Stalins Stimme und Putins Rocker

Meine Mama war ein Kleinkind in Sibirien als der große vaterländische Krieg, wie er in Russland genannt wird, vorbei war. Das, woran sie sich am ehesten erinnern kann, war die einprägsame Stimme des allseits bekannten und beliebten Radiosprechers, Jurij Borisowitsch Levitan.

Im Westen wurde Levitan Stalins Stimme genannt. Meine Mutter sagt auf jeden Fall, dass ihr immer noch Schauer über den Rücken wandern würden, wenn sie diese Stimme hört. Sie beschreibt es so: ‚Draußen stand ein Radio, damit alle Leute konnten jeden Tag hören Nachrichten von Krieg und natürlich jeden Tag traurige. In Radio war ein Diktor (Sprecher), seine Stimme war mächtig, wenn ich jetzt diese Stimme hören werde, kriege ich Gänsehaut.‘

Er fing seine Ankündigungen immer mit Goworit Moskwa, Es spricht Moskau an. Hier der sechsminütige Beitrag zum Akt der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Levitan wäre  übrigens vor einigen Monaten 100 Jahre alt geworden.

Jurij Borisowitsch Levitan
Das Gesicht zu der Stimme: Jurij Borisowitsch Levitan

Ich vermute, dass das Lied ‚Das ist der Tag des Sieges‘ gesungen von Lestschenko bei den meisten älteren Russen ebenfalls Gänsehaut auslösen würde. Aber ich möchte es hier grade nicht vorstellen.

Andere Barden, die nationalistisch gesinnten Nachtwölfe, auch Putins Rocker genannt, sind letztes Wochenende aufgebrochen, um den Weg von Moskau nach Berlin auf ihren Motorrädern zurückzulegen. Die Band und ihr Tross wollen genau am 8. Mai, in der deutschen Hauptstadt ankommen. In Russland ist das der offizielle Tag des Sieges. ‚Ziel ist es, das Andenken an diejenigen zu ehren, die beim Kampf gegen den Faschismus gefallen sind‘, so der Organisator Bobrowski.

Die deutsche Regierung ist nicht amused, sie droht der Rockband und ihrer Entourage mit Einreisesperren, falls sie die Veranstaltungen zum Ende des Krieges stören wollen. Es heißt, es sei ein Anliegen, dass der Tag in Würde begangen werde, die Aussöhnung liege im Kerninteresse der Regierung, nicht die Konfrontation.

Auch andere Länder, durch die die Biker rattern wollen, sind nicht begeistert vom wilden Durchgangsverkehr. Der Spiegel berichtet, dass polnische Regierungsvertreter in der ‚Siegesfahr‘ eine Provokation sehen und ihnen die Einreise verweigern.

Und die Wölfe fallen anders als die Hells Angels zum Beispiel nicht durch kriminelle Handlungen auf. Sie sind orthodox gläubig, nationalistisch und homophob. So steht es zumindest bei Wikipedia. Sie stellen sich im Ukraine Konflikt deutlich auf die Seite Russlands und bezeichnen die pro-ukrainischen Streitkräfte als Faschisten. Jetzt wollen sie in ganz Europa Soldatengräber besuchen und an den „Blutzoll“ im Kampf gegen Hitler erinnern, der mit 27 Millionen Toten bezahlt wurde. Aber sie kommen nicht weit. Es sieht ganz so aus, als müssten sie ihre Motorradtour abbrechen.

Jedenfalls scheint es tiefsitzende Ängste zu wecken, dass die Ankunft von 15 Bikern so viel Staub aufwirbelt und das auswärtige Amt sogar von Gefährdung der Sicherheit spricht. Die Russen kommen. Anscheinend noch immer ein sensibler Punkt. 70 Jahre sind vergangen und doch kommts einem vor wie ein Wimpernschlag. Ich frage mich wirklich, was diese wilden Kerle machen können, um die nationale Sicherheit zu gefährden. Andererseits, sie sind mit einer Stalinflagge aufgebrochen. Dass sein Gesicht bei den Feierlichkeiten siegessicher von der Fahnenstange weht würde ich mir auch nicht so gern ansehen.

Es geht um etwas mehr als einem Dutzend Rocker (andere Medien sprechen von 20), die durch Europa fahren. Was hat die Band angekündigt, warum diese Empörung auf allen Seiten? Was macht ihren Besuch so explosiv? Wenn in Hamburg Harley-Days sind, sind hunderte von ihnen auf den Straßen. Ohne Kravalle.

Für weitere Infos. hier sind zu einem Spiegel Artikel und zwei Beiträge von tagesschau.de und von heute.de.

 

 

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

2 Kommentare zu „Stalins Stimme und Putins Rocker“

  1. 27 Millionen. Das ist schon eine gewaltige Zahl. Alles über einer Million kann sich Otto Normalmensch kaum mehr vor dem eigenen Auge deutlich machen. 27 Millionen noch weniger. Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich abends, wir trinken und trinken. Das Vorurteil sitzt tief. Die bösen Russen und die netten Amerikaner. An die Kriegtoten zu erinnern ist ehrenwert. Als Rockergang nach Ausschwitz zu fahren klingt allerdings verbrämt und lässt an den Motiven zweifeln. Auf der anderen Seite ist es ein guter Denkanstoss und ein wenig mehr Gelassenheit kann gut tun. Polen fühlt sich provoziert? Sind sie das nicht ständig? Das Wort Provokation ist auf jeden Fall ein gefährliches Wort, wenn Deutsche über Polen reden.
    Gratuliere. Wenn man googelt nach Aussiedler, kommt Scherbensammeln schon auf Seite Drei. Weiter so.

    1. Hallo Tamborin,
      danke dir. Vor allem für die Anregung mit der Todesfuge. Ich sehe gerade Paul Celan hat das Gedicht um 1944/45 geschrieben. Es passt also sehr gut. Ich freue mich, dass man mich in den Scuhmaschinen findet. Und ja, Gelassenheit täte gut, ist vielleicht noch verfrüht…
      Liebe Grüße
      Scherbensammlerin

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