. Nur noch eine Frage der Logistik.
Hauptsache, das Attentat war erfolgreich, Hauptsache, der Tyrann ist tot. Aber.

Ist er überhaupt tot oder stirbt da im Saal am langen Tisch an seiner Stelle ein anderer, einer der vielen Doubles vielleicht? Während der echte Despot im Bunker in aller Seelenruhe sein eigentliches Frühstück zu sich nimmt, bestehend aus Resten von gestern, in Butter angebratenem Kartoffelpüree und in Scheibchen geschnittenen Frikadellen. Die Sache mit den Doubles muss unbedingt im Vorfeld geklärt werden.

Übrigens, der Wurfstern, den die Agentin benutzt, ist eine Spezialanfertigung. Nicht nur, dass er mit einem tödlichen Gift präpariert ist, er hat auch noch die Form eines Gendersternchens. Aber das wirklich nur am Rande.

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