Katharinas große Schenkung

Catherine II by F.Rokotov after Roslin (c.1770, Hermitage)

Es gibt immer wieder Geplänkel darüber, dass russlanddeutschen Aussiedlern bei ihrer Ankunft in Deutschland, Geld nachgeworfen wird und dass sie alle sich ein subventioniertes Häuschen bauen können. Unmut und Neid entsteht.

Der Aussiedler an und für sich hat ein Doppelgesicht, wie der Gott Janus, wie Professor Quirrell und Valdemort bei Harry Potter. Auf der einen Seite der nichtsnutzige Raudi, auf der anderen Seite der geizige Raffer, der mit dem Geld des Steuerzahlers sein Häusle baut!

Skandal!

Wann immer in Internetforen diesbezügliche Fragen die Gemüter hochkochen, hat sich ein gewitzter Zeitgenosse eingemischt und auf alle Kommentare eine pauschale Antwort gepostet.

Er behauptet, dass Katharina die Große, als sie 1762 die Deutschen in ihr russisches Imperium eingeladen hat, eine gewisse Summe (Rubel? Gold? Wertpapiere?) auf einer Schweizer Bank deponiert hätte für den Fall, dass sie wieder in ihre Heimat zurück möchten. Als Rückversicherung sozusagen. Er sagt, die Zahlungen, also das geringe Begrüßungsgeld und die etwas größere Summe für diejenigen, die den Strapazen eines Lagers ausgesetzt waren, würden damit beglichen, und somit die Bundesbürger nicht belasten. Und die Häuser sparen sie sich übrigens vom Mund ab. Keine Sorge, lieber Steuerzahler!

Ich würde gern wissen, ob das ein sogenannter Hoax, also ein Fake oder eine Ente ist, das heißt schlicht und einfach erlogen. Oder ob es doch den Tatsachen entspricht. Und wenn es wahr ist, warum wird nur an den Rändern irgendwelcher dubiosen Chats darüber gesprochen und nicht in öffentlichen politischen Diskussionen?

Naja, zum Teil natürlich weil es keine öffentlichen politischen Diskussionen zum Thema Aussiedler gibt. Wenn es nicht um Brennpunkte oder Russenmaffia geht. Zum anderen würden die Leute dann unbequeme Fragen stellen.

Sie werden sicher wissen wollen, ja was nun, wie viel ist denn da auf dem Schweizer Konto gewesen und wie viel ist noch übrig?

Wer entscheidet, was mit dem Geld geschieht?

Und wenn alle Aussiedler sich nahtlos integriert haben, in vierter und fünfter Generation leben und wenn sie erst mal raus aus ihren Ghettos kommen und sich mit anderen Völkern vermischen, auch mit den Einheimischen, wem steht dieses restliche Geld eigentlich zu?

Kann man einen Antrag stellen? Mal die Kontoauszüge sehen? Sagen wir mal der letzten 75 bis 100 Jahre, geht das?

Und wenn da wider Erwarten noch einige vergessene Millionen Schlummern (die Zinsen müssen ja wahnsinnig hoch sein!), könnte man nicht einen Bruchteil davon nehmen, sagen wir einmal läppische 2,5 Millionen oder 3, und eine Doku-Sendereihe und eine Spielfilmserie zu der Geschichte der Russlanddeutschen machen, mit tollen Schauspielern wie Heino Ferch, Hannelore Elsner oder Daniel Brühl vielleicht? Und auf dem besten Sendeplatz in den Öffentlich Rechtlichen erstausstrahlen? Da wo sonst Fußball läuft oder der Tatort, direkt nach den Nachrichten des Abends. Wie wäre das?

Das würde doch ratzfatz alle Ressentiments abbauen und den rund 2 Millionen russlanddeutscher Menschen (oder waren es 4 Millionen? Ich verwechsle das immer), die hier im Land sind zu ungeheurem Standing und Selbstgefühl verhelfen. Denn es ist immer gut zu wissen wer man ist, oder?

Und mit dem Rest könnte man einen Preis einrichten und den oder die Ehren-Russlanddeutsche des Jahres küren. Er würde nur für definitive Nichtrusslanddeutsche ausgeschrieben sein, die sich um die Belange dieser Gruppe verdient gemacht haben. Und in der Gala darüber schreiben. Mitglieder der Randgruppe und ihre Verwandten wären ausgeschlossen. Die machen sich ja eh schon verdient. Auch ohne Preis.

Und mit dem Rest könnten diejenigen der älteren Generation, die ihr Gebiss noch in Russland haben machen lassen, alle Goldzähne in richtig schöne mit hochwertigem Keramikaufsatz umtauschen. Und andere Sachen richten lassen, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlen werden.

Und mit dem Rest, der dann übrig bleibt könnten alle russlanddeutschen Familien einmal in ein Restaurant ihrer Wahl gehen. Denn sie haben sicher in den letzten Jahren auf ein Häuschen gespart und sogar die Gurken selbst eingelegt und so sparsam gelebt, dass sie nie in ein Lokal gegangen sind. Dort würden sie dann auf die Umsichtigkeit der Frau anstoßen, die aus Stettin (damals deutsche Provinz) kam und eine der wichtigsten Personen am Zarenhof geworden war. Nein. Die wichtigste. Eine der ersten Deutschrussinnen oder Russlanddeutschen überhaupt. Prost Kati! und За здоровье!

Hier übrigens Michas vollständige Antwort auf alle Fragen zu finanziellen Ungerechtigkeiten in diesem Thema. Mist, ich habe glatt überlesen, dass die Politiker alles bereits verprasst haben. Naja, es ist halt so schee zu träumen.

Hallo XYZ!

Zur Geschichte: Als Katharina II. 1762 zur Kaiserin wurde, forderte sie 1763 Deutsche dazu auf nach Russland umzusiedeln. Sie bot den Menschen aus Deutschland Land, Startkapital und alle möglichen Vergünstigungen in Russland an. Außerdem versprach sie ihnen, dass jeder Deutsche, der irgendwann in seine Heimat (also nach Deutschland) zurückkehren möchte, dabei unterstützt wird und dazu hatte sie Geld auf einem Schweizer Bankkonto angelegt.

Das was du als Begrüßungsgeld bezeichnest ist das Geld von Katharina II., also steht es ihnen zu. Russlanddeutsche werden in der ersten Zeit vom Staat unterstützt, damit sie nicht auf der Straße landen, nach max. zwei Jahren (vielleicht auch weniger, bin mir nicht sicher) müssen sie hier Arbeit und sich alles selbstständig aufbauen wie jeder andere einheimische Deutsche auch. Deshalb bekommen Russlanddeutsche keine vergünstigten Kredite beim Hausbau oder sonstigem.

Du fragst dich jetzt bestimmt, warum du nie was davon gehört hast?! Na, ganz einfach, weil die Politiker dir sicher nichts von den ganzen Millionen auf dem Schweizer Bankkonto erzählen würden, da sie grundsätzlich alle Finanzen Deutschlands verschweigen, und außerdem ist von dem Geld höchstwahrscheinlich nichts mehr übrig, da unsere lieben, verschwenderischen Politiker alles verprasst haben.

Gruß, Micha

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

3 Kommentare zu „Katharinas große Schenkung“

  1. Mal abgesehen vom versteckten Schatz, können die Einheimischen mal ganz schön ruhig sein. Selbst wenn hier der ein oder andere Geld erhalten hat, dann war das im Zusammenhang von staatlicher Verfolgung.

    Wolgadeutsche hätten nie, ich wiederhole, nie, die Not verspürt hierher zukommen wären die Opas und Uropas der heutigen Deutschen nicht in den ersten und zweiten Weltkrieg gezogen. Unsere Deportation, Verfolgung, Enteignung und Ermordung von Millionen Wolgadeutschen ist ihre Schuld allein.

    Die 15.000 DM(7.500€), die damals ein paar bekommen haben waren im Vergleich zu unserer damaligen Wirtschaftskraft und das was wir verloren haben, ein totaler Witz. Besonders mit den Millionen von Toten. Danke noch mal.

    Wir sind noch lange nicht quitt und das was Deutschland uns noch schuldig ist liegt im mehrstelligen Milliardenbereich. Keiner von uns würde das jemals ernsthaft fordern, aber wenn wir schon von Ungerechtigkeiten reden muss das auch erwähnt werden.

    1. Und deswegen müssen wir uns auch nicht vor irgendwelchen ignoranten Idioten mit Stammtischwissen rechtfertigen. Wir haben zinsniedrige Kredite für Häuser bekommen, weil wir unsere Häuser wegen deren Opas verlassen mussten. Im Endeffekt haben wir trotzdem für zwei Häuser zahlen müssen.

      1. Lieber DGruenwald,

        ich kann ja verstehen, dass du dich über die Aussagen von einigen Leuten im Netz ärgerst. Im Schutz von Anonymität lassen Leute irgendwelche halbausgegorenen Vorurteile vom Stapel.

        Du schreibst, die Entschädigung, die manche für ihre Leiden erhalten haben, wären ein Witz. Nun, Entschädigung klingt ja ganz gut, aber wie will man den entstandenen Schaden wieder gut machen?Oder sogar ungeschehen machen? Alles würde zu gering sein für jeden Tropfen Blut, für jedes böse Wort, für jede Benachteiligung. Wie will man dieses Leid eigentlich messen? Pro Schlag ins Gesicht: 15 LE (Leidenseinheit), ein vernichtender Blick: nur 5 LE und zwei Tritte in den Magen dagegen 35,50 LE. Wie viel kann man für 15 verlorene Jahre bekommen, in denen man in einer Sondersiedlung für keinen Lohn geschuftet, oder in einem Lager unschuldig eingesessen hat? Und dafür, dass ein Siebenjähriger auf dem Schulhof von seinen Mitschülern erschlagen wurde, weil er zufällig Deutscher war? Das kann keiner aufwiegen oder gutmachen. Mit allem Gold der Welt nicht.

        Was helfen würde, das Unrecht etwas lindern, und das ist meine Meinung, wäre etwas Anerkennung für das Erlittene. Also kein Leugnen dessen, was den Menschen passiert ist. Hinsehen und ihre Geschichten aus dem Sumpf des Vergessens heraufholen. Nicht Mitleid oder Wut oder die Suche nach Schuldigen, sondern Mitgefühl und Wissen. Die Frage, sag mal, was ist dir denn geschehen? Was hast du all diese Jahre erlebt. Wahrnehmen, zuhören. Mehr nicht. Vielleicht sind Respekt und Mitgefühl für das was unsere Vorfahren erlebt haben, eine gute Währung in dieser Rechnung. Vielleicht sogar die einzige. Und diejenigen, die das machen können, sind wir. Und du bist auf einem guten Weg dahin, mit deiner Geschichte über die Taten eines Bernhard Warkentin auf deinem blog zum Beispiel.

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