Wieder ein Film über Russland

Das Konzert (Originaltitel Le Concert) ist ein französischer Film von Radu Mihăileanu aus dem Jahr 2009 (In Wirklichkeit waren wieder mehrere Länder dran beteiligt: Frankreich, Italien, Rumänien, Belgien und Russland.)

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Hoffen aus eine neue Chance in Paris: geniale Musiker eines Exorchesters

Einige Rezensionen bei Amazon kreiden diesem Film an, der Plot wäre an den Haaren herbeigezogen und die Geschichte voller Klischees und unrealistischen Darstellungen.

Zum einen finde ich die Darstellung sehr realistisch. Die Achtziger Jahre kommen gut durch und auch die Jetzt-Zeit in Moskau. Nach Jahrzehnten affenartiger, überzeichneter Russenmenschen in amerikanischen Filmen, freut es mich, ein wenig von echter russischer Mentalität und Ausdrucksweise in einem Film zu sehen. Besonders wenn man sich den Film in den Originalsprachen Russisch/Französisch angeschaut, wirkt er authentisch. Und unterhaltsam ist er auch. Zum anderen sind die Vorurteile in diesem Streifen mit einem Zwinkern erzählt und gehen nie unter die Gürtellinie.

Irgendwie haben die Russen und die Franzosen diese besondere Verbindung. Immer noch.

Und das der Regisseur ein Rumäne ist, ist ein großer Pluspunkt, so kennt er sich im Ostblock und mit Grenzgängen gut aus.

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Hat für diesen Film Geige gelernt – die französische Schauspielerin Mélanie Laurent

Der Plot ist nicht dokumentarisch. Das gebe ich auch zu, aber es ist auch keine Doku oder ein gut recherchierter Zeitungsartikel. Die Kunst darf sich die Freiheit nehmen, zu überzeichnen und poetisch zu sein. Zu erdichten und verdichten. Kein Zuschauer will und wird sich ansehen, was wirklich geschehen ist mit Künstlern, die ins Gefängnis oder in die Psychiatrie gesteckt wurden, weil sie regimekritisch waren. Keiner will sehen, wie Leben endgültig zerstört wurden ohne eine Wiedergutmachung in einem Théatre de Châtelet. Und was mit den Kindern derer, die in Lagern umgekommen sind geschehen ist. Die Menschen wenden sich gern ab, wenn es darum geht. Die Wahrheit ist unansehnlich und schwer auszuhalten. Da ist es doch wunderbar, wenn ein Autor und ein Regisseur dahingehen und ein Märchen schaffen, in dem das Gut und Böse miteinander spielen, wo durch das verdichtete Gespinst ein Stück Realität durchblitzt. Ich sage einfach Bravo.

Der einzige Kritikpunkt, den ich auch hätte, ist die Darstellung der schacherischen umtriebigen Juden. Sie ist wirklich grenzwertig. Aber wie der Dirigent Filipov in einer Szene sagt, es ging ihm nicht dazu Juden zu verteidigen. Er wollte Musik machen, vollkommene Harmonie und dazu brauchte er seine jüdischen Musiker. Und Vater und Sohn, die beiden Trompeten im Orchester, dass sie so versessen sind, ihre Handys an den Mann zu bringen und zu spät zur Vorstellung kommen, ist sicher geschmacklos und würde in einem deutschen Film nicht geduldet. Aber die Produktion ist je keine deutsche.

Und die anderen Klischees, die neureichen Russen, Le Trou Normand mit seiner Bauchtänzerin, die am Flughafen ausgestellten Pässe, die machen den Film eher witzig und liebenswert. Werden doch die Nationalitäten, die Ausbuchtungen der Menschen auf die Schippe genommen. Und die virtuosen und findigen Synti und Roma kommen doch super weg. Sie sind es, die die Lage retten und das Konzert erst möglich machen. Da werden Klischees sogar kontrakariert, wie man so schön sagt. Aufgehoben.

Als ich den Film zum zweiten Mal alleine und auf OT mit U (Originalton mit Untertiteln) gesehen habe, hat er mich richtig berührt. Ich habe Russland erkannt und ich habe das Schicksal anerkannt, das die junge Frau getroffen hat. Und mich hat berührt, dass sie im selben Jahr Russland verlassen hat wie wir oder einige Monate nach uns. Das Jahr 1980, das so wichtig für mich wurde ist das schicksalhafte Jahr des ersten abgebrochenen Konzerts.

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Autor: Scherbensammlerin

Zwei Länder - verschiedene Identitäten - viele Sichtweisen. Ich sammle Informationsscherben über die Vergangenheit und Gegenwart und füge sie zu einem Mosaik aus Worten und Bildern.

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