Wahl-o-Mann-o-Mann!

In den letzten Wochen standen die Russlanddeutschen Medienberichten zufolge im Verdacht, mehrheitlich der AfD zu verfallen. Wie die Lemmlinge. Sie seien verführbare Wähler und außerdem würden ihre konservativen Werte von dieser rechtspopulistischen Partei besser bedient werden als von den an sich konservativen Parteien.

Auf ARTE hatte sich Wladimir Kaminer zu Wort gemeldet und hat in heimeliger Kneipenatmosphäre ironisch-naiv das Narrativ RD=AfD noch befeuert. Er ist Experte in diesen Dingen, weil ja einige seiner Freunde Russlanddeutsche sind.

Die Festschreibung stand unverrückbar. Von Bericht zu Bericht journalistisch untermauert. Haben die alle voneinander abgeschrieben? Jedenfalls kursierten immer zwei gleiche Bilder. Das von der Demo um das Mädchen Lisa und eins von der Auslage des Kalinka-Supermarkts.

Trotz relativierender Stimmen und Berichte, trotz warnender Rufe in den sozialen Medien (z.B. der Seite ‚RD gegen AfD‘ und einer Ansprache des russischen Journalisten Nikolai Kameniouk, der die russischspachige Community eindringlich bat, nicht die AfD zu wählen) und einem Protestschreiben von russlanddeutschen Vereinen hielt sich dieses Narrativ hartnäckig bis zum Ende des Wahlkampfes – und nun drüber hinaus.

Oszillierend zwischen Putin und Hitler. Gehts noch?

Wirkliche Erhebungen und Fakten gibt es nicht oder sie gehen im öffentlichen Diskurs unter. Der Juniorprofessor für Migration und Integration der Russlanddeutschen Jannis Panagotidis hat kurz vor dem Wahlsonntag mit seinem Kollegen Peter Doerschler von der Bloomsburg University in einem Zeitungsbericht mit ein paar Mythen rund um das Thema Russlanddeutsche und AfD aufgeräumt. Sie haben herausgefunden, dass der Zuspruch kaum (bzw. im Rahmen statistischer Fehlermargen eigentlich gar nicht) über dem Durchschnitt anzusiedeln ist. Immer wieder gehörte Behauptungen, die AfD sei die beliebteste Partei unter den Russlanddeutschen entbehren somit jeder Grundlage.

Hier der Bericht darüber in der SZ: http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestagswahl-die-afd-partei-der-russlanddeutschen-1.3676846

Statt der propagierten 100% sind laut ihren Befragungen also knapp 14% der Deutschen aus Russland, die mit der AfD sympathisieren. Im Bundesdeutschen Durchschnitt sind es 12,6%, also 1,4% weniger.

Am Tag nach der Wahl schien sich das Segel der öffentlichen Stimmungsmache gedreht zu haben. Plötzlich sind es nicht die 1.8 Mio wahlberechtigte Aussiedler, die den Rechtsruck im Bundestag verursacht haben sollen, sondern Millionen abgehängter ostdeutscher Männer. Sieh an. Doch dann tauchten wieder ein halbes dutzend Berichte über Aussiedler auf, die alte These widerkäuend.

Enstand kurz vor der Wahl, Russlanddeutsche gegen die AfD

Viel Mimimi um Nichts?
Nur zwei russlanddeutsche AfD-Kandidaten haben es mit einem Direktmandat in den Bundestag geschafft. Wenn sich noch mehr einen steilen Aufstieg in dieser Quereinsteigerpartei versprochen haben, so dürften sie nun enttäuscht sein.

Die Hoffnung, dass nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse das pauschalisierende Bashing, gewürzt mit einer völligen Ignoranz der Befindlichkeiten und der Geschichte der russlanddeutschen Community endlich ein Ende hat, hat sich nicht erfüllt.

Bisher wurde jede Konferenz, jede Kampagne seitens der Russlanddeutschen, die nicht die mediale Festschreibung befeuert, von der Presse mit hartnäckiger Missachtung gestraft. Passte leider nicht in das typische Bild des rückwärtsgewandten, chauvinistischen Keulenschwingers, das sich in den letzten Monaten herausgebildet hatte.

Verfallen wir in eine Opferrolle, in dem wir behaupten, die Presse würde eine Hexenjagd veranstalten? Ja. Aber. Auch ein erklärter Paranoiker wird manchmal von feindlichen Agenten verfolgt. Und eine Volksgruppe, die über Generationen die Opferrolle innehatte, kann durchaus auch Opfer einer Hetzkampagne werden.

Um solchen pauschalisierenden Berichten in Zukunft etwas entgegenzusetzen, müssen wir uns viel mehr vernetzen. Angesichts des medialen Bashings ist es schon vielfach geschehen. Anscheinend noch nicht genug. Das wäre mal ein Schritt, um die Opferrolle und das Jammern endlich hinter uns zu lassen. Wir sind nicht der klägliche Rest, wir sind die Mehrheit. Mehr als die 14% (selbst mehr als 30%) und das sollte von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen und gewürdigt werden.

Was uns bleibt.
Obwohl es offensichtlich ist, dass sich die AfD-Begeisterung der Aussiedler in statistischen Grenzen hält, gibt es diese Gruppe, die sich den Populisten anschließt.

Wir können es nicht leugnen, sondern müssen uns darüber klar werden, dass die Integration offensichtlich doch nicht so vorbildlich geklappt hat. Nicht überall, nicht bei allen.

So wie die Gesamtbevölkerung in diesem Land, müssen wir dem Fakt stellen, dass nicht alle vom europäischen Gedanken und dem Wertesystem einer offenen Gesellschaft mitgenommen worden sind. Der Auftrag wird sein, nach den Ursachen zu forschen und uns dem zu stellen.

Diese Wahl hat uns allen also eine realexistierende Steilvorlage gegeben.
Allen, die dieses Fleckchen Erde teilen.

Tatsache ist: In Lahr, Pforzheim und Calv, sogenannten Hochburgen mit einem hohen Anteil an russlanddeutscher Bevölkerung, schafft es die AfD auf den zweiten Platz nach der CDU.

Auch in den neuen Bundesländern gab es mehr Wählerstimmen für diese Partei. In Sachsen rutschte sie gar auf den ersten Platz.

Aber es wird nicht mehr unterschieden. Es scheint sich in den Köpfen festgesetzt zu haben, dass alle dumpfe Rassisten sind, die ‚Ossis‘ und die ‚Aussies‘. Die Männer aus dem tiefsten Osten und die Aussiedler, die aus dem noch tieferen Osten stammen. Die letzteren sind laut der aufgeklärten Öffentlichkeit: Erzkonservative, die sich selbst für bessere Deutsche halten und das endlich auch bestätigt bekommen haben von Höcke, Gauland und Co.

Halleluja, nach 20 Jahren nimmt sie endlich jemand für voll! Wenn sie sich da nicht mal täuschen. Willfährige Wahlhelfer waren sie, das ja. Aber ob die erhoffte Teilhabe am politischen System am rechten Rand gelingt?

Wie gesagt: es gibt keine hinlänglichen Studien über die Zahlen außerhalb der Hochburgen. Von dort, wo sich Deutsche aus Russland integriert und assimiliert haben.

An die 1.8 Millionen von uns waren wahlberechtigt.

In einigen sozialen Brennpunkten mit hohem Aussiedleranteil hat die AfD bis zu 30% geholt.

Lässt sich denn daraus auch schlussfolgern, dass es auch insgesamt dreißig Prozent der Deutschen aus Russland waren, die diese Partei gewählt haben?

Überall?
Auch in Hamburg?
Auch in Köln Chorweiler?
Auch in Homberg an der Efze?

In Hamburg hat die AfD beispielsweise in einem Viertel (Moorfleet) 40% bekommen. Von 61 Stimmen waren das 21, ist ein ganz kleiner Wahlkreis. Und auch in Stadtteilen wie Billbrook hat sie abgesahnt. Aber das bedeutet doch nicht, dass alle Bewohner*nnen der Hansestadt AfD-affin seien. Das ist absurd, wenn man sich die übrigen Zahlen anschaut. Was die Russlanddeutschen angeht, sind solche Schlussfolgerungen jedoch an der Tagesordnung.

Und selbst wenn es hochgerechnet doch 30% sein sollten, das patriotisch-völkische Drittel, das die Populisten am Ruder sehen möchte, es bleiben noch immer 1,2 Millionen, die die AfD nicht gewählt haben. Nur so am Rande.

Es ist ein Mythos entstanden, der Aussiedler und die Alternative für Deutschland aneinander kettet. BFF. Best friends forever. Oder eher Master and Servant. Allen vernünftigen Stimmen, die nach genauen Untersuchungen fragen, zum Trotz.

Er wird fortgeführt, dieser Mythos, weil es einfacher ist, eine Minderheit für das Versagen der Politik der letzten Jahre oder Jahrzehnte verantwortlich zu machen. Die Nazis sind immer die anderen. Die Hölle, das sind nicht wir.

Dennoch, eines ist nicht von der Hand zu weisen: Der schale Nachgeschmack bleibt, dass es einen Prozentsatz in unserer Community gibt, die Heimatliebe mit völkischem Gedankengut verwechseln. Die in die Hetztiraden gegen Andersdenkende und anders Aussehende mit einfallen. Die Frauen am liebsten in einer Rolle sehen, die es zuletzt im Biedermeier gab. Mit einer Stickarbeit am Kamin. Und ansonsten Kinder, Küche und Kirche.

Bei all der Verteidigungshaltung und den Relativierungsversuchen dürfen wir diese Tatsache nicht aus den Augen lassen. Wir müssen uns darüber klarwerden, wie wir mit diesem Problem umgehen. Als Einzelpersonen und auch in den Gruppen und Vereinen, in denen wir uns bewegen. Das wird die eigentliche Aufgabe sein. Uns mit diesem Prozentsatz, wie hoch er auch sein mag, auseinanderzusetzen.

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Okroschka und die AfD

Die Russifizierung Europas schreitet voran! Und ich genieße das, denn gestern habe ich im (nichtrussischen) Supermarkt Kwas in Dosen gefunden. Von zwei verschiedenen Firmen sogar. Heute mache ich mal eine Okroschka-Suppe und teste, ob dieser Kwas was taugt. Das Rezept für die frische Sommersuppe mit Kartoffeln und Dill steht bei einem früheren Eintrag auf diesem Blog.

Auf anderen Kanälen wird ebenfalls eine schleichende oder galoppierende Russifizierung moniert. Russlanddeutsche tauchen als potentielle AfD-Wähler fast epidemisch in allen möglichen Artikeln und bei Sendungen wie Monitor im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Diese bucklige Verwandtschaft, die sich störrisch gegen jegliche Modernisierung und Anpassung an eine offene multikulturelle Gesellschaft sträubt. Die mit einem astreinen russischen Akzent oder auf Russisch gegen Fremde herzieht. So kommen wir rüber. Zwar ist der Ton ist nicht mehr so abweisend wie noch vor 20 Jahren und es werden sogar Aussagen getroffen, wie diese: Dann werden sich die Demokraten von rechts bis links über die Parallelgesellschaften, den Mangel an Demokratieverständnis der Migranten und ihre Beeinflussung durch den Kreml empören. Dabei sei jetzt schon bemerkt: Das sind die russischsprachigen Aktivisten, die sich für die demokratischen Werte einsetzen, und das ist die deutsche Politik, die sie dabei im Stich lässt.

Der vollständige Beitrag der FAZ vom Donnerstag ist hier zu finden. Dieser Artikel ist dabei noch einigermaßen differenziert.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Wenn eine Gesellschaft eine Gruppe in Ghettos pfercht, ihnen den Zugang zu qualifizierten Jobs und Bildungschancen wenn nicht sperrt, so doch erschwert, dann kommen ganz sicher keine zufriedenen und weltoffenen Bürger*innen heraus. So oder so ähnlich sehen das manche Kommentare auf Facebook zu diesem Artikel. Zumindest diejenigen, die nicht gegen Schäferhundrussen pöbeln.

Ich kann es nicht leugnen. Es scheint etwas an dieser Partei zu geben, das insbesondere Russlanddeutsche anzieht. Es steht noch aus, die Gründe dafür zu untersuchen.

Was mich allerdings wundert: aus dem Spektrum der vielen Menschen, der Schicksale und Einstellungen werden gerade diejenigen herausgefischt, die solch extremen Ansichten vertreten wie Eugen Schmitz oder Heinrich Groth, der behauptet bei Monitor so abstruse Sachen wie diese: den Deutschen sei es unter Adolf ja nicht so schlecht gegangen. Gegenüber dem russischen Sender RTDV hat er Anfang April gesagt: ich als Biologe weiß genau, was die Verunreinigung der biologischen Masse bedeutet. Der Mann ist einfach ein Extremist und soll nun alle Russlanddeutschen repräsentieren? Ich weiß genau, dass die Medien das besser hinkriegen könnten. Warum tun sie das nicht? Weshalb fehlt hier die nötige Differenzierung, die an anderer Stelle so stark eingefordert wird?

Traurig, dass kaum andere O-Töne gesucht und gefunden werden. Aber vielleicht sind progressive, gut integrierte Aussiedler*innen einfach zu banal? Passen nicht ins Konzept. Dienen nicht dem Aufbau eines simplen Feindbildes?

Und was ist unsere Volksgruppe eigentlich anderes als eine Okroschka-Suppe, denke ich und zupfe die feinen Äste vom Dill ab: Ein zusammengewürfeltes Gebilde aus vielen verschiedenen Zutaten. Die einen sind eben die Salzgürkchen für den säuerlichen Geschmack und andere die Kartoffeln, die breite Basis. Radieschen mit außen roter Haut und innen weißer Masse habe ich schon an anderer Stelle behandelt. Wer ist dann aber der Dill? Die sogenannten Kulturarbeiter*innen? Und wer kommt daher, wie eine scharfe Frühlingszwiebel? Der Kwas und der Schmand sind dann die beiden gemeinsamen Sprachen, das Fluidum, in dem alle schwimmen. Übrigens steht auf der einen Kwas Dose als Slogan: Refresh Yourselfsky! Was soviel heißen soll wie: Erfrisch dich selbskij. Witzig. Und: Kvass Drovje! Weniger witzig. Ein Männeken tanzt Kasatschök. Aus dem piefigen Armeleutegetränk ist ein trendiges veganes Produkt geworden. Leider ist dieser Kwas etwas zu süß für meinen Geschmack, da hätte ich auch gleich Malzbier nehmen können. Schmand habe ich auch nicht, werde wohl wieder griechischen Joghurt drauftun, damit schmeckt es ebenso gut.

Ist es so schwer zu begreifen, dass die Gruppe der Aussiedler nicht etwas Homogenes ist, sondern etwas ebenso Zusammengewürfeltes wie eine Okroschka, bestehend aus vielen Grüppchen und Individuen. Ein jeder und eine jede befindet sich an anderer Stelle im Prozess der Loslösung von der alten Heimat und dem sich Verwurzeln in der Neuen. Manche verleugnen das Russische in sich, andere distanzieren sich eher vom deutschen Anteil. Und dazwischen gibt es 2 Millionen 399 Tausend 998 weiterer Nuancen. Die pauschale Annahme, alle fänden Putin prima und die AfD wählbar, kann und will ich nicht akzeptieren, sie tut mir fast körperlich weh.

Aber mich fragt ja keiner. Pah! Dann geh ich eben weiterschnibbeln. Auf Wiedersehnje!

Nachtrag zum Gedenktag

Heute kam eine älterer Text aus der ZEIT zu mir geflattert. Die Beschreibung eines stillen Gedenkens an gefallene russische Soldaten, die ich der Vollständigkeit halber auch ins Mosaik aufnehmen möchte. Andere Perspektive, anderes Erleben. Mit Witz und einer gewissen Aufmüpfigkeit zeichnet der Artikel die Geschichte zwischen den Russen und den Deutschen nach und ist erfüllt von einem Gefühl, das oft fehlt in unseren heutigen Diskursen: Einfühlungsvermögen.

Achtung, er ist lang.

Russland sei Dank

Ein Plädoyer für den empathischen Blick nach Osten
Von Christoph Dieckmann

  1. Januar 2014

Ich lebe in Pankow, im Norden von Berlin. Seit Langem pflege ich ein Silvesterritual. Am letzten Tag des Jahres wandere ich durch die Zingerwiesen und den Schönholzer Wald zum sowjetischen Ehrenmal.

hier weiterlesen…

Der BVB-Bomber

Die seriöseren Medien nennen seine Herkunft nicht. Die Yellowpress hat ihn schon durchleuchtet, mit der Kirchengemeindenvergangenheit und dem Bubigesicht und eben dem Geburtsort im Ural. Ein Deutsch-Russe hat angeblich die Bombe am Mannschaftsbus des BVB gelegt. Sein Motiv: Börsenspekulation.


Die Nachricht hat in mir einiges ausgelöst: werden sie wieder Bashing betreiben, werden wieder alle, die aus dem wilden Osten kommen als Wilde abgeurteilt? Wird nun den Russlanddeutschen pauschal eine Mordlust untergeschoben? Anscheinend nicht.

Wieso trifft mich das? Bin ich nicht genauso wie die Sensationspresse, die entgegen dem journalistischen Kodex die Herkunft betont, sie ans Licht zerrt, als wäre sie der Auslöser für die Tat? Als wäre der Geburtsort und die Sozialisation zwangsläufig verantwortlich für die Entscheidungen von Leuten?

Bin ich nicht genauso wie die Presseleute, weil ich mich mit diesem Fall nun innerlich beschäftige? Und zwar erst seit dem ich weiß, dass er möglicherweise „einer von uns“ ist? Das ist dieselbe Denke, nur mit einem anderen Vorzeichen. Identifikation. Einordnung. Schublade auf, Schublade zu.

Alle diese Parameter – Börse – Fußball – Bombe – liegen mir so fern wie ein Ferienhaus in Timbuktu. Wieso suche ich nach Gemeinsamkeiten und fürchte, dass diese Tat irgendwie auf mich abfärben könnte?

Ich lese den Namen und denke, W., haben wir in der Verwandtschaft einen Namen, der mit W. anfängt? Nein. Ein Glück. Aber bei anderen Bombenlegern frage ich mich das nicht. Warum trifft mich diese Nachricht so persönlich, aber erst nachdem bekannt wurde, was für ein Landsmann dieser Sergej W. ist?

Ein Glück wird aus dieser Meldung keine Hetzkampagne gemacht. Im Moment passieren eben noch gewichtigere Dinge, die die Nachrichten bestimmen. Und: das Motiv ist auch nicht religiös begründet. Es sei denn, wir betrachten die Anbetung des Mammon als eine religiöse Spielart.

Dann käme zu dem Kanon von Attentätern, den kommunistischen, nationalistischen, anarchistischen und islamistischen nun auch noch die kapitalistische Variante. Wird nun im großen Stil der Kapitalismus verurteilt und abgeschafft?

Ich sollte mich davon abkoppeln. Aber ich kann es irgendwie nicht. Erst mal einen Tee.

Schwerpunkt diesmal: Russlanddeutsche!

RHEIN! – Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang widmet ihre nächste Ausgabe der deutschen Literatur aus Russland. Ist das was? Oder ist das was! Mehr dazu hier:

Russische Musik- und Kulturnews

cover_rhein_13_1 (c) Coverbild: Tatjana Bleich

Köln. Die Literatur- und Kunstzeitschrift „RHEIN!“, die vom Verein KUNSTGEFLECHT e.V. herausgegeben wird, widmet ihre Herbstausgabe (Nr. 13) der deutschen Literatur aus Russland. Am 25. November wird diese Ausgabe von der Redaktion und einigen in der Ausgabe vertretenen Autoren wie Eleonora Hummel, Artur Rosenstern und Waldemar Weber im Kölner Theater „Die Baustelle“ um 19:30 Uhr im Rahmen des Kunstfestes „KUNST ALS BRÜCKE: DEUTSCHLAND UND RUSSLAND, LITERATUR UND MUSIK“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Der bekannte Komponist Bernd Hänschke wird mit einigen Musikern aus der Umgebung die Lesungen der Autoren musikalisch umrahmen. Unter anderem mit Musik von Alfred Schnittke.

Während die Deutsche Literatur aus Rumänien den deutschen Lesern bereits seit den 70er Jahren ein Begriff ist, kennt der Leser hierzulande kaum die deutschsprachige Literatur aus Russland. Die deutschsprachigen Autoren, Künstler und Wissenschaftler waren in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zum großen Teil den stalinistischen Säuberungen zum…

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Worthülse des Tages. 21. September:

wertkonservativ

Dieses Adjektiv stößt mir regelrecht auf, denn es wird in den letzten Wochen und Monaten dafür benutzt, Russlanddeutsche zu charakterisieren und zu erklären, warum die alle (ich betone alle! Denn Unterscheidungen sind nur was für Warmduscher) zur AfD laufen.

Sie haben Migrationshintergrund, also sind sie auf Sicherheit bedacht und eben w e r t k o n s e r v a t i v. Eigentlich was Schönes, Werte zu bewahren, aber darum geht es hier nicht.

Sie wollen keinen Sex vor der Ehe, also wählen sie AfD. Das ist die einfache Rechnung. Redakteure der taz haben vor dem Mix-Markt (Geschäft mit russischen Lenbensmitteln, es gibt drei davon in Berlin, da tummeln sich die Reporter immer, um typische Aussiedler*innen beim Pelmenikauf zu erwischen) eine Frau angesprochen, die einer dieser strengen religiösen Gruppierungen angehört, wo die Frauen Hauben tragen und niemals Hosen. Und die ist gegen Sex vor der Ehe und wird AfD wählen.

Damit ist doch alles geritzt. Eine für alle. 4 Millionen. Eine wertkonservative Masse. Ist Wertkonservatismus nun eine Umschreibung für Rassismus oder nicht?

Also. Zum Mitschreiben.

Russlanddeutsche sind alle: wertkonservativ, ferner wortpreservativ (denn mit Argumenten erreichst du sie nicht), ferner Wurstpersistent (oder hat jemand schon mal russlanddeutsche Vegetarier gesehen? Ganz zu schweigen von Veganer*innen – ja ich, und zwar einige. Wenige. Mindestens eine. Die war mal Vegetarierin, für mindestens 15 Jahre, dann hat sie sich auf ihre Werte besonnen und ist zu uns zurückgekehrt. Aber egal. Es geht um die Sache an sich!)

Und überhaupt sind sie entwicklungsresistent. Alles Hillbillies. Von dort, von der Wolga eben, liegt noch weiter weg als die Walachei. (Ätsch, seit 1941 lebt kein einziger mehr von ihnen an der Wolga, aber Kasachstan ist auch weit weit weg.)

Aber im Moment ist zumindest eine von ihnen wutimperativ und presseavertiv. Nämlich ich.

Denn das Dumme ist, diejenigen, die sowas in der Zeitung lesen, glauben das am Ende auch noch.

 

(P.S.: Liebe Wildgans, ich habe mir erlaubt, dein Format mit dem Wort des Tages zu entwenden und zu verfremden. Ich hoffe, du denkst jetzt nicht auch noch, ach, die wiedermal, alles Diebe, diese Aussiedler, einer wie die andere.Ich habe mich nur inspirieren lassen, konnte aber natürlich nicht lassen, zu dem Wort meinen Senf dazuzugeben…)

 

Immer beraijt – Princeton Pionier

IMMER BERAIJT von 1930
IMMER BERAIJT von E. Emden und S. Telingater, 1930

Heute ist Tag des Kindes. Zeit, eine hübsche Sammlung vorzustellen, die von der renommierten Princeton Universität erst kürzlich online gestellt wurde: 159 russische Kinderbücher aus der frühen Sowjet-Ära. Zum Blättern. Tolles Design, aber auch krasseste Propaganda, in Kindergehirne gepflanzt. Was sicher nur aus unserer Westwarte so befremdlich wirkt – für die auf der anderen Seite war das, was uns wie purer Zynismus vorkommt, völlig normal.

Wie das zum Beispiel:

Stalin ganz persönlich-versöhnlich
Treffen  mit dem Genossen Stalin, ganz persönlich-versöhnlich

Auf Seite 8 von Treffen mit Towarisch‘ Stalin schreibt der Autor Georgij Bajdukow:

…hier wurde mir etwas bewusst, Stalin – als großartiger, genialer Mensch – schätzt das Leben aller Menschen, die hart arbeiten.

Und züchtet Zitronenbäumchen. Ist klar.

Der Verfasser war seines Zeichens General-Major der Luftflotte und 1945 in Berlin dabei. In seiner Freizeit schrieb er erbauliche Prosa wie diese.

Aber es gibt in dieser Sammlung auch einfach nur Kinderbücher ohne politischen Auftrag, wenn auch wenige. Teilweise von so bekannten Autoren wie Daniil Charms (von ihm leider nur eins) oder Wladimir Majakowskij (gleich mehrere, auch hochpolitisierte darunter).

Die Gestaltung ist ganz schön avantgarde:

princeton_majak_2
Auf jeder Seite: Elefant oder Löwe

Das Folgende stammt auch aus der Feder Wladimir Majakowskijs, das allseits beliebte: Was ist hier gut und was ist hier schlecht:

princeton_majak_1
das ist schlecht.

(Ist der Sohn schwarz wie die Nacht, Schmutz liegt auf dem Schnäuzelchen, klar wie Suppe, das ist schlecht für des Sohnes Häutelchen.)

princeton_majak
das ist gut.

(hierfür fällt mir keine gereimte Übersetzung ein, aber das Bild spricht für sich. Odol halt) 

Die ganze Sammlung in der digitalen Bücherei befindet sich hier: http://pudl.princeton.edu/collection.php?c=pudl0127

princeton-pionier
wir sind klein, aber wir sind viele, die Pioniere